Gefangen zwischen Herz und Verstand
Gefangen zwischen Herz und Verstand
Der erste Schultag war wie ein Sturm an Hermine vorbeigezogen: Begrüßungen, Stundenpläne, die neugierigen Augen der Erstklässler. Jetzt, wo der Lärm der Schüler in den Gemeinschaftsräumen versickert war, herrschte in den Korridoren eine beinahe heilige Stille. Hermine seufzte, als sie mit einem Stapel Pergament durch die Gänge ging. Eigentlich wollte sie sich in ihre Wohnung zurückziehen, um Notizen zu sortieren und Unterrichtsideen festzuhalten, doch sie musste zuerst noch etwas aus von ihrem Platz im Lehrerzimmer holen. Als sie die Tür zum Lehrerzimmer öffnete, blieb sie wie angewurzelt stehen. Minerva saß allein am langen Tisch, die Brille leicht nach unten geschoben, einen Becher dampfenden Tees in der Hand. Vor ihr lagen geöffnete Akten, doch sie sah nicht hinein. Ihr Blick war fast abwesend und die Linien ihres Gesichts wirkten müde, gelöst, vielleicht auch ungeschützt. Hermine schloss leise die Tür, unschlüssig, ob sie bleiben oder gehen sollte. Zu spät, Minerva hatte sie schon bemerkt.
„Hermine“, sagte sie und obwohl der Ton korrekt war, lag eine Wärme darin, die Hermine sofort spürte.
„Ein langer Tag, nicht wahr?“
„Sehr lang,“ antwortete Hermine, legte die Pergamente ab und setzte sich, ohne weiter darüber nachzudenken, ihr gegenüber.
„Aber auch… irgendwie erfüllend. Die Kinder sind so voller Erwartungen.“
Ein kurzes Schweigen entstand. Minerva nippte an ihrem Tee, während ihr Blick über den Tisch wanderte, als hätte sie Angst, Hermine direkt anzusehen.
„Du machst dich gut,“ sagte sie schließlich, fast beiläufig. „Die Schüler respektieren dich bereits. Und die Kollegen auch…“ Sie hielt kurz inne. „Nun, die meisten jedenfalls.“
Ein bitteres Lächeln zuckte über Hermines Lippen.
„Featherstone wird sich schon daran gewöhnen, dass ich hier bin. Spätestens, wenn ich Verwandlung in Angriff nehme.“
„Er wird sich daran gewöhnen müssen“, korrigierte Minerva mit Nachdruck.
Ein Anflug von Strenge, aber auch von Beschützerinstinkt lag in ihrer Stimme. Ihre Blicke trafen sich. Einen Moment lang war es, als läge der ganze Raum nur in diesem Blick – die Erinnerung an die fast übertretene Grenze in der Nacht zuvor, die Frage, ob sie erneut wagen sollten, was so gefährlich war. Hermine bemerkte, wie müde die Schulleiterin aussah, obwohl sie versuchte, diese kleine Schwäche mit ihrer straffen Haltung zu kaschieren.
Hermine räusperte sich leise.
„Und… du? Hast du geschlafen?“
Minerva stellte den Becher ab. Ihre Hände verharrten darauf und sie sah Hermine an, diesmal direkt, ohne Ausweichen.
„Nein,“ sagte sie ruhig. „Nicht wirklich.“
Zwischen ihnen war es plötzlich still, eine Stille, die voller Worte war, die niemand auszusprechen wagte. Hermine legte die Hände auf die Tischkante, als müsse sie sich daran festhalten.
„Ich auch nicht.“
Ein winziges Zucken ging über Minervas Gesicht – kaum merklich, aber Hermine sah es.
„Das dachte ich mir schon,“ erwiderte sie leise.
„Du weißt, warum,“ fuhr Hermine fort.
„Sicher. Du hast eine wichtige Aufgabe und die Aufregung…“
Hermine unterbrach sie. Ihre Stimme war fast geflüstert, damit niemand außerhalb des Zimmers sie hören konnte.
„Es lag nicht an den Schülern. Nicht an der Arbeit.“
Natürlich wusste Minerva, was Hermine meinte. Sie wusste es zu gut. Minerva presste die Lippen zusammen, ihre Finger umklammerten die Teetasse fester.
„Hermine…“
„Wir können nicht so tun, als wäre letzte Nacht nichts geschehen.“
Hermines Herz pochte, doch sie zwang sich, den Blick nicht abzuwenden.
„Ich habe gespürt, dass du… dass da etwas ist und du weißt, was ich fühle.“
Einen Moment lang herrschte völlige Stille. Dann ließ Minerva den Becher los, faltete die Hände davor, so kontrolliert wie möglich, doch ihre Augen verrieten sie. Dunkel, ernst und mit einer Sehnsucht, die sie nicht verbergen konnte.
„Du forderst mich heraus, Hermine,“ sagte sie leise und wiederholte ihre Worte. „Mehr, als du ahnst und ich weiß nicht, wie lange ich noch standhalten kann.“
Hermines Atem stockte. Sie stand langsam auf, umrundete den Tisch, bis sie neben Minerva stand. Zögerlich legte sie eine Hand auf die Lehne von Minervas Stuhl, so nah, dass sich ihre Schultern beinahe berührten.
„Dann hörst du vielleicht auf, zu kämpfen,“ flüsterte sie.
Minerva hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich im schwachen Licht des Raumes – so nah, dass Hermine den feinen Glanz ihrer Augen und die Spannung in ihrem Gesicht sehen konnte. Für einen Herzschlag lang wirkte es, als würde Minerva nachgeben, als könnte sie sich einfach in diesen Moment fallen lassen.
Hermines Hand wanderte langsam von der Lehne auf die Schulter der Älteren, ein sanfter, vorsichtiger Druck, der sagte:
Ich bin hier. Lass mich da sein.
Minerva schloss die Augen. Ihre Hand hob sich, zögerte und legte sich dann auf Hermines. Minervas Hand lag auf Hermines, warm und fest. Einen Atemzug lang schien alles möglich, die Mauern des Schweigens, die sie beide umgaben, hätten fallen können, doch dann zog Minerva tief die Luft ein und ihre Finger lösten sich behutsam von Hermines.
„Nein,“ sagte sie, leise, aber mit einer Klarheit, die keinen Widerspruch zuließ. „Ich darf das nicht.“
Hermine spürte, wie sich ihr Herz schmerzhaft zusammenzog.
„Warum? Weil du die Schulleiterin bist? Weil die Kollegen—?“
„Weil es hier um mehr geht als um mich.“
Minerva stand auf und Hermine wich bei diesem plötzlichen Manöver zurück. Die ganze Autorität, die in der Nacht zuvor für einen Moment verschwunden war, war auf einmal wieder da und schien eine eiserne Mauer um Minerva zu bilden.
„Worum geht es dann? Sag es mir“, flüsterte Hermine mit einem Hauch Verzweiflung in der Stimme.
„Um das Wohl der Schüler, um das Ansehen von Hogwarts, um die Verantwortung, die ich trage.“
Sie wandte sich ab, als wolle sie durch das Fenster hinausblicken, doch Hermine wusste: Es war nur ein Versuch, ihre Augen zu verbergen. Sie konnte sich vorstellen, was sie darin lesen konnte.
„Und wenn es auch um mich geht?“
Hermines Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Minerva schloss die Augen, ihre Hände auf dem Fenstersims.
„Gerade deshalb,“ murmelte sie. „Gerade deshalb darf ich nicht nachgeben. Du bist noch so jung Hermine. Du hast dein ganzes Leben noch vor dir. Du musst loslassen. Irgendwann wirst du erkennen, wie launisch das Herz sein kann und du wirst lernen, loszulassen. Was ich empfinde, spielt keine Rolle. Nicht hier. Nicht jetzt. Nie.“
Die Worte schnitten Hermine ins Herz, doch unter der Strenge hörte sie die Wahrheit: 'Was ich empfinde'.
Minerva hatte es nicht geleugnet. Hermine trat einen Schritt näher, so dicht, dass sie fast Minervas Umriss im schwachen Licht berührte, doch sie hielt inne.
„Du kannst es nicht ewig verdrängen,“ sagte sie leise.
Minerva drehte sich halb zu ihr, die Augen streng, aber glänzend.
„Vielleicht nicht, aber solange ich die Kraft habe, werde ich es versuchen.“
Die Spannung hing zwischen ihnen, greifbar, elektrisierend. Hermine wusste, dass sie nichts mehr sagen konnte, ohne Minerva zu zerbrechen. Also wandte sie sich ab, nahm die Pergamente wieder an sich und ging zur Tür. Bevor sie hinaustrat, drehte sie sich noch einmal um. Minerva stand am Fenster, aufrecht, beherrscht und doch so einsam, dass es Hermine fast den Atem raubte. Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Raum. Minerva blieb zurück, die Hände fest auf dem Sims, während ihre Schultern sich kaum merklich hoben und senkten, als kämpfte sie einen Krieg, den niemand sehen durfte.
Die Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss und die Stille ihrer Wohnung umhüllte sie wie ein schwerer Mantel. Hermine sank auf den Sessel neben dem kleinen Schreibtisch und ließ den Kopf in die Hände sinken, die Gedanken wirbelten unaufhörlich. Minervas Worte hallten noch immer in ihrem Kopf: „Gerade deshalb darf ich nicht nachgeben.“
Hermine biss sich auf die Unterlippe. Natürlich verstand sie die Gründe. Hogwarts, die Schüler, die Verantwortung – alles gewichtige Argumente und doch konnte sie das Bild nicht abschütteln: Minerva, so stark und unerschütterlich, die sich selbst unter Kontrolle hielt, nur einen Atemzug von ihr entfernt, verletzlich, nur für sie sichtbar.
„Es muss einen Weg geben, dachte Hermine. Irgendetwas, das sie sehen lässt, dass wir… dass wir füreinander bestimmt sind“, sagte sie zu sich selbst.
Sie schloss die Augen und erinnerte sich an all die Momente: Minervas flüchtiger Blick, die Wärme ihrer Hand, das ungesagte „Ich fühle dasselbe“. Hermine wusste, dass Minerva sie liebte und sie liebte Minerva schon so lange.
Doch es durfte nicht einfach sein. Minerva würde nicht nachgeben. Nicht hier. Nicht jetzt. Hermine stand auf, ging zum Fenster und blickte auf die leeren Schlossmauern. Die Dämmerung wirkte beruhigend, aber zugleich wie eine Erinnerung an all die Hindernisse. Featherstone, die Verantwortung, die Regeln – alles lauerte wie ein unsichtbarer Gegner.
„Ich muss vorsichtig sein“, murmelte Hermine zu sich selbst. „Aber ich kann nicht warten, bis sie vergisst, dass sie mich will. Ich muss etwas tun. Ich muss…“
Sie drehte sich weg vom Fenster, ihr Blick fiel auf den Schreibtisch, die Pergamente, die Ideen für den Unterricht. Alles konnte warten. Alles, außer ihr Herz. Hermine setzte sich wieder, die Finger verschränkt, entschlossen, aber auch zerrissen. Ein Plan musste her. Ein Weg, Minerva zu erreichen, ohne sie zu überfordern. Ein Weg, sie zu überzeugen, dass sie beide diese Gefühle nicht länger verstecken konnten.
„Wenn ich nur den Mut finde“, flüsterte Hermine, „könnte vielleicht etwas möglich werden… irgendwann.“
Der Abend senkte sich still über Hogwarts, doch in Hermines Brust brannte ein Feuer, das sich nicht so leicht löschen ließ. Trotz allem musste Hermine nun wieder in die große Halle. Das Abendessen stand an. Obwohl sie keinen Hunger hatte, musste sie sich zeigen. Alles andere hätte nur Fragen aufgeworfen. Als sie ankam, war sie nicht verwundert darüber, dass Minerva nicht anwesend war. Damit hatte sie bereits gerechnet. Sie nahm Platz und musste Pomona, Poppy und Neville von ihrem restlichen Tag erzählen.
„Auf deinen ersten, wunderbar gemeisterten Tag stoßen wir an“, meinte Pomona und das taten sie.
Den abfälligen Blick eines gewissen Mannes ignorierten sie gekonnt.
Die anderen begannen dann zu essen, doch Hermine bekam nichts herunter. Sie zwang sich zu ein paar Bissen einer Kürbispastete, beendete dann aber schnell das Abendessen und verschwand unter dem Vorwand noch etwas erledigen zu müssen. In gewisser Weise war das keine Lüge.
Sie ging in ihre Wohnung und dachte nach. Es musste einen Weg geben, doch sie wollte Minerva nicht wehtun. Sie waren beide gefangen zwischen ihren Pflichten und ihren Gefühlen zueinander.
Minerva saß in ihrer Wohnung vor dem Spiegel in ihrem Schlafzimmer. Sie bürstete nachdenklich durch ihr langes Haar und musterte sich.
„Du bist alt geworden“, sagte sie zu der Frau im Spiegel und legte die Bürste zur Seite.
Sanft strich sie über ihr Gesicht.
„Das ist so absurd. Wie kann sie sich in das hier verlieben? So jung, wunderschön, klug und will sich mit einer alten Frau ins Unglück stürzen… Nein. Das kann ich nicht zulassen.“
Sie wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und knotete ihr Haar wieder in ihrem Nacken zusammen. Hunger verspürte sie nicht. Also entschloss sich Minerva für einen Spaziergang über die Ländereien. Sie verließ ihre Wohnung, schloss ihre Augen und verwandelte sich in ihre Animagusgestalt. Flink durchquerte sie das Schloss und sprang über das Gelände, bis ihre Katzenpfötchen sie hinunter zum See getragen hatten. Erst dort verwandelte sie sich zurück. Der Mond spiegelte sich im ruhigen Wasser. Sie setzte sich auf einen Stein, den sie mit einer kleinen Handbewegung vergrößerte und starrte gedankenverloren vor sich hin. Die kühle Luft machte ihren Kopf freier, doch das Bild der jungen Frau vertrieb er nicht. Minerva schloss ihre Augen. Es war alles so falsch. Sie sollte nicht so für ihre ehemalige Schülerin fühlen. Natürlich war Minerva klar, dass nicht nur die Verantwortung für die Schüler und Hogwarts ein Gegenargument waren. Es ging um viel mehr. Hermine war eine Referendarin, sie ihre Vorgesetzte, außerdem der große Altersunterschied und die Tatsache, dass sie beide Frauen waren und die Welt nicht vorurteilsfrei war, spielten eine große Rolle. Fieberhaft überlegte Minerva, wie sie das Hermine begreiflich machen konnte, denn sie kannte die junge Frau zu gut. Sicher würde sie schon irgendwo sitzen und einen Plan ausarbeiten, wie sie Minerva dazu bringen könnte, ihre Gefühle zuzugeben und… noch mehr. Allein der Gedanke an ihre körperliche Nähe bereitete ihr eine Gänsehaut, doch sie verbot sich, darüber positiv zu denken. Sie saß noch lange am Ufer, doch irgendwann wurde es auch der Schottin zu kühl und so sprang sie als Katze zurück ins Schloss.
Sie hörte Schritte, als sie den Korridor entlang ging und verdrückte sich hinter einer Rüstung. An ihr vorbei schlichen zwei Jungen. Minerva schlich hinter der Rüstung hervor und wollte sich gerade zurück verwandeln, als sie schon eine Stimme hörte. Ungewohnt streng und die Katze hielt in ihrer Bewegung inne.
„Mr. Davis? Mr. West? Was tun Sie um diese Zeit hier? Ihnen ist doch bewusst, dass Sie um diese Zeit nichts mehr außerhalb ihres Gemeinschaftsraums zu suchen haben oder?“
„Ähm… wir..“
„Wir wollten…“
„Ja?“
Minerva schlich weiter und spähte um die Ecke. Hermine stand vor den beiden Jungs und sah sie tadelnd an.
„Professor, wir…“
Hermine seufzte.
„Sie beide gehen jetzt zurück in Ihren Schlafsaal. Wenn ich Sie noch einmal bei einem nächtlichen Ausflug erwische, bedeutet das Nachsitzen. Haben wir uns verstanden?“
„Ja Professor“, sagte die beiden gleichzeitig und gingen an ihr vorbei.
Hermine räusperte sich laut.
„Falsche Richtung meine Herren“, sagte sie scharf.
Sie zogen die Köpfe ein, drehten um und gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren.
„Oh man…“, brummte der kleine Mr. Davis.
„Die ist echt gut“, meinte Mr. West.
„Und keine Umwege meine Herren. Den direkten Weg“, rief sie ihnen hinterher und die beiden Jungs beschleunigten ihren Gang.
Hermine sah ihnen nach und schüttelte lächelnd den Kopf. Das Lächeln schwand allerdings, als sie die Katze entdeckte. Ein kurzer Blick hatte genügt, um sie zu erkennen. Minerva zog den Kopf zurück, verwandelte sich zurück und bog um die Ecke zu Hermine.
„Warum wundert es mich nicht, dich hier zu sehen?“, meinte Minerva.
Hermine sah sie fragend an.
„Du kannst wieder nicht schlafen?“
„Du auch nicht“, stellte Hermine fest.
„Nein. Ich habe frische Luft gebraucht.“
„Und ich musste mir die Beine vertreten und ganz nebenbei die beiden Gryffindors einsammeln.“
„Das habe ich gesehen. Ich bin überrascht, wie streng du sein kannst.“
„Von wem ich das wohl gelernt habe?“
Hermine lächelte Minerva an.
„Streng, aber gerecht. Deshalb gab es auch keinen Punktabzug“, schmunzelte Hermine.
„Lektion eins hast du schon gelernt. Sehr gut.“
Hermine sah Minerva genau an.
„Was ist mit dir?“
„Was soll mit mir sein?“
„Hast du geweint?“
„Unsinn. Meine Katzenaugen und der Wind vertragen sich einfach nicht.“
Hermine sah Minerva skeptisch an.
„Wenn du das sagst.“
„Wir sollten nun beide zu Bett gehen. Es ist spät.“
Hermine nickte. Sie wollte gehen, doch der Absatz ihres Schuhs blieb zwischen den Fugen des Steinbodens hängen. Sie stolperte mit einem erschrockenen Laut und fand sich einen Augenblick später in Minervas Armen wieder. Erschrocken sah Hermine auf. Ihre braunen Augen begegneten diesen wunderschönen smaragdgrünen Augen und da war es wieder. Das Herzklopfen, die Hitze und in Minervas Armen zu sein fühlte sich überwältigend an. Sie war ihr so nah, wie noch nie zuvor. Langsam richtete sie sich wieder auf, ohne die Arme von ihr zu nehmen. Auch Minerva schien wie erstarrt zu sein, denn auch sie löste sich nicht von Hermine. Die junge Frau nahm all ihren Mut zusammen und neigte ihren Kopf ein wenig nach vorne. Minerva wich nur einen Hauch zurück. Der letzte Funke Vernunft schrie laut, doch sie war nicht stark genug.
„Nur ein einziges Mal“, hauchte Hermine ihr zu.
Minerva registrierte kaum, wie sie nickte. Langsam strich Hermine über ihre Wange und studierte jeden Millimeter ihres Gesichts. Ihr Daumen strich über Minervas Lippen.
„Du bist so wunderschön Minerva“, flüsterte Hermine. „So wunderschön.“
Langsam beugte sie sich vor. Dieses Mal wich Minerva nicht zurück. Sie schloss die Augen und spürte die warmen, weichen Lippen von Hermine. Der Kuss war so sanft und vorsichtig, fast wie ein Windhauch. Hermine löste sich nur ein winziges Stück und öffnete die Augen. Minerva presste ihre Lippen aufeinander und öffnete die Augen. Hermines Blick lag auf Minervas Lippen. Sie wollte mehr. Minerva war wie erstarrt, als Hermines Lippen erneut auf ihren lagen. Dieses Mal fester und fordernder und nun antwortete Minerva. Das Feuer brannte in ihnen. Immer wieder trafen sich ihre Lippen, Hände begannen die Wangen und das Haar der anderen zu berühren. Sie konnten es beide nicht mehr halten. Als Hermines Hand über Minervas Hüfte streifte, löste sie sich erschrocken und stolperte ein wenig zurück. Beide waren außer Atem, die Wangen gerötet. Minerva legte erschrocken ihre Hand auf ihre Lippen.
„Minerva…“
Sofort schüttelte die Schulleiterin den Kopf.
„Sag es nicht.“
„Aber…“
„Bitte nicht“, flehte Minerva und strich sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich im Eifer des Gefechts aus ihrem Haarknoten gelöst hatten. „Es ist falsch. Es… tut mir leid.“
Hermine beugte sich auf den Boden, zog ihren Schuh wieder ordentlich an und sah Minerva direkt in die Augen.
„Mir tut es nicht leid“, sagte sie mit fester Stimme. „Wenn du mich nicht willst, muss ich das akzeptieren, aber diesen Augenblick kann mir niemand nehmen. Vielleicht muss mir dieses kurze Glück genügen, doch meine Gefühle werden sich nicht ändern.“
Hermines Augen fixierten Minerva
„Und deine auch nicht“, sagte sie hart.
Minerva begann innerlich zu beben.
„Das ist nicht fair“, sagte sie kaum hörbar und schob sich an Hermine vorbei.
Mit schnellen Schritten war sie auch schon verschwunden. Hermine sah ihr nach und konnte sich ein zartes Lächeln nicht verkneifen. Die abrupte Zurückweisung tat zwar weh, doch nun hatte sie die Gewissheit. Ihr war klar, dass Minervas Widerstand nicht ewig halten würde, sonst hätte sie den Kuss nicht zugelassen.