Kapitel 3 - Zwei Leben
Kapitel 3 - Zwei Leben
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss und das Klingeln verklang schneller, als Yami lieb war.
Die frische Luft tat ihm gut, um wieder auf klarere Gedanken zu kommen.
Der Verkäufer… Yugi… hatte etwas an sich, das nicht laut war, aber trotzdem nachhallte. Nicht aufdringlich, eher wie ein Gedanke, der sich irgendwo festsetzte, ohne dass man ihn eingeladen hatte.
„Interessant…“
Bakuras Stimme war ruhig und nachdenklich. Viel zu ruhig für einen Kerl wie ihn. Yami warf ihm einen kurzen Blick zu. „Was?“
Bakura steckte die Hände in die Taschen und ging ein paar Schritte neben ihm her. „Du.“
„Ich bin immer interessant.“
„Nicht so.“ Ein schiefes Grinsen schlich sich in das Gesicht seines besten Freundes. „Du vertraust selten jemandem bei sowas. Du bist normalerweise viel zu kritisch und wählerisch.“
Yami blieb stehen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Langsam drehte er den Kopf zu ihm. „Ich hab nicht vertraut.“
Bakura hob eine Augenbraue und verschränkte die Arme, während er Yami mit einem kritischen Blick musterte. „Du hast zwei Spiele gekauft, die du vorher nicht kanntest. Nur weil er sie dir gegeben hat.“
Er hielt kurz inne.
„Das ist für dich quasi schon ein Vertrauensfall.“
Yami hielt seinem Blick stand.
Ruhig.
Kontrolliert.
„Ich hab gesehen, dass er Ahnung hat.“, entgegnete ihm Yami. Doch Bakura gab nur einen kurzen, nicht überzeugten Laut von sich.
„Mhm.“
„Er wusste, wovon er spricht“, wurde Yami nun deutlicher. Er bemerkte genau, worauf Bakura wieder hinauswollte und dass er es absichtlich herausforderte.
„Mhm.“
Ein kleines, kaum unterdrücktes Grinsen zog sich über Bakuras Gesicht.
„Und du wolltest wissen, ob er recht hat.“
Stille.
Yami wandte den Blick kurz ab. Nur einen Moment, dann ging er weiter und richtete seinen Blick nach vorne.
„Vielleicht.“
Bakura lachte leise. „Du bist neugierig geworden.“
„Ich bin immer neugierig“, kam es etwas genervt von Yami. Es fühlte sich langsam wie ein Verhör an.
„Nicht auf Menschen.“
Yami sagte nichts und Bakura ließ ihm die paar Sekunden. Er genoss sie sogar ein bisschen, weil er genau wusste, wie recht er doch hat.
Dann, fast beiläufig: „Du gehst wieder hin.“
Yami schnaubte leise. „Vielleicht will ich einfach die Spiele zurückgeben, wenn sie schlecht sind.“
„Klar.“ Bakura grinste breit. „Ganz bestimmt deswegen.“
Yami warf ihm einen Seitenblick zu. „Du bist anstrengend.“
„Und du bist offensichtlich.“
„Bin ich nicht.“
„Doch.“
Kurze Stille.
Dann sprach Bakura weiter:
„Du hast ihn beobachtet, nicht die Spiele.“
Yami blieb erneut stehen.
Diesmal drehte er sich ganz zu ihm um und funkelte seinen Freund finster an, da ihm diese Spielchen auf die Nerven gingen. Vielleicht auch, weil Bakura leider gar nicht so falsch lag, aber das würde er niemals zugeben.
„Du interpretierst zu viel.“
Bakura zuckte nur mit den Schultern. Ganz unbeeindruckt davon wie der Stachelkopf ihn mit seinen Blicken versuchte zu töten. „Ich beobachte gut.“
Yami schnaubte leise und dann verzog sich sein Mundwinkel minimal.
„Pass auf, dass du nicht zu viel siehst.“
Bakura grinste nur.
„Zu spät.“
Zurück im Laden war es wieder ruhig geworden.
Fast so, als wäre nichts passiert.
Yugi stand hinter dem Tresen und sortierte die nächsten Neuheiten ein. Präzise, ruhig, fast automatisch. Seine Finger bewegten sich routiniert über Verpackungen, als hätte er das schon tausendmal gemacht.
Hatte er auch.
Und trotzdem—
Sein Blick wanderte kurz zur Tür. Nur für einen Moment.
Dann wieder zurück zur Arbeit.
„Interessant.“
Die Stimme seines Grossvaters war ruhig, aber eindeutig amüsiert. Yugi reagierte nicht sofort und sortierte weiter ein.
„Hm?“
„Der Junge.“
Jetzt sah Yugi doch auf. „Welcher?“
„Der mit den auffälligen Haaren und dem noch auffälligeren Blick“, lachte Salomon vergnügt und nahm den Lieferschein zur Hand, um ihn abzuarbeiten.
Yugi senkte den Blick wieder auf die Spiele und sagte kurz und bündig: „Ein Kunde.“
„Mhm“, kam nur leise von dem alten Mann, der seinen Enkel mit wachen Augen musterte.
Dann trat sein Grossvater ein Stück näher, lehnte sich leicht gegen den Tresen.
„Du magst ihn.“
Yugi hielt kurz inne, dann legte er das nächste Spiel ordentlich ins Regal.
„Er ist ein Kunde, Opa. Man muss seine Kunden einigermassen mögen um es im Verkauf auszuhalten. Er ist angenehm. Weiss wovon er spricht und was er will.“
„Natürlich.“, nickte Salomon zustimmend und half nun Yugi beim Einräumen der neuen Ware.
Ein kleine Weile arbeiteten die beiden weiter und verstanden sich ohne Worte, genossen die kurze Pause ohne Kundschaft. Als die Spiele alle eingeräumt und sortiert waren, verstaute Yugi die Kartonschachteln im Lager und nahm ein Schluck Wasser aus seiner Flasche.
„Er kommt wieder“, murmelte Salomon plötzlich und unterbrach somit die ruhige Stille.
Yugi hob leicht eine Augenbraue und sagte dann: „Das tun viele.“
„Nicht so.“
Diesmal sagte Yugi nichts mehr.
Aber das kleine Lächeln, das kurz auftauchte, entging seinem Grossvater nicht…
Währenddessen machte sich Yami nun auf den Weg zurück in seine Bar, im Schlepptau seinen Freund Bakura, der nur mitkam um ihn die ganze Zeit aufzuziehen. Und auf kostenlose Drinks zu hoffen.
Der Club füllte sich schnell.
Laut, warm, Stimmen überall. Gläser klirrten, die Musik vibrierte durch den Raum.
Ein ganz normaler Samstagabend halt.
Yami bewegte sich wie immer sehr sicher hinter dem Tresen. Routiniert, schnell und Präzise.
Er mixte, servierte und kassierte ein.
Lächelte hier, flirtete da.
Alles eigentlich wie immer. Eigentlich.
Doch er war nicht ganz mit seinen Gedanken anwesend.
„Du bist langsam.“ Bakura lehnte sich am Ende des Tresens dagegen und beobachtete ihn belustigt.
„Bin ich nicht“, entgegnete ihm Yami etwas scharf, doch Bakura liess sich nicht beirren. „Doch.“
Yami stellte ein Glas etwas fester ab als nötig.
„Dann geh.“
Das brachte den Weisshaarigen nur noch mehr zum Grinsen und bestätigte ihn. „Du denkst nach…“ Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Über ihn.“
Yami ignorierte Bakura für den restliche Abend und widmete sich seiner Arbeit. Er hatte mehr als genug damit zu tun die Cocktails zu mixen, da brauchte er nicht auch noch die spitzen Kommentare seines Kumpels, der allgemein immer viel mehr in Dinge interpretierte als eigentlich der Fall war.
Und das war auch hier der Fall.
Er war nett, na und? Hübsch, ja. Ist ja nichts dabei. Nichts tieferes.
Yami schnappte sich ein Tuch und beginn wieder sie Gläser zu polieren, aber er spürte immer noch den stechenden Blick eines gewissen Weisshaarigen im Rücken.
Später als er Feierabend machte, ging er schnell nach Hause.
Er dachte noch gar nicht an Schlaf. Viel zu gespannt auf die Empfehlungen seines Verkäufers.
Er sass nun auf seiner Couch.
Das erste Spiel lag offen vor ihm, der Bildschirm flackerte leise im dunklen Wohnzimmer.
Ein paar Minuten hatte er es nun getestet, reingeschaut so wie er es immer tat bei einem neuen Spiel.
Systeme checken. Steuerung fühlen. Tempo einschätzen.
Dann entscheiden.
Weiterspielen oder nicht?
…
Eine Stunde später war er immer noch vor seinem Bildschirm. Der Controller lag fest in seiner Hand. Sein Blick fokussiert, ruhig und aufmerksam.
Die Welt im Spiel hatte ihn längst eingesogen.
Dialoge, die nicht zu viel wollten.
Details, die man leicht übersehen konnte.
Und genau das—
Ein leises, zustimmendes Geräusch entwich ihm.
„…Okay.“
Er lehnte sich ein Stück zurück, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. Seine Gedanken kreisten sich um seinen kleinen Verkäufer. Yugi…
Warum wusste er, dass das Spiel genau meine Erwartungen erfüllen würde…?
Ist er wirklich nur einfach ein guter Verkäufer? Oder eher ein ziemlich guter Spielentwickler, der genau weiss, was ein gutes Spiel ausmacht…
Sein Blick wanderte zur Box.
„Das Detail, dass viele übersehen…und überrascht…“, murmelte er leise or sich hin, dann griff er nach der zweiten Box.
Das Spiel das auf Gameplay aus ist. Kurz drehte er es in der Hand.
„Mal sehen…“
Er startete es.
Kein langes Intro.
Direkt drin.
Schnell. Klar. Reaktiv.
Yamis Finger bewegten sich sofort sicher über die Tasten. Seine Reaktionen war präzise, fast automatisch.
Ein Kampf.
Dann noch einer.
Ein kleines Grinsen schlich sich auf sein Gesicht und seine Augen begannen freudig zu funkeln.
„…Auch nicht schlecht.“
Danach machte er wieder eine Pause um sich nochmal alles ins Gedächtnis aufzurufen. Er lehnte sich entspannt zurück ins Kissen.
Zwei Spiele.
Zwei komplett unterschiedliche Ansätze.
Und beide— waren genau seinen Erwartungen entsprechend die er an solchen Spielen hatte.
Yami starrte auf die zwei Boxen, ein leises Lachen entwich seinen Lippen.
„…Interessant.“
Ein Klopfen an seiner Haustür liess Yami aus seinen Gedanken fahren und ehe er sich von der Couch erheben konnte, öffnete sich die Tür ohne auf eine Antwort abzuwarten… Bakura. Der hatte ihm gerade noch gefehlt.
„Na? Schon verliebt?“, lachte der Weisshaarige und spazierte durch die Wohnung seines besten Freundes als wäre es seine eigene.
Yami liess sich wieder in die Couch sinken und murmelte ein: „Verschwinde. Es ist mitten in der Nacht.“
„Ich nehme das als Ja.“ Bakura kreuze die Arme selbstgefällig und setzte sich nun auch auf die kleine Couch. Sein Blick fiel auf den Bildschirm, dann auf die Konsole und nun zu Yami.
Ein breites, wahnsinniges Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.
„Oh, du hast beide ausprobiert. Konntest es wohl nicht erwarten, dass du immer noch wach bist.“
Yami antwortete nicht sofort.
Doch das war Antwort genug.
„Und?“
Ein kurze Stille erfüllte den Raum, dann murmelte Yami: „Er lag richtig.“
Bakura hob die Augenbrauen. „Beide?“
Yami sah nun zu seinem Freund mit einem kleinen, schiefen Grinsen, als wurde er soeben ertappt.
„Beide.“
Das ließ Bakura kurz innehalten. Dann ein leises, zufriedenes Lachen.
„Wow.“ Er verschränkte die Arme. „Das passiert nicht oft.“
„Gar nicht“, kam es leise von Yami. Er war immer noch beeindruckt davon, wie passend Yugi diese zwei Spiele für ihn ausgesucht hat. Es liess ihn einfach nicht los.
Bakura unterbrach die Stille.
„Also gehst du wieder hin“, stellte er fest und beobachtete seinen Sitznachbarn.
Yami hielt seinen Blick. Ein paar Sekunden vergingen, dann griff er nach dem Controller, startete das Spiel wieder.
„Ich hab die Rückgabefrist im Kopf.“
„Natürlich hast du die“, lachte Bakura und erhob sich nun wieder von der Couch um in Richtung Ausgang zu gehen. Er hielt kurz inne und sagte dann: „Sag mir Bescheid, wenn du dir eingestehst, dass es nicht um die Spiele geht.“ Damit verliess er Yamis Wohnung und ging raus in die dunkle Nacht.
Yami reagierte nicht darauf, sondern konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm.
Aber das leichte Zucken seines Mundwinkels, verriet ihn. Ein kleines bisschen.
Und irgendwo, nicht weit entfernt, stand ein Laden mit Regalen voller Spiele.
Und genau einer Person, die Yami jetzt unmöglich ignorieren konnte.
Montag
Für Yugi ging es nun in die Kaiba Corporation, seinem eigentlichen Job.
Bewaffnet mit seinem Tablet betrat er den Konferenzraum. Seto musste ja die Besprechung als ersten Tagespunkt ansetzen. Yugi seufzte und setzte sich noch in den leeren Raum um seine Gedanken rund um das Spiel, das sich aktuell noch ins der Entwicklungsphase befand, zu sortieren.
Seto wollte Ergebnisse sehen und die würde Yugi ihm auch hiermit liefern. Der Raum füllte sich schnell mit den anderen Entwicklern und zu guter letzt betrat dann Seto Kaiba höchstpersönlich den Raum und brachte alle mit seiner blossen Anwesenheit zum schweigen.
Ja, Seto hatte etwas angsteinflössendes für die meisten Leute. Nur nicht für Yugi.
Die Sitzung lief schon etwas bis Yugi etwas einwarf.
„Das Timing passt nicht.“ Der Raum wurde augenblicklich still, einer der Entwickler, der bis eben noch sprach, wurde augenblicklich ruhig.
Yugi stellte sich neben den grossen Bildschirm, auf welchem ein Build des Spiel lief.
„Die Mechanik funktioniert“, fuhr Yugi fort, „aber der Einstief ist zu träge. Spieler springen vorher ab.“
Ein kurzes Nicken ging durch die Runde.
Yugi tippte etwas auf dem Tablet. „Früheres Feedback. Klare Führung in den ersten Minuten.“
Er sah kurz auf und sein Blick blieb ruhig auf Seto Kaiba liegen.
„Sonst verliert es Leute bevor es zeigen kann, was es drauf hat.“
Seto tippte etwas auf seinem Laptop und erhob sich dann aus seinem Stuhl.
„Dann setz es um, Yugi. Du hast mein vollstes Vertrauen. Ich übergebe dir die Verantwortung in diesem Projekt. Teil die Leute so ein wie es dir behilflich ist. Ende der Woche will ich Ergebnisse sehen.“ Seto Kaiba verliess damit den Konferenzraum um sich weiteren Terminen zu widmen.
Später sass Yugi allein an seinem Arbeitsplatz und scrollte durch die Daten. Er überprüfte Zahlen, Feedback und kleine Details.
Er machte sich direkt an die Arbeit um seine eigenen Punkte in dem Spiel umzusetzen. Sein Team hatte ihre Aufgaben woran sie selbstständig arbeiteten.
Yugis Blick blieb kurz an einer internen Notiz hängen.
Release Zeitpunkt.
Verteilung,
Zugriff.
Unwillkürlich dachte er an den Laden.
An die Regale.
An das System, das dahinter stand.
Und dann…
ganz kurz…
an diese Rot-Violetten Augen.
Ruhig.
Aufmerksam.
Sehr interessiert.
Yugi lehnte sich etwas zurück für einen kleinen Moment. „Wie er wohl mit den Spielen klar kommt…?“, murmelte er leise.
Kein Lächeln.
Kein grosses Nachdenken.
Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Schliesslich musste er einiges erledigen um Setos Ansprüche zu erfüllen.
Und doch blieb da etwas zurück.
Nicht greifbar.
Eher wie ein leiser Widerhall, der sich nicht entscheiden konnte, ob er schon verschwinden wollte oder noch bleiben durfte.
Im Laden.
Im Spiel.
Zwischen Entscheidungen, die getroffen worden waren, ohne dass jemand wirklich darüber nachgedacht hatte, was sie auslösen würden.
Und irgendwo dazwischen ein Kunde, der einfach anders war.
Yugi lehnte sich kurz zurück in seinem Stuhl, die Daten vor ihm noch offen, aber sein Blick für einen Moment nicht darauf gerichtet. Er war nicht abgelenkt. Nur… kurz nicht vollständig dort.
„Interessant…“ murmelte er leise.
Dann atmete er ruhig aus, griff wieder nach dem Tablet und tippte weiter.
Arbeit wartete nicht.
Und Spiele auch nicht.
Und trotzdem blieb etwas zurück.
Kein Gedanke, der sich klar greifen ließ.
Eher ein leiser Eindruck, der sich nicht einfach wieder aus dem Kopf lösen wollte, als hätte er sich irgendwo zwischen Arbeit und Alltag festgesetzt.
Zur gleichen Zeit, irgendwo in der Stadt, war Yami ebenfalls längst wieder im Alltag angekommen.
Alles lief wie gewohnt. Er funktionierte so wie immer.
Und trotzdem war sein Fokus nicht ganz da, wo er sonst war.
Zwei Spiele.
Zwei Systeme.
Er blieb stehen und versank kurz in Gedanken.
„…Interessant.“
Mehr sagte er nicht.
Und genau dieses Wort schien sich irgendwo zwischen den beiden festzusetzen.
Ohne Erklärung.
Ohne Richtung.
Aber mit genug Gewicht, um nicht einfach wieder zu verschwinden.