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Die Entscheidung

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Die Entscheidung

Der Rest des Tages zog sich endlos dahin. Minerva versuchte zu arbeiten. Sie saß an ihrem Schreibtisch, beantwortete Briefe, las Berichte und unterschrieb Dokumente, doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zum selben Punkt zurück. Zu Hermine, ihrem Gesicht, ihren Tränen und zu diesem einen Satz.

'Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich dort geblieben wäre.'

Minerva wusste, dass Hermine ihn nicht so gemeint hatte. Zumindest nicht wirklich. Sie wusste, dass er aus Schmerz entstanden war und trotzdem hatte er getroffen. Tiefer, als Minerva erwartet hätte. Mehr als einmal im Laufe des Tages stand sie von ihrem Schreibtisch auf. Mehr als einmal ging sie bis zur Tür und jedes Mal dachte sie daran, einfach zu Hermines Wohnung zu gehen, anzuklopfen, mit ihr zu reden, sie in die Arme zu nehmen, doch jedes Mal hielt sie sich zurück. Einerseits, weil Hermine ausdrücklich gesagt hatte, dass sie nachdenken müsse und Minerva respektierte das. Sie hatte immer versucht, Hermine ihren Freiraum zu lassen. Auch wenn es ihr gerade schwerfiel. Andererseits war da etwas, das sie sich nur ungern eingestand. Sie war selbst verletzt. Der Gedanke, dass Hermine ihre gemeinsame Zeit in Hogwarts inzwischen so sehr mit Schmerz verband, dass sie für einen Moment sogar bereut hatte zurückgekommen zu sein… Das tat weh.

Am späten Nachmittag stand Minerva schließlich wieder am Fenster ihres Büros. Draußen färbte die untergehende Sonne den Schnee auf den Ländereien golden. Normalerweise hätte sie diesen Anblick genossen. Heute nahm sie ihn kaum wahr. Sie schloss einen Moment die Augen.

„Du fehlst mir.“

Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Niemand hörte sie. Niemand außer ihr selbst und ein kleiner Teil von ihr hoffte, dass Hermine ihn trotzdem irgendwo auf der anderen Seite des Schlosses spüren würde.

Als der Abend hereinbrach, hatte Minerva noch immer nichts von Hermine gehört. Keine Nachricht, kein Klopfen an der Tür. Nichts. Schließlich beschloss sie zumindest dafür zu sorgen, dass Hermine etwas aß. Sie rief eine Hauselfe zu sich, gab ihr ein Tablett mit Abendessen und bat sie, es zu Hermines Wohnung zu bringen. Es war eine kleine Geste, aber sie beruhigte Minerva zumindest ein wenig. Für ungefähr zehn Minuten. Dann erschien die Hauselfe erneut und hatte das unberührte Tablett bei sich.

„Professor McGonagall?“

Sofort sah Minerva auf.

„Ja?“

Die Hauselfe knetete nervös ihre Finger.

„Professor Granger ist nicht da.“

Minerva erstarrte.

„Nicht da?“

„Nein, Professor.“

Plötzlich wurde ihr eiskalt.

„Bist du dir ganz sicher?“

„Ja.“

Die Elfe nickte eifrig.

„Die Wohnung war leer.“

Minerva bedankte sich mechanisch. Kaum war die Hauselfe verschwunden, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Wo war sie dann? Niemand wusste, dass Hermine bereits zurück war. Alle rechneten erst morgen mit ihrer Ankunft. Sie konnte also nicht einfach herumfragen. Nicht ohne sofort Aufmerksamkeit zu erzeugen. Minerva begann in ihrer Wohnung auf und abzugehen. Immer schneller. Immer unruhiger. Sie versuchte logisch nachzudenken. Hermine war intelligent und vernünftig. Sie würde nichts Unüberlegtes tun. Natürlich nicht und doch… Heute war kein normaler Tag gewesen. Heute hatte sie Hermine weinen sehen, wie noch nie zuvor. So wütend und verzweifelt kannte sie die junge Frau nicht. Minerva blieb kurz stehen, ging dann aber doch weiter und überlegte.

Wo konnte sie sein? Die Bibliothek? Zu offensichtlich. Die Große Halle? Unwahrscheinlich. Der See? Die Gewächshäuser? Nichts ergab wirklich Sinn und genau das machte alles schlimmer, denn mit jeder Minute, die verstrich, wurden ihre Gedanken dunkler. Sie dachte an Hermine, wie sie durch die Korridore lief. Allein. Mitten in diesem Gefühlschaos und plötzlich begann Minerva sich die schlimmsten Möglichkeiten auszumalen.

Was, wenn Hermine irgendwo völlig aufgelöst saß? Was, wenn ihr etwas passiert war? Was, wenn…

„Hör auf.“

Minerva sagte es laut zu sich selbst. Sie zwang sich stehen zu bleiben und tief durchzuatmen. Sie versuchte logisch zu denken, doch es gelang ihr kaum. Schließlich sank sie auf ihr Sofa. Die Hände fest ineinander verschränkt. Den Blick auf das Feuer gerichtet und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sie echte Angst. Nicht wegen Featherstone oder des Ministeriums. Auch nicht wegen ihrer Zukunft, sondern wegen Hermine. Weil sie nicht wusste, wo sie war und weil sie plötzlich alles dafür gegeben hätte, die junge Frau einfach nur in die Arme nehmen zu können.

Eine Idee traf Minerva plötzlich wie ein Blitz.

Der Astronomieturm.

Natürlich. Wenn Hermine allein sein wollte, wenn sie nachdenken wollte, wenn sie Abstand brauchte… Dann war das genau der Ort, den sie wählen würde. Minerva verlor keine Zeit. Wenige Augenblicke später huschte eine getigerte Katze lautlos durch die Gänge von Hogwarts, verschwand ungesehen in einem Treppenhaus und begann den langen Aufstieg. Stufe für Stufe. Immer schneller. Bis sie schließlich den Turm erreichte. Dann verwandelte sie sich wieder zurück und sah nach vorne. Oben stand eine einzelne Gestalt am Geländer, die Hände fest darum geschlossen und den Blick in die Dunkelheit gerichtet. Hermine.

Minerva schloss für einen Moment die Augen. Eine Welle der Erleichterung durchströmte sie. Da war sie. Äußerlich unverletzt. Hermine hatte das Geräusch gehört. Langsam drehte sie den Kopf.

„Hermine.“

Ihre Stimme war leise und ehrlich erleichtert.

„Da bist du ja.“

Hermine sah sie an. Ihr Gesicht war erschöpft, die Augen gerötet.

„Ja. Glückwunsch, du hast mich gefunden.“

Die Distanz zwischen ihnen war sofort spürbar. Minerva trat näher.

„Ich habe mir Sorgen gemacht.“

„Das habe ich bemerkt.“

Der Ton traf Minerva sofort.

„Hermine…“

„Was denn?“

Minerva hielt kurz inne.

„Ich habe schon gedacht, dass…“

„Dass was?“

Hermine drehte sich vollständig zu ihr um. Ihr Blick wurde scharf.

„Dass ich mir etwas antue?“

Minerva antwortete nicht sofort und genau das genügte. Hermine lachte bitter auf.

„Da kann ich dich beruhigen. So weit bin ich noch nicht.“

Minerva zuckte sichtbar zusammen.

„Das habe ich nicht…“

„Doch.“

Hermine schüttelte den Kopf.

„Genau das hast du gedacht.“

Minerva hob vorsichtig die Hand, wollte ihren Arm berühren, doch Hermine wich sofort aus. Die Bewegung war klein, aber sie traf Minerva wie ein Schlag.

„Was soll das?“

Zum ersten Mal klang ihre Stimme härter.

„Ich habe mir große Sorgen gemacht.“

„Hoffentlich ist das niemandem aufgefallen.“

Minerva starrte sie an.

„Was?“

„Dass die Schulleiterin plötzlich durch das Schloss läuft und nach ihrer Referendarin sucht.“

Da war sie wieder. Diese Bitterkeit und langsam begann auch Minervas Geduld zu reißen.

„Das ist unfair.“

„Ist es?“

„Ja.“

Ihre Stimme wurde schärfer.

„Denn du hast überhaupt keinen Grund, jetzt so kindisch und trotzig zu reagieren.“

Kaum ausgesprochen, bereute Minerva die Worte, doch sie konnte sie nicht mehr zurückholen. Hermine erstarrte.

„Kindisch.“

„Hermine…“

„Nein.“

Diesmal war ihre Stimme gefährlich ruhig.

„Das hast du gerade tatsächlich gesagt.“

Minerva fuhr sich erschöpft durchs Gesicht.

„Nichts von allem hier ist leicht für mich.“

„Das habe ich nie behauptet.“

„Wirklich nicht?“

Jetzt war auch Minerva verletzt.

„Seit Stunden behandelst du mich, als wäre ich deine Gegnerin.“

Hermine schwieg.

„Als würde ich das alles tun, um dich zu verletzen.“

Der Wind zog über den Turm. Für einen Moment sprach keine. Dann sagte Hermine leise:

„Weißt du, was das Schlimmste ist?“

Minerva antwortete nicht.

„Ich verstehe, warum du Angst hast.“

Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.

„Und genau deshalb kann ich nicht einmal richtig wütend auf dich sein.“

Das war schlimmer als jede Anschuldigung, denn plötzlich standen sie beide wieder da. Verletzt. Erschöpft. Und vollkommen unfähig, einen Weg aus diesem Schmerz herauszufinden.

Hermine lachte bitter auf.

„Weißt du was? Ich habe wirklich geglaubt, dass es eine gute Idee war, früher zurückzukommen.“

Der Wind zerrte an ihren Haaren.

„Ich dachte, wir hätten noch ein paar schöne Stunden zusammen.“

Ihre Stimme wurde brüchig.

„Einfach wir beide. Glücklich, so wie in den letzten Tagen.“

Minerva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Hermine…“

„Aber stattdessen streiten wir.“

Sie sah Minerva direkt an.

„Und ehrlich? Dafür hätte ich nicht zurückkommen müssen.“

Der Satz traf erneut wie die Klinge eines Messers. Minerva schloss kurz die Augen.

„Das ist nicht fair.“

„Ist es das nicht?“

„Nein. Du tust gerade so, als hätte ich mich gegen dich entschieden.“

Hermine schwieg.

„Dabei habe ich mich jeden einzelnen Tag für dich entschieden.“

Zum ersten Mal klang Minerva wirklich wütend. Nicht laut.

„Du wusstest von Anfang an, worauf du dich einlässt.“

Hermine zuckte zusammen.

„Minerva…“

„Nein, jetzt hörst du mir zu.“

Die Schulleiterin trat einen Schritt näher.

„Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen, nur weil du plötzlich in meinem Büro auftauchst.“

Der Satz kam schärfer heraus, als sie wollte.

„Ich habe Verpflichtungen.“

„Ja.“ Hermine nickte bitter. „Die Verpflichtungen.“

„Ja, Hermine. Verpflichtungen.“

Minervas Stimme zitterte jetzt ebenfalls.

„Die Verantwortung für hunderte Schüler, für Lehrer, für dieses ganze Schloss und glaub mir, manchmal würde ich alles dafür geben, sie für einen Tag vergessen zu können, aber ich kann es nicht. Ich kann nicht einfach wieder zurück ins Bett kriechen und mit dir…“

Minerva sprach nicht weiter. Hermine senkte kurz den Blick.

„Diese Verpflichtung und Verantwortung kenne ich inzwischen auswendig.“

Der Schmerz in ihrer Stimme war kaum zu überhören.

„Darum geht es doch gar nicht.“

Minerva runzelte die Stirn.

„Dann erklär es mir“, sagte Minerva scharf.

Hermine lachte müde auf.

„Du glaubst wirklich, es geht mir darum, dass wir heute keinen Sex hatten?“

Minerva antwortete nicht.

„Darum geht es überhaupt nicht.“

Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.

„Ich will bei dir sein.“

Die Worte kamen leise, waren aber ehrlich.

„Einfach bei dir.“

Minervas Wut begann sofort zu bröckeln.

„Ich will deine Nähe, deine Liebe. Ich möchte deine Hand halten können. Einfach so, ohne nachzudenken oder vorsichtig sein zu müssen.“

Hermine schluckte schwer.

„Ich will nicht ständig so tun müssen, als wären wir nur Kolleginnen oder vielleicht Freundinnen.“

Der Satz hing lange zwischen ihnen.

„Ich halte das schon so lange aus. Ich habe geschwiegen. Immer, weil ich wusste, dass wir warten müssen.“

Tränen liefen über ihre Wangen.

„Aber nach dieser Zeit im Fuchsbau… Jetzt weiß ich, wie es sein könnte.“

Minerva schloss die Augen, denn genau das war das Problem. Sie wusste es ebenfalls.

„Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, morgens ohne Stress neben dir aufzuwachen.“

Hermine lächelte traurig.

„Mit dir zu frühstücken, ohne diese prüfenden Blicke. Mit dir zu lachen. Einfach Zeit mit dir zu verbringen und jetzt soll ich wieder so tun, als würde mir das alles nicht fehlen.“

Minerva stand reglos da. Sie hatte auf nichts davon eine Antwort, denn die Wahrheit war:

Es fehlte ihr genauso sehr.

Hermine sagte nichts, doch Minerva kannte sie inzwischen gut genug. Zu gut. Sie sah es in ihrem Blick. In der Art, wie sie dastand. In der Erschöpfung, die hinter all der Wut lag. Und plötzlich verstand Minerva, an welchem Punkt sie angekommen waren. Hermine sprach es nicht aus. Sie musste es nicht, denn Minerva hörte es trotzdem.

Wie lange noch? Wie lange soll ich noch warten? Wie lange soll ich noch die Frau lieben, die mich liebt, aber sich nicht zu mir bekennen kann? Und dann kam das Schlimmste. In Hermines Blick sah sie genau dieses harte Entweder Oder.

Der Gedanke traf sie wie ein Messer. Nicht weil Hermine grausam war, sondern weil ihre Fragen berechtigt waren. Minerva spürte einen Kloß in ihrem Hals. Langsam machte sie einen weiteren Schritt auf Hermine zu. Diesmal wich Hermine nicht zurück. Sie blieb stehen. Zwischen ihnen lagen nur noch wenige Zentimeter. Minerva hob langsam die Hand. Sie zitterte leicht.

„Ich möchte nicht mehr streiten.“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Hermine schloss kurz die Augen. Minerva schluckte schwer.

„Ich will dich.“

Der Satz kam ohne Zögern. Ohne jede Unsicherheit.

„Ich habe immer nur dich gewollt.“

Tränen standen wieder in ihren Augen.

„Und glaub mir… Wenn es nur um mich gehen würde, hätte ich meinen Rücktritt vermutlich schon längst eingereicht.“

Hermine sah sie überrascht an. Minerva nickte langsam.

„Ich meine das ernst.“

Ihre Stimme war vollkommen ehrlich.

„Ich würde mein Amt niederlegen. Heute. Sofort. Wenn ich dadurch einfach mit dir zusammen sein könnte.“

Hermine erstarrte, denn das war kein Satz, den Minerva leichtfertig sagte. Nicht über Hogwarts. Nicht über ihr Lebenswerk.

„Aber ich kann es nicht.“

Minerva senkte kurz den Blick.

„Nicht jetzt. Nicht so lange Featherstone darauf wartet.“

Der Name allein genügte.

„Dieser Mann wartet nur darauf, dass ich einen Fehler mache.“

Minerva schüttelte den Kopf.

„Und wenn ich gehe, bekommt er genau das, was er will. Dann sitzt er irgendwann in meinem Büro und entscheidet über diese Schule, die Schüler, die Lehrer und über alles, was wir aufgebaut haben.“

Hermine hörte schweigend zu.

„Das kann ich nicht zulassen.“

Der Wind strich über den Turm. Minerva trat noch einen halben Schritt näher. Jetzt standen sie beinahe Stirn an Stirn.

„Es geht nicht darum, dass Hogwarts wichtiger ist als du, denn das ist es nicht.“

Hermine sah sie an und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte ihre Wut nicht mehr ganz so scharf. Nur noch traurig. Minerva hob vorsichtig ihre Hand. Diesmal ließ Hermine die Berührung zu. Nur ganz leicht berührten Minervas Fingerspitzen ihre Wange.

„Du bist das Wichtigste in meinem Leben.“

Die Worte kamen leise, aber ohne jeden Zweifel.

„Genau deshalb habe ich Angst.“

Und darin lag die ganze Tragik ihrer Situation. Nicht weil Minerva sich zwischen Hogwarts und Hermine nicht entscheiden wollte, sondern weil sie verzweifelt versuchte, beides nicht zu verlieren.

Hermine legte langsam ihre Hand auf die von Minerva. Die Finger der älteren Frau zitterten noch immer leicht. Einen langen Moment sahen sie einander einfach nur an. Der Wind war inzwischen beinahe vergessen. Der Streit ebenfalls. Geblieben war nur der Schmerz und die Liebe. Vor allem die Liebe. Minerva schloss kurz die Augen.

„Ich weiß, wie sehr dich das verletzt.“

Ihre Stimme war leise geworden. Sie war müde und sie hatte das Gefühl, dass sie sich im Kreis drehten. Dann sagte sie etwas, das ihr unglaublich schwer fiel.

„Ich werde dich zu nichts drängen. Wenn du feststellst, dass du unter diesen Umständen nicht mit mir zusammen sein kannst…“

Minerva musste schlucken.

„Dann werde ich das akzeptieren.“

Hermine spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog.

„Akzeptieren?“, fragte sie erschrocken.

Ein bitteres Lächeln huschte über Minervas Gesicht.

„Akzeptieren müssen.“

In ihren Augen lag so viel Traurigkeit, dass Hermine kaum hinschauen konnte.

„Aber ich würde es sehr bedauern.“

„Bedauern?“

Hermine kannte sie zu gut. Das war nicht die Wahrheit. Nicht die ganze Wahrheit. Minerva senkte den Blick. Für einen Moment sagte sie nichts. Dann schloss sie erneut die Augen und als sie sprach, klang ihre Stimme ungewohnt verletzlich.

„Es würde mich zerreißen.“

Hermine stockte sofort der Atem. Plötzlich war alles verschwunden. Wut, Trotz, jeder noch so kleine Gedanke an eine Trennung oder ein Ultimatum. Alles verschwand, denn sie wusste, dass Minerva nicht übertrieb. Nicht bei so etwas. Nicht jetzt. Langsam hob Hermine die Hand und strich ihr durch das Haar. Eine vertraute, liebevolle Bewegung. Minerva lehnte sich beinahe unmerklich in die Berührung.

„Minerva…“

Hermine spürte plötzlich, wie lächerlich selbst der Gedanke an ein Ultimatum geworden war. Sie liebte diese Frau. Trotz allem. Vielleicht sogar wegen allem. Wegen ihrer Stärke. Wegen ihrer Verantwortung. Wegen ihrer Sturheit. Und weil sie wusste, dass Minerva gerade ebenso litt wie sie.

„Ich bin einverstanden.“

Minerva blinzelte.

„Was?“

„Ich kann dich nicht verlieren. Ich… Ich will dich nicht verlieren. Wenn ich so nur einen Teil von dir haben kann, halte ich es aus und wir… wir behalten es für uns. Auch nach dem Ende meines Referendariats.“

Minerva schüttelte sofort leicht den Kopf.

„Hermine, ich will nicht, dass du das sagst, nur weil…“

„Nein.“

Diesmal war Hermine diejenige, die sie sanft, aber bestimmt unterbrach.

„Hör mir zu.“

Minerva verstummte.

„Du drängst mich zu nichts.“

Hermine strich ihr erneut durch die Haare.

„Und du zwingst mich zu nichts.“

Ihre Augen wurden feucht.

„Ich habe eine Entscheidung getroffen.“

Minerva sah sie an. Ein kleines, trauriges, aber ehrliches Lächeln erschien auf Hermines Lippen. Minervas Atem stockte.

„Hermine…“

„Ich habe mich längst für dich… für uns entschieden.“

Nun liefen ihr wieder Tränen über die Wangen. Diesmal jedoch keine Tränen der Wut.

„Schon vor langer Zeit.“

Sie trat noch einen Schritt näher.

„Ich werde nicht wegen Featherstone gehen und nicht wegen des Ministeriums und auch nicht wegen dieser Situation.“

Minerva schloss für einen Moment die Augen, als müsste sie diese Worte erst begreifen.

„Ich liebe dich.“

Hermine lächelte schwach.

„Und ich liebe dich.“

Damit löste sich etwas zwischen ihnen. Nicht alle Sorgen und auch nicht die Probleme, aber die Angst, einander zu verlieren und das war mehr, als beide noch vor wenigen Minuten zu hoffen gewagt hatten.

Der Wind wurde inzwischen deutlich stärker. Feine Schneeflocken tanzten durch die Dunkelheit und verfingen sich in Hermines Haaren. Minerva bemerkte es sofort. Mit einer zärtlichen Bewegung strich sie einige der Flocken aus den Locken der jungen Frau.

„Wir sollten ins Warme gehen.“

Hermine lächelte schwach. Nach allem, was zwischen ihnen gelegen hatte, klang dieser einfache Satz beinahe tröstlich.

„Das ist vermutlich eine gute Idee.“

Minerva nickte. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg die lange Wendeltreppe des Astronomieturms hinunter. Keine sprach viel. Es gab nichts mehr zu diskutieren. Zumindest nicht heute Abend. Sie waren beide erschöpft. Emotional ausgelaugt und dennoch fühlte sich die Stille jetzt anders an. Während sie nebeneinander die Stufen hinuntergingen, streiften ihre Hände immer wieder aneinander vorbei, bis Hermine schließlich wortlos nach Minervas Hand griff. Ganz selbstverständlich. Ganz natürlich. Minerva sah kurz zu ihr hinüber. Dann verschränkten sich ihre Finger und plötzlich fühlte sich alles wieder ein wenig leichter an. So gingen sie weiter. Hand in Hand. Allein in einem dunklen Treppenhaus, wo niemand sie sehen konnte. Wo sie für einen kurzen Moment einfach sie selbst sein durften.

Unten angekommen erreichten sie schließlich einen der verlassenen Korridore. Sofort ließen sie einander wieder los. Die alte Gewohnheit. Die alte Vorsicht. Sie blieb bestehen. Niemand sagte etwas. Minerva wusste nicht recht, ob sie Hermine jetzt in Ruhe lassen sollte. Nach diesem Tag. Nach diesem Streit. Hermine schien dieselben Gedanken zu haben. Sie sah einen Moment auf den Boden. Dann wieder zu Minerva.

„Möchtest du noch… mit zu mir kommen?“

Die Frage war leise, fast schüchtern. Minerva musste sich ein Lächeln verkneifen. Natürlich wollte sie. Mehr als alles andere.

„Ja.“

Nur dieses eine Wort, doch Hermine lächelte sofort. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Ungesehen. Lautlos. Bis sie schließlich Hermines Wohnung erreichten. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, standen sie einen Moment einfach nur da. Geschützt vor allem, was eben noch zwischen ihnen gestanden hatte. Nun erschien der Gedanke, die Nacht nicht allein verbringen zu müssen, wie das größte Geschenk überhaupt.