Kapitel 9 - Etwas zwischen uns
Kapitel 9 - Etwas zwischen uns
Kapitel 9 - Etwas zwischen uns
Die ersten Sonnenstrahlen fielen die grossen Fenster und tauchten das Wohnzimmer in ein warmes Licht. Es war noch ziemlich ruhig an diesem Morgen. Der Laden wurde gerade erst von Salomon geöffnet, welcher mit einer heissen Tasse Kaffee sich auf seinen Stuhl an der Theke setzte. Yugi unterdessen stellte gerade zwei Tassen Kaffee auf dem Tisch im Garten ab. Er trug einen lockeren Hoodie und hatte seine Kopfhörer auf seinen Schulter liegen.
Dann ging er kurz in sein Arbeitszimmer, was eher ein kleines Tonstudio war. Es war kein riesiger Raum wie es professionelle Musiker besassen. Vielmehr hatte sich Yugi nach und nach diesen Raum geschaffen, damit er auch hin und wieder von Zuhause aus arbeiten konnte. Besonders Abends nach dem Feierabend begann sein Kopf neue Melodien zu komponieren und dann musste er die einfach festhalten.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch auf dem sich zwei Monitore befanden, wie auch sein grosses Masterkeyboard, dessen Tasten bereits deutliche Gebrauchsspuren hatten. Die Wände waren bedeckt von Schallabsorber und über dem Mischpult hingen zwei grosse Studiolautsprecher. In der Mitte des Raumes waren zwei Mikrofone mit Popschutz, die sich auf die heutige Nutzung bereits freuten.
Auf dem Bildschirm war bereits das aktuelle Projekt geöffnet. Er machte ein paar Mausklicks und ging alles kurz durch. Heute standen einige Stücke für Mana an, wie auch ein Duett der beiden für die Credits.
Auch wenn die meisten Spieler da bereits den Controller aus der Hand legten und sich anderweitig beschäftigten bis die Credits durch waren, liebte Yugi es diesen Abschnitt zu komponieren. Die Geschichte war erzählt, es blieb nur noch die Musik übrig, die alles nachklingen liess was in den letzten Stunden durchgemacht wurde.
Er griff nach seinem Notizbuch, welches voll mit bunten Klebezetteln war.
„Mana - zweite Stimme eine Oktave höher.“
„Gemeinsamer Einsatz nach dem Klaviersolo.“
Alles war vollgekritzelt und sah aus wie ein verwirrendes Labyrinth, in dem nur Yugi sich auskannte. Ein leises Klingeln riss ihn schliesslich aus seinen Gedanken. Yugi speicherte alles ab und ging rasch zur Haustür um seine Freundin Mana hereinzulassen.
„Du bist ja mal pünktlich“, neckte Yugi sie, welche nur frech die Zunge rausstreckte und mit einer Tüte, die nach frischen Gebäck roch, vor seinem Gesicht wedelte.
„Sei nett. Ich habe Frühstück mitgebracht“, erwiderte die Braunhaarige mit einem breiten Grinsen.
Yugi winkte sie lächelnd herein, nachdem sie sich kurz zur Begrüssung umarmten. Er führte sie geradewegs auf die Terrasse, wo sie sich mit einem wohligen Seufzen in den Stuhl fallen liess. Vor ihr befanden sich ein Haufen an Notenblättern, die sie kurz überflog.
„Also, wie gehen wir’s an?“
„Wir gehen erstmal den Text durch und welche Message wir damit senden wollen. Fangen wir mit den Credits an. Ich will, dass es sich für die Spieler wie ein Abschied anfühlt. Er soll nicht traurig sein, eher dankbar und erleichtert.“ Yugi setzte sich neben Mana, während er ihr seine Vorstellungen erklärte. Sie nickte verstehend und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.
„Es soll sich anfühlen als würde man ein gutes Buch zuklappen“, ergänzte sie lächelnd.
Dann begannen sie beiden miteinander den Text durchzugehen.
Währenddessen schlenderte Yami ein paar Strassen weiter ohne ein wirkliches Ziel durch die Stadt. Er wollte eigentlich ausschlafen, aber nach 5 Stunden war er wieder auf den Beinen und dachte sich dass ein Spaziergang ihm gut tun würde.
Irgendwann blieb er an eine ihm bekannte Kreuzung stehen. Von weitem konnte er seinen Lieblingsladen erkennen.
„Na toll…“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen und lief geradewegs darauf zu. Vielleicht wäre Yugi ja da…
Nur kurz Hallo sagen…
Die kleine Glocke erklang leise als Yami die Tür hinter sich schloss.
Der graue, alte Mann begrüsste ihn mit einem breiten Lächeln.
„Willkommen im Mutos Games. Ich könnte dich langsam unseren Stammkunden nennen, junger Mann“, erklang die raue, warme Stimme des Älteren. Er stemmte stolz die Hände in die Hüfte.
„Yami“, erwiderte der junge Clubbesitzer schmunzelnd.
„Natürlich. Entschuldige. Namen waren noch nie meine Stärke. Wie geht es dir?“ Salomon hatte ein freundliches Lächeln im Gesicht, welches Yami nur zu gerne erwiderte.
„Gut, danke. Und Ihnen?“
„Ach, ich darf mich nicht beklagen. Solange ich noch zwischen Videospielen herumturnen kann, bin ich glücklich.“
Yami lache vergnügt und liess seinen Blick durch den Laden wandern. Keine violetten Augen waren zu sehen. Salomon bemerkte seinen Blick und lachte leise auf.
„Du suchst meinen Neffen, hm?“
Etwas verdutzt begann Yami mit sich zu hapern. „Äh… eigentlich wollte ich nur mal vorbeischauen.“ Doch der alte Mann schien ihm nicht zu glauben und hob skeptisch eine Augenbraue.
„Natürlich.“
Leise seufzte Yami ergeben.
„Ist es so offensichtlich?“
Salomon lachte wieder leise und wank seinen Kunden etwas näher heran. Jener folgte seiner Aufforderung und kam vor dem Tresen zum Stehen.
„Sonntags arbeite meistens ich, damit Yugi auch mal an einem Samstag ausgehen und dann ausschlafen kann. Naja… Wenn er ausschlafen würde“, grummelte er leise beim letzten Satz. Offenbar war Yugi kein Freund von Erholung.
Yami nickte nur stumm.
„Weisst du… Ich verstehe dich… Wenn einem jemand nicht mehr aus dem Kopf geht, sucht man nach den kleinsten Gründen um denjenigen zufällig wiederzusehen“, erklärte ihm Yugis Grossvater und hatte diesen verständnisvollen, warmen Blick. Er mochte diesen Opa richtig gerne.
Yami wusste nicht was er darauf antworten sollte.
„Mach dir keinen Kopf“, sagte Salomon und klopfte ihm grossväterlich auf die Schulter. „Yugi hat diese Wirkung auf Menschen.“
Etwas überrascht sah er Salomon an. Ein leichtes Schmunzeln zierte seine Lippen.
„Ja, die hat er“, flüsterte Yami und kam sich so ertappt vor. Salomon konnte er wohl nichts vormachen.
„Falls es dich beruhigt… Yugi redet normalerweise nicht so viel mit seinen Kunden. Zumindest nicht so viel wie mit dir. Und seine persönlichen Projekte zeigt er schonmal gar nicht“, baute Yugis Grossvater den jungen Mann etwas auf. Ihm war doch längst bewusst, dass diese Besuche im Laden kein Zufall waren.
Die Worte des alten Mannes, erfüllten seine Brust mit einer solch, kribbeligen Wärme. Er fühlte sich fast schon geehrt, dass Yugi bei ihm wohl anders war und leise, sacht wuchs die Hoffnung in ihm.
„Ihr Enkel ist etwas besonderes.“
„Ja, das ist er“, antwortete Salomon stolz und sah dann auf einen Bilderrahmen wo er und Yugi darauf grinsend abgebildet waren. Yami folgte seinem Blick. Die Ähnlichkeit war unverkennbar, er kam ganz nach seinem Grossvater. Dasselbe breite Grinsen, die kleinen Lachfältchen an den Augen. Die Haare waren natürlich die auffälligste Ähnlichkeit. Dann sah er wieder zu Yugis Grossvater und ging einige Schritte zurück.
„Ich mach mich dann wieder auf den Weg. Bis bald“, verabschiedete sich Yami damit. Yugis Grossvater winkte ihm zum Abschied.
Er trat raus an die frische Luft, die Sonne kam aus ihrem Versteck raus und wärmte sein Gesicht. Einige Familien gingen nun langsam aus ihren Wohnungen raus um den sonnigen Tag zu beginnen und was zu unternehmen. Yami lief an der Hauswand des Spielladens vorbei, die in eine hohen Hecke endete. Gerade als er an ihr vorbeigehen wollte, erklang leise Musik in seinen Ohren.
Er blieb wie angewurzelt stehen…
Er hörte…
Eine Frauenstimme. Klar. Warm.
Kurz darauf setzte eine zweite Stimme ein. Tiefer. Ruhiger.
Yami runzelte die Stirn als er der leisen Melodie lauschte. Moment… Diese Stimme…
Er trat aus purer Neugier näher an die Hecke und entdeckte ein kleines Loch zwischen den ganzen dicht gewachsenen Äste. Eigentlich gehörte sich das gar nicht, dass man in fremde Gärten sah, aber er konnte einfach nicht anders.
Im Garten sassen zwei Menschen an einem grossen Tisch, der voll mit irgendwelchen Blättern war. Daneben ein offener Laptop.
Die junge Frau, die ihm gänzlich unbekannt war, sang gerade eine Zeile. Neben ihr erkannte er Yugi, der ihr aufmerksam zuhörte. Er machte sich kleine Notizen auf einem Blatt Papier.
„Versuch die letzte Silbe etwas länger zu halten“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„So?“, fragte die Frau und sang die Passage erneut. Zufrieden nickte Yugi und lächelte sie an.
„Jetzt zusammen.“
Beide atmeten ein und begannen die ersten Zeilen dieses Liedes zu singen. Die beiden Stimmen verschmolzen miteinander, als hätten sie nie etwas anderes getan. Yami stand etwas verdutzt da und beobachtete die beiden. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Yugi singen konnte. Er dachte sich, vielleicht half Yugi ihr beim Üben, aber das hier war etwas ganz anderes.
Es war wunderschön, so voller Wärme. Yami war ganz fasziniert von diesem Anblick, dieser Stimme, die er bereits seit Wochen immer wieder gedanklich hörte. Sie klang genauso ruhig wie seine Art zu sprechen.
Langsam verklangen ihre Stimmen und für einen kurzen Moment herrschte Stille im Garten. Yugi machte sich wieder irgendwelche Notizen und sagte dann lobend:
„Der zweite Refrain war schon viel besser!“
Zustimmend nickte die junge Frau und beobachtete ihren Freund genauer.
„Aber? Was fehlt?“ Fragte sie dann nach.
Yugi tippe mit den Stift gegen sein Kinn. Dann griff er nach seinem Laptop und begann etwas einzutippen.
Leise erklang die sanfte Melodie eines Klaviers. Es war so einsam. Langsam. Fast zerbrechlich.
Dann setzte nach wenigen Takten ein einzelnes Cello ein. Immer wie mehr Instrumente kamen langsam hinzu. Die Musik wurde grösser, tragender, epischer. Sie klang nach einem Abschied. Nach Verlust und zugleich nach Hoffnung. Yami konnte sich nicht erklären warum, er verstand nichts von Musik, aber sie löste so viel in ihm aus.
Mana lauschte mit geschlossenen Augen der Melodie. Sie hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Als die Musik endete sah sie ihren Freund an. Die beiden unterhielten sich über das Stück, doch Yami hörte dem Gespräch gar nicht mehr zu. Er wandte sich ab und lief langsam wieder nach Hause. Er hatte genug spioniert und schliesslich hatte er noch einiges zu erledigen.
In der Zwischenzeit hatte sich Salomon kurz zu Yugi gesellt um diesen von einer gewissen Person zu berichten.
„Übrigens dieser junge Mann, Yami, war heute im Laden“, erwähnte Salomon so nebenbei, während er einen Schluck von seinem heissen Tee nahm. Er liebte Jasmin Tee.
Yugi sah neugierig zu seinem Grossvater.
„Hat er etwas gebraucht?“
„Dich“, schmunzelte der alte Mann. Yugi stöhnte genervt auf und rollte mit den Augen. Mana dagegen konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
„Opa!“
„Was denn? Der hat nach dir Ausschau gehalten. Ich kenne den Blick eines Menschen, der auf jemanden hofft“, sagte er nun mit sanfter Stimme und schenkte seinem Enkel eindeutige Blicke.
Yugi schnaubte nur leise und murmelte irgendwas von, er solle nicht so übertreiben.
„War er denn enttäuscht?“, fragte Mana neugierig und mit einem vielsagenden Grinsen den Opa aus. „Mana!“, rief Yugi mahnend aus, doch die beiden liessen sich nicht aufhalten. Salomon setzte sich kichernd neben die junge Frau.
„Ein bisschen.“
„Das ist ja süss“; quietschte die Braunhaarige vergnügt auf und gab Yugi einen Schubs. Der schüttelte nur den Kopf und beugte sich über seine Notizen um dem Gespräch ausweichen zu können. „Yugi, jetzt sag doch mal was dazu! Du hast einen Verehrer!“
„Lass das! Er ist nur ein Kunde. Nicht mehr, nicht weniger.“
„Na und?“
„Ich fange nichts mit einem Kunden an! Ich habe meine Prinzipien“, sagte Yugi mit einem strengen Ton. Mana quittierte das mit einem hoffnungslosen Kopfschütteln.
„Du und deine blöden Prinzipien. Salomon… Sieht er denn gut aus?“, fragte Mana mit einem verschmilzten Grinsen. Die beiden vergnügten sich köstlich auf Yugis Kosten, der nun tiefer in seine Notizen beugte…
Yami ist währenddessen Zuhause angekommen und schloss die Wohnungstür hinter sich ab. Die Schlüssel landeten achtlos in einer Schale neben der Garderobe.
Für einen Moment atmete er tief aus. Nach den vergangenen Nächten im Yoru wirkte seine Wohnung beinahe ungewohnt ruhig. Bis auf das leise Summen des Kühlschranks und das entfernte Rauschen der Stadt, hörte man nichts.
Seine Wohnung war so ziemlich genau das Gegenteil des Yoru. Sie war hell, ordentlich und war im minimalistischen Stil eingerichtet. Yami mochte es schlicht und einfach.
Grosse Fenster liessen viel Licht herein, während einzelne dunkle Holzmöbel einen warmen Kontrast bildeten.
Ein großes Bücherregal zog sich über eine komplette Wand. Zwischen Romanen, Cocktailbüchern und einigen Fachbüchern über Spirituosen standen gerahmte Fotos. Die meisten zeigten gemeinsame Momente mit Bakura und Ritsu. Ein Bild stach dabei besonders hervor. Drei deutlich jüngere Männer, lachend vor ihren Motorrädern, jeder mit zerzausten Haaren und ölverschmierten Händen.
Yami blieb kurz davor stehen und musste schmunzeln.
„Wir sahen damals echt furchtbar aus.“
Direkt neben der Wohnungstür hingen ordentlich aufgeregt einige schwarze Motorradjacken. Darunter standen schwere Lederstiefel und am Haken baumelte ein schwarzer Helm.
Yami blieb davor stehen und strich mit einem Lächeln im Gesicht über das matte Leder seiner Lieblingsjacke. „Na komm…“
Er nahm den Helm vom Haken.
„Heute drehen wir endlich wieder eine Runde“, murmelte er leise und liebevoll. Er schnappte sich Bakuras Geschenk und zog sich dann um.
Der Geruch von Benzin und kaltem Metall begrüsste ihn bereits, als sich das Garagentor langsam öffnete. Im dämmrigen Licht stand sie dort. Schwarz mit tiefroten Akzenten. Makellos gepflegt.
Es war nicht das neueste Modell, aber genau die Maschine von der Yami als Jugendlicher immer geträumt hatte. Er kaufte sie sich mit seinem ersten richtigen Gehalt.
Mit einem satten Grollen erwachte der Motor schliesslich zum Leben. Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. Dieses Geräusch bedeutete Freiheit. Sobald er auf dem Motorrad sass, verschwanden die Gedanken an Arbeit, Rechnungen oder den Club. Dann zählten nur noch die Strasse, der Fahrtwind und das leise Vibrieren des Motors unter ihm.
Er setzte den Helm auf, liess das Visier herunterklappen und fuhr aus der Garage. Der Weg zu Bakura war nicht sonderlich weit. Die Strassen waren an diesem Sonntagnachmittag angenehm leer. Während Häuser und Bäume an ihm vorbeizogen, schweiften seine Gedanken unweigerlich wieder ab.
Violette Augen.
Er schüttelte sachte den Kopf und konzentrierte sich auf die Fahrt. Er bog in eine ruhige Wohngegend ein und konnte bereits von weitem mehrere Motorräder erkennen vor einem Einfamilienhaus.
„Na klar…“
Er parkte seine Maschine daneben und nahm den Helm hat. Kaum stand er auf den Beinen, da flog die Haustür bereits auf und zum Vorschein kam ein grinsender Bakura.
„Da ist ja unser Spätzünder!“, rief Bakura hämisch über den gesamten Vorgarten hinweg. Yami schüttelte nur stumm den Kopf und ging auf seinen besten Freund zu. Brüderlich umarmten sich die beiden kurz und klopften einander auf die Schulter.
„Alles Gute zum Geburtstag“, sagte Yami und zog ein sorgfältig eingepacktes Geschenk aus seiner Umhängetasche. Bakura musterte ihn kurz skeptisch da das Geschenk weder in Briefform noch in Flaschenform bei ihm ankam.
„Bin gespannt was du davon hältst… War nicht meine Idee“, sagte Yami mit einem Grinsen im Gesicht.
„Ach was? Von wem dann?“, fragte der Weisshaarige neugierig nach.
„Yugi.“
Bakura hob vielsagend eine Augenbraue und hatte diesen frechen Funken in den Augen, welches Yami zu ignorieren versuchte. Von der Neugier gepackt, riss Bakura das Geschenkpapier auf. Seine Augen weiteten sich.
„Nein!“ Er drehte die Spielhülle und las sich die Rückseite aufmerksam durch. „Nicht sein ernst! Der will mich fertig machen“, lachte Bakura laut auf.
„Ist das jetzt gut oder nicht?“
„Gut! Blind Silence hat so seinen Ruf. Hab mich bisher nicht daran getraut, aber jetzt hab ich wohl keine andere Wahl“, grinste er und winkte Yami herein. Die beiden gingen ins Haus und Yami wurde mit lautem Jubeln gegrüsst. Er hob grüssend die Hand.
„Da bist du ja endlich“, rief Malik quer durch das Wohnzimmer und hob grinsend seine Bierflasche. Die Feier schien schon völlig chaotisch zu sein, aber das war auch keine Überraschung mit den Leuten. Das eskalierte jedes Mal.
„Hab ich was verpasst?“
„Nur Marik, der davon überzeugt ist, dass er die ganze Wodka Flasche auf Ex trinken kann.“
„Kann ich auch“, meldete sich jener sofort aus der Küche.
„So ein Scheiss. Letztes Mal hast du bei der halben Flasche angefangen zu kotzen“, bemerkte Malik trocken und schüttelte den kopf.
Yami schnappte sich grinsend ein Bier aus der Verpackung und bahnte sich seinen Weg durch die Gäste. Die meisten kannte er noch aus ihrer gemeinsamen Partyzeit. Manche hatte er seit Monaten nicht mehr gesehen, trotzdem fühlte es sich jedes Mal an als wäre es erst ein paar Wochen her seit dem letzten Mal.
Bakura legte ihm einen Arm um die Schulter und dirigierte ihn in Richtung Couch.
„Wir müssen das gleich testen!“
Er betrachtete einen kurzen Moment das Cover und strich beinahe ehrfürchtig über die Hülle. Das breite Grinsen im Gesicht zeigte wie sehr ihm das Geschenk gefiel.
Yami setzte sich neben ihn und schaute gespannt in den Fernseher.
„Mal sehen ob der Kleine recht behält“, murmelte der Weisshaarige und startete das Spiel.
„Naja, bei mir hat er voll ins Schwarze getroffen“, entgegnete Yami schmunzelnd.
Der schwarze Bildschirm hellte auf. Das Titelbild war sehr schlicht gestaltet, beinahe wie das Cover. Es war weiss und in der Mitte befand sich dieses grosse Auge wie auf der Hülle, jedoch war das Auge geschlossen. Bakura drückte auf den Startknopf und in einem Zug blinzelte dieses Auge und zog einen mit einer Gewalt auf sich zu und verschlang einen. Kurz zuckten die beiden Männer zusammen und sahen sich stumm an. Das begann ja gut.
Nebel kroch über den Bildschirm, während eine melancholische Klaviermelodie erklang. Sie wirkte beinahe beruhigend, doch genau das machte einen noch viel nervöser. Ein Klavier in einem Horrorspiel hatte noch nie eine gute Bedeutung. Er bewegte langsam die Figur durch den ersten Raum. Plötzlich erklang ein grauenhafter Sound und Bakura drehte seine Figur verschreckt um.
„Was zur Hölle war das?!“, rief Bakura laut erschrocken aus. Eilig lief die Figur durch den nächsten Raum und aus dem Nichts knallte die Tür hinter ihm zu. Eine Weile spielte Bakura und immer wieder breitete sich grosses Unbehagen in ihm aus, aufgrund der unheimlichen Soundeffekte. Irgendwann legte er den Controller beiseite und atmete tief ein und aus.
„Ich brauch ne Pause. Die Scheisse ist verdammt creepy!“
Sie lachten amüsiert auf und schnappten sich ein neues Bier aus der Kiste. Eine Weile sagten sie nichts und sassen einfach da. Die Jungs um sie herum grölten und lachten, hatten nur Unsinn im Kopf. Irgendwann unterbrach Bakura die Stille zwischen ihnen.
„Weisst du was ich gerne mal wieder machen würde?“ Fragend sah Yami seinen besten Freund an, der einen Schluck aus seiner Bierflasche nahm. „Eine richtige Tour mal wieder. Nicht nur eine Stunde durch Domino.“
„Jetzt wo du’s sagst… Einfach morgens los. Irgendwo frühstücken und dann Richtung Küste fahren. Vielleicht bis Hakone“, schwärmte Yami und grinste seinen Kumpel an.
„Machen wir!“
„Wie damals.“
Bakura nickte sanft.
„Ich vermisse das. Sollte wir wieder öfter machen. Einfach Frei nehmen vom Yoru.“
Früher gab es kaum ein Wochenende an dem sie nicht mit dem Motorrädern durchs Land gefahren sind. Mal führte sie die Strecke hinaus Richtung Meer, mal schlängelten sie sich über die kurvigen Bergstrassen rund um Hakone oder verbrachten Stunden damit, den Mount Fuji aus immer neuen Blickwinkeln zu bestaunen.
Plötzlich grinste Bakura.
„Weisst du noch, als du behauptet hast, du kennst eine Abkürzung?“
„Jetzt kommt’s“, verdrehte Yami seufzend die Augen.
„Drei Stunden Umweg.“
„Dafür war die Aussicht gut“, verteidigte sich Yami.
„Wir standen mitten zwischen Reisfeldern!“
„Mit einer hervorragenden Aussicht!“
„Ja und dem Bauern im Rücken, der uns mit seiner Mistgabel aufspiessen wollte!“
Lachend stiessen die Beiden ihre Bierflaschen zur Prost gegeneinander und nahmen einen grossen Schluck daraus.
„Ich frage mich bis heute, wie du das geschafft hast.“
„Talent.“
„Orientierungslosigkeit trifft’s eher“, lachte der Weisshaarige vergnügt und stiess Yami spielerisch von sich weg. „Nächsten Woche? Sonntag?“
„Nur wir beide.“
Darauf stiessen die zwei wieder an.
Die Party neigte sich langsam dem Ende entgegen. Einige ihrer Freunde haben sich bereits verabschiedet, andere standen noch mit einem letzten Getränk im Garten.
Yami zog sich seine Lederjacke über und griff nach seinem Helm.
„Ich mache mich dann langsam auf den Weg. Morgen im Café? Dann schreiben wir unsere Einkaufsliste“, erinnerte Yami seinen Partner wieder an die Arbeit. Der nickte nur widerwillig.
Er begleitete ihn bis zu seinem Motorrad.
„Pass auf dich auf.“
„Mach ich.“
Für einen Moment entstand wieder Stille. Dann hob Bakura die Spielhülle, die er den ganzen Abend kaum aus der Hand gelegt hatte.
„Du…“, begann er leise. „Danke.“
Yami lächelte und klopfte seinem Freund freundschaftlich auf die Schulter.
„Gern.“
Doch jener schüttelte nur den Kopf.
„Nein, ernsthaft. Normalerweise schenkst du mir eine Flasche Whisky oder steckst mir das Geld zu. Aber dieses Mal hast du dir echt Gedanken gemacht.“
Er zuckte leicht mit den Schultern und fand den Boden auf einmal sehr interessant.
„Dachte eine Veränderung schadet nicht“; murmelte er dann leise.
„Diese Verliebtheit… tut dir gut.“
„Ich bin nicht…“
„Schnauze. Egal wie du es nennen willst… Ich mag’s“, unterbrach in Bakura lachend und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Ich mag den Kleinen. Das ist das erste Geschenk seit Langem, bei dem man spürt, wie sehr sich jemand Gedanken um einen gemacht hat. Du kannst gerne öfter mit ihm Geschenke kaufen gehen.“
Yami nickte ihm stumm zu. Er setzte sich seinen Helm auf und stieg auf seine geliebte Maschine auf.
„Gute Nacht, Bakura.“
„Nacht. Fahr vorsichtig.“
Mit einem tiefen grollen sprang der Motor an und Yami hob kurz die Hand zum Abschied, ehe er langsam die Strasse hinunterfuhr.
Bakura blickte ihm einen Moment lang nach. Dann sah er auf die Spielhülle in seinen Händen und ein zufriedenes Lächeln legte sich auf seine Lippen.
„…Danke.“ Murmelte er leise zu sich selbst.
Als Yami seine Wohnung betrat, war es bereits weit nach Mitternacht. Die Feier hatte länger gedauert als geplant. Noch immer. Hallte das Gelächter seiner Freunde in seinen Gedanken nach. Sein Blick fiel durch die Wohnung und blieb dann auf dem Fernseher hängen. Daneben lag der Controller…
Wenige Minuten später versank das Wohnzimmer erneut in der vertrauten Atmosphäre des Spiels. Die Vorhänge waren halb geschlossen, nur das matte Licht der Stehlampe erhellte den Raum. Draussen war die Stadt längst zur Ruhe gekommen. Hin und wieder fuhr in der Ferne noch ein Auto vorbei, ansonsten war nur der leise Regen zu hören, der in der Zwischenzeit angefangen hatte und gegen seine Fensterscheiben prasselte.
Die Welt hatte sich verändert. Wo zuvor geschäftige Dörfler voller Leben gewesen waren, herrschte nun bedrückende Stille. Verlassene Häuser säumten den Weg, die Fensterläden schlugen im Wind gegen die verwitterte Fassade, während sich vereinzelte Blätter über den steinernen Boden treiben liessen.
Kein Gegner stellte sich ihm in den Weg.
Keine Musik begleitete seine Schritte.
Nur der Wind.
Yami verlangsamte sein Tempo unbewusst. Er hatte es plötzlich nicht mehr eilig. Immer wieder blieb er stehen, betrachtete die Umgebung oder las alte Tagebucheinträge, die er zuvor achtlos übersprungen hatte.
Sobald man spürte, dass man auf ein Ende zuging, erschienen auf einmal alle Details so wahnsinnig wichtig zu sein, die zuvor keinerlei Beachtung bekamen.
Er legte den Controller beiseite. Er war nicht bereits das Ende heute zu spielen. Es war schon spät und er wollte dafür richtig da sein, erholt und bereit dafür. Er machte die Lichter aus und legte sich dann ins Bett.
Es vergingen zwei Tage, in denen Yami das Spiel nicht anrührte. Das verstehen nur Leute, die selber ein Spiel richtig geliebt und gelebt haben. Gegen Ende eines Spiels, dass einen wochenlang begleitete über mehrere Stunden am Tag, wurde man beinahe sentimental und wehleidig. Einerseits wollte man es beenden um alles zu erfahren, aber zugleich wollte man nicht, dass es schon soweit ist und ein Ende findet. Man fühlte sich… so leer…
Doch heute war der Abend gekommen. Er startete das Spiel.
Er lief langsam die letzten Stufen hinauf. Ein grosses, schwarzes Tor nahm fast die ganze Bildfläche mit ein. Es war verwittert und von Ranken überwuchert. Dahinter wartete sein Endgegner.
Yami atmete tief ein und ging mit seinem Charakter direkt auf den Boss zu.
Eine letzte Warnung erschien auf dem Bildschirm.
„Bist du sicher, dass du diesen Schritt gehen möchtest? Sobald du die Tore durchschreitest, gibt es kein zurück mehr!“
Yami wählte die „Ja, ich bin bereit“ Taste und eine Cutscene begann…
Etwas mehr als eine Stunde verging… Der Kampf war extrem schwer. Er hatte mehrere Anläufe gebraucht. Und schliesslich… Die letzte Szene war sehr lange gestaltet. Sie klärte jede Frage auf, die man sich vorher ständig gestellt hatte.
Es war lange her, dass ihn ein Spiel derart berührt hatte.
Ein leises Klavier begleitete die letzten Bilder… Auch wenn das Ende auf eine Art ziemlich traurig war, sie hatte doch ein Happy End auf eine Art und Weise…
Der Controller lag regungslos auf Yamis Schoss, der die ganze Zeit wie gebannt auf den Fernseher schaute. Man fühlte sich mit den Charakteren im Spiel verbunden. Sie hatten Fehler gemacht. Sie waren gescheitert. Sie hatten geliebt, verloren, gezweifelt und dennoch immer wieder weitergemacht. Als Spieler wurde man unzählige Male vor Entscheidungen gestellt und wusste nicht welche Auswirkungen sie hatten.
Langsam begann der Bildschirm auszublenden und leise erklang die sanfte Melodie eines Klaviers.
Dann erschien die erste Zeile.
„Thank you for playing.“
Darunter setzte sich langsam der Abspann in Bewegung.
„Wenn du das Spiel beendet hast… dann sie dir die Credits an“, hallten Yugis Worte in seinen Ohren wieder. Yami setzte sich etwas aufrecht hin.
Anfangs wirkten die Credits beinahe unscheinbar. Name um Name zog über den Bildschirm, als würde man all jenen danken, die im Hintergrund unzählige Stunden in dieses Spiel investiert hatten.
Grafiker. Animatoren. Programmierer. Audiodesigner. Einige Namen tauchten sogar mehrfach auf. Offenbar hatten manche Entwickler in mehreren Bereichen mitgewirkt. Es mussten hunderte Menschen gewesen sein, die an dieser Welt gearbeitet hatten.
„Wenn man sich für eine Geschichte interessiert lohnt es sich manchmal auch die Menschen dahinter kennenzulernen.“
Zum ersten Mal nahm Yami sich bewusst die Zeit, die Credits nicht einfach zu überspringen. Bisher hatte er sie nie weiter beachtet. Das Spiel war vorbei, also schaltete man normalerweise aus oder begann direkt einen neuen Durchlauf. Doch heute war es anders. Yugi hatte ihn ausdrücklich darum gebeten dranzubleiben.
Mit jeder Minute veränderte sich die Gestaltung der Credits. Die Namen wurden größer, bekamen mehr Raum. Offenbar war nun der Teil erreicht, in dem jene Menschen vorgestellt wurden, die ganze Bereiche des Projekts geleitet hatten.
Art Director
Ein Name erschien, Hiroshi Tanaka, er verweilte einige Sekunden auf dem Bildschirm und verschwand dann wieder.
Kurz darauf folgte der nächste Name.
Technical Director
Haru Sato
Audio Director
Kenji Nakamura
Immer wieder wechselten die Bilder, während die Musik des Spiels langsam ruhiger wurde und eine neue Melodie erklang in den letzten Minuten. Yami lehnte sich etwas weiter nach vorne. Er begann langsam zu verstehen, wie gewaltig die Entwicklung eines solchen Spiels tatsächlich sein musste. Jeder einzelne Bereich wurde von einer anderen Person geleitet. Jeder schien seinen Teil zu dieser Welt beigetragen zu haben.
Dann erschien ein neuer Schriftzug.
Größer.
Deutlich präsenter als alle zuvor.
Creative Director
Lead Game Designer
Composer
Yami runzelte leicht die Stirn. Die drei Titel verblieben einige Sekunden allein auf schwarzem Hintergrund. Dann erschien darunter langsam ein weiterer Schriftzug.
Yugi Muto
Yami erstarrte für einen Moment. Sein Blick blieb auf dem Bildschirm haften, eher gesagt auf dem Namen.
„Yugi…"
Yami spürte, wie sich langsam eine Gänsehaut auf seinen Armen ausbreitete. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht das dieses Spiel, dass ihm über die Wochen so ans Herz gewachsen war, von Yugi war. Doch auf einmal ergab alles einen Sinn. Dieses enorme Interesse wie es im Spiel lief, dass er gewisse Entscheidungen verpasst hatte oder auch als er mit dem alten Mann redete. Es ergab alles nun Sinn. Die Musik… Der Garten… Die junge Frau… Offenbar war er weltmehr als nur ein Entwickler. Diese berührenden Melodien stammten von Yugi.
Einerseits war er beeindruckt, aber kam sich auch so verarscht vor. Aber nicht im negativen Sinne. Dass Yugi ihm ausgerechnet sein eigenes Spiel verkauft hatte, ohne auch nur ein einziges Wort davon zu erwähnen.
Die Credits liefen weiter.
Weitere leitende Mitarbeiter wurden vorgestellt. Produzenten. Projektmanager. Verantwortliche verschiedener Studios. Namen, die Yami nichts sagten und denen er trotzdem aufmerksam folgte. Erst als der Bildschirm ein letztes Mal schwarz wurde, erschien der finale Schriftzug.
Größer als alle zuvor.
Executive Producer
Seto Kaiba
Yami musste unwillkürlich schmunzeln. Es war so klar. Es hätte niemand anderes sein können. Der Mann vor der Kaiba Corporation. Seto Kaiba höchstpersönlich. Der Mann, der selbst aus der Ferne eine Präsenz ausgestrahlt hatte, die man kaum übersehen konnte.
Kaum verblasste auch der letzte Name, wechselte der Bildschirm erneut.
Auf einmal liefen beinahe unprofessionelle ersten Filmaufnahmen aus der Entwicklung des Spiels. Es wurde zuerst noch herangezoomt und die Schärfe eingestellt. Eigentlich passte das so gar nicht zu einem Chef wie Seto Kaiba. Wobei vielleicht war dies auch eher eine Idee von Yugi gewesen. Zu ihm passten solche unperfekten Dinge eher als zu dem Eisblock.
Es waren keine inszenierten Aufnahmen wie Werbevideos, sondern echte Momente. Ein Entwickler, der konzentriert an einer Figur zeichnete. Mehrere Artists, die lachend über einen Entwurf diskutierten.
Programmierer, die sich gegenseitig über die Schulter schauten.
Jemand filmte einfach alles mögliche zwischendurch.
Plötzlich erschien Seto Kaiba im Bild. Er stand vor einer grossen Leinwand und erklärte dem gesamten Team den nächsten Meilenstein. Sein Blick war eiskalt, konzentriert und präzise. Die Kamera schwenkte langsam durch den Raum. Man sah müde Gesichter, der Tisch vollgepackt mit Kaffeebechern, offene Notebooks, Skizzen. Jemand lachte, ein anderer gähnte und einer versteckte sich grinsend hinter seinem Laptop als er die Kamera bemerkte.
Dann erschien ein neuer Moment. Yugi sass an einem Klavier und hatte grosse Kopfhörer an. Seine Augen waren geschlossen und er gab sich der Melodie völlig hin. Immer wieder hielt er inne, spielte dieselbe Stelle erneut und machte sich dann irgendwelche Notizen.
In einer weiteren Aufnahme, Yugi stand diesmal zwischen mehreren Entwicklern vor einer großen Pinnwand voller Konzeptzeichnungen. Er hörte zu, nickte, stellte Fragen und ließ einen jungen Mitarbeiter ausführlich seine Idee erklären. Als dieser geendet hatte, lächelte Yugi lediglich, griff nach einem Stift und ergänzte den Vorschlag mit ein paar kleinen Skizzen.
Es waren so schöne, echte Aufnahmen. Wie sie zusammen Pizza assen spät abends. Yugi kam mit einem Kaffeebecher herein, sagte irgendwas und als er die Kamera auf sich gerichtet sah, fluchte er leise: „Hör auf ständig meine Fresse zu filmen, diese Augenringe will keiner sehen! Schneid das raus!“ Grinsend verdeckte er die Linse mit seiner Hand. Ein kleiner Schriftzug erschien darunter mit den Worten:
„Jetzt bleibt sie erst recht drin!“
Ein sanftes Lächeln erschien auf Yamis Lippen, der nun einen Schluck aus seiner Cola Flasche nahm, die vor ihm auf dem Tisch stand.
Seine liebster Moment. Yugi, der völlig erschöpft auf seinem Schreibtisch eingeschlafen war, während jemand ihm lachend eine Decke über die Schultern legte. Dieser grummelte nur leise im Schlaf und schlug die Hand weg.
Yami lehnte sich in seinem Sessel zurück und ließ den Abspann noch einen Moment nachwirken.
Er verstand es jetzt. Yugi ging es nie darum, dass Yami ihn sah. Er wollte, dass er sie alle sah. Jeden einzelnen, der sein ganzes Herz in das Projekt gesteckt hatte. Die Menschen hinter dieser Geschichte. Die Menschen, die gemeinsam etwas erschaffen hatten, dass Millionen Spielern unvergessliche Stunden schenkte.
Sein Blick wanderte neben den Fernseher zu einem kleinen Tisch, auf jenem befanden sich zwei Spielhüllen. Das eine, welches er soeben beendet hatte, Veil of Memories und das zweite, welches er kurz angespielt hatte, Project Aegis. Doch die Geschichte von Veil of Memories war so fesselnd, dass er das andere Spiel wochenlang beiseite gelegt hatte. Es war sowieso eher auf Gameplay aus statt Story. Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Ein Spiel, das nicht so viel vom Kopf aus brauchte und eher Atmosphäre lieferte…
Die Morgensonne fiel in langen, goldenen Streifen durch die grossen Schaufenster von Mutos Games und tauchten den Verkaufsraum in ein warmes Licht. Obwohl der Laden erst seit einer guten Stunde geöffnet hatte, herrschte bereits reges Treiben. Samstags waren wieder viele Familien unterwegs und verirrten sich in den kleinen Laden. In einer Ecke des Ladens hörte man Salomon, wie er einem älteren Ehepaar erklärte, was der Unterschied zwischen einer Handheld-Konsole und einer stationären war.
„Die jungen Leute von heute lieben es, wenn sie ihre Spiele auch unterwegs nutzen können. Wenn ihr Enkel viel mit dem Bus unterwegs ist, wird er sich so gut die Zeit vertreiben können.“
„Das könnte ihm doch gefallen, Liebes?“
Yugi beobachtete für einen Moment die Szene mit einem kleinen Schmunzeln im Gesicht. Er widmete sich wieder seinem eigenen Kunden.
„Wenn du eher Wert auf eine tiefgründige Geschichte legst, würde ich dir das hier empfehlen.“
Er nahm eine Spielhülle aus dem Regal und reichte sie dem jungen Mann.
„Es braucht etwas Zeit, bis es richtig Fahrt aufnimmt“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Dafür entfalten sich die Figuren Stück für Stück.“
Nachdenklich betrachtete der Kunde das Cover. Dann nickte er schliesslich.
Als er den Verkauf abgewickelt hatte, widmete sich Yugi kurz seinem aufgeklappten Laptop. In einer Tabelle die von Montag bis Freitag unterteilt war, trug er die Namen der Synchronsprecher und Sänger ein, die er für kommende Woche aufnehmen wollte.
Ein Sprecher hatte kurzfristig verschoben, was nun alles etwas durcheinanderbrachte und sich nun diverse Termine überschnitten. Nun musste er es irgendwie hinkriegen, dass alles in einer Woche unter einen Hut zu bringen.
Auf einmal klingelte es und ein hochgewachsener Mann trat ein. Kein geringerer als Seto Kaiba.
„Lieferung!“ Dabei schob ein Mitarbeiter mehrere Rollwagen mit Kartons in den Laden.
„Guten Morgen, Seto.“
„Guten Morgen“ begrüsste Seto den Kleineren und liess kurz seinen Blick durch den Laden schweifen. „Schon ziemlich gut besucht.“
„Ja, Samstag halt“, erwiderte Yugi leise. Seto trat zu ihm an den Tresen heran, während seine Mitarbeiter begannen die Kartons ins Lager zu bringen. Auf jedem prangte gut sichtbar das Logo von Kaiba Corp. Neue Konsolen, Controller, Vorbestellte Editionen.
Seinen Kaffeebecher stellte er auf den Tresen ab.
Yugi schloss seinen Laptop und trat hinter dem Tresen hervor.
„Hab ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass du schon diese Woche lieferst. Meintest du nicht, es gäbe Verzögerungen in der Herstellung?“
„Ja, aber offenbar haben sie die verlorene Zeit wieder aufholen können.“
Yugi hob misstrauisch eine Augenbraue in die Höhe und kreuzte die Arme vor der Brust.
„Ja, wahrscheinlich, weil ein gewisser Jemand Druck gemacht hat.“
„Ich zahle schliesslich dafür.“
Nickend griff Yugi nach einem der Kartons auf dem Wagen und stellte es auf den Tresen um es zusammen mit Seto zu begutachten. Sorgfältig in Folie verpackte Spiele lagen ordentlich aufgereiht darin. Yugi nahm eines davon in die Hand und betrachtete kurz das Cover.
„Die Collector’s Edition sieht noch viel hochwertiger aus als auf den Produktbildern.“
„Soll sie ja auch“, sagte er mit hochnäsiger Stimme und nahm ihm das Spiel aus der Hand um sie wieder in die Kiste zu legen. „Die Leute bezahlen schliesslich genug dafür.“
Ein leises Schmunzeln huschte über Yugis Lippen.
„Charmant wie immer“, grinste er den Grösseren an, der nur ein abfälliges Schnauben von sich liess.
Sie sortieren schliesslich gemeinsam die Karton, dabei beobachtete sie Salomon mit neugierigem Blick. Mit einem warmen Lächeln auf den Lippen, näherte er sich den Beiden.
„Es ist jedes Mal interessant euch zuzusehen.“
Seto hob kurz den Blick und sah den alten Mann an.
„Inwiefern?“
„Ihr seid auf einer Seite so gegensätzlich und dennoch erstaunlich oft einer Meinung.“
Freundschaftlich schubste Yugi Seto von sich weg, was dieser mit einem überraschten Keuchen registrierte. Seufzend schüttelte der CEO den Kopf und richtete sein Jacket wieder sauber glatt.
„Ich sag doch, so unterschiedlich sind wir gar nicht“, lachte Yugi und sah seinen Gegenüber herausfordernd an. Der rollte nur mit den Augen.
„Wie laufen die Aufnahmen?“, wechselte Seto das Thema, woraufhin Yugi seinen Laptop aufklappte und ihm die Tabelle zeigte. „Bin dabei alle Sprecher neu einzuteilen. Und die Aufnahmen mit Mana gehen gut voran.“
Seto betrachtete die Tabelle. „Du hast wieder zu wenig Puffer eingeplant“, bemerkte dieser schliesslich. Der Kleinere zuckte hilflos mit den Schultern.
„Nicht freiwillig. Aber sonst kriege ich das nicht hin bis Ende nächster Woche. Dann mach ich halt ein paar Überstunden. Ich schaff das“, versicherte Yugi ihm und er zweifelte auch keine Sekunde daran. Wenn jemand aus einem chaotischen Zeitplan und zu wenig Zeit noch einen funktionierenden Ablauf hinkriegen konnte, dann war es Yugi. Auch wenn ihm der Gedanke nicht gefiel, dass der Kleinere schon wieder Überstunden machen wollte.
Auf einmal erklang erneut die Glocke über der Eingangstür.
Yugi blickte auf und ein kleines, unwillkürliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Neugierig beobachtete Seto das und sah dann ebenfalls zur Eingangstür.
Yami trat ein.
„Guten Morgen. Schon unterwegs?“, begrüsste Yugi ihn.
„Morgen“, erwiderte Yami mit einem wissenden Lächeln und trat etwas näher an die beiden heran. Seto war eigentlich im Inbegriff zu gehen, sein Tablet hatte er inzwischen bereits unter den Arm geklemmt, doch als er den Neuankömmling genauer betrachtete, hielt er kurz inne.
Sein Blick ruhte auf Yamis Gesicht. Genauer… auf seine Augen.
Rubinrot.
Ein kaum wahrnehmbares Schmunzeln huschte über Setos Lippen.
„Rote Augen…“
„Huh?“ Verdutzt sah Yami den CEO an, welcher ihn einfach schweigend betrachtete.
Yugi bemerkte augenblicklich wohin die Gedanken seines Chefs glitten. Ein Hauch von Panik überkam ihn.
„Seto!“
„Interessant.“
„Halt die Klappe!“, fauchte ihn der kleine Verkäufer an, doch das beeindruckte ihn nicht im geringsten. Im Gegenteil, er fühlte sich noch mehr in der Sache bestätigt. War wohl doch nicht so zufällig gewählt die Farbe.
Yami blickte fragend zwischen den beiden hin und her. Seto wandte sich von Yami ab und sah stattdessen in Yugis Augen. Er nickte kaum merklich.
„Ich hatte es im Gefühl.“
„Du interpretierst wieder zu viel.“
„Wage ich zu bezweifeln.“
Eine kurze Stille entstand, in welcher Yami verwirrt zwischen den beiden hin und her sah. Das Ganze hier war ziemlich seltsam.
„Alles in Ordnung bei euch?“, fragte Yami schliesslich, woraufhin Yugi ein freundliches Lächeln aufsetzte.
„Ja, ja.“ Er griff dabei ganz selbstverständlich nach dem Pappbecher, welcher locker in der Hand von Seto war und nahm ihn den Kaffee weg.
„Er verträgt morgens nur einfach kein Koffein“, säuselte Yugi süffisant, während er seinem Chef aufmerksame Blicke schenkte. Jener sah einen Moment lang auf seine leere Hand. Nicht einmal überrascht, eher dezent genervt.
„Muto…“, sagte er mit einer strenge in der Stimme, bei der wohl die meisten Menschen augenblicklich nachgegeben hätten, doch nicht Yugi.
„Du hast schon zwei gehabt.“
„Das ist nicht witzig.“
„Nein, ganz und gar nicht. Deswegen schütze ich dich ja vor einem Koffeinflash.“
Seto fletschte die Zähne, tippelte wie eine kleine Zeitbombe mit den Fingern auf dem Tresen. Dann schloss er einen Moment lang die Augen, er nickte schliesslich ergeben.
„Ja… Ich und Koffein.“
Seto richtete seinen Mantel zurecht und lief Richtung Ausgang.
„Einen schönen Tag noch“, kam es kalt von ihm, doch Yugi hatte das freundlichste Lächeln aufgesetzt, dass er auf Lager hatte. Kurz bevor Seto die Tür erreichte, blieb er nochmal stehen.
„Pass gut auf sie auf.“
Yugi stöhnte genervt und wedelte mit der Hand, als wäre Seto eine lästige Fliege, die er verjagen wollte.
„Raus mit dir und geh arbeiten. Ich kenne deine Liste!“
Mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen verliess Seto den kleinen Laden. Für einen Moment kehrte Ruhe ein. Yami stand verdutzt da, während er dem hochgewachsenen Mann hinterher sah.
„Was war denn das?“, fragte schliesslich Yami nach, doch Yugi schüttelte nur mit dem Kopf.
„Wüsste ich auch gerne“ murmelte Yugi und nahm einen Schluck aus Setos Kaffee. „Wie kann ich dir helfen?“ Als hätte diese simple Frage alles vergessen lassen, fiel Yami auch ein, weshalb er hier war. Er trat an den Tresen heran und beugte sich leicht darüber um Yugi direkt in die Augen zu sehen. Etwas verdutzt lehnte sich Yugi leicht zurück um etwas mehr Distanz zu schaffen.
„Gibt es ein Problem?“, fragte der Kleinere freundlich nach.
„Ja… Du!“
„Ich?!“ Nun blinzelte er verwirrt und zeigte mit dem Finger auf sich selbst. Yami kniff die Augen leicht zusammen und tippte mit dem Zeigefinger dreimal gegen die Stirn von Yugi, welcher völlig überrascht von der Berührung das mit sich geschehen liess.
„Ja, genau du. Du hast mir dein eigenes Spiel verkauft und hast kein einziges Wort davon gesagt.“
Salomon war herzlich davon amüsiert, welches Bild die beiden ihnen lieferten.
Für einen Moment kniff Yugi die Augen zusammen und rümpfte leicht die Nase.
„Du hast dir die Credits wirklich angesehen“, hauchte Yugi leise und sah dann in die rubinroten Augen seines Kunden.
„Natürlich hab ich sie mir angesehen. Du hast mich schliesslich darum gebeten.“
„Gut.“
„Gut?!“
„Du hast es versprochen.“
Yami schüttelte ungläubig mit dem Kopf.
„Darum geht es doch gar nicht.“
Nun konnte Yugi sich ein kleines Lächeln nicht mehr verkneifen. Er beugte sich nun auch leicht über den Tresen um die Distanz diesmal zu verringern und Yami damit etwas aus dem Konzept zu bringen.
„Sondern?“ Beinahe herausfordernd kam dieses Wort aus Yugis Mund. Yami biss sich leicht in die Lippen.
„Warum hast du das nicht erwähnt?“
„Es gab keinen Grund dazu.“
„Doch, mehr als genug.“
„Du hast nicht danach gefragt.“
„Yugi!“
Seinem kleinen Verkäufer entwich ein Kichern. Offenbar amüsierte der sich prächtig darüber.
„Du hast mir DEIN Spiel verkauft.“
„Ich habe dir ein Spiel verkauft, von dem ich überzeugt war, dass es dir gefallen würde.“
„Das… ist doch dasselbe?“
Yugi schüttelte leicht den Kopf.
„Nein. Ich hätte es dir auch empfohlen, wenn meine Name nicht drauf stehen würde.“
„Ehrlich?“
„Ja… Abgesehen davon ist nur eins der Spiele von mir, die ich dir verkauft habe. Project Aegis ist ja nicht von mir und nicht mal von der Kaiba Corporation. Und ich habs dir trotzdem empfohlen.“
Ergeben nickte der Grössere der Beiden. Eine Weile sahen sie sich stumm an. Yugi hatte dieses neugierige Glänzen in den Augen, was Yami wieder in den Bann zog. Yugi war sich seiner Wirkung nicht bewusst, die er auf Andere haben konnte. Zumindest nicht in dem Ausmass.
Irgendwann hielt Yugi es dann doch nicht aus und wollte unbedingt die Frage stellen, die ihm auf der Zunge brannte.
„Wie fandest du es?“
Ein Schimmer der Hoffnung legte sich über die violetten Amethyste, auf seinen Lippen dieses süsse, verschmilzte Grinsen. Den Kopf leicht zur Seite geneigt.
Yami konnte dem Blick nicht widerstehen und richtete sich minimal auf.
„Es war… unglaublich. Die Story hat mich regelrecht in ihren Bann gezogen. Ich liebe wie sich Akhos und seine Freunde entwickelt haben…“
Eine Weile redeten die Beiden über das Spiel und schienen völlig die Zeit vergessen zu haben.
Irgendwann lenkte Yami das Thema dann wieder auf die Spiele im Laden.
„Wie viele davon… sind eigentlich von euch? Von dir?“
Yugi kratzte sich am Hinterkopf und sah sich dabei ratlos im Laden um.
„Äh… Einige.“
„Einige?“
„Mehr als eins auf jeden Fall“, lachte Yugi und räumte nun nebenbei die gelieferte Ware von Seto in die Regale. Salomon schnappte sich ebenfalls eine Kiste und begann einige der Spiele sorgfältig einzusortieren. Dabei fiel ihm eines der Spiele in die Hände, bei dem Yugi ebenfalls der leitende Creative Director war.
Ein warmes Lächeln umspielte seine Lippen, während er sanft über das Cover strich.
„Weisst du, mein Junge“, begann er mit ruhiger, kratziger Stimme. Yugi, welcher in der Hocke war und die Horror Spiele einsortierte, sah fragend zu seinem Opa auf. „Für mich sind das immer ganz besondere Momente.“
Yugi ahnte bereits worum es ging und schüttelte eilig den Kopf. Eine feine Röte zierte seine Wangen. „Opa…Bitte…“, flehte er ihn beinahe an.
Salomon drehte das Spiel in seinen Händen.
„Jedes Mal, wenn ich eines deiner Spiele hier ins Regal stelle oder einem Kunden über den Tresen reiche… bin ich unglaublich stolz.“ Yugis Gesicht wurde eine Spur dunkler und versuchte sich hinter dem Karton gefühlt zu verstecken.
„Mag das nicht…“, murmelte er so leise, dass es kaum einer hörte, doch sein Grossvater kannte ihn zu gut und lachte vergnügt auf.
„Ich werde doch noch stolz auf meinen Enkel sein dürfen“, beschwerte sich der alte Mann mit einem neckenden Unterton.
„Hat ja niemand gesagt. Du musst es trotzdem nicht jedes Mal so betonen“, beklagte sich nun der Jüngere und nahm die leere Kartonschachtel auseinander.
Yami unterdessen beobachtete die Beiden in ihrer Diskussion. Es war schon süss, wie sehr sich der Opa für seinen Enkel freute. Die beiden schienen ein sehr enges Band zu haben.
„Da wird jemand rot“, ärgerte Opa seinen Enkel damit, der ihn mit einem giftigen Blick ansah.
„Gar nicht wahr!“
„Doch!“
„Nein!“
Yami musterte Yugi einen Augenblick lang, dann musste er unweigerlich lächeln.
„Ein bisschen schon“, sagte er mit sanfter Stimme, dass Yugi deswegen noch eine Spur dunkler wurde.
„Unmöglich. Alle beide.“ Damit verschwand er kurz im Hinterraum um den Müll zu entsorgen. Seufzend sah der Opa seinem Enkel hinterher.
„Schon als kleiner Junge sass er stundenlang in seinem Zimmer und gab sich seiner Leidenschaft hin. Manchmal wünschte ich mir seine Eltern hätten das länger miterleben dürfen und würden sehen was aus ihm geworden ist“, flüsterte der alte Mann sehnsüchtig und in seiner Stimme war ein Hauch der Trauer zu hören. Yami horchte auf, doch er traute sich nicht weiter nachzufragen, als er das traurige Glänzen in den Augen des Grossvaters sah.
In dem Moment kam auch Yugi zurück in den Verkaufsraum, woraufhin Salomon sich wieder zusammennahm und mit einem Lächeln die Ware einräumte.
Yugi kam vor Yami zu stehen.
„So. Ich habe dir versprochen, dass ich dein nächstes Spiel aussuche. Auf etwas bestimmtes Lust?“
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Yami überlegte einen Moment lang.
„Ehrlich gesagt hab ich keine bestimmte Vorstellung. Überrasch mich“, sagte er und nickte Yugi auffordernd zu. Dieser überlegte kurz. Doch anstatt, dass er durch den Laden streifte um sein neues Spiel auszusuchen, ging er hinter die Theke. Aus einem Fach holte er etwas heraus und legte es Yami vor die Nase. Verwundert nahm der Grössere das Spiel in der Hand und erkannte schliesslich, dass es das Spiel war, worüber sie sich letztes Mal unterhielten.
Fragend musterte er seinen kleinen Verkäufer, der ein leichtes verlegenes Lächeln auf den Lippen hatte.
„Das ist doch…“
„…das Spiel mit der schrecklichen Steuerung. Aber die Story und die Charaktere sind grossartig…“, beendete Yugi Yamis Satz. „Irgendwie hatte ich im Gefühl, dass ich es dir auf die Seite legen sollte.“
„Du hast es für mich weggelegt?“ Yugi nickte stumm.
„Willst du’s?“
Yami griff nach der Hülle und sah sie sich genauer an. Er drehte sie in der Hand um sich die Rückseite durchzulesen. Dabei fiel ihm unten an der Ecke etwas auf. Unter den technischen Angaben standen mehrere Namen und Titel.
Developer. Publisher. Creative Director. Lead Composer.
Fragend sah er zu Yugi und deutete mit dem Finger auf die Stelle.
„Eine Frage… Hier stehen ja die Namen von den Entwicklern.“
„Ja, viele Spieler achten auf solche Angaben von wem die Spiele sind.“
„Ach, wirklich?“, fragte Yami neugierig nach und näherte sich Yugi ein kleines Stück. Jener lehnte sich leicht gegen den Tresen hinter sich.
„Manche kaufen Spiele gezielt, weil sie den Stil eines bestimmten Studios mögen. Andere verfolgen eher einzelne Creative Director oder Komponisten.“
„So wie bei Filmen“, warf Yami ein, was Yugi mit einem Nicken bestätigte.
„Genau. Wenn dir eine Geschichte besonders gefallen hat, schaust du irgendwann automatisch von wem sie hergestellt wurde.“
Yami liess den Blick über die Namen gleiten. Yugi nahm ihm die Hülle aus der Hand und zeigte auf den Creative Director.
„Zum Beispiel hier, dass ist von einem kleinen Newcomer Studio namens Aoi Horizon. Das ist eines ihrer ersten Spiele. Die sind gerade dabei sich einen Namen zu machen. Ich mag es, wenn jemand anfängt mutig zu sein und diesen Schritt geht.“
Neugierig lief Yami nun auf eines der Regale zu und zog das erstbeste Spiel heraus um sich die Rückseite durchzulesen. „Hier ist das Kaiba Corporation Logo drauf. Dann ist das ja von euch.“
„Ja und Nein. Das ist zwar von uns, aber nicht von meinem Team und mir.“
„Von wem denn dann?“ Yugi lief auf Yami zu und zeigte mit dem Finger auf den Namen.
„Schau! Da steht Akihiko Naruse, das war der Creative Director bei dem Spiel. Während das entwickelt wurde, haben mein Team und ich an einem anderen Projekt gearbeitet. Genauer gesagt… an dem hier.“ Dabei drehte er sich zu dem Regal hinter sich und nahm das besagte Spiel in die Hand.
„Siehst du…? Es laufen immer mehrere Produktionen gleichzeitig. Bei einer Firma wie die Kaiba Corp. auch kein Wunder“, lächelte Yugi sanft.
Yami nickte langsam.
„Dann hat jedes Projekt seinen eigenen Creative Director. Wenn dein Name nicht drauf steht, heisst das…“
„…nicht automatisch, dass ich gar nichts gemacht habe. Manchmal unterstütze ich nur einzelne Bereiche wie Charakter Design, Musik oder schaue über einzelne Szenen drüber“, unterbrach Yugi den Grösseren. Leicht zuckte er mit den Schultern und nahm seinem Gegenüber das Spiel aus der Hand um es wieder ins Regal zu räumen.
„Dann findet man meinen Namen höchstens irgendwo in den Credits.“
Yamis Blick wanderte wieder auf das Spiel, welches Yugi für ihn aufbewahrt hatte. Er überlegte. Doch allein die Tatsache, dass Yugi, aus welchem Grund auch immer, dieses Spiel für ihn aufbewahrt hatte, reichte ihm.
„Ich nehme es.“ Überrascht hob Yugi seinen Kopf und sah zu Yami. Dann begriff er worum es ging und ein breites Grinsen zierte sein Gesicht. Er liebte es, wenn man ihm vollkommen in solchen Dingen vertraute.
Sie wickelten den Kauf ab, wie sie es die letzten Male schon taten. Yami steckte das Spiel in seine Umhängetasche und wollte sich gerade verabschieden, als Yugi plötzlich innehielt.
„Ich…“
Yami blickte fragend auf. „Hm?“
Für einen Moment wirkte Yugi fast so, als hätte er überlegt, ob er den Gedanken überhaupt aussprechen sollte. Dann setzte er seine übliche freundliche Miene auf.
„Wir kommen übrigens heute Abend wieder vorbei. Vielleicht hältst du uns einen Platz frei…“ Seine grossen Augen blickten tief in seine Augen. Wie könnte er da nein sagen…
Der Grössere nickte mit einem Schmunzeln.
„Mach ich.“
Ein zufriedenes Grinsen erschien auf Yugis Gesicht, während er die Arme vor der Brust kreuzte.
„Schliesslich habe ich ungewöhnlich viele Jetons bekommen… und da ich offenbar ein derart anstrengender Kunde bin…“ Yami hob gespielt nachdenklich eine Augenbraue. „…der sich ständig beschwert…“
„So habe ich das nie gesagt“, verteidigte sich der Clubbesitzer empört über derartige Unterstellungen, was Yugi ein leises Kichern entlockte.
„Vielleicht gebe ich dir ja heute einen Grund dazu es doch so zu meinen.“ Das freche Funkeln in seinen Augen, liess Yami kurz inne halten. Kam es ihm nur so vor oder flirtete Yugi mit ihm? Er schüttelte den Gedanken ab und hob den Arm um sich zu verabschieden.
„Ich bitte drum… Bis heute Abend…“
Zurück blieb Yugi, der Yami noch einen Moment lang nachsah. Er schüttelte jegliche Gedanken ab und griff nach seinem Laptop um weiter an seiner Tabelle zu arbeiten. Salomon mochte alt sein, aber nicht blind. Er stellte die letzten Spielhüllen ordentlich ins Regal, als er seinen Enkel von der Seite ansah. Ein feines Schmunzeln lag auf seinen Lippen.
„Nur ein Kunde also.“
Das Tippen auf der Tastatur hörte min einem Schlag auf. Langsam wandte sich Yugi seinem Opa zu mit einem mahnenden Blick.
„Opa…“
„Ja, mein Junge?“
„Das hatten wir schon…“
„Natürlich…“
„Er bleibt es immer noch“, stellte sein Enkel stur klar und hatte diesen trotzigen Blick, welchen er schon als Kind ständig auf hatte. Er wuschelte ihm durch die Haare, was jener mit einem gerenkten Stöhnen quittierte.
„Deswegen hast du ihm auch ganz beiläufig erzählt, dass du heute Abend wieder ins Yoru gehst.“
„Ja. Er arbeitet dort und so konnte ich gleich einen Tisch reservieren. Weniger Stress für alle.“ Dabei richtete er seine Haare wieder zurecht.
„Wie aufmerksam von dir.“
„Ja…“
Für einen Moment sagte keiner der beiden etwas. Der Laden hatte sich vorerst geleert, aber der baldige Ansturm würde nicht auf sich warten lassen. Ehe Salomon sich wieder seiner Tätigkeit widmete, richtete er noch mal ein paar Worte an seinem Jungen, der sich beinahe in seinem Laptop versteckte.
„Weisst du… Du darfst ihn mögen. Er ist ein netter junger Mann… Es wäre schön, mal jemand an deiner Seite zu sehen, den du auch in dein Herz lässt. Nicht nur ins Bett…“, kam es mit einem neckenden Unterton von dem alten Mann.
„Opa!“ Entgeistert blickte Yugi zu seinem Opa. Seine Gesichtsfarbe nahm einen ungesunden tiefroten Ton an, was seinen Grossvater nur laut auflachen liess.
„Ich meine ja nur… Irgendwann sehnt sich jedes Herz nach einer tieferen Bindung…"