Frohes neues Jahr
Frohes neues Jahr
Die nächsten Tage vergingen – zumindest nach außen – so normal wie möglich, doch ruhig war es im Fuchsbau ganz sicher nicht.
Fred und George sorgten wie gewohnt für ein konstantes Maß an Chaos, irgendwo flog immer etwas durch die Luft, jemand lachte zu laut oder beschwerte sich halbherzig über irgendeinen „Unfall“. Molly war unermüdlich damit beschäftigt, alles perfekt zu machen, hetzte zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her und hatte dabei doch immer ein Auge auf jeden einzelnen. Und Ginny… Ginny hatte sich stillschweigend eine ganz eigene Aufgabe gegeben. Sie lenkte ab. Immer dann, wenn Blicke zu lange wurden, Gespräche zu privat hätten werden können oder Hermine und Minerva ein kleines bisschen zu offensichtlich in ihrer eigenen Welt verschwanden, war sie da – mit einem Kommentar, einer Frage, einem gezielten Ablenkungsmanöver. Es war nie auffällig, aber effektiv. Trotzdem war es nicht immer einfach. Vor allem nicht wegen Fred und George.
Die beiden hatten offenbar beschlossen, Minerva zu ihrem persönlichen Weihnachtsprojekt zu machen. Immer wieder tauchten sie neben ihr auf, verwickelten sie in Gespräche, machten ihr Komplimente – manchmal charmant, manchmal… grenzwertig. Minerva nahm es gelassen. Meistens zumindest. Ein leises Schmunzeln hier, eine trockene Antwort dort. Auch wenn einige ihrer Bemerkungen deutlich über das hinausgingen, was man angesichts ihres Altersunterschieds und ihrer Vergangenheit als Schüler und Lehrerin erwarten würde. Und doch, ein Teil von ihr wusste sehr genau, dass diese Grenze längst nicht mehr so eindeutig war. Nicht für sie. Nicht seit Hermine. Dieser Gedanke ließ sie hin und wieder innehalten. Nur kurz, kaum sichtbar, bevor sie ihn wieder beiseiteschob und ganz ehrlich: Ein Kompliment blieb ein Kompliment und Fred und George meinten längst nicht alles ernst.
Hermine sah das allerdings etwas anders. Sie wusste, wie die Zwillinge waren. Wusste, dass vieles nur Spaß war, aber das machte es nicht immer einfacher. Vor allem nicht, wenn sie sah, wie nah sie Minerva kamen, wie selbstverständlich sie ihre Aufmerksamkeit einforderten. Dann wurde ihr Lächeln ein kleines bisschen angespannter, ihr Blick ein wenig schärfer und Ginny bemerkte das jedes Mal. Natürlich.
Die Gelegenheit ergab sich fast unerwartet. Molly hatte alle eingespannt, Fred und George waren irgendwo im Haus mit einem ihrer Projekte beschäftigt und die anderen hatten sich ebenfalls verteilt. Zum ersten Mal seit Tagen war es ruhig genug. Hermine nutzte es sofort.
„Wie wäre es mit einem Spaziergang?“, fragte sie nur leise.
Minerva brauchte keinen Moment zu überlegen. Sie nickte sofort.
Wenig später gingen sie nebeneinander durch den verschneiten Wald, weit genug entfernt vom Haus, dass Stimmen und Lachen nur noch ferne Erinnerungen waren. Hier war es still und sie waren allein. Ganz selbstverständlich fanden ihre Hände zueinander, verschränkten sich, während sie langsam durch den Schnee gingen. Hermine atmete tief durch.
„Endlich habe ich dich mal für mich allein.“
Minerva warf ihr einen ruhigen, fast amüsierten Blick zu.
„Du hast mich doch immer.“
Hermine lachte leise, schüttelte leicht den Kopf.
„Nicht wirklich. In den letzten Tagen musste ich dich ständig teilen.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ach ja?“
„Ja“, meinte Hermine, „mit James, Fred und natürlich George.“
Minerva konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Dann blieb sie stehen, zog Hermine leicht zu sich und küsste sie sanft, aber bewusst. Als sie sich wieder löste, lag ein warmes Lächeln auf ihren Lippen.
„Ich glaube, ich zeige dir jeden Tag ziemlich deutlich, wen ich hier am meisten liebe.“
Hermine zog sie sofort wieder näher, ihr Blick weich, aber mit einem kleinen, herausfordernden Funkeln.
„Vielleicht solltest du es mir nochmal erklären.“
Minerva ließ sich darauf ein. Sie trat näher, ihre Hände fanden Hermines Wangen und sie küsste sie ein paar Mal hintereinander zärtlich, ruhig, ohne Eile. Dann löste sie sich ein Stück, sah sie an.
„Ist das Erklärung genug?“
Hermine zog leicht eine Grimasse.
„Noch nicht ganz.“
Ein vielsagendes Lächeln huschte über Minervas Gesicht.
„Dann“, sagte sie ruhig, „musst du wohl bis heute Abend warten, um eine ausführlichere Erklärung zu bekommen.“
Hermine grinste sofort.
„Ich werde auf diese kleine, private Nachhilfestunde zurückkommen.“
Und diesmal klang es mehr als nur ein bisschen vielversprechend.
Sie gingen langsam weiter, Hand in Hand, ihre Schritte ruhig im knirschenden Schnee. Die Stille des Waldes legte sich sanft um sie, nur unterbrochen von ihren leisen Stimmen.
„Es ist schon erstaunlich“, meinte Hermine nach einer Weile, „wie turbulent es im Fuchsbau sein kann und trotzdem…“
„…fühlt es sich richtig an“, ergänzte Minerva ruhig.
Hermine nickte.
„Ja. Genau das.“
Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Ich glaube, es waren die schönsten Ferien seit Langem.“
Minerva sah sie kurz an.
„Das kann ich nur bestätigen.“
Sie gingen ein paar Schritte schweigend weiter, bis Hermine leise seufzte.
„Es ist nur schade, dass es bald vorbei ist.“
Minerva nickte leicht.
„Ein wenig bedauerlich, ja.“
Dann wurde ihr Ton ruhiger, nachdenklicher.
„Aber ich freue mich auch darauf, wieder nach Hause zu kommen. Nach Hogwarts. Zurück in geregelte Bahnen.“
Hermine verzog leicht das Gesicht.
„Ja… irgendwie schon.“
Sie trat einen kleinen Schritt näher, ihre Stimme leiser.
„Aber die Zeit hier… hat mir auch gezeigt, wie es sein könnte.“
Minerva sah sie an.
„Wie meinst du das?“
Hermine zögerte kurz, suchte nach den richtigen Worten.
„Es fühlt sich hier normal an. Natürlich verstecken wir uns auch hier, aber es ist anders. Weniger… streng. Weniger distanziert.“
Minerva sagte nichts, sondern ließ sie weiterreden. Hermine sah kurz auf ihre verschränkten Hände.
„Ich denke nur daran, wie es sein wird, wenn wir zurück sind. Die Distanz. Dass wir uns wieder kaum sehen, kaum sprechen können, ohne dass es auffällt.“
Ihre Stimme war leiser geworden, trauriger und das ließ Minerva innehalten. Sie blieb stehen. Sanft löste sie ihre Hand, nur um Hermines Gesicht in beide Hände zu nehmen und sie anzusehen.
„Hermine“, sagte sie ruhig.
Ihre Stimme war weich, aber bestimmt.
„Ich liebe dich. Mehr als alles andere und diese Heimlichtuerei wird nicht für immer sein.“
Hermine sah sie an, suchend. Minerva strich mit dem Daumen leicht über ihre Wange.
„Und was die Distanz betrifft – es wird sich nicht so sehr ändern, wie du denkst.“
Hermine runzelte leicht die Stirn.
„Wenn wir allein sind“, fuhr Minerva ruhig fort, „bleibt alles so, wie es ist.“
Ein kleines, sicheres Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
„Und wenn andere dabei sind… dann müssen wir vorsichtig sein, aber das bedeutet nicht, dass wir uns aus dem Weg gehen.“
Hermine hielt ihren Blick. Langsam wich die Anspannung aus ihrem Gesicht.
„Wir finden einen Weg“, sagte Minerva leise und diesmal klang es nicht wie Hoffnung, sondern wie ein Versprechen.
Hermine nickte, ein kleines, tapferes Lächeln auf den Lippen, doch Minerva sah es sofort. Die Worte waren angekommen, aber sie hatten die Unsicherheit nicht ganz genommen. Sanft legte sie ihre Hand wieder an Hermines Wange.
„Wir haben noch ein paar Tage,“ sagte sie leise. „Und diese Zeit werden wir nutzen.“
Hermine nickte erneut, diesmal ein wenig fester. Minerva beugte sich vor und küsste sie sanft – ruhig, beruhigend, fast wie ein stilles Versprechen. Dann ließ sie ihre Hand wieder sinken, griff nach Hermines und setzte sich langsam wieder in Bewegung. Für ein paar Schritte blieb es still zwischen ihnen. Dann lenkte Minerva das Gespräch bewusst in eine leichtere Richtung.
„Silvester ist in zwei Tagen.“
Hermine hob leicht den Blick. „Stimmt.“
„Freust du dich darauf?“, fragte Minerva ruhig.
Ein kleines, ehrliches Lächeln kehrte auf Hermines Gesicht zurück.
„Ja. Bisher war es hier immer ziemlich chaotisch, aber auch sehr lustig.“
Ein kurzes Schmunzeln.
„Und wenn Fred und George für das Feuerwerk verantwortlich sind, wird es vermutlich völlig übertrieben.“
Minerva hob leicht eine Augenbraue.
„Das klingt vielversprechend.“
Hermine lachte leise.
„Es wird grandios oder katastrophal. Oder beides.“
Minerva nickte langsam, ein Hauch von Neugier in ihrem Blick.
„Dann bin ich gespannt.“
Und während sie weiter durch den Schnee gingen, wurde die Stimmung wieder ein wenig leichter – getragen von der Vorfreude auf das, was noch vor ihnen lag.
Der 31. Dezember kam schneller, als erwartet. Wie so vieles bei den Weasleys hatte auch dieser Tag seine ganz eigenen Traditionen. Der Morgen begann, wenig überraschend, mit einem gemeinsamen Frühstück. Laut, durcheinander, herzlich. Molly sorgte dafür, dass niemand auch nur ansatzweise hungrig blieb, während Fred und George schon am Tisch erste Diskussionen darüber führten, wie spektakulär das diesjährige Feuerwerk werden würde. Nach dem Frühstück wurde es geschäftig. Molly und Ginny machten sich sofort daran, das Haus gründlich zu putzen. Fenster wurden geöffnet, Decken ausgeschüttelt und selbst die letzte Spur Asche wurde aus dem Kamin entfernt.
„Ein sauberes Haus für ein neues Jahr“, erklärte Molly bestimmt, während sie mit dem Zauberstab eine besonders hartnäckige Ecke bearbeitete.
Ginny folgte ihr mit geübter Routine und einem gelegentlichen, wissenden Blick zu Hermine, der mehr sagte als Worte.
Währenddessen hatten Fred und George sich nach draußen verzogen. Zu Mollys offensichtlichem Missfallen.
„Ich will gar nicht wissen, was sie da schon wieder planen“, murmelte sie.
„Ich schon“, grinste Ron. „Das wird klasse.“
„Das wird gefährlich“, korrigierte Molly sofort.
Am Nachmittag wurde es wieder ruhiger. Spiele wurden hervorgeholt, Karten gemischt und bald saßen alle zusammen, lachten, diskutierten und wetteiferten miteinander, wie so oft in diesen Tagen und schließlich kam der Abend.
Der Tisch war erneut reich gedeckt, noch festlicher als sonst. Kerzen brannten, das Licht war warm, die Stimmung erwartungsvoll. Das Jahr neigte sich dem Ende zu und etwas Neues stand bevor.
Am Abend war das Haus erneut erfüllt von warmem Licht und lebhaften Stimmen. Alle hatten sich festlich gekleidet – Anzüge, elegante Kleider, ein Hauch von besonderem Anlass lag in der Luft. Kerzen flackerten auf dem Tisch, draußen zeichnete sich bereits die kalte Nacht ab, während drinnen Gelächter und Gespräche den Raum füllten. Die Stimmung war ausgelassen und unbeschwert. Es wurde angestoßen, erzählt, durcheinander gesprochen und immer wieder laut gelacht, wenn Fred oder George eine ihrer Geschichten zum Besten gaben. Hermine und Minerva saßen nebeneinander. Ganz selbstverständlich. Diesmal ohne die ständige Spannung der letzten Tage. Ihre Nähe wirkte natürlich, unauffällig eingebettet in das Chaos der Familie. Kein übervorsichtiger Abstand, keine auffälligen Blicke. Sie waren einfach zwei Menschen, die sich gut verstanden. Und diesmal hatten sie sich im Griff. Keine flüchtigen, riskanten Berührungen unter dem Tisch, keine zu langen Blicke. Nur hin und wieder ein leises Lächeln, ein kurzer Blick, der mehr sagte als jedes Wort und sofort wieder verschwand. Es war ruhiger zwischen ihnen, aber nicht weniger intensiv. Eher sicherer, als hätten sie beide beschlossen, diesen Abend einfach zu genießen, ohne ihn zu gefährden und während draußen langsam die ersten vereinzelten Geräusche von Feuerwerk zu hören waren, saßen sie nebeneinander – Teil dieser lebhaften, lauten, warmen Familie und genau am richtigen Ort.
Der Abend verging schneller, als es jemand erwartet hätte. Irgendwann war es so weit – ein kurzer Blick auf die Uhr, ein paar letzte Schlucke, dann begann sich alles aufzulösen. Einer nach dem anderen verschwand kurz in seinem Zimmer, um sich für das kalte Wetter draußen umzuziehen. Elegante Kleider und Anzüge wurden gegen warme Hosen, dicke Pullover und Schals getauscht.
Auch Hermine stand schließlich in ihrem Zimmer, fertig angezogen und blieb am Fenster stehen. Draußen war es dunkel, klar. In der Ferne zogen bereits vereinzelte Raketen ihre leuchtenden Spuren durch den Himmel. Manche konnten offenbar nicht bis Mitternacht warten. Hermine lehnte sich leicht gegen den Fensterrahmen, den Blick nach draußen gerichtet.
Ein neues Jahr. Ein neuer Anfang. Und doch… Sie seufzte leise. So sehr sie sich wünschte, dass sich alles ändern würde – ein Teil von ihr glaubte nicht daran. Nicht wirklich. Egal, was Minerva bei ihrem Spaziergang gesagt hatte. Hogwarts würde wiederkommen und damit die Regeln, die Distanz und Vorsicht.
Ein leises Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.
„Komm rein“, murmelte sie.
Die Tür öffnete sich und Ginny trat ein. Ein kurzer Blick reichte.
„Was ist los?“, fragte sie ruhig.
Hermine zögerte nicht lange.
„Ich denke nur darüber nach, was jetzt kommt.“
Ginny trat näher. Hermine sah wieder aus dem Fenster.
„Ein neues Jahr klingt immer nach Veränderung, aber ich habe das Gefühl, dass sich eigentlich nichts ändern wird.“
Ginny lehnte sich leicht an die Wand, musterte sie einen Moment.
„Das stimmt nicht.“
Hermine sah sie an.
„Vielleicht nicht sofort“, fuhr Ginny fort, „aber Dinge verändern sich. Langsam. Schritt für Schritt.“
Ein kleines, ehrliches Lächeln.
„Und du bist nicht allein damit.“
Hermine atmete leise aus. Die Worte halfen. Ginny stieß sich von der Wand ab.
„Komm“, sagte sie und griff nach ihrer Hand. „Es ist gleich so weit.“
Hermine ließ sich mitziehen. Noch ein letzter Blick nach draußen, dann wandte sie sich ab und ging mit Ginny nach unten. Das neue Jahr wartete.
Kurz vor Mitternacht wurde es hektisch.
„Alle ab nach draußen!“, rief Molly, während sie sich schon ihren Mantel überwarf.
Die Tür ging auf, kalte Winterluft strömte herein und nach und nach sammelten sich alle draußen im Garten.
Der Schnee knirschte unter ihren Schritten, Atem wurde sichtbar in der klaren Nacht. Fred, George und Ron waren bereits beschäftigt, das Feuerwerk vorzubereiten – wild diskutierend, lachend, sich gegenseitig Anweisungen zurufend.
„Das kommt hierhin!“
„Nein, das war letztes Jahr schon falsch!“
„Vertrau mir einfach!“
Währenddessen verteilten Harry und Arthur Gläser, füllten Sekt ein, reichten sie herum.
„Noch eine Minute!“, rief Fred.
Die Stimmen wurden lauter, aufgeregter. Dann:
„Drei!“
„Zwei!“
„Eins!“
Ein lauter Knall und im nächsten Moment explodierte der Himmel in Farben. Raketen schossen nach oben, Funken regneten herab, Licht spiegelte sich im Schnee. Es war laut, überwältigend, wunderschön. Lachen, Jubel und fast automatisch fanden sich Paare. Harry zog Ginny zu sich und küsste sie. Bill und Fleur ebenso. Molly und Arthur standen eng beieinander, lächelten sich an und küssten sich ebenfalls. Ein vertrauter, selbstverständlicher Moment und ein paar Schritte entfernt standen Hermine und Minerva. Nicht weit voneinander und doch getrennt. Ihre Blicke trafen sich. Ein Moment, der länger dauerte als alle Geräusche um sie herum. Sie sahen beide, was die anderen hatten und was sie beide in genau diesem Moment nicht tun konnten. Nicht hier. Nicht jetzt. Ein leiser Schmerz lag in Hermines Blick und Minerva sah ihn ganz deutlich.
Minerva hielt ihren Blick ruhig, gefasst, wie immer, doch Hermine konnte es nicht ganz verbergen. Das Leuchten der Raketen spiegelte sich in ihren Augen und darin lag mehr als nur Bewunderung. Ein feiner Glanz, der nichts mit dem Feuerwerk zu tun hatte.
Ein Wunsch. Ein Schmerz. Sie biss sich leicht auf die Lippe, sah kurz weg, dann wieder zu Minerva. Wie gerne hätte sie diesen Moment einfach genommen, hätte die Distanz ignoriert, sie zu sich gezogen, ihr gesagt, wie sehr sie sie liebte und sie geküsst, so wie alle anderen es taten. Ganz einfach, ohne nachzudenken, doch sie konnte es nicht. Sie durfte es nicht. Minerva sah es. Sie sah alles in diesem einen Blick. Die aufkommenden Tränen, die Hermine hart zurück kämpfte und für einen Moment wich auch ihre eigene Fassung ein kleines Stück zurück. Sie machte einen Schritt auf Hermine zu. Ganz unbewusst, doch dann hielt sie inne. Die anderen lösten sich voneinander. Lachen kehrte zurück, Stimmen wurden wieder lauter, jemand rief etwas über das nächste Feuerwerk. Minervas Haltung richtete sich wieder auf, ihre Miene wurde ruhiger, doch ihr Blick blieb auf Hermine und in diesem Blick lag etwas, das sie nicht aussprechen konnte, aber Hermine verstand es trotzdem.
Nach und nach löste sich die Spannung des Moments in Bewegung auf.
„Frohes neues Jahr!“, rief Fred laut und zog George in eine kurze, übertriebene Umarmung.
„Dir auch!“
Dann ging es reihum. Hände wurden geschüttelt, Arme legten sich umeinander, Lachen mischte sich mit herzlichen Wünschen. Einer nach dem anderen wurde gedrückt, beglückwünscht und in das neue Jahr gezogen. Hermine lächelte, erwiderte die Umarmungen, wünschte jedem ein „Frohes neues Jahr“ und hielt sich dabei erstaunlich gut. Bis Ginny vor ihr stand. Ohne viele Worte zog sie Hermine in eine feste Umarmung, drückte sie einen Moment länger als die anderen und flüsterte leise:
„Ich weiß, wie hart das gerade ist.“
Hermine schloss kurz die Augen.
„Es geht schon,“ murmelte sie, doch genau in diesem Moment löste sich eine einzelne, leise Träne aus ihrem Augenwinkel.
Ginny löste sich ein Stück, sah sie an – nicht mitleidig, sondern warm.
„Hey“, sagte sie leise, ein kleines Lächeln auf den Lippen. „Du kannst sie wenigstens drücken.“
Sie warf einen kurzen Blick in Minervas Richtung.
„Und den Rest… verschiebt ihr auf später.“
Hermine atmete tief durch. Dann nickte sie langsam und diesmal wirkte ihr Lächeln ein kleines Stück echter. Hermine atmete noch einmal tief durch, dann setzte sie sich in Bewegung. Langsam ging sie auf Minerva zu. Für einen Moment blieb sie vor ihr stehen, sah sie an und all das, was sie eben noch zurückhalten musste, lag in diesem Blick.
„Frohes neues Jahr“, sagte sie leise.
Dann zog sie Minerva in eine feste Umarmung. Ein klein wenig länger als nötig. Ganz nah an ihrem Ohr flüsterte sie:
„Ich liebe dich.“
Minervas Hände legten sich ruhig an ihren Rücken, hielten sie ebenso fest.
„Ich dich auch, mein Herz“, antwortete sie leise.
Als sie sich ein Stück voneinander lösten, blieben sie noch nah beieinanderstehen. Ihre Hände berührten sich, hielten sich für einen Moment länger, als es jemandem hätte auffallen können. Ihre Blicke trafen sich warm und vertraut.
„Es ist bald vorbei“, murmelte Minerva leise – mehr ein Versprechen als eine Feststellung.
Hermine nickte kaum merklich. Dann lösten sie sich voneinander. Nicht weit. Nur so viel, wie es nötig war. Gemeinsam standen sie nebeneinander und sahen in den Himmel, wo das Feuerwerk der Weasley-Söhne weiterhin in allen Farben explodierte. Licht flackerte über ihre Gesichter. In der Dunkelheit, verborgen vor den Blicken der anderen, fand Minervas Hand erneut Hermines. Ganz vorsichtig. Ihre Finger verschränkten sich. Ein stiller, kurzer Moment. Dann lösten sie sich wieder – genau rechtzeitig, als Arthur mit den Sektgläsern zu ihnen kam und sie erneut in das fröhliche Durcheinander des neuen Jahres zurückholte.
„Auf ein besseres Jahr!“, rief Arthur gut gelaunt und verteilte die Gläser.
„Auf ein lautes Jahr“, ergänzte Fred.
„Das wird bei euch ohnehin nichts Neues sein“, murmelte Molly trocken, was sofort Gelächter auslöste.
Hermine nahm ihr Glas entgegen und stellte sich wieder etwas näher zu Minerva, diesmal ohne darüber nachdenken zu müssen. Die Stimmung war gelöst, weich geworden nach Mitternacht. Fred und George diskutierten bereits lautstark darüber, welches Feuerwerk das beeindruckendere gewesen war, während Ron behauptete, dass mindestens drei Raketen eindeutig falsch geflogen seien.
„Das war Absicht!“, protestierte George sofort.
„Künstlerische Freiheit“, ergänzte Fred.
Minerva schnaubte leise neben Hermine.
„Das erklärt vermutlich auch die Explosion hinter dem Schuppen.“
Hermine musste lachen und sah kurz zu ihr auf. Das Licht der letzten Raketen spiegelte sich in Minervas Augen und plötzlich fühlte sich der Schmerz von eben nicht mehr ganz so schwer an. Nicht weg, aber leichter, weil Minerva trotzdem hier war, weil ihre Blicke sich fanden, weil ihre Hände sich heimlich berührt hatten und weil sie wusste, dass sie später nicht mehr vorsichtig sein mussten. Ginny beobachtete die beiden kurz aus dem Augenwinkel und lächelte still vor sich hin. Dann wurde Fred plötzlich laut.
„Zeit für ein paar Spiele!“
„Um diese Uhrzeit?“, fragte Harry lachend.
„Gerade um diese Uhrzeit!“, erklärte George.
Natürlich widersprach niemand wirklich. Also ging es wieder hinein ins warme Haus, begleitet von kalter Luft, roten Wangen und aufgeregten Stimmen. Mäntel wurden abgelegt, neue Getränke verteilt und innerhalb weniger Minuten war das Wohnzimmer wieder erfüllt von Chaos und Gelächter. Mitten darin saßen Hermine und Minerva nebeneinander auf dem Sofa. Sie waren ruhiger und konnten die Nähe der jeweils anderen ohne großes Aufsehen genießen. Während um sie herum laut über Regeln gestritten wurde, ließ Minerva ihre Hand ganz kurz gegen Hermines sinken. Nur für einen Herzschlag, aber genug, um Hermine lächeln zu lassen.
Später in der Nacht wurde es im Fuchsbau endlich ruhig. Eine Tür nach der anderen war ins Schloss gefallen, Stimmen waren verstummt und nur noch das leise Knacken des Kamins war irgendwo im Haus zu hören. Minerva wartete einen Moment. Dann schlich sie leise den Flur entlang zu Hermines Zimmer. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, war Hermine schon bei ihr. Sie zog Minerva sofort fest an sich, als hätte sie den ganzen Abend darauf gewartet. Minerva erwiderte die Umarmung ohne Zögern, küsste sie zart und strich ihr sanft über die Wange.
„Wie geht es dir?“, fragte sie leise.
Hermine lächelte schwach.
„Alles bestens.“
Minerva hob leicht eine Augenbraue.
„Du lügst furchtbar schlecht.“
Ein leises Schnauben entwich Hermine.
„Ich habe deine Tränen gesehen“, sagte Minerva ruhig.
Für einen Moment wich Hermine ihrem Blick aus, dann zuckte sie leicht mit den Schultern.
„Ich war nur kurz sentimental.“
Minerva sagte nichts dazu. Stattdessen nahm sie ihre Hand und führte sie mit sich zum Bett. Gemeinsam setzten sie sich nebeneinander hin, dicht genug, dass ihre Schultern sich berührten. Einen Moment blieb es still. Dann lehnte Hermine langsam den Kopf gegen Minervas Schulter.
„Es hat einfach wehgetan“, gab sie leise zu. „Dich dort stehen zu sehen… und nichts tun zu können.“
Minerva schloss kurz die Augen. Ihre Hand glitt sofort in Hermines Haar.
„Mir ging es nicht anders.“
Hermine atmete leise aus.
„Ich weiß.“
Minerva drehte leicht den Kopf und küsste ihre Stirn.
„Aber irgendwann“, murmelte sie, „werden wir nicht mehr daneben stehen müssen.“
Hermine hob den Blick zu ihr. Minervas Ausdruck war ruhig. Sicher.
„Irgendwann“, wiederholte sie leise, „kann ich dich um Mitternacht küssen, ohne darüber nachdenken zu müssen.“
Hermine lächelte schwach.
„Versprochen?“
Minerva legte ihre Stirn sanft an ihre.
„Versprochen.“
Minerva hielt Hermine weiter nah bei sich, ihre Finger glitten beruhigend durch ihre Locken.
„Ich hasse es“, sagte sie leise, „dich leiden zu sehen.“
Hermine hob leicht den Kopf.
„Und genau das hast du um Mitternacht getan“, fügte Minerva ruhig hinzu. „Du hast versucht, es zu verstecken, aber ich kenne dich zu gut.“
Hermine lächelte schwach und strich mit den Fingern über Minervas Hand.
„Es ist schon in Ordnung“, murmelte sie. „Du bist jetzt hier.“
Sie rückte näher.
„Und wir können unsere Zweisamkeit genießen.“
Minerva hörte sofort den Unterton. Dieses vorsichtige Festhalten an dem, was sie jetzt „noch“ hatten. Hogwarts rückte näher und damit das Bewusstwerden, dass dort alles komplizierter wurde. Minervas Blick wurde weicher.
„Hermine…“
Doch Hermine schüttelte leicht den Kopf.
„Du erinnerst dich an den Brief am Anfang der Ferien.“
Natürlich erinnerte Minerva sich. Hermine atmete tief durch.
„Nichts davon wird einfach verschwinden, nur weil ein neues Jahr beginnt.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Früher oder später kommt das Ministerium wieder. Featherstone wird weitermachen. Und wir…“
Sie brach kurz ab, bevor sie weitersprach.
„…werden wieder Abstand halten müssen.“
Man hörte deutlich, wie sehr allein der Gedanke sie belastete. Minerva zog sie sofort fester in ihre Arme. Eine Hand lag ruhig an ihrem Hinterkopf, die andere an ihrem Rücken.
„Hermine“, sagte sie leise, aber bestimmt.
Sie wartete, bis Hermine sie ansah.
„Nichts davon wird etwas an meinen Gefühlen ändern.“
Ihre Stimme war ruhig. Sicher.
„Ich habe mich entschieden. Für dich.“
Minerva strich sanft über ihre Wange.
„Und zwar endgültig.“
Hermine sah sie an, als müsste sie diese Worte erst wirklich begreifen. Dann löste sich langsam jede Anspannung aus ihrem Gesicht. Ein glückliches, beinahe überwältigtes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie und bevor Minerva antworten konnte, küsste Hermine sie wieder. Einmal. Dann noch einmal. Und noch einmal. Als könnte sie gar nicht anders.