Kapitel 6 - Dinge, die man sich merkt
Kapitel 6 - Dinge, die man sich merkt
Kurzes Vorwort:
Ich weiss, jetzt kam einige Wochen nichts, was daran lag, dass ich einige Bestellungen hatte, die ich herstellen musste. Ich konnte weder lesen, schreiben noch sonst irgendwas machen was ich liebe. Deswegen entschuldigt für die Verspätung, aber das Kapitel ist dafür doppelt solang. Ich hoffe es hat nicht zu viele Fehler und lässt sich gut lesen, aber ich war jetzt ehrlich gesagt zu müde, es nochmal zu prüfen. Das mache ich vielleicht nachträglich noch. xD Also viel Spass.
Kapitel 6 – Dinge, die man sich merkt
„Ich brauche deine Hilfe.“
Yugi blinzelte ihn hinter dem Tresen kurz überrascht an. Die Liste, welche er soeben noch bearbeitete, schob er beiseite.
Für einen Moment musterte er Yami einfach nur schweigend. Er hatte nicht mit sowas gerechnet, eher dass der Andere weitere Fragen zum Spiel hätte oder sich beschweren wollte.
Nun brauchte er jedoch seine Hilfe. Ein leichtes Lächeln zog sich über seine Lippen und sah dann seinen Gegenüber freundlich an.
„Das klingt ernst“, meinte Yugi dann schließlich etwas belustigt. „Also, worum gehts?“
Yami nahm einen Schluck von seinem Kaffee und stellte den Becher dann auf der Theke ab.
„Ich brauche ein Geschenk.“ Ein schiefes Lächeln zierte Yamis Lippen, sah direkt in die Augen seines kleinen Verkäufers.
„Okay…?“ Yugis Blick wurde leicht fragend. „Für wen?“
„Bakura.“
Sofort schien es bei Yugi Klick zu machen.
„Ahh… Dein Freund.“
„Leider“, grummelte Yami gespielt, hatte wieder dieses freche Funkeln in den Augen.
Yugi musste leise lachen.
„Du klingst unglaublich begeistert von ihm.“ Er stützte sich mit seinen Armen auf dem Tresen ab und schaute seinen Kunden abwartend an. Yami seufzte laut auf und kratzte sich mit der Hand am Ohr.
„Er hat bald Geburtstag.“
Yugi nickte verständnisvoll, nun verstand er langsam das Problem. Sein Blick wurde etwas weicher, beinahe amüsiert.
„Und du hast keine Ahnung was du ihm schenken sollst.“ Yami entging das feine, freche Zucken in Yugis Gesicht nicht. Er verschränkte nun locker die Arme vor der Brust.
„Normalerweise schenke ich ihm Alkohol oder Geld.“
Yugi verzog empört das Gesicht. Er schüttelte langsam den Kopf, dabei stiess er sich von dem Tresen ab und stemmte die Arme tadelnd in die Hüfte.
„Das ist erschreckend unkreativ. Ich habe ehrlich gesagt etwas mehr Einfallsreichtum erwartet. Ich dachte, ihr wärt Freunde?“ In Yugis Stimme konnte man die Fassungslosigkeit regelrecht heraushören, er mochte diese einfallslosen Geschenke gar nicht. Er fand es wichtig, dass man sich mit der beschenkten Person auch auseinandersetzte um jene wirklich eine Freude zu bereiten.
„Es funktioniert“, verteidigte sich Yami nun und hob abwehrend die Hände vor seiner Brust. Doch Yugis Augen verengten sich und sahen ihn kritisch an.
„Das sagen auch Leute, die jeden Tag Fastfood essen.“
Nun entkam Yami ein leises Schnauben, seine Arme senkten sich wieder.
„Das ist halt nicht meine Stärke.“
„Nicht nur im Spiel läufst du an allem vorbei, sogar im echten Leben übersiehst du Dinge und nimmst dir die Zeit nicht“, murmelte Yugi nachdenklich und erntete dafür den empörten Blick Yamis. Dann aber erschien ein sanftes Lächeln in Yugis Gesicht.
„Deswegen bist du jetzt hier. Du willst das ändern.“ Einen kurzen Moment entstand diese Stille. Die Empörung verschwand langsam aus Yamis Gesicht, zurückblieb einem leichte Verlegenheit. Er fühlte sich ertappt.
Im Hintergrund erklang das Geräusch von Kartons, die über den Boden geschoben wurden. Kurz darauf tauchte Salomon hinter einem Regal auf, mehrere Boosterboxen in den Armen balancierend.
„Yugi hat recht“, mischte der ältere Mann sich plötzlich ganz selbstverständlich ein. „Geschenke brauchen Persönlichkeit.“
Yami seufzte ergeben. „Ist ja gut. Deswegen habe ich gehofft, dass ihr mir helfen könnt.“
„Natürlich“, sagte Salomon fröhlich und begann die Boosterpacks ordentlich hinter dem Tresen einzuräumen. „Das gehört zum Service.“
Da Yami sich kurz auf Salomon konzentrierte, bemerkte er nicht wie Yugi ihn einen Moment lang beobachte und leise etwas vor sich hin murmelte: „Das Spiel verändert dich“ Yugi löste sich wieder aus seiner Beobachtung und widmete sich wieder der grossen Frage was man schenken könnte.
„Okay. Was mag Bakura denn normalerweise?“, fragte er nun interessiert nach um dem Armen aus der Patsche zu helfen.
Yami runzelte die Stirn, ging im Kopf alles durch an Spielen, die er bei seinem Kumpel Zuhause mal gesehen hatte.
„Schwierige Spiele“, kam schliesslich nach einiger Überlegung aus seinem Mund. Er beobachtete wie Yugi sich mit einem Finger nachdenklich auf die schönen, vollen Lippen tippte. Sie sahen so… weich aus… Yami gab sich eine mentale Ohrfeige, dass er schon wieder in solche Gedanken abdriftete.
„Das grenzt die Sache unfassbar wenig ein“, kam nach einiger Zeit aus dem Mund des Kleineren.
Für einen kurzen Moment entstand nur das leise Geräusch raschelnder Verpackungen und gedämpfter Musik aus dem kleinen Radio hinter der Kasse. Durch die Fenster fiel warmes Vormittagslicht in den Laden und spiegelte sich leicht in der kleinen Vitrine der Verkaufstheke.
Yami dachte weiter nach.
„Psychologische Sachen. Horror. Rätsel. Spiele bei denen man sich unwohl fühlt.“
Yugis Augen wurden grösser und interessierter, als wäre ihm wieder etwas eingefallen, was er beinahe aus dem Gedächtnis gelöscht hatte. Er faltete seine Hände und schweifte mit seinem Blick kurz über den gesamten Laden.
„…oh.“
„Was?“, fragte Yami sofort misstrauisch und beobachtete jede Bewegung seines kleinen Verkäufers.„Bakura war schonmal hier. Jetzt weiß es ich wieder, er hat ein Spiel gekauft.“
„Und du erinnert dich noch daran was er gekauft hat?“
Yugi drehte sich wieder zu ihm um.
„Natürlich erinnere ich mich daran.“ Fast wirkte er etwas beleidigt über die Frage. „Er hat ein Spiel gekauft, das sonst kaum jemand freiwillig anfasst.“
Nun war Yamis Interesse endgültig geweckt.
„Welches?“
Yugi dachte kurz nach.
„Das war… vor ein paar Wochen… Noch bevor du das erste Mal hier warst.“ Seine Augen wanderten nachdenklich zu einem Regal voller Spiele eines bestimmten Genres. „Er stand ewig vor dem Regal und hat mit sich selbst diskutiert.“
„Klingt nach Bakura…“
Salomon begann hinter dem Tresen bereits zu lachen, noch bevor Yugi überhaupt weitersprach. Yami beobachtete die Szene völlig irritiert, verstand nicht was genau jetzt vor sich ging. Yugi ging langsam an dem bestimmten Regal entlang. Seine Augen waren konzentriert, die Augenbrauen leicht zusammen gekniffen. Seine Finger glitten dabei über die verschiedenen Spielhüllen, während er offensichtlich nachdachte.
„Er hat mich gefragt, ob das Spiel wirklich so schlimm ist wie die Reviews behaupten…“, murmelte Yugi beinahe mehr für sich und suchte besagtes Spiel in dem Meer aus Spielhüllen.
„Und?“, fragte Yami nach, die Arme nun vor der Brust gekreuzt.
Auf Yugis Gesicht schlich sich ein freches Grinsen, dabei sah er triumphierend zu Yami und hielt nun besagtes Spiel in der Hand, welches er soeben aus dem Regal gezogen hatte.
„Ich hab ihm gesagt, wenn er nach drei Stunden noch emotional stabil ist, bekommt er von mir einen Rabattgutschein.“
Yami schnaubte leise durch die Nase und schüttelte sachte den Kopf.
„Das hast du nicht gesagt.“
„Doch“
„Hat er’s gekauft?“
„Natürlich“, schnaubte Yugi belustigt.
Ein leises Räuspern erklang.
„Zwei Tage später kam er wieder“, warf Salomon ganz nebenbei ein, während er die neuen Boosterpacks einsortierte.
„Und hat sich beschwert“, ergänzte Yugi trocken, während er mit der Spielhülle in der Hand spielte.
„Worüber?“
„Dass das Spiel krank ist.“
Yami musste nun tatsächlich lachen. „Aber hat er den Gutschein nun gekriegt oder nicht?“, fragte er nun neugierig nach. Als er Yugis Blick sah, welcher sich soeben verfinsterte, konnte er sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
„Ja… Ehrlich gesagt, bin ich davon ausgegangen, dass er wie jeder vor ihm an dem Spiel scheitern wird und es dann zurückgibt. Aber er scheint kaputter im Kopf zu sein als ich zu Beginn gedacht habe. Auch wenn er sich beschwert hat, er hat’s behalten. Mt dem Gutschein.“ Das Letzte war nur noch ein leises Murmeln, aus dem man klar die Niederlage heraushören konnte. Es passierte wohl nicht oft, dass Yugi sich in seinen Kunden irrte.
Salomon begann hinter dem Tresen leise zu lachen.
Er schüttelte amüsiert den Kopf. „Die meisten Leute geben das Spiel nach zwei Stunden wieder zurück. Konnte niemand ja ahnen, dass der Junge ganz anders tickt.“
Yami näherte sich nun Yugi. Das Cover war ungewöhnlich schlicht, fast komplett dunkel. Nur eine alte Tür war darauf zu sehen. Leicht geöffnet und dahinter… nichts.
Keine Monster. Keine Figuren. Nur Schwärze.
„Nocturne House“, sagte Yugi und hielt ihm die Hülle hin. Yami nahm das Spiel entgegen und betrachtete schweigend das Cover.
„Das Spiel ist berüchtigt“, erklärte Yugi nun etwas ruhiger. „Nicht wegen Jumpscares oder Kämpfen.“ Er verschränkte locker die Arme. „Sondern weil es dich psychologisch komplett fertig macht.“
„Das klingt exakt nach etwas, das genau nach Bakuras Geschmack ist.“
„Anscheinend.“
Yugis Blick wanderte kurz zur Hülle.
„Das Spiel manipuliert Geräusche, verändert Räume plötzlich ohne Vorwarnung und merkt sich bestimmte Verhaltensmuster vom Spieler.“ Seine Augen wurden leicht interessierter, sobald er darüber sprach. „Wenn man zu vorsichtig spielt, passieren andere Dinge, als wenn man aggressiv oder neugierig handelt.“
„Also ein Spiel, dass dir keinerlei Sicherheit gibt was kommt.“
„Ja, sozusagen. Es will dich in die Irre führen.“
Yami betrachtete die Verpackung noch einen Moment länger bis er seinen Blick wieder hob und Yugi ansah. Sein Gegenüber hatte dieses Glänzen in den Augen, wenn er über die verschiedenen Spiele sprach. Das war… mitreissend…
Kein Wunder kaufte man ihm alle Spiele ab, die er einem empfahl. Mit solch einer Begeisterung wurde man regelrecht angesteckt und dazu verleitet ihm blind zu vertrauen.
„Hat Bakura es durchgespielt?“
„Keine Ahnung. Er war seitdem nur die beiden Male mit dir hier und eher damit beschäftigt dir auf die Nerven zu gehen“, lachte nun Yugi auf und hatte wieder dieses freche Funkeln in den Augen.
Wieder entstand dieses angenehm ruhige Gefühl zwischen den Gesprächen. Das leise Rascheln von Kartenpackungen. Musik im Hintergrund. Irgendwo diskutierte Salomon inzwischen nun mit einem Kunden über Sammlerkarten.
Yami bemerkte erneut, wie anders dieser Laden wirkte als alles anderen in Domino City. Hier hatte man dieses Gefühl von Zuhause, als wäre man zu Besuch bei Freunden. Die Wärme. Die Ruhe.
Und mittendrin stand Yugi, während er mit leuchtenden Augen Horrorspiele erklärte, die an der Psyche der Menschen spielten.
Der Kontrast war irgendwie absurd.
„Erstaunlich, dass du dich noch daran erinnerst“, stellte Yami schließlich ruhig fest und unterbrach diese angenehme Stille. Yugi sah überrascht zu ihm hoch.
„Hm?“
„Ich hätte gedacht, nach all den Kunden verschwimmt das irgendwann.“
Ein leichtes Lächeln erscheint auf Yugis Lippen, mit seinen grossen Augen betrachtete er Yami einen Moment lang ruhig.
„Ich merke mir keine Käufe.“
Yugi schüttelte leicht den Kopf.
„Ich merke mir Menschen.“
Für einen Moment ruhte sein Blick auf der Spielhülle in Yamis Händen.
„Die Spiele sind nur der einfachste Weg, etwas über sie zu erfahren.“
Yugi sah die Menschen. Er registrierte sie nicht einfach nur, er sah wirklich den Menschen dahinter. Er kratzte nicht nur an der Oberfläche herum, sondern las sie wie ein offenes Buch. Man kam sich so ungeschützt vor, wenn diese grossen Augen einen musterten. Vielleicht war genau diese Eigenschaft der Grund, weshalb er Spielentwickler wurde… Weil er die Spieler sah, dass was sie berührte und was sie von einem Spiel erwarteten.
„Was hast du dann über mich gelernt?“, fragte Yami nun. In seinen Augen war dieser kleiner Funken entfacht, nicht herausfordernd, eher neugierig.
„Und komm mir nicht, dass ich an allem vorbeigehe!“, fügte er schnell hinzu als er Yugi fieses Grinsen sah, was demjenigen nun ein triumphierendes Lachen entlockte.
Wenn Yugi lachte, dann verschwamm die Welt um Yami, er konnte sich dann nur noch auf diesen jungen Mann konzentrieren. Sie waren sich noch so fremd, wie Verkäufer und Kunden nun mal waren, aber Yugi machte so viel mit ihm ohne, dass es demjenigen vielleicht bewusst war.
Oder doch? Was war nur los mit ihm? So war er doch sonst nicht.
Für einen Moment schien Yami tatsächlich darüber nachzudenken, was das hier für ihn war.
Yugi lehnte sich leicht an das Regal hinter ihm und kreuzte die Arme vor seiner Brust. Er schien nachzudenken, was er auf die Frage antworten soll. Sein Kopf neigte sich leicht zur Seite, weswegen ihm seine Strähnen ins Gesicht fielen.
„Dass du Dinge gern verstehst“, kam es nun von Yugi, sein Blick war nun ernst.
Yami hob eine Augenbraue, hatte er doch irgendwie was anderes und… mehr erwartet.
„Das ist alles?“ Die Worte klangen beinahe enttäuscht. Ein kleines Schmunzeln erschien auf Yugis Lippen. Er mochte diese Dynamik zwischen ihnen sehr. Diese Art, wie Yami nie einfach nur eine Antwort hinnahm. Wie aus einer Frage sofort die nächste entstand.
Die meisten Kunden suchten einfach nach einem Spiel, aber Yami schien ständig nach mehr zu suchen.
„Du hast nach etwas über dich gefragt. Nicht nach einer Liste“, sagte Yugi stichelnd und sah, wie Yami die Hülle in seiner Hand musterte. Das leichte belustigte Kopfschütteln entging ihm nicht.
„Und woran hast du das festgemacht?“
„Du stellst viele Fragen.“
„Das tun die meisten Menschen.“
„Nein.“ Yugi schüttelte leicht den Kopf. „Die meisten Menschen wollen Antworten. Du willst Zusammenhänge.“ Einen Moment entstand wieder diese angenehme Stille zwischen ihnen. Yami bemerkte, dass Yugi ihn dabei ungewöhnlich aufmerksam ansah.
Nicht unangenehm.
Aber aufmerksam.
Er las ihn wieder…
„Und?“
Yugi lächelte leicht.
„Und du gibst dich selten mit der ersten Antwort zufrieden.“
Yami musste leise durch die Nase ausatmen. Er kam sich wieder so nackt vor. Normalerweise war er es, der Menschen einschätzte und zwischen den Zeilen las.
Bei Yugi dagegen hatte er das Gefühl, vor einem geschlossenen Buch zu stehen.
Einem geschlossenen Buch mit einem Vorhängeschloss.
Mit einer Bedienungsanleitung in einer unbekannten Sprache.
Das wiederum in einem Safe lag.
Und irgendjemand hatte den Safe anschließend im Meer versenkt.
Yami drehte die Spielhülle langsam in den Händen.
„Und was verrät das hier über mich?“
„Dass dir diese Person wichtig ist.“
Die Antwort kam so selbstverständlich, dass Yami sie nicht sofort einordnen konnte. Sie war so… persönlich.
Yugi deutete leicht auf die Hülle.
„Du bist hier, weil du etwas finden willst, das ihm genauso gut gefällt wie dieses.“
Er machte eine kurze Pause, dann hatte er dieses leichte Schmunzeln auf den Lippen und sah ihn mit diesem warmen Blick an.
„Du suchst nicht einfach nach einem Spiel. Du suchst nach einer Geschichte, die zu jemand anderem passt.“
Yami wusste nicht wie er genau darauf reagieren sollte, es war unangenehm zutreffend, was der junge Verkäufer von sich gab. Er verfiel in seine übliche Haltung und liess die Aussage nicht an sich heran. Versuchte es zumindest. Yami ließ den Blick noch einen Moment auf der schwarzen Spielhülle ruhen, bevor er sie langsam Yugi gab. Das matte Cover spiegelte für einen kurzen Augenblick das warme Licht des Ladens wider, ehe Yugi es wieder zwischen die anderen Spiele schob.
„Gut“, meinte Yami schließlich ruhig. „Dann wissen wir wenigstens, in welche Richtung wir suchen müssen.“
Yugi nickte leicht.
„Mhm. Das hilft mir.“ Er bemerkte, dass seine Aussage vorhin wohl etwas in Yami ausgelöst hatte, was dieser nicht weiter beachten wollte. Das respektierte er.
Sein Blick wanderte bereits wieder über die Regale, während er nachdachte. Man sah ihm richtig an, wie sein Kopf arbeitete. Dieses ruhige Analysieren, das scheinbar vollkommen automatisch geschah. Als würde er innerlich jede Spielhülle im Laden durchgehen und gleichzeitig überlegen, welches Spiel zu welchem Menschen passen könnte.
„Also… eher psychologisch“, murmelte Yugi mehr zu sich selbst. „Düster. Anspruchsvoll… vermutlich.“
„Sehr.“
„Und er mag Dinge, die ihn herausfordern.“
Er bewegte sich langsam durch die Regalreihen, seine Finger glitten dabei immer wieder über einzelne Spielhüllen. Manche zog er kurz hervor, betrachtete sie für eine Sekunde und schob sie wieder zurück. Andere ignorierte er.
Yami folgte ihm mit etwas Abstand.
Wieder fiel ihm auf, wie selbstverständlich Yugi sich hier bewegte. Fast so, als wäre der Laden einfach eine Verlängerung seiner selbst. Er musste nicht überlegen wo etwas stand. Er wusste es einfach. Es wirkte fast so, als würde Yugi innerlich sämtliche Spiele des Ladens katalogisieren und gleichzeitig analysieren, welches am besten zu jemandem passte, den er eigentlich kaum kannte.
Im Hintergrund hörte man Yugis Grossvater wie er mit einem jungen Kunden über irgendwelche Karten diskutierte.
„Nein, nein“, erklärte der alte Mann völlig überzeugt und hielt dabei zwei Kartenpackungen nebeneinander. „Die neue Edition hat viel schönere Illustrationen. Die hier sieht aus als hätte der Drache Rückenschmerzen.“
Der Kunde begann laut zu lachen.
Yami schnaubte leise durch die Nase, während sein Blick wieder zu Yugi wanderte.
Dieser blieb nun vor einem der hinteren Regale stehen. Dort waren die Cover deutlich düsterer gehalten. Weniger Farben, schlichtere Designs. Nach dem Motto Stille Wasser waren tief.
„Hm…“ Yugis Finger stoppten an einer Hülle. „Das wäre zu offensichtlich.“
Er zog das Spiel halb hervor, betrachtete das Cover kurz und schob es wieder zurück.
„Zu viele Jumpscares“, erklärte er beiläufig.
„Du klingst enttäuscht.“
„Ich hasse billigen Horror.“
„Interessant.“
„Wenn ein Spiel mich erschrecken will, soll es sich wenigstens Mühe geben“, grummelte Yugi etwas abschätzend vor sich hin. Offenbar kein fan dieses Spiels.
Yami beobachtete ihn schweigend weiter.
Dann kniete Yugi sich leicht hin um die unteren Regale zu durchsuchen. Der fliederfarbene Pullunder spannte sich leicht über seinen Schultern, während die kleine silberne Kette an seinem Hals kurz im Licht schimmerte. Der kleine Kuriboh-Anhänger an seinem Gürtel bewegte sich leicht mit jeder Bewegung.
Irgendwie schaffte Yugi es gleichzeitig vollkommen ordentlich und komplett unabsichtlich niedlich auszusehen.
Was ehrlich gesagt langsam ein Problem wurde.
„Ah… Nein das wäre zu frustrierend.“
…
„…ah.“
Yugi zog schließlich zwei Spiele aus dem Regal und richtete sich wieder auf.
„Okay. Vielleicht die hier.“
Er hielt beide Hüllen nebeneinander und richtete sich nun wieder auf.
Das erste Cover zeigte eine verlassene U-Bahnstation. Kaltes Neonlicht flackerte über nassen Betonboden, irgendwo weiter hinten stand eine dunkle Gestalt zwischen den Gleisen. Nicht ganz sichtbar. Gerade genug, dass man hinsah.
Das zweite Spiel wirkte deutlich schlichter. Fast komplett weiß. Keine Figuren. Keine Monster. Nur ein einzelnes schwarzes Auge in der Mitte des Covers.
Yami betrachtete beide schweigend.
„Das hier“, begann Yugi und hob das erste leicht an, „geht eher Richtung atmosphärischer Horror.“
„Also?“
„Keine übertriebenen Monster.“ Yugis Blick glitt kurz über das Cover. „Das Spiel arbeitet viel mit Geräuschen und Orientierung. Die Umgebung verändert sich ständig leicht. Räume sind plötzlich anders aufgebaut als vorher. Türen verschwinden. Solche Sachen.“
„Klingt anstrengend.“
„Ist es auch.“ Ein kleines Grinsen huschte über Yugis Gesicht, während er begeistert mit dem Kopf nickte. „Vor allem nachts mit Kopfhörern.“
Yami konnte sich bildlich vorstellen wie Bakura genau sowas freiwillig um drei Uhr morgens spielte nur um sich danach aggressiv über das Spiel aufzuregen. Irgendwie passte das erschreckend gut.
Dann hob Yugi das zweite Spiel leicht an.
Und sofort veränderte sich sein Blick etwas. Er wurde interessierter.
„Das hier dagegen ist… fies.“
„Fies?“
„Psychologisch fies.“ Yugi drehte die Hülle leicht in seiner Hand. „Das Spiel merkt sich unglaublich viele Kleinigkeiten.“
„Wie bei meinem Spiel?“
Yugi hob leicht überrascht den Blick zu ihm hoch. Offenbar hatte er nicht erwartet, dass Yami diesen Vergleich ziehen würde. Dann lächelte er leicht.
„Ähnlich. Aber aggressiver.“
Yami verschränkte locker die Arme vor der Brust.
„Wie aggressiv?“
„Es analysiert dein Verhalten permanent.“ Yugis Stimme wurde ruhiger, konzentrierter. Genau dieser Tonfall, den er immer bekam wenn er über Spiele sprach, die ihn wirklich interessierten. „Nicht nur offensichtliche Entscheidungen. Auch Dinge, die Spieler normalerweise ignorieren. Es merkt sich viele Entscheidungen im Hintergrund. Nicht nur offensichtliche.“ Yugis Blick wurde aufgeregter, sobald er über das Spieldesign sprach. „Kleine Dinge. Wie lange du in bestimmten Räumen bleibst. Ob du Gespräche früh beendest. Ob du Dinge ignorierst.“
Seine Finger strichen leicht über den Rand der Verpackung.
„Wie lange du in bestimmten Räumen bleibst. Ob du Gespräche abbrichst. Ob du dich oft umsiehst. Welche Dinge du untersuchst und welche nicht.“
Yami betrachtete schweigend das schlichte Cover mit dem schwarzen Auge.
„Das klingt weniger nach einem Horrorspiel und mehr nach einer Persönlichkeitsanalyse.“
„Exakt deswegen mochten es viele Leute nicht. Das Spiel fühlt sich irgendwann unangenehm persönlich an.“
„Und Bakura würde sowas mögen.“
„Ich denke schon.“
Salomon tauchte plötzlich wieder neben ihnen auf, als hätte er heimlich die ganze Zeit zugehört.
„Der weißhaarige Junge wirkt wie jemand, der genau diese Art Spiele braucht um sich selbst herauszufordern.“
„Das tut er“, bestätigte Yami trocken.
Salomon nickte vollkommen überzeugt.
„Dann eindeutig das Weisse.“
Yugi sah zu seinem Großvater rüber, hob das Spiel mit dem weissen Cover in die Höhe.
„Meinst du?“
„Mhm.“ Der alte Mann deutete auf das schlichte Auge auf dem Cover. „Das andere erschreckt dich nur während dem Spielen.“ Dann grinste er vergnügt. „Das hier verfolgt dich danach noch im Kopf.“
Yugi begann sofort leicht zu lachen.
„Das ist eine furchtbare Verkaufsbeschreibung.“ Yami betrachtete die beiden Mutos mit kritischen Blick, da die offenbar genau solche schrecklichen Spiele mochten. Yugi sah für ihn nicht nach jemanden aus, der Horror besonders mochte. Traf auch hier der Spruch mit dem Stillen Wasser zu?
„Warum? Was gibt es besseres als ein Spiel, dass dich über die Konsole hinaus verfolgt und beschäftigt? Das zeigt die Genialität des Entwicklers einfach.“ Yugi verfiel total in diese Schwärmerei und Bewunderung zu einem Menschen, den er nicht mal kannte.
Yami nahm schließlich die weiße Hülle entgegen und betrachtete sie erneut.
Das minimalistische Design wirkte beinahe harmlos.
Genau deswegen wahrscheinlich nicht.
Yugi lehnte sich nun leicht gegen das Regal neben sich und verschränkte locker die Arme.
„Ich glaube ehrlich gesagt, das würde ziemlich gut zu ihm passen.“
Yami hob den Blick langsam wieder zu ihm und bemerkte dabei erst jetzt, wie nah sie eigentlich mittlerweile voreinander standen zwischen den engen Regalreihen.
Das warme Licht spiegelte sich leicht in Yugis violetten Augen, während dieser ihn immer noch ruhig ansah. Ganz selbstverständlich ohne irgendeine Unsicherheit. Irgendetwas daran brachte Yami für einen kurzen Moment komplett aus dem Konzept. Was ausgesprochen ziemlich lächerlich war.
Yami hielt den Blick noch einen Moment auf Yugi, als hätte sich der Satz mit den 'verschiedenen Versionen' irgendwo im Kopf festgesetzt und weigerte sich, einfach wieder zu verschwinden. Dann atmete er leise aus.
„Wie läuft eigentlich dein Spiel?“, fragte er schließlich, diesmal etwas ruhiger. „Das, an dem du arbeitest.“
Kurz blinzelte der Kleinere überrascht, als hätte er nicht erwartet, dass Yami von sich aus danach nachfragt. Es kam nicht oft vor, dass sich jemand ehrlich dafür interessierte. Für die meisten war die ganze Thematik einfach zu kompliziert.
„Gut“, sagte er dann schliesslich und stieß sich vom Regal ab, um Richtung Tresen zu gehen. Yami tat es ihm gleich, das Spiel in der weißen Hülle locker in der Hand.
„Die Präsentation am Montag lief besser als erwartet“, fuhr Yugi dann fort, fast beiläufig. „Seto war… zufrieden. Das ist ungefähr das Maximum an Emotion, das man da rausholen kann.“ Ein leises Schmunzeln lag in seiner Stimme.
„Und seitdem arbeite ich weiter dran. Jede freie Minute.“
„Jede freie Minute?“, wiederholte Yami.
Yugi nickte knapp.
„Wenn es einmal fast fertig ist, lässt es einen nicht mehr wirklich los.“
Yugi stellte sich hinter die Theke und nahm Yami das Spiel aus der Hand um das Preisetikett zu entfernen. Dann griff er in einer der Schubladen um ein schönes, schlichtes Geschenkpapier hervorzuholen.
Yami lehnte sich leicht an die Theke und beobachtete ihn bei der Arbeit. Es war irgendwie faszinierend und beruhigend ihm dabei zuzuschauen. Das Papier wurde präzise zugeschnitten und dann die Hülle darauf platziert. Yugis Finger glitten sanft darüber und falteten das Papier mit einer gefächerten Falttechnik, die Yami unbekannt war. Er war Typ Mensch, der einfach jede Seite in die Mitte faltete und es mit Klebeband versuchte zu befestigen. Oder die berühmte Bonbon Technik. Es sah meistens eher aus als hätte ein Kind versucht es einzupacken.
Yugi sah dabei so konzentriert und routiniert aus, als würde er das zum tausendsten Mal machen.
„Du machst das oft“, stellte Yami schließlich fest, während er sich mit den Armen auf dem Tresen abstützte.
„Geschenke einpacken?“, fragte Yugi, ohne aufzusehen. Aus einer anderen Schublade zog er nun ein Geschenkband heraus.
„Ja.“
„Im Laden ständig.“
„Hätte nicht gedacht, dass dir sowas liegt.“
Yugi lachte amüsiert auf und sah seinen Gegenüber kurz an.
„Was hast du erwartet? Dass ich alles einfach in eine Tüte werfe?“
„Ungefähr“
Yugi nahm das Band, zog es einmal um das Paket, zog es fest, korrigierte minimal. Das Band glitt einmal um den Zeigerfinger und Daumen, danach ging das Ende vom Band irgendwie um das Ganze und wurde durch eine Lücke gezogen. Yami ging es zu schnell um das Ganze irgendwie zu verarbeiten, geschweige sich denn zu merken.
Am Ende war da diese perfekte Schleife, deren Enden nun abgeschnitten wurden. Yugi schon das fertige Geschenk zu Yami rüber.
„Dann hoffen wir mal, dass es gut ankommt.“, lächelte Yugi seinen Gegenüber an. Yami kramte das Geld aus seinem Geldbeutel und reichte es seinem kleinen Verkäufer.
„Und wenn nicht?“
„Dann erklär ich Bakura persönlich, warum er falsch liegt.“ In seiner Stimme lag wieder dieser freche Ton, während er das Geld in der Kasse einsortierte und das Wechselgeld Yami in die Hand drückte.
Yami sollte nun eigentlich das Geschenk nehmen und aus dem Laden raus, doch etwas hielt ihn zurück. Er wollte noch nicht gehen. Yugi bemerkte das sofort.
„Was?“
„Nichts“, schüttelte Yami den Kopf und griff nach dem Geschenk um nun doch zu gehen.
„Das war eindeutig ein ‚Ich habe noch eine Frage‘-Nichts“, hielt Yugi ihn mit diesen Worten auf. Yami biss sich leicht auf die Lippen.
„Was genau hast du seit Montag eigentlich verändert?“, fragte er dann schliesslich. Ja, er war neugierig. Verdammt neugierig.
„Hm?“
„Am Spiel.“
„Eine Menge.“
„Zum Beispiel?“
Das liess Yugi inne halten. Er sah seinen Kunden mit grossen, verwirrten Augen an.
Nicht wegen der Frage selbst war er so verwirrt, sondern weil sie ernst gemeint war.
„Du willst das wirklich wissen?“
„Natürlich“, entgegnete Yami als wäre es völlig selbstverständlich. Yugi neigte den Kopf leicht zur Seite und entgegnete leise: „Die meisten Menschen bereuen diese Frage nach ungefähr drei Minuten.“
„Ich nicht.“
Das war für Yugi eigentlich das erste Mal, das jemand sich wirklich ernsthaft dafür interessierte und es auch verstehen wollte. Nicht, dass seine Freunde es nicht versuchen würden, aber Yugi merkte immer schnell, wenn seine Gesprächspartner mit den ganzen Informationen total überfordert waren.
Yugi griff nun nach seinem Tablet, das hinter dem Tresen lag. Er wollte Yami die Chance geben. Fast automatisch entsperrten seine Finger den Bildschirm.
„Also gut.“
Ein paar Bewegungen später erschien eine Übersicht voller Diagramme, Verbindungen und Notizen. Er drehte das Tablet etwas mehr in Yamis Richtung, der sich nun auf der Theke abstützte und sich das verwirrende Gestrüpp anzusehen.
Zunächst verstand er überhaupt nichts, was ehrlich gesagt ziemlich offensichtlich war.
Überall Linien.
Kästchen.
Verzweigungen.
Pfeile.
Als hätte jemand versucht, ein Spinnennetz zu organisieren und aufzubauen. Es war als würde man versuchen eine längst vergessene Sprache zu übersetzen, von der man keine Ahnung hatte.
„Das sieht aus wie eine Verschwörungstafel“, sagte er nun leise.
Yugi lachte herzlich auf, hatte er doch damit gerechnet, dass auch Yami beim Anblick dieser ’Verschwörungstafel’ den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen würde. Er beugte sich etwas tiefer zu seinem Tablet und fuhr mit dem Finger über den Bildschirm.
„Das ist die Dialogstruktur.“
„Die was?“ Die Verwirrung stand Yami ins Gesicht geschrieben, dabei runzelte sich die Stirn und er stand mit halboffenen Mund da. Was ein ziemlich… niedlicher Anblick war, Yugis Meinung nach. Er schüttelte aber die Gedanken sogleich wieder weg und fuhr fort: „Alle Entscheidungspfade.“
Der Grössere betrachtete das Chaos erneut, schien aber kein bisschen näher an die Antworten zu gelangen, die er zu suchen begann.
„Das sind alle?“
„Nur ein Teil.“
„Nur ein Teil?“, entgegnete Yami etwas fassungslos, war doch das da auf dem Bildschirm nicht gerade wenig.
Yugi vergrösserte mit zwei Fingern den Bildschirm und zu Yamis Leidwesen erschienen augenblicklich noch mehr Verbindungen.
„Das Spiel verfolgt nicht nur große Entscheidungen.“
Sobald er anfing darüber zu reden, veränderte sich seine Stimme leicht.
Ruhiger. Konzentrierter. Fast begeistert. Als wäre er auf einer Präsentation um sein Spiel vorzustellen, so kam es Yami vor. Er mochte dieses Bild von ihm.
„Es merkt sich kleine Verhaltensmuster“, erklärte Yugi und sah dabei in Yamis Augen um zu sehen, ob der Andere es verstand.
„So wie dieser NPC mit der Tasse“, warf Yami ein und ein kleines imaginäres Licht fing an in seinem Kopf zu blinken. Nun war sein Interesse gänzlich geweckt.
Doch Yugi sah ihn nur irritiert an.
„Du hast mit ihm gesprochen?“ Die Worte waren beinahe schon entsetzt ausgesprochen, als wäre das ein Ding der Unmöglichkeit.
„Ja. Du hast gesagt, ich laufe an allem vorbei. Deswegen hab ich ihn angesprochen. Kam mir ziemlich verarscht vor.“
„Interessant“, flüsterte Yugi nur leise und schien ihn mit seinen Blicken zu durchdringen, als versuchte er eine Antwort darauf zu finden. Yami verengte leicht die Augen.
„Warum interessant?“
„Weil nicht einmal jeder zehnte Tester ihn angesprochen hat. Die meisten sind einfach an ihm vorbeigelaufen. Ich hätte nicht gedacht, dass du stehen bleibst.“
Ein kleines triumphierendes Gefühl breitete sich augenblicklich in Yamis Brust aus. Er konnte sich ein stolzes Grinsen nicht verkneifen. Er hat Yugi also damit beeindruckt und bewiesen, dass er mehr sieht, wenn er es will.
Yugi widmete sich wieder dem Tablet und deutete dann auf einen der Zweige im Diagramm.
„Jede dieser Entscheidungen verändert intern Werte.“
„Welche Werte?“
„Neugier, Geduld und Vertrauen.“
Yami betrachtete die Struktur erneut. Er verfolgte jede einige der Linien, die sich in weitere Abzweigungen teilten und auf gewisse Stichpunkte endeten, nur um dann erneut in neue Richtungen zu gehen. Plötzlich ergab dieses ganze Spinnennetz mehr Sinn für Yami. Er tippte sich leicht mit dem Finger auf die Unterlippe und liess sich die Worte Yugis nochmal durch den kopf gehen.
„Und das beeinflusst später den Spielverlauf?“, fragte er nun nach, doch Yugi funkelte ihn nur wieder frech an und entgegnete: „Teilweise.“
„Teilweise?“, wiederholte Yami, während Yugi bereits breit grinste und ihm ein kleines Stückchen näher kam.
„Ich werde dir doch nicht alles verraten.“ Yami rollte die Augen und wich etwas zurück, um wieder die gewohnte Distanz aufzubauen. Wenn er ihm so nahe war, konnte er sich nicht konzentrieren.
„Feigling.“
„Spieldesigner“, verteidigte sich Yugi lachend und Yami bemerkte erst jetzt, wie selbstverständlich sie inzwischen über solche Dinge sprachen und noch etwas fiel ihm auf.
Yugi wirkte anders.
Nicht wie der Verkäufer.
Nicht wie der Entwickler vor der Kaiba Corporation.
Sondern irgendwo dazwischen.
Sobald das Thema auf sein Spiel kam, verschwand ein Teil seiner lockeren Fassade. Dann war da einfach nur Begeisterung. Ehrliche Begeisterung. Und für einen kurzen Moment wirkte es sogar so, als würde Yugi vergessen, dass er überhaupt etwas erklärte. Als würde er einfach denken und laut aussprechen, was ihm durch den Kopf ging.
„Moment.“ Yami hielt kurz inne und wanderte über mehrere Verbindungen, die wohl was miteinander zu tun hatten. „Wenn der Spieler hier etwas auswählt…“ Er deutete dabei auf einen der Knotenpunkte. „...dann verändern sich die Möglichkeiten dort hinten?“, fügte er fragend hinzu.
Yugi blinzelte und sah auf die Stelle auf die Yami deutete.
„Ja.“
Yami betrachtete die Linien weiter, da sie um einiges weiter nach hinten führte, als würde die Entscheidung lange zuvor getroffen werden und der Verlauf davon erst viel später stattfinden.
„Aber nicht direkt.“
„Nein.“
„Du verschiebst die Konsequenzen absichtlich weiter nach hinten.“
Nun wurde Yugi tatsächlich still. Er war etwas überfordert mit den ganzen Schlussfolgerungen von seinem Kunden.
„Genau.“, sagte der junge Muto etwas verdutzt und sah seinen Gegenüber einfach nur an.
Yami runzelte leicht die Stirn und hob den Finger als würde er sich im Unterricht melden um die richtige Antwort zu liefern.
„Sonst würde der Spieler die Struktur zu schnell durchschauen, hab ich recht?“
Erst jetzt viel ihm auf, dass sein kleiner Verkäufer ihn mit diesem undefinierbaren Blick ansah. Er schien einen Moment lang zu überlegen, wusste nicht was er sagen sollte.
Oder bereute es Yugi etwa ihm diesen Einblick darin gezeigt zu haben? Vielleicht war Yami zu aufdringlich.
„...du verstehst das wirklich?“ Leichte Unsicherheit war aus seiner Stimme zu hören. Es schien wirklich so, dass Yugi nicht oft mit jemandem ausserhalb der Entwickler-Bubble darüber reden konnte. Yami antwortete nur mit einem leisen „Ja“.
„Die meisten sind allein beim Anblick meiner Dialogstruktur schon so verwirrt, dass sie gedanklich sich bereits verabschiedet haben“, lachte Yugi amüsiert und schien es wirklich zu geniessen, dass es mal anders war. Und Yami? Yami fand es irgendwie schön, dass er Yugi damit wohl eine Freude machte.
„Verständlich. Aber wenn man es versucht zu verstehen, dann ist es eigentlich gar nicht so schwer dem Ganzen zu folgen.“
Yugi zuckte leicht mit den Schultern.
„Meine Freunde finden es zwar cool was ich mache, aber die meisten interessieren sich eher für die fertige Version.“ Sein Blick wanderte kurz über die Entscheidungsbäume.
„Joey gibt sich wirklich Mühe, aber irgendwann schaut er mich an, als würde ich eine Fremdsprache sprechen. Tea interessiert sich mehr dafür, ob ich Spaß daran habe und Ryou hört immer aufmerksam zu, aber er spielt selbst kaum. Was aber völlig okay ist. Ich kann genauso wenig mit ihren Arbeitsprojekten was anfangen.“ Er wusste nicht genau warum er ihm das erzählte. Schliesslich war das hier nur sein Kunde, aber Yami war einfach so eine angenehme Erfrischung um über solche Themen zu reden.
Yugi sah Yami wieder in die Augen, welcher ihm interessiert zugehört hatte.
„Du stellst erstaunlich viele Fragen dafür. Als würde dich das Thema wirklich interessieren.“
„Tue ich auch. Spiele entstehen nicht einfach so. Jeder spielt sie, aber kaum jemand denkt darüber nach, wie das Spiel aufgebaut ist und warum das alles so reibungslos funktioniert.“
Ein langsames Lächeln erschien auf Yugis Gesicht, seine Augen wurden für einen Moment sichtbar weicher. Fast überrascht. Als wäre diese Antwort unerwartet ehrlich gewesen.
„Das gefällt mir.“
„Was?“
„Dass du darüber nachdenkst.“
Die Zeit um sie blieb einen kleinen Moment stehen, als gebe es nur die Beiden im Moment.
Yami blieb einen Moment bei dem Tablet stehen, während die letzten Diagramme noch immer auf dem Bildschirm standen. Dann lehnte er sich leicht zurück, als hätte er innerlich etwas sortiert.
„Wenn ich ehrlich bin… ich würde gern noch einmal in die Spielwelt reinsehen.“
Yugi hob den Blick. „Noch mal testen?“
„Ja. Beim letzten Mal war das alles noch… ziemlich roh.“
Ein kurzer, verständnisvoller Laut kam von Yugi. Er zögerte keinen Moment. „Gut“, sagte er dann und drehte das Tablet wieder zu sich und begann zu tippen. „Gib mir eine Minute.“
Ein paar Klicks weiter, drehte sich das Tablet wieder in Yamis Richtung.
Die Szene öffnete sich. Er schob Yami den Controller rüber.
Diesmal war es nicht mehr diese grobe, fast leere Testumgebung. Die Szene, die sich aufbaute, war dieselbe wie beim letzten Mal, aber sie wirkte komplett anders. Der Ort hatte Struktur bekommen, Tiefe, Lichtstimmung. Nicht mehr nur Platzhalterfarben, sondern echte Atmosphäre. Wände wirkten benutzt, der Raum hatte Gewicht. Selbst kleine Details im Hintergrund gaben dem Ganzen plötzlich Leben, als hätte jemand die Skizze in etwas Fertiges verwandelt.
Yami beugte sich automatisch näher zum Bildschirm.
„Das ist derselbe Ort?“, fragte er erstaunt.
„Ja, ist es.Wir haben nach der Präsentation ziemlich viel überarbeitet. Die Szene haben wir jetzt als Referenz genommen. Alles andere baut gerade darauf auf.“
Die Figur erschien im Bild und Yami hielt kurz inne.
Er beobachtete, wie die Figur langsam durch die Straße lief. Regen fiel in feinen Linien, das Licht der Laternen reflektierte auf dem nassen Boden und selbst die kleinsten Bewegungen wirkten jetzt sauberer abgestimmt.
Vor einer Woche war das noch eine sehr einfache Figur gewesen. Klare Formen, kaum Details, mehr ein funktionales Modell als ein Charakter. Jetzt hatte sie Ausdruck. Kleidung, Struktur, kleine Nuancen in der Bewegung, als würde sie wirklich im Raum stehen statt nur darin platziert zu sein.
„Das ist… viel detaillierter.“
„Ja.“ Yugi nickte. „Das ist jetzt ungefähr der Stand, den wir als Ziel haben. Das ist die Richtung, in die das ganze Spiel jetzt geht.“
„Und das hier habt ihr in dieser Zeit angepasst?“
„Teilweise neu gebaut. Teilweise umgeschrieben. Teilweise nur verschoben.“
Yami nickte verstehend und beobachtete weiter, dann fiel ihm etwas auf. Die Augen der Figur. Nicht grell, nicht zufällig gesetzt, sondern mit einer klaren, intensiven Farbe, die im Licht leicht schimmerte. Irgendwie ungewöhnlich tief, fast schon markant.
„Die Augenfarbe ist interessant gewählt“, murmelte er leise und liess die Kamera im Spiel um die Figur kreisen um sie genauer zu betrachten. Yugi stoppte minimal in seiner Bewegung. Wie ein kleiner Moment, in dem etwas im Kopf hängen bleibt, bevor man es wieder unter Kontrolle bringt.
„Hm… ja.“
Yami sah ihn nun an. Yugi stand da mit gekreuzten Armen und sah etwas distanziert aus. „War das Absicht?“
„Nicht wirklich… also—“ Yugi hielt kurz inne, überlegte ganz genau was er nun sagen wollte ohne sich dabei ertappt zu fühlen. „Es gab da verschiedene Varianten.“
Yami nickte langsam, aber sein Blick blieb dran. Nicht drängend, eher neugierig und genau das machte es für Yugi schwieriger, es einfach abzuschütteln.
„Die ursprüngliche Richtung war kurz eine andere Farbe,“ Yugi sprach weiter, diesmal etwas vorsichtiger. „Aber wir haben uns dann dagegen entschieden.“
„Warum?“
Ein kurzer Moment Stille. Dann zuckte Yugi minimal mit den Schultern. „Passte nicht richtig ins Gesamtbild.“ Das entsprach zwar der Wahrheit, aber trotzdem war da dieses winzige Zögern gewesen. Yami bemerkte es, sagte aber nichts direkt dazu, da er fand es stand ihm nicht zu ihn auszufragen. Stattdessen betrachtete er die Figur noch einmal genauer, als würde er versuchen, den Gedanken dahinter zu lesen.
„Sieht gut aus“, meinte er schließlich.
„Gut ist das Minimum“, grummelte Yugi fast automatisch.
Ein freches Grinsen schlich sich in Yamis Gesicht. „Anspruchsvoll wie immer.“
Sie standen einfach da, gegenüber voneinander und beobachteten den Bildschirm, während die Cutscene weiterlief. Und Obwohl Yami nichts davon wusste, lag genau in dieser Farbe ein Gedanke, der nur für einen kleinen Moment da gewesen war und dann wieder verschwand. Die Szene machte einen fliessenden Übergang ins Gameplay und Yami bewegte sich nun langsam wieder in der Spielwelt.
Er steuerte die Figur ein paar Schritte durch den Raum, drehte sich einmal um die eigene Achse, blieb kurz stehen und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Beim ersten Test vor einer Woche war das alles noch fast leer gewesen. Graue Platzhalter, grobe Formen, gerade genug um zu verstehen, wie die Mechanik funktioniert. Jetzt war davon kaum noch etwas übrig.
Licht fiel weich durch die Umgebung, Schatten hatten Tiefe, selbst kleine Details im Hintergrund wirkten so, als hätten sie eine Geschichte. Es war nicht mehr eine Testumgebung. Es war eine Welt, die gerade dabei war, echt zu werden.
„Das ist schon verrückt“, meinte Yami schließlich. „In so kurzer Zeit… das wirkt wie ein komplett anderes Spiel.“
Yugi beugte sich leicht zum Bildschirm runter und hatte einen leichten Stolz in seinen Augen. „Das ist eigentlich genau der Punkt. Wenn die Grundlage stimmt, geht der Rest irgendwann schnell.“
„Trotzdem.“ Yami ließ die Figur wieder stehen. „Letzte Woche war das noch fast nichts. Und jetzt fühlt es sich an, als könnte man einfach drin wohnen.“ Dieses Kompliment entlockte Yugi ein leichtes Lächeln. „Gut, genau so soll es sich irgendwann anfühlen.“
Für einen Moment spielten sie noch weiter. Yami ließ sich durch die Szene führen und probierte kleine Wege aus. Er blieb an Ecken stehen, wo letztes Mal nichts war und jetzt plötzlich Interaktion stattfanden. Er stellte einige Fragen zum Spiel, die Yugi seelenruhig beantwortete. Manchmal mit einem kurzen Hinweis, manchmal mit einem „probier es aus“.
Und dann nahm Yugi das Tablet wieder an sich.
Er hatte vorerst genug gezeigt, schliesslich Wollte er lieber, dass Yami das Spiel vielleicht irgendwann mal richtig spielen würde, wenn es draussen war und sich so nicht schon zu viel wegnahm. Er wischte ein paar Dinge beiseite, sperrte den Bildschirm und verstaute das Gerät hinter dem Tresen.
Kurz sahen sich die beiden Männer an bis Yami die Stille unterbrach und nun nach dem Geschenk griff um sich auf den Weg zu machen.
„Ich mach mich dann mal auf den Weg. Muss noch arbeiten“, verabschiedete sich Yami nun, wenn auch eher gezwungenermassen. Yugi schenkte ihm ein freundliches Lächeln, während er nun nach der nächsten Arbeit griff um sich zu beschäftigen.
„Klar“, sagte er kurz und knapp, öffnete nebenbei einen dunklen Ordner mit irgendwelchen Dokumenten darin. Viel erkannte Yami dabei nicht.
Er wandte sich ab und ging ein paar Schritte Richtung Ausgang, blieb dann noch einmal kurz stehen und warf einen letzten Blick zurück.
„Das Spiel… wird gut.“
Yugi sah auf und musterte ihn einen Moment. Dann lächelte er leicht und sagte: „Das hoffe ich.“
„Wird es.“ Und damit verschwand er durch die Tür wo er von der strahlenden Sonne begrüsst wurde, die langsam empor stieg. Das Geschenk steckte sicher in seiner Umhängetasche, unauffällig verstaut, damit Bakura es nicht sehen konnte. Er ging die noch ruhigen Strassen entlang, so früh morgens waren nicht viele unterwegs. Die meisten schliefen wahrscheinlich noch.
Bakura wartete schon ein paar Straßen weiter, wie abgesprochen, angelehnt an eine Mauer und sah dabei ziemlich gelangweilt aus. In seiner Hand befand sich eine Liste.
„Du bist spät“, meinte er trocken und stiess sich von der Mauer ab um Yami entgegen zu kommen.
„Musste noch was klären.“, seufzte Yami, während sie gemeinsam Richtung Eingang des Grosshandels liefen. Bakura musterte ihn einen Moment lang, aber beliess es dann dabei. Stattdessen tippte er mit dem Stift auf die Liste.
„Wir brauchen Früchte. Viel Zitrus, ein paar Sachen für die Specials und der Lieferant hat die Limetten wieder vergessen.“
„Wie immer“, murmelte Yami etwas genervt und ging neben ihm her.
Sie erreichten ihr Ziel, woraufhin sich Bakura direkt einen Einkaufswagen schnappte und die Liste am Klemmbrett befestigte. Sie liefen an diversen Kisten voller Gemüse vorbei bis sie beim Obst ankamen. Yami nahm immer wieder prüfend einige der Früchte in der Hand, die guten packte er in den Einkaufswagen. Von den Orangen packte er gleich eine Kiste in den Wagen, die brauchte er für die Fruchtcocktails, die besonders bei jungen Frauen beliebt waren.
„Du bist heute irgendwie anders“, meinte Bakura irgendwann nebenbei, während er eine kleine Kiste mit Limetten hochhob. Yami sah seinen Freund mit verwirrten Augen an, während er sich die exotischen Früchte genauer ansah.
„Wie meinst du das?“
Bakura zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ruhiger vielleicht. Oder… konzentrierter als sonst.“ Sie liefen aus der Obstabteilung raus und gingen dann durch die Regale wo sich der Alkohol befand. Yami schüttelte nur langsam den Kopf und griff dabei nach einigen Flaschen des guten Whiskys. „Es ist nichts.“
„Mhm.“ Der Weisshaarige sagte nichts weiteres dazu, nicht weil er ihm glaube, eher weil er dachte es hatte gerade jetzt keinen Sinn weiter darauf einzugehen. Er merkte sich dies für später vor, wenn Yami redeseliger wurde. Jener war eher ein Abendmensch, besonders wenn ein bisschen Wodka im Spiel war, konnte man einiges aus ihm heraus kitzeln. Und doch… Irgendwie war da dieser Drang diesen einen Gedanken auszusprechen. Er wusste, er würde es nach einigen Minuten wieder bereuen, sobald Yami, wie eine beleidigte Leberwurst, kein Wort mehr mit ihm reden würde.
„Du warst bei ihm, oder?“ Es war nicht notwenig auszusprechen wer mit ’ihm’ gemeint war, sie wussten beiden genau, dass seit sie das erste Mal in dem Laden waren, Yami sich anders verhielt. Wegen einem Typen. Yami hielt kurz inne, hielt eine Flasche Gin in der Hand, die er sich begutachten wollte, aber stellte sie wegen der Frage zurück ins Regal.
„Ja“, entkam es ihm kurz und knapp, wollte eigentlich nicht gross auf das Thema eingehen, da Bakura immer so viel in alles interpretierte. Jener schaute ihn mit neugierigen Augen an, die auch einen frechen Hauch darin hatten. Wie gesagt, Bakura interpretierte immer sehr viel in banale Momente.
„Und?“
„Er hat mir etwas gezeigt.“
„Und du hast wieder so getan, als wäre das das spannendste auf der Welt.“
Yami warf ihm einen bösen Seitenblick zu und griff dabei nach der Liste um sie Bakura um die Ohren zu hauen. Er wurde immer so frech dabei, genau deswegen redete er nicht gerne darüber. „Ich tu nicht so“, zischte Yami genervt und wollte sich wieder dem Einkauf widmen.
Bakura grinste nur vielsagend. „Bist du so interessiert, weil du einfach das Thema spannend findest oder eher weil die Person, die darüber redet, spannend ist?“ Den zweiten Teil seines Satzes betonte er besonders stark und legte dabei einen Arm um Yamis Schulter. Er antwortete nicht sofort darauf. Es war beides, aber eigentlich, eher das Zweite. Ersteres ergab sich dadurch, dass Yugis Begeisterung einfach so ansteckend war. Aber wollte er das zugeben? Vor Bakura? Nein!
„Red keinen Blödsinn. Natürlich finde ich faszinierend wie sich diese Spiele aufbauen. Im Gegensatz zu dir, schaue ich weiter als nur zum Horizont“, sagte er schließlich, was Bakura ein lautes Lachen entlockte. Yami schubste die Hand von seiner Schulter und fuhr mit dem Einkaufswagen zu dem nächsten Regal, wo er sich nach dem Zucker umsah.
„Na gut, ich belasse es erstmal dabei. Aber wenn ich recht habe, schuldest du mir was.“ Seine Arme hatte er locker an seinem Hinterkopf platziert und lief mit seinem Kumpel in Richtung Kasse. Für Yami war das Thema beendet. Sie bezahlten und verliessen dann das Gebäude. Sie liefen mit dem Wagen in Richtung Parkplatz wo Bakura seinen Wagen parkiert hatte. Dort luden sie alles ein und fuhren dann zu ihrem Nachtclub um die eingekaufte Ware einzuräumen, woraufhin langsam der späte Nachmittag sich einläutete.
Währenddessen sass Yugi mit seinen Freunden nach seinem Feierabend in einer kleinen Ramen-Bar. Das Licht war warm, Stimmen gedämpft, Besteck klirrte leise im Hintergrund. Ihnen wurden gerade die Getränke gebracht, woraufhin Yugi sich direkt einen Schluck genehmigte. Ryou beugte sich auf einmal etwas näher zu Yugi.
„Ich war unter der Woche kurz bei dir im Laden“, sagte er ruhig, während er sein Glas Wasser drehte. „Du warst gerade nicht da, aber dein Großvater schon.“ Yugi sah ihn abwartend an, während der Andere etwas schelmisch lächelte und fortfuhr.
„Er meinte, in letzter Zeit kommt da öfter ein junger Mann vorbei, der sich wohl etwas mehr für dich als für die Spiele interessiert.“ Nun war das Interesse am Gespräch auch bei Tea und Joey geweckt. Mit grossen Augen hingen sie gespannt an Yugis Lippen, was dieser wohl antworten würde. Yugi stellte sein Glas etwas langsamer ab. Sein Grossvater war also wieder eine kleine Tratsch Tannte.
„Opa interpretiert immer sehr viel in solche Situationen. Glaub also nicht alles was es dir auf die Nase bindet. Du weisst, dass er mich schon lange verkuppeln möchte.“ Yugis Reaktion war sehr kontrolliert und distanziert, er trennte gerne die Arbeit vom Privatleben. Und da hatte ein Kunde definitiv nichts in seinem Leben zu suchen bis auf den Verkaufskontakt. Auch wenn er das Gespräch heute sehr genoss mit Yami, war es für ihn nichts weiteres als ein Teil seiner Arbeit, wo er Spass hatte.
Doch seine Freunde liessen sich mit seiner Antwort nicht abspeisen.
„Hast du etwa einen Verehrer oder was, Yugi?“, begann Joey seinen besten Freund aufzuziehen und formte lachend mit den Händen ein Herz. Yugi dagegen rollte mit den Augen. „Nein!“
„Naja, wir wissen aber genauso gut, dass du dich, sobald es um die Liebe geht, ziemlich schnell zurückziehst und es gar nicht erst soweit kommen lässt, Yugi“, kam es ruhig von Tea, die nun eine Hand auf die Yugis legte.
„Das stimmt doch gar nicht“, entgegnete Yugi schnell und zog seine Hand eilig zurück. „Ich habe einfach keine Zeit für sowas und bisher hat einfach keiner gepasst.“
„Das sagst du seit Jahren. Du gibst ja keinem die Chance zu passen. Der Letzte war wirklich richtig süss und zuvorkommend“, seufzte Ryou leicht verträumt. Für ihn wäre das ja ein super Fang gewesen, aber Yugi war so wählerisch, dass eigentlich jeder nur durchfallen konnte.
„Ich hatte ein einziges Mal was mit ihm und das nach einer Party. Der war mir danach viel zu anhänglich als ob wir zusammen wären. Wenn du ihn so toll findest, kannst du ihn gerne haben“, murrte Yugi langsam etwas genervt, da er es einfach nicht mochte, wenn man sein Liebesleben in Frage stellte.
„Yugi. Wann in deinem Leben willst du denn endlich jemanden kennenlernen? Jemand der bleibt und nicht nur etwas für eine Nacht.“ Tea seufzte leise und sah ihren besten Freund mit nachdenklichen Augen an. Jener hielt kurz den Blickkontakt ehe er laut aufseufzte.
„Bisher hat es einfach keiner geschafft, dass ich mich in ihn verliebe. Ich will jemand der mich beeindruckt, der sich ehrlich für mich und meine Leidenschaft interessiert. Mit dem man sich auch unterhalten kann und das tiefgründig. Allein ihr schaltet nach 2 Minuten ab, wenn ich über meine Arbeit rede“, schmunzelte Yugi und sah seine Freunde einen Moment lang an, die langsam anfingen zu verstehen und fügte hinzu: „Ich brauche jemanden, der das mit mir teilen kann.“
Tea nickte verstehend und lehnte sich dann in ihren Stuhl zurück. Ihnen wurde gerade ihre Ramen an den Tisch gebracht, woraufhin sie sich einen guten Appetit wünschten und zu essen begannen. Doch Ryou stoppte nach einigen Minuten wieder, da ihm wohl noch was auf der Zunge brannte.
„Also, ich will nicht wieder damit anfangen, aber dein Opa hat halt erzählt, dass der wohl ganz gut aussah und meinte auch, dass er dich wohl ziemlich mag?“ Mit fragenden und neugierigen Augen sah Ryou ihn an, doch Yugi stöhnte nur.
„Ihr seid so schrecklich neugierig.“ Ein einstimmiges Nicken ging durch die Runde.
„Ja er sieht gut aus und kann sein, dass er vielleicht mehr Interesse an mir hat als er sollte. Trotzdem ist er ein Kunde von mir und da ziehe ich ganz klar meine Grenze, verstanden? Und können wir jetzt bitte das Thema sein lassen und den Abend geniessen ohne über irgendwelche Kerle und Dating zu reden?“, kam etwas verzweifelt von Yugi, da es ihm einfach unangenehm war so viel über sich reden zu müssen und besonders bei diesen Themen. Seine Freunde lachten nur und nickten ihm zustimmend zu.
Sie unterhielten sich darüber was sich sonst so neues ergeben hatte bei jeder von ihnen. Das Joey auch mal gerne wieder mit ihnen feiern gehen wollte und von einem ziemlich guten Nachtclub gehört hatte, den er gerne mal austesten wollte. Sie beschlossen, dass sie sich das fürs nächste Wochenende vornehmen würden und den heutigen Abend ruhig ausklingen lassen würden.