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Still, You Stayed — www.fanfiktion.de · All chapters

An deiner Seite

Hallo meine Lieben,

seid ihr noch bei mir? Es geht endlich weiter :) Leider hat das Korrekturlesen länger gedauert, als geplant... Ich wünsche euch ganz viel Spaß mit dem neuen Kapitel. Über ein Review freue ich mich wie immer sehr :D

Liebe Grüße M.

Die nächsten Tage verliefen erschreckend ähnlich. Jeden Morgen nahm Hermine sich vor, ruhig zu bleiben. Heute würde sie sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Heute würde sie sich nicht verunsichern lassen. Heute würde sie einfach unterrichten, doch kaum begann die Stunde, setzte Featherstone wieder an. Eine Bemerkung hier, eine Korrektur dort, eine scheinbar harmlose Nachfrage genau im falschen Moment. Für die Schüler wirkte es wie ein überkritischer Mentor. Für Hermine fühlte es sich an, als würde ihr ständig der Boden unter den Füßen weggezogen und zu all dem kam noch etwas, das sie sich nicht erklären konnte. Manche Zauber misslangen plötzlich. Nicht völlig, aber sie verliefen anders, als sie sollten. Ein Gegenstand verwandelte sich nur halb. Ein Demonstrationszauber flackerte kurz und verlor an Stabilität. Ein anderes Mal reagierte das Zielobjekt verzögert. Jedes Mal fing Hermine die Situation professionell auf. Sie erklärte ruhig, improvisierte und lächelte die Unsicherheit weg, doch innerlich wurde sie von Stunde zu Stunde kleiner. Was sie nicht bemerkte:

Während die Aufmerksamkeit der Klasse auf sie gerichtet war, ließ Featherstone seinen Zauberstab kaum sichtbar unter dem Ärmel hervorgleiten. Eine winzige Bewegung. Ein leiser, nonverbaler Zauber. Gerade stark genug, um Hermines Magie für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nicht auffällig, aber ausreichend, damit ihre Demonstrationen unzuverlässig wirkten.

Als die letzte Stunde des Tages endlich vorbei war, verabschiedete Hermine ihre Klasse mit einem Lächeln. Kaum hatte sich die Tür hinter den Schülern geschlossen, verschwand dieses Lächeln. Sie sammelte schweigend ihre Unterlagen ein. Featherstone sagte noch etwas, doch sie hörte kaum hin. Sie wollte einfach nur weg.

Als sie ihre Wohnung erreichte, schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Einen Moment blieb sie regungslos stehen. Dann ließ sie ihre Tasche achtlos auf den Boden fallen. Die Bücher rutschten heraus. Es war ihr egal. Sie ging ein paar Schritte, blieb stehen, atmete tief ein und plötzlich brach alles aus ihr heraus.

„Verdammt!“

Mit einer heftigen Bewegung fegte sie einen Stapel Pergamente vom Tisch. Sie segelten zu Boden. Hermine schlug sich beide Hände vors Gesicht.

„Warum?“

Ihre Stimme zitterte.

„Warum bekomme ich das nicht hin?“

Die Tränen kamen diesmal sofort. Sie versuchte nicht einmal mehr, sie zurückzuhalten.

„Ich kann das doch…“

Ihre Knie gaben nach. Sie sank auf den Teppich.

„Ich konnte das doch…“

Sie weinte. Nicht leise. Nicht kontrolliert. Sondern so, wie man nur weinte, wenn sich Frust und Erschöpfung viel zu lange angestaut hatten. Sie bemerkte nicht einmal das leise Aufflammen des Kamins. Nicht die vorsichtigen Schritte hinter ihr. Erst als sich zwei Arme sanft um sie legten, zuckte sie zusammen. Dann erstarrte sie. Sie erkannte den vertrauten Duft sofort und sah den schwarzen Stoff unter ihren Fingern durch ihre Tränen hindurch.

Minerva.

Hermine drehte sich nicht um. Sie musste es nicht. Stattdessen klammerte sie sich sofort an die schwarze Robe. So fest, als hätte sie Angst, Minerva könnte wieder verschwinden. Minerva sagte nichts.

Kein „Was ist passiert?“.

Kein „Beruhige dich.“

Sie kniete sich einfach hinter Hermine und hielt sie. Eine Hand ruhte beruhigend zwischen ihren Schulterblättern. Die andere strich langsam durch ihre Locken. Hermine vergrub das Gesicht an Minervas Schulter.

„Ich kann nicht mehr…“

Die Worte gingen beinahe in ihrem Schluchzen unter. Minerva schloss kurz die Augen. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie spürte, wie sehr Hermine zitterte. Wie sehr sie versuchte, sich zusammenzureißen und wie sie es einfach nicht mehr konnte. Also hielt sie sie nur noch fester.

„Du musst gerade auch nicht.“

Mehr sagte sie nicht, denn in diesem Moment brauchte Hermine keine Ratschläge, keine Lösungen und auch keine Erklärungen. Sie brauchte einfach nur jemanden, der sie auffing und genau das tat Minerva.

Hermine klammerte sich weiter an Minerva fest. So fest, dass sich ihre Finger in den Stoff der schwarzen Robe gruben und ihre Knöchel weiß wurden. Minerva ließ sie. Sie dachte nicht daran, sie loszulassen. Nicht heute. Nicht jetzt. Langsam glitt ihre Hand weiter über Hermines Rücken. Immer dieselbe beruhigende und gleichmäßige Bewegung. Wie ein Herzschlag. Nach und nach wurde Hermines Weinen leiser. Die Tränen hörten nicht auf, aber aus verzweifelten Schluchzern wurden einzelne, tiefe Atemzüge.

„Es tut mir leid“, flüsterte Hermine schließlich heiser.

Minerva zog leicht die Stirn kraus.

„Wofür entschuldigst du dich?“

„Ich…“

Hermine schluckte.

„Ich wollte nicht schon wieder zusammenbrechen.“

Minerva schüttelte sofort den Kopf.

„Hermine.“

Sie wartete, bis die junge Frau zu ihr aufsah. Ihre Augen waren gerötet, das Gesicht vom Weinen gezeichnet und trotzdem sah Minerva nur die Frau, die sie liebte.

„Du musst dich niemals dafür entschuldigen, dass du vor mir weinst.“

Hermine schloss kurz die Augen.

„Aber ich wollte stark sein.“

„Das bist du.“

„Nein.“

„Doch.“

Minervas Stimme war ruhig und wie immer unerschütterlich.

„Stark sein bedeutet nicht, niemals zu fallen.“

Sie strich Hermine eine feuchte Locke aus der Stirn.

„Es bedeutet, sich helfen zu lassen, wenn man nicht mehr allein aufstehen kann.“

Hermine sah sie lange an.

„Ich habe das Gefühl, jeden Tag ein bisschen schlechter zu werden.“

Minerva schwieg. Nicht, weil sie Hermine glaubte, sondern weil sie wusste, dass sich genau so Verzweiflung anfühlte. Sie verzerrte die Wirklichkeit.

„Erzähl mir von heute.“

Hermine seufzte.

„Es war wie immer.“

„Nein.“

Minerva schüttelte den Kopf.

„Erzähl mir alles.“

Minerva half Hermine auf und gemeinsam setzten sie sich auf das Sofa. Minervas Hände umschlossen sanft Hermines Finger. Nun begann Hermine zu erzählen. Sie schilderte jede Unterrichtsstunde, jede Unterbrechung, jede misslungene Demonstration und jeden Moment, in dem sie glaubte, versagt zu haben. Minerva hörte aufmerksam zu. Mit jeder Minute wurde ihr Blick ernster. Nicht wegen Hermine. Ihr ging etwas ganz anderes durch den Kopf. Als Hermine geendet hatte, fragte Minerva ganz ruhig:

„Sind die Zauber immer an derselben Stelle misslungen?“

Hermine runzelte die Stirn.

„Wie meinst du das?“

„Passiert es zufällig? Oder immer dann, wenn Featherstone unmittelbar neben dir steht oder eingreift?“

Hermine dachte lange nach.

„Ich… Ich weiß es nicht.“

„Versuch dich zu erinnern.“

Hermine schloss die Augen. Sie ging den Unterricht noch einmal im Kopf durch.

„Eigentlich…“

Sie stockte.

„Ich glaube… Nein. Er war nur manchmal in meiner Nähe.“

Minerva sagte nichts.

„Aber das kann doch Zufall sein.“

Minerva antwortete nicht sofort. Sie wollte Hermine nichts einreden und keine vorschnellen Schlüsse ziehen, doch in ihrem Inneren fügte sich ein weiteres Puzzleteil an seinen Platz. Die gezielten Unterbrechungen, die auffälligen Fehlschläge, der plötzliche Verlust von Hermines Selbstvertrauen.

'Nein', dachte Minerva. 'Das ist kein Zufall.'

Sie legte beide Hände um Hermines Gesicht.

„Hör mir gut zu.“

Hermine nickte schwach.

„Bis wir wissen, was wirklich passiert, wirst du dir nicht mehr allein die Schuld geben.“

„Aber…“

„Nein.“

Minervas Blick war fest.

„Ich verbiete dir nicht, kritisch mit dir selbst zu sein.“

Ein kleines Lächeln huschte trotz allem über ihre Lippen.

„Das könnte ich ohnehin nicht.“

Hermine schnaubte leise.

„Aber ich erlaube dir auch nicht mehr, jede Schwierigkeit automatisch als Beweis dafür zu sehen, dass du ungeeignet bist.“

Hermine lehnte ihre Stirn gegen Minervas.

„Das wird schwer.“

„Ich weiß.“

„Dann musst du mich immer wieder daran erinnern.“

Minerva lächelte sanft.

„Das hatte ich ohnehin vor.“

Sie zog Hermine erneut in ihre Arme. Diesmal wehrte Hermine sich nicht gegen die Nähe. Sie ließ sich einfach halten und während draußen langsam die Dunkelheit über Hogwarts hereinbrach, fasste Minerva einen stillen Entschluss. Sie würde Featherstone beobachten. Nicht als eifersüchtige Partnerin. Nicht als wütende Schulleiterin. Sondern als erfahrene Hexe, die wusste, dass etwas nicht stimmte und wenn tatsächlich jemand versuchte, Hermines Ausbildung zu sabotieren, würde sie einen Weg finden, es zu beweisen.

Die Tage wurden zu Wochen und obwohl Hermine jeden einzelnen Morgen mit dem festen Vorsatz begann, sich nicht unterkriegen zu lassen, wurde es nicht leichter. Featherstone machte weiter. Stunde für Stunde. Tag für Tag. Manchmal waren es nur kleine Bemerkungen. Manchmal ganze Diskussionen mitten im Unterricht und immer wieder diese Momente, in denen Hermine das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie gab trotzdem nicht auf. Sie bereitete sich vor, lernte, arbeitete, schlief viel zu wenig und stand am nächsten Morgen wieder vor ihren Klassen. Minerva sah das alles. Sie sah die dunklen Schatten unter Hermines Augen. Die Müdigkeit, die Unsicherheit, aber sie sah auch etwas anderes. Sie sah, wie Hermine trotzdem weitermachte und deshalb begann Minerva jeden Tag auf dieselbe Weise. Mit Geduld, Zuspruch und kleinen Erinnerungen daran, wer Hermine wirklich war. Manchmal funktionierte es, manchmal nicht. Es gab Abende, an denen Hermine in ihre Wohnung kam und tatsächlich lächelte, weil eine Stunde gut gelaufen war und die Schüler etwas verstanden hatte. Sie lächelte, weil ihr ein Zauber gelungen war und dann gab es die anderen Abende. Die schwierigeren. An denen sie schweigend auf dem Sofa saß, den Blick ins Leere gerichtet und kaum sprach. Dann setzte sich Minerva einfach zu ihr. Sie stellte keine Fragen und übte keinen Druck aus. Sie war einfach nur da. Manchmal las sie ein Buch, manchmal korrigierte sie Arbeiten und manchmal saßen sie einfach nebeneinander und hörten dem Kaminfeuer zu. Mehr nicht. Für Hermine bedeutete genau das inzwischen alles. Ein leichtes Streichen über ihre Hand, ein Kuss auf die Stirn, ein liebevolles „Guten Abend“ und selbst eine Kleinigkeit wie ein Blick oder ein einfaches Lächeln. Genau das hielt sie aufrecht.

Eines Abends saß Hermine zusammengerollt auf dem Sofa. Sie hatte kaum gesprochen. Minerva las in einem Buch. Plötzlich spürte sie ein leichtes Gewicht an ihrer Schulter. Sie blickte auf. Hermine hatte ihren Kopf ganz vorsichtig gegen sie gelehnt, als wolle sie sich vergewissern, dass Minerva wirklich da war. Minerva sagte nichts. Sie legte lediglich einen Arm um sie. Sofort entspannte sich Hermine ein wenig.

„Danke“, murmelte sie irgendwann.

Minerva blickte von ihrem Buch auf.

„Wofür?“

Hermine antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Dafür, dass du da bist.“

Minerva schloss ihr Buch. Sie drehte sich leicht zu ihr.

„Hermine.“

Ihre Stimme war warm.

„Wo sollte ich denn sonst sein?“

Hermine lächelte schwach, doch ihre Augen wurden feucht, denn sie kannte die Antwort.

Nirgendwo.

Minerva war die ganze Zeit geblieben. Trotz Streit, trotz der Zweifel und Tränen. Sie war an den schlechten Tagen bei ihr und mittlerweile musste Hermine sich eingestehen, was sie längst wusste:

Ohne Minerva hätte sie wahrscheinlich längst aufgegeben zu kämpfen. Dieses tägliche Aufstehen und Weitermachen wäre ohne sie an ihrer Seite nicht möglich.

Minerva bemerkte den Gedanken förmlich in ihrem Gesicht. Sie nahm Hermines Hand und küsste ihre Fingerknöchel.

„Du bist stärker, als du glaubst.“

Hermine schüttelte schwach den Kopf.

„Nein.“

„Doch.“

„Minerva.“

„Hermine.“

Zum ersten Mal an diesem Abend musste Hermine lachen. Ein kleines, aber echtes Lachen und allein dafür hatte sich der Tag gelohnt. Minerva lächelte ebenfalls, denn manchmal bestand Liebe nicht aus großen Gesten. Manchmal bestand sie einfach daraus, jeden Abend wiederzukommen und zu bleiben.

Ende Februar landete schließlich ein Bericht auf Minervas Schreibtisch. Sie hatte bereits damit gerechnet. Was sie nicht erwartet hatte, war der Inhalt. Minerva saß allein in ihrem Büro und las die Beurteilung ein zweites Mal. Dann ein drittes. Ihre Lippen wurden zu einer dünnen Linie. Die Bewertung war vernichtend. Nicht offen beleidigend. Nicht offensichtlich unfair, aber Zeile für Zeile entstand das Bild einer Referendarin, die überfordert war, Schwierigkeiten mit dem Unterricht hatte und kaum Fortschritte machte und dieses Bild passte schlicht nicht zu der Hermine, die Minerva kannte. Nicht einmal ansatzweise.

„Unsichere Unterrichtsführung.“

Minerva las die Formulierung laut. Dann schnaubte sie verächtlich.

„Unsinn.“

Sie las weiter.

„Mangelnde Klarheit bei der Vermittlung komplexer Inhalte.“

Noch größerer Unsinn. Minerva hatte Hermine selbst unterrichten sehen. Mehrfach. Sie wusste genau, was Hermine konnte und genau deshalb war dieser Bericht gefährlich. Nicht weil Minerva ihm glaubte, sondern weil andere es tun könnten. Das Ministerium, die Prüfungskommission oder andere Personen, die Hermine nicht kannten.

Langsam legte sie das Pergament beiseite. Sie musste vorsichtig sein. Sehr vorsichtig. Den Bericht einfach zu ignorieren war unmöglich. Dann würde sofort die Frage auftauchen, warum die Schulleiterin eine negative Beurteilung ihrer Referendarin überging und genau darauf wartete Featherstone vermutlich. Also musste sie offiziell und korrekt nach Vorschrift reagieren. Auch wenn ihr das missfiel.

Nach dem Mittagessen herrschte noch geschäftiges Treiben am Lehrertisch. Mehrere Kollegen unterhielten sich. Poppy diskutierte mit Filius über irgendeine Schülerin. Pomona erzählte eine Geschichte aus ihren Gewächshäusern. Hermine saß schweigend da. Müde wie in den letzten Wochen. Minerva beobachtete sie einen Moment. Dann traf sie ihre Entscheidung. Sie stellte ihre Teetasse ab.

„Hermine.“

Sofort wurde es etwas ruhiger. Hermine blickte auf. Minervas Stimme war sachlich, fast kühl. Genau die Stimme der Schulleiterin.

„Ich möchte dich nach dem Essen in meinem Büro sprechen.“

Die Worte trafen Hermine wie ein Schlag. Vor allem der Ton. Nichts darin klang liebevoll oder auch nur ansatzweise vertraut. Sie klang offiziell und… streng.

„Natürlich, Minerva.“

Ihre Stimme klang deutlich unsicherer als gewollt. Minerva nickte lediglich.

„Gut.“

Mehr sagte sie nicht, doch das genügte. Mehrere Lehrer sahen überrascht auf. Poppy runzelte sofort die Stirn und Pomona wirkte alarmiert. Sogar Filius blickte irritiert zwischen beiden hin und her, denn normalerweise sprach Minerva nicht in diesem Ton mit Hermine. Hermine spürte, wie ihr flau wurde. Sofort wanderte ihr Blick unwillkürlich zu Featherstone. Ein Fehler, denn Featherstone saß einige Plätze entfernt und wirkte ausgesprochen zufrieden. Er sagte nichts. Natürlich nicht, doch dieses kleine Grinsen in seinem Gesicht verriet alles. Er glaubte, gewonnen zu haben. Er glaubte, sein Bericht hätte Wirkung gezeigt. Er glaubte, Minerva würde Hermine nun zurechtweisen. Vielleicht sogar offiziell verwarnen und genau das wollte er. Hermine senkte den Blick. Ihr Herz schlug schneller. Neben ihrer Angst war da noch etwas anderes. Enttäuschung. Sie wusste, dass Minerva ihre Pflicht hatte. Sie wusste es, aber nach den letzten Wochen tat allein die Vorstellung weh, nun wegen Featherstones Bericht in ihr Büro zitiert zu werden.

Am anderen Ende des Tisches bemerkte Minerva genau diesen Ausdruck und innerlich zog sich ihr Herz zusammen, doch sie durfte sich nichts anmerken lassen. Noch nicht. Also blieb sie ruhig. Während Featherstone zufrieden seinen Tee trank und glaubte, sein Plan würde endlich Früchte tragen.

Was er nicht wusste:

Minerva hatte Hermine nicht in ihr Büro bestellt, um sie zu bestrafen, sondern um etwas ganz anderes zu tun. Etwas, das Featherstone vermutlich überhaupt nicht gefallen würde.

Ein leises Klopfen ertönte an Minervas Bürotür.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich langsam. Hermine trat ein. Sie wirkte angespannt. Ihre Hände waren ineinander verschränkt, als müsste sie sich daran festhalten. Minerva sah sofort, wie nervös sie war.

„Schließ bitte die Tür, Hermine.“

Hermine tat es. Dann blieb sie unsicher vor dem Schreibtisch stehen. Minerva legte ihre Feder zur Seite, nahm langsam ihre Brille ab und deutete auf den Stuhl gegenüber.

„Setz dich.“

Hermine setzte sich. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Noch bevor Minerva etwas sagen konnte, platzte es aus ihr heraus.

„Es tut mir leid.“

Minerva hob den Blick.

„Ich weiß wirklich nicht, was im Moment mit mir los ist.“

Hermine rang die Hände.

„Ich bereite jede Stunde vor. Ich lerne jeden Abend, ich… ich gebe mir wirklich Mühe.“

Ihre Stimme begann zu zittern.

„Ich wollte dich nicht enttäuschen.“

„Hermine.“

„Ich verstehe einfach nicht, warum…“

„Hermine!“

Diesmal etwas bestimmter. Hermine verstummte. Minerva betrachtete sie einen Moment. Dann sagte sie sanft:

„Beruhige dich erst einmal.“

Minerva stand auf. Anstatt hinter ihrem Schreibtisch sitzen zu bleiben, ging sie um ihn herum und setzte sich neben Hermine. Nicht gegenüber. Neben sie. Eine kleine Geste und doch nahm sie Hermine sofort etwas von ihrer Angst. Minerva griff nach einem Pergament.

„Ich möchte, dass du das liest.“

Sie legte Featherstones Beurteilung auf Hermines Schoß. Hermine begann zu lesen. Mit jeder Zeile wurde ihr Gesicht blasser.

“Unsichere Unterrichtsführung. Unzureichende fachliche Vermittlung. Mehrfache Defizite in der Unterrichtsplanung. Empfehlung einer engmaschigen Kontrolle.”

Hermine schloss kurz die Augen.

„Es tut mir leid…“

„Nein.“

Minerva unterbrach sie sofort.

„Lies zu Ende.“

Hermine nickte. Sie las den Rest. Als sie fertig war, hielt sie das Pergament mit zitternden Händen fest.

„Ich…“

Sie holte tief Luft.

„Ich weiß, dass das schlimm aussieht.“

„Ja.“

„Ich werde mich mehr anstrengen.“

„Hermine.“

„Ich werde…“

„Hermine!“

Wieder brachte Minerva sie mit ihrer ruhigen Stimme zum Schweigen. Ein Moment verging. Dann sagte Minerva trocken:

„Dieser Bericht wird beim Ministerium nicht besonders gut ankommen.“

Hermine wurde eiskalt. Sie nickte nur stumm.

„Allerdings…“

Minerva nahm ihr das Pergament vorsichtig aus der Hand.

„…werde ich diesen Bericht in dieser Form ganz sicher nicht weitergeben.“

Hermine blinzelte.

„Was?“

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag erschien ein kleines Lächeln auf Minervas Gesicht.

„Du hast mich schon verstanden.“

„Aber…“

„Ich habe diesen Bericht gelesen.“

Sie tippte mit einem Finger auf das Pergament.

„Mehrmals und ich kenne deinen Unterricht.“

Hermine verstand noch immer nicht. Minerva lehnte sich etwas zurück.

„Dieser Bericht entspricht nicht der Wahrheit.“

Der Satz hing einen Moment zwischen ihnen. Hermine starrte sie an.

„Wie… meinst du das?“

Minerva faltete die Hände.

„Ich meine genau das.“

Ihre Stimme blieb ruhig.

„Ich habe deine Unterrichtsvorbereitungen gesehen. Ich habe dich unterrichten sehen. Ich habe Rückmeldungen anderer Kollegen gehört und ich kenne deine Arbeit seit Monaten.“

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Das Bild, das hier von dir gezeichnet wird, passt nicht zu der Lehrerin, die ich kenne.“

Hermine spürte, wie ihr der Atem stockte.

„Du… glaubst mir?“

Minerva sah sie beinahe fassungslos an.

„Hermine.“

Sie legte eine Hand auf ihre.

„Es geht nicht darum, ob ich dir glaube. Es geht darum, dass ich Fakten sehe.“

Sie hob den Bericht leicht an.

„Und das hier passt nicht zu diesen Fakten.“

Hermine merkte, wie ihr erneut Tränen in die Augen stiegen. Diesmal jedoch aus Erleichterung. Minerva fuhr fort.

„Deshalb werde ich Folgendes tun.“

Sie sprach nun wieder ganz sachlich.

„Als Schulleiterin bin ich verpflichtet, Stellung zu dieser Beurteilung zu nehmen.“

Hermine nickte.

„Und genau das werde ich tun.“

„Wie?“

Minervas Blick wurde ernst.

„Mit einer eigenen Einschätzung.“

Sie legte Featherstones Bericht zur Seite.

„Und die wird deutlich differenzierter ausfallen.“

Hermine sah sie sprachlos an. Zum ersten Mal seit Beginn des Februars hatte sie nicht mehr das Gefühl, allein gegen Featherstone kämpfen zu müssen. Sie hatte Minerva an ihrer Seite. Nicht nur als Partnerin, sondern auch als Schulleiterin und das gab ihr zum ersten Mal seit Wochen wieder ein kleines Stück Hoffnung.

Hermine blickte auf den Bericht, der noch immer zwischen ihnen auf dem Tisch lag.

„Du kannst ihn doch nicht einfach zurückhalten.“

Minerva hob ruhig eine Augenbraue.

„Warum nicht?“

„Weil du dadurch selbst Schwierigkeiten bekommst.“

Hermine schüttelte den Kopf.

„Wenn das Ministerium merkt, dass du einen Bericht nicht weitergeleitet hast…“

„Dann werde ich erklären müssen, warum.“

„Genau!“

„Und das werde ich auch.“

Hermine sah sie fassungslos an.

„Minerva, bitte.“

„Nein.“

Ihre Stimme blieb ruhig.

„Ich werde keinen Bericht weiterleiten, von dessen Wahrheitsgehalt ich selbst nicht überzeugt bin.“

„Aber…“

„Hermine.“

Minerva legte ihre Hand auf Hermines.

„Ich bin Schulleiterin. Zu meinen Aufgaben gehört nicht nur, Berichte weiterzureichen. Zu meinen Aufgaben gehört auch, dafür zu sorgen, dass Referendare fair beurteilt werden.“

Hermine schwieg. Minerva fuhr fort:

„Und genau das werde ich tun.“

Sie nahm Featherstones Beurteilung wieder zur Hand.

„Dieser Bericht bleibt zunächst bei mir.“

Hermine biss sich auf die Lippe.

„Das ist ein Risiko.“

„Ja. Für mich“, meinte Minerva und lächelte nur leicht. „Aber damit kann ich leben.“

Hermine schüttelte langsam den Kopf.

„Du bist unmöglich.“

„Das habe ich schon mehrfach gehört.“

Zum ersten Mal seit Tagen musste Hermine wieder ehrlich lächeln. Minerva bemerkte es sofort.

„Außerdem“, fuhr sie fort, „gibt es eine wesentlich sinnvollere Lösung.“

„Welche?“

„Ich werde mir selbst ein Bild machen.“

Hermine runzelte die Stirn.

„Wie meinst du das?“

„Ich werde mich in deine nächste Verwandlungsstunde setzen.“

„Was?“

„Ganz offiziell.“

Minerva verschränkte gelassen die Hände.

„Wenn ein Ausbildungsbericht derart kritisch ausfällt, ist es völlig nachvollziehbar, dass die Schulleiterin den Unterricht selbst beobachtet.“

Ein feines Schmunzeln erschien auf ihren Lippen.

„Schließlich muss ich mir ein eigenes Bild machen, wenn die Leistung angeblich so schlecht ist.“

Der trockene Unterton entging Hermine nicht. Sie musste unwillkürlich lachen.

„Du klingst gerade erschreckend offiziell.“

„Ich bin erschreckend offiziell.“

„Manchmal.“

Das Lächeln blieb auf Minervas Gesicht.

„Und ich verspreche dir eines.“

Sie sah Hermine fest an.

„Ich werde aufmerksam beobachten. Alles. Nicht nur dich.“

Hermine verstand sofort, was sie meinte. Ihr Herz wurde ein wenig leichter.

„Du glaubst wirklich, dass alles gut wird?“

Minerva nickte ohne zu zögern.

„Ja.“

„Warum bist du dir so sicher?“

„Weil ich dir vertraue.“

Mehr sagte sie nicht, doch diese vier Worte bedeuteten Hermine mehr als jede lange Erklärung. Sie beugte sich spontan vor und küsste Minerva sanft auf die Wange. Ganz kurz. Als sie sich wieder zurückziehen wollte, sah Minerva sie mit gespielter Skepsis an.

„Was war das denn?“

Hermine wurde leicht rot.

„Ich… konnte einfach nicht widerstehen.“

Minerva ließ sie einen Moment zappeln. Dann rückte sie selbst näher.

„Nein.“

Ihre Mundwinkel hoben sich.

„So geht das nicht.“

Sie legte eine Hand an Hermines Wange und küsste sie zärtlich auf die Lippen, mit der ganzen Ruhe, die ihnen in den vergangenen Wochen so oft gefehlt hatte.

Als sie sich wieder voneinander lösten, blieb ihre Stirn an Hermines gelehnt. Ein warmes Lächeln lag auf Minervas Gesicht.

„Das“, sagte sie leise, „ist ein ordentlicher Kuss.“

Hermine musste lachen.

„Ich werde mir Mühe geben, mir das zu merken.“

„Das hoffe ich.“

Für einen Augenblick vergaßen beide den Bericht auf dem Tisch. Sie wussten, dass der Kampf noch nicht vorbei war, aber zum ersten Mal hatte Minerva das Gefühl, nicht mehr nur reagieren zu müssen. Nun würde sie selbst beobachten und Featherstone ahnte nicht, dass sein nächster Unterricht nicht nur von einer verunsicherten Referendarin begleitet werden würde, sondern auch von den wachsamen Augen der Schulleiterin.