Wie lange noch?
Wie lange noch?
Hallo ihr Lieben,
habt ihr Taschentücher parat? Falls nicht, holt euch schnell noch eins. Ich habe es beim Schreiben gebraucht...
Ich hoffe euch gefällt das neue Kapitel. Lasst mir gerne ein Review da :)
Liebe Grüße M.
Nach dem Frühstück kehrte Minerva tatsächlich in ihre Wohnung zurück. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, nur kurz nach Hermine zu sehen, ihr etwas zu essen zu bringen und anschließend wieder an die Arbeit zu gehen, doch kaum öffnete sie die Tür zum Schlafzimmer, blieb sie stehen. Hermine lag auf ihrem Bett. Offensichtlich hatte sie sich große Mühe gegeben, möglichst eindrucksvoll auszusehen und der Effekt war unverkennbar. Minerva musste tatsächlich kurz schlucken. Hermine bemerkte es sofort. Natürlich bemerkte sie es. Ein triumphierendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Da bist du ja endlich.“
Minerva schüttelte amüsiert den Kopf und trat näher.
„Du bist unmöglich.“
„Das sagst du nicht zum ersten Mal.“
Sie setzte sich auf die Bettkante und kaum hatte sie das getan, griff Hermine bereits nach dem Ärmel ihrer Robe und strich sanft über die Knöpfe von Minervas Kleid.
„Hermine.“
„Ja?“
„Nein.“
Hermine zog einen gespielt enttäuschten Schmollmund. Minerva nahm ihre Hand und hielt sie fest.
„Ich muss arbeiten.“
„Das klingt nach einem schrecklichen Fehler in deiner Tagesplanung.“
Minerva lachte leise.
„Möglicherweise.“
Hermine rückte näher und legte den Kopf gegen ihre Schulter.
„Nur fünf Minuten?“
„Nein.“
„Drei?“
„Nein.“
„Eine?“
Minerva küsste sie sanft auf die Stirn.
„Du machst es mir nicht leicht.“
„Das ist der Plan.“
Minerva schnaubte belustigt und strich ihr durch die Locken. Dann wurde ihr Blick etwas weicher.
„Wir verschieben das auf später.“
Hermine sah zu ihr auf.
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Das schien Hermine schließlich zu genügen. Zumindest ein wenig. Sie seufzte dramatisch und ließ sich wieder in die Kissen sinken.
„Dann werde ich wohl den tragischen Tag damit verbringen müssen, auf meine viel zu pflichtbewusste Schulleiterin zu warten.“
Minerva lachte erneut, beugte sich hinunter und gab ihr einen zärtlichen Kuss.
„Du wirst es überleben.“
„Da bin ich mir nicht sicher.“
„Ich schon.“
Und mit einem letzten liebevollen Blick stand Minerva schließlich wieder auf, während Hermine ihr nachsah und bereits Pläne schmiedete, wie sie ihre Rückkehr später möglichst schwierig für deren Selbstbeherrschung machen konnte.
Minerva saß lange Zeit über einem Stapel Pergamente, als sich plötzlich die Seitentür ihres Büros öffnete. Sie blickte auf und erstarrte.
„Hermine!“
Die junge Frau stand in der Tür und trug eindeutig nicht die Kleidung, die man üblicherweise für einen Besuch im Büro der Schulleiterin wählen würde. Sie trug ein wirklich knappes Strickkleid. Sie wusste genau, wie sie ihre Reize in Szene setzen konnte. Minerva klappte vor Schreck tatsächlich der Mund auf.
„Bist du völlig verrückt geworden?“
Hermine grinste nur.
„Möglicherweise.“
Sie schloss die Tür hinter sich und ging langsam auf den Schreibtisch zu.
„Hermine“, sagte Minerva eindringlich, „wir sind in Hogwarts. Jederzeit könnte jemand hereinkommen.“
„Dann sollten wir wohl keine Zeit verschwenden.“
Minerva musste sich ein Lachen verkneifen.
„Du bist unmöglich.“
„Das hast du heute schon gesagt.“
„Weil es wahr ist.“
Hermine blieb direkt vor dem Schreibtisch stehen und stützte die Hände auf die Tischplatte. Für einen Moment sahen sie sich einfach nur an. Die Sehnsucht der letzten Tage war noch immer da. Die Erleichterung darüber, wieder zusammen zu sein ebenfalls. Minerva schüttelte langsam den Kopf.
„Ich versuche hier zu arbeiten.“
„Und ich versuche, Zeit mit meiner Lieblingsschulleiterin zu verbringen.“
„Deine Lieblingsschulleiterin hat Verpflichtungen.“
„Deine Lieblingsreferendarin auch.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ach ja?“
„Natürlich.“
„Welche denn?“
Hermine dachte kurz nach.
„Dich daran zu erinnern, Pausen zu machen.“
Diesmal konnte Minerva das Lachen nicht mehr zurückhalten. Sie legte die Feder beiseite und streckte die Hand nach Hermine aus. Sofort nahm Hermine sie.
„Fünf Minuten“, sagte Minerva schließlich.
„Nur fünf?“
„Hermine.“
„Zehn?“
Minerva schüttelte amüsiert den Kopf.
„Fünf.“
Hermine seufzte dramatisch. Minerva betrachtete sie einen Moment und lächelte. Trotz aller Sorgen, des Ministeriums, Featherstone und der Arbeit fühlte sich plötzlich alles ein wenig leichter an. Einfach weil Hermine da war. Hermine trat näher an den Schreibtisch heran und sah Minerva mit diesem Blick an, der deren ganze Entschlossenheit regelmäßig ins Wanken brachte.
„Dann sollten wir wohl wirklich keine Zeit verlieren“, sagte sie leise.
Minerva schüttelte den Kopf, obwohl sie bereits lächelte.
„Du bist eine Gefahr für jeden vernünftigen Tagesablauf.“
„Nur für deinen.“
Hermine beugte sich vor und küsste sie. Zunächst sanft. Dann mit all der Sehnsucht, die sich in den vergangenen Tagen angesammelt hatte. Minerva erwiderte den Kuss sofort. Für einen Moment vergaß sie die Pergamente, die Akten und die Anhörung des Ministeriums. Es gab nur noch Hermine. Nur noch dieses Gefühl von Zuhause. Als sie sich schließlich voneinander lösten, lag Minervas Stirn an Hermines. Beide atmeten etwas schneller, beide lächelten.
„Ich hätte wirklich arbeiten sollen“, murmelte Minerva.
„Hättest du.“
„Und du hättest in meiner Wohnung bleiben sollen.“
„Hätte ich.“
Für einen Moment mussten beide lachen. Dann hob Minerva ihren Zauberstab und mit einer beiläufigen Bewegung verschloss sich die Bürotür. Nicht aus Heimlichkeit, sondern einfach, um für einen Augenblick Ruhe vor dem Rest der Welt zu haben. Hermine setzte sich auf die Armlehne von Minervas Stuhl.
„Besser?“
Minerva nahm ihre Hand.
„Viel besser.“
Eine Weile saßen sie einfach nur nebeneinander. Keine großen Worte. Keine Eile. Hermine lehnte ihren Kopf gegen Minervas Schulter, während diese ihre Finger mit den ihren verschränkte. Draußen lief Hogwarts weiter. Vereinzelte Schüler eilten durch die Gänge, Lehrer bereiteten den Unterricht vor und irgendwo plante Featherstone vermutlich bereits die nächste Beschwerde, aber für diese paar Minuten spielte das alles keine Rolle. Hier waren nur sie beide und zum ersten Mal seit Minervas Rückkehr fühlte sich der Tag nicht mehr ganz so schwer an.
Hermine rückte näher an Minerva heran und legte ihre Hände an ihre Taille. Für einen Moment vergaßen sie beide alles um sich herum. Minerva strich Hermine sanft durch die Locken und lächelte, als sie in ihre Augen sah.
„Du bist eine schreckliche Ablenkung“, sagte sie leise.
Hermine grinste. „Und trotzdem hast du mich vermisst.“
„Das habe ich.“
Die Antwort kam ohne jedes Zögern. Sofort wurde Hermines Lächeln weicher. Sie lehnte ihre Stirn gegen Minervas Schulter und schloss für einen Moment die Augen.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht, als du früher zurückgegangen bist.“
Minervas Hand ruhte beruhigend in ihrem Haar.
„Ich weiß.“
„Und dann dieses Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt.“
Minerva schwieg kurz. Die Wärme des Augenblicks bekam einen nachdenklichen Unterton. Hermine bemerkte es sofort. Sie hob den Kopf und musterte Minerva aufmerksam.
„Da ist etwas, nicht wahr?“
Minerva seufzte leise. Der Brief des Ministeriums fiel ihr wieder ein. Die neue Anhörung. Ihre Sorgen. All das, was sie Hermine eigentlich noch hatte ersparen wollen, doch Hermine kannte sie inzwischen viel zu gut.
„Es gibt etwas, worüber wir reden müssen.“
Sofort verschwand das letzte Grinsen aus Hermines Gesicht. Sie drückte Minervas Hand fester.
„Dann erzähl es mir.“
Minerva wusste, dass sie die Wahrheit nicht länger vor ihr verstecken konnte. Plötzlich klopfte es energisch an Minervas Bürotür. Sie schloss für einen Moment die Augen. Natürlich. Ausgerechnet jetzt. Das Klopfen an der Tür kam ein zweites Mal.
„Minerva?“, erklang Featherstones Stimme von draußen. „Ich muss dringend mit dir sprechen.“
Hermine verdrehte sofort die Augen.
„Ich hasse ihn.“
Trotz der Situation musste Minerva leise lächeln.
„Damit bist du nicht allein.“
Dann wurde sie wieder ernst und nahm Hermines Hand.
„Geh zurück in meine Wohnung.“
Hermine wollte protestieren.
„Minerva…“
„Bitte.“
Der Blick, den Minerva ihr zuwarf, genügte. Hermine seufzte ergeben.
„Später?“
„Später.“
Bevor sie ging, zog Hermine sie noch einmal zu sich und gab ihr einen zärtlichen Kuss. Kurz, aber voller Wärme.
„Ich liebe dich.“
Minervas Gesicht wurde weich.
„Ich dich auch.“
Dann verschwand Hermine durch die Seitentür. Minerva wartete einen Moment, bis sie sicher war, dass Hermine fort war. Erst dann hob sie ihren Zauberstab. Mit einer Bewegung löste sie die Schutzzauber, die Tür sprang auf und Edmund Featherstone trat ein. Wie immer geschniegelt, selbstsicher und wie immer genau dort, wo Minerva ihn gerade am wenigsten gebrauchen konnte.
„Minerva.“
„Was kann ich für dich tun, Edmund.“
Er bemerkte sofort, dass seine Ankunft nicht gerade Begeisterung ausgelöst hatte. Das schien ihn allerdings nicht zu stören.
„Entschuldige die Störung.“
Sein Tonfall verriet deutlich, dass ihm das nicht im Geringsten leidtat. Minerva setzte sich hinter ihren Schreibtisch und faltete die Hände.
„Was ist so dringend?“
Featherstone legte einen Stapel Pergamente auf den Tisch.
„Ich habe neue Informationen bezüglich einiger Schülervorfälle erhalten.“
Minerva spürte augenblicklich, wie ihre Geduld schwand.
„Natürlich hast du das.“
Featherstone ignorierte den Unterton.
„Außerdem wurde ich heute Morgen vom Ministerium kontaktiert.“
Sofort wurde Minerva aufmerksam.
„Vom Ministerium?“
„Ja.“
Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Im Zusammenhang mit den laufenden Untersuchungen.“
Und genau in diesem Moment wusste Minerva, dass ihr ungutes Gefühl berechtigt gewesen war. Featherstone hatte seine Finger wieder im Spiel. Minerva musterte ihn kühl. Je länger dieses Gespräch dauerte, desto weniger Geduld hatte sie dafür.
„Dann besitzt du vielleicht die Freundlichkeit,“ sagte sie ruhig, „mir zu erklären, warum du mir das ausgerechnet jetzt so dringend mitteilen musstest.“
Featherstone verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
„Ich hielt es für angemessen.“
„Angemessen.“
Minerva sprach das Wort aus, als würde sie dessen Bedeutung gerade ernsthaft hinterfragen.
„Falls diese Angelegenheit etwas mit mir zu tun hat, wird das Ministerium sich sicher direkt an mich wenden.“
„Davon gehe ich aus.“
Da war es wieder. Dieses selbstzufriedene Lächeln. Minerva konnte es inzwischen kaum noch ertragen. Featherstone neigte leicht den Kopf.
„Tatsächlich bin ich sogar ziemlich sicher, dass du schon bald weitere Post erhalten wirst.“
Minervas Blick wurde augenblicklich härter.
„Interessant.“
„Ist es das?“
„Sehr.“
Eine kurze Stille entstand. Minerva stand langsam auf.
„Du scheinst erstaunlich gut darüber informiert zu sein, welche Schritte das Ministerium als Nächstes plant.“
Für den Bruchteil einer Sekunde zuckte etwas in Featherstones Gesicht. Dann hatte er sich wieder im Griff.
„Ich verfüge lediglich über gute Kontakte.“
„Offenbar.“
Minerva trat an das Fenster ihres Büros. Nicht weil sie ihm ausweichen wollte, sondern weil sie für einen Moment verhindern musste, ihm genau das zu sagen, was sie gerade dachte. Draußen bewegten sich einige Schüler über den Innenhof, während Featherstone hinter ihr weiter lächelte, als würde er ein Spiel spielen.
„Nun“, sagte er schließlich, „ich wollte lediglich sicherstellen, dass du vorbereitet bist.“
Minerva drehte sich wieder zu ihm um. Ihre Stimme war vollkommen ruhig. Gefährlich ruhig.
„Wie aufmerksam von dir.“
Featherstone schien den Sarkasmus entweder nicht zu bemerken oder bewusst zu ignorieren.
„Wenn das alles wäre, Minerva.“
Minerva nickte knapp.
„Das wäre alles.“
Er verabschiedete sich höflich und verließ das Büro. Erst als die Tür hinter ihm geschlossen war, sank Minervas Fassade für einen Moment. Sie stützte beide Hände auf ihren Schreibtisch und schloss kurz die Augen. Wut. Erschöpfung. Und dieses immer stärker werdende Gefühl, dass Featherstone nicht aufhören würde. Nicht freiwillig. Nicht solange er noch irgendeine Möglichkeit sah, ihr das Leben schwer zu machen und plötzlich dachte Minerva wieder an Hermine. An die junge Frau, die gerade in ihrer Wohnung auf sie wartete, an das Gespräch, das sie hatten führen wollen und daran, dass sie Hermine noch immer nicht von ihren Sorgen erzählt hatte.
Minerva atmete einmal tief durch und setzte sich wieder hinter ihren Schreibtisch. Sie wollte gerade nach ihrer Feder greifen, als ihr etwas auffiel. Ein einzelnes Stück Pergament lag neben einem Stapel Akten. Sie war sich sicher, dass es vor wenigen Minuten noch nicht dort gelegen hatte. Ihre Augen verengten sich. Langsam zog sie das Blatt zu sich heran. Es war kein Brief, nur einige hastig notierte Stichpunkte und bereits nach den ersten Zeilen zog sich ihr Magen zusammen.
* Weitere Aussagen von Schülern und Lehrkräften sammeln.
* Fehlentscheidungen der Schulleitung dokumentieren.
* Kontakte im Ministerium über mangelnde Neutralität informieren.
* Anhörung ausweiten lassen.
* Lockwood zusätzliche Hinweise zukommen lassen.
* Druck erhöhen.
* Frage der Amtsfähigkeit thematisieren.
* Vertrauensverlust innerhalb des Ministeriums.
* Öffentliche Wahrnehmung der Schulleitung beschädigen.
* Nachfolgerdiskussion anstoßen.
* Möglichkeit eines freiwilligen Rücktritts prüfen.
* Emotionale Bindungen und persönliche Abhängigkeiten überprüfen.
* Vertraute Kontakte der Schulleiterin beobachten.
* Verhaltensänderungen während der letzten Monate dokumentieren.
* Regelmäßige Abwesenheiten und ungewöhnliche Entscheidungen zusammentragen.
* Entfernung McGonagalls aus ihrer Position.
* Neuordnung der Schulführung.
Minerva las die Notiz zweimal. Dann ein drittes Mal. Mit jedem Satz wurde ihr Gesicht kälter. Nicht wegen des Angriffs auf sie selbst. Daran hatte sie sich beinahe gewöhnt. Nein. Es waren die letzten Punkte.
'Emotionale Bindungen überprüfen. Vertraute Kontakte beobachten. Verhaltensänderungen dokumentieren.'
Plötzlich verstand sie. Featherstone wollte nicht nur ihre Arbeit angreifen. Langsam legte Minerva das Pergament auf den Tisch. Ihr Herz schlug schneller. Nicht aus Angst um sich selbst, sondern um Hermine. Wenn Featherstone begann, nach persönlichen Beziehungen zu suchen… Wenn er begann, ihr Umfeld genauer zu betrachten… Dann konnte aus einem lästigen Gegner sehr schnell eine ernsthafte Gefahr werden. Minerva griff erneut nach dem Pergament und las die Zeilen noch einmal. Diesmal fiel ihr etwas anderes auf. Die Notiz wirkte nicht wie ein offizielles Dokument oder wie Unterlagen des Ministeriums, sondern wie private Arbeitsnotizen und wenn dieses Blatt tatsächlich Featherstone gehörte, dann hatte sie zum ersten Mal einen Blick auf das bekommen, was er wirklich vorhatte.
Langsam lehnte sie sich zurück. Dann wanderte ihr Blick zur Seitentür. Zu Hermine, die gerade ahnungslos in ihrer Wohnung auf sie wartete und plötzlich wusste Minerva, dass sie ihr alles erzählen musste. Sofort. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Minerva blieb noch einen Moment reglos sitzen. Das Pergament lag vor ihr wie eine Drohung. Nicht, weil dort etwas stand, das sie völlig überraschte, sondern weil es schwarz auf weiß bestätigte, was sie längst geahnt hatte. Featherstone würde nicht aufhören. Er hatte sich ein Ziel gesetzt und dieses Ziel war sie und gleichzeitig auch Hermine. Langsam faltete Minerva das Blatt zusammen und legte es in ihre Schreibtischschublade. Dann schloss sie die Augen. Für einen kurzen Moment dachte sie an den Gedanken, der ihr vor einigen Tagen durch den Kopf gegangen war.
Einfach aufzuhören. Hogwarts zu verlassen. Sich all dem zu entziehen. Mit Hermine irgendwo ein ruhiges Leben zu führen, doch selbst jetzt wusste sie, dass sie das nicht konnte. Nicht so. Nicht so lange Featherstone glaubte, gewonnen zu haben. Nicht so lange Hogwarts seine Spielwiese werden konnte. Langsam stand sie auf. Sie musste mit Hermine sprechen und zwar nicht nur über den Brief des Ministeriums oder die Anhörung. Sie musste ehrlich mit ihr sein und ihr alles sagen. Vor allem aber die Tatsache, dass ihre Beziehung vielleicht noch länger verborgen bleiben musste, als sie beide gehofft hatten. Allein der Gedanke daran ließ ihr Herz schwer werden. Sie nahm die Notiz aus der Schublade und steckte sie ein. Dann verließ sie ihr Büro. Als sie schließlich die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, fand sie Hermine mit einem Buch auf dem Sofa vor. Schon an ihrem Gesichtsausdruck erkannte Minerva, dass sie seit mehreren Minuten dieselbe Seite anstarrte. Hermine blickte sofort auf und lächelte. Dieses Lächeln traf Minerva jedes Mal.
„Da bist du ja endlich.“
Doch noch bevor Hermine weitersprechen konnte, bemerkte sie etwas. Das Lächeln verschwand langsam.
„Minerva?“
Minerva schloss die Tür hinter sich.
„Wir müssen reden.“
Sofort legte Hermine das Buch weg.
„Was ist passiert?“
Minerva setzte sich neben sie. Für einen Moment nahm sie einfach nur Hermines Hand. Dann holte sie langsam das zusammengefaltete Pergament hervor.
„Featherstone hat das in meinem Büro verloren.“
Hermine runzelte die Stirn.
„Verloren?“
„Oder vergessen.“
Minerva reichte ihr die Notiz. Während Hermine las, wurde ihr Gesicht zunehmend ernster. Die letzten Zeilen las sie zweimal. Dann sah sie auf.
„Dieser Mistkerl.“
Minerva nickte nur. Hermine legte das Pergament auf den Tisch.
„Er beobachtet dich und versucht aktiv, dich loszuwerden.“
„Ja.“
Für einen Moment herrschte Stille. Dann fragte Hermine leise:
„Und wie viel davon hat mit dem Ministerium zu tun?“
Minerva zögerte. Genau davor hatte sie Angst gehabt, doch jetzt gab es kein Zurück mehr.
„Mehr, als mir lieb ist. Es… es wird weitere Anhörungen geben…“
Hermine drückte sofort ihre Hand fester und obwohl die Nachrichten alles andere als gut waren, spürte Minerva plötzlich etwas, das sie den ganzen Tag vermisst hatte. Sie war nicht allein damit.
Hermine ließ Minervas Hand nicht los. Im Gegenteil. Ihre Finger verschränkten sich noch fester mit den ihren, als könnte sie allein dadurch einen Teil dieser Last von ihr nehmen.
„Warum hast du mir das nicht sofort erzählt?“
Die Frage war nicht vorwurfsvoll, doch Minerva senkte kurz den Blick.
„Weil ich wusste, wie sehr du die Ferien genossen hast.“
Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Und weil ich dir diese letzten Tage nicht verderben wollte.“
Hermine schüttelte sofort den Kopf.
„Minerva. Du musst mich nicht beschützen.“
Minerva lachte leise.
„Das sagt die Frau, die gestern Abend durch halb Schottland gereist ist, weil sie mich vermisst hat.“
„Das hat nichts damit zu tun.“
„Natürlich hat es das.“
Für einen Moment schwiegen beide. Dann hob Hermine vorsichtig Minervas Hand an ihre Lippen und küsste ihre Fingerknöchel. Eine kleine Geste, aber eine, die Minerva mitten ins Herz traf.
„Ich möchte das mit dir tragen.“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Ich weiß.“
Hermine rückte näher.
„Ich glaube nicht, dass du das wirklich weißt.“
Minerva sah sie an.
„Ich meine es ernst.“
Hermine sprach jetzt mit einer Entschlossenheit, die Minerva nur zu gut kannte.
„Das Ministerium. Featherstone. Die Anhörung. All diese Dinge.“
Sie deutete auf das Pergament.
„Das betrifft nicht nur dich.“
Minerva wollte widersprechen, doch Hermine kam ihr zuvor.
„Und bevor du etwas sagst: Ja, ich weiß, dass du mich da raushalten willst.“
„Hermine…“
„Nein.“
Zum ersten Mal an diesem Tag unterbrach sie Minerva.
„Ich bin nicht irgendein Problem, das du beschützen musst.“
Ihre Augen wurden feucht.
„Ich liebe dich.“
Minerva spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog.
„Und wenn jemand versucht, dir weh zu tun oder dein Leben zu zerstören, dann betrifft mich das ebenfalls.“
Für einen Moment herrschte Stille. Dann hob Minerva langsam die Hand und strich Hermine über die Wange.
„Du bist außergewöhnlich.“
Hermine schnaubte leise.
„Das hat man mir schon gesagt.“
Ein kleines Lächeln huschte über Minervas Gesicht, doch es verschwand schnell wieder, denn da war noch etwas. Etwas, das sie bisher nicht ausgesprochen hatte. Hermine bemerkte es sofort.
„Was?“
Minerva schwieg zu lange. Hermine wurde augenblicklich ernst.
„Minerva.“
Langsam senkte Minerva den Blick auf ihre verschränkten Hände.
„Es gibt noch etwas.“
Hermine wartete und plötzlich fühlte sich genau dieser Satz schwerer an als alles andere, was sie ihr bisher erzählt hatte, denn jetzt ging es nicht mehr nur um Featherstone oder das Ministerium, sondern um sie beide.
„Ich glaube“, begann Minerva schließlich leise, „dass wir unsere Beziehung noch länger geheim halten müssen, als wir gehofft hatten.“
Kaum ausgesprochen, tat es ihr bereits weh und sie konnte nur hoffen, dass Hermine die Enttäuschung besser verkraftete, als sie selbst.
Die Worte trafen Hermine wie ein Schlag. Für einen Moment sagte sie gar nichts. Sie starrte Minerva einfach nur an, als hätte sie sich verhört.
„Was?“
Minerva spürte sofort, wie sich etwas zwischen ihnen veränderte.
„Hermine, hör mir bitte zu…“
„Wie lange?“
Ihre Stimme war viel zu ruhig. Minerva kannte diesen Ton nicht und genau deshalb machte er ihr Angst.
„Ich weiß es nicht genau.“
„Wochen?“
Minerva schwieg.
„Monate?“
Wieder keine Antwort. Hermine lachte auf. Ein bitteres, völlig humorloses Lachen.
„Oder vielleicht Jahre?“
„Hermine…“
„Nein!“
Sie stand abrupt auf. Minerva zuckte beinahe zusammen. So hatte sie Hermine noch nie erlebt. Nicht ihr gegenüber. Hermine lief ein paar Schritte durch den Raum, fuhr sich durch die Haare und versuchte sichtbar, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Vergeblich.
„Ich verstehe das nicht!“
Minerva stand ebenfalls auf.
„Ich versuche doch nur…“
„Mich zu schützen?“
Hermine drehte sich zu ihr um. Ihre Augen glänzten gefährlich.
„Das ist kein Schutz, Minerva. Das ist eine Qual.“
Minerva spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog, doch Hermine sprach weiter. Alles, was sich offenbar seit Tagen in ihr angestaut hatte.
„Weißt du eigentlich, wie es sich anfühlt?“
Sie lachte wieder kurz auf. Verzweifelt diesmal.
„Jedes Mal, wenn wir uns ansehen, muss ich überlegen, ob der Blick zu lange dauert.“
Minerva wollte etwas sagen. Hermine ließ es nicht zu.
„Jedes Mal, wenn wir aneinander vorbeigehen, jedes Mal, wenn ich neben dir sitze, jedes Mal, wenn ich mit dir sprechen möchte.“
Ihre Stimme wurde lauter.
„Immer muss ich darüber nachdenken, ob irgendjemand etwas bemerkt!“
Minerva stand reglos da. Weil sie wusste, dass Hermine recht hatte.
„Und jetzt sagst du mir, dass das noch länger so weitergehen soll?“
Inzwischen liefen Hermine Tränen über die Wangen, doch diesmal machte sie keine Anstalten, sie wegzuwischen.
„Ich habe auf das Ende meines Referendariats gewartet.“
Ihre Stimme wurde leiser. Schmerzhafter.
„Das war der Lichtblick.“
Minerva schloss kurz die Augen. Genau davor hatte sie Angst gehabt.
„Hermine…“
„Nein. Ich bin noch nicht fertig.“
Diesmal klang ihre Stimme erschöpft und verletzt.
„Ich verstehe es nicht mehr.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich verstehe einfach nicht, warum wir immer noch dafür bestraft werden.“
Minerva wollte auf sie zugehen, doch Hermine wich einen Schritt zurück und dieser kleine Schritt tat mehr weh als alles andere.
„Bitte.“ Hermine schluckte schwer. „Erklär es mir.“
„Weil gerade jetzt jemand aktiv versucht, mich loszuwerden und weil auf diesem Pergament steht, dass er nach persönlichen Bindungen sucht.“
Hermine antwortete nicht.
„Wenn Featherstone auch nur den geringsten Verdacht hat…“
„Dann hat er ihn eben!“
Der Satz kam sofort. Hermine selbst erschrak beinahe darüber, doch sie nahm ihn nicht zurück.
„Ich habe es satt, Angst vor diesem Mann zu haben.“
Stille. Dann sah sie Minerva an und in diesem Blick lag so viel Schmerz, dass Minerva kaum hinschauen konnte.
„Ich will dich einfach lieben dürfen.“
Mehr sagte Hermine nicht, aber dieser eine Satz genügte, um Minerva das Herz zu brechen.
Der Raum wurde still. So still, dass man das Ticken der kleinen Uhr auf Minervas Kaminsims hören konnte. Hermine stand einige Schritte entfernt. Die Tränen liefen ihr inzwischen offen über die Wangen und Minerva wusste nicht, was mehr wehtat. Die Tränen oder die Tatsache, dass Hermine ihr ausgewichen war.
„Ich weiß.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Hermine lachte bitter auf.
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, dass du es weißt.“
Minerva sah sie an.
„Hermine…“
„Du hast Hogwarts.“
Der Satz kam plötzlich.
„Du hast deine Arbeit. Du hast hier deine Freunde. Du hast jeden Tag etwas, woran du dich festhalten kannst.“
Minerva wollte widersprechen, doch Hermine war noch nicht fertig.
„Ich habe dich.“
Die Worte trafen Minerva mitten ins Herz.
„Du bist mein Zuhause geworden.“
Hermine wischte sich fahrig über die Augen.
„Und jetzt sagst du mir, dass ich noch länger warten soll.“
Minerva machte einen Schritt auf sie zu. Diesmal wich Hermine nicht zurück, aber sie kam auch nicht näher.
„Glaubst du, mir fällt das leicht?“
Zum ersten Mal brach etwas in Minervas Stimme. Hermine verstummte.
„Glaubst du wirklich, ich will das?“
Minervas Augen glänzten ebenfalls.
„Jeden Morgen, wenn ich aufwache, wünsche ich mir, dass du einfach neben mir bleiben kannst.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Jeden Tag möchte ich deine Hand nehmen können, möchte neben dir sitzen, ohne darüber nachzudenken, wer uns beobachtet.“
Hermine schluckte. Minerva hatte selten so offen gesprochen.
„Ich hasse das genauso wie du.“
Nun liefen auch ihr Tränen über die Wangen.
„Aber ich habe Angst.“
Das Geständnis hing schwer zwischen ihnen, denn Minerva McGonagall sprach nur selten über Angst.
„Nicht um mich, sondern um dich.“
Hermine schloss kurz die Augen.
„Immer geht es darum.“
„Weil ich dich liebe!“
Der Satz kam heftiger heraus, als Minerva beabsichtigt hatte. Sofort herrschte wieder Stille. Beide atmeten schwer. Beide standen mit Tränen in den Augen da und plötzlich wirkte keine von ihnen mehr wie Schulleiterin oder Referendarin. Nur noch wie zwei Frauen, die einander verzweifelt liebten und nicht wussten, wie sie gegen all die Hindernisse ankommen sollten. Minerva senkte den Blick.
„Als ich diese Notiz gelesen habe… Da steht nicht nur etwas über mich.“
Hermine hörte aufmerksam zu.
„Da steht etwas über persönliche Bindungen., vertraute Kontakte und Menschen in meinem Umfeld.“
Sie hob den Kopf.
„Und in diesem Moment habe ich nur an dich gedacht.“
Hermine spürte, wie ihre Wut langsam mit etwas anderem vermischt wurde. Mit Schmerz, Verständnis und auch Frust, denn das machte die Situation nicht besser. Es machte sie nur trauriger.
„Ich will nicht versteckt werden.“
Der Satz war diesmal leise. Minerva schloss kurz die Augen.
„Ich weiß.“
„Und ich will nicht ewig dein Geheimnis sein.“
Minerva nickte langsam. Jedes Wort traf sie, weil sie wusste, dass Hermine recht hatte und weil sie selbst genau dasselbe fühlte, doch im Moment hatten sie keine Lösung. Nur die Liebe zueinander und die war gerade gleichzeitig ihr größter Trost und ihr größter Schmerz.
Hermine wandte sich zur Tür. Nicht weil sie Minerva nicht liebte, sondern weil sie gerade nicht wusste, wohin mit all den Gefühlen.
„Hermine.“
Minerva griff nach ihrem Handgelenk. Nicht fest. Nur genug, um sie aufzuhalten.
„Lauf nicht weg.“
Hermine schloss kurz die Augen.
„Ich laufe nicht weg. Ich will nur nachdenken.“
„Nicht allein“, sagte Minerva und trat einen Schritt näher.
„Jetzt gerade solltest du nicht allein sein.“
Hermine schüttelte den Kopf.
„Genau das möchte ich aber.“
„Das ist keine Lösung.“
„Vielleicht nicht.“
Minerva hielt ihren Blick fest.
„Wenn du allein sein wolltest, hättest du im Fuchsbau bleiben können.“
Der Satz war kaum ausgesprochen, da bereute Minerva ihn bereits. Sie sah sofort, wie sich etwas in Hermines Gesicht veränderte. Langsam senkte Hermine den Blick auf Minervas Hand, die noch immer ihr Handgelenk umfasste. Dann sah sie wieder auf. Direkt in Minervas Augen und sagte leise:
„Ja.“
Minerva erstarrte.
„Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich dortgeblieben wäre.“
Die Worte waren nicht laut, nicht böse und genau deshalb trafen sie so tief. Für einen Moment hatte Minerva das Gefühl, als würde ihr Herz tatsächlich aussetzen. Hermine sah sofort, was dieser Satz anrichtete, doch sie konnte ihn nicht zurücknehmen. Langsam ließ Minerva ihr Handgelenk los. Ganz langsam. Als hätte sie plötzlich Angst, sie überhaupt noch zu berühren. Dann machte sie einen Schritt zurück. Ein einziger Schritt, aber Hermine spürte ihn wie eine ganze Mauer zwischen ihnen. Minervas Gesicht war vollkommen still geworden.
„Verstehe.“
Nur dieses eine Wort kam über Minervas Lippen. Hermine schluckte. Plötzlich fühlte sich ihre Wut nicht mehr so eindeutig an. Sie hatte Minerva nicht verletzen wollen, aber genau das war gerade passiert und sie konnte es in ihren Augen sehen. Diese kurze, kaum sichtbare Erschütterung. Diesen Schmerz. Minerva wandte den Blick ab. Zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs.
„Dann solltest du vielleicht gehen und nachdenken.“
Ihre Stimme war wieder ruhig. Fast zu ruhig und Hermine merkte augenblicklich, dass sie gerade etwas gesagt hatte, das sie beide nicht so schnell vergessen würden.
Die Stille danach war beinahe unerträglich. Hermine stand noch immer an derselben Stelle. Die Hand halb erhoben, als hätte sie etwas sagen wollen, doch die Worte kamen nicht. Plötzlich plötzlich hörte sie ihren eigenen Satz noch einmal.
'Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich dortgeblieben wäre.'
Sie hatte ihn aus Wut gesagt, doch jetzt klang er ganz anders und sie sah den Schaden, den er angerichtet hatte. Minerva stand am Fenster. Den Rücken leicht zu ihr gedreht.
„Minerva…“
Keine Reaktion. Nur ein langsamer Atemzug. Hermine spürte, wie ihr die Tränen erneut in die Augen stiegen.
„Das habe ich nicht so gemeint.“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Doch“, sagte sie leise. „In diesem Moment hast du es genau so gemeint.“
Hermine schluckte. Minerva hatte recht. Für diesen einen schmerzhaften Augenblick hatte sie es tatsächlich gemeint. Nicht weil sie zurück zu den Weasleys wollte, sondern weil sie gerade so verzweifelt gewesen war.
„Es tut mir leid.“
Minerva drehte sich langsam wieder zu ihr um. Ihre Augen waren ebenfalls feucht.
„Mir auch.“
Das traf Hermine fast noch härter, denn Minerva klang nicht wütend. Nur traurig. So unendlich traurig.
„Ich wollte dich nicht verletzen.“
„Ich weiß.“
Und sie wusste es wirklich. Das machte es nur nicht weniger schmerzhaft.
„Ich bin einfach so müde davon.“ Ihre Stimme zitterte. „Von all dem.“
Minerva nickte langsam.
„Ich auch.“
Wieder Stille. Dann begann Hermine erneut zu weinen. Nicht mehr aus Wut, sondern weil sie plötzlich nichts anderes mehr fühlte als Erschöpfung.
„Ich liebe dich und ich habe solche Angst, dass immer irgendetwas zwischen uns steht.“
Minerva schloss kurz die Augen. So vieles stand im Moment zwischen ihnen. Das Ministerium, Featherstone, Geheimnisse und Pflichten. Immer etwas. Als sie die Augen wieder öffnete, standen auch ihr Tränen darin.
„Das habe ich auch.“
Hermine sah sie an. Sie standen sich nicht als Gegner gegenüber. Nicht einmal mehr als zwei Menschen mit unterschiedlichen Ansichten, sondern einfach als zwei Frauen, die beide an derselben Situation litten und plötzlich wirkte keine von ihnen mehr stark. Nur müde, verletzt und doch voller Liebe füreinander.
Hermine wischte sich über die Augen und atmete mehrmals tief durch. Langsam gelang es ihr, ihre Stimme wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bringen.
„Ich muss trotzdem nachdenken.“
Minerva nickte. Es überraschte sie nicht.
„Ich weiß.“
Hermine sah sie lange an.
„Ich will nicht im Streit mit dir auseinandergehen.“
Dieser Satz ließ Minervas Gesicht etwas weicher werden.
„Das tun wir nicht.“
Hermine nickte langsam. Sie wusste, dass Minerva die Wahrheit sagte. Sie waren nicht im Streit. Nicht wirklich, aber es tat genau so weh. Auf beiden Seiten und dieses Gefühl hing nun schwer zwischen ihnen.
„Ich liebe dich.“
Die Worte kamen diesmal leiser. Minerva schluckte.
„Ich liebe dich auch.“
Mehr sagte keine von beiden. Normalerweise wäre Hermine jetzt zu ihr gegangen, hätte ihre Hand genommen, hätte sie geküsst und Minerva hätte sie festgehalten. Jetzt geschah nichts davon. Nicht aus Mangel an Liebe. Beide wussten gerade nicht, wie sie die Distanz überbrücken sollten, die das Gespräch zwischen ihnen geschaffen hatte. Hermine trat schließlich zum Kamin. Dort blieb sie noch einmal stehen. Sie sah Minerva an, Minerva sah zurück und für einen Moment schien es, als würde eine von beiden doch noch die letzten Schritte machen, doch niemand tat es. Dann nahm Hermine Flohpulver.
„Bis… später.“
Minerva nickte.
„Bis später.“
Mit einem grünen Aufflammen verschwand Hermine und plötzlich war die Wohnung still. Viel zu still. Minerva blieb noch einige Sekunden reglos stehen. Dann setzte sie sich langsam auf das Sofa. Die Hände ineinander verschränkt. Den Blick auf die erloschene Feuerstelle gerichtet. Sie hatte mit Wut gerechnet. Natürlich hatte sie das. Hermine war leidenschaftlich. Sie wusste, dass diese Nachricht sie treffen würde, aber nicht so. Nicht in diesem Ausmaß. Minerva lehnte den Kopf gegen die Sofalehne und schloss die Augen. In ihrem Kopf hörte sie wieder Hermines Stimme.
'Ich will dich einfach lieben dürfen.'
Und vielleicht war genau das das Schlimmste. Minerva konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. Nicht jetzt. Nicht so lange Featherstone wie ein Raubvogel über allem kreiste. Nicht solange das Ministerium weiter nach Gründen suchte. Nicht so lange jede falsche Bewegung Hermine ebenfalls gefährden konnte. All diese vernünftigen Gedanken machten den Schmerz aber nicht kleiner. Sie machten ihn nur einsamer und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Minerva sich in ihrer eigenen Wohnung wieder vollkommen allein.