Kleine Fallen
Kleine Fallen
Der Januar war schließlich vergangen. Viel schneller, als Hermine lieb gewesen war. Die Wochen im Zaubertrankunterricht mit Horace waren angenehm gewesen. Produktiv, fast schon friedlich. Natürlich war es viel Arbeit, aber Horace hatte ihr vertraut, sie unterstützt, sie selbstständig unterrichten lassen und Hermine hatte gespürt, wie sehr sie in ihrer Rolle als Lehrerin aufblühte, doch nun begann der Februar. Und das bedeutete Verwandlung. Es bedeutete Featherstone. Schon beim Frühstück war Hermine ungewöhnlich still. Sie stocherte mehr in ihrem Essen herum, als dass sie wirklich etwas aß. Minerva bemerkte es sofort. Natürlich bemerkte sie es. Als die anderen gerade beschäftigt waren, beugte sie sich leicht zu ihr.
„Du wirst das schaffen.“
Hermine schnaubte leise.
„Das sagst du so leicht.“
„Nein.“
Minerva sah sie ruhig an.
„Ich sage es, weil es wahr ist.“
Hermine erwiderte ihren Blick. Für einen Moment half das tatsächlich. Ein wenig.
„Er wird versuchen, mich zu provozieren.“
„Ja.“
„Er wird nach Fehlern suchen.“
„Ja.“
„Er wird mich wahnsinnig machen.“
„Sehr wahrscheinlich.“
Das brachte Hermine trotz allem zum Lächeln. Minerva lächelte ebenfalls.
„Dann gib ihm nicht, was er will.“
Hermine nickte langsam.
„Ich versuche es.“
„Nein.“ Minerva wurde etwas ernster. „Du schaffst es.“
Diese Gewissheit in ihrer Stimme half mehr, als Hermine zugeben wollte.
Wenig später stand sie schließlich im Verwandlungsklassenzimmer und schon beim ersten Blick auf Featherstone wusste sie, dass Minerva recht gehabt hatte. Er wartete wie ein Jäger. Die Stunde begann zunächst scheinbar normal. Zumindest für die Schüler. Für Hermine nicht, denn bereits nach wenigen Minuten bemerkte sie die ersten kleinen Fallen - Unvollständige Informationen, absichtlich missverständliche Anweisungen, Fragen, die genau in dem Moment gestellt wurden, in dem sie eine Erklärung geben wollte und immer wieder Unterbrechungen. Ständige Unterbrechungen.
„Miss Granger.“
„Ja, Professor?“
„So würde ich das nicht formulieren.“
Wenige Minuten später:
„Miss Granger.“
„Ja?“
„Sie haben einen wichtigen Aspekt vergessen.“
Und später:
„Nein, nein. Lassen Sie mich das korrigieren.“
Es war subtil. Für Außenstehende wirkte es vermutlich wie normale Betreuung. Wie ein Mentor, der eine Referendarin unterstützt. Hermine erkannte jedoch genau, was er tat und Featherstone wusste, dass sie es erkannte. Genau das machte es so unerträglich. Mit jeder Unterbrechung spannten sich ihre Schultern etwas mehr an. Mit jeder Kritik musste sie sich stärker beherrschen und Featherstone bemerkte das. Natürlich bemerkte er es. Er beobachtete jede Reaktion. Jedes Zucken und jeder Blick wurde registriert. Er wartete darauf, dass sie die Beherrschung verlor, dass sie widersprach oder explodierte, doch Hermine dachte an Minerva. An das Gespräch beim Frühstück.
'Gib ihm nicht, was er will.'
Also schluckte sie jede Bemerkung herunter.
„Verstanden, Professor.“
Oder:
„Natürlich, Professor.“
Und:
„Danke für den Hinweis, Professor.“
Die Worte schmeckten bitter, aber sie sprach sie trotzdem aus. Als die Stunde schließlich endete, war Hermine vollkommen erschöpft. Nicht körperlich, sondern emotional. Sie sammelte ihre Unterlagen ein. Ihre Hände zitterten leicht und während die Schüler den Raum verließen, bemerkte sie Featherstones zufriedenen Blick. Er hatte sein Ziel erreicht. Zwar noch nicht vollständig, aber er war auf einem sehr guten Weg. Er hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht und beide wussten es, doch was Featherstone nicht wusste:
Hermine war nicht nur stur, sondern wusste inzwischen auch, worauf er aus war und genau deshalb würde sie ihm nicht kampflos in die Falle laufen.
Nach der letzten Verwandlungsstunde verließ Hermine das Klassenzimmer mit ihren Unterlagen fest an die Brust gedrückt. Sie verabschiedete sich höflich von den letzten Schülern. Dann ging sie, ohne sich umzudrehen oder Featherstone noch einmal anzusehen. Sie wollte einfach nur weg.
Währenddessen blieb Featherstone noch einige Minuten allein im leeren Klassenzimmer zurück und zum ersten Mal an diesem Tag lächelte er offen. Vor ihm lagen seine Notizen. Mehrere Seiten voll mit Bemerkungen, Kritikpunkten und Beobachtungen. Natürlich waren viele davon bewusst zu seinen Gunsten formuliert. Er hatte genau darauf hingearbeitet. Er hatte Hermine immer wieder unterbrochen. Er hatte ihre Erklärungen zerschnitten, bevor sie sie vollständig ausführen konnte. Er hatte Fragen gestellt, die den Eindruck erwecken mussten, sie sei unsicher und jedes Mal, wenn sie versuchte, den Faden wieder aufzunehmen, hatte er sie erneut ausgebremst. Das Ergebnis war genau das gewesen, was er gewollt hatte. Ein Unterricht, der unruhiger und unsicherer wirkte. Sogar einige Schüler hatten das bemerkt. Nicht bewusst, aber sie hatten das Klassenzimmer verwirrter verlassen als gewöhnlich, denn Hermine war sonst klar, strukturiert und selbstsicher. Heute dagegen war ständig jemand dazwischengegangen. Ständig war etwas korrigiert worden und Featherstone wusste genau, welchen Eindruck das hinterließ. Zufrieden schrieb er einen weiteren Satz auf sein Pergament. Dann legte er die Feder beiseite. Der erste Schritt war gemacht und aus seiner Sicht war er erfolgreich gewesen.
Zur gleichen Zeit hatte sich Hermine bereits in ihre Wohnung zurückgezogen. Kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, ließ sie ihre Unterlagen auf den Tisch sinken. Dann sank sie selbst auf das Sofa. Erschöpft, frustriert und vor allem enttäuscht von sich selbst. Sie starrte auf den Kamin, ohne ihn wirklich zu sehen. Immer wieder spielte sich die Stunde vor ihrem inneren Auge ab. Besonders die Momente, in denen Featherstone eingegriffen hatte und je länger sie darüber nachdachte, desto schlimmer wurde es, denn Hermine kannte die Wahrheit nicht. Sie wusste nicht, dass Featherstone das Ganze bewusst gesteuert hatte. Sie wusste nicht, dass er gezielt Situationen geschaffen hatte, in denen sie schlecht aussehen musste. Also zog sie den einzigen Schluss, der für sie logisch erschien:
Sie hatte versagt.
Der Gedanke traf sie hart. Besonders hart, weil sie sich so viel Mühe gegeben hatte, weil ihr der Unterricht wichtig war, weil ihr ihre Ausbildung wichtig war und weil die Prüfungen immer näher rückten. Hermine schloss die Augen. Vielleicht hatte Featherstone recht. Der Gedanke war kaum ausgesprochen, da hasste sie ihn bereits, aber er war da.
'Vielleicht bin ich doch nicht so gut, wie alle glauben.'
Sie zog die Beine an die Brust und zum ersten Mal seit langer Zeit begann sie ernsthaft an sich selbst zu zweifeln. Nicht an ihrer Intelligenz oder ihrem Wissen, sondern daran, ob sie wirklich die Lehrerin war, für die Minerva sie hielt und das war ein Zweifel, der deutlich tiefer ging als jeder schlechte Unterrichtstag.
Am späten Nachmittag hielt Hermine es in ihrer Wohnung nicht mehr aus. Die Gedanken drehten sich im Kreis. Je länger sie dort saß, desto schlimmer wurde alles. Also zog sie ihren Mantel an und verließ das Schloss. Die kalte Februarluft schlug ihr entgegen. Normalerweise hätte sie den Spaziergang genossen. Heute bemerkte sie die verschneiten Ländereien kaum. Sie lief einfach. Ohne Ziel. Ohne wirklich darauf zu achten, wohin ihre Füße sie trugen und wenn sie ehrlich zu sich war, hatte der Spaziergang noch einen zweiten Grund.
Minerva.
Sie wusste, dass Minerva früher oder später nach ihr suchen würde. Sie würde fragen, wie der erste Tag gelaufen war und Hermine wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie wollte diesen Blick nicht sehen. Diesen Moment, in dem Minerva erkennen würde, dass ihre brillante Referendarin einen miserablen Start hingelegt hatte. Allein der Gedanke tat weh.
„Hermine?“
Hermine blieb stehen. Pomona kam ihr auf einem der Wege entgegen. Mit dicken Handschuhen, einem Schal und einem Korb voller Pflanzenproben.
„Hallo Pomona.“
Pomona musterte sie nur kurz. Dann wusste sie bereits genug.
„Oh.“
Hermine schnaubte.
„Ist es so offensichtlich?“
„Ein wenig.“
Pomona stellte den Korb ab.
„Spaziergang gegen schlechte Laune?“
„Eher gegen Selbstmitleid.“
Das brachte Pomona zum Schmunzeln. Gemeinsam gingen sie langsam weiter. Eine Weile sprach Hermine gar nicht. Dann platzte es doch aus ihr heraus. Der Unterricht, die Unterbrechungen, die Fehler, ihre Unsicherheit und schließlich die Überzeugung, vollkommen versagt zu haben. Pomona hörte geduldig zu, bis Hermine geendet hatte. Dann blieb sie stehen.
„Hermine, so etwas passiert.“
„Nicht mir.“
„Doch.“
„Nein.“
Pomona verdrehte die Augen.
„Du bist wirklich anstrengend, wenn du an dir zweifelst.“
Hermine musste trotz allem kurz lachen.
„Danke.“
„Das war nicht als Kompliment gedacht.“
„Zu spät.“
Pomona schüttelte den Kopf. Dann wurde sie wieder ernst.
„Jeder Lehrer hat schlechte Stunden.“
Hermine wirkte skeptisch.
„Jeder?“
„Jeder.“
„Das glaube ich nicht.“
„Dann kennst du uns noch nicht lange genug.“
Jetzt musste Hermine tatsächlich lächeln. Pomona fuhr fort:
„Du hattest einen schlechten Tag. Nicht mehr und nicht weniger und in den nächsten Tagen wird es besser laufen.“
Hermine antwortete nicht. Sie war nicht überzeugt. Pomona bemerkte das natürlich.
„Hast du mit Minerva darüber gesprochen?“
Sofort schüttelte Hermine den Kopf.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich nicht möchte, dass sie davon erfährt.“
Pomona blieb abrupt stehen.
„Was?“
„Ich möchte nicht, dass sie enttäuscht ist.“
Für einen Moment sah Pomona sie einfach nur an. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck erstaunlich weich.
„Oh, Hermine.“
„Was?“
„Du bist wirklich hoffnungslos verliebt.“
Hermine wurde rot.
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Nein.“ Pomona lächelte. „Aber es erklärt sie.“
Sie gingen weiter.
„Bitte sag ihr nichts davon.“
„Ich werde Minerva nichts sagen.“
Hermine atmete erleichtert aus.
„Danke.“
„Trotzdem halte ich das für eine schlechte Idee.“
Hermine wusste sofort, dass sie recht hatte und genau deshalb wollte sie das Thema nicht hören.
„Pomona…“
„Nein.“
Diesmal war Pomona die Hartnäckige.
„Wenn du glaubst, dass Minerva McGonagall ihre Meinung über dich wegen eines schlechten Unterrichtstages ändert, dann bist du verrückter als ich dachte.“
Hermine senkte den Blick.
„Es geht nicht darum.“
„Worum dann?“
„Ich…“
Sie brach ab, weil sie die Antwort selbst nicht richtig formulieren konnte. Schließlich sagte sie leise:
„Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie enttäuscht von mir wäre.“
Pomona blieb wieder stehen. Diesmal sagte sie lange nichts. Dann legte sie Hermine eine Hand auf die Schulter.
„Mein Kind.“
Ihre Stimme war ungewöhnlich sanft.
„Wenn es einen Menschen in diesem Schloss gibt, der nicht von dir enttäuscht sein wird, dann ist es Minerva.“
Hermine spürte, wie ihr die Kehle eng wurde.
„Du verstehst nicht.“
„Doch.“
Pomona lächelte traurig.
„Ich glaube, ich verstehe sehr gut.“
Und genau das machte ihre Worte so schwer zu ignorieren. Hermine sagte eine ganze Weile nichts. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen, während sie neben Pomona herging. Immer wieder dachte sie über deren Worte nach und je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger gefielen sie ihr. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie möglicherweise recht hatten.
„Du schaust gerade so, als würdest du mit dir selbst streiten.“
Hermine seufzte.
„Tue ich wahrscheinlich auch.“
Pomona schmunzelte.
„Das dachte ich mir.“
Wieder einige Schritte Schweigen. Dann fragte Hermine leise:
„Glaubst du wirklich, dass sie nicht enttäuscht wäre?“
Pomona blieb nicht einmal stehen. Die Antwort kam sofort.
„Ja.“
„So sicher?“
„Absolut.“
Hermine zog ihren Mantel enger um sich.
„Warum?“
Pomona warf ihr einen Seitenblick zu.
„Weil ich Minerva kenne.“
„Und?“
„Und weil ich seit Wochen zusehe, wie sie dich ansieht.“
Sofort wurde Hermine rot.
„Pomona.“
„Was denn?“
„Lass das.“
„Nein.“
Pomona grinste sogar.
„Nicht bei diesem Thema.“
Hermine stöhnte leise auf.
„Ihr seid alle furchtbar.“
„Hermine.“
„Hm?“
„Minerva misst deinen Wert nicht an einer Unterrichtsstunde.“
Die Worte trafen sie unerwartet.
„Sie misst ihn nicht an einer Prüfung und auch nicht an einem Fehler.“
Hermine sah auf den Weg vor sich.
„Trotzdem.“
„Trotzdem nichts.“
Pomona verschränkte die Arme.
„Du glaubst gerade, dass du heute versagt hast.“
„Habe ich auch.“
Pomona zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht war die Stunde tatsächlich nicht gut.“
Hermine blinzelte. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Aber weißt du, was der Unterschied zwischen guten und schlechten Lehrern ist?“
„Was?“
„Gute Lehrer glauben nach einer schlechten Stunde nicht, dass sie schlechte Lehrer sind.“
Hermine dachte darüber nach. Lange.
„Und schlechte Lehrer?“
„Die geben anderen die Schuld.“
Darauf wusste Hermine nichts zu antworten. Pomona lächelte.
„Du stehst hier und machst dich fertig, weil du glaubst, etwas falsch gemacht zu haben.“
„Ja.“
„Das spricht eher für dich als gegen dich.“
Langsam blieb Hermine stehen. Sie blickte zurück zum Schloss. Die Türme ragten dunkel gegen den Abendhimmel auf. Irgendwo dort oben war Minerva. Vermutlich arbeitete sie noch oder suchte bereits nach ihr. Der Gedanke verursachte sofort ein schlechtes Gewissen. Pomona bemerkte ihren Blick.
„Du solltest mit ihr reden.“
Hermine schloss die Augen.
„Ich weiß.“
„Wirst du es tun?“
Darauf antwortete Hermine nicht sofort, denn ein Teil von ihr wollte immer noch fliehen. Noch einen Abend warten. Noch einen Tag. Vielleicht bis sie etwas Positives berichten konnte. Bis sie wieder die Hermine war, die Minerva kannte, doch ein anderer Teil wusste, dass das Unsinn war. Minerva hatte sie nie nur in ihren guten Momenten geliebt. Langsam atmete Hermine aus.
„Wahrscheinlich.“
Pomona lächelte zufrieden.
„Gut.“
„Versprich dir nicht zu viel.“
„Zu spät.“
Hermine verdrehte die Augen, aber diesmal musste sie lächeln und zum ersten Mal seit dem Ende der Verwandlungsstunde fühlte sich die Last auf ihren Schultern ein kleines bisschen leichter an. Vielleicht gerade genug, um den Weg zurück ins Schloss anzutreten.
Aus einem schlechten Tag wurden mehrere. Nicht, weil Hermine tatsächlich schlechter unterrichtete, sondern weil Featherstone seinen Plan konsequent fortsetzte. Jede Stunde brachte neue kleine Sticheleien. Neue Unterbrechungen. Neue Situationen, in denen er sie vor Schülern korrigierte oder ihre Erklärungen infrage stellte. Nie offen genug, um eindeutig böswillig zu wirken, aber dauerhaft genug, um Wirkung zu zeigen und die Wirkung zeigte sich. Nicht zuerst im Unterricht, sondern bei Hermine. Sie begann früher aufzustehen, länger an ihren Unterrichtsplänen zu arbeiten. Sie überprüfte jede Erklärung mehrfach, kontrollierte jedes Detail und versuchte jede mögliche Frage der Schüler vorzubereiten. Sie versuchte, perfekt zu sein, denn wenn sie perfekt war, konnte Featherstone nichts finden. So jedenfalls dachte sie, doch genau das Gegenteil geschah. Je mehr Druck sie sich machte, desto unsicherer wurde sie und je unsicherer sie wurde, desto leichter konnte Featherstone sie aus dem Gleichgewicht bringen. Ein Teufelskreis, den Hermine selbst nicht bemerkte. Minerva dagegen schon. Sie bemerkte die dunklen Schatten unter Hermines Augen, die Müdigkeit, die Gereiztheit, die Art, wie sie sich immer häufiger zurückzog und vor allem bemerkte sie, dass Hermine ihr auswich.
Abends saßen sie oft zusammen auf dem Sofa vor dem Kamin, doch etwas hatte sich verändert.
„Wie war dein Tag?“
Eine völlig normale Frage. Eine Frage, die Minerva seit Monaten stellte. Früher hatte Hermine sofort erzählt, aber jetzt nicht mehr.
„Ganz normal.“
„Und Verwandlung?“
„Auch normal.“
Minerva runzelte dann meist die Stirn, denn Hermine klang dabei alles andere als normal.
An einem Abend hielt sie es schließlich nicht mehr aus.
„Hermine.“
„Hm?“
„Du arbeitest zu viel.“
Sofort spannte sich die junge Hexe an.
„Ich arbeite genau richtig.“
„Nein.“
„Doch.“
Minerva schwieg kurz.
„Du schläfst kaum noch.“
„Das stimmt nicht.“
„Hermine.“
„Was denn?“
Die Antwort kam schärfer als beabsichtigt. Sofort entstand Stille. Hermine bemerkte ihren Tonfall. Minerva ebenfalls.
„Entschuldige bitte.“
Hermine sah weg.
„Schon gut.“
Aber nichts war gut. Das wussten beide und genau das machte es so schwierig, denn Minerva spürte, dass etwas nicht stimmte. Sie wusste nur nicht was. Während Hermine verzweifelt versuchte, die Wahrheit zu verstecken. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Angst. Angst davor, dass Minerva erfahren könnte, wie schlecht es lief, Angst davor, ihre Erwartungen nicht zu erfüllen und mit jedem Tag wurde diese Angst größer. Die Stimmung zwischen ihnen wurde angespannter. Nicht laut oder offen feindselig, aber spürbar.bKleine Pausen in Gesprächen, unausgesprochene Fragen, Blicke, die zu lange aufeinander ruhten. Minerva wartete geduldig, weil sie Hermine kannte und weil sie wusste, dass Druck alles nur schlimmer machen würde, doch innerlich begann sie sich Sorgen zu machen. Große Sorgen. Denn die Hermine, die jeden Abend neben ihr saß, wirkte immer weniger wie die junge Frau, die vor wenigen Wochen aus dem Fuchsbau zurückgekehrt war und Minerva wusste nicht, wer oder was ihr diese Freude langsam nahm.
Zwei Wochen. Zwei lange Wochen hatte Minerva zugesehen. Zugesehen, wie Hermine sich immer weiter zurückzog. Wie sie schlechter schlief. Wie sie immer erschöpfter wirkte. Wie ihre Antworten kürzer wurden. Und wie jede Frage nach ihrem Unterricht inzwischen beinahe automatisch zu Streit führte. Minerva hatte Geduld gehabt. Mehr Geduld, als viele ihr zugetraut hätten, weil sie wusste, dass Hermine manchmal Zeit brauchte und weil sie wusste, dass Druck selten half, aber irgendwann war ein Punkt erreicht und dieser Punkt kam an einem Freitagabend. Hermine war gerade dabei, ihre Tasche zu nehmen. Sie wollte zurück in ihre Wohnung. Wie in den letzten Tagen auch. Nicht weil sie Minerva nicht liebte, sondern weil sie erschöpft war und sie nicht wollte, dass Minerva sah, wie sehr sie gerade kämpfte.
„Nein.“
Hermine blieb überrascht stehen. Minerva stand entschlossen zwischen ihr und der Tür.
„Minerva?“
„Nein.“
Wieder dieses Wort - ruhig und fest.
„Nicht heute.“
Hermine spürte sofort, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Wovon sprichst du?“
„Du weißt genau, wovon ich spreche.“
Stille. Minerva verschränkte die Arme.
„Ich lasse dich heute nicht gehen, bevor du mir sagst, was los ist.“
Sofort ging Hermine innerlich in Abwehrhaltung.
„Nichts ist los.“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Hermine.“
„Was denn?“, fuhr Hermine Minerva gereizt an.
„Bitte.“
Das traf Hermine härter als jede scharfe Antwort, denn Minerva klang nicht verärgert. Sie klang verletzt.
„Seit zwei Wochen schiebst du mich weg.“
Hermine öffnete den Mund.
„Das tue ich nicht.“
„Doch.“
Die Antwort kam sofort.
„Du gehst mir aus dem Weg, ziehst dich zurück, schläfst kaum noch und du reagierst gereizt auf alles, was ich sage.“
Jeder Satz traf, weil er stimmte.
„Und jedes Mal, wenn ich nach deinem Unterricht frage, machst du dicht.“
Hermine sah weg. Minerva bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es.
„Es hat mit Verwandlung zu tun.“
Keine Frage. Es war eine Feststellung. Hermine schwieg und genau dieses Schweigen genügte. Minerva atmete langsam aus.
„Was ist passiert?“
„Nichts.“
„Hermine.“
„Nichts!“
Die Antwort kam viel zu laut. Sofort bereute sie es. Minerva zuckte kaum sichtbar zusammen und plötzlich fühlte Hermine sich noch schlechter.
„Es tut mir leid.“
„Dann hör auf, mich wegzustoßen.“
Die Worte waren leise und genau deshalb taten sie weh. Hermine schloss die Augen.
„Ich kann nicht.“
„Warum?“
Wieder Schweigen. Minerva trat einen Schritt näher.
„Hermine.“ Ihre Stimme wurde sanfter. „Schau mich an.“
Langsam hob Hermine den Blick und was Minerva dort sah, ließ ihr Herz schwer werden. Angst. Echte Angst.
„Warum kannst du es mir nicht sagen?“
Hermine schluckte. Dann brach es endlich aus ihr heraus.
„Weil ich möchte, dass du stolz auf mich bist.“
Minerva starrte sie an.
„Was?“
Hermine wandte den Blick wieder ab. Tränen standen in ihren Augen.
„Ich möchte, dass du stolz auf mich bist.“
Ihre Stimme zitterte.
„Und wenn du erfährst, wie schlecht es läuft…“
Sie brach ab. Minerva starrte sie immer noch ungläubig an.
„Hermine.“
„Dann bist du enttäuscht.“
Jetzt liefen die ersten Tränen.
„Und ich könnte das nicht ertragen.“
Für einen Moment sagte Minerva gar nichts, weil sie nicht wusste, ob ihr Herz gerade brach oder stehen blieb. Dann trat sie direkt vor Hermine. Ganz nah.
„Schau mich an.“
Diesmal tat Hermine es und Minerva hob beide Hände an ihre Wangen.
„Hermine Granger.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Du könntest mich niemals enttäuschen.“
Hermine schüttelte sofort den Kopf.
„Doch.“
„Nein.“
„Minerva…“
„Nein.“
Jetzt war Minerva die Hartnäckige. Ihre Augen glänzten ebenfalls.
„Nicht so. Nicht wegen zehn Unterrichtstagen oder wegen einer Prüfung.“
Jedes Wort kam direkt aus ihrem Herzen.
„Weißt du, was mich enttäuscht?“
Hermine blinzelte. Minerva lächelte traurig.
„Dass du geglaubt hast, meine Liebe zu dir hängt von deiner Leistung ab.“
Der Satz traf Hermine wie ein Schlag und plötzlich verstand sie, warum Minerva so verletzt aussah. Nicht wegen der schlechten Stimmung oder der Geheimnisse, sondern weil Hermine wirklich geglaubt hatte, sie müsste perfekt sein, um geliebt zu werden und das war vielleicht die größte Lüge, die Featherstone ihr eingeredet hatte.
Als die ersten Worte einmal ausgesprochen waren, kam der Rest beinahe von selbst. Hermine erzählte alles. Von den ständigen Unterbrechungen, Fragen, Korrekturen, von dem Gefühl, nie einen Satz beenden zu können und schließlich von der Angst, dass all das in den Beurteilungen landen würde. Minerva hörte zu ohne sie zu unterbrechen oder sofort eine Lösung anzubieten. Einfach nur zuhörend. Je länger Hermine sprach, desto stiller wurde Minerva und das war meistens kein gutes Zeichen.
Als Hermine schließlich geendet hatte, herrschte für einen Moment Schweigen.
Dann sagte Minerva trocken:
„Die Berichte von Edmund dürften äußerst interessant aussehen.“
Hermine lachte nicht. Sie konnte nicht.
„Das ist es ja.“
Ihre Stimme wurde wieder leiser.
„Jede Beurteilung landet in meiner Akte.“
Minerva nickte.
„Ich weiß.“
„Und die Akte landet irgendwann auf deinem Schreibtisch.“
„Ja.“
„Und beim Ministerium.“
Wieder nickte Minerva.
„Ja.“
„Und diese Berichte beeinflussen meine Prüfung und meine Eignung als Lehrerin.“
Minerva betrachtete sie lange. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Dieses Problem lösen wir später.“
Hermine blinzelte.
„Später?“
„Ja.“
„Minerva…“
„Später.“
In ihrer Stimme lag plötzlich dieser Ton, den Hermine nur zu gut kannte. Der Ton, der keine Diskussion zuließ.
„Im Moment interessiert mich etwas anderes.“
„Was?“
Minerva legte eine Hand an ihre Wange.
„Dass du aufhörst, an dir zu zweifeln.“
Hermine wollte widersprechen. Minerva kam ihr zuvor.
„Nein. Hör mir zu.“
Ihre Stimme war ruhig.
„Ich kenne deine Unterrichtsvorbereitungen. Ich kenne dein Wissen. Ich kenne deine Arbeit mit den Schülern und ich weiß, was für eine Lehrerin du bist.“
Hermine senkte den Blick.
„Offensichtlich nicht.“
„Doch. Ganz offensichtlich sogar.“
Die Entschlossenheit in Minervas Stimme ließ Hermine aufsehen.
„Du kannst das und zwar besser, als du gerade glaubst.“
Für einen Moment sagte Hermine nichts. Dann liefen ihr erneut Tränen über die Wangen.
„Es tut mir leid.“
Minervas Gesicht wurde weicher.
„Wofür?“
„Dass ich es dir nicht gesagt habe. Ich hätte ehrlich sein sollen.“
Minerva lächelte traurig.
„Ja.“
Hermine blinzelte überrascht.
„Ja?“
„Ja.“
Das brachte ihr tatsächlich ein kleines Lachen. Minerva strich ihr eine Locke aus dem Gesicht.
„Weil ich dich liebe.“
Die Worte kamen ganz selbstverständlich.
„Und weil ich möchte, dass du ehrlich zu mir bist.“
Hermine schloss kurz die Augen. Dann nickte sie.
„Ich werde es versuchen. Versprochen.“
„Gut.“
Minerva küsste ihre Stirn.
„Das genügt mir.“
Hermine rückte näher. Ganz automatisch. Zum ersten Mal seit Wochen und Minerva bemerkte es sofort. Diese kleine Bewegung. Dieses Nachgeben. Dieses Zurückkommen. Es war, als würde Hermine endlich wieder aufhören, allein gegen alles kämpfen zu wollen. Innerlich jedoch kochte Minerva. Sie ließ sich nichts anmerken. Nicht einen Moment, doch längst hatte sich in ihrem Kopf ein Verdacht festgesetzt.
Nein. Nicht nur ein Verdacht. Eine Überzeugung. Sie kannte Hermine, kannte ihre Stärken und Schwächen, ihre Art zu unterrichten und nichts von dem, was Hermine beschrieben hatte, klang nach einem Problem mit Hermine. Es klang nach einem Problem namens Edmund Featherstone. Minerva dachte an die Notizen, seine Pläne, seine Besessenheit und plötzlich ergab vieles Sinn.
'Du hinterhältiger kleiner Mistkerl.'
Der Gedanke war so untypisch für Minerva, dass sie beinahe selbst darüber erschrak, doch sie verdrängte ihn sofort. Jetzt ging es nicht um Featherstone oder seine Intrigen. Jetzt ging es um Hermine. Um die Frau in ihren Armen, die endlich wieder Nähe suchte und endlich wieder ehrlich war. Sie brauchte gerade mehr Trost als einen weiteren Kampf. Also zog Minerva sie einfach näher zu sich und während Hermine den Kopf an ihre Schulter legte, beschloss Minerva still für sich:
Das Thema Featherstone würde sie später behandeln, aber ganz sicher nicht vergessen.
Minerva strich Hermine langsam über den Rücken. Ganz gleichmäßig. Sie spürte, wie die Anspannung in Hermines Körper noch immer da war. Nicht mehr ganz so heftig wie vor einer halben Stunde, aber sie war noch da.
„Weißt du“, sagte Minerva schließlich leise, „es gibt etwas, das mich gerade beschäftigt.“
Hermine hob leicht den Kopf.
„Was denn?“
„Du hast mir erzählt, was Featherstone getan hat.“
„Ja.“
„Aber nicht ein einziges Mal hast du mir erzählt, was du gut gemacht hast.“
Hermine runzelte die Stirn.
„Weil es da nichts gab.“
Minerva schüttelte langsam den Kopf.
„Da ist sie wieder.“
„Wer?“
„Diese Stimme.“
Hermine sah sie fragend an.
„Diejenige, die dir einredet, dass alles, was du tust, falsch ist.“
Sie strich ihr sanft eine Locke hinter das Ohr.
„Vor drei Wochen bist du nach jeder Zaubertrankstunde hierher gekommen und hast mir begeistert erzählt, wie schön der Unterricht war.“
Hermine nickte schwach.
„Ja.“
„Hat sich dein Wissen in drei Wochen verändert?“
„Nein.“
„Hat sich deine Leidenschaft verändert?“
„Nein.“
„Hat sich dein Talent verändert?“
Hermine antwortete nicht. Minerva lächelte sanft.
„Nein“, antwortete Minerva nun für Hermine.
Sie legte einen Finger unter Hermines Kinn.
„Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Person, die neben dir im Unterricht steht.“
Dieser Satz ließ Hermine innehalten. Sie dachte darüber nach. Zum ersten Mal nicht darüber, was sie alles falsch gemacht hatte, sondern darüber, was tatsächlich anders war. Minerva beobachtete sie. Sie konnte beinahe sehen, wie Hermine die vergangenen Stunden im Kopf noch einmal durchging.
„Er…“
Hermine stockte.
„Er hat mich wirklich ständig unterbrochen.“
„Ja.“
„Und jedes Mal, wenn ich etwas erklären wollte…“
Sie hielt mitten im Satz inne. Minerva sagte nichts. Sie wartete.
„Ich…“
Hermine schloss kurz die Augen.
„Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich irgendwann nur noch darauf gewartet habe, dass er mich wieder unterbricht.“
Minerva nickte kaum sichtbar.
„Genau.“
„Ich habe überhaupt nicht mehr unterrichtet. Ich habe nur noch versucht, keinen Fehler zu machen.“
Minerva lächelte traurig.
„Und das ist ein großer Unterschied.“
Hermine ließ diese Erkenntnis einen Moment auf sich wirken. Sie war noch nicht bereit zu glauben, dass Featherstone sie bewusst sabotierte, aber zum ersten Mal stellte sie ihre eigene Wahrnehmung infrage. Nicht ihre Fähigkeiten, sondern die Situation.
„Vielleicht…“
Sie sprach das Wort zögerlich aus.
„Vielleicht war wirklich nicht alles meine Schuld.“
Minerva spürte, wie ihr Herz ein wenig leichter wurde.
„Nein.“
Sie küsste Hermine sanft auf die Stirn.
„Das war es nicht.“
Hermine schloss die Augen. Zum ersten Mal seit Beginn des Februars fühlte sie sich nicht mehr vollkommen allein mit ihren Zweifeln. Sie hatte sie ausgesprochen und Minerva hatte sie nicht bestätigt, sondern aufgefangen.
„Ich habe dich vermisst.“
Der Satz kam plötzlich und ganz leise. Minerva runzelte überrascht die Stirn.
„Ich war doch hier.“
„Ich weiß.“
Hermine lächelte traurig.
„Aber ich habe dich trotzdem vermisst.“
Sie schmiegte sich wieder an Minerva.
„Weil ich dich die ganze Zeit auf Abstand gehalten habe.“
Minerva zog sie etwas fester in ihre Arme.
„Dann holen wir die verlorene Zeit eben wieder auf.“
Hermine nickte.
„Ja.“
Und zum ersten Mal seit zwei Wochen saßen sie wieder einfach nur zusammen. Nicht als Schulleiterin und Referendarin. Nicht als zwei Frauen, die sich vor der Welt verstecken mussten. Sondern als zwei Menschen, die einander wiedergefunden hatten und die sich sehr liebten.