Wenn das Blatt sich wendet
Wenn das Blatt sich wendet
Am nächsten Morgen fiel das erste blasse Winterlicht durch die Vorhänge von Hermines Wohnung. Draußen lag Hogwarts noch still unter einer frischen Schicht Schnee. Drinnen war es warm, ruhig und endlich fühlte sich nach ihrer Auseinandersetzung nichts mehr zerbrechlich an. Hermine lag auf der Seite und hatte den Kopf an Minervas Schulter gelegt. Eine Hand ruhte auf deren Brust, während Minervas Arm schützend um ihre Taille lag. In der Nacht hatten sie kaum geschlafen. Nicht weil sie gestritten hatten, sondern weil sie stundenlang über ihre Ängste, das Ministerium und über ihre Zukunft geredet hatten. Und über all die Dinge, die sie einander in den letzten Wochen verschwiegen hatten, um die andere zu schonen. Irgendwann waren ihnen die Worte ausgegangen. Dann hatten sie einfach nur nebeneinander gelegen und einander gehalten. Das hatte genügt. Hermine öffnete langsam die Augen. Für einen Moment blieb sie still liegen. Sie lauschte Minervas ruhigem Atem, spürte ihre Wärme und dass sie noch da war. Dann hob sie leicht den Kopf. Minerva war bereits wach. Sie betrachtete Hermine mit diesem ruhigen, liebevollen Blick, der sie immer wieder schwach werden ließ.
„Guten Morgen.“
Hermine lächelte.
„Guten Morgen.“
Für einen Augenblick sagte keine von beiden etwas. Dann strich Minerva ihr eine Locke aus dem Gesicht.
„Wie fühlst du dich?“
Hermine dachte kurz darüber nach.
„Müde.“
Das brachte Minerva zum Schmunzeln.
„Das überrascht mich nicht.“
„Und ein bisschen traurig.“
Minervas Lächeln wurde schwächer. Hermine legte sofort ihre Hand auf ihre Wange.
„Aber nicht wegen uns.“
Minerva sah sie aufmerksam an.
„Wegen allem anderen.“
„Ja.“
Sie mussten nichts weiter erklären. Beide wussten genau, was gemeint war. Alle Probleme waren noch immer da, doch es fühlte sich nicht mehr an wie eine Mauer zwischen ihnen. Eher wie ein Sturm, den sie gemeinsam durchstehen mussten. Minerva nahm Hermines Hand und küsste ihre Finger.
„Wir schaffen das.“
Hermine lächelte schwach.
„Das klingt sehr nach Professor McGonagall.“
„Ist das etwas Schlechtes?“
„Nein.“
Hermine rückte näher an sie heran.
„Eigentlich ist es genau das, was ich gerade hören wollte.“
Minerva zog sie wieder fest in ihre Arme, hielt sie sicher und während draußen langsam ein neuer Tag über Hogwarts begann, lagen sie noch einen Moment einfach beieinander. Die Zukunft war nicht einfacher geworden, aber eine Sache wussten sie jetzt mit absoluter Gewissheit:
Sie würden nicht aufgeben. Nicht wegen Featherstone. Nicht wegen des Ministeriums. Nicht wegen der Heimlichkeiten. Und nicht wegen der Angst. Denn was immer auch kommen mochte – sie würden sich gemeinsam dagegenstellen.
Obwohl sie sich in der Nacht ausgesprochen hatten, obwohl sie stundenlang geredet und schließlich erschöpft nebeneinander eingeschlafen waren, war nicht plötzlich alles verschwunden. Manche Verletzungen brauchten Zeit. Nicht weil die Liebe fehlte, sondern weil die Gefühle erst wieder zur Ruhe kommen mussten. Hermine spürte genau das. Sie lag noch einen Moment in Minervas Armen und fragte sich, warum sie plötzlich so unsicher war. Normalerweise hätte sie sich längst einen Guten-Morgen-Kuss gestohlen. Normalerweise hätte sie sich ohne nachzudenken an Minerva geschmiegt, doch jetzt zögerte sie. Der Streit hing noch irgendwo in ihrem Herzen, wie ein leiser Schatten.
Langsam setzte sie sich auf. Die Decke rutschte etwas von ihren Schultern. Ihr Blick blieb gedankenverloren auf den Falten des Bettzeugs hängen. Minerva bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Natürlich bemerkte sie es. Sie richtete sich ebenfalls auf und betrachtete Hermine aufmerksam.
„Was ist los?“
Hermine antwortete nicht sofort. Sie wusste selbst nicht genau, wie sie das Gefühl erklären sollte. Minerva wartete einen Moment. Dann rückte sie näher. Ganz vorsichtig und hob mit den Fingerspitzen Hermines Kinn an. Langsam drehte sie ihren Kopf zu sich. Hermine ließ es geschehen. Ihre Blicke trafen sich und plötzlich war da nichts mehr von dem Streit. Keine Vorwürfe, keine Wut, nur diese tiefe Vertrautheit und Liebe. Minerva sah sie lange an, als wollte sie sicherstellen, dass Hermine wirklich verstand. Sie sagte sie kein Wort. Stattdessen beugte sie sich vor und küsste sie sanft auf die Lippen. Ein kurzer, zärtlicher Kuss, der voller Liebe war. Als sie sich wieder voneinander lösten, blieben sie ganz nah beieinander. Hermine spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste. Eine Angst, von der sie gar nicht bemerkt hatte, dass sie noch da gewesen war. Minerva strich ihr langsam eine Locke hinters Ohr.
„Da ist sie ja wieder.“
Hermine blinzelte.
„Wer?“
Ein kleines Lächeln erschien auf Minervas Lippen.
„Meine Hermine.“
Sofort füllten sich Hermines Augen mit Tränen. Nicht aus Traurigkeit, sondern aus Erleichterung und diesmal war sie es, die sich vorbeugte und Minerva noch einmal küsste. Ohne Zweifel, ohne Zögern, weil sie endlich wieder wusste, was sie eigentlich die ganze Zeit gewusst hatte:
Nichts zwischen ihnen war kaputt gegangen. Sie hatten nur kurz vergessen, dass sie auf derselben Seite standen.
Sie legten sich noch einmal hin. Ganz nah. So nah, dass zwischen ihnen kaum Platz für einen Atemzug blieb. Hermine hatte den Kopf auf Minervas Schulter gelegt, während Minerva mit den Fingerspitzen gedankenverloren durch ihre Locken strich. Für einige Minuten sagten sie gar nichts. Sie genossen einfach die Ruhe, die Wärme und die Tatsache, dass sie beieinander waren. Irgendwann hob Hermine den Kopf ein wenig.
„Weißt du eigentlich, dass ich heute offiziell nach Hogwarts zurückkomme?“
Minerva lächelte.
„Tatsächlich?“
„Mhm.“
„Dann bin ich sehr froh, dass meine Referendarin zurückkehrt.“
Hermine musste lachen.
„Deine Referendarin?“
„Natürlich.“
„Nicht deine Freundin?“
Minervas Augen begannen zu funkeln.
„Das auch.“
Hermine kuschelte sich wieder näher an sie.
„Dann geht das alles heute wieder los.“
„Was genau?“
„Na, die Beobachtung durch…“
Weiter kam sie nicht. Minerva legte ihr einen Finger auf die Lippen. Sofort verstummte Hermine.
„Nein.“
„Nein?“
„Nein.“
Minerva schüttelte entschieden den Kopf.
„Ich möchte den Namen dieses Mannes nicht hören, solange wir noch hier liegen.“
Ein kleines Lächeln erschien auf Hermines Lippen. Minerva zog sie etwas näher.
„Die letzten Stunden wurde sein Name oft genug erwähnt.“
Sie strich Hermine sanft über die Wange.
„Außerdem ist dies der einzige Ort, an dem wir gerade einfach nur wir selbst sein können.“
Hermine wurde sofort weicher. Sie verstand genau, was Minerva meinte.
„Und was möchtest du stattdessen tun?“
Minerva betrachtete sie einen Moment, als würde sie die Antwort sorgfältig abwägen. Dann lächelte sie.
„Meine Liebste noch einmal küssen.“
Hermine ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie richtete sich etwas auf, strich Minerva zärtlich über die Wange und beugte sich zu ihr. Der Kuss war sanft und ohne Eile.
Minerva legte ihre Hand an Hermines Gesicht und hielt sie dort, als wollte sie sich vergewissern, dass sie wirklich hier war. Als sie sich voneinander lösten, sahen sie sich an. Dann folgte der nächste Kuss. Und noch einer. Sie genossen diesen ruhigen Moment, denn sie beide wussten, dass die Welt draußen noch früh genug auf sie warten würde. Für diesen kleinen Augenblick gehörten sie nur einander.
Während Minerva und Hermine für einen kurzen, kostbaren Moment alles andere ausblendeten, spielte sich in einem anderen Teil des Schlosses ein völlig anderes Drama ab. Edmund Featherstone war kurz davor, den Verstand zu verlieren. Seine Wohnung sah aus, als hätte ein Tornado sie verwüstet. Schubladen standen offen, Bücher lagen auf dem Boden, Pergamente waren über den gesamten Schreibtisch verstreut und Featherstone lief hektisch zwischen all dem Chaos hin und her.
„Wo ist es?“
Er riss eine weitere Schublade auf. Nichts. Er kontrollierte sein Bücherregal. Nichts. Sein Nachttisch. Nichts. Inzwischen hatte sich kalter Schweiß auf seiner Stirn gebildet. Das Notizbuch war verschwunden. Nicht irgendein Notizbuch. Das Notizbuch. Dasjenige, in dem er sämtliche Gedanken, Strategien und Notizen der letzten Monate gesammelt hatte und mittendrin befand sich auch jener Zettel. Der Gedanke allein ließ seinen Magen rebellieren.
„Nein.“
Er begann erneut zu suchen. Dieses Mal schneller, verzweifelter, fast panisch.
„Nein, nein, nein…“
Das Buch musste hier sein. Es musste. Er hatte es gestern noch gehabt. Oder? Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Sein Atem stockte. Gestern. Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Gestern war er bei McGonagall gewesen. Er hatte Berichte bei sich, die Beschwerden über die Schüler, ein Stapel Pergamente unter dem Arm und mit dem Notizbuch. Langsam wurde sein Gesicht blass. Sehr blass.
„Oh nein.“
Jetzt erinnerte er sich. Er hatte während des Gesprächs mehrere Blätter herausgezogen, den Stapel auf Minervas Schreibtisch gelegt und danach war er direkt gegangen, ohne noch einmal alles zu kontrollieren. Featherstone sank auf einen Stuhl. Seine Hände zitterten. Wenn das Buch irgendwo auf einem Korridor verloren gegangen wäre, wäre das schlimm genug, aber wenn er es tatsächlich in Minervas Büro verloren hatte… Dann wurde ihm gerade klar, wie groß sein Problem war. Er kannte Minerva. Sie war intelligent, gründlich und gnadenlos, wenn jemand versuchte, Hogwarts zu schaden. Wenn sie das Buch gefunden hatte, würde sie jede einzelne Seite lesen und dann… Featherstone schloss die Augen. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er etwas, das er bei anderen so gerne auslöste. Angst. Echte Angst. Denn wenn Minerva McGonagall dieses Notizbuch tatsächlich in den Händen hielt, dann stand plötzlich nicht mehr sie unter Druck, sondern er.
Featherstone saß noch einige Sekunden reglos da. Sein Herz schlug viel zu schnell. Immer wieder versuchte er sich einzureden, dass er überreagierte. Vielleicht lag das Buch doch irgendwo in seiner Wohnung. Vielleicht hatte er es im Lehrerzimmer vergessen. Vielleicht… Doch selbst während er die Ausreden suchte, wusste er bereits die Wahrheit. Er erinnerte sich zu genau an das Gespräch und vor allem erinnerte er sich daran, dass er nach seiner Rückkehr nichts mehr in das Buch eingetragen hatte. Sein Magen verkrampfte sich.
„Verdammt.“
Er sprang wieder auf. Jetzt begann er fieberhaft nachzudenken. Wenn Minerva das Buch gefunden hatte… Würde sie ihn sofort konfrontieren? Würde sie direkt zum Ministerium gehen? Würde sie Kingsley informieren? Oder hatte sie es vielleicht noch gar nicht gelesen?
Der letzte Gedanke ließ ihn kurz Hoffnung schöpfen. Nur kurz. Denn Minerva McGonagall war vieles, aber nicht nachlässig. Wenn etwas auf ihrem Schreibtisch lag, hatte sie es längst bemerkt. Featherstone begann erneut durch das Zimmer zu laufen. Mit jeder Runde wurde seine Unruhe größer, denn je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, was eigentlich in diesem Buch stand. Nicht nur seine Beschwerden oder seine Beobachtungen, sondern seine Absichten, persönlichen Notizen, seine Einschätzungen und Kontakte. Dinge, die niemals für fremde Augen bestimmt gewesen waren und plötzlich sah er Minervas Gesicht vor sich. Wie sie hinter ihrem Schreibtisch saß. Wie sie Seite um Seite las. Wie sie langsam verstand, was er die ganze Zeit getan hatte. Featherstone blieb stehen. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, denn zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass er vielleicht zu weit gegangen war. Nicht, weil er Mitleid mit Minerva hatte, sondern weil er sich angreifbar gemacht hatte. Sehr angreifbar. Er ging zum Fenster und blickte hinaus auf die verschneiten Ländereien. Die Sonne war gerade erst aufgegangen. Das Schloss erwachte langsam zum Leben, doch Featherstone interessierte das nicht. Er dachte nur an eine einzige Frage:
Hatte Minerva das Buch bereits gelesen? Und wenn ja… Wann würde sie reagieren?
Denn eines wusste er ganz genau:
Wenn Minerva McGonagall Beweise gegen jemanden in den Händen hielt, dann blieb sie nicht lange untätig und plötzlich fühlte sich Hogwarts für ihn deutlich weniger sicher an als noch am Tag zuvor.
Zurück in Hermines Wohnung hatten sich inzwischen beide Frauen frisch gemacht und für den Tag bereit gemacht. Die Nacht und das lange Gespräch hatten ihre Spuren hinterlassen, doch die Schwere zwischen ihnen war verschwunden. Nicht die Sorgen, aber die Distanz.
Hermine trat aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Minerva saß auf dem Sofa und schien erneut tief in Gedanken versunken zu sein. Vermutlich dachte sie bereits wieder an das Ministerium oder an Featherstone oder an beides. Hermine blieb kurz stehen und betrachtete sie. Dann ging sie ohne Worte zu ihr hinüber. Sie legte eine Hand an Minervas Wange und küsste sie sanft. Minerva blinzelte überrascht und kehrte augenblicklich in die Realität zurück. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Guten Morgen noch einmal. Du warst schon wieder ganz woanders.“
„Ich fürchte ja.“
Hermine setzte sich neben sie. Diesmal dicht genug, dass sich ihre Schultern berührten.
„Ich habe nachgedacht.“
Minerva sah sie aufmerksam an.
„Über uns?“
„Auch.“
Hermine zog leicht die Mundwinkel hoch.
„Aber vor allem über Featherstone“, meinte Minerva.
Hermine verschränkte die Hände.
„Ich glaube, du solltest den Zettel zurücklegen.“
Minerva runzelte die Stirn.
„Zurücklegen?“
„Genau dorthin, wo du ihn gefunden hast.“
„Und dann?“
„Dann tust du so, als hättest du ihn nie gesehen.“
Minerva dachte einen Moment darüber nach. Hermine fuhr fort:
„Der Zettel allein wird beim Ministerium nichts bewirken.“
„Wahrscheinlich nicht.“
„Aber Featherstone weiß das nicht.“
Jetzt begann Minerva zu verstehen. Ein kleines, anerkennendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Du möchtest ihn in Sicherheit wiegen.“
Hermine nickte.
„Genau.“
Sie lehnte sich zurück.
„Im Moment hat er Angst.“
„Er wird panisch sein.“
„Er wird sich fragen, ob du den Zettel gefunden hast.“
Minerva musste unwillkürlich an Featherstones Gesicht denken, wenn ihm sein Verlust auffiel. Der Gedanke war durchaus befriedigend.
„Wenn wir jetzt reagieren, wird er vorsichtig.“
„Und wenn wir nicht reagieren?“
Hermine lächelte.
„Dann macht er Fehler.“
Nun nickte auch Minerva langsam. Je länger sie darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr die Idee.
„Das ist ausgesprochen listig.“
Hermine grinste.
„Danke.“
„Das war ein Kompliment.“
„Das weiß ich.“
Minerva schnaubte leise. Dann wurde sie wieder nachdenklich.
„Du hast recht.“
Sie stand langsam auf.
„Wir sollten nichts überstürzen.“
Hermine beobachtete sie aufmerksam.
„Also?“
Minerva sah zur Schublade ihres Schreibtisches hinüber, in der sich der Zettel befand.
„Also werden wir Edmund vorerst glauben lassen, dass sein kleines Geheimnis noch immer sicher ist.“
Zum ersten Mal seit sie die Notiz gelesen hatte, fühlte sie sich nicht mehr wie die Gejagte und als sie zu Hermine hinüberblickte, erkannte sie, dass diese dasselbe dachte. Vielleicht hatten sie endlich einen kleinen Vorteil auf ihrer Seite.
Minerva blieb noch einen Moment stehen und betrachtete Hermine. Es war erstaunlich. Noch gestern Abend hatten sie auf dem Astronomieturm gestanden und beinahe ihre Beziehung an ihren Ängsten zerbrechen lassen und jetzt saßen sie hier und schmiedeten gemeinsam Pläne gegen Featherstone. Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Was?“
Hermine hatte den Blick natürlich sofort bemerkt.
„Nichts.“
„Das war eindeutig ein etwas.“
Minerva setzte sich wieder neben sie.
„Ich habe nur gerade festgestellt, dass du gefährlich wirst.“
Hermine hob eine Augenbraue.
„Gefährlich?“
„Sehr sogar.“
Minerva nahm ihre Hand.
„Vor einem Jahr hättest du vermutlich sofort das Ministerium informiert.“
„Vor einem Jahr hätte ich vermutlich auch noch geglaubt, dass das Ministerium vernünftig handelt.“
Minerva musste unwillkürlich lachen.
„Da ist etwas dran.“
Hermine lächelte ebenfalls, doch dann wurde sie wieder ernst.
„Was machen wir jetzt?“
Minerva dachte einen Moment nach.
„Zunächst werde ich den Zettel tatsächlich zurücklegen.“
„Und danach?“
„Danach beobachten wir.“
„Wir?“
„Wir.“
Hermine bemerkte die bewusste Wortwahl. Minerva ebenfalls und diesmal widersprach sie sich nicht selbst.
„Du bist in diese Angelegenheit längst hineingezogen worden. Ob mir das gefällt oder nicht.“
„Es gefällt dir nicht.“
„Ganz und gar nicht.“
Hermine lächelte.
„Mir auch nicht.“
Für einen Moment saßen sie schweigend nebeneinander. Dann fiel Hermine etwas ein.
„Wenn Featherstone bemerkt, dass der Zettel wieder da ist, wird er glauben, dass er ihn nur verlegt hat.“
„Genau.“
„Und dann wird er sich sicher fühlen.“
Minerva nickte.
„Und Menschen machen Fehler, wenn sie sich sicher fühlen.“
„Das hast du mir beigebracht.“
„Dann hast du offenbar aufgepasst.“
Hermine lachte leise. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich die Situation nicht völlig aussichtslos an. Sie hatten keinen Beweis, keine Lösung und keine Garantie, aber sie hatten einen Plan und vor allem hatten sie wieder einander. Nach allem, was passiert war, war das vielleicht das Wichtigste.
Hermine drückte Minervas Hand noch einmal fest.
„Wir schaffen das.“
Minerva sah sie an. Diesmal lächelte sie nicht. Sie wirkte einfach nur ruhig.
„Ja.“
Dann beugte sie sich kurz vor und küsste Hermine auf die Stirn.
„Das werden wir.“
Minerva warf einen Blick auf die Uhr. Sofort seufzte sie.
„Ich sollte wirklich gehen.“
Hermine verzog das Gesicht.
„Musst du?“
„Leider ja.“
Minerva stand auf.
„Wenn Featherstone tatsächlich bemerkt hat, dass sein Zettel fehlt, möchte ich ihn vorher wieder in meinem Büro haben.“
Hermine nickte. Das ergab Sinn. Je früher, desto besser. Minerva zog ihren Umhang zurecht und griff nach ihrem Zauberstab.
„Außerdem würde es mich nicht überraschen, wenn er direkt nach dem Frühstück einen Vorwand findet, um bei mir aufzutauchen.“
„Wahrscheinlich hat er die ganze Nacht nicht geschlafen.“
„Das hoffe ich zumindest.“
Hermine musste lachen.
„Das ist gemein.“
„Absolut.“
Minerva wirkte darüber erstaunlich zufrieden. Dann wurde ihr Blick wieder weicher.
„Ich lasse dir Frühstück bringen.“
„Du musst nicht…“
„Doch. Das muss ich sehr wohl.“
Hermine lächelte.
„Na gut.“
Für einen Moment entstand eine kleine Stille und plötzlich spürte Hermine wieder dieses seltsame Ziehen in der Brust. Nicht Angst, eher diese Unsicherheit, die nach ihrem Streit noch nicht ganz verschwunden war. Minerva bemerkte es sofort. Natürlich bemerkte sie es. Sie ging wortlos auf Hermine zu, legte die Arme um sie und zog sie an sich. Sofort entspannte sich etwas in Hermine.
„Hey.“
Minervas Stimme war leise.
„Was ist?“
„Nichts.“
„Hermine.“
Ein kleines Lächeln huschte über Minervas Lippen.
„Du kannst mich nicht täuschen.“
Hermine schnaubte leise.
„Ich versuche es auch gar nicht.“
Minerva strich ihr durch die Haare. Dann küsste sie sie sanft. Als sie sich wieder voneinander lösten, lächelte Minerva.
„Ein anständiger Abschiedskuss muss sein.“
Hermine lachte.
„Ach ja?“
„Unbedingt.“
„Dann fürchte ich, war das gerade noch nicht ausreichend.“
Minerva wollte etwas erwidern, kam aber nicht dazu, denn Hermine zog sie sofort wieder zu sich. Diesmal deutlich entschlossener. Der Kuss war tief, warm und so unerwartet, dass Minerva für einen Moment tatsächlich die Luft wegblieb. Als sie sich schließlich voneinander lösten, blinzelte Minerva überrascht. Hermine grinste vollkommen ungeniert.
„Das“, sagte sie zufrieden, „war ein anständiger Kuss.“
Minerva starrte sie einen Augenblick an. Dann lachte sie. Dieses ehrliche, warme Lachen, das Hermine so liebte.
„Frech.“
„Ich weiß.“
Minerva schüttelte den Kopf. Beugte sich noch einmal vor. Küsste Hermine kurz auf die Nasenspitze und lächelte.
„Bis später, Professor Granger.“
„Bis später, Professor McGonagall.“
Und diesmal fiel ihnen der Abschied ein kleines bisschen leichter.
Minerva hatte ihren Plan bereits vor dem Frühstück umgesetzt. Der Zettel lag wieder genau dort, wo sie ihn gefunden hatte. Unauffällig, zwischen einigen anderen Unterlagen, als wäre nie etwas geschehen. Nun saß sie am Lehrertisch und trank ruhig ihren Tee. Äußerlich wirkte sie vollkommen gelassen. Innerlich war sie aufmerksam. Sehr aufmerksam, denn sie wartete und sie musste nicht lange warten.
Die Tür zur Großen Halle öffnete sich. Edmund Featherstone trat ein. Schon auf den ersten Blick bemerkte Minerva den Unterschied. Er wirkte angespannt und unruhig. Vor allem aber vermied er es konsequent, sie anzusehen. Minerva musste sich beinahe beherrschen, um nicht zu lächeln. Normalerweise fand Featherstone immer einen Grund, sie anzusprechen, doch heute nicht. Heute setzte er sich und schwieg.
Minerva nahm einen weiteren Schluck Tee. Natürlich bemerkte auch Pomona irgendwann das ungewöhnliche Verhalten. Sie warf Minerva einen fragenden Blick zu. Minerva reagierte nicht. Sie wollte sehen, wie lange Featherstone es aushielt.
Als das Frühstück sich dem Ende näherte, stand Minerva schließlich auf.
„Einen schönen Tag.“
„Dir auch“, antwortete Pomona.
Minerva verließ die Halle und wie erwartet dauerte es keine dreißig Sekunden.
„Minerva!“
Da war er. Minerva drehte sich um.
„Edmund.“
Er wirkte bemüht gelassen.
„Ich wollte noch kurz mit dir über einige Unterrichtsplanungen sprechen.“
Natürlich wollte er das.
„Selbstverständlich.“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Büro. Featherstone redete unterwegs über irgendwelche organisatorischen Belanglosigkeiten. Minerva hörte kaum zu. Sie beobachtete ihn lieber. Er war nervös, unruhig, ständig wanderten seine Blicke und als sie schließlich das Büro erreichten, wusste sie bereits, was passieren würde. Sie öffnete die Tür.
„Bitte.“
Featherstone trat ein. Minerva ging scheinbar arglos zu einem Regal. Sie drehte ihm sogar halb den Rücken zu.
„Nun, worum ging es genau?“
Sie begann einige Bücher zu sortieren. Vollkommen beiläufig. Featherstone antwortete irgendetwas, doch seine Aufmerksamkeit lag längst woanders. Minerva hörte die Bewegung. Das leise Rascheln von Pergament. Genau das, worauf sie gewartet hatte. Sie ließ sich nichts anmerken, blätterte sogar demonstrativ in einem Buch. Dann hörte sie das nächste Geräusch. Das schnelle Einstecken eines Blattes. Er hatte es gefunden. Minerva musste sich enorme Mühe geben, um nicht zu lächeln. Als sie sich schließlich wieder umdrehte, wirkte Featherstone deutlich entspannter. Fast erleichtert. Seine Schultern waren weniger angespannt und seine Hände ruhiger.
„Nun“, sagte er plötzlich, „eigentlich war das bereits alles.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ach?“
„Ja.“
Jetzt hatte er es plötzlich erstaunlich eilig.
„Die übrigen Punkte können wir ein anderes Mal besprechen.“
„Wenn du das sagst.“
Featherstone nickte knapp.
„Einen angenehmen Tag, Minerva.“
„Ebenfalls.“
Dann war er auch schon verschwunden. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Minerva blieb einen Moment reglos stehen. Dann setzte sie sich langsam an ihren Schreibtisch und lächelte. Featherstone glaubte nun, sein kleines Problem gelöst zu haben. Er glaubte, niemand hätte etwas bemerkt, gelesen oder würde Verdacht schöpfen und genau das machte ihn gefährlich, aber auch angreifbar.
Minerva hatte sich nach Featherstones Besuch wieder ihrer Arbeit gewidmet und tatsächlich war sie erstaunlich produktiv gewesen. Brief um Brief verschwand vom Stapel, Unterlagen wurden sortiert und Antworten verfasst.
Für fast zwei Stunden gelang es ihr sogar, sich vollständig auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Fast. Denn irgendwo im Hinterkopf dachte sie immer wieder an Hermine. Deshalb überraschte es sie kaum, als plötzlich zwei Hände auf ihren Schultern landeten. Trotzdem schloss sie sofort die Augen. Einen Moment später spürte sie einen sanften Kuss auf ihrer Wange. Unwillkürlich lächelte sie.
„Hm.“
Ihre Stimme klang verdächtig zufrieden.
„Wer das bloß sein könnte.“
Hinter ihr lachte Hermine.
„Schwierige Frage.“
Ihre Finger begannen sanft Minervas Schultern zu massieren und sofort entspannte sich etwas in der Schulleiterin.
„Hermine.“
„Ja?“
„Wenn du damit weitermachst, werde ich keine einzige Zeile mehr lesen können.“
Hermine lachte erneut.
„Das klingt nach einem Problem.“
„Das ist ein Problem.“
„Für wen?“
Minerva öffnete schließlich die Augen und blickte über die Schulter zu ihr.
„Für Hogwarts vermutlich.“
„Dann sollte Hogwarts dankbar sein, dass ich überhaupt hier bin.“
Minerva schnaubte belustigt. Die Massage wurde noch ein wenig intensiver. Gerade genug, dass Minerva kurz vergaß, was sie eigentlich gerade getan hatte.
„Wie läuft es?“, fragte Hermine schließlich.
„Besser als erwartet.“
„Und Featherstone?“
„Er hat seinen Zettel gefunden.“
Hermine grinste.
„Und?“
„Er war so erleichtert, dass er beinahe vergessen hätte, seinen Vorwand zu Ende zu erzählen.“
Das brachte Hermine zum Lachen. Minerva betrachtete sie einen Moment. Dann traf sie eine spontane Entscheidung. Sie griff nach Hermines Arm.
„Minerva?“
Im nächsten Augenblick zog sie Hermine auf ihren Schoß. Hermine quietschte überrascht auf.
„Professor McGonagall!“
„Professor Granger.“
Minerva legte einen Arm um ihre Hüfte, während die andere Hand locker auf ihrem Oberschenkel ruhte. Hermine schlang sofort die Arme um ihren Hals.
„Arbeiten Sie so mit all Ihren Referendarinnen?“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Nur mit den besonders frechen.“
„Ach, wirklich?“
„Mhm.“
„Dann muss ich mir wohl Sorgen machen.“
„Das solltest du.“
Hermine grinste. Minerva ebenfalls. Für einen Moment vergaßen sie Briefe, Ministerium und Featherstone. Sie genossen einfach die Nähe der anderen. Das leichte Necken, die vertraute Wärme und die Gewissheit, dass sie nach dem gestrigen Streit wieder zueinander gefunden hatten.
„Weißt du“, sagte Hermine schließlich leise, während sie mit einer Locke von Minervas Haar spielte, „ich mag diese Version von dir.“
„Welche?“
„Die, die sich während der Arbeitszeit von ihrer Freundin vom Arbeiten abhalten lässt.“
Minerva lachte.
„Dann behalte das lieber für dich.“
„Natürlich.“
Hermine beugte sich etwas näher.
„Wäre ja furchtbar für deinen Ruf.“
„Ganz genau.“
Und trotzdem lächelte Minerva so glücklich wie schon lange nicht mehr. Hermine grinste, als sie bemerkte, wie erfolgreich ihr kleiner Ablenkungsversuch gewesen war. Minerva hatte die Feder längst beiseitegelegt. Von konzentrierter Schulleiterin war in diesem Moment nicht mehr viel übrig.
„Du bist unerträglich“, murmelte sie, wobei das warme Lächeln auf ihren Lippen die Wirkung der Worte vollkommen zerstörte.
„Das sagst du ständig.“
„Weil es immer wieder stimmt.“
Hermine lachte leise. Für einen Moment blieben sie einfach so sitzen.
„Weißt du“, sagte Hermine schließlich und spielte gedankenverloren mit einer silbernen Haarsträhne, „gestern dachte ich noch, alles würde auseinanderfallen.“
Minervas Blick wurde sofort weicher.
„Ich auch.“
Die Ehrlichkeit überraschte Hermine nicht.
„Aber es ist nicht passiert.“
„Nein.“
Minerva strich ihr sanft über den Rücken.
„Weil wir beide zu stur sind, um aufzugeben.“
Das brachte Hermine zum Lachen.
„Das stimmt wahrscheinlich.“
„Ganz sicher sogar.“
Einen Moment sahen sie sich schweigend an. Dann legte Hermine ihre Stirn gegen Minervas.
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass du geblieben bist“, sagte Hermine leise.
Minerva lächelte traurig.
„Dasselbe könnte ich dir auch sagen.“
Für einen Augenblick schien die Welt außerhalb des Büros nicht zu existieren. Dann fiel Hermines Blick auf den Stapel Pergamente auf dem Schreibtisch.
„Ich sehe schon… Du hast noch so einiges vor dir.“
„Leider.“
„Dann sollte die Schulleiterin vielleicht wieder arbeiten.“
Minerva seufzte dramatisch.
„Du bist gerade diejenige, die mich seit einer halben Stunde davon abhält.“
„Unwichtige Details Professor McGonagall“, grinste Hermine.
Minerva lachte und schüttelte den Kopf.
„Ich sage es immer wieder. Du bist eine gefährliche Frau.“
„Und trotzdem liebst du mich.“
„Das ist wohl mein größtes Problem.“
Hermine strahlte.
„Dein schönstes Problem.“
Darauf konnte Minerva beim besten Willen nichts erwidern, weil Hermine recht hatte.
„Übrigens war das Frühstück gut.“
Minerva lächelte zufrieden.
„Das will ich hoffen.“
„Sehr gut sogar.“
Hermine lehnte sich ein wenig zurück und betrachtete sie mit einem vielsagenden Grinsen.
„Aber ich hätte danach gerne noch etwas Süßes zum Nachtisch gehabt.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ach wirklich?“
„Mhm.“
Dann beugte sich Hermine vor und gab ihr einen kurzen, liebevollen Kuss. Minerva lachte sofort.
„Ich frage mich ja, was das wohl sein könnte.“
„Eine schwierige Frage.“
„Unlösbar, vermutlich.“
„Ganz bestimmt.“
Beide mussten lachen und genau dieses unbeschwerte Lachen tat ihnen so gut. Nach den vergangenen Tagen, nach dem Streit und all den Sorgen, einfach wieder miteinander scherzen zu können. Hermine strich Minerva eine silberne Strähne hinter das Ohr.
„Keine Sorge.“
Ihre Stimme wurde sanfter.
„Ich lasse dich jetzt in Ruhe arbeiten.“
Minerva wirkte skeptisch.
„Tatsächlich?“
„Ja.“
„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“
Hermine grinste.
„Aber später hätte ich gerne meinen Nachtisch.“
Minerva schüttelte den Kopf.
„Du bist unmöglich.“
„Das macht nichts. Du liebst mich trotzdem.“
Das brachte Minerva erneut zum Lachen. Dann wurde ihr Blick weich. Sie legte eine Hand an Hermines Wange und küsste sie noch einmal zärtlich. Als sie sich wieder voneinander lösten, blieb ihre Stirn noch einen Moment an Hermines gelehnt.
„Ich freue mich schon darauf.“
Hermine lächelte sofort. Dieses strahlende Lächeln, das Minerva jedes Mal das Herz leichter machte.
„Gut.“
Dann stand Hermine schließlich auf.
„Dann werde ich die Schulleiterin jetzt arbeiten lassen.“
„Eine ausgezeichnete Idee.“
„Die ich vermutlich bereuen werde. Ich verstehe allerdings nicht, warum du dich jetzt schon wieder hinter diesen Schreibtisch setzen musst. Auch du hast noch ein paar letzte Tage frei.“
„Die Bürde einer Schulleiterin.“
„Wie lange wirst du brauchen?“
„Ich werde mich beeilen.“
Hermine nickte, warf ihr noch einen letzten liebevollen Blick zu und ging zur Tür. Kurz bevor sie hinausging, drehte sie sich noch einmal um und betrachtete Minerva. Sie war sofort wieder ganz die Schulleiterin, doch als sich ihre Blicke trafen, lächelte sie. Nur für Hermine. Und plötzlich wirkte der Tag deutlich heller als noch am Morgen.
Zur selben Zeit saß Edmund Featherstone in seinem Büro. Zum ersten Mal seit dem Morgen fühlte er sich wieder einigermaßen wohl. Das Notizblatt lag sicher in einer verschlossenen Schublade. Dort, wo es hingehörte. Er hatte es zurück und offensichtlich hatte niemand etwas bemerkt. Zumindest redete er sich das ein. Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte er sich zurück und begann erneut, seine Unterlagen zu sortieren. Mehrere Pergamente lagen vor ihm ausgebreitet. Alles, was er in den letzten Monaten über Minerva McGonagall gesammelt hatte.
„Irgendwann machen sie einen Fehler“, murmelte er.
Er war fest davon überzeugt. Niemand konnte dauerhaft perfekt sein. Nicht einmal Minerva McGonagall. Gerade die letzten Monate hatten ihm gezeigt, dass sie angreifbar geworden war. Zumindest glaubte er das und genau dort wollte er ansetzen. Featherstone nahm eine Feder und schrieb einige neue Gedanken nieder.
Mögliche Ansatzpunkte:
* Konflikte mit Schülern provozieren.
* Entscheidungen der Schulleitung dokumentieren.
* Beschwerden von Eltern sammeln.
* Belastung erhöhen.
* Zusätzlichen Druck aufbauen.
Er hielt kurz inne. Dann erschien ein dünnes Lächeln auf seinem Gesicht, denn da gab es noch etwas. Etwas, das seiner Meinung nach besonders vielversprechend war.
Hermine Granger.
Natürlich hatte Featherstone nie etwas beweisen können. Danke der Fotos, die plötzlich wieder verschwunden waren und inzwischen war die ursprüngliche Untersuchung praktisch im Sande verlaufen, aber er war überzeugt, dass seine Vermutung richtig war. Zwischen McGonagall und Granger stimmte etwas nicht.
Oder vielmehr:
Etwas stimmte zu gut. Dieses blinde Vertrauen, zu viel Rücksicht, zu viel Nähe, die die Beiden versuchten zu verbergen und sobald Hermine nach Hogwarts zurückkehrte, würde sich das wieder zeigen. Davon war er überzeugt. Featherstone lehnte sich zurück.
„Sie werden Fehler machen.“
Er sprach den Satz leise aus. Fast zufrieden, denn in seiner Vorstellung war es nur eine Frage der Zeit. Die Rückkehr von Hermine würde für Minerva alles komplizierter machen. Es würde mehr Möglichkeiten geben, mehr Gelegenheiten für Fehltritte, doch was Featherstone nicht wusste:
Hermine war bereits zurück.
Während er Pläne schmiedete, wie er die beiden beobachten wollte, hatten Minerva und Hermine längst begonnen, vorsichtiger zu werden. Vor allem aber wusste er nicht, dass Minerva bereits einen Blick hinter seine eigene Fassade geworfen hatte und dass sie nun ebenso aufmerksam auf ihn achtete, wie er auf sie.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war Featherstone nicht mehr der Einzige, der ein Spiel spielte. Er hatte es nur noch nicht bemerkt.