Kapitel 15 - Herzschlag
Kapitel 15 - Herzschlag
Kapitel 15 - Herzschlag
Die Woche verging schneller, als Yami erwartet hatte. Am Donnerstag wurde die Karaoke-Maschine geliefert und Bakura zögerte nicht lange, sie noch am selben Abend aufzustellen. Schon kurz darauf versammelten sich die ersten neugierigen Gäste davor und durften das Gerät ausprobieren. Am zweiten Abend nahm die Sache dann richtig Fahrt auf und spätestens da war klar, dass die Anschaffung eine gute Idee gewesen war. Kaum hatte jemand das Mikrofon in der Hand, fand sich auch schon der Nächste, der unbedingt einen Song zum Besten geben wollte.
Für heute hatten sie sich allerdings etwas mehr vorgenommen. Es war Samstagabend und damit stand ihnen gewöhnlich die geschäftigste Nacht der Woche bevor. Die Vorbereitungen liefen deshalb bereits seit dem Nachmittag auf Hochtouren. Während Bakura dafür sorgte, dass hinter der Bar alles aufgefüllt und griffbereit war, überprüfte Yami noch einmal die Technik. Er wollte sichergehen, dass an diesem Abend alles reibungslos funktionierte. Nach den ersten erfolgreichen Abenden mit der neuen Karaoke-Maschine waren seine Erwartungen entsprechend hoch.
Ihre Freunde würden heute ebenfalls wiederkommen, um sie einerseits zu unterstützen, aber auch weil sie es inzwischen fast jede Woche taten. Diesmal hatte sich allerdings noch jemand angekündigt. Eine Freundin von Yugi würde sie begleiten, da sie für ein paar Tage in der Stadt war.
Yami wusste bisher nicht, wer sie war. Auch Bakura hatte Ryou offenbar nicht mehr entlocken können, als dass es sich um eine langjährige Freundin aus der Unizeit handelte. Viel mehr wussten sie nicht über sie, doch das würde sich an diesem Abend wohl ändern.
Der Club füllte sich allmählich. Die ersten Gruppen hatten ihre Plätze eingenommen, an der Bar häuften sich die Bestellungen und auch vor der Karaoke-Maschine hatte sich bereits eine kleine Menschentraube gebildet. Offenbar warteten einige Gäste nur darauf, das Mikrofon selbst in die Hand nehmen zu können. Bakuras Idee schien sich schon jetzt auszuzahlen.
Als sich die Eingangstür erneut öffnete, hob Yami kurz den Blick. Joey kam als Erster herein und erzählte offenbar gerade einen seiner Witze, denn Ryou und Tea, die ihm folgten, lachten noch, als sie den Raum betraten. Dahinter erschien Yugi, ein Lächeln auf den Lippen und eine junge Frau an seiner Seite, die sich bei ihm eingehakt hatte. Während sie auf die Bar zukamen, erzählte sie lebhaft etwas und unterstrich ihre Worte mit ausladenden Gesten. Yugi hörte ihr sichtlich amüsiert zu, als wäre es für ihn das Selbstverständlichste der Welt, sich von ihrem Redeschwall mitreissen zu lassen.
Yami hielt für einen Moment inne.
Er kannte die junge Frau. Es war dieselbe, die er damals in Yugis Garten gesehen hatte, als sie draussen zusammen Musik gemacht hatten. Damals hatte er nur einen flüchtigen Eindruck von ihr bekommen, doch jetzt, da er sie wiedererkannte, fiel ihm auch wieder ein, wie vertraut sie mit Yugi gewirkt hatte.
Als Yugi ihn entdeckte, steuerte er direkt auf ihn zu. Die junge Frau blieb dicht an seiner Seite, noch immer in ihrer Erzählung vertieft. Yamis Blick verweilte einen Moment länger auf den beiden, als er beabsichtigt hatte. Es war nichts Besonderes daran, dass Yugi eine Freundin mitbrachte. Trotzdem regte sich dieses unangenehme Ziehen in seiner Brust, noch bevor er es mit Vernunft beiseite schieben konnte.
Ein kurzer Stich, kaum mehr als ein flüchtiges Gefühl.
Yami wandte sich wieder Yugi zu und zwang sich, den Gedanken nicht weiterzuverfolgen. Die Frau war offensichtlich eine gute Freundin von ihm und das musste überhaupt nichts bedeuten. Er hatte keinen Grund, sich deswegen Gedanken zu machen und erst recht keinen, sich einzureden, dass zwischen den beiden etwas sein könnte.
Auch wenn ihm der Anblick der beiden nebeneinander nicht ganz so gleichgültig war, wie er es gern gehabt hätte.
„Hey, Yami“, begrüsste Yugi ihn strahlend.
Yami konnte nicht anders als zurück zu lächeln. Er stellte das Glas, das er bis eben poliert hatte, auf der Theke ab und wandte sich seinem kleinen Verkäufer ganz zu.
„Hey.“
Inzwischen hatte sich die junge Frau von Yugi gelöst. Dieser nutzte die Gelegenheit, um sie den beiden Clubbesitzern vorzustellen.
„Mana, das sind Yami und Bakura. Yami, Bakura - das ist Mana.“
„Freut mich“, sagte Mana freundlich. Ihr breites Lächeln wirkte beinahe ansteckend.
„Ganz meinerseits“, erwiderte Yami knapp.
Er wusste noch nicht recht, was er von ihr halten sollte. Lange Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, blieb ihm allerdings nicht, denn Mana schien keinerlei Schwierigkeiten damit zu haben, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie erzählte lebhaft von sich und stellte Fragen, als würde sie die beiden schon länger kennen. Dabei wechselte sie mühelos zwischen den Gesprächspartnern, ohne dass ihr jemals der Gesprächsstoff auszugehen schien. Sie hatte eine offene, unbeschwerte Art, die es ihr leicht machte, selbst mit Fremden ins Gespräch zu kommen.
Irgendwann jedoch hielt sie inne, lehnte sich ein wenig vor und musterte Yami mit unverhohlener Neugier.
„Also, du bist wirklich Yami.“
„Anscheinend.“ Yami sah sie amüsiert an. „Das wurde mir zumindest bisher so gesagt.“
Mana legte den Kopf leicht schief und musterte ihn noch einen Moment, als würde sie ihn mit einem Bild vergleichen, das sie sich längst in ihrem Kopf zurechtgelegt hatte. Dann lächelte sie verschmitzt.
„Yugi hat von dir erzählt. Aber ich muss sagen, ich hab mir dich anders vorgestellt.“
Yugi, der sich gerade noch mit Joey unterhalten hatte, wurde augenblicklich hellhörig. Er wandte sich seiner Freundin zu und sah sie mit einem Blick an, der bereits verriet, dass ihm ihre Anmerkung nicht ganz geheuer war.
„Mana.“
„Was denn?“
„Lass das.“
Sie lachte leise und hob unschuldig die Hände, doch das breite Grinsen auf ihrem Gesicht machte wenig Hoffnung, dass sie sich tatsächlich zurückhalten würde. Yugi kannte sie schliesslich gut genug, um zu wissen, dass ihre Unschuldsmiene meistens nichts Gutes bedeutete.
„Ich hab noch gar nichts gesagt.“
„Ja, noch nicht. Dein Gesicht aber spricht Bände.“
Bakura lachte leise auf, auch Yami musste etwas schmunzeln. Es dauerte nicht lange, bis ihm klar wurde, dass Mana ein bemerkenswertes Talent dafür hatte, Yugi aus der Fassung zu bringen. Dieser verdrehte lediglich die Augen und versuchte ihre Aufmerksamkeit wieder auf etwas anderes zu lenken, während sie sich sichtlich darüber amüsierte, dass er so leicht zu durchschauen war.
„Wie hast du mich dir denn vorgestellt?“, fragte nun Yami neugierig nach.
Mana drehte sich wieder zu ihm. In ihren Augen blitzte es auf, als hätte sie nur darauf gewartet, dass er ihr diese Frage stellte.
„Keine Ahnung. Auf jeden Fall nicht so verdammt heiss und gutaussehend.“
Yami blinzelte überrascht. Mit einem solchen Kompliment hatte er nicht gerechnet und für einen kurzen Moment wusste er tatsächlich nicht, was er darauf erwidern sollte. Dass Mana mit ihrer Einschätzung völlig danebenlag, konnte er allerdings auch nicht behaupten.
Neben ihr schien Yugi am liebsten im Erdboden versinken zu wollen.
„Mana!“
„Was?“ Sie sah ihn mit einer derart gespielten Unschuld an, dass Yami sich ein Lachen kaum noch verkneifen konnte.
„Du kannst doch nicht einfach—“
„Warum denn nicht? Ist doch wahr.“
Mana lachte unbekümmert, während Yugi sich die Hände vors Gesicht schlug. Zwischen seinen Fingern war gerade noch zu erkennen, wie rot seine Wangen geworden waren. Yami konnte nicht anders, als darüber zu lachen. Sein kleiner Verkäufer wirkte, als würde er ernsthaft überlegen, ob er seine Freundin nicht doch noch nach Hause schicken sollte.
„Versteh sowieso nicht, warum du ihn so abservierst“, fügte Mana mit einem frechen Grinsen hinzu.
Yami hob unwillkürlich die Augenbrauen. So, so. Yugi hatte ihr also offenbar einiges über ihn erzählt. Ob er das als gutes Zeichen werten sollte, wusste er nicht. Immerhin schien Mana auf seiner Seite zu stehen und das konnte wohl kaum schaden.
„Ihr kennt euch wohl schon lange“, stellte Bakura fest. Es war weniger eine Frage als eine Beobachtung.
„Sehr lange“, antwortete Mana prompt.
Yugi seufzte leise, als würde er es bereits bereuen, sie überhaupt mitgenommen zu haben. Doch Mana liess sich davon nicht beeindrucken. Sie hakte sich kurzerhand wieder bei ihm ein und stupste ihn spielerisch mit der Schulter an.
„Ach komm, schau nicht so. Du liebst mich.“
„Leider.“
Mana grinste zufrieden, als hätte er ihr damit gerade das schönste Kompliment gemacht.
„Siehst du.“
Dann wurde ihr Ausdruck für einen Moment etwas sanfter. Sie sah Yugi von der Seite an, ohne ihn diesmal weiter aufzuziehen.
„Ich will doch nur, dass du glücklich bist.“
Yugi erwiderte ihren Blick. Für einen kurzen Moment lag etwas Nachdenkliches in seinem Gesicht, bevor er beinahe ein wenig beleidigt antwortete: „Ich bin glücklich.“
„Ich weiss.“ Mana lächelte ihn an. „Aber es schadet doch nicht, noch glücklicher zu werden.“
Yugi verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts mehr dazu. Er wusste genau, was Mana sich in den Kopf gesetzt hatte und vermutlich würde er sie auch nicht so schnell davon abbringen. Yami, der das Gespräch mit einem amüsierten Lächeln verfolgt hatte, fragte sich derweil, wie oft die beiden wohl schon genau diese Diskussion geführt hatten.
Während Mana Yugi noch immer mit einem zufriedenen Grinsen betrachtete, hatte Yami inzwischen ein paar Drinks für ihre Freunde gemixt. Er stellte das Tablett auf der Theke ab, so dass sich jeder selbst bedienen konnte und wandte sich gerade wieder der Gruppe zu, als Mana ihren Blick auf Yugi richtete.
„Und machst du heute mit beim Karaoke?“
Yugi schüttelte sofort vehement den Kopf.
„Du weisst, dass ich bei sowas nicht mitmache.“
„Du bist so feige.“
Yugi stöhnte genervt auf und sah sie an, als würde er ernsthaft überlegen, sie auf der Stelle wieder nach Hause zu bringen. Mana hingegen schien sich prächtig zu amüsieren. Sie wusste genau, welche Knöpfe sie bei ihm drücken musste und machte offenbar keinerlei Anstalten, damit aufzuhören.
Yami beobachtete das kleine Schauspiel mit einem Schmunzeln. Es war erstaunlich, wie schnell Mana es schaffte, Yugi aus seiner sonst so gelassenen Art zu bringen. Bei den meisten Menschen bewahrte sein kleiner Verkäufer eine bewundernswerte Ruhe, doch bei ihr schien diese Regel nicht zu gelten.
„Halt die Klappe“, murmelte Yugi schliesslich, ohne dass es auch nur im Entferntesten bedrohlich klang.
Bakura, der das Gespräch ebenfalls verfolgt hatte, beugte sich ein wenig zu Yami und grinste verschwörerisch.
„Ich glaube, ich mag sie.“
Yugi bekam das natürlich mit. Nachdem er einen Schluck aus seinem Glas genommen hatte, warf er Bakura einen bösen Blick zu.
„War ja zu erwarten.“
Bakura lachte nur und schien sich in seiner Meinung bestätigt zu fühlen. Mana dagegen hakte sich wieder bei Yugi ein, als wäre zwischen ihnen nie etwas anderes als ein wenig Neckerei gewesen.
Je länger der Abend dauerte, desto deutlicher wurde Yami, dass zwischen den beiden wohl tatsächlich nichts anderes als Freundschaft bestand. Zumindest liess ihr Umgang miteinander kaum einen anderen Schluss zu. Mana schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, sich um jede noch so kleine Kleinigkeit an Yugi zu kümmern, während dieser sich mit wachsender Verzweiflung gegen ihre Bemühungen zur Wehr setzte.
Als sie ihm den Kragen zurechtrückte, beschwerte er sich prompt darüber, dass sie ihn endlich in Ruhe lassen sollte. Kurz darauf stellte er sein Getränk etwas zu nahe an den Rand der Theke, woraufhin Mana es wortlos ein Stück zur Seite schob. Als sie wenig später auch noch begann, ihm durch die Haare zu fahren, um sie wieder in Ordnung zu bringen, wich Yugi ihrer Hand aus und funkelte sie empört an.
„Kannst du bitte aufhören, ständig an mir herumzuzupfen? Du bist nicht meine Mutter.“
Mana schien sich daran herzlich wenig zu stören. Im Gegenteil, sie grinste ihn nur an, als hätte sie genau diese Reaktion erwartet.
Yami musste schmunzeln. Die beiden wirkten beinahe wie Geschwister, die sich wegen jeder Kleinigkeit in die Haare bekamen, nur um sich wenige Minuten später wieder zu vertragen. Ihre Vertrautheit war so selbstverständlich, dass Yami sich allmählich entspannen konnte.
Der unangenehme Stich, den er bei ihrer Ankunft verspürt hatte, verlor sich. Mana war eine gute Freundin von Yugi. Nicht mehr und nicht weniger.
„Ich bereue es jetzt schon, dass ich dich mitgenommen habe“, hörte er Yugi sagen.
Mana legte den Kopf schief und sah ihn mit einer Unschuldsmiene an, die Yami inzwischen als verdächtig einstufte.
„Warum das denn?“
„Weil du dich ständig so peinlich verhältst. Du könntest dich auch einmal ein bisschen benehmen.“
Mana lachte vergnügt auf, als wäre das eine völlig absurde Forderung. Yami musste zugeben, dass sie ihm mit jeder Minute sympathischer wurde. Sie war lebhaft, manchmal vielleicht etwas zu direkt, aber ihre Zuneigung zu Yugi war unverkennbar. Immer wieder wanderte ihr Blick zwischen ihm und Yami hin und her, als würde sie etwas beobachten, das sie ausgesprochen interessant fand.
Was genau es war, konnte Yami allerdings nicht sagen.
Yugi schien schliesslich genug von den peinlichen Bemerkungen seiner Freundin zu haben. Als Joey sich gerade auf den Weg zu einem der noch freien Tische machte, liess Yugi sich bereitwillig von ihm mitziehen. Tea und Ryou schlossen sich den beiden an, während Mana bei den zwei Clubbesitzern zurückblieb.
Sie sah den anderen noch einen Moment nach, bevor sie sich wieder Yami zuwandte. Auf ihren Lippen lag ein wissendes Lächeln, das ihn bereits ahnen liess, dass sie noch etwas auf dem Herzen hatte.
„Er ist schon süss, wenn er sich aufregt, nicht wahr?“
Yami folgte ihrem Blick zu Yugi, der sich inzwischen mit Joey unterhielt und dabei offenbar schon wieder vergessen hatte, dass er sich eben noch über Mana beschwert hatte. Ein leichtes Schmunzeln legte sich auf Yamis Lippen.
„Ziemlich.“
Mana wandte sich ihm wieder zu und betrachtete ihn mit einer Aufmerksamkeit, die ihm zunehmend bewusst wurde. Sie schien nicht einfach nur neugierig zu sein. Vielmehr wirkte es, als hätte sie längst etwas bemerkt und wartete nun darauf, ob er es ihr bestätigen würde.
„Du magst ihn, oder? Du siehst ihn immer mit diesem Blick an."
Yami hob leicht die Augenbraue. „Blick?“
Mana nickte langsam, ohne ihr Lächeln zu verlieren. „Ja. Diesen Blick.“
Für einen Moment wusste Yami nicht recht, was er darauf antworten sollte. Er hätte es abstreiten können. Doch irgendetwas an ihrer ruhigen, beinahe verständnisvollen Art hielt ihn davon ab. Stattdessen sah er kurz zu Yugi rüber, der sich ebenfalls kurz nach ihm umsah und dabei kreuzten sich ihre Blicke. Yugi lächelte ihn sanft an.
„Er ist ein guter Freund“, sagte Yami schliesslich.
Mana schien diese Antwort erwartet zu haben. Sie legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn beinahe mitleidig an.
„Er ist mehr als das. Für dich.“
Yami schwieg. Er hätte widersprechen können, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Mana schien das nicht weiter zu überraschen. Ihr Lächeln wurde etwas sanfter und ehe er sich versah, strich sie ihm aufmunternd über den Arm.
„Das wird schon.“
Yami sah sie überrascht an. Er war es nicht gewohnt, dass jemand so offen über seine Gefühle sprach, schon gar nicht jemand, den er gerade erst kennengelernt hatte. Trotzdem empfand er ihre Worte nicht als unangenehm. Im Gegenteil, ihre Anteilnahme wirkte ehrlich und zum ersten Mal an diesem Abend verstand er ein bisschen besser, weshalb Yugi sie so gern hatte.
Hinter ihrer quirlig-aufgedrehten Art steckte offenbar jemand, der nicht nur gern redete, sondern auch bemerkte, was andere lieber für sich behielten.
Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass sie Bescheid wusste. Wenn sie tatsächlich auf seiner Seite stand, konnte sie ihm vielleicht irgendwann helfen. Doch so sehr er sich auch wünschte, Yugi näher zukommen, musste er sich eingestehen, dass es ihm immer schwerer fiel, in ihm bloss einen Freund zu sehen. Mehr als das hatte er im Moment allerdings nicht. Und solange Yugi ihm nicht von sich aus zeigte, dass er sich etwas anderes vorstellen konnte, würde Yami sich damit zufriedengeben müssen.
Irgendwann liess der grosse Ansturm an der Bar etwas nach, sodass Yami seinen Mitarbeitern den Rest überlassen konnte. Bakura hatte sich inzwischen zur Karaoke-Station begeben, um ein Auge darauf zu haben. Als er seinen Kumpel entdeckte, schloss er zu ihm auf und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu ihren Freunden.
Die Tanzfläche hatte sich mittlerweile gut gefüllt. Zwischen den bunten Lichtern und den zahlreichen Menschen entdeckten sie schliesslich die Gruppe in der Nähe an einem der Tische. Joey war bereits auf den Beinen und tanzte, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Seine Bewegungen waren nicht unbedingt elegant, aber das schien ihn herzlich wenig zu kümmern. Er hatte offenbar den Spass seines Lebens.
Bakuras Blick blieb allerdings an jemand anderem hängen. Ryou stand etwas abseits der anderen und tanzte mit Yugi. Die beiden unterhielten sich dabei angeregt und auf Ryous Gesicht lag ein verlegenes Lächeln, das Bakura nicht entging.
Yami folgte dem Blick seines Freundes und musste grinsen. Die Art, wie Bakura plötzlich die Aufmerksamkeit auf den Weisshaarigen richtete, war kaum zu übersehen.
„Geh schon! Ich seh’ doch, dass du gleich sabberst“, zog Yami ihn neckend auf und gab ihm einen kleinen Schubs nach vorne. Bakura warf ihm einen kurzen Blick zu und zeigte ihm den Mittelfinger. „Wenigstens läuft’s bei mir.“
Damit liess er Yami stehen und bahnte sich seinen Weg zu den beiden. Als er bei ihnen ankam, beugte er sich zu Ryou hinunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ryou sah zunächst überrascht zu ihm auf, doch schon kurz darauf legte sich ein verlegenes Lächeln auf seine Lippen.
Yugi hingegen beobachtete die Szene mit sichtlichem Missfallen. Gerade hatte er sich noch mit Ryou unterhalten und nun wurde ihm sein Tanzpartner einfach vor der Nase weggeschnappt. Sein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, bis er schliesslich Yami entdeckte.
Offenbar beschloss er, sich nicht länger mit dem Anblick zufrieden zu geben. Ohne lange zu überlegen, ging er auf Yami zu und griff nach seiner Hand.
„Kommt mit!“
Noch bevor Yami fragen konnte, wohin es gehen sollte, hatte Yugi ihn bereits hinter sich hergezogen. Überrascht liess sich der Grössere mitziehen, während sie sich gemeinsam einen Weg durch die tanzenden Gäste schlugen. Erst als sie etwas abseits der Karaoke-Station stehen blieben, lockerte Yugi seinen Griff und wandte sich dem Geschehen zu.
Yami brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Dann folgte er Yugis Augen und verstand, weshalb dieser ihn hergebracht hatte.
Gerade hatte ein junger Mann das Mikrofon übernommen. Die ersten Töne kamen noch etwas zaghaft und er schien sich seiner Sache nicht ganz sicher zu sein. Doch schon nach wenigen Sekunden wurde seine Stimme kräftiger. Er fand immer besser den Rhythmus und liess sich schliesslich ganz von der Musik mitreissen. Einige Gäste vor der kleinen Bühne begannen mitzusingen, andere klatschten begeistert im Takt.
Yugi betrachtete die Szene mit sichtlicher Zufriedenheit. Es war schön zu sehen, wie schnell die Menschen ihre anfängliche Zurückhaltung verloren und sich auf den Spass einliessen.
„Die Leute lieben es!“, stellte er begeistert fest.
Yami folgte seinem Blick und schmunzelte. „Ja. Es kommt besser an, als ich es erwartet habe.“
„War eine gute Idee.“
„Ja. Bakuras.“
Yugi sah ihn kurz an, bevor sich ein belustigtes Lächeln auf seine Lippen legte. „Oh. Dann sag ihm das bloss nicht. Sonst wird er uns das sein Leben lang vorhalten.“
Dabei stiess er Yami leicht mit der Schulter an, was diesen auflachen liess.
„Hast recht.“
Für einen Moment schwiegen sie und beobachteten einfach die Gäste. Die Stimmung im Yoru war inzwischen deutlich ausgelassener geworden. Immer wieder ertönte Gelächter, jemand stimmte begeistert in den Refrain ein und vor der Karaoke-Station warteten bereits die nächsten Gäste darauf selbst ans Mikrofon zu dürfen.
Yami war erleichtert, dass die neue Attraktion so gut ankam. Er hatte gehofft, den Gästen damit etwas Neues bieten zu können, doch mit einem solchen Ansturm hatte er nicht unbedingt gerechnet. Bakura würde sich bestätigt fühlen und das würde er ihn mit Sicherheit noch genug oft wissen lassen.
Schliesslich wandten sie sich wieder dem Tisch ihrer Freunde zu. Joey sass inzwischen mit Ryou und Bakura zusammen und schien sich lebhaft über einen Auftrag seiner Firma aufzuregen.
Die Gruppe hatte sich mittlerweile wieder vollständig versammelt und mehrere Gespräche liefen gleichzeitig. Yami wusste kaum, wem er zuerst zuhören sollte. Neben ihm unterhielt sich Yugi mit Mana über irgendein Musikstück, das sie offenbar gemeinsam aufnehmen wollten. Wie so oft waren die beiden rasch bei der Arbeit gelandet.
Yami hörte eine Weile zu, ohne sich wirklich in das Gespräch mit einzubringen. Es gefiel ihm, Yugi so zu erleben. So entspannt, lebhaft und ganz in seinem Element, wenn es um die Musik oder die Entwicklung ging. Doch irgendwann wanderte Yugis Blick von Mana weg und blieb an Joey hängen, der inzwischen auffällig laut geworden war und sich mit einem ausgesprochenen zufriedenen Gesichtsausdruck in seinem Stuhl zurücklehnte.
Als er erneut nach seinem Glas greifen wollte, war Yugi schneller. Mit einer geübten Bewegung nahm er ihm das Glas vor der Nase weg und stellte es ausser Reichweite.
„Wie viel hast du schon getrunken?“
Joey sah ihn verdutzt an. Für einen Augenblick schien er tatsächlich überlegen zu müssen, bevor er ratlos mit den Schultern zuckte.
„Keine Ahnung… Ein paar?“
Yugi atmete schwer aus. Der unzufriedene Ausdruck, der sich auf seinem Gesicht ausbreitete, war Yami bisher nur selten begegnet. Es war nicht bloss ein genervtes Stirnrunzeln, wie es zwischen Freunden vorkam, wenn einer den anderen aufziehen wollte. Yugi schien Joey ernsthaft im Auge zu behalten.
Ohne weiter mit ihm zu diskutieren, griff er nach einem leeren Glas, füllte es mit Wasser und stellte es vor dem Blonden ab.
„Dann reicht es. Hier.“
Joey betrachtete das Glas, als hätte Yugi ihm gerade etwas ausgesprochen Unverschämtes zugemutet.
„Ach, komm schon. Das ist doch langweilig.“
„Nein! Bei dir nehme ich liebend gerne die Langeweile in Kauf.“
Joey wollte offenbar widersprechen, doch Yugi warf ihm einen warnenden Blick zu. Darin lag weder gewöhnlicher Ärger noch der Wunsch, seinen Freund vor den anderen blosszustellen. Vielmehr schien Yugi genau zu wissen, worauf er achten musste und liess Joey deshalb keine Gelegenheit, sich herauszureden.
Yami beobachtete die beiden einen Moment länger. Dann wanderte sein Blick zu Bakura, der das Ganze ebenfalls mitbekommen hatte. Offenbar war nicht nur ihm aufgefallen, wie ungewöhnlich ernst Yugi die Sache nahm.
„Sag mal“, begann Bakura schliesslich und sah Yugi neugierig an. „Warum passt du eigentlich so verdammt genau darauf auf, wie viel Joey trinkt?“
Yugi hielt kurz inne. Sein Blick blieb einen Moment auf Joey liegen und etwas an seinem Gesichtsausdruck veränderte sich. Er sah aus, als hätte Bakura ungewollt eine Erinnerung geweckt, auf die Yugi lieber verzichtet hätte.
„Weil ich ihn kenne…“, antwortete er schliesslich.
„Das erklärt nicht, warum du bei ihm jedes Glas mitzuzählen scheinst“, warf Yami ein.
Yugi gab ihm zunächst keine Antwort. Stattdessen sah er wieder zu Joey hinüber. Der Blonde, der eben noch so unbekümmert gewirkt hatte, schien plötzlich sehr genau zu wissen, worauf Yugi hinauswollte. Zwischen den beiden entstand ein kurzer wortloser Austausch. Yugi hob angesäuert die Augenbrauen, während Joey ihn mit einem entschuldigenden Blick anzusehen versuchte.
Für einen Augenblick schien dessen Trunkenheit wie weggeblasen.
„Ahhhh… es tut mir ja Leid! Hör auf mich so anzustarren!“, platzte es schliesslich aus Joey heraus. Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, als würde er am liebsten im Boden versinken.
Yami blinzelte irritiert. Was ging denn jetzt ab?
„Und was soll ich damit? Wir hatten eine Abmachung“, gab Yugi nun ebenso aufgebracht zurück.
Bakura und Yami sahen sich verdutzt an, bevor sie sich beinahe gleichzeitig angrinsten. Offenbar gab es hier eine Geschichte, von der sie bisher nichts gewusst hatten und die höchst interessant zu sein schien.
„Raus damit! Jetzt wollen wir’s wissen!“
„Naja… Es ist schon ziemlich lange her“, begann Joey zögerlich.
„Nicht lange genug“, murmelte Yugi und liess seinen besten Freund keinen Augenblick aus den Augen.
Joey seufzte leise und rieb sich verlegen den Nacken. „Ich hab ein bisschen übertrieben.“
„Bisschen?“, hob Yugi eine Augenbraue.
„Okay. Bisschen sehr.“
Während ihre Freunde am Tisch lachten, schien Yugi von der Sache noch immer nicht begeistert zu sein. Joey hingegen holte tief Luft, als müsste er sich erst dazu überwinden, die Geschichte zu erzählen.
„Ich war betrunken und hatte keine Ahnung mehr, wie ich nach Hause kommen sollte. Yugi war so nett und hat mich mit zu sich genommen.“
Yugi schüttelte langsam den Kopf. Bei der Erinnerung schien er sich innerlich bereits wieder zu fragen, weshalb er damals überhaupt so hilfsbereit gewesen war.
„Ich hätte dich einfach irgendwo liegen lassen sollen…“
Offenbar hatten die beiden Sandkastenfreunde schon so manches miteinander erlebt und wenn diese Geschichte ein Massstab dafür war, dürfte nicht jede ihrer gemeinsamen Erinnerungen besonders ruhmreich sein.
Joey seufzte erneut, bevor er fortfuhr. „Naja… Bei ihm zu Hause wurde mir dann auf einmal schlecht.“
„Auf einmal…“, wiederholte Yugi abfällig und verzog angewidert die Nase. „Du hast auf meine Lieblingsschuhe gekotzt.“
Bakura verzog stöhnend das Gesicht, während Yami sich ein Grinsen kaum verkneifen konnte. Allein die Vorstellung, wie Yugi damals wohl dreingeschaut hatte, war amüsant genug. Besonders, weil er noch immer so klang, als wäre das Ganze erst gestern passiert.
„Die Schuhe konnte ich wegwerfen“, fügte Yugi nachdrücklich hinzu.
„Ich weiss“, murmelte Joey beschämt.
„Meine Klamotten waren auch voll."
„Ich weiss.“
Yugi verschränkte die Arme vor der Brust. „Und dann wollte ich auch noch so nett sein und dir ein Handtuch bringen und was machst du? Du kotzt mein Bett voll! Ich habe dir gesagt, du sollst dich noch nicht drauflegen!“
Joey funkelte ihn an. „Gott, ich weiss es ja. Du erinnerst mich oft genug daran!“
„Und warum hörst du dann nie auf mich?“
Damit war die Diskussion endgültig eröffnet. Die beiden redeten wild durcheinander und gaben einander die Schuld, wobei Joeys Argumente wenig überzeugend waren, schliesslich hatte er den ganzen Schlamassel überhaupt erst verursacht.
„Keine Sorge, die beiden streiten sich ständig darüber. Das gehört bei ihnen einfach dazu“, erklärte Tea den beiden Clubbesitzern leise und lachte vergnügt, während sie Yugi und Joey dabei beobachteten, die noch immer wild gestikulierend miteinander diskutierten.
„Ich hab dich aufs Sofa verfrachtet, wo du einfach weiter gepennt hast! Ich musste erstmal duschen, weil ich deinetwegen nach Kotze und Alkohol gestunken habe. Und dann durfte ich auch noch auf dem Sessel schlafen, weil du mir ja keinen Platz auf dem Sofa gelassen hast.“
„Ich hab mich doch bei dir entschuldigt.“
„Ja und ich hab sie unter der Bedingung angenommen, dass du dich zukünftig zusammenreisst ohne zu jammern.“
„Ja. Verstanden. Ich hab mich verführen lassen“, gab der Blonde lachend nach und hob beschwichtigend die Hände.
Bakura schob ihm das Glas Wasser ein Stück näher und schüttelte fassungslos den Kopf. Sein mitleidiger Blick galt allerdings weniger Joey als vielmehr Yugi, der offenbar noch immer um seine verlorenen Schuhe trauerte.
„Du kriegst nur noch Wasser, Alter. Nach der Geschichte will ich gar nicht wissen, was du sonst noch so anstellst, wenn du besoffen bist.“
„Hey“, protestierte Joey und warf eine Serviette nach dem Clubbesitzer.
Yami schüttelte schmunzelnd den Kopf. Mittlerweile tat ihm sein kleiner Verkäufer beinahe leid. Yugi sah tatsächlich so aus, als hätten ihn die Erinnerungen an seine Lieblingsschuhe mehr mitgenommen als alles andere.
„Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum du so penibel darauf achtest“, bemerkte Yami schliesslich.
Yugi nickte nur. „Meine Schuhe“, murmelte er kopfschüttelnd.
Das entlockte Yami ein leises Lachen, während Joey erneut aufstöhnte.
„Yugi, bitte!“
„Meine Lieblingsschuhe“, wiederholte Yugi provokant und streckte ihm die Zunge raus. Schliesslich legte Yami einen Arm um ihn und wuschelte ihm durch die Haare. Yugi versuchte sofort seine Hand wegzuschieben, doch das schien Yami nur noch mehr zu amüsieren.
„Du bist unmöglich“, murmelte Yugi, ohne dass ihm der Vorwurf wirklich ernst war.
„Ich weiss“, erwiderte Yami grinsend.
Die Stimmung hatte sich bald wieder gefangen. Zwar musste sich Joey noch einige spöttische Bemerkungen anhören, doch inzwischen nahm er es mit Humor und nippte brav an seinem Wasser. Yugi wandte sich wieder Yami zu und begann mit ihm über ein Horrorspiel zu sprechen, das sein Arbeitskollege Akihiko im vergangenen Jahr entwickelt hatte.
„Du musst das unbedingt spielen. Das stellt jedes Horrorspiel in den Schatten, das du bisher kennst“, erklärte Yugi mit einer Begeisterung, die Yami ein amüsiertes Schmunzeln entlockte.
„Warum bist du eigentlich so versessen auf Horror?“, fragte der Ältere und betrachtete ihn mit leicht schief gelegtem Kopf. „Es gibt doch genügend andere Spiele, die man spielen kann, ohne sich dabei ständig zu Tode zu erschrecken.“
Yugi sah ihn an, als hätte er gerade etwas völlig Unverständliches gesagt.
„Warum nicht? Was gibt es Besseres als diesen Nervenkitzel, wenn jederzeit irgendwas aus dem Nichts auftauchen und dir das Herz aus der Brust springen lassen kann?“
Yami schüttelte lachend den Kopf. „Du kriegst mich nicht dazu, niemals! Manchmal frage ich mich wirklich, ob du normal bist.“
„Okay. Herausforderung angenommen! Du wirst dich noch wu—“
Ein lautes Zischen unterbrach ihn. Es klang, als wäre irgendwo ein elektronisches Bauteil durchgebrannt. Fast gleichzeitig breitete sich ein unangenehmer, verschmorter Geruch im Club aus.
Die Musik verstummte abrupt.
Für einen kurzen Moment schien niemand so recht zu begreifen, was gerade passiert war. Dann wandten sich die ersten Gäste irritiert zur Anlage, während der DJ hektisch auf die Knöpfe seines Mischpults drückte. Doch ganz gleich, was er versuchte, nichts reagierte mehr. Lediglich die leise instrumentale Musik der Karaoke-Anlage war noch zu hören.
Yugi und seine Freunde sahen sich verwundert an, ehe ihre Blicke zu den beiden Clubbesitzern wanderten. Yami und Bakura hatten den Ausfall ebenfalls bemerkt und eilten sofort zum DJ, der noch immer verzweifelt versuchte, das Gerät wieder zum Laufen zu bringen.
„Was ist passiert?“, fragte Yami und beugte sich über das Mischpult.
Der DJ fuhr sich ratlos durch die Haare. „Keine Ahnung. Das Ding ist plötzlich durchgebrannt.“
Inzwischen wurden auch die Gäste ungeduldig. Erst waren es nur vereinzelte Rufe aus der Menge, doch die Beschwerden wurden schnell lauter.
„Ey!“
„Was soll das?!“
„Macht die Musik wieder an!“
Das überraschte Raunen verwandelte sich allmählich in lautes Buhen. Einige Gäste pfiffen, andere trommelten ungeduldig mit den Fingern auf den Tischen. Die ausgelassene Stimmung, die noch vor wenigen Augenblicken im ganzen Yoru geherrscht hatte, drohte innerhalb kürzester Zeit zu kippen.
„Mach was!“, fuhr Bakura den DJ an und gab ihm einen leichten Klaps gegen den Hinterkopf. Dieser starrte ihn lediglich fassungslos an, bevor er sich wieder über die Technik beugte.
Doch das Mischpult blieb stumm.
Yami ging neben dem DJ in die Hocke und nahm die Kabel genauer unter die Lupe. Erst jetzt fiel ihm auf, dass ein Teil des Mischpults feucht war. Offenbar war irgendwo ein Getränk über die Tischkante gelaufen und hatte sich unter dem Gerät gesammelt. Ein Kabel lag mitten in der kleinen Pfütze, die Isolierung war an einer Stelle beschädigt.
„Scheisse! Hier unten ist alles feucht!“, stiess Yami aufgebracht hervor und zog die Hand zurück, ohne das Kabel weiter zu berühren.
Bakura trat näher und blickte ihm über die Schulter.
„Verdammt, was machen wir jetzt?“
Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Einige Gäste hatten bereits genug von der unfreiwilligen Pause und griffen nach ihren Jacken. Zwei verliessen den Club direkt, weitere machten sich auf den Weg zum Ausgang. Yami sah ihnen nach und presste die Lippen aufeinander. Genau das konnten sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Sie hatten wochenlang Werbung für dieses Wochenende gemacht und den Gästen einiges versprochen. Nun drohte ihnen der ganze Abend zu entgleiten, bevor sie überhaupt wussten, ob sich das Problem beheben liess.
„Kann man das irgendwie überbrücken?“, fragte er den DJ, der jedoch nur den Kopf schüttelte.
„Ich komm nicht so schnell an ein Ersatzteil. Das ganze Kabel müsste ausgetauscht werden. Danach müssen wir erst mal sehen, ob das Mischpult selbst auch etwas abbekommen hat.“
Bakura fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und stiess ein frustriertes Knurren aus.
„So eine verdammte Scheisse muss auch ausgerechnet am Wochenende passieren. Ich könnt’ kotzen.“
Während Yami weiter überlegte, ob sie irgendwo ein passendes Kabel auftreiben konnten, telefonierte Bakura kurz mit jemandem. Doch auch das brachte sie nicht weiter. Inzwischen verliessen weitere Gäste den Club. Einige schimpften noch im Vorbeigehen über den Ausfall, andere schienen schlicht keine Lust mehr zu haben, den Rest des Abends ohne Musik zu verbringen.
Yugi hatte die Unruhe ebenfalls bemerkt und stand auf, um gemeinsam mit seinen Freunden zu helfen. Joey sprach eine Gruppe an, die bereits ihre Jacken angezogen hatte, während Tea und Ryou den Gästen versicherten, dass die Besitzer bestimmt schnell eine Lösung finden würden. Mana versuchte es mit ihrer gewohnt offenen Art und versicherte einer jungen Frau, dass sie den Abend noch nicht vorschnell aufgeben sollte.
Doch nicht alle liessen sich umstimmen. Manche winkten nur ab und gingen weiter, andere blieben immerhin stehen. Yugi konnte es ihnen nicht einmal übel nehmen. Ein Club ohne Musik war schliesslich nicht gerade das, wofür sie bezahlt hatten. Trotzdem wollte er nicht einfach tatenlos zusehen, wie sich der Raum leerte, während Yami und Bakura verzweifelt nach einer Lösung suchten.
„Können wir nicht einfach ein paar richtige Songs auf die Karaoke-Anlage laden?“, fragte Bakura schliesslich, der sich wieder zu Yami gesellt hatte.
Jener schüttelte den Kopf. „Bakura, allein die Karaoke-Lieder, die wir ausgesucht haben, haben ewig gebraucht, bis sie geladen waren. Für morgen reicht das vielleicht als Lösung, aber wir brauchen jetzt einen Plan.“
Yami fuhr sich schnaubend übers Gesicht und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Bakura bemühte sich derweil, die zunehmend verärgerte Menge zu beruhigen. Ihre Freunde verschafften ihnen ein wenig Zeit, doch die Geduld der Gäste verschwand mit jeder Minute, in der die Musik ausblieb.
Yugi stand etwas abseits und konnte wohl einige Gäste überreden zu bleiben. Er beobachtete Yami, der sich erneut über das Mischpult beugte und spürte eine wachsende Unruhe in sich. Er wollte helfen, wirklich. Aber ein defektes Mischpult mitten in einem vollen Nachtclub war etwas völlig anderes als ein technisches Problem bei einem Spiel oder Computer. Er wusste nicht, was er tun konnte und genau das machte es so frustrierend.
Sein Blick wanderte über die verbliebenen Gäste. Joey und Tea versuchten weiterhin, die Leute aufzuhalten, doch es war offensichtlich, dass sie damit nicht ewig Erfolg haben würden.
Yugi sah wieder zu Yami hinüber. Dieser kniete noch immer vor dem Mischpult und prüfte ein weiteres Kabel, wobei seine Haltung inzwischen verriet, wie wenig Hoffnung er noch hatte. Yugi kannte diesen Ausdruck mittlerweile gut genug, um zu erkennen, wie sehr Yami die Situation zusetzte. Es ging nicht nur um die kaputte Technik. Das Wochenende war wichtig für ihn und Bakura und nun drohte ihnen der Abend aus den Händen zu gleiten.
Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Yugi hob hilflos die Schultern. Er hatte keine Lösung parat und Yami schien das genauso klar zu sein wie ihm selbst.
Dann veränderte sich etwas in Yamis Gesicht. Seine Augen weiteten sich leicht, als wäre ihm gerade ein Gedanke gekommen, den er zuvor nicht in Betracht gezogen hatte. Er richtete sich auf und ging mit schnellen Schritten direkt auf Yugi zu.
„Yugi!“
Überrascht sah dieser ihn an. Noch bevor er fragen konnte, was los war, griff Yami nach seinen Händen und schloss sie in seine eigenen. Er führte sie an seine Brust, sodass Yugi unweigerlich das kräftige Schlagen seines Herzens spüren konnte.
Die Berührung liess Yugi leicht erröten. Er schluckte und wusste für einen Moment nicht, wohin mit seinem Blick. So viel Nähe brachte ihn völlig aus dem Konzept. Schliesslich sah er Yami in die rubinroten Augen. Darin lag eine beinahe flehende Hoffnung, die ihn gleichzeitig verwirrte und nervös machte.
„Du kannst doch singen“, sagte Yami.
Yugi blinzelte ihn verwirrt an.
„Was?“, kam es nur entgeistert von ihm.
Nein, nein, nein. Alles nur nicht das, schoss es ihm durch den Kopf.
„Bitte.“