Kapitel 2 - Mehr als nur ein Laden
Kapitel 2 - Mehr als nur ein Laden
Yami hatte das Spiel immer noch in der Hand. Doch sein Fokus war längst nicht mehr auf das Cover gerichtet. Unbewusst.
„Das ist gut.“
Die Stimme kam plötzlich näher.
Er hob den Blick. Yugi stand jetzt nicht mehr hinter dem Tresen, sondern war nun mitten im Laden, nur ein paar Schritte von ihm entfernt. Er deutete leicht auf die Box in Yamis Hand.
„Wenn du beim Spielen den Fokus auf der Story hast.“
Yami blinzelte kurz, als wäre er gerade gedanklich ganz woanders gewesen.
„Und wenn nicht?“
Yugi zuckte leicht mit den Schultern. „Dann eher nicht“, sagte er mit einem leichten, belustigten Lächeln, als wäre das die logischste Antwort darauf.
„Kommt darauf an, wie viel Geduld du hast“, fügte Yugi hinzu und neigte den Kopf leicht zur Seite.
Yami musterte ihn. Nicht das Spiel. Ihn.
„Ich hab Geduld.“ Kurz pausierte er und fügte dann hinzu: „Wenn es sich lohnt.“
Yugi hielt seinem Blick stand. Ohne Mühe, ohne Auszuweichen.
Und genau das machte es… interessant.
„Dann könnte es was für dich sein.“
Stille.
Keine unangenehme.
Eher eine, die sich einfach zwischen ihnen setzte, als würde sie dazugehören.
Yami drehte die Verpackung leicht in seiner Hand. „Du kennst dich ziemlich gut aus“, murmelte er ganz beiläufig.
„Das ist irgendwie mein Job.“
„Hier?“
Jetzt kam dieses leichte Zögern. Kaum sichtbar. Aber es war da.
Dann wieder dieses lockere Schulterzucken. „Unter anderem“, sagte Yugi und hatte dabei diesen
ruhigen, beinahe unschuldigen Blick in den Augen.
Yami schnaubte leise.
„Unter anderem“, wiederholte er leise. „Das klingt als steckt mehr dahinter.“
Yugi sah ihn kurz an, musterte ihn dabei eine kleine Weile als würde er abwägen, was er alles sagen wollte. Dann: „Ich arbeite auch an Spielen.“
Nun war Yamis Aufmerksamkeit wirklich da und sagte: „Du entwickelt sie?“
„Ja.“
Eine kurze Pause kam, dann fügte er fast nebenbei hinzu: „Für die Kaiba Corporation.“
Bakura liess irgendwo hinter ihnen ein leises, zufriedenes Geräusch hören, als hätte sich gerade ein kleines Puzzle für ihn zusammengesetzt. Es schien ihm regelrecht Spass zu machen sich das ganze hin und her anzuschauen.
Doch Yami ignorierte ihn komplett.
Sein Blick lag wieder auf Yugi. Weniger flüchtig. Weniger…oberflächlich.
„Das erklärt einiges“
Yugi hob leicht eine Augenbraue.
„Tut es das?“
Yami hob das Spiel ein Stück an. „Das ihr sowas hier habt…“, dabei sah er ihm direkt in die Augen: „Vor allen anderen.“
Diesmal lächelte Yugi ein kleines bisschen breiter. Nicht prahlerisch. Eher…wissend.
„Sagen wir, ich habe gute Verbindungen“, sagte er mit einem Hauch in der Stimme, der geheimnisvoll war.
„Und ich habe ein Auge für Qualität!“, kam es prompt von Yugis Grossvater.
Yami warf einen kurzen Blick auf den alten Mann und grinste dann leicht. „Scheint so."
Einen Moment lang musterte Yami den jungen Verkäufer, als würde er versuchen, mehr aus ihm herauszulesen. Aber da war nichts weiter. Nur dieses ruhige, offene Gesicht.
Und diese Augen.
Verdammt, diese Augen.
„Und du arbeitest hier und verkauft das Zeug.“
„Ich helfe meinem Grossvater.“ Ganz einfach gesagt, ohne große Erklärung.
„Am Wochenende“, fügte Yugi ergänzend hinzu.
Yami nickte langsam.
Das passte.
Irgendwie.
Auch wenn der Rest… nicht ganz so einfach wirkte.
Sein Blick wanderte wieder durch den Laden.
Blieb an den Regalen hängen. An den Spielen.
An den Neuerscheinungen.
Aber immer wieder-
zurück.
„Du hast Ahnung“, sagte er schliesslich. „Also… wenn ich was wirklich Gutes will-“
„Dann hörst du auf mich?“
Yugis Ton war leicht, fast spielerisch.
„Vielleicht“, grinste Yami und fügte dann hinzu: „Na dann, überzeug mich. Was passt zu mir?“
Die Frage hing kurz zwischen ihnen, nicht schwer, aber auch nicht ganz leicht.
Yugi musterte ihn einen Moment.
Dann drehte er sich um, ging ein paar Schritte zu einem anderen Regal und griff nach einer Box.
Seine Bewegungen waren sicher und routiniert.
Er kam zurück und hielt sie Yami hin.
„Das hier.“
Yami nahm sie.Ihre Finger streiften sich dabei ganz kurz.
Zufällig.
Unbedeutend.
Und trotzdem— blieb es einen Moment zu lange hängen.
Yami sah auf die Box und dann wieder zu Yugi.
„Du bist dir sicher.“
„Ziemlich“, sagte Yugi mit einer Selbstsicherheit und Professionalität, wie sie Yami nicht von vielen kennt.
Dann fügte er hinzu: „Aber du musst schon selbst rausfinden, ob es dir gefällt.“
Yami grinste leicht und antworte darauf: „Mach ich.“
Im Hintergrund lehnte Bakura irgendwo zwischen den Regalen und beobachtete das Ganze mit wachsender Belustigung.
„Ich liebe das hier jetzt schon“, murmelte er vor sich hin.
Salomon Muto warf ihm aus dem Augenwinkel einen Blick zu – amüsiert, wissend.
Sagte aber nichts.
Yami legte das Spiel nicht zurück. Er drehte es ein weiteres Mal in der Hand, als würde er darin etwas finden wollen, das nicht auf der Verpackung stand.
Tat er natürlich nicht. Und das wusste er auch.
„Du denkst zu viel.“ Bakuras Stimme kam trocken aus dem Hintergrund.
„Du redest zu viel“, entgegnete Yami ihm trocken.
Sein Blick hob sich wieder und blieb auf Yugi liegen.
Der stand noch immer dort, wo er zuvor gewesen war. Ruhig, entspannt, ohne Druck zu machen. Kein Versuch, etwas aufzuschwatzen. Keine Ungeduld.
Er wartete einfach.
Als hätte er alle Zeit der Welt.
„Also“, begann Yami schließlich und trat einen halben Schritt näher.
„Du meinst, das hier lohnt sich?“
Yugi nickte leicht und antwortete: „Wenn du Story magst.“
„Und wenn ich Gameplay will?“
Yugi griff ohne Zögern in ein Regal neben sich, zog ein anderes Spiel heraus und hielt es ihm hin.
„Dann eher das.“
Die Bewegung war fließend, routiniert und sicher. Yami nahm es entgegen, diesmal bewusster. Sein Blick glitt über das Cover, blieb an Details hängen.
Er kannte sich aus. Das sah man.
Und trotzdem—
„Warum das?“
„Schneller Einstieg. Klareres System,“ sagte Yugi und verschränkte dabei locker die Arme. Er nickte leicht in Richtung des ersten Spiels.
„Das andere braucht Zeit.“
„Geduld“, murmelte Yami.
„Genau… Du wirkst nicht wie jemand, der sie nicht hat.“ Yugi lächelte dabei und musterte ihn einen Moment lang.
Yami sah auf. Ein kleines Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.
„Du analysierst viel für jemanden, der nur verkauft.“
„Gehört dazu.“
Yami ließ den Blick wieder auf die beiden Spiele sinken.
Zwei Optionen.
Zwei Richtungen.
Und irgendwo dazwischen sein Interesse, das sich nicht ganz festlegen wollte.
„Wenn ich beides will?“
Ein Hauch von Belustigung lag in Yugis Stimme. „Dann nimmst du beides.“
Yami schnaubte leise. „Praktisch.“
„Effektiv“, funkelte Yugi ihn frech an und schien seinen Spass an dem neuen Kunden zu haben.
Yami legte eines der Spiele kurz auf den Tresen, behielt das Andere in der Hand.
„Du arbeitest also bei Kaiba Corporation.“
Yugi nickte.
„Mhm.“
„Entwicklung.“, ergänzte Yugi kurz.
„Ja.“
Keine große Erklärung. Kein Ausschmücken.
Yami lehnte sich leicht gegen den Tresen.
Im Hintergrund trat Salomon Muto wieder kurz hervor, warf einen Blick auf die beiden und lächelte leicht.
„Yugi kennt sich wirklich gut aus“, meinte er beiläufig mit einem Hauch von Stolz in seiner Stimme, woraufhin Yugi den Kopf belustigt schüttelt.
Yami nickte knapp und murmelte: „Das merk ich.“
Yugi reagierte darauf nicht weiter. Er griff stattdessen nach dem Spiel auf dem Tresen, drehte es leicht, zeigte auf einen kleinen Abschnitt auf der Rückseite.
„Hier.“
Yami beugte sich ein Stück näher.
Zu nah für Fremde.
Nicht nah genug, um es zu kommentieren.
„Das ist der Teil, der die meisten überrascht“, erklärte Yugi ruhig. „Viele übersehen das am Anfang.“
Yami folgte seinem Finger, las kurz, dann ein leises, zustimmendes Geräusch.
„Okay… das ist gut.“
„Sag ich ja.“
Yami lehnte sich wieder zurück, nahm das Spiel vom Tresen. Sein Blick blieb noch einen Moment darauf. Dann blickte er wieder zu Yugi.
„Du bist geduldig.“
Die Feststellung kam unerwartet. Yugi blinzelte kurz und ein kleines, fast neutrales Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Er antwortete darauf: „Kommt mit dem Job.“
Yami grinste leicht. „Nicht jeder hat das.“
„Nicht jeder muss beraten.“, lachte Yugi und stellte die Schachteln weg mit der neuen Ware, die er noch nicht eingeräumt hatte.
Ein fairer Punkt.
Yami atmete leise durch, ließ den Blick noch einmal durch den Laden wandern.
Regale. Spiele. Konsolen.
Alles, was ihn eigentlich interessieren sollte.
Und tat es auch.
Nur—
nicht so sehr wie dieser Verkäufer. Yugi.
„Gut“, sagte er schließlich und legte beide Spiele auf den Tresen.
„Ich nehm sie.“
Bakura ließ ein zufriedenes Geräusch hören.
„Ich wusste es.“
Yami verdrehte nur die Augen und versuchte seinen besten Freund zu ignorieren, welcher das Ganze hier wohl mehr zu seiner Belustigung organisiert hat als Yami zu helfen.
Yugi zog die Spiele zu sich, begann ruhig den Kauf abzuwickeln. Konzentriert tippe er alles in die Kasse ein.
„Wenn sie dir nicht gefallen, kannst du sie zurückbringen“, sagte er nebenbei.
Yami hob eine Augenbraue.
„Ernsthaft?“
„Solange sie noch in einem guten Zustand sind und spielbar, ja.“ Ein kleines, kaum sichtbares Schmunzeln.
Yami ließ ein leises Lachen hören.
„Fair.“
Ein kurzer Moment Stille, während Yugi alles fertig machte.
Dann schob er ihm lächelnd die Tüte rüber.
„Viel Spaß damit.“
Yami nahm sie, dabei streiften seine Finger kurz Yugis, wieder nur flüchtig. Zufällig.
Und trotzdem— Blieb genau dieser kurze Moment so präsent in Yamis Kopf.
„Ich komm wieder“, sagte Yami schließlich.
Keine große Ankündigung.
Eher… eine Feststellung.
Yugi nickte einfach.
„Wir sind hier.“
Yami drehte sich um und ging Richtung Ausgang mit Bakura im Schlepptau, jener immer noch grinsend.
„Du hast Spiele gekauft“, murmelte er. „Ich bin stolz auf dich, Yami!“, rief Bakura nun belustigt aus, dabei klopfte er ihm fast schon wie ein stolzer Vater auf die Schulter, was Yami wieder die Augen verdrehen lässt. Er wusste genau wie es von Bakura wieder gemeint war.
„Halt die Klappe, Bakura!“, schnaubte er leise.
Die Türglocke klingelte erneut.
Und dann waren sie weg.
Yugi sah ihnen noch einen Moment nach.
Nicht lange.
Yami also…
Dann wandte er sich wieder dem Tresen zu und griff nach der nächsten Aufgabe.
Ganz ruhig.
Ganz bei sich.
Ein Kunde weniger.
Ein ganz normaler Verkauf.
…und trotzdem blieb dieser eine Blick ein kleines bisschen länger im Gedächtnis als die anderen.