Kapitel 5 - Zwischen zwei Versionen
Kapitel 5 - Zwischen zwei Versionen
Kapitel 5 - Zwischen zwei Versionen
In einem anderen Viertel von Domino City, war an Schlaf gar nicht zu denken.
Die Nacht überzog die Stadt längst mit Neonlichtern, als sich vor dem Nachtclub Yoru viele junge Menschen zusammenfanden um die Nacht zu feiern.
Dumpfe Bässe vibrierten durch die Wände des Clubs, Stimmen vermischten sich mit Musik und irgendwo lachte jemand bereits viel zu laut.
Und mitten darin stand Yami, ruhig wie immer. Eine Hand locker in der Hosentasche, sein schwarzes Hemd, zeichnete seine Konturen perfekt nach. Sein Blick wanderte langsam über den Eingangsbereich.
„Der Typ hat eindeutig zu viel getrunken“, murmelte jemand leise hinter ihm. Bakura gesellte sich zu Yami und deutete leicht Richtung Eingang, wo ein Gast gerade versuchte mit dem Türpersonal zu diskutieren.
Yami betrachtete die Szene und sagte dann trocken: „Und trotzdem diskutiert er mit erstaunlichem Selbstvertrauen.“
„Alkohol macht vieles möglich“, lachte ihm sein Freund und Arbeitskollege entgegen. Ja, Arbeitskollege, er dufte den Anderen so ziemlich rund um die Uhr ertragen. Durfte…
„Leider.“ Das Wort sprach er mit einem Seufzer aus als erinnerte er sich daran, wie der Weisshaarige auf Alkohol reagierte.
Der grinste nur leicht und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Bakura trug heute ebenfalls komplett schwarz, auch wenn seine lockere Haltung im starken Kontrast zu Yamis kontrollierter Ruhe stand. Er begab sich hinter die Bar und schnappte sich ein Tuch um die nassen Gläser zu trocken und polieren. Dabei musterte er den Stachelkopf, welcher immer noch die Szene beobachtete.
„Du wirkst genervt.“
„Bin ich nicht.“
„Du hast seit zehn Minuten denselben Gesichtsausdruck“, sagte der Weisshaarige und räumte die Gläser ins Regal ein, nur um dann die ersten Bestellungen entgegenzunehmen. Yami ignorierte den Kommentar konsequent und trat stattdessen nun ebenfalls hinter die Bar und unterstützte seinen Arbeitskollegen.
Sofort veränderte sich die Atmosphäre leicht. Sie waren wie ein eingespieltes Team, als würden sie das schon Ewig machen, was eigentlich auch der Tatsache entsprach. Yoru haben sie damals gemeinsam gegründet, als sie beide nicht so genau wussten, was sie vom Leben wollten. Da sie gute Musik, starke Drinks und lange Nächte ziemlich gerne mochten, war daraus irgendwann ihre wohl dümmste und gleichzeitig beste Idee entstanden.
Das Leben schenkte ihnen Zitronen…
Sie hielten nichts von Limonade…
Also machten sie daraus Tequila, schlechte Entscheidungen und irgendwann Yoru.
Und irgendwie funktionierte es. Verdammt gut sogar.
Yami stellte gerade zwei Drinks auf die Theke, als Bakura neben ihm auftauchte und sich mit einem Arm locker dagegen lehnte.
„Die Frau da drüben schaut dich jetzt seit zehn Minuten an.“ Das freche Grinsen reichte von einem Ohr zum Nächsten. Yami sah ihn nicht einmal an und bearbeite die nächste Getränkebestellung.
„Mhm“, entkam ihm unbeeindruckt.
„Das war keine Information zum Ignorieren.“
„Ist mir doch egal. Ich werde ständig angeglotzt.“
Seine Bewegungen waren ruhig, routiniert und präzise. Genau das mochten die Leute an ihm. Keine übertriebene Freundlichkeit. Kein falsches Lächeln. Einfach er.
Bakura liess nicht locker und stichelte ganz munter weiter.
„Du denkst wieder an irgendwas.“
Diesmal reagierte Yami nicht sofort. Ein Fehler, wie ihm augenblicklich bewusst wurde, doch bevor er noch was sagen konnte, sah er das fette Grinsen seines besten Freundes.
„Oh nein. Ich hab getroffen!“ Bakura kam ihm ein ganzes Stück näher und versuchte den Anderen zu lesen, was wohl in dessen Kopf genau abging.
Yami schnaubte leise, stellte die nächsten Drinks auf die Theke und nahm das Geld entgegen.
„Fang nicht an.“ Die Worte waren leise, aber sehr giftig, was dem Anderen aber nur ein belustigtes Grunzen entlockte.
„Du denkst an den Verkäufer.“
„Tue ich nicht.“
„Du hast gerade nicht mal überzeugend gelogen.“
„Lass das.“
„Du magst ihn.“
Yami hielt kurz inne, das Glas in der einen und den Whisky in der anderen Hand. Dann füllte er etwas von der brennenden Flüssigkeit ein und gab sie einem jungen Mann in die Hand.
„Interessant. Kein Wunder ist dir die Lady egal“, murmelte Bakura und beobachtete Yami mit allergrösster Neugier.
„Halt den Mund.“ Yami klang nun etwas gereizter, als hätte man einem getroffenen Hund in die Wunde getreten.
„Ich hab also recht.“
„Ich kenne ihn kaum. Lass deine Spielchen.“
„Und trotzdem denkst du die ganze Zeit an ihn.
Yami stellte die Tequila Flasche etwas fester ab als notwendig. Nicht aggressiv, aber genug, dass Bakura sichtbar Spaß daran hatte.
„Tu ich nicht. Ich denke über das Spiel nach“, verteidigte Yami sich und drängte sich an seinem Kollegen vorbei um kurz die Hände zu waschen. Doch der Andere liess nicht locker und lief ihm vergnügt hinter her. „Die Entscheidungsstruktur ist ungewöhnlich aufgebaut, das Spiel ist gut. Die Storyline ist interessant.“
„Mhm.“ Bakura nickte gespielt verständnisvoll. „Natürlich. Und die grossen violetten Augen kommen rein zufällig auch darin vor?“
Yami warf ihm einen langen Blick zu, schnappte sich dabei ein Tablett und drückte es dem Anderen bewusst etwas fester im die Hände.
„Willst du heute noch arbeiten oder nur nerven?“
„Beides“, lachte Bakura und verschwand mit dem Tablett in der Hand zwischen den Gästen.
Yami atmete leise durch die Nase aus.
Dann konzentrierte er sich wieder auf die Bar, zumindest versuchte er es, denn leider hatte Bakura nicht ganz unrecht.
Immer wieder dachte er an Muto’s Games zurück. An diese ruhige Atmosphäre dort. An Yugis Art über Spiele zu sprechen, als wären sie etwas Persönliches und nicht einfach nur Produkte.
Und daran, wie aufmerksam dieser eigentlich war.
Die meisten Menschen hörten nur oberflächlich zu.
Yugi nicht.
Er analysierte ständig. Ruhig. Unaufdringlich. Aber präzise.
Fast wie seine Spiele.
„Chef.“
Yami blickte auf. Einer der Mitarbeiter stand neben ihm.
„Tisch 7 beschwert sich wegen der Reservierung.“
Yami seufzte leise, während er die Zitrone noch zu Ende schnitt.
„Wer sitzt dort?“
„Ein Typ, der behauptet, er kenne den Besitzer.“
Bakura erschien aus der Menschenmenge mit einem vollen Tablett leerer Gläser und sonstigem Müll, den die Kunden daliessen. Er stellte es auf der Bar ab und begutachtete dann besagten Tisch 7.
„Oh, einer von denen. Witzig, dich kennen ja so viele Leute, Wahnsinn.“ Mit einem kleinen Schmunzeln räumte Bakura das dreckige Geschirr in die Spüle ein.
Yami schmiss die Zitronenschnitze in einen Behälter und trat dann hinter der Bar hervor.
„Ich regle das.“ Sein Mitarbeiter löste in für die Zeit an der Bar ab, damit es zu keinen Wartezeiten kam.
Er trat ruhig durch den Club, während die Musik mit jedem Schritt dumpfer gegen seinen Brustkorb vibrierte. Entschuldigend lief er durch die Grüppchen, die sich immer wieder aus lauter fremden Menschen bildeten.
Am betreffenden Tisch stand ein Mann, Mitte dreissig mit sichtbar schlechter Laune und eindeutig zu viel Alkohol im Blut. Am Tisch sassen noch zwei junge Damen, die sich aber nicht von dem genervten Mann abschrecken liessen.
Yami trat vor ihm, kreuzte die Arme vor der Brust.
„Problem?“, fragte Yami ruhig.
Der Mann hob sofort den Blick.
„Ja. Eure Reservierungen sind scheisse organisiert.“
„Mhm.“ Sichtlich unbeeindruckt hob Yami die Augenbraue.
„Ich hab gesagt, ich kenne den Besitzer“, zischte der Mann sichtlich angepisst und tippte ungeduldig mit dem Finger auf dem Tisch. Die Damen rollten genervt mit den Augen und nippten an ihren halsvollen Drinks.
„Jetzt tust du es.“
Der Mann verschluckte beinahe die Zunge und war mit der Situation sichtlich überfordert.
„Dein Tisch ist in 10 Minuten frei, bis dahin dürfen die Damen in Ruhe ihre Getränke geniessen. Setz dich doch kurz an die Bar, dein erster Drink geht aufs Haus. Wir sind ein Nachtclub, da sind Verzögerungen normal.“
Er drückte dem Mann etwas in die Hand. Die Anspannung des Mannes löste sich augenblicklich. Er nickte nur stumm und begab sich dann an die Bar.
Entschuldigend wandte sich Yami kurz den Frauen zu und gab Ihnen auch jeweils einen Yoru Jeton in die Hand. Er war schlicht in schwarz gehalten mit einer silbernen Aufschrift, worauf man das Yoru Zeichen erkennen konnte. „Gebt den an der Bar ab. Die nächste Runde geht aufs Haus“, zwinkerte er den jungen Damen zu, die leise kicherten und ihm noch nachsahen.
Damit löste er die meisten Probleme, wer sagte schon nein zu einem gratis Drink?
Als er zurück zur Bar lief, fing Bakura ihn bereits grinsend ab.
„Du bist manchmal erschreckend gut darin.“
„Menschen wollen meistens nur ernst genommen werden.“
„Oder eingeschüchtert.“
„Das funktioniert auch.“
Bakura lachte leise, dann musterte er ihn kurz von der Seite.
„Du solltest wieder in den Laden gehen.“
Etwas irritiert vom Themenwechsel, hob Yami leicht eine Augenbraue.
„Warum?“
„Weil du seit Wochen zum ersten Mal wieder aussiehst, als würde dich etwas wirklich interessieren.“ Die Worte waren dieses Mal nicht von Belustigung oder Spott begleitet, sondern Bakura meinte es ernst. Wirklich ernst.
Und genau deswegen wusste Yami nicht sofort wie er reagieren sollte.
Sein bester Freund grinste nur leicht vor sich hin und verschwand dann wieder Richtung Tanzfläche.
Yami sah ihm nach, blieb einen Moment lang vor der Bar stehen.
Dann schüttelte er den Kopf und begab sich wieder dahinter und schnappte sich ein Glas.
Doch selbst Stunden später, zwischen Musik, Stimmen und Neonlicht, fiel ihm immer wieder dieses kleine freche Funkeln in violetten Augen ein.
Und langsam wurde das wirklich problematisch…
Der nächste Morgen begann spät für Yami. Seine verschlafenen Augen blinzelten mehrmals um sich an das grelle Licht zu gewöhnen. Er hatte vergessen die Vorhänge zuzuziehen vor dem Schlafen gehen. Er seufzte und erhob sich dann von seinem Bett.
Er lief Richtung Küche zu seiner Kaffeemaschine und startete diese als erstes. Kaffee… Erstmal Kaffee. Wenige Minuten später stand er mit einer Tasse am Fenster und blickte schweigend über die Stadt. Er wohnte in einem höheren Stockwerk und hatte somit einen atemberaubenden Blick über Domino. Sein Blick wanderte in ein Viertel wo sich der Laden befinden müsste, seiner Einschätzung nach. Man konnte ihn nicht sehen, aber irgendwo dort würde gerade ein junger Verkäufer in seinen Sonntag starten, wenn er denn nicht schon längst wach war und jede Sekunde zum Arbeiten ausnutzen würde.
Zumindest vermutete Yami das. Yugi wirkte auf ihn sehr ehrgeizig. Arbeitete bei Kaiba als Spielentwickler, half seinem Grossvater im Laden aus, nutzte sogar die kurzen Momente dort um dann wieder an einem Spiel zu arbeiten. Es kam ihm vor als würde jener rund um die Uhr arbeiten, aber er wirkte dabei so… friedlich. Er schien es gerne zu machen.
Er sah nun zu seiner Konsole. Das Spiel, dass ihm Yugi verkauft hatte.
Sein Blick wurde etwas schärfer.
„Es zeigt also wer ich bin… Ich werd’ dir noch beweisen, dass ich auch anders sein kann,“ murmelte Yami und lief nun zielstrebig auf die Couch zu um das Spiel zu starten.
Es war für ihn fast eine Herausforderung nun.
Als hätte Yugi ihm den Kampf angesagt. Er wollte beweisen, dass er sich auch Zeit nehmen konnte und nicht voreilige Schlüsse zog, wer wichtig war und wer nicht.
Die Figur stand in einer kleinen Zwischenstation irgendwo unterhalb der Hauptstadt. Da befanden sich weniger NPC - Figuren, die Geräusche waren hier leiser. Der Regen prasselte leise gegen die metallen Dächer in der engen Gasse.
Eigentlich gab es hier nichts Wichtiges.
Eine ältere NPC-Figur sass unter einem Vordach auf einer schmalen Holzbank. Kein Questzeichen, kein Name über dem Kopf.
Nur ein Mann mit einer Tasse in der Hand.
Yami wollte zuerst vorbeigehen, doch dann hielt er kurz inne.
„…du hast schnell entschieden, dass eine Nebenfigur unwichtig ist. Das sagt viel über dich aus.“ Yugis Stimme erklang in seinem Kopf. Sogar das freche Grinsen, konnte er aus dem Satz noch raushören.
„Sei ruhig“, sagte er nun zu sich selbst, als würde das die Stimme verstummen lassen.
Er ging nun auf den NPC zu und sprach ihn an. Der Mann hob leicht den Blick und begann zu sprechen.
„Du wirkst beschäftigt.“
Drei Antwortmöglichkeiten erschienen.
Ich hab wichtigeres zu tun.
Kommt drauf an.
Warum interessiert dich das? Yami betrachtete die Optionen länger als nötig. „Hmm…“
Keine war offensichtlich richtig.
Keine hatte ein Symbol. Nicht die leiseste Andeutung ob die Antworten freundlich oder kalt waren.
Nur Worte.
Dann wählte er…
„Kommt drauf an.“
Ein langsames Nicken kam nun von dem alten Mann. Der NPC begann wieder zu sprechen.
„Dann bist du jemand, der Türen offen lässt.“ Der Mann senkte wieder seinen Kopf als wäre das Gespräch beendet.
Verwirrt betrachtete Yami den Bildschirm. Keine Quest startete, kein Fortschritt. Gar nichts.
Nur dieser Satz. Er runzelte leicht die Stirn. „Was soll das denn jetzt bedeuten…“
Er wollte seinen Charakter bewegen um wegzugehen, doch der NPC sprach erneut.
„Und?“
Es erschienen wieder drei neue Optionen.
Und was?
Ist das schlecht?
Besser als sie zu schliessen.
Yami atmete leise durch. Das Spiel schien ihn wieder zu beurteilen in seinen Entscheidungen.
Es zwang ihn, Dinge zu beantworten, die nicht wie Spielentscheidungen wirkten. Man würde eigentlich meinen das wäre ein normales Gespräch mit einem NPC, das nicht Storyentscheidend wäre. Doch was ist, wenn es doch entscheidend war? „Das ist ja das spannende daran, dass dir als Spieler nicht bewusst ist, welche Entscheidungen die Handlung beeinflussen und welche nicht.“
Wieder diese Stimme, die sich in seinem Kopf festgesetzt hatte. Als würde es nicht reichen, dass er schon ständig an Yugi dachte, nun musste dieser ihn auch noch Zuhause in seinen Gedanken verhöhnen.
Er wählte die dritte Antwortmöglichkeit.
Der Regen wurde im Hintergrund nun lauter, während der Mann ihn einfach nur ansah. Die Bewegungen des NPC waren so gut gemacht, das Spiel war grafisch einfach ein Meisterwerk.
„Menschen wie du glauben oft, dass sie vorsichtig sind.“ Yami hob leicht eine Augenbraue. Der Satz ging weiter. „Dabei haben sie nur Angst sich festzulegen.“
Eine Stille entstand. Yami lehnte sich etwas zurück. „Das war unnötig persönlich“, meinte er nun etwas beleidigt. Doch das Spiel war noch nicht fertig.
Der Mann hob die Tasse leicht an und sagte: „Wenn du ständig mehrere Wege offen hältst… entscheidest du dich irgendwann für gar keinen.“
Der Dialog endete einfach. Der NPC ging wieder zurück in seine Ursprungsposition bevor sie das Gespräch hatten. Auch jetzt kam keine Quest zum Vorschein, auch keine Belohnung. Nichts.
Yami starte den Bildschirm einige Sekunden an.
Keine neuen Informationen zu der Story, das war eher eine Frage an ihn selbst. Das schlimmste daran…
Er wusste nicht einmal, ob diese Szene später überhaupt wichtig werden würde. Ob sie irgendeinen Verlauf verändert hatte.
Oder ob das Spiel einfach nur wissen wollte, wer er war.
Er hoffte nur, dass er sich nichts verbaut hatte…
Der Sonntagmorgen bei der Familie Muto begann dagegen um einiges früher als bei Yami.
Ein ziemlich zerzauster Yugi ächzte schwerfällig und versuchte sich etwas zu strecken. Die Lounge war nicht dafür gemacht darauf einzupennen und die ganze Nacht da zu verbringen. Er bemerkte die Decke, die nun von ihm rutschte. „Huh? Hat Opa mich zugedeckt?“ Das erklärte warum ihm nicht so kalt war die Nacht, so war es doch relativ frisch draussen.
„Guten Morgen, mein Junge. Hier das wird dir gut tun“, erklang die alte, freundliche Stimme seines Grossvaters, in der Hand eine Tasse mit einer dampfenden Flüssigkeit darin. Dankbar nahm der Jüngere sie an und nippte sogleich daran. Der heisse Kaffee belebte seinen Kopf auf einen Schlag.
Zufrieden seufzte Yugi.
„Wann hast du mir die Decke gegeben? Du müsstest ja längstens im Bett gewesen sein als ich noch am Spiel gearbeitet habe?“
Salomon lächelte ihn warm an, strich ihm dabei sanft über den Rücken.
„Ach, du weisst doch, wie schrecklich durstig ich nachts werde. Ich hab meine Trinkflasche unten vergessen und wollte sie mir holen in der Nacht. Da hab ich dich gesehen. Du sahst aus als wäre dir kalt, aber ich wollte dich nicht wecken. Deswegen die Decke. Scheint ja geholfen zu haben.“
Nun lachte der alte Mann vergnügt auf und kehrte ihm dann den Rücken zu.
„Ich schliesse nun den Laden auf, falls du mich brauchst.“ Mit diesen Worten verschwand Salomon.
Yugi erhob sich und wollte sich zuerst etwas frisch machen, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete. Er stand vor seinem Kleiderschrank und betrachtete die Menge an unterschiedlichen Kleidungsstilen.
Der linke Stapel war für die Arbeit in der Kaiba Corporation, da musste man einfach darauf achten, dass man sich von der besten Seite zeigte. Lauter schöne Hemden und Langarmshirts in allerlei dunklen Farbtönen. In der Mitte befanden sich viele helle Langarmshirts in verschiedenen zarten Farben, darunter auch Pullunder die er ganz gerne dazu kombinierte. Den Stapel mochte er ganz gerne um im Laden auszuhelfen oder mal auswärts gemütlich unterwegs zu sein. Und rechts waren ein Haufen sehr dunkler, rockiger Outfits. Die kamen sehr gerne zum Einsatz, wenn Yugi sich mal wieder mit seinen Freunden traf, feiern ging oder auch für Dates. Letzteres kamen aber eher selten bis nie zum Stande.
Er nahm sich einfach nicht die Zeit dafür, aber er sollte definitiv wieder mal mit seinen Freunden raus.
Yugi öffnete eine Schublade, in welcher sich dann ganz gewöhnliche Hoodies befanden. Heute war Sonntag, also wozu sich schick anziehen. Er zog sich einen hellen Hoodie über und eine bequeme Hose. Nun machte er sich wieder auf den Weg zur Terrasse um sich seiner Arbeit zu widmen. So hatte er nicht mehr viel Zeit bis Morgen um damit fertig zu werden. Dabei lief er an seinem Opa vorbei, der gerade in den Laden huschte als die Türglocke erklang. Yugi schloss die Verbindungstür, die sein Grossvater in der Eile vergass zu schliessen. Nicht das plötzlich noch ein Kunde in der Wohnung stand. Wäre nicht das erste Mal…
Yugi sass wieder an seinem Laptop und arbeitete ziemlich lange an den ganzen Problemen, die er noch lösen musste bis zur Präsentation.
Eine Weile ging das ganz gut.
Doch dann…
…herrschte völliges Chaos.
Zumindest technisches…
„Nein, nein, nein! Warum jetzt?!“
Yugi starrte entsetzt auf seinen Bildschirm, während die Spielfigur plötzlich halb im Boden festhing. Direkt danach flackerte eine Animation völlig falsch auf und die Kamera drehte sich einmal aggressiv gegen eine Wand.
Der Laptop stand auf dem Tisch vor ihm, mehrere Fenster gleichzeitig geöffnet. Codes. Animationseinstellungen. Sounds. Notizen.
Morgen wollte Seto das Spiel testen. Er wollte eine Präsentation.
Und morgen bedeutete in Seto-Sprache eigentlich: „Das Ding muss heute Nacht fertig sein.“
Yugi zog sich die Kopfhörer kurz vom Kopf und fuhr sich gestresst durchs Haar.
„Wieso funktioniert es erst und explodiert dann plötzlich…“
Er klickte sich erneut durch die Einstellungen, änderte Codes, stellte die Grafik nochmal ein.
Dann ein Testlauf.
Die Figur sprang, lief, dann blieb sie plötzlich mitten in einer Drehanimation hängen.
Yugi starrte den Bildschirm einfach nur an.
Er setzte die Kopfhörer wieder auf. Aufgeben war keine Option.
Seine Finger tippten wieder schneller über die Tastatur.
Nebenbei lief leise Musik über seine Kopfhörer, irgendein unfertiger Soundtrack, an dem er selbst noch arbeitete. Zwischendurch stoppte er einzelne Sequenzen, änderte Kleinigkeiten und ließ den Testlauf erneut starten.
Wieder.
Und wieder.
Und wieder.
Die Sonne wanderte langsam höher, während Yugi immer tiefer in seiner Arbeit verschwand.
Er bemerkte kaum noch die Zeit. Nicht mal, dass Salomon irgendwann leise die Terrassentür öffnete und ihn einen Moment einfach nur beobachtete. Der alte Mann sagte zuerst nichts.
Sein Enkel sass auf der Lounge, völlig fokussiert auf den Bildschirm, während er sich leicht auf die Unterlippe biss, etwas das er immer tat, wenn er konzentriert nachdachte. Salomons Blick wurde weich. Yugi sah seinem Vater wirklich immer ähnlicher.
„Mein Junge.“
Yugi zuckte leicht zusammen und zog einen Kopfhörer herunter. Seine grossen Augen musterten ihn fragend. „Hm?“
„Frühstück.“
Yugi verengte die Augen etwas und begann dann wieder am Laptop zu tippe.
„Später.“
Salomon liess sich davon nicht beirren. „Du musst etwas essen.“
„Opa, das hier ist wirklich wichtig, ich muss das fertig kriegen. Essen kann ich auch später“, sagte Yugi etwas gestresst und schien kein bisschen locker zu lassen.
Salomon begann leise zu lachen.
„Du bist furchtbar.“
„Seto ist furchtbar. Ich bin nur die Konsequenz davon.“
Das brachte seinem Großvater direkt ein deutlich lauteres Lachen heraus. Yugi schmunzelte leicht, während er weiterhin den Bildschirm betrachtete. „Trotzdem hast du ihn gern“, murmelte Salomon vergnügt. Sein Enkel lächelte nun etwas breiter. „Natürlich, wir kennen uns seit der Schule. Und irgendwie hat Seto damals beschlossen, ständig ein Auge auf mich zu haben.“
„Wie ein großer Bruder.“
„Ein ziemlich einschüchternder großer Bruder, ja.“ Yugi ließ ein leises Lachen hören. „Aber er meint es nicht böse. Meistens zumindest.“
Salomon schmunzelte vor sich hin. „Früher war er dafür öfter hier. Vor allem wenn es Essen gab.“
„Das war nicht wegen dem Essen“, meinte Yugi trocken. „Er wollte kontrollieren, ob ich wirklich meine Hausaufgaben gemacht habe.“
„Natürlich.“
„Ich mein das ernst. Der hat sich damals teilweise neben mich gesetzt, als wäre er mein persönlicher Aufpasser.“
Salomon lachte erneut leise. „Und heute sitzt du freiwillig Sonntags hier wegen ihm am Laptop.“
„Tja. Manche Probleme wird man nie los“, sagte Yugi lachend, dann lehnte er sich etwas zurück. „Timing passt jetzt wenigstens.“
„Mhm.“
„Dafür spinnt jetzt die Kamera.“
„Mhm.“
„Und die Lichtreflexionen.“
„Mhm.“
Yugi sah langsam zu seinem Großvater hoch, hob eine Augenbraue kritisch nach oben.
„Du hörst mir gar nicht zu.“ Doch Salomon schüttelte den Kopf und klopfte seinem Enkel auf die Schultern.
„Natürlich höre ich zu.“ Salomon grinste breit. „Ich verstehe nur absolut nichts.“
Ein leises Schnauben entkam Yugi, dann sah er wieder auf den Bildschirm. Sein Opa wandte sich wieder ab, da die Türglocke erneuet klingelte.
Die Spielfigur lief diesmal sauber über die Brücke der kleinen Stadt.
Keine Bugs.
Keine Glitches.
Die Kamera blieb stabil.
Einen Moment lang hielt Yugi inne. Dann leuchteten seine Augen plötzlich auf.
„Oh“, entkam es ihm, dabei setzte er sich sofort gerade hin, seine Finger flogen förmlich über die Tasten. Er machte ein paar kleine Änderungen im Einstellungsfenster und testete dann nochmal den ganzen Ablauf.
Und…
…es funktionierte.
Yugi starrte einige Sekunden schweigend auf den Bildschirm. Dann erschien langsam dieses kleine, ehrliche Lächeln auf seinem Gesicht.
„Das ist gut.“
Der Sonntag neigte sich einem Ende zu, doch Yugi war nicht bereit mit der Arbeit aufzuhören. Es sah aus als ob der junge Mann auch diese Nacht grösstenteils durcharbeiten würde…
Und so erwachte der Montag Morgen.
Yugi begann seine Morgen Routine fast schon automatisch. Vor dem Schrank griff er nach dem linken Stapel und suchte sich ein passendes Outfit zusammen.
In der Küche hatte er sich dann einen Kaffee gemacht, stark wie immer. Der erste Schluck war wie ein kleiner Schalter, der sich umlegte. Die Müdigkeit blieb irgendwo im Hintergrund, aber sie bekam keinen Raum mehr nach vorne.
Er zog sich seinen Mantel über und begab sich dann nach draussen. In der einen Hand hielt er sein Tablet, die andere war in seiner Manteltasche vergraben.
Die Luft fühlte sich frischer an als erwartet und genau das half ihm ein bisschen dabei, richtig wach zu werden. Die Strassen glänzten leicht vom nächtlichen Regen, an manchen Stellen waren noch grössere Pfützen vorhanden.
Er war etwas nervös, das war er immer vor einer Präsentation. Selbst wenn er wusste, dass es gut war, konnte er sie nicht abschütteln.
Draußen war die Stadt schon wach, aber noch nicht laut genug, um zu stören. Der Weg zur Kaiba Corporation war kurz, aber genau richtig, um den Kopf zu sortieren.
Vor der Kaiba Corporation herrschte bereits Betrieb. Mitarbeiter liefen mit Kaffeebechern und Tablets über den Vorplatz, automatische Türen öffneten und schlossen sich beinahe pausenlos und über allem thronte das riesige Firmengebäude mit seiner typischen, beinahe einschüchternden Präsenz.
Schnellen Schrittes bewegte er sich über den Vorplatz, während sein Blick immer wieder auf das Tablet in seiner Hand fiel. Seine Finger glitten routiniert über den Bildschirm, änderten hier und da noch Kleinigkeiten und kontrollierten zum vermutlich hundertsten Mal irgendwelche Werte.
Man sah sofort, dass er gedanklich längst bei seiner Präsentation war.
„Morgen, Muto“, begrüsste ihn ein Kollege beim Vorbeigehen und winkte ihm kurz zu. Yugi sah auf und grüsste denjenigen zurück, ehe er sich wieder seinem Tablet widmete.
Dann erklang hinter ihm das tiefe Geräusch eines Motors. Ein schwarzer Wagen bog auf den Vorplatz ein und hielt beinahe direkt neben ihm.
Yugi blieb stehen und sah von seinem Tablet auf. Die Tür öffnete sich. Seto kam aus dem Auto, während sein Blick direkt auf Yugi haften blieb.
„Du läufst und arbeitest gleichzeitig.“
„Nennt sich Effizienz.“
„Nennt sich unnötiges Risiko kurz vor einer Präsentation.“
„Dir auch einen Guten Morgen, Seto“, entgegnete Yugi mit einem belustigten Lächeln.
Seto schloss die Tür seines Wagens und blieb direkt neben ihm stehen, eine Hand bereits wieder in seiner Manteltasche vergraben, ignorierte die kleinen Sticheleien seines Angestellten. Dabei strahlte er eine solche Autorität und Kälte aus, dass die meisten Menschen einen grossen Bogen um ihn machten.
Seine Gesichtszüge waren meist emotionslos, arrogant und eisig. Nur manchmal konnte man durch diese Maske hindurchsehen.
„Du hast die Übergänge überprüft?“
„Dreimal.“
„Die Reaktionszeiten?“
„Viermal.“
„Und trotzdem siehst du aus, als würdest du gleich noch ein fünftes Mal kontrollieren“, sagte Seto neckend und konnte es kleines, eingebildetes Grinsen nicht ganz verhindern.
Jetzt schnaubte Yugi leise durch die Nase, kreuzte etwas beleidigt die Arme. Sein Chef konnte froh sein, dass er es in der kurzen Zeit geschafft hatte die meisten Probleme zu lösen.
„Du machst halt mich nervös“
„Gut.“
„Seto.“
„Wenn du entspannt bist, wirst du nachlässig.“
Yugis Augen verengten sich minimal, Seto dagegen grinste triumphierend.
„Ich hasse es, wenn du so hochnäsig wirst.“
„Nein. Du hasst nur, dass ich recht habe.“
Da war es wieder. Dieses kleine echte Schmunzeln auf Yugis Lippen, sein Gesicht wirkte um einiges weicher.
Einen Moment lang musterte ihn Seto gründlich, als würde er nach dem Haar in der Suppe suchen. Ein leises Schnauben entwich ihm, während er sich leicht zu mir beugte um mir in die Augen zu sehen.
„Hast du wenigstens geschlafen?“
Yugi öffnete den Mund, doch dann schloss er ihn wieder. Fühlte er sich nun doch etwas dabei ertappt, dass er grösstenteils auf seinen Schlaf verzichtete, weil er sonst nicht fertig geworden wäre.
Er kratzte sich verlegen den Kopf.
Seto seufzte leise.
„Also nein“, sagte der CEO mit einer etwas genervten Stimme und hatte diesen strengen, bösen Blick wieder aufgesetzt.
„Zwei Stunden zählen auch als Schlaf“, verteidigte sich der Kleinere und fand seine Stimme wieder. Doch Setos Blick wurde nicht weicher, im Gegenteil. „Du wolltest ja die Ergebnisse vollständig, das erfordert nunmal Opfer“, fügte Yugi schnell hinzu.
„Muss ich dir jetzt auch noch erklären, wann du ins Bett gehen solltest?“
Yugi musste lachen, schüttelte dabei den Kopf und hakte sich dann bei Seto ein, welcher dies mit einem leisen grummeln widerwillig akzeptierte. Er war einfach nicht der Mensch, der viel Nähe suchte und zuliess. Doch bei Yugi machte er immer eine Ausnahme.
Das Tablet hielt er locker mit der anderen Hand fest, während Seto ihn mit diesem typisch unbeeindruckten Blick ansah.
„Du bist heute besonders grimmig“, grinste Yugi den Grösseren frech an. Der verdrehte nur die Augen und lief mit ihm Richtung Eingang.
„Und du besonders anhänglich“
„Das nennt man emotionale Unterstützung.“
„Das nennt man Gleichgewichtsgefährdung.“
„Komm schon, Seto. Du brauchst mich heute noch.“
„Bedauerlicherweise.“
„Autsch.“
„Lauf einfach weiter.“
Yugi grinste nur breiter und betrat nun das Gebäude zusammen mit seinem alten Schulkameraden.
Was Yugi nicht wusste, dass zwei junge Männer die Szene beobachteten und zwar mit dem grössten Interesse.
Direkt gegenüber der Kaiba Corporation lag ein modernes Café mit großen Glasfenstern Richtung Vorplatz. Hier verbrachten viele Angestellte, die in den umgebenen Firmen arbeiteten oft ihre Pausen oder arbeiteten an ihren Laptops und sonstigen Bürokram.
Bakura hatte mittlerweile mehrere Listen vor sich verteilt und wirkte bereits jetzt genervt von der Existenz sämtlicher Eventplanungen. Er raufte sich durch die wilde, weisse Mähne und kritzelte den nächsten Punkt an auf der Liste.
„Warum brauchen wir plötzlich noch eine zweite Nebelmaschine?“, fragte er mit sichtlicher Irritation und musterte seinen Geschäftspartner, welcher ihm gegenüber sass. Yami scrollte ruhig durch die Budgetübersicht des Yoru.
„Weil du letztes Mal meintest, dass die Bühne zu wenig Atmosphäre hatte“, erklärte Yami ihm sachlich, doch Bakura verdrehte leicht die Augen. „Damit meinte ich nicht zu wenig Nebel, sondern zu wenig Farbwechsel in unseren Lichtanlagen.“
„Dann pack stattdessen eine neue Lichtanlage drauf. Besser?“
Der Weisshaarige grinste zufrieden und strich die Nebelmaschine durch.
„Okay, also neue Lichtanlagen, einer dieser LED-Tunnel für den Eingang—“
„Zu teuer“, unterbrach in Yami abrupt, funkelte seinen Gegenüber mit verengten Augen an. „Das hab ich dir schon letztes Mal gesagt. Das ist völliger Quatsch.“
„Wir haben aber das Budget“, diskutierte Bakura weiter. Er wollte unbedingt auch so einen LED Tunnel wie die anderen Clubs haben, doch Yami spielte immer wieder den Vernünftigen und gönnte einem gar keinen Spass.
„Damit wir dann genau gleich wie alle anderen Clubs sind? Nein, danke. Wir haben Klasse.“
„Nein, du bist einfach langweilig“, stichelte Bakura weiter, welcher soeben mit einer Serviette abgeworfen wurde.
„Ich bin verantwortlich… Schreib noch eine zusätzliche Security auf.“ Yami lehnte sich in die Bank zurück und nahm einen Schluck von seinem schwarzen Kaffee. Etwas missmutig beobachtete Bakura das dunkle Gebräu. Zumindest etwas Milch brauchte er schon in seinem Kaffee, doch Yami hatte ja sowieso keinen Geschmack, wenn er schon die LED Säule nicht wollte.
„Noch einer?“, fragte der Weisshaarige nun doch verwirrt nach, als er sich die Worte nochmal durch den Kopf gehen liess. Yami hob eine Augenbraue an und betrachtete seinen Freund mit einem etwas genervten Blick.
„Letztes Mal hat jemand versucht die DJ-Kabine hochzuklettern. Das können wir uns Versicherungstechnisch nicht erlauben, dass dann ein anderer Idiot sich noch das Bein bricht bei uns.“
Bakura entwich ein vergnügtes Lachen als er sich wieder an besagten Abend zurückerinnerte.
„Er hatte Ambitionen“, klopfte er auf den Tisch, feierte den Kerl in die höchsten Töne.
Doch Yami war nicht ganz so begeistert davon.
„Er hatte acht Tequila.“, sagte er kurz und knapp, widmete sich wieder dem Budgetplan und machte einige kleine Abänderungen. „Wir brauchen auch neue Getränkehalter für die VIP-Lounge.“, murmelte er noch ergänzend.
„Wie zerstört man Getränkehalter?“ Fassungslos kritzelte Bakura den Punkt auf, schüttelte irritiert den Kopf.
„Frag den Idioten, der dich letztes Mal zu…“ Yami unterbrach sich selbst als er bemerkte, dass Bakura aus dem Fenster schaute und wohl irgendwas interessantes entdeckt hatte.
„Da vorne“, murmelte der Grössere und zeigte mit dem Finger in die Richtung, wo sein Blick hängen blieb. Yami sah nun auch hinaus und da…
Sah er ihn…
Yugi.
Für einen Moment erkannte er ihn beinahe nicht wieder.
Nicht sofort.
Nicht der Verkäufer aus Muto’s Games, der zwischen Spielregalen stand mit hellen Farben, weichen Stoffen und diesem ruhigen, beinahe sanften Auftreten.
Dieser Yugi hier war etwas völlig anderes.
Der dunkle Mantel reichte ihm bis über die Knie und bewegte sich leicht im Morgenwind, die hellen Langarmshirts und Pullunder wurden durch ein dunkles Hemd ersetzt, welches seine schmale Figur elegant nachzeichnete.
Der sonst so weiche und warme Blick hatte kühlere Züge angenommen.
Man sah ihm an wohin er in diesem Firmenviertel gehörte. Er wirkte scharfkantiger. Erwachsener.
Das hier war der Entwickler.
Derjenige, der Nächte durcharbeitete.
Der mit Seto Kaiba diskutierte.
Der Systeme erschuf, Entscheidungen plante und Welten zusammensetzte.
Und trotzdem war es derselbe Mensch.
Yami bemerkte, wie absurd dieser Kontrast eigentlich war. Fast so, als hätte Yugi verschiedene Versionen von sich selbst, abhängig davon, wo man ihm begegnete.
Er beobachtete wie Yugi etwas auf seinem Tablet tippe, schien ganz vertieft in irgendwelche Daten zu sein. Dann hielt auf einmal neben ihm ein schwarzes Auto, woraus der CEO der Kaiba Corporation hinaustrat.
Die beiden blieben zunächst nebeneinander stehen und begannen sofort miteinander zu diskutieren, während Yugi nebenbei immer noch sein Tablet überprüfte
„Er gefällt dir“, unterbrach die Stimme Bakuras kurz Yamis Gedanken. Er nahm einen weiteren Schluck seines Kaffees und ignoriert seinen besten Freund. Jener grinste nun noch breiter, ihm entwich ein leises Lachen.
Yami ließ den Blick wieder über den dunklen Mantel gleiten, über die elegante Silhouette, die ruhige Haltung, dieses kontrollierte Auftreten.
Dann dachte er wieder an den Verkäufer hinter dem Tresen.
An die violetten Augen zwischen den warmen Lichtern des kleinen Ladens.
An dieses freche Grinsen, wenn Yugi wusste, dass er jemanden durchschaut hatte.
Obwohl Yugi gerade so distanziert wirkte, reichte ein einziges kleines Schmunzeln, dass er Seto schenkte und plötzlich war da wieder derselbe warme Ausdruck aus dem Laden.
Es veränderte sofort sein ganzes Gesicht…
Und dann hakte Yugi sich plötzlich einfach bei Seto ein.
Bakura blinzelte, sah noch einmal nach draußen und zog dann langsam eine Augenbraue hoch.
„…soll ich mich zukünftig auch so bei dir einhaken, Boss?“
Yamis Blick ging nur kurz zu ihm rüber, versuchte ihn mit seinen Blicken zu töten.
„Nein.“
„Schade.“
Bakura lehnte sich zurück, grinste aber schon.
Draußen lief Yugi völlig selbstverständlich neben Seto Kaiba her, eingehakt, als wäre das nichts besonderes. Kaiba wirkte genervt, aber ließ es trotzdem zu.
Bakura pfiff leise durch die Zähne. „Das sieht schon ziemlich… vertraut aus.“
„Halt die Klappe!“
„Ah.“ Bakura grinste breiter. „Eifersüchtig?“
„Nein.“
„Klingt aber so.“
Yami ließ den Blick noch einen Moment draußen hängen, sah wie nun die beiden in dem grossen Gebäude verschwanden. Langsam fragte er sich immer mehr, wie Yugi wohl war, wenn gar keine Arbeit mehr zwischen ihm und der Welt stand.
Nicht als Verkäufer.
Nicht als Entwickler.
Einfach nur privat.
Wie sprach er zuhause? Wie verhielt er sich mit engen Freunden? Die Vorstellung fühlte sich plötzlich viel zu interessant an.
„Also, wenn wir die neuen Lichtanlagen nehmen, müssen wir beim Dekobudget runter.“ Bakura widmete sich wieder der Einkaufsliste um Yami auf andere Gedanken zu bringen.
„Mach das.“
„Und die Spezialeffekte?“
„Nur für Mitternacht.“
Yami antwortete fast automatisch, während er immer noch nach draussen sah. Bakura seufzte und schrieb alles nieder. Das konnte ja noch was werden.
Die Tage vergingen und der Samstag kam schneller, als die Woche sich angefühlt hatte.
Yami stand vor Muto’s Games, die eine Hand locker in der Tasche, den Kaffeebecher noch warm in der anderen Hand. Für einen Moment blieb er einfach stehen, bevor er überhaupt hineinging. Als würde er sich selbst kurz fragen, warum genau er eigentlich früher da war als nötig.
Die Türglocke klingelte leise, als er eintrat.
Und diesmal war es anders.
Nicht, weil sich der Laden verändert hatte, sondern weil er ihn zum ersten Mal wirklich sah und nicht nur grob überflog wie die letzten Male.
Die Verkaufstheke zog sofort seinen Blick auf sich. In sie war eine kleine Vitrine eingelassen, sauber beleuchtet, darin lagen sorgfältig ausgewählte, offensichtlich wertvolle Karten. Nicht einfach Dekoration, sondern fast wie eine kleine Ausstellung dessen, was hier wichtig war. Darauf stand ein kleines Regal mit ordentlich sortierten Boosterpacks, damit man wohl vor dem endgültigen Kauf noch verlockt war ein solches Päckchen zu kaufen.
Hinter der Theke selbst standen weitere Regale, ebenfalls gefüllt mit Packs, sortiert nach Reihen, Farben und Editionen. Sehr gründlich.
Neben der Kasse stand eine kleine Tasse mit dem Muto’s Games Logo, gefüllt mit Kugelschreibern, alle mit dem gleichen Branding. Nerdige Kugelschreiber, wie Yami es innerlich unwillkürlich nannte.
Über allem hing ein Schild an der Rückwand.
Muto’s Games
Darunter ein schlichtes Drachen-Logo, stilisiert, freundlich, aber trotzdem mit dieser gewissen Stärke, die man nicht übersehen konnte. Im Laden sind lauter kleine Dinge verteilt, die fast beiläufig wirkten: Plüschfiguren aus bekannten Spielen, auf Regalen platziert, als hätten sie hier genauso ihren Platz wie die Karten selbst.
Der Laden war nicht nur ein Geschäft.
Er war… Persönlichkeit.
Man merkte die Liebe zum Detail hier drinnen besonders stark. Wie konnte ihm das alles vorher nicht aufgefallen sein? Oder hatte die Aussage, dass er nicht alles gründlich prüfte im Spiel auch eine Wahrheit in der Wirklichkeit?
Er schüttelte den Gedanken ab und sah dann zu ihm.
Hinter dem Tresen, gerade mit irgendeiner Liste beschäftigt.
Diesmal trug er ein weisses Langarmshirt, sauber und schlicht, darüber einen dezenten Pullunder in einem Fliederton, der ihn besonders warmherzig aussehen liess. An seinen Handgelenken lagen feine Armbänder, unaufdringlich, aber bewusst gewählt. Die kleine Kette an seinem Hals bewegte sich leicht, wenn er sich umdrehte. Sie hatte etwas besonderes an sich, als wäre es nicht nur irgendein Schmuckstück.
Und dann fiel sein Blick auf das kleine Detail an seinem Gürtel.
Ein kleiner flauschiger Anhänger, ein Kuriboh, weich wirkend und fast absurd niedlich im Kontrast zu allem anderen. Er hing dort, als wäre er einfach Teil von ihm geworden.
Yugi hob den Blick und lächelte leicht, als er ihn bemerkte.
„Du bist früh.“
Yami trat näher an den Tresen und stellte seinen Kaffee darauf ab.
„Ich brauche deine Hilfe.“