Eine neue Richtung
Eine neue Richtung
Die Woche verging schneller, als Hermine erwartet hatte. Der Unterricht nahm sie vollkommen ein. Zwischen den Stunden, der Vorbereitung und den Gesprächen mit Schülern blieb kaum Zeit, um nachzudenken. Vielleicht war das auch gut so, denn jedes Mal, wenn sie zu viel Zeit zum Nachdenken hatte, landeten ihre Gedanken unweigerlich wieder beim Ministerium, bei Featherstone oder bei ihrer Zukunft mit Minerva. So konzentrierte sie sich stattdessen auf ihre Klassen, die Prüfungen, die langsam näher rückten und auf die kleinen Momente, die sie und Minerva miteinander stehlen konnten:
Ein kurzer Blick in der Großen Halle, ein zufälliges Gespräch auf einem Korridor, ein paar Minuten in Minervas Büro, wenn niemand hinsah.
Es waren Kleinigkeiten, aber inzwischen hatten beide gelernt, ihren Wert zu schätzen. Gleichzeitig war Featherstone allgegenwärtig. Hermine bemerkte immer wieder seine Blicke. Er beobachtete, wartete, suchte nach Fehlern und genau deshalb mussten sie vorsichtig bleiben. Manchmal so vorsichtig, dass es Hermine wieder frustrierte, doch diesmal sprach sie es nicht aus. Sie wusste, dass Minerva dieselbe Last trug. So hielten sie durch. Tag für Tag, bis schließlich Freitagabend kam. Draußen war es längst dunkel. In Hermines Wohnung brannte nur eine einzelne Lampe. Sie saß mit einem Buch auf dem Sofa, hatte jedoch seit mehreren Minuten keine Seite mehr gelesen. Minerva hatte angekündigt, dass es spät werden würde. Zu spät, wie Hermine fand. Erst weit nach dem Abendessen flackerte schließlich das Feuer im Kamin auf. Minerva trat aus den grünen Flammen und schon im ersten Augenblick wusste Hermine, dass etwas nicht stimmte. Minerva wirkte erschöpft. Die Haltung war noch immer aufrecht, der Blick noch immer aufmerksam, doch die Müdigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Minerva.“
Sofort legte Hermine ihr Buch weg und stand auf. Minerva lächelte schwach.
„Guten Abend.“
„Du siehst furchtbar aus.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Vielen Dank.“
„Du weißt genau, wie ich das meine.“
Ein weiteres kleines Lächeln, doch selbst dafür schien sie Kraft aufbringen zu müssen. Hermine trat näher.
„Was ist passiert?“
Minerva seufzte leise.
„Nichts Besonderes.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Dann kennst du mich leider zu gut.“
„Das tue ich.“
Hermine nahm ihr vorsichtig den Umhang ab. Dabei bemerkte sie, wie verspannt Minervas Schultern waren und wie müde ihre Augen wirkten.
„Wie lange arbeitest du heute schon?“
Minerva dachte kurz nach.
„Zu lange.“
„Minerva.“
Die Ältere seufzte nur und Hermine schloss kurz die Augen.
„Und du hast wahrscheinlich kaum etwas gegessen.“
Minerva antwortete nicht sofort, was Antwort genug war.
„Minerva.“
„Ich hatte zu tun.“
„Du hattest wohl keinen Hunger?“
„Offenbar nicht.“
Hermine schüttelte den Kopf. Dann nahm sie einfach ihre Hand.
„Komm.“
„Wohin?“
„Auf das Sofa.“
„Hermine…“
Diesmal ließ sie keinen Widerspruch zu.
„Du setzt dich jetzt hin.“
Minerva sah sie einen Moment an. Dann gab sie überraschend schnell nach. Wahrscheinlich, weil sie tatsächlich zu müde war, um zu diskutieren. Als sie schließlich auf dem Sofa saß, setzte Hermine sich direkt neben sie und erst jetzt bemerkte sie, wie schwer die Woche offenbar auf Minervas Schultern lag. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und plötzlich wurde ihr klar, dass die Schulleiterin die ganze Woche über stark gewesen war. Für alle hier im Schloss, aber jetzt war sie einfach nur müde und genau das ließ Hermine sie wortlos näher zu sich ziehen. Hermine rückte noch näher. Sie küsste Minerva sanft auf die Wange und lehnte ihren Kopf gegen ihren. Für einen Moment saßen sie einfach so da. Das Feuer knisterte leise im Kamin. Draußen schlug der Wind gegen die Fenster. Drinnen war es still.
„Du solltest mir sagen, was los ist.“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Nichts Besonderes.“
Hermine antwortete nicht. Sie glaubte ihr kein Wort. Langsam hob sie eine Hand und drehte Minervas Gesicht vorsichtig zu sich.
„Minerva.“
Der Blick der älteren Hexe wich ihrem zunächst aus. Erst nach einigen Sekunden sah sie sie an.
„Es ist gerade einfach ein bisschen viel.“
Ihre Stimme war leise geworden.
„Das ist alles.“
Hermine betrachtete sie lange. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Nein.“
Minerva seufzte.
„Hermine…“
„Nein.“
Diesmal blieb sie hartnäckig.
„Das ist nicht alles.“
Wieder entstand eine kurze Stille. Dann gab Minerva schließlich nach. Nicht weil sie wollte, sondern weil sie zu müde war, weiter auszuweichen.
„Es ist merkwürdig.“
„Was?“
„Featherstone.“
Hermine runzelte die Stirn.
„Was ist mit ihm?“
„Nichts.“
„Das klingt nicht nach einem Problem.“
Minerva lehnte sich zurück.
„Doch. Genau das ist das Problem. Er verhält sich ruhig. Zu ruhig.“
Hermine dachte nach. Das stimmte. Seit ihrer Rückkehr hatte Featherstone zwar seine üblichen Bemerkungen gemacht, aber verglichen mit den Monaten zuvor war er tatsächlich erstaunlich zurückhaltend.
„Und vom Ministerium kommt ebenfalls nichts.“
Minerva fuhr sich müde über die Stirn.
„Dabei wurde mir in diesem Brief eine weitere Anhörung angekündigt.“
Hermine dachte einige Sekunden nach. Dann setzte sie sich etwas gerader hin.
„Moment.“
Minerva sah sie fragend an.
„Der Brief kam doch von dieser Olive Lockwood.“
„Ja.“
„Nicht direkt vom Ministerium selbst.“
Minerva nickte langsam.
„Formal vom Ministerium.“
„Aber geschrieben von Lockwood.“
Hermine begann nachzudenken. Minerva erkannte sofort diesen Ausdruck in ihrem Gesicht. Diesen Blick, den sie immer bekam, wenn sie ein Problem analysierte.
„Hermine.“
„Mal angenommen…“
„Ich mag diesen Satz nicht.“
„Mal angenommen“, wiederholte Hermine unbeirrt, „Lockwood und Featherstone arbeiten tatsächlich zusammen.“
Minerva öffnete bereits den Mund.
„Wir wissen das nicht.“
„Ich weiß.“
„Und wir sollten vorsichtig mit solchen Annahmen sein.“
„Das bin ich.“
Hermine griff nach ihrer Hand.
„Aber hör mich kurz an.“
Minerva nickte schließlich. Hermine dachte laut weiter.
„Wenn Lockwood tatsächlich Informationen von Featherstone bekommt, dann braucht sie etwas.“
„Etwas?“
„Einen Vorwand.“
Minerva schwieg.
„Einen neuen Anlass. Neue Hinweise. Neue Beschwerden. Irgendetwas.“
Hermine verschränkte die Finger mit Minervas.
„Und wenn Featherstone ihr im Moment nichts liefern kann…“
Minerva hob langsam den Blick.
„Dann wartet sie.“
„Genau.“
Das Feuer knisterte leise. Plötzlich wirkte die Theorie gar nicht mehr so abwegig.
„Du meinst also, die Anhörung findet vielleicht gar nicht statt?“
Hermine zuckte mit den Schultern.
„Nicht unbedingt, aber vielleicht wartet sie darauf, dass Featherstone ihr etwas gibt, das sie verwenden kann.“
Minerva dachte lange nach. Zu lange und Hermine bemerkte etwas. Minerva wirkte nicht beruhigt. Ganz im Gegenteil.
„Was?“
Minerva antwortete zunächst nicht. Dann schloss sie kurz die Augen.
„Wenn du recht hast…“
„Ja?“
„Dann bedeutet das, dass wir gerade nur auf den nächsten Angriff warten.“
Die Worte blieben schwer zwischen ihnen hängen. Denn beide wussten, dass genau das die Wahrheit sein könnte. Nicht die Ruhe vor dem Ende, sondern die Ruhe vor dem Sturm und vielleicht war genau das der Grund, warum Minerva diese Woche nicht zur Ruhe gekommen war.
Minerva ließ ihren Blick für einen Moment ins Feuer sinken. Dann seufzte sie leise.
„Wenn das stimmt, müssen wir noch vorsichtiger sein.“
Hermine schloss sofort die Augen. Da war es. Genau das, was sie nicht hören wollte.
„Minerva…“
„Hör mir zu“, sagte die Schulleiterin sofort.
Ihre Stimme blieb sanft.
„Wir dürfen ihm keine Angriffsfläche bieten.“
Hermine lehnte sich zurück. Sofort kehrte dieses unangenehme Gefühl zurück.
„Vorsicht.“
Sie schnaubte leise.
„Das Wort kann ich langsam nicht mehr hören.“
Minerva verstand sie. Natürlich verstand sie sie. Sie fühlte ja dasselbe.
„Für uns bedeutet Vorsicht immer Abstand.“
Hermine sah sie an.
„Und genau das hasse ich.“
Langsam hob Minerva eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. Ihre Berührung war warm und wunderbar vertraut.
„Abstand bedeutet nicht, dass wir einander aus dem Weg gehen.“
Hermine schwieg.
„Es bedeutet nur, dass wir vorsichtig sein müssen. Mit Blicken, Gesprächen und mit Dingen, die anderen auffallen könnten.“
Hermine verstand jedes einzelne Wort und genau das machte es so frustrierend.
„Ich weiß.“
Ihre Stimme klang gereizter, als sie wollte.
„Ich weiß es ja.“
Sie fuhr sich durch die Haare.
„Aber ich bin es einfach leid.“
Minerva nickte langsam.
„Ich auch.“
Hermine schüttelte den Kopf.
„Nein. Du gehst besser damit um als ich.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch.“
Minerva wollte widersprechen. Hermine kam ihr zuvor.
„Du kannst das alles wegpacken. Diese Gefühle, die Sehnsucht… Du funktionierst einfach weiter.“
Minerva senkte kurz den Blick.
„Und du glaubst, das macht es leichter?“
Hermine verstummte. Für einen Moment sagte keine von beiden etwas. Dann bemerkte Minerva, dass Hermines Frust wieder begann, hochzukochen. Nicht gegen sie. Gegen die Situation in der sie schon so lange steckten, gegen Featherstone… Gegen alles. Sie kannte diesen Ausdruck inzwischen. Deshalb sagte sie leise:
„Ich möchte nicht noch einmal mit dir streiten.“
Sofort wurde Hermine still. Minervas Stimme war nicht vorwurfsvoll. Sie war ehrlich.
„Ich liebe dich.“
Ihre Finger ruhten noch immer an Hermines Wange.
„Und ich möchte diesen Abend nicht damit verbringen, wieder dieselben Schmerzen durchzugehen.“
Hermine schloss kurz die Augen.
„Ich will auch nicht streiten.“
„Gut.“
„Ich will dich.“
Die Antwort kam sofort. Ohne Nachdenken und ohne jede Zurückhaltung. Minerva musste unwillkürlich lächeln. Dieses kleine, traurige, liebevolle Lächeln, das nur Hermine bei ihr hervorrufen konnte. Dann nahm sie Hermines Hand und hielt sie fest.
„Ich bin doch hier.“
Hermine sah sie an.
„Jetzt gerade.“
Minerva verschränkte ihre Finger mit ihren.
„Und morgen, genauso nächste Woche und danach werde ich auch noch hier sein.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Vielleicht nicht so, wie wir es uns wünschen. Vielleicht nicht so offen, wie wir es verdient hätten, aber ich gehe nirgendwohin.“
Hermine spürte, wie sich langsam etwas in ihrer Brust entspannte. Das Gefühl verschwand nicht vollständig, aber es wurde leichter. Minerva hob ihre Hand an die Lippen und küsste ihre Finger.
„Wir müssen vorsichtig sein.“
„Ja.“
„Aber wir müssen nicht aufhören, uns zu lieben.“
Hermine lächelte schwach.
„Das wäre ohnehin unmöglich.“
„Da stimme ich zu.“
Und für einen Moment schwiegen sie wieder. Diesmal jedoch nicht, weil etwas zwischen ihnen stand, sondern weil sie einfach die Nähe der anderen genossen und manchmal war das genug. Hermine sah Minerva einen langen Moment an. All die Sorgen, die Anspannung der Woche und die Angst vor dem, was noch kommen mochte, rückten für einen Augenblick in den Hintergrund. Langsam beugte sie sich vor und küsste Minerva sanft. Dann noch einmal. Und noch einmal. Jeder Kuss war voller Zuneigung, als wollte sie die Worte, die ihr fehlten, auf diese Weise sagen. Schließlich rückte sie näher und setzte sich auf Minervas Schoß. Ganz selbstverständlich, als wäre genau dort ihr Platz. Ihre Finger glitten durch Minervas silbernes Haar, strichen über ihre Wange und blieben schließlich an ihrem Hals liegen. Minerva legte beide Hände an ihre Taille und hielt sie fest. Hermine lächelte schwach.
„Ich will dich einfach lieben dürfen.“
Der Satz war leise, ohne Wut. Es war genau das, was sie in diesem Moment fühlte. Ihre Stirn lehnte gegen Minervas.
„Ich will nach einer langen Woche bei dir sein.“
Ihre Finger spielten mit einer silbernen Haarsträhne.
„Mit dir reden, mit dir lachen und einfach vergessen, was draußen alles auf uns wartet.“
Minervas Blick wurde weich. So weich, dass Hermine ihn kaum ertragen konnte.
„Das möchte ich auch.“
Hermine lächelte. Dann küsste sie sie erneut. Diesmal etwas länger. Minerva erwiderte den Kuss und zog sie dabei ein wenig näher. Als sie sich wieder voneinander lösten, blieben sie eng beieinander sitzen. Der Wein war längst vergessen. Das Feuer brannte ruhig im Kamin. Draußen lag Hogwarts unter einer kalten Winternacht, doch hier drinnen war es warm und sicher. Für einen kleinen Augenblick konnten sie beide einfach vergessen, dass die Welt ihnen ständig Steine in den Weg legte. Sie mussten nichts lösen, keine Pläne schmieden, keine Entscheidungen treffen. Sie konnten einfach beieinander sein und das brauchten sie beide an diesem Abend am meisten.
Hermine strich sanft über Minervas Wange und blieb einen Moment einfach sitzen, um sie anzusehen. Das warme Licht des Kamins spiegelte sich in Minervas Augen und für einen Augenblick schien die ganze Welt draußen nicht zu existieren. Hermine lächelte und begann spielerisch an den Knöpfen von Minervas Kleid herumzunesteln. Minerva beobachtete sie amüsiert.
„Du bist dir deiner Sache ja ausgesprochen sicher.“
Hermine grinste.
„Ja. So müde kannst du gar nicht sein, um eine Nacht mit mir auszuschlagen.“
Die Antwort kam so selbstverständlich, dass Minerva lachen musste.
„Ach wirklich?“
„Natürlich.“
Hermine lehnte sich vor und gab ihr einen kurzen Kuss auf die Stirn.
„Du denkst zu viel nach und du brauchst dringend einen ruhigen Abend.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ist das eine Diagnose?“
„Eine sehr fachkundige sogar.“
Das brachte Minerva erneut zum Lachen. Sie strich Hermine eine Locke hinter das Ohr und ließ ihre Hand anschließend in ihrem Haar ruhen. Eine vertraute Geste. Eine, die Hermine sofort die Augen schließen ließ.
„Siehst du?“, murmelte Minerva. „Du genießt das genauso wie ich.“
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
Minervas Griff in Hermines Haaren wurde ein wenig fester. Die junge Frau lachte auf.“
„Na gut, du hast gewonnen. Ich genieße es sehr.“
Minerva schüttelte lächelnd den Kopf. Dann zog sie Hermine einfach näher zu sich. Hermine kuschelte sich an sie und legte den Kopf an ihre Schulter. Für eine Weile sprachen sie nicht mehr. Minerva küsste sanft Hermines Haar.
„Danke.“
Hermine hob den Kopf.
„Wofür?“
Minerva dachte einen Moment nach.
„Dafür, dass du geblieben bist.“
Sofort wurde Hermines Blick weicher. Sie nahm Minervas Hand.
„Immer.“
Minerva lächelte. Hermine zog eine skeptische Grimasse.
„Das klingt verdächtig nach einem Gesprächsende.“
Bevor Minerva darauf antworten konnte, stand Hermine plötzlich auf und zog Minerva kurzerhand mit sich hoch.
„Hermine!“
Minerva lachte überrascht.
„Was wird das denn?“
Hermine sah sie an, als wäre die Antwort vollkommen offensichtlich.
„Wir setzen diesen Abend fort.“
„Ach wirklich?“
„Natürlich.“
Sie verschränkte ihre Finger mit Minervas.
„Und zwar nicht mehr auf dem Sofa.“
Minerva hob belustigt eine Augenbraue.
„Hast du etwa einen Plan?“
„Mehr oder weniger.“
„Das macht mir Sorgen.“
„Zu spät.“
Hermine trat näher und küsste sie noch einmal sanft. Minerva erwiderte den Kuss lächelnd. Die Müdigkeit war noch immer da, aber sie fühlte sich inzwischen leichter an.
„Komm.“
Hermine zog leicht an ihrer Hand.
„Für heute haben wir genug über Featherstone, das Ministerium und Prüfungen gesprochen.“
„Da stimme ich ausnahmsweise zu.“
„Ausnahmsweise?“
„Nun, irgendjemand muss hier vernünftig bleiben.“
Hermine lachte.
„Das sagt die Frau, die sich gerade von ihrer Freundin ins Schlafzimmer entführen lässt.“
„Ein berechtigter Einwand.“
Gemeinsam gingen sie durch die Wohnung. Die Finger ineinander verschränkt. Als sie die Schlafzimmertür erreichten, blieb Minerva kurz stehen. Sie betrachtete Hermine. Seit langem sah sie die junge Frau wieder richtig an. Dieses warme Lächeln, die funkelnden Augen. Das war die Frau, die sie liebte. Dann hob sie eine Hand und strich ihr zärtlich eine Locke aus dem Gesicht.
„Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“
Hermines Lächeln wurde sofort weicher.
„Ich hoffe doch, du liebst mich sehr.“
„Das kannst du annehmen.“
„Und du?“
Minerva lächelte.
„Ich hoffe dasselbe.“
Hermine küsste sie noch einmal langsam und liebevoll. Hand in Hand verschwanden sie schließlich im Schlafzimmer, während draußen der Schnee weiter leise gegen die Fenster fiel und Hogwarts für eine Nacht zur Ruhe kam.
In einem anderen Teil des Schlosses war von Wärme, Geborgenheit oder Liebe nichts zu spüren. Edmund Featherstone saß allein in seiner Wohnung. Ein Glas Feuerwhisky ruhte in seiner Hand. Vor ihm knisterte das Kaminfeuer. Auf dem kleinen Tisch lag sein Notizbuch. Das Notizbuch, dessen Verlust ihn noch vor wenigen Tagen in Panik versetzt hatte. Jetzt war es wieder dort, wo es hingehörte und Featherstone fühlte sich wieder wie derjenige, der die Kontrolle hatte. Langsam nahm er einen Schluck. Dann blätterte er durch seine Notizen mit seinen bisherigen Plänen, seinen Beobachtungen, den Theorien über Minerva und schließlich schlug er das Buch zu.
„Nein.“
Er sprach das Wort laut aus. Die bisherige Strategie hatte ihn nicht weit gebracht. Monatelang hatte er versucht, Beweise für eine Beziehung zwischen McGonagall und Granger zu finden. Monatelang. Und was hatte er erreicht? Nichts. Er hatte nur Vermutungen und Beobachtungen, aber keine Beweise. Das Einzige, was er hatte, waren Fotos, doch da waren Hermine und Minerva schneller gewesen. Er hatte nichts, was vor dem Ministerium Bestand gehabt hätte. Er stellte sein Glas ab. Langsam begann ein neues Lächeln auf seinem Gesicht zu erscheinen. Ein deutlich gefährlicheres.
„Dann eben anders.“
Sein Blick fiel auf einen leeren Bogen Pergament. Er zog ihn zu sich heran und begann zu schreiben. Nicht Minerva würde sein nächstes Ziel. Es war Hermine. Das war die Schwachstelle. Nicht die Beziehung zwischen den beiden, sondern die Ausbildung. Featherstone musste widerwillig zugeben, dass Hermine talentiert war. Sehr talentiert sogar. Die Schüler mochten sie, Kollegen respektierten sie und ihre Leistungen waren ausgezeichnet, aber genau deshalb würde ihr ein Scheitern umso mehr schaden und Minerva gleich mit. Langsam notierte er seine Gedanken. Er dachte an Hermines Prüfungen und die Beurteilungen. Sein Lächeln wurde breiter, denn plötzlich sah er einen Weg.
Wenn Hermine scheiterte… Wenn ihre Leistungen plötzlich schlechter erschienen… Wenn Zweifel an ihrer Eignung aufkämen… Dann wäre Minerva gezwungen zu reagieren und genau dort lag die Falle. Wenn Minerva streng handelte, verlor sie Hermine, wenn sie nicht handelte, konnte man ihr Befangenheit vorwerfen. Featherstone lehnte sich zufrieden zurück.
„Ganz gleich, was sie tut.“
Er nahm sein Glas wieder auf.
„Sie verliert.“
Zumindest glaubte er das. Er stellte sich bereits vor, wie die ersten Berichte beim Ministerium landeten, wie Fragen gestellt wurden, wie Zweifel aufkamen, wie sich die Aufmerksamkeit langsam auf McGonagalls Entscheidungen richtete und je länger er darüber nachdachte, desto überzeugter war er von seinem Plan, denn diesmal brauchte er keine Liebesgeschichte, Gerüchte oder Vermutungen. Er brauche nur eine junge Lehrerin, Prüfungen und genügend Zweifel.
Draußen schlug der Wind gegen die Fenster. Featherstone bemerkte es kaum. Er saß da, zufrieden mit sich selbst und seinem neuen Plan. Was er nicht wusste:
Hermine Granger war vielleicht die letzte Person in Hogwarts, die man unterschätzen sollte und Minerva McGonagall war nicht bereit, tatenlos zuzusehen, wenn jemand versuchte, ihrer Referendarin zu schaden, doch davon ahnte Featherstone in diesem Moment noch nichts.