Prolog - Was wir nicht sagen
Prolog - Was wir nicht sagen
Die Gänge von Hogwarts lagen still unter dem Schimmer der schwebenden Fackeln. Hermine schlich sich aus der Halle. Fort von der Musik, der feiernden Schüler, fort von allem. Sie brauchte einen Moment Ruhe. Es war der Tag, auf den sie sich eigentlich unendlich gefreut hatte. Der Tag der Abschlussfeier. Sie hatte es geschafft. Wie von allen erwartet, hatte sie fast alle Prüfungen mit Ohnegleichen bestanden, eine Auszeichnung hatte sie ebenfalls erhalten. Alles war perfekt, wäre da nicht dieser tiefe Schmerz in ihr. Ihr letzter Abend hier – zumindest für eine lange Zeit – und jeder Schritt hallte wie ein Abschied durch die leeren Korridore. Sie hatte gesagt, sie freue sich auf das, was vor ihr lag. Neue Herausforderungen. Neue Wege. Doch in Wahrheit fühlte es sich an, als würde sie etwas verlieren, das sie nicht ersetzen konnte.
Etwas – oder jemand.
Eine Bewegung am Ende des Flurs riss sie aus ihren Gedanken. Lautlos, geschmeidig, mit einem Schweif, der im Fackelschein glänzte, glitt eine Katze über den Steinboden.
Hermine blieb stehen.
Sie hätte sie aus einer Million anderen erkannt.
„Guten Abend, Miss Granger.“
Die Katze war verschwunden, und dort, wo sie eben noch gestanden hatte, stand nun Minerva McGonagall. Kerzengerade, in eine festliche smaragdgrüne Robe gehüllt, die den Glanz ihrer Augen betonte. Hermine spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte.
„Professor…“ Ihre Stimme klang brüchiger, als sie wollte. „Ich…“
„Ich habe mich gefragt, warum sich die beste Schülerin des Jahrgangs und vermutlich auch der letzten Jahrzehnte einfach so wegschleicht. Geht es Ihnen nicht gut?“
„Doch, doch“, antwortete Hermine vermutlich etwas zu schnell, denn Professor McGonagall musterte sie, und für einen Moment meinte Hermine, etwas in diesem Blick zu sehen – Sorge, Wärme, Bedauern vielleicht sogar Zuneigung. Dann war es wieder verschwunden.
„Naja, es ist doch schwerer, als ich gedacht habe. Hogwarts war so viele Jahre mein Zuhause.“
„Das ist verständlich. Abschiede sind selten einfach.“
Hermine nickte, doch die Worte, die sie sagen wollte, blieben in ihrer Kehle stecken. Es war nicht Hogwarts, das sie am meisten vermissen würde. Es war diese Frau, deren Nähe sie seit Jahren suchte.
Minerva konnte sehen, wie Hermine kämpfte und als ihr eine leise Träne über die Wange lief, streckte sie sanft ihre Hand nach ihr aus und berührte ihre Schulter.
„Kommen Sie Miss Granger. Ich lade Sie auf eine letzte Tasse Tee ein.“
Hermine sah sie an.
„Eine letzte Tasse als meine Schülerin“, ergänzte McGonagall ihre Worte, als hätte sie Hermines Gedanken gelesen.
Unsicher nickte Hermine und wischte sich die lästigen Tränen aus dem Gesicht. Sie folgte Minerva in ihr Büro, wo sie sich auf das Sofa setzte. Sie sah sich unauffällig um, während Minerva Tee zubereitete. Hier hatte sie so oft gesessen. Gelegentlich, als sie, Harry und Ron Ärger bekamen, aber auch als Vertrauensschülerin und Schulsprecherin. Oft hatte sie hier angeregte Gespräche mit Professor McGonagall geführt und jede Sekunde in ihrer Gegenwart genossen, doch nun wirkte der Raum so bedrückend. Minerva kam mit einem Tablett zurück und nahm neben Hermine Platz. Die junge Frau schluckte hart. Minerva hatte ihren Umhang abgelegt und saß nun in einem hübschen, figurbetonten Kleid neben ihr.
„Nun Miss Granger, was bedrückt Sie? Ihre Zeugnisse können es wohl kaum sein.“
„Nein. Damit bin ich mehr als zufrieden“, meinte Hermine und starrte auf die Tasse, die ihr Minerva soeben reichte.
„Was ist es dann?“
Hermine schwieg einen Moment.
„Ich… will nicht gehen,“ brach es schließlich aus ihr heraus, leise, fast wie ein Geständnis, doch in ihrem Inneren formulierte sie es anders - Ich will nicht von dir weggehen.
Minervas Haltung straffte sich kaum merklich. „Manchmal ist es notwendig, Miss Granger. Doch…“ Ihre Stimme wurde weicher. „Es gibt immer einen Weg, nach Hause zurückzukehren.“
Hermine sah auf. Die grünen Augen der Schulleiterin trafen sie bis ins Mark. Ihre Blicke verhakten sich, länger als es angemessen war. Minerva räusperte sich und nahm einen Schluck des Ingwertees. Auch Hermine erwachte wieder.
„Es ist nur… Nach all den Jahren hier… Ich hatte hier meine gewohnte Umgebung, hier habe ich mich sicher gefühlt und jetzt… Es ist alles so ungewiss. Ich dachte, damit wäre nun Schluss und ich hätte einen genauen Plan.“
„Aber den haben Sie Miss Granger. Wenn ich mich richtig erinnere, werden Sie in Edinburgh studieren. Eine wirklich gute Universität. Der dortige Schulleiter ist ein guter Bekannter von mir. Sie werden das Vergnügen haben, ihn als Lehrer zu haben. Er selbst unterrichtet das Fach Zaubertränke, welches Sie studieren möchten.“
Hermine nickte.
„Und Verwandlung.“
Minerva lächelte.
„Es macht mich immer wieder stolz, wenn meine ehemaligen Schüler gerade mein Fach für sich entdecken.“
„Sie sind eben eine inspirierende Person und das möchte ich auch sein.“
„Das werden Sie. Daran hege ich keine Zweifel.“
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Selbstverständlich.“
Hermine sah einen Moment wieder auf ihre Tasse und dann verlegen zu Minerva.
„Nur zu“, meinte sie. „Sie brauchen nicht schüchtern zu sein.“
„Ach ähm… nicht so wichtig.“
„Spannen Sie mich nicht auf die Folter Miss Granger. Was wollten Sie sagen?“
„Ich werde das schrecklich vermissen. Die Gespräche mit Ihnen haben mir immer so viel gegeben.“
Hermine atmete tief durch und setzte sich aufrecht hin. Dabei rückte sie unbemerkt ein wenig näher an die Schulleiterin heran.
„Ich werde Sie vermissen Professor.“
Minerva wich nicht zurück. Nicht sofort. Erst, als der Abstand gefährlich gering wurde, als Hermines Atem fast den ihren berührte, bewegte sie sich ein wenig nach hinten, höflich und doch eindeutig.. Hermine wich sofort zurück. Was in Merlins Namen tat sie da? Innerlich schlug sie sich gegen die Stirn.
„Bitte verzeihen Sie Professor… Ich weiß nicht… Das wollte ich nicht…“
Minerva schüttelte leicht, fast unmerklich den Kopf. Sie hatte den Blick einer jungen Frau gesehen, der keine Zweifel ließ.
„Verschwenden Sie Ihr Leben nicht Miss Granger“, sagte sie und Hermine wusste, dass sie es wusste. „Sie werden Ihren Weg gehen.“
Die junge Frau nickte. Sie stellte die Tasse ab und fuhr sich durch die Haare.
„Danke für Ihre Worte Professor. Ich möchte Ihre Zeit nicht verschwenden. Ich sollte in den Schlafsaal gehen…“
Hermine stand auf und Minerva tat es ihr gleich. Sie brachte Hermine zur Tür. Dort sahen sie einander einen Moment an.
„Haben Sie keine Angst Hermine“, sagte Minerva sanft.
Hermines Herz machte einen Hüpfer, als sie von Minerva beim Vornamen genannt wurde.
„Sie werden Ihren Weg gehen und Hogwarts wird Ihnen immer ein Zuhause geben.“
Hermine konnte den Impuls nicht unterdrücken. Sie breitete die Arme aus und umarmte die Schulleiterin fest. Nach kurzem Zögern erwiderte Minerva die Umarmung. Hermine nahm die Wärme und Geborgenheit in sich auf und atmete den Duft der Frau ein, die sie so liebte.
„Danke Professor.“
Sanft löste sich Minerva von ihr und schenkte ihr ein Lächeln.
„Gute Nacht, Miss Granger und alles Gute für Sie.“
Es war eine Verabschiedung, aber auch eine Grenze. Hermine nickte und verließ das Büro. Mit schnellen Schritten machte sie sich auf den Weg zum Gryffindor Turm. Als sie später im Bett lag, wusste sie, dass es zwar ein Abschied war, aber nicht das Ende. Und dieser Gedanke verfolgte auch die Schulleiterin.
Am nächsten Morgen verließen die Schüler zeitig das Schloss, um endlich nach Hause zu kommen und die Ferien zu genießen. Hermine ging neben Ginny her und wirkte bedrückt.
„Was ist los? Freust du dich nicht auf Zuhause?“
„Doch, doch. Ich freue mich auf euch alle.“
Zuhause? Ginny meinte selbstverständlich den Fuchsbau, in dem sie die nächsten Wochen wohnen durfte. Es war zwar nur vorübergehend, bis das Semester in Edinburgh begann, doch für Hermine würde sich kein Ort nach Heimat anfühlen, an dem diese eine Person nicht war. Bevor sie durch das Tor traten, drehte sich Hermine noch einmal um. Ihr letzter Blick galt dem Schulleiterturm. Eine hohe Gestalt war am Fenster zu sehen. Minerva.
Ich werde dich wiedersehen, dachte Hermine und schritt durch das Tor und damit in einen neuen Lebensabschnitt.