Zwei Welten
Zwei Welten
Hallo ihr Lieben,
seid ihr noch bei mir? Entschuldigt, dass es so lange gedauert hat. Mir kam mein Urlaub dazwischen ;) Jetzt habe ich aber ein wenig vorgearbeitet und das nächste Update lässt nicht lange auf sich warten.
Nun wünsche ich euch viel Spaß mit dem neuen Kapitel.
Liebe Grüße M.
Gerade als Minerva den Umschlag öffnen wollte, klopfte es nicht einmal mehr richtig. Die Tür ging direkt auf.
„Minerva?“
Pomona trat herein und blieb sofort überrascht stehen.
„Du bist ja schon zurück!“
Minerva ließ den Brief sinken und lehnte sich leicht zurück.
„Guten Morgen, Pomona.“
Pomona schloss die Tür hinter sich und trat näher.
„Wir haben alle frühestens morgen mit dir gerechnet.“
Die beiden begrüßten sich herzlich, deutlich vertrauter als viele andere Kollegen es jemals mit der Schulleiterin erleben würden.
„Ich nehme an“, sagte Pomona dann mit einem wissenden Grinsen, „dass du deine freie Zeit nicht freiwillig früher beendet hast.“
Minerva schnaubte leise. Pomona hob bedeutungsvoll eine Augenbraue.
„Ich kann mir nämlich nur schwer vorstellen, dass du freiwillig eher von Hermine weggegangen bist.“
Ein kleines, kaum sichtbares Lächeln huschte über Minervas Gesicht.
„Nein“, gab sie ehrlich zu. „Das bin ich nicht.“
Sie warf einen kurzen Blick auf den Ministeriumsbrief in ihrer Hand, bevor sie weitersprach.
„Aber ich wollte Hermine noch etwas Zeit mit ihren Freunden lassen. Ohne dass sie ständig das Gefühl hat, sich auch um mich kümmern zu müssen.“
Pomona musterte sie einen Moment aufmerksam. Dann wurde ihr Ausdruck weicher.
„Du bist wirklich hoffnungslos verliebt.“
Minerva hob ruhig eine Augenbraue, doch diesmal widersprach sie nicht. Stattdessen senkte sie kurz den Blick auf den Schreibtisch.
„Ja“, sagte sie leise.
Pomona lächelte warm darüber, auch wenn sie gleichzeitig erkannte, dass etwas an Minerva angespannt wirkte. Ihr Blick fiel auf den Umschlag mit dem Ministeriumssiegel und sofort verschwand ein Teil ihrer Leichtigkeit.
„Das sieht nicht gut aus“, murmelte sie.
Minervas Finger schlossen sich etwas fester um den Brief.
„Nein“, sagte sie ruhig. „Das tut es vermutlich nicht.“
Minervas Blick blieb noch einen Moment auf dem Brief liegen. Dann legte sie ihn langsam zur Seite.
„Dann war es vermutlich doch richtig, dass ich früher zurückgekommen bin“, murmelte sie.
Pomona folgte ihrem Blick zum Ministeriumssiegel und verzog leicht das Gesicht.
„Das dachte ich mir schon.“
Doch bevor Minerva den Brief öffnete, richtete sie ihre Aufmerksamkeit bewusst wieder auf Pomona.
„Erzähl mir erst einmal, wie es hier war.“
Pomona ließ sich in den Sessel gegenüber sinken.
„Überraschend ruhig.“ Ein kleines Schmunzeln. „Zumindest größtenteils.“
Minerva lehnte sich leicht zurück.
„Die Schüler haben sich benommen?“
„Die meisten ja“, sagte Pomona. „Diejenigen, die über die Ferien geblieben sind, waren erstaunlich entspannt.“
Minerva nickte langsam, doch sie bemerkte sofort, dass Pomona etwas verschwieg. Ein kaum sichtbares Zögern.
„Pomona.“
Pomona seufzte leise.
„Es gab… kleinere Auseinandersetzungen.“
Minervas Blick wurde sofort schärfer.
„Mit wem?“
Pomona hob bedeutungsvoll eine Augenbraue.
„Mit Edmund.“
Natürlich. Minerva schloss kurz die Augen.
„Wie schlimm?“, fragte sie ruhig.
„Nicht dramatisch,“ sagte Pomona sofort. „Aber angespannt.“
Sie verschränkte leicht die Arme.
„Ein paar Schüler haben ihm ziemlich deutlich gezeigt, was sie von ihm halten.“
Minerva konnte sich ungefähr vorstellen, wie diese „deutlichen Meinungen“ ausgesehen hatten.
„Featherstone hat darauf natürlich reagiert“, fuhr Pomona fort. „Hauspunkte abgezogen. Nachsitzen verteilt.“
Minerva seufzte leise und lehnte sich im Stuhl zurück. Ja, das klang exakt nach dem, was sie erwartet hatte und sie war sich ziemlich sicher, dass Featherstone spätestens in dem Moment vor ihrer Tür stehen würde, sobald sich herumsprach, dass sie zurück war. Wahrscheinlich mit Beschwerden oder Forderungen oder beidem. Ihr Blick wanderte erneut zu dem Brief mit dem Ministeriumssiegel. Das Gefühl in ihrem Magen wurde nicht besser. Pomona beobachtete Minerva noch einen Moment, dann lehnte sie sich etwas entspannter zurück.
„Und deine Ferien?“, fragte sie schließlich. „Trotz allem schön gewesen?“
Ein weicher Ausdruck erschien auf Minervas Gesicht.
„Ja“, sagte sie leise. „Sehr schön sogar.“
Ihr Blick glitt kurz zum Fenster, als würde sie die letzten Tage noch einmal vor sich sehen.
„Ich konnte Hogwarts tatsächlich einmal hinter mir lassen.“
Pomona lächelte leicht darüber.
„Das war dringend notwendig.“
Minerva schnaubte leise zustimmend.
„Und?“, fragte Pomona dann mit einem vielsagenden Blick. „Wie war es mit Hermine?“
Sofort veränderte sich Minervas Ausdruck. Ein kleines, kaum zurückhaltbares Lächeln erschien auf ihren Lippen – warm, beinahe weich.
„Es hat sich… erstaunlich normal angefühlt“, sagte sie ruhig.
Pomona hörte aufmerksam zu.
„Natürlich mussten wir vorsichtig sein“, fuhr Minerva fort. „Vor den anderen haben wir alles geheim gehalten.“
Ein leises, amüsiertes Schnauben.
„Was mit Hermine nicht immer einfach war.“
Pomona grinste sofort leicht.
„Das überrascht mich kein bisschen.“
Minerva schüttelte kaum merklich den Kopf, doch das Lächeln blieb.
„Aber wenn wir allein waren…“ Sie hielt kurz inne. „… war es mehr als schön.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Wir hatten Zeit füreinander. Richtige Zeit.“
Für einen Moment wirkte sie fast wieder wie dort im Fuchsbau – entspannter, wärmer, doch Pomona bemerkte sofort, dass sich gegen Ende etwas verändert hatte. Ein kaum greifbarer Unterton. Etwas Schweres.
„Und?“, fragte sie sanfter. „Was war sonst noch?“
Minerva schwieg einen Moment. Sofort schoss ihr der Brief von Olive Lockwood durch den Kopf. Die Worte darin. Die Warnung. Das Gefühl, dass diese Ruhe niemals lange halten würde. Doch sie sagte nichts davon. Stattdessen senkte sie kurz den Blick und strich scheinbar beiläufig über den Rand eines Pergaments.
„Nichts“, sagte sie schließlich ruhig. „Nur die Erkenntnis, dass der Abschied schwerer war als erwartet.“
Pomona sah sie einen Moment lang an und entschied sich diesmal, nicht weiter nachzufragen. Eine Weile schwiegen beide. Dann lehnte Minerva sich langsam zurück und atmete leise aus.
„Der Abschied war schwer für sie“, sagte sie schließlich ruhig.
Pomona hörte sofort wieder aufmerksam zu. Minervas Blick ruhte inzwischen irgendwo auf dem Schreibtisch, ohne wirklich etwas anzusehen.
„Hermine hat Angst davor, zurückzukommen.“ Ein bitteres, kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Nicht vor Hogwarts selbst. Sondern davor, dass alles wieder wird wie vorher.“
Pomona nickte langsam. Minerva sprach weiter, leiser als zuvor.
„Sie fürchtet diese Distanz. Die Heimlichkeit. Diese kurzen Momente zwischen Türen und Korridoren.“
Sie hielt kurz inne.
„Und nachdem wir jetzt zwei Wochen beinahe wie ein normales Paar gelebt haben… fühlt sich der Gedanke daran für sie noch schlimmer an.“
Pomona sah sie lange an.
„Das kann ich verstehen.“ Dann wurde ihr Blick weicher. „Aber leicht ist das für dich sicher auch nicht.“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Nein“, sagte sie ehrlich. „Ganz und gar nicht.“
Ein kleines, müdes Schnauben entwich ihr.
„Ich habe mich vermutlich genauso sehr daran gewöhnt wie sie.“
Pomona lächelte traurig.
„Zum Glück müsst ihr das alles nicht mehr lange geheim halten.“
Minerva reagierte nicht sofort.
„Hermine ist bald mit ihrem Referendariat fertig“, fuhr Pomona aufmunternd fort. „Danach hält euch niemand mehr auf.“
Langsam nickte Minerva, doch statt Erleichterung trat etwas Nachdenkliches in ihren Blick. Pomona bemerkte es sofort.
„Was ist los?“
Minerva schwieg einen Augenblick. Man sah ihr an, dass sie überlegte, ob sie überhaupt antworten sollte. Dann sagte sie langsam:
„Ich denke… wir werden es trotzdem noch etwas länger geheim halten müssen.“
Pomona runzelte leicht die Stirn.
„Warum?“
Minerva senkte kurz den Blick.
„Nur eine Weile“, sagte sie ruhig. „Aber trotzdem.“
Sie dachte wieder an Olive Lockwoods Brief, Featherstone, das Ministerium und daran, wie schnell all das Hermine treffen könnte, sobald ihre Beziehung bekannt wurde. Minerva würde vieles riskieren, aber nicht Hermine. Pomona runzelte leicht die Stirn.
„Warum denn?“
Minerva schwieg kurz, als müsste sie ihre Gedanken erst ordnen. Dann lehnte sie sich langsam zurück und verschränkte die Hände vor sich auf dem Schreibtisch.
„Wir können schlecht monatelang alles leugnen“, sagte sie ruhig, „jede Vermutung zurückweisen, unsere Gefühle verstecken…“
Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„…und dann Hand in Hand vor allen stehen und behaupten, wir wären jetzt ganz plötzlich offiziell ein Paar.“
Pomona verstand sofort. Minerva schüttelte leicht den Kopf.
„Das würde niemand glauben und dann beginnt alles von vorne. Womöglich noch schlimmer.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Es muss Zeit vergehen. Genug Zeit, damit es glaubwürdig wirkt.“
Der Gedanke schmerzte sichtbar.
„Und ich habe Angst, Hermine das zu sagen.“
Zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr wirkte Minerva wirklich traurig. Nicht nur angespannt oder nachdenklich, sondern erschöpft von der Last all dieser Entscheidungen. Sie kämpfte sichtbar darum, ihre Fassung zu behalten. Pomona stand ohne ein weiteres Wort auf, trat um den Schreibtisch herum und zog Minerva einfach in ihre Arme. Keine Fragen oder Ratschläge, sondern nur Nähe und genau das traf Minerva mehr als alles andere. Für einen kurzen Moment ließ sie die Kontrolle los, lehnte den Kopf leicht gegen Pomonas Schulter und schloss die Augen. Diese stille Umarmung war tröstender als jedes noch so kluge Wort. Pomona strich ihr einmal ruhig über den Rücken.
„Ich bin für dich da“, sagte sie leise. „Immer.“
Minerva nickte kaum merklich.
„Ich weiß.“
Nach einem Moment lösten sie sich wieder voneinander. Draußen auf den Gängen begann inzwischen langsam wieder Leben einzukehren. Stimmen, Schritte, das erste morgendliche Treiben. Es war Zeit fürs Frühstück. Pomona schenkte Minerva noch einen letzten warmen Blick.
„Versuch, nicht alles allein zu tragen.“
Dann ließ sie sie wieder allein im Büro zurück. Zwischen Briefen, Verantwortung und Gedanken, die plötzlich viel schwerer wirkten als noch vor wenigen Tagen im Fuchsbau.
Nachdem Pomona gegangen war, blieb es still im Büro. Minerva saß noch einen Moment reglos da, dann stand sie langsam auf und trat ans Fenster. Draußen lag Hogwarts ruhig unter einer dünnen Schneeschicht. Die Ländereien wirkten friedlich, beinahe unberührt und für einen kurzen Moment erlaubte Minerva sich einfach nur zu schauen, doch ihre Gedanken waren längst woanders. Bei Hermine. Sie vermisste sie bereits jetzt schmerzhaft. Nicht nur ihre Nähe oder ihre Stimme, sondern dieses Gefühl, das die letzten Wochen entstanden war. Dieses beinahe normale gemeinsame Leben und nun sollte sie Hermine sagen, dass selbst nach dem Ende des Referendariats noch mehr Zeit vergehen musste. Noch mehr Heimlichkeit. Noch mehr Geduld. Der Gedanke tat weh. Mehr, als Minerva sich selbst eingestehen wollte. Eine einzelne Träne löste sich schließlich und lief langsam über die Wange der sonst so beherrschten Schulleiterin. Minerva bemerkte sie erst, als sie bereits ihr Kinn erreicht hatte. Langsam schloss sie kurz die Augen. Dann atmete sie tief durch, richtete sich wieder auf und zwang sich zurück zur Kontrolle. Pflicht zuerst - wie immer. Sie kehrte an ihren Schreibtisch zurück, setzte sich und blickte erneut auf den Brief des Ministeriums.
Eine ganze Weile lang rührte sie ihn nicht an. Dann griff sie schließlich danach, brach das Siegel auf und öffnete den Umschlag. Natürlich.
Olive Lockwood. Schon die ersten Zeilen ließen Minervas Kiefer hart werden. Der Brief war geschniegelt höflich formuliert und genau deshalb kaum zu ertragen.
Sehr geehrte Professor McGonagall,
ich hoffe, Sie hatten angenehme Weihnachtsfeiertage und sind gut in das neue Jahr gestartet.
Das Ministerium möchte Sie darüber informieren, dass die betreffende Angelegenheit leider noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann.
Im Zuge neuer Hinweise sehen wir uns verpflichtet, weiteren Fragestellungen nachzugehen. Daher wird eine zusätzliche Anhörung im Laufe des Januars notwendig sein. Den genauen Zeitpunkt werden wir Ihnen selbstverständlich rechtzeitig mitteilen.
Wir danken Ihnen im Voraus für Ihre Kooperation.
Mit freundlichen Grüßen
Olive Lockwood
Zaubereiministerium
Minerva las den Brief zweimal. Langsam. Jedes Wort schien schwerer zu wiegen als das davor.
„Neue Hinweise.“
Natürlich. Das Ministerium wollte nicht loslassen oder vielleicht wollte Olive Lockwood es nicht. Minerva legte den Brief langsam auf den Tisch. Dann nahm sie ihre Brille ab und legte sie daneben. Für einen langen Moment stützte sie nur den Kopf in ihre Hände.
Die Kontrolle, die sie eben noch mühsam zurückgewonnen hatte, begann zu bröckeln. Wut zog heiß durch ihre Brust und darunter etwas anderes. Erschöpfung. Verzweiflung. Nicht wegen der Anhörung allein, sondern wegen allem, was sie bedeutete. Noch mehr Beobachtung. Noch mehr Vorsicht. Noch mehr Gründe, Hermine weiter auf Abstand halten zu müssen. Minerva schloss die Augen fest. Sie hatte gehofft, wenigstens ein wenig Zeit zu haben. Nur ein paar Monate Frieden, doch offensichtlich würde man ihr selbst das nicht lassen. Minerva blieb lange reglos an ihrem Schreibtisch sitzen. Der Brief lag offen vor ihr, wie eine Drohung und zum ersten Mal seit langer Zeit schlich sich ein Gedanke in ihren Kopf, den sie sonst sofort verdrängte.
Was, wenn sie einfach aufhörte? Nicht mit Hermine. Nie mit Hermine. Allein der Gedanke daran fühlte sich falsch an. Sie liebte Hermine viel zu sehr. Nein. Sie dachte daran, diese Heimlichkeiten zu beenden. Dieses ständige Versteckspiel. Die Kontrolle des Ministeriums. Featherstones Beobachtungen. Die permanente Angst, dass irgendein falscher Blick alles zerstören könnte. Es zehrte an ihren Nerven. Mehr, als sie sich eingestehen wollte. Minerva lehnte sich langsam zurück und schloss für einen Moment die Augen. Was wäre, wenn sie Hogwarts verließ? Der Gedanke traf sie härter, als sie erwartet hatte. Hogwarts war ihr Zuhause. Seit Jahrzehnten. Jeder Stein dieses Schlosses bedeutete ihr etwas. Sie liebte ihre Arbeit, liebte ihre Schüler, sie liebte dieses Schloss, aber sie liebte Hermine mehr und plötzlich erschien die Vorstellung erschreckend klar vor ihrem inneren Auge:
Hermine beendet in Ruhe ihr Referendariat. Keine Gerüchte mehr, keine heimlichen Treffen, keine Anhörungen und danach ein gemeinsames Leben. Offen. Ehrlich. Ohne Angst. Minerva spürte, wie sich dieser Gedanke tief in ihr festsetzte, doch fast im selben Moment wusste sie auch, wie Hermine reagieren würde. Hermine wäre niemals damit einverstanden. Sie würde niemals wollen, dass Minerva alles aufgab. Nicht für sie und genau deshalb machte dieser Gedanke Minervas Herz nur noch schwerer.
Im Fuchsbau blieb kaum Zeit zum Nachdenken. Genau wie Minerva es vorausgesagt hatte. Fred und George sorgten mit beinahe erschreckender Konsequenz dafür, dass niemand länger als fünf Minuten ruhig sitzen blieb. Noch bevor Hermine richtig wach gewesen war, wurde sie bereits nach draußen gezerrt.
„Schlittschuhlaufen!“
„Und diesmal ohne magische Tricks!“
„Das sagst ausgerechnet du?“, fragte Ron trocken.
Die nächsten Stunden vergingen laut, chaotisch und überraschend leicht. Sie liefen Schlittschuh auf dem zugefrorenen Weiher, Fred und George machten sofort ein Wettrennen daraus, Harry wurde fast ins Wasser befördert, als das Eis an einer Stelle brach und selbst Ginny lachte irgendwann so sehr, dass sie kaum noch stehen konnte. Hermine ließ sich mitreißen. Sie lachte. Wirklich. Für eine Weile vergaß sie ihre Traurigkeit tatsächlich und genau deshalb traf es sie später umso härter.
Als sie zurück im Fuchsbau waren und alle durcheinander nach oben gingen, um sich umzuziehen, folgte Hermine dem vertrauten Impuls ganz automatisch. Ohne nachzudenken, ging sie den Flur entlang und wollte gerade Minervas Tür öffnen, bis es ihr bewusst wurde. Das Zimmer war leer. Natürlich war es das. Langsam öffnete sie die Tür trotzdem. Stille empfing sie. Das Bett ordentlich gemacht. Keine Koffer mehr. Keine Bücher. Keine schwarze Robe über einem Stuhl. Als wäre Minerva nie hier gewesen. Nur ein ganz leichter Duft ihres Parfüms hing noch in der Luft und genau das war beinahe schlimmer als völlige Leere. Hermine blieb in der Tür stehen, plötzlich wieder schmerzhaft bewusst, dass Minerva fort war, dass sie nicht einfach im Nebenzimmer wartete und dass Hogwarts wieder zwischen ihnen lag. Langsam trat sie ein, strich beinahe gedankenverloren über die Bettkante und schloss für einen Moment die Augen.
„Ich vermisse dich“, murmelte sie leise in die Stille hinein.
Hermines Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Fast fluchtartig verließ sie Minervas leeres Zimmer, ging den Flur entlang in ihr eigenes und schloss die Tür hinter sich ab. Endlich allein. Langsam ließ sie sich auf ihr Bett fallen, starrte an die Decke und sofort kamen die Erinnerungen zurück. Die letzten Tage. Wie leicht alles gewesen war und wie selbstverständlich Minerva morgens neben ihr gelegen hatte. Die gemeinsamen Spaziergänge, das Lachen, die heimlichen Berührungen mitten zwischen all dem Chaos der Weasleys und die Nächte. Hermine schloss kurz die Augen. Natürlich verbrachten sie auch in Hogwarts Nächte miteinander. Sie kannten einander längst auf eine Weise, die weit über flüchtige Küsse hinausging, aber hier… Hier war alles anders gewesen. Freier. Leichter. Intensiver. Nicht nur heimlich gestohlene Stunden zwischen Verpflichtungen und geschlossenen Türen, sondern echte gemeinsame Zeit. Hermine hob langsam die Hand und berührte ihre Lippen. Fast konnte sie Minervas Abschiedskuss noch spüren. Die Wärme ihrer Hände. Ihr Duft. Die ruhige, tiefe Stimme direkt an ihrem Ohr und plötzlich vermisste sie alles gleichzeitig so sehr, dass es beinahe wehtat. Sie dachte an Minervas Nähe, an ihre Umarmungen, daran, wie sicher sie sich in ihren Armen fühlte. Jetzt könnte sie bei ihr sein. Jetzt könnten sie zusammen irgendwo sitzen, leise miteinander reden, sich küssen oder einfach nur schweigend nebeneinander liegen. Stattdessen saß Minerva allein in Hogwarts und Hermine allein im Fuchsbau. Zwei unterschiedliche Welten. Verbunden durch Liebe und doch getrennt durch alles andere.
Nach einer Weile richtete Hermine sich langsam wieder auf. Die Stille in ihrem Zimmer fühlte sich plötzlich zu schwer an. Fast automatisch griff sie nach dem kleinen Fotoalbum, das Minerva ihr zu Weihnachten geschenkt hatte und zog es vorsichtig zu sich aufs Bett. Für einen Moment strich sie nur über den Einband. Dann öffnete sie es. Sofort blickte ihr Minerva entgegen. Jung auf einem Besen in ihrer Quidditchuniform, stolz und voller Energie. Dann die Bilder aus Hogwarts, aus ihrer Zeit im Ministerium, später als junge Lehrerin. Hermine musste unwillkürlich lächeln.
„Du warst schon immer wunderschön“, murmelte sie leise und das war nicht nur romantische Verklärung.
Minerva hatte auf jedem einzelnen Bild diese Ausstrahlung. Diese Eleganz. Dieses ruhige Selbstbewusstsein. Hermine blätterte langsam weiter. Natürlich hatte Minerva sich verändert über die Jahre. Ein paar feine Linien um die Augen, ein wenig mehr Ruhe in ihrem Blick, aber Hermine sah darin nichts, was sie älter machte. Eher… schöner. Zeitlos. Als würde das Alter bei Minerva nicht nehmen, sondern nur noch mehr Tiefe hinzufügen. Hermine blieb länger bei dem Bild ihres gemeinsamen Essens hängen. Minervas Blick darauf war weich. Glücklich. So privat. So vertraut. Langsam strich Hermine mit den Fingerspitzen darüber. Dann atmete sie tief durch. Nur zwei Tage. Zwei Tage, dann würde sie Minerva wiedersehen. Der Gedanke allein ließ die Enge in ihrer Brust ein wenig nachlassen und diesmal lächelte Hermine wirklich. Ganz klein, aber ehrlich, während sie das Album weiter in den Händen hielt.