Kapitel 7 - Der Norden meines Herzens
Kapitel 7 - Der Norden meines Herzens
Der Montagmorgen begann in der Kaiba Corporation deutlich hektischer als im kleinen Muto's Games.
Mitarbeiter bewegten sich mit Kaffeebechern und Tablets durch die breiten Flure, irgendwo klingelte ein Telefon, während auf mehreren Bildschirmen bereits die aktuellen Projektstände liefen. Die meisten waren erst seit wenigen Minuten im Gebäude und trotzdem fühlte es sich an, als würde der Arbeitstag bereits seit Stunden laufen. Manche Arbeitsplätze waren ordentlich und strukturiert, andere wirkten wie kleine Katastrophengebiete aus Kaffeetassen, Notizblättern und Kabeln.
Das mochte Yugi so an der Entwicklung. Kein Spiel entstand durch eine einzelne Person. Jeder trug etwas dazu bei und hinterliess seine Spuren darin. Gemeinsam kreierten sie neue Welten, neue Geschichten. Sie berührten Herzen und liessen sie höher schlagen. Dieses Gefühl einer Gemeinschaft war einfach unbeschreiblich.
Mit einem Tablet unter dem Arm und einem viel zu heißen Kaffee in der Hand lief er durch den Entwicklungsbereich, in Richtung seines Büros.
„Muto!“
Yugi blieb abrupt stehen und sah sich nach dem Rufenden um. Einer der Entwickler hob die Hand und lief eilig auf ihn zu.
„Hast du später kurz Zeit für die neuen Charaktermodelle? Wir sind uns nicht bei ein paar Charakteren nicht sicher ob sie ins Gesamtbild passen und könnten deine Meinung brauchen.“
„Natürlich, nach dem Mittag schaue ich schnell vorbei. Bis später“, winkte Yugi bereits lächelnd ab, doch wurde er sogleich von einem Anderen seines Teams aufgehalten.
„Yugi, die neuen Lichtübergänge für Kapitel vier sind fertig. Und die neue Waldszene ist fertig gerendert.“
„Dann schick sie mir auf mein Tablet, ich seh’s mir an“, lächelte er wieder freundlich, woraufhin der junge Mann verstehend nickte und sich wieder an die Arbeit machte. Innerlich hoffte Yugi, dass er es schaffte die letzten paar Meter ohne Unterbruch zu gehen, doch da hatte er sich geirrt. Keine drei Schritte später wurde er erneut abgefangen.
„Yugi, hast du die Gesichtsanimation für Rowan schon gesehen?“
„Noch nicht.“
„Kannst du—“
„Heute Nachmittag“, unterbrach ihn Yugi etwas verzweifelt, da gefühlt jeder in diesem Raum etwas von ihm wollte. Er wollte doch nur kurz sich hinsetzen und seinen Kaffee austrinken. „Alles klar, ich komm dann später vorbei“, lächelte der Entwickler und begab sich sogleich wieder an seinen Tisch. Yugi atmete tief durch und ging die letzten Schritte auf seine Tür zu, die er nun ohne nochmal angesprochen zu werden, öffnete und sich hineinbegab.
Die Tür hinter sich geschlossen, setzte sich Yugi an seinen Arbeitsplatz und seufzte erstmal laut auf und genehmigte sich einen Schluck aus dem Kaffeebecher.
Auf dem Hauptbildschirm öffnete er sofort die Projektübersicht und prüfte die Statusberichte der unzähligen Aufgaben, die noch offen waren. Das Spiel hatte endlich einen passenden Namen.
The Seventh Path.
Monate voller Arbeit, unzählige Besprechungen, auf die noch mehr Änderungen folgten. Langsam sah man die Früchte ihrer Arbeit.
Die Hauptstory war nun abgeschlossen, die Szenen standen. Die Autoren hatten saubere Arbeit abgelegt in den letzten paar Wochen, sowie jeder, der seinen Beitrag zu diesem Projekt leistete.
Laut den Statusberichten wurden immer mehr Szenen angepasst anhand der Vorgaben der Referenzszene, die Yugi erstellt hatte. Die Entscheidungspfade sind gerade in Bearbeitung, wie es aussieht. Dies hatte er noch am Sonntag den entsprechenden Leuten aus dem Team zugeteilt, damit sie heute direkt damit beginnen konnten.
Jetzt musste die Welt nur noch lernen, sich wie eine echte Welt anzufühlen.
Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken und hereintrat eine junge Grafikerin, die ihn entschuldigend anlächelte.
„Hast du kurz eine Minute? Sorry, ich weiss du bist erst gerade gekommen.“
Yugi lachte leise.
„Alles gut. Worum geht’s?“, fragte er geduldig. Die junge Frau trat an seine Seite und hielt ihm das Tablet unter die Nase.
Mehrere Bilder einer Szene am Fluss erschienen auf dem Bildschirm.
„Welche Version passt am besten?“
Yugi betrachtete die Entwürfe und zoomte bei einigen Stellen näher rein um einen Eindruck zu bekommen.
Die erste war heller.
Die zweite deutlich düsterer.
Die dritte wirkte realistischer.
„Ist das die Szene aus Kapitel 8?“, fragte er nach und die Grafikerin nickte bestätigend. Sein Blick blieb einige Sekunden darauf liegen, überlegte was am besten zur Story passte.
„Die Zweite“, entschied er dann und gab ihr das Tablet zurück in die Hand.
„Wegen der Stimmung?“
Yugi nickte.
„Die Szene soll sich in dem Moment falsch anfühlen. Als würde etwas nicht ins Bild passen“, erklärte er ihr. Die Grafikerin grinste zufrieden und fühlte sich bestätigt, offenbar war sie auch eher zur Version 2 geneigt, wollte aber ganz sicher gehen.
„Wusste ich's doch.“ Damit verliess sie wieder sein Büro und Yugi konnte sich wieder seinem Bildschirm zuwenden.
Es warteten bereits mehrere Mails auf Freigaben, Änderungswünsche und Rückmeldungen aus den unterschiedlichen Abteilungen. Einige davon überflog er nur kurz, andere beantwortete er direkt. Währenddessen lief auf einem zweiten Bildschirm bereits die aktuelle Build-Version des Spiels.
Eine Weile arbeitete er konzentriert und versuchte den Stapel an Arbeit zu verringern, aber es kam ihm vor als würde er nicht kleiner werden. Ein leises Klopfen erklang und ohne auf eine Antwort abzuwarten, betrat ein hochgewachsener Mann sein Büro. Seto. In seiner Hand hielt auch er einen Kaffeebecher, aus welchem heisser Dampf herausquoll.
„Hast du die Aufgaben verteilt?“
„Guten Morgen, Seto“, sagte Yugi und hatte diesen frechen Unterton in seiner Stimme. Wusste er doch genau wie er den Anderen immer wieder ärgern konnte. Jener rümpfte nur die Nase und schnappte sich einen Stuhl um sich zu seinem Freund zu setzen.
„Das war keine Antwort.“
„Ich bin ja dabei, mein Gott“, erwiderte Yugi nun etwas genervt. Heute hatten es wohl alle auf ihn abgesehen. Seto rückte näher um auf den Bildschirm sehen zu können.
„Und warum überprüfst du dann die Charakteranimationen?“
„Ich wollte nur schnell kontrollieren ob es vom Timing her passt“, verteidigte sich Yugi und schenkte seinem Chef einen spitzigen Blick.
„Ausreden. Schick es Yuki rüber, sie soll das übernehmen. Du musst dich nun deiner Hauptaufgabe widmen. Jedes Mal hast du gesagt, du kannst erst anfangen, wenn alles einigermassen steht und das tut es jetzt.“ Seine kühle, strenge Stimme duldete keine Widerreden, was Yugi ergeben aufseufzen lässt.
„Ist ja gut. Ich mach es ja. Es ist halt schwer etwas aus der Hand zu geben, wenn man sich seit Wochen intensiv damit beschäftigt hat.“
„Ich versteh dich ja, Yugi. Aber nun musst du dich dem hier widmen, alles andere werde ich umverteilen, damit du dich voll und ganz darauf konzentrieren kannst.“
Seto zog die Tastatur zu sich und begann einige Stichworte zu tippen. Dabei öffnete er einen anderen Projektbereich, der zur eigentlichen Arbeit von Yugi gehörte. Audioproduktion.
„Aber ich hab versprochen später noch bei Saru—“ „Nein, ich übernehme das. Gib mir deine Liste und ich werde einen Kontrollgang machen. Ist sowieso besser, wenn ich das direkt übernehme.“
Er ignorierte Yugis Einwände und ergänzte streng: „Du musst dich um den Audiobereich kümmern. Such deine Synchronsprecher, mach die Soundtracks…die Vocals, der Gesang. Das was du am besten kannst.“
„Ist gut. Ich mache mich gleich an die Arbeit. Gegen dich hat man ja sowieso keine Chance“, entgegnete der Kleinere und druckte seine Liste aus, die er sich zuvor erstellt hatte damit er niemanden vergass, den er heute noch hätte unterstützen müssen. Er übergab sie seinem Chef, welcher einem zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.
„Ich mag dich heute nicht“, murmelte Yugi und rümpfte die Nase.
„Ich kann damit umgehen. Ich weiss ohnehin, dass du lügst.“ Die überheblichen Worte Setos gingen ins eine Ohr ein und ins andere raus. Wenn der Andere wollte, dass er vorankam, dann würde er auch nicht weiter auf seine Provokation eingehen.
Er griff nach seinen Kopfhörern und öffnete sein Programm um die ersten Noten einzutippen und die entsprechenden Instrumente auszuwählen. Er hatte schon eine genaue Vorstellung für die eine Szene auf der Brücke. Er wandte sich wieder Seto zu, der noch keine Anstalten machte zu gehen.
„Raus.“
„Wieso?“
„Weil du sonst kontrollierst, ob ich wirklich arbeite.“
„Das werde ich ohnehin.“
„Seto.“
Ein kleines Schmunzeln schlich sich auf die Lippen des CEOs. Er drehte sich um und verliess dann wortlos das Büro von Yugi, welcher erleichtert aufseufzte. Endlich Ruhe. Doch bevor er sich wieder seiner Musik zuwandte, erhob er sich von seinem Stuhl und schloss sogleich seine Tür ab. Er brauchte nun Ruhe und konnte keine Störungen dulden, sonst stört das seine Kreativität.
Seto wollte ohnehin, dass Yugi sich darauf konzentrierte und nichts anderes im Moment erledigte.
Er setzte sich wieder und konzentrierte sich nun auf den Bildschirm vor ihm. Notenspuren, Aufnahmen und unfertigen Musikstücken betrachtete er einen Moment lang. Dann fing die Magie an. Er versank in die Tiefen seiner Musik, blendete alles ausserhalb aus.
Er liebte es an der Entwicklung eines Spiel mitzuarbeiten und es leiten zu dürfen. Aber seine wahre Leidenschaft war eine Andere. Eigentlich war es irgendwie ironisch. Musik war der Grund gewesen, weshalb er überhaupt hier gelandet war.
Nicht die Entwicklung. Nicht die Story. Nicht die Projektleitung.
Musik.
Nach seinem Studium in Komposition und Audiodesign hatte er ursprünglich genau das machen wollen. Soundtracks schreiben, Gesang aufnehmen, Synchronsprecher betreuen.
Die emotionale Seite von Spielen erschaffen.
Und genau dafür hatte Seto ihn damals eingestellt. Anfangs bestand seine Arbeit beinahe ausschließlich aus Musik. Er übernahm den Audiobereich und fertigte unzählige Soundtracks an. Irgendwann begann er dann auch sich den Synchronsprechern anzunehmen und sie zu begleiten in den Szenen.
Doch irgendwann hatte er begonnen Fragen zu stellen. Viel zu viele Fragen. Warum diese Szene?Warum dieser Dialog? Warum diese Entscheidung? Wie sollte sich dieser Charakter anfühlen?Welchen Eindruck sollte dieser Ort hinterlassen?
Anfangs war es reine Neugier gewesen. Denn je mehr er über die Geschichte wusste, desto leichter fiel es ihm, die passende Musik zu schreiben. Irgendwann saß er deshalb auch in Storymeetings. Danach in Besprechungen über Questdesign. Später bei Charakterentwürfen.
Und irgendwann hatte Seto schlicht aufgehört, ihn wieder hinauszuwerfen. Stattdessen hatte er begonnen, ihn zu fördern. Weiterbildungen und Kurse hatte er ihm bezahlt, denn er sah etwas was zuvor keiner in ihm sah. Er sah ein Talent, dass unterstützen wollte.
Game Design. Projektmanagement. Creative Leadership.
Alles Bereiche, die ursprünglich nie Teil von Yugis Karriereplan gewesen waren. Yugi wusste nicht mehr wie viele Kurse es genau waren, an denen er teilgenommen hatte. Doch je mehr er lernte, desto mehr interessierte er sich für das große Ganze. Nicht nur dafür, wie eine Szene klang. Sondern warum sie überhaupt existierte. Aus dem Komponisten wurde ein Audio Director. Aus dem Audio Director ein Narrative Designer. Später übernahm er die kreative Leitung einzelner Projekte. Und irgendwann stellte Yugi fest, dass er plötzlich ganze Spielwelten plante, anstatt nur deren Musik zu schreiben. Trotzdem hatte sich für ihn nie angefühlt, als hätte er die Musik hinter sich gelassen.
Im Gegenteil
Je mehr er darüber lernte, desto mehr wurde ihm klar, dass man Gefühle deutlich besser vertonen konnte, wenn man verstand, woher sie überhaupt kamen. Eine traurige Szene war nicht traurig, weil dort jemand weinte. Sie war traurig wegen der Stunden, die davor passiert waren.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Seto ihm inzwischen ganze Projekte anvertraute.
Viele schienen anzunehmen, dass er sich irgendwann zwischen Musik und Entwicklung hatte entscheiden müssen. Als hätte er das eine gegen das andere eingetauscht. Dabei war das nie passiert. Die Entwicklung war einfach dazugekommen.
Er setzte die Kopfhörer auf und dann startete er die erste Szene. Er setzte die Musik ein, die er dafür komponiert hatte. Doch etwas störte ihn.
Sie lenkte von dem Gespräch ab, also entfernte er mehrere Instrumente. Dann noch eines. Und noch eines. Am Ende blieb fast nichts übrig, ausser ein paar leise Klaviernoten. Ein zurückhaltender Hintergrund was nun die Szene viel natürlicher wirken liess.
Er griff nach seinem Stift und kritzelte einige neue Ideen auf einen Notizblock. Zwischen Noten, Skizzen und kleinen Kommentaren fanden sich bereits dutzende solcher Einträge. Manche waren kaum lesbar und andere bestanden nur aus einzelnen Worten.
"Zu warm.“ "Mehr Distanz.“ "Später einsetzen.“ "Nicht traurig. Eher nostalgisch."
Yugi betrachtete die letzte Notiz kurz.
Nachdem die ersten Entwürfe standen und mehrere Szenen ihre endgültige musikalische Richtung erhalten hatten, schob Yugi die Kopfhörer schließlich wieder vom Kopf. Er brauchte eine kleine Pause vom komponieren. Die Uhr zeigte bereits deutlich später an, als er gedacht hatte. Er streckte sich kurz, griff nach seinem mittlerweile kalten Kaffeebecher und verzog das Gesicht.
Er öffnete seine digitale Liste und nahm sich vor jetzt an einem anderen Punkt zu arbeiten.
Die Synchronsprecher.
Einige kleine Rollen waren bereits besetzt, die sie immer für solche Projekte nahmen, andere mussten noch angefragt werden. Vor allem die größeren Figuren wollte Yugi möglichst wieder mit denselben Leuten besetzen wie bei den vorherigen Projekten. Nicht nur weil sie talentiert waren, sondern auch weil er wusste, wie sie arbeiteten. Das machte vieles einfacher.
Er öffnete seine Kontaktliste und begann die ersten Nachrichten zu verschicken. Der erste Sprecher hatte bereits ein anderes Projekt für die nächsten zwei Monate angenommen. Der zweite war überraschend verfügbar und der dritte befand sich momentan auf Tour und konnte erst im Sommer aufnehmen. Yugi machte sich Notizen, verschob Termine und begann nach und nach die Aufnahmewochen zu planen.
Dabei entstand auf seinem Bildschirm langsam eine immer längere Tabelle mit Namen, Verfügbarkeiten, deren Rollen und die Aufnahmetage. Zwischendurch klingelte mehrfach sein Telefon. Einige Gespräche davon dauerten kaum zwei Minuten, wiederum andere deutlich länger. Manche Sprecher waren unkompliziert und andere diskutierten über jeden einzelnen Termin. Irgendwann blieb sein Blick schließlich auf einem Namen hängen.
Mana.
Ganz automatisch musste er lächeln. Die beiden arbeiteten inzwischen seit Jahren immer wieder zusammen. Ursprünglich hatte er sie wegen ihrer Stimme kennengelernt. Später wegen ihrer Gesangsausbildung. Irgendwann waren daraus gemeinsame Projekte geworden. Und irgendwann danach Freundschaft.
Yugi griff nach seinem Handy. Er schickte ihr nur ein Foto seiner Liste, sie würde es direkt verstehen worum es geht ohne Worte. Die Antwort folgte ziemlich schnell.
Mana:
Du bist endlich beim Audiobereich angekommen, omg.
Yugi lachte leise, er konnte sich genau ihr Gesicht dazu vorstellen. Sie machte ihm ständig Vorwürfe, dass er sich auf zu vieles einlässt.
Yugi:
So ungeduldig?
Mana:
Du machst immer so viel. Seto hat letzte Woche erwähnt, dass du wohl viel um die Ohren hast, da du dich überall reinhängst.
Yugi starrte die Nachricht einen Moment an.
Yugi:
Er verrät zu viele Dinge.
Mana:
Er klingt sehr besorgt.
Yugi:
Seto klingt nie besorgt.
Mana:
Für Seto-Verhältnisse.
Yugi:
Ich habe alles abgegeben, zugegeben auf seinen Befehl. Also, ich brauche dich für mehrere Rollen.
Mana:
Natürlich tust du das.
Yugi:
Und für Vocals.
Mana:
Wie viele?
Yugi:
Mindestens drei Stücke.
Mana:
Na dann!
Ein kleines Schmunzeln erschien auf seinen Lippen. Typisch. Von allen Leuten, mit denen er arbeitete, freute sich Mana vermutlich am meisten über neue Musik.
Yugi:
Hast du Zeit?
Mana:
Für Aufnahmen oder Kaffee?
Yugi:
Beides.
Mana:
Sonntag?
Yugi:
Nachmittags?
Mana:
Perfekt.
Yugi:
Ich schicke dir vorher die Entwürfe.
Mana:
Dann bring ich Kritik mit.
Yugi:
Du bringst immer Kritik mit.
Mana:
Dafür liebst du mich aber!
Mana gehörte zu den wenigen Menschen, deren Meinung er bei Musik vollkommen vertraute und da nicht weil sie immer einer Meinung waren. Im Gegenteil. Mana hörte Dinge, die andere übersahen. Sie holte das Beste aus dem Stück raus.
Nachdem der Termin eingetragen war, widmete sich Yugi wieder seiner Liste. Die nächsten tage sahen nicht viel anders aus.
…
Yami saß im Büro über dem Yoru und arbeitete sich durch die letzten Unterlagen des Tages. Vor ihm lag eine Liste mit Lieferungen, daneben die Dienstpläne der nächsten zwei Wochen.
Mit einem lauten Knall flog die Tür auf und Bakura erschien mit einem Stapel Papier in der Hand.
„Ich habe schlechte Nachrichten.“
Yami sah nicht einmal auf, sondern unterschrieb das nächste Dokument.
„Die wären?“
Bakura ließ sich auf den Stuhl gegenüber fallen und warf die Unterlagen auf den Tisch. Die Beine legte er bequem auf den Tisch, was Yami mit einem stöhnen quittierte. Mit dem Stift in der Hand schob er die Beine von seinem Tisch. „Ekelhaft“, murmelte er leise.
„Unser DJ für Freitag hat plötzlich Sonderwünsche.“
„Hat er eine Bühne?“
„Ja.“
„Hat er Technik?“
„Ja.“
„Dann hat er alles was er braucht“, entgegnet Yami und ordnete einige der Listen ein und schob den Stapel an Unterlagen von Bakura zu sich um sie sich anzusehen.
„Er möchte zusätzliche Lichtpaneele“, seufzte Bakura resigniert und legte die Hände in seinen Nacken. Er beobachte wie Yami sich in seinen Stuhl zurücklehnte und die Arme verschränkte.
„Warum?“
„Weil sie angeblich besser mit seiner Performance harmonieren.“
„Nein.“
„Das hab ich ihm auch gesagt, er ist ziemlich angepisst. Hab ihm nen Whisky vor die Nase gestellt, hat ihn beruhigt.“
Bakura blätterte nun ebenfalls durch einen Teil der Unterlagen. „Du kannst nicht jedem immer einen Drink aufs Haus geben, nur weil sie angepisst sind, dass es nicht nach ihrem Kopf geht.“ Yami klang genervt, in letzter Zeit hatten alle irgendwelche Extrawünsche, die einfach nicht ins Budget passten. „Ja, lieber das, als das wir ohne DJ dastehen heute Abend.“ Yami erwiderte darauf nichts mehr. Manchmal benahmen sich einige Leute wie Kinder, die von ihrer Mutter den Lolli nicht bekamen. Die Schattenseite daran Chef zu sein, man kam sich teilweise vor als hätte man einen Haufen Kinder, die man betreuen muss.
„Die Getränkefirma möchte nächste Woche neue Produkte vorstellen“, sagte Bakura und schob ihm die Anfrage davon zu. „Nicht während der Saison. Dafür haben wir nicht auch noch Zeit.“
„Dachte ich mir. Ich ruf da nachher an.“
Später standen die beiden Inhaber unten an der bar und testeten sich durch eine Reihe von neuen Cocktails, da sie die neue Sommerkarte erstellen wollten. Doch sie kamen langsamer voran als erwartet.
„Der hier schmeckt nach Seife“, kam es angewidert von Bakura, der nun das Glas wieder auf die Theke stellte. Yami nahm verwundert einen Schluck daraus, verzog dann aber schnell das Gesicht und schüttete den Inhalt ins Waschbecken.
„Der kriegt nicht mal eine Note“, erwiderte Yami und wand sich dem nächsten Cocktail zu.
Er betrachtete skeptisch das Glas vor sich. Eine bernsteinfarbene Flüssigkeit fing das Licht der Deckenlampen ein, während sich langsam ein Eiswürfel darin drehte.
Sie nahmen beide einen Schluck davon, liessen den Geschmack kurz auf der Zunge wirken und grinsten sich dann bekloppt an.
„Der hier ist gut“, kam es als erstes von Bakura, woraufhin Yami bestätigend nickte. „Der bleibt.“
Bakura notierte die Mischung auf seinem Block. Auf jenem waren bereits so viele Notizen mit Mengenangaben, Rezepten und Ideen. Vieles war bereits durchgestrichen und das ganze erschien einem wie ein einziges Chaos. Für einige Minuten arbeiteten beide schweigend weiter. Zwischendurch wurden Zutaten verändert, neue Kombinationen ausprobiert und wieder verworfen.
„Sag mal, wie läuft eigentlich dein Spiel?“, fragte der Weisshaarige plötzlich und unterbrach somit die angenehme Stille. Etwas verwundert über die Frage, sah Yami seinen Kumpel an, der ein schiefes Grinsen auf den Lippen hatte. Wusste er es doch. Er wollte ihm nur wieder auf die Nerven gehen.
„Gut“, sagte er nur und wandte sich dann wieder den Getränken zu. Einige Mischungen schüttete er nun wieder aus und verräumte die Alkoholflaschen.
„Sehr ausführlich“, stichelte der Andere ihn. Er seufzte nur.
„Es ist ziemlich spannend. Ich bin glaube ich schon ziemlich weit.“
„Wie weit?“
„Keine Ahnung, aber ich hab dieses Gefühl, dass man immer kurz vor einem Endboss hat. Man merkt die Story neigt sich dem Ende zu.“
„Klingst enttäuscht“, lachte Bakura vergnügt auf als er das nachdenkliche Gesicht seines Freundes sah. Der schenkte ihm nur einen bösen Blick. „Naja… Wenn man sich lange mit etwas intensiv beschäftigt, ist es dann irgendwie schwer sich vorzustellen, was man danach macht? Ob man wieder so etwas gutes findet?“
„Du bist viel zu dramatisch. Ist doch bloss ein Spiel.“
„Aber es fühlt sich so an. Weisst du, der Main Character heisst Zael und dessen Hintergrundgeschichte ist so tragisch. Die Entwickler haben da ihr ganzes Herzblut reingegeben, das spürt man. “
„Ist das wirklich so gut? Nicht nur weil es dir dein Verkäufer empfohlen hat?“
„Ja ist es. Und nein mit ihm hat das nichts zu tun. Die Story lässt mich einfach nicht los, ich will ständig wissen wie es weitergeht.“
„Erzähl. Jetzt machst du mich neugierig. Vielleicht leihst du mir das ja, wenn du fertig bist.“
„Das Verrückte ist, dass Zael die ganze Zeit versucht, die Welt zu retten. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass er am Ende herausfinden wird, dass genau die Menschen, denen er vertraut, das eigentliche Problem sind. Das Spiel wirft einem ständig neue Hinweise hin, dass die Geschichte, die man am Anfang erzählt bekommt, eine einzige große Lüge ist.“
„Hmm…“
„Und jede Entscheidung, die man treffen muss, lässt einem zweifeln ob man das Richtige auswählt. Und ob sie einen Einfluss auf alles weitere haben. Deswegen. Es ist so gut, aber wenn ich das beende…“
Bakura nickte verstehend. Er hatte noch nie etwas gespielt, dass bei ihm solch ein Gefühl hinterliess, aber er hatte es schon oft von Anderen gelesen. Es machte ihn neugierig.
„Ich würd’ sagen, dass du es endlich beendest. Dann kann ich es haben“, grinste Bakura hämisch und nahm einen grosszügigen Schluck von dem vorletzten Cocktail, welches er aber in hohen Bogen wieder ausspuckte. „Räudig“, fluchte er und strich das entsprechende Rezept durch.
Yami lachte ihn schadenfreudig aus und entgegnete nur: „Mal sehen ob ich es dir ausleihe.“
…
Der Samstag begann für Yugi wie die meisten Samstage.
Bereits kurz nach Ladenöffnung herrschte deutlich mehr Betrieb als unter der Woche. Familien schlenderten durch die Gänge, Jugendliche diskutierten vor den Regalen über Neuerscheinungen und mehrere Stammkunden nutzten ihren freien Tag, um einfach ein wenig durch den Laden zu stöbern. Yugi hatte den größten Teil des Vormittags damit verbracht, Fragen zu beantworten.
Welches Spiel für einen Zwölfjährigen geeignet war…
Ob sich die neue Erweiterung lohnte…
Warum ein bestimmter Titel plötzlich nicht mehr lieferbar war…
Zwischendurch half er seinem Großvater beim Einsortieren einiger Neuheiten und räumte mehrere Regale um, die nach wenigen Stunden bereits wieder aussahen, als hätte ein kleiner Sturm sie erfasst. Es war ein guter Tag. Gerade stellte er einige Hüllen zurück an ihren Platz, als sein Blick kurz über das Fantasy-Regal wanderte. Unwillkürlich blieb er an einer Lücke hängen.
Das Spiel war inzwischen erneut ausverkauft.
Nicht besonders überraschend. Die Verkäufe hatten nach einigen positiven Rezensionen deutlich angezogen und für einen Moment dachte er an Yami. Er fragte sich, wie weit jener inzwischen wohl gekommen war. Der Gedanke verschwand allerdings genauso schnell wieder, wie er gekommen war, da vor ihm bereits die nächste Kundin stand mit einer Frage.
Deswegen bemerkte er nicht, dass erneut jemand den Laden betrat.
Yami schob die schwere Tür auf und trat ein. Eigentlich hätte er nicht sagen können, weshalb er hier war. Sein Spiel hatte er noch nicht beendet und ein neues brauchte er noch nicht, das wollte er sich für ein anderes Mal aufsparen und trotzdem stand er nun wieder zwischen den vertrauten Regalen von Muto's Games.
Yami schob die Hände in die Jackentaschen und ließ den Blick durch den Laden wandern. Mehrere Kunden bewegten sich zwischen den Regalen, Salomon unterhielt sich gerade mit einer Familie wegen dem neuen Mario Party Spiel, das erst kürzlich auf den Markt kam.
Irgendwo zwischen zwei Regalreihen entdeckte Yami dann schließlich Yugi. Dieser bemerkte ihn zunächst gar nicht. Er war gerade damit beschäftigt, einer Kundin etwas zu erklären und zeigte dabei auf mehrere Hüllen in einem Regal.
Yami blieb stehen und beobachtete seinen kleinen Verkäufer dabei, wie er komplett in seinem Element war. Wie er ihr zuhörte, nachfragte und weitere Vorschläge machte, nur um die perfekte Geschichte für sie zu finden. Wenn man genau hinhörte, war es nicht nur ein einfaches Verkaufsgespräch. Es war vielmehr als das, wahre Leidenschaft, echtes Interesse in dem Menschen vor ihm. Yami war ganz fasziniert von diesem Anblick, dieses Glänzen in den Augen. Inzwischen wurde es mit jedem Tag schwerer, so zu tun, als würde Yugi ihm nichts bedeuten, als wäre er wirklich nur sein Verkäufern. Yugi mochte das wohl auch so sehen, aber Yami? Manchmal kam es ihm vor, als wäre sein Herz zu einem Kompass geworden. Nicht einer, der ihm den Weg zeigte, sondern einer, dessen Nadel sich längst auf einen einzigen Menschen ausgerichtet hatte.
Egal, wohin er blickte.
Egal, womit er sich beschäftigte.
Egal, wie oft er versuchte, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.
Am Ende fand die Nadel immer wieder denselben Norden.
Yugi.
Yami schüttelte leicht den Kopf, als könnte er die Gedanken damit einfach abschütteln. Vergeblich. Sie gingen immer wieder zurück zu diesem Lächeln. Zu diesen Augen. Zu diesem verdammten Verkäufer. Ein leises Schnauben entkam ihm.
Seit wann war er eigentlich so geworden?
Seit wann stand er in einem Spieleladen und suchte nach Ausreden, um jemanden zu sehen?
Seit wann freute er sich auf Samstage wie ein verliebter Teenager?
Und seit wann genügte ein einziges Lächeln, um seinen gesamten Tag besser zu machen?
Es war lächerlich. Absolut lächerlich. Egal wie oft er die Augen verdrehte oder sich selbst dafür verfluchte, jedes Mal, wenn Yugi lächelte, fühlte es sich ein wenig so an, als würde die Welt für einen Moment an den richtigen Platz rücken. Yami atmete tief durch, verleugnete seine Gedanken, seine Gefühle, er steigerte sich in etwas rein. Genau, das musste es sein. Er war noch nie gut darin, seine eigenen Gefühle richtig zu platzieren und zu interpretieren. Er sabotierte sich selbst.
Als die Kundin schließlich zufrieden mit zwei Spielen Richtung Kasse ging, woraufhin Yugi schnell einkassierte und verabschiedete, hob dieser den Blick und entdeckte Yami.
„Hallo, du bist wieder da“, begrüsste er ihn und schenkte ihm ein freundliches Lächeln.
„Hallo“, entgegnete Yami knapp und ging auf Yugi zu, der sich an der Verkaufstheke vorbei zu den Regalen mit den Horrorspielen stellte. Er neigte den Kopf etwas zur Seite und musterte seinen Kunden neugierig.
„Wie läuft das Spiel?“
„Ziemlich gut“, antwortet Yami nun lächelnd und steckte die Hände in die Hosentaschen.
„Das freut mich.“
„Ich achte mich mehr. Kaum zu glauben, was man alles sieht, wenn man sich auf die kleinen Dinge achtet.“
Einen Moment lang sahen sie sich einfach an, bis Yugis Opa nach ihm rief, da er Hilfe brauchte bei einer Konsole, die ein Kunde mitgebracht hatte, da er irgendwelche technischen Probleme hatte.
Yugi lächelte Yami entschuldigend an. „Sag Bescheid, falls du etwas suchst.“
„Mhm.“
Damit wandte sich der Kleinere ab und eilte hinter die Verkaufstheke, wo er sich der Konsole widmete. Yami lief durch die Regale, nahm immer wieder ein Spiel in die Hand und stellte es dann wieder zurück. Er achtete sich nicht gross auf die Hüllen, seine Ohren hörten lieber einer sanften Stimme zu.
„Auf den ersten Blick kann ich das Problem nicht finden. Scheint wohl doch etwas komplexer zu sein. Ich kenn mich eher mit den technischen Daten der Spiele aus, Konsolen sind nicht so meine Stärke. Aber ich kenn jemanden, der ist ein richtiges Genie auf dem Gebiet. Ich kann organisieren, dass er mal vorbeikommt.“
„Wann könnte er denn da sein?“
„Wahrscheinlich erst nächsten Samstag, unter der Woche ist er immer so ausgebucht, aber aus verlässlichen Quellen weiss ich, dass er Samstag noch nichts eingeplant hat“, lachte Yugi nun vergnügt, was seinen Kunden ansteckte.
Yami widmete sich wieder der Hülle in seiner Hand und lass die Beschreibung auf der Rückseite durch. Eine Weile beschäftigte er sich damit sich alles genau anzusehen und irgendwann blieb er vor einem Regal mit älteren Titeln stehen.
„Das da lohnt sich.“
Yami blickte auf.
Yugi stand einige Schritte entfernt und sortierte gerade mehrere Hüllen ein, schien gerade keine weiteren Kunden zu haben.
„Mhm?“
Er deutete auf das Spiel, das Yami in der Hand hatte.
„Die Steuerung ist schrecklich“, gab er ehrlich zu, was Yami etwas verdutzte.
„Das klingt nicht unbedingt nach einer Empfehlung.“
„Die Story ist aber extrem gut“, fügte Yugi dann verteidigend hinzu.
„Manchmal sind Spiele nicht immer in allen Bereichen stark. Die Frage ist wie sehr stören einem die Schwächen.“
„Naja, aber eine schlechte Steuerung mindert ja auch den Spass am Spiel, oder nicht?“ Yugi schüttelte langsam den Kopf, er sah ihn schon wieder mit diesem undefinierbaren Blick an. Was ging ihm wohl durch den Kopf, fragte sich Yami gedanklich.
„Seh’ ich nicht so. Ich glaube, viele Leute machen den Fehler, alles nur nach seinen Schwächen zu beurteilen.“
„Und du nicht?“
Ein kleines Schmunzeln erschien auf Yugis Lippen.
„Wenn ich das tun würde, wären Menschen ziemlich anstrengend.“
Yami musste unwillkürlich lachen. So hatte er das noch nie gesehen.
„Außerdem wäre es schade.“, murmelte Yugi, während er das Regal etwas umsortierte und fuhr dann fort: „Man verpasst viele gute Geschichten, wenn man beim ersten Makel aufhört hinzusehen. Die Steuerung mag nervig sein, aber die Figuren sind großartig. Die Welt ist interessant. Die Geschichte bleibt einem noch lange im Kopf.“
Kurz zuckte er mit den Schultern, dann sah er Yami an, welcher damit beschäftigt war die Hülle von allen Seiten zu bestaunen.
„Ich finde nicht, dass eine Schwäche automatisch alles andere wertlos macht.“
Eine Weile standen sie einfach so da, keiner sagte mehr was dazu. Yami, weil er keine Antwort darauf parat hatte und Yugi, weil jener einfach alles gesagt hatte dazu. Kurz darauf wurde er erneut von einem Kunden angesprochen, weswegen er wieder sich von Yami abwenden musste.
Yami beobachtete ihn noch einen Moment. Dann legte er das Spiel zurück ins Regal. Nicht weil er es nicht wollte, aber er hatte noch ein Spiel zu beenden. Er musste es sich erst verdienen ein neues kaufen zu dürfen. Yami sah auf seine Uhr und bemerkte, dass er viel zu viel Zeit hier verbracht hatte. Er verabschiedet sich von Yugi, welcher gerade fertig mit bedienen war.
Yugi sah ihm einen Moment nach, dann blickte er zu dem Regal wo sie vorhin noch standen. Er lief darauf zu und griff nach dem Spiel, worüber sie sich unterhalten hatten. Aus irgendeinem Grund legte er es nicht zurück. Er lächelte und versteckte es in einer Schublade beim Verkaufstresen. Etwas sagte ihm, er solle es hier verwahren.
Yami lief währenddessen die Strassen runter in Richtung seines Nachtclub Yoru.
Die Luft war inzwischen angenehm mild geworden. Menschen schlenderten wie er durch die Straßen, Cafés waren gut besucht und irgendwo spielte ein Straßenmusiker.
Als er das Yoru erreichte, war bereits deutlich mehr Betrieb als noch am Vortag. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Überall wurde eilig alles bereit gestellt für den baldigen Abend. Nicht mehr lange und die ersten Gäste würden das Yoru betreten. Kaum hatte Yami den Hauptraum betreten, erschien Bakura wie aus dem Nichts.
„Na endlich.“
„Ich bin ja jetzt da!“
„Hättest ruhig bisschen früher da sein können. Wir haben einen Arsch voll Arbeit, vergessen?!“, motzte ihn sein bester Kumpel an, leider zurecht, wie Yami sich eingestehen musste. Er hatte es ja versprochen pünktlich zu sein. Am Wochenende war immer viel zu tun bevor sie öffneten.
„Ich weiss, ich weiss. Tut mir ja Leid. Hab die Zeit vergessen…“, murmelte Yami entschuldigend und gesellte sich zu Bakura hinter die Bar um alles vorzubereiten. Bakura schob im die Schale mit den Zitronen zu, damit Yami diese verarbeiten konnte.
„Wo warst du?“, fragte Bakura nun neugierig nach, presste dabei aus den Orangen den Saft raus.
„Unterwegs.“
„Und?“
„Und was?“
„Wo warst du?“
„Domino ist groß.“
„Yami.“
„Bakura.“
Der Weißhaarige verschränkte die Arme und grinste plötzlich von einem Ohr zum Anderen.
„Du warst wieder bei ihm…“
Yami hasste es manchmal, wie lange sie sich bereits kannten. Er antwortete nicht darauf, lieber legte er die Zitronenscheiben sorgfältig in einen kleinen Behälter und legte den Deckel drauf. Doch Bakura wäre nicht Bakura, wenn er einfach so aufgeben würde.
„Wie geht es deinem Verkäufer?“
Ein leises Knurren entwich Yami, er schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Was hatte er erwartet?
„Ich hasse dich.“
„Das beantwortet die Frage überraschend gut.“
Bakura wich dem Barlappen aus, den Yami nach ihm warf, und lachte laut auf. Einige ihrer Mitarbeiter blickten kurz in ihre Richtung. Doch überrascht waren sie nicht, sie waren sich dies bereits von den Beiden gewohnt.
„Du bist unmöglich.“
„Und trotzdem dein bester Freund“, schmunzelte Bakura vergnügt. Er genoss ihre Streitigkeiten. Wenig später öffneten sich die Türen des Yoru und die ersten Gäste betraten den Club. Der DJ legte nun die Musik auf und der dumpfe Bass war in der Luft zu spüren.
Ein ganz normaler Samstagabend begann, zumindest dachte das Yami bis jetzt.
Die ersten Stunden verschwammen beinahe ineinander. Die Getränkebestellungen hörten gar nicht mehr auf, während einige der Gäste Yami immer wieder in längere Gespräche wickeln wollten. Er blieb immer freundlich und charmant, deswegen kamen die Leute auch so gerne hierhin.
Yami war gerade dabei mehrere Bestellungen gleichzeitig vorzubereiten, als sich die Eingangstür erneut öffnete. Er schenkte ihr zunächst kaum Beachtung, da eine weitere Gruppe von Gästen hereinströmten. Davon kamen heute dutzende. Erst als sein Blick beiläufig in Richtung Eingang wanderte, blieb er für einen Moment hängen.
Vier Personen.
Ein Mann mit blonden Haaren, der bereits beim Betreten des Clubs begeistert auf irgendetwas deutete. Er hatte eine immense Energie, die er ausstrahlte und wirkte wie jemand mit dem Mann jeglichen Blödsinn treiben konnte. Bisschen wie Bakura, nur wirkte der Blonde bisschen tollpatschiger und verpeilter.
Neben ihm kam eine junge Frau zum Vorschein mit wunderschönen blauen Augen. Ihre Haare waren zu einem verspielten Zopf gebunden. Sie wirkte sehr freundlich und vernünftig. Als wäre sie die Erwachsene ihrer Freundesgruppe, die jeden im Zaum halten musste.
Und zuletzt ein junger Mann, mit weissen, langen Haaren, der deutlich entspannter wirkte als der Rest der Gruppe. Er hatte sehr sanfte Gesichtszüge und sah wie eine harmlosere Version von Bakura aus. Wie die Ruhe selbst.
Dann fiel sein Blick auf die vierte Person. Yami blinzelte erstaunt.
Die Person lachte über etwas, was der Blonde Typ gesagt hatte. Dieses Lächeln. Yugi. Alles wirkte wie in Zeitlupe für Yami. Er merkte sich jedes Detail das er zu sehen bekam.
Er wirkte so anders. Eine Version von Yugi, die Yami noch nicht kannte. Kleidung hatte eine Macht, die man so schnell unterschätzte. Man konnte auf der einen Seite wirken wie ein freundlicher Verkäufer und auf der Anderen Seite konnte man so verflucht… anziehend aussehen.
Feine Ringe zierten diese zarten, filigranen Finger. Um seine Handgelenke waren dezente Armbänder gebunden. Das schwarze Hemd, das an den Ärmeln hochgekrempelt wurde, betonte seine Figur. Er wirkte ganz anders als in den lockeren, zarten Pullover. Die dunkle Hose wurde von einem Gürtel gehalten, dessen Noten im Licht der Lampen gelegentlich aufblitzen.
Und ein Detail was Yami am meisten faszinierte, um Yugis Hals war ein feines, dunkles Band befestigt.
Die Gruppe bewegte sich weiter in den Club und suchte sich einen passenden Platz aus, den sie auch schnell fanden. Der Blonde schien ohne Unterbrechung zu reden, was Yugi wieder zum Lachen brachte. Er wirkte vollkommen befreit, ein Abend ohne Verpflichtungen wie es schien. Wenn Yami es sich recht überlegte, bekam er nur mit wie der Andere wohl ziemlich viel arbeitete, da blieb wohl nicht viel Zeit übrig wie diese hier.
„Oh“, erklang die begeisterte Stimme Bakuras neben ihm. Yami schloss kurz die Augen.
Es war so klar.
„Nein“, sagte Yami ruhig und bestimmend. Jetzt nicht.
„Ich habe noch gar nichts gesagt.“
„Du denkst es bereits.“
Das raue Lachen von Bakura erklang und jener klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. Yami versuchte sich nichts anmerken zu lassen, was aber deutlich schwieriger wurde, als Yugi in diesem Moment den Kopf hob. Sein Blick wanderte neugierig durch den Raum und blieb dann an der Bar hängen. An Yami.
Für einen Moment erkannte man die Überraschung in seinem Gesicht. Dann erschien sofort ein warmes Lächeln auf seinen Lippen und bevor Yami auch nur darüber nachdenken konnte, hob Yugi kurz die Hand zur Begrüssung.
Yami spürte, wie sich irgendetwas in seiner Brust unangenehm zusammenzog. Er nickte als Begrüssung kurz.
Er versuchte sich auf die Bestellungen zu konzentrieren und es zu vermeiden zu Yugi zu sehen. Doch jener beobachtete ihn weiter. Wie er hinter der Bar stand und geübt irgendwelche ihm unbekanntes Cocktails mixte. Mit einer Selbstverständlichkeit als würde er das schon ziemlich lange machen. Es passte irgendwie zu ihm. Die Lockerheit, die Art wie er ganz charmant mit seinen Gästen sprach. Und irgendwie schien er für die anderen Mitarbeiter eine Art Ansprechpartner zu sein, weil er immer wieder von jemanden unterbrochen wurde.
„Wen schaust du denn solange an?“, erklang die Frage seiner besten Freundin Tea, die ihn mit neugierigen Blicken durchlöcherte. Die Anderen hielten in ihren Gesprächen inne und warteten auf Yugis Antwort. Dieser seufzte leise.
„Ich hab mich nur umgeschaut, sieht ziemlich vielversprechend aus hier.“
„Stimmt doch gar nicht. Ich hab genau gesehen, dass du jemanden an der Bar fixiert hast. Sag schon, wer ist es?“, lachte Tea und verfiel in ihr übliches Muster ihn verkuppeln zu wollen.
„Ihr seid manchmal so nervig.“
„Na los, Alter. Wir wollen jetzt wissen, wer da so spannend war.“
Yugi deutete unauffällig zu dem Barkeeper, welcher niemand geringeres war als Yami. Seine Freunde machten grosse Augen und redeten alle auf einmal.
„Jetzt mal ruhig. Es ist mein Kunde aus dem Laden, okay? Wusste nicht, dass er hier arbeitet, das ist alles“, murmelte Yugi etwas missmutig. Der Abend würde sich wohl nur noch darum drehen, befürchtete er.
„Moment mal… Das ist der Typ? Und der soll nur dein Kunde bleiben?“, stellte Joey schockiert fest und wollte ihm wohl liebsten an den Schultern packen und durchrütteln. „Der Typ ist ne Sahneschnitte, sowas lässt du doch nicht einfach abblitzen!“
„Ich hab genau noch gar nichts getan: Abgesehen davon ist das ja immer noch meine Entscheidung.“
Bevor jemand auch nur noch irgendwas hinzufügen konnte, trat nun ein Mitarbeiter an den Tisch, der Yugi ebenfalls nicht unbekannt war. „Was für ein Zufall. Heute mal umgekehrt“, lachte Bakura amüsiert auf und schien die ganze Kette an Zufällen sehr zu geniessen.
Yugi schmunzelte ihn an. „Hätte nicht gedacht euch beide hier zu sehen.“
„Wer ist’n das jetzt?“ Joey schaute verwirrt zwischen den beiden hin und her. Bakura musterte die Truppe einen Moment, ehe er einen Notizblock und einen Stift hervorzog. „Ich, mein Lieber? Bin heute ihr Mann für den Alkohol! Also, schiesst los!“ Bakuras raue und plumpe Art wäre wohl in manch Lokalen nicht erwünscht, aber hier im Yoru schien das einfach zu passen.
Die vier Freunde gaben ihre Getränkebestellung auf und der Weisshaarige verliess sie dann eilig, nur um Yami wohl zu ärgern wie es aussah. Die beiden hatten eine spezielle Art der Freundschaft, wenn man sie so beobachtete. Yugi und seine Freunde unterhielten sich eine Weile, nachdem Bakura ihre Getränke brachte. Doch irgendwann erhob er sich von seinem Stuhl, als Joey und Tea gerade in eine hitzige Diskussion fielen über eine Meinungsverschiedenheit der beiden.
„Ich bin gleich wieder da“, sagte ich entschuldigend zu Ryou, der Kopfschüttelnd seine beiden Freunde betrachtete. Jener grinste ihn dann frech an, da er schon vermutete was Yugi vorhatte.
„Keine Kommentar.“
„Ich habe gar nichts gesagt“, flüsterte Ryou kichernd zurück und hob verteidigend die Hände.
„Genau das macht mir Sorgen.“
Yugi steuerte direkt auf die Bar zu, beobachtete Yami dabei, der gerade mehrere Getränke vorbereitete. Erst als er alle 5 Cocktails auf ein Tablett stellte, damit es einer seiner Mitarbeiter mitnehmen konnte, bemerkte er, dass Yugi vor ihm stand. Mit diesem neugierigen Funken in den Augen. Sie sahen einander einen Moment lang in die Augen, sagten nichts. Für Yami fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Er fühlte wieder dieses starke Herzklopfen, versuchte es zu ignorieren.
„Hey.“
„Hey“, begrüsste Yugi ihn nur sanft zurück und hatte dieses Lächeln wieder auf den Lippen.
Wie konnte ein einziger Mensch die ganze Welt auf den Kopf stellen, ohne es dabei zu wissen…?