Schneller als du
Schneller als du
Mit dem ersten März änderte sich der Stundenplan erneut und allein dieser kleine Eintrag brachte Hermine spürbar Erleichterung.
Zaubertränke.
Wieder mit Horace Slughorn. Als Hermine den neuen Plan in den Händen hielt, musste sie unwillkürlich lächeln.
„Endlich“, murmelte sie leise.
Horace bemerkte ihre Erleichterung bereits in der ersten Stunde.
„Hermine, du siehst heute deutlich entspannter aus.“
Hermine lachte.
„Ist das so offensichtlich?“
„Für jemanden, der Menschen beobachtet? Allerdings.“
Und tatsächlich. Schon nach wenigen Tagen war der Unterschied deutlich zu erkennen. Hermine unterrichtete wieder mit Freude. Sie erklärte ruhig, lachte mit den Schülern, sie improvisierte, wenn etwas nicht funktionierte und vor allem musste sie nicht ständig damit rechnen, mitten im Satz unterbrochen zu werden.
Minerva bemerkte die Veränderung ebenfalls. Hermine kam abends wieder mit einem Lächeln in ihre Wohnung. Sie erzählte von gelungenen Unterrichtsstunden, von Schülern, die Fortschritte machten, von Horace, der sie wieder einmal vor der ganzen Klasse gelobt hatte und jedes Mal ging Minervas Herz ein wenig auf.
Langsam kehrte auch zwischen ihnen wieder Leichtigkeit ein. Sie verbrachten jeden Abend miteinander. Mal in Hermines Wohnung, mal bei Minerva. Manchmal saßen sie einfach nur schweigend auf dem Sofa, ein Glas Wein, ein Buch, begleitet vom Knistern des Kamins und der Gewissheit, dass die andere da war. Mehr brauchten sie oft gar nicht.
Auch tagsüber fanden sie wieder kleine Wege, sich nahe zu sein. Ein zufälliges Treffen auf einem Korridor. Ein gemeinsamer Weg durch das Schloss. Ein paar Minuten in Minervas Büro unter dem Vorwand einer Besprechung. Manchmal genügte ein kurzer Blick über den Rand einer Teetasse oder ein flüchtiges Lächeln, das niemand sonst bemerkte. Diese kleinen Momente wurden für beide kostbarer als alles andere und doch blieb etwas. Etwas, das Hermine tief in sich trug. Sie sagte nichts mehr. Sie begann keinen Streit und erwähnte das Thema auch nicht, aber jedes Mal, wenn sie an Minerva vorbeiging, ohne ihre Hand nehmen zu können… Jedes Mal, wenn sie sich in der Großen Halle wie eine Kollegin verhalten musste… Jedes Mal, wenn sie sich nach einem Blick sehnte und ihn unterdrückte… Spürte sie denselben Schmerz. Sie schluckte ihn hinunter. Nicht weil er damit verschwunden war, sondern weil sie Minerva nicht noch mehr belasten wollte. Sie wusste, wie schwer diese Situation auch für sie war. Also schwieg sie und nahm jede Minute mit Minerva dankbar an. Sie nahm alles, was sie kriegen konnte - jeden gemeinsamen Abend, jede Umarmung, jeden Kuss hinter verschlossenen Türen. Minerva bemerkte all das. Natürlich bemerkte sie es. Sie sah den winzigen Moment des Zögerns, wenn Hermine ihr in der Großen Halle begegnete. Sie bemerkte den Blick, der manchmal einen Augenblick zu lange auf ihr ruhte und sie wusste genau, was Hermine dachte, denn sie dachte dasselbe.
Wie einfach wäre es gewesen, einfach nach Hermines Hand zu greifen. Sie im Schloss anzulächeln, ohne darüber nachdenken zu müssen, wer zusah. Mit ihr durch Hogwarts zu gehen, ohne jede Geste abzuwägen, doch stattdessen mussten sie weiter warten und Minerva hoffte still, dass dieser Zustand nicht für immer bleiben würde.
Manchmal, wenn Hermine bereits eingeschlafen war und mit dem Kopf an ihrer Schulter lag, strich Minerva ihr sanft durchs Haar. Dann sah sie sie lange an und dachte nur einen einzigen Satz.
'Irgendwann. Irgendwann werde ich dich nicht mehr verstecken müssen.'
Und sie wusste, dass Hermine genau auf diesen Tag wartete. Vielleicht sogar noch sehnsüchtiger als sie selbst.
Der März war vergangen. Viel zu schnell. Und ehe Hermine sich versah, zeigte der Kalender bereits den letzten Sonntagabend vor dem nächsten Wechsel. Am Montag würde sie wieder in Featherstones Unterricht stehen. Allein dieser Gedanke genügte, um die Anspannung zurückzubringen. Sie saß auf dem Sofa in ihrer Wohnung. Ein Buch lag ungeöffnet neben ihr, das Kaminfeuer brannte ruhig, doch Hermine bemerkte nichts davon. Sie starrte einfach ins Leere. Immer wieder spielte sie den morgigen Tag im Kopf durch.
Was, wenn es wieder so läuft? Was, wenn Featherstone wieder…
Sie kam mit ihren Gedanken nicht weiter. Plötzlich legten sich zwei Arme von hinten um sie. Ganz vorsichtig. Ein vertrauter Duft stieg ihr in die Nase. Hermine musste nicht einmal den Kopf drehen. Sie wusste sofort, wer es war.
Im nächsten Moment spürte sie einen sanften Kuss auf ihrer Wange. Unwillkürlich lächelte sie.
„Also wirklich.“
Minerva hob fragend eine Augenbraue.
„Hm?“
Hermine drehte leicht den Kopf.
„Wenn du mich schon küsst…“
Sie spielte beleidigt.
„…dann bitte gefälligst richtig.“
Minerva musste lachen.
„So anspruchsvoll heute.“
„Sehr.“
„Ich merke schon.“
Sie ließ sich neben Hermine auf das Sofa sinken. Dann legte sie eine Hand an ihre Wange.
„Na gut.“
Langsam beugte sie sich vor. Diesmal küsste sie Hermine auf die Lippen. Es war ein sanfter, zärtlicher Kuss, der nicht lange dauerte, aber lange genug, damit Hermine beim Lösen der Lippen zufrieden lächelte.
„Besser?“
„Deutlich.“
Minerva schmunzelte.
„Das dachte ich mir.“
Sie blieb dicht neben Hermine sitzen.
„Du denkst schon wieder an morgen.“
Es war keine Frage. Hermine nickte nur.
„Ich kann nicht aufhören.“
Minerva nahm ihre Hand.
„Ich weiß.“
„Ich habe Angst.“
„Das weiß ich auch.“
Eine Weile schwiegen beide. Dann sprach Minerva ruhig weiter.
„Ich habe dir etwas versprochen.“
Hermine sah auf.
„Ich weiß.“
„Und ich halte meine Versprechen.“
Ihre Stimme war fest.
„Morgen werde ich mit im Unterricht sitzen und ich werde alles beobachten.“
Hermine nickte langsam. Das beruhigte sie. Zumindest ein wenig, aber nicht ganz.
„Und wenn ich trotzdem versage?“
Minerva sah sie einen Moment vollkommen ernst an. Dann setzte sie einen Gesichtsausdruck auf, den Hermine nur zu gut kannte. Den strengen Blick der Schulleiterin.
„Dann…“
Sie machte eine bedeutungsvolle Pause.
„…landest du selbstverständlich in den Kerkern.“
Hermine blinzelte.
„Wie bitte?“
„Mit sofortiger Wirkung.“
Minerva verschränkte gespielt streng die Arme.
„Lebenslang.“
Für einen kurzen Moment hielt sie die ernste Miene aufrecht. Dann konnte sie selbst nicht mehr. Sie brach in Lachen aus. Hermine starrte sie erst einen Augenblick an. Dann musste sie ebenfalls lachen.
„Du bist unmöglich.“
„Ich weiß.“
Das Lachen verklang langsam. Minerva wurde wieder ernst. Nicht streng, sondern warm. Sie nahm beide Hände von Hermine in ihre eigenen.
„Jetzt hör mir gut zu.“
Hermine nickte.
„Ich glaube an dich. Nicht, weil ich dich liebe.“
Sie hielt kurz inne.
„Sondern weil ich weiß, was du kannst.“
Hermine spürte, wie ihr die Kehle eng wurde.
„Du wirst morgen nicht versagen und selbst wenn etwas nicht perfekt läuft…“ Minerva lächelte sanft, „…geht deshalb die Welt nicht unter.“
Sie strich Hermine eine Locke aus dem Gesicht.
„Ein misslungener Zauber macht aus einer hervorragenden Lehrerin keine schlechte. Ein schwieriger Unterrichtstag entscheidet keine Ausbildung und ein Mann wie Featherstone entscheidet schon gar nicht über deinen Wert.“
Hermine sah sie lange an.
„Du klingst, als wärst du dir hundertprozentig sicher.“
„Bin ich.“
„Woher nimmst du diese Sicherheit?“
Minerva lächelte.
„Weil ich dich kenne.“
Hermine rückte näher. Sie legte ihren Kopf an Minervas Schulter.
„Bleibst du heute Nacht bei mir?“
Minerva küsste ihr Haar.
„Natürlich.“
„Ich möchte morgen früh nicht allein aufwachen.“
„Das wirst du auch nicht.“
Hermine schloss die Augen. Zum ersten Mal an diesem Abend hörten ihre Gedanken auf zu kreisen. Nicht, weil die Angst verschwunden war, sondern weil Minerva neben ihr saß und manchmal reichte genau das aus, damit der morgige Tag ein wenig weniger beängstigend erschien.
Der Montagmorgen kam schneller, als Hermine lieb war. Schon auf dem Weg zum Klassenzimmer spürte sie, wie ihr Herz schneller schlug.
„Du schaffst das“, hatte Minerva ihr beim Frühstück noch einmal leise gesagt.
Mehr brauchte Hermine nicht. Als sie den Unterrichtsraum betrat, blieb sie jedoch einen Moment stehen. Ganz hinten im Klassenzimmer saß bereits Minerva. Aufrecht, mit einem Notizblock auf dem Schoß und ganz die Haltung der strengen Schulleiterin.
Featherstone trat wenige Augenblicke später ein. Kaum fiel sein Blick auf Minerva, erstarrte er für den Bruchteil einer Sekunde.
„Minerva?“
„Edmund.“
Minerva lächelte höflich.
„Ich möchte mir heute einen Eindruck vom Unterricht verschaffen. Dein letzter Ausbildungsbericht hat einige Fragen aufgeworfen.“
Featherstone nickte.
„Natürlich.“
Innerlich verfluchte er diesen Besuch. Das war überhaupt nicht nach seinem Geschmack. Die Schüler nahmen ihre Plätze ein. Hermine holte tief Luft. Dann begann sie.
„Guten Morgen zusammen.“
„Guten Morgen, Professor Granger!“
„Heute beschäftigen wir uns mit den Grundlagen der Teilverwandlung.“
Sie zeichnete mit ihrem Zauberstab mehrere Skizzen an die Tafel.
„Bevor wir zaubern, müssen wir verstehen, warum eine Teilverwandlung deutlich instabiler sein kann als eine vollständige.“
Mehrere Hände gingen nach oben. Hermine nahm einen Schüler nach dem anderen dran. Sie hörte aufmerksam zu, lobte richtige Ansätze und korrigierte freundlich Missverständnisse. Die Klasse arbeitete konzentriert mit. Minerva beobachtete schweigend. Sie schrieb sich immer wieder kurze Notizen auf. Nicht nur über Hermines Arbeit, sondern auch über Featherstone. Nach einigen Minuten meldete sich ein Schüler.
„Professor Granger, warum löst sich die Verwandlung manchmal von selbst wieder auf?“
Hermine lächelte.
„Eine gute Frage.“
Sie erklärte ruhig den Zusammenhang zwischen Konzentration, magischer Stabilität und der Komplexität des Zaubers. Mehrere Schüler nickten verstehend. Featherstone räusperte sich demonstrativ.
„Miss Granger, ich denke…“
„Professor Featherstone.“
Minervas ruhige Stimme durchschnitt den Raum. Alle blickten nach hinten.
„Lassen Sie Professor Granger bitte zunächst ihre Erklärung beenden.“
Featherstone verstummte.
„Selbstverständlich.“
Hermine warf Minerva einen kaum wahrnehmbaren Blick zu. Dann setzte sie ihre Erklärung fort. Diesmal ohne Unterbrechung. Anschließend ließ sie die Schüler in Zweiergruppen üben. Sie ging zwischen den Tischen umher, gab Hinweise, korrigierte Handhaltungen und ermutigte unsichere Schüler. Eine Erstklässlerin sah sie nervös an.
„Ich bekomme das nicht hin.“
Hermine lächelte.
„Doch. Versuchen Sie den Zauber nicht zu erzwingen. Stellen Sie sich die Veränderung zuerst genau vor.“
Beim zweiten Versuch gelang die Verwandlung. Das Mädchen strahlte.
„Geschafft!“
„Sehr gut.“
Minerva notierte sich etwas. Featherstone beobachtete die Szene missmutig. Normalerweise hätte er spätestens jetzt eingegriffen. Er hätte eine Bemerkung gemacht oder ihre Demonstration sabotiert. Für einen Moment dachte er daran, doch er ließ den Gedanken sofort wieder fallen.
Nein. Nicht heute. Nicht mit Minerva im Raum. Er wagte es nicht. Die Schulleiterin beobachtete jede Bewegung. Jedes Mal, wenn er die Hand nur in Richtung Zauberstab bewegte, hatte er das Gefühl, Minervas Blick läge bereits auf ihm. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als still zuzusehen. Als Hermine schließlich eine Demonstration vor der Klasse zeigte, gelang der Zauber auf Anhieb. Sauber und präzise, ohne das kleinste Flackern. Minerva bemerkte den kurzen Ausdruck auf Featherstones Gesicht. Es war reine Verärgerung. Die Stunde verlief ohne Zwischenfälle.
Als die Glocke läutete, verabschiedete Hermine ihre Klasse.
„Wir sehen uns am Donnerstag wieder.“
„Auf Wiedersehen, Professor Granger!“
Nachdem der letzte Schüler den Raum verlassen hatte, blieb Minerva sitzen. Langsam schloss sie ihren Notizblock. Dann stand sie auf.
„Edmund. Hermine.“
Hermine blieb stehen. Featherstone setzte ein höfliches Lächeln auf.
„Und? Wie ist dein Eindruck?“
Minerva sah zuerst Hermine an. Dann Featherstone.
„Interessant.“
„Inwiefern?“
Minerva hielt den Blick auf Featherstone gerichtet.
„Diese Unterrichtsstunde deckt sich überhaupt nicht mit der Beurteilung, die du mir vor wenigen Tagen vorgelegt hast.“
Für einen Moment herrschte Stille. Featherstone reagierte erstaunlich schnell.
„Nun…“
Er lächelte gekünstelt.
„Dann hat Miss Granger offenbar dazugelernt.“
Er nickte Hermine zu.
„Eine erfreuliche Entwicklung.“
Hermine spürte sofort, wie unecht dieses Lob war. Minerva ebenfalls. Sie erwiderte Featherstones Blick vollkommen ruhig.
„Das wäre eine Möglichkeit.“
Sie machte eine kleine Pause.
„Eine andere wäre, dass die frühere Beurteilung nicht ganz den tatsächlichen Unterricht widergespiegelt hat.“
Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte Featherstones Lächeln.
„Ich stehe selbstverständlich zu meiner Einschätzung.“
„Das freut mich.“
Minerva lächelte höflich.
„Dann werde ich mir in den kommenden Wochen noch weitere Unterrichtsstunden ansehen.“
Featherstone blinzelte.
„Weitere…?“
„Selbstverständlich.“
Minervas Stimme blieb freundlich.
„Eine einzelne Hospitation genügt mir nicht für eine fundierte Beurteilung. Schließlich möchte ich mir ein möglichst vollständiges Bild machen.“
Hermine sah Minerva überrascht an. Featherstone hingegen spürte zum ersten Mal seit Langem ein unangenehmes Gefühl. Er hatte geglaubt, die Schulleiterin würde Hermine überprüfen. Stattdessen hatte sie begonnen, den Unterricht selbst zu überprüfen und plötzlich war er sich nicht mehr sicher, wer hier eigentlich beobachtet wurde.
„Hermine, würdest du mich bitte einen Moment begleiten? Wir haben noch etwas zu besprechen.“
Hermine nickte nur. Sie hatte nicht damit gerechnet, nun mit Minerva allein sein zu können.
Die Tür des Klassenzimmers schloss sich hinter Minerva und Hermine. Für einen Moment blieb Edmund Featherstone allein zurück. Das höfliche Lächeln verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht.
„Verdammt.“
Er begann langsam durch den Raum zu gehen. Der Besuch der Schulleiterin war völlig anders verlaufen, als er geplant hatte. Minerva hatte ihn mehrfach gestoppt, Hermine hatte ihre Erklärungen ungestört beenden können und ausgerechnet heute war der Unterricht nahezu makellos gewesen. Er blieb vor seinem Pult stehen.
„Das reicht ihr niemals.“
Er wusste genau, was jetzt passieren würde. Minerva würde ihren eigenen Eindruck festhalten und wenn dieser Eindruck von seiner Beurteilung abwich… Er verzog das Gesicht. Dann blieb ihm nur noch eine Möglichkeit.
„Ich muss schneller sein.“
Er griff sofort nach Pergament und Feder. Wenn Minerva ihre Gegendarstellung erst einmal offiziell eingereicht hatte, würde seine Beurteilung deutlich an Gewicht verlieren. Also musste sein Bericht zuerst beim Ministerium ankommen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann hastig zu schreiben. Er formulierte seine Beobachtungen noch schärfer als zuvor, betonte angebliche Unsicherheiten, verwies auf seine „langfristigen Erfahrungen“ mit Hermines Unterricht und fügte hinzu, dass die heutige Stunde aus seiner Sicht keine ausreichende Grundlage darstelle, um die bisherige Entwicklung anders zu bewerten.
Als er fertig war, rollte er das Pergament zusammen und versiegelte es.
„Damit wird sich das Ministerium beschäftigen müssen.“
Wenige Minuten später verschwand der Brief mit der Post. Featherstone lehnte sich zufrieden zurück.
„Mal sehen, wie du das erklären willst, Minerva.“
Währenddessen hatte Minerva Hermine schweigend mit in ihr Büro genommen. Erst als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und sämtliche Schutzzauber aktiviert waren, entspannte sich Hermine sichtbar. Sie drehte sich zu Minerva um. Ihre Augen glänzten.
„Danke.“
Mehr brachte sie zunächst nicht heraus. Dann machte sie einen Schritt nach vorn und zog Minerva einfach in ihre Arme. Minerva hatte gerade noch Zeit, überrascht die Augen zu öffnen, bevor Hermine sie innig küsste. Sie erwiderte den Kuss lächelnd. Als sie sich schließlich voneinander lösten, musste Minerva leise lachen.
„Also wirklich.“
Hermine sah sie fragend an.
„Worüber lachst du?“
„Meine Referendare bedanken sich normalerweise etwas förmlicher.“
Hermine hob eine Augenbraue.
„Ach ja?“
„Gewöhnlich bekomme ich höchstens ein höfliches ‘Vielen Dank, Professor McGonagall’.“
Sie legte den Kopf leicht schief.
„Aber das hier…“
Sie deutete mit einem amüsierten Lächeln zwischen ihnen hin und her.
„…ist neu.“
Hermine verschränkte gespielt die Arme.
„Das will ich auch hoffen.“
Minerva musste erneut lachen.
„Ach?“
„Ja.“
Hermine trat noch einmal näher.
„Ich möchte nämlich nicht hören, dass sich andere Referendare ebenfalls so bei dir bedanken.“
Minerva spielte einen Moment lang nachdenklich.
„Das könnte tatsächlich für Verwirrung sorgen.“
„Für mehr als das.“
Hermine versuchte, möglichst streng zu schauen.
„Das wäre ein ernstes Problem.“
„Verstehe.“
Minervas Augen funkelten belustigt.
„Dann bin ich beruhigt.“
„Warum?“
„Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass du die Einzige bist, die auf diese Art Anspruch auf ihre Schulleiterin erhebt.“
Das strenge Gesicht hielt Hermine keine zwei Sekunden mehr durch. Sie musste lachen.
„Sehr gut.“
Minerva hob eine Hand an Hermines Wange. Diesmal wurde ihr Blick wieder ernst.
„Und jetzt noch etwas anderes.“
„Hm?“
„Du hast heute hervorragend unterrichtet.“
Hermine wollte sofort widersprechen. Minerva legte ihr einen Finger auf die Lippen.
„Nein. Ich habe jede Minute gesehen. Ich habe gesehen, wie ruhig du erklärt hast, ebenso wie geduldig du mit den Schülern warst und wie sicher du den Unterricht geführt hast.“
Sie lächelte warm.
„Genau deshalb wollte ich dort sitzen.“
Hermine spürte, wie ihr erneut die Tränen in die Augen stiegen. Diesmal lächelte sie dabei.
„Dann warst du wirklich stolz auf mich?“
Minerva antwortete keine Sekunde zu spät.
„Hermine.“
Sie strich ihr sanft über die Wange.
„Das war ich schon lange, bevor diese Unterrichtsstunde überhaupt begonnen hat.“
Hermine hielt Minervas Blick fest. Diese Worte trafen Hermine mitten ins Herz. Alle Zweifel, alle schlaflosen Nächte und die Tränen der vergangenen Wochen schienen für einen winzigen Augenblick keine Bedeutung mehr zu haben.
„Du meinst das wirklich ernst.“
„Jedes einzelne Wort.“
Minerva lächelte sie an.
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich weiß, was du kannst.“
Hermine spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Statt etwas zu antworten, trat sie einen Schritt näher. Dann noch einen. Sie legte beide Hände an Minervas Wangen und betrachtete sie einen Moment einfach nur.
„Was?“, fragte Minerva leise.
Hermine schüttelte nur den Kopf.
„Nichts.“
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Ich liebe dich.“
Noch bevor Minerva antworten konnte, zog Hermine sie zu sich. Diesmal war der Kuss weder vorsichtig noch zögerlich. Er war voller Erleichterung, voller Dankbarkeit und Sehnsucht, die sich in den vergangenen Wochen angestaut hatte. Minerva erwiderte ihn sofort. Überrascht zwar, aber genauso innig. Hermine hielt sie fest, als wollte sie ihr all das sagen, wofür ihr die Worte fehlten. Als sie sich schließlich wieder voneinander lösten, musste Minerva erst einmal tief Luft holen. Sie sah Hermine mit einem amüsierten, leicht atemlosen Lächeln an.
„Meine Güte.“
Hermine grinste unschuldig.
„Was denn?“
Minerva schüttelte lachend den Kopf.
„Du hast mir gerade für einen Moment die Luft geraubt.“
„Absicht.“
„Das habe ich mir fast gedacht.“
Hermine konnte sich ein kleines, zufriedenes Lächeln nicht verkneifen.
„War das jetzt ein ordentlicher Dankeschön-Kuss?“
Minerva legte eine Hand an Hermines Taille und zog sie noch einmal ein kleines Stück näher.
„Ich denke…“
Sie tat, als müsste sie ernsthaft darüber nachdenken.
„…der war durchaus angemessen.“
„Nur angemessen?“
„Vielleicht sogar ausgezeichnet.“
Hermine lachte leise.
„Dann merke ich mir das für das nächste Mal.“
Minerva hob belustigt eine Augenbraue.
„Gibt es denn schon einen Anlass für ein nächstes Mal?“
„Bestimmt.“
Hermine zwinkerte.
„Du findest immer einen Grund, auf mich stolz zu sein.“
Minervas Blick wurde wieder weich. Sie strich Hermine liebevoll eine Locke hinter das Ohr.
„Das hoffe ich.“
Dann küsste sie Hermine noch einmal. Diesmal langsam. Nicht aus stürmischer Erleichterung, sondern mit der stillen Gewissheit, dass sie diesen Kampf gemeinsam führen würden und dass Hermine ihn nie wieder allein würde kämpfen müssen.
Noch einen Moment blieben sie einfach so stehen. Ganz nah. Minerva hatte ihre Stirn an Hermines gelehnt, während beide langsam wieder zu Atem kamen. Ein zufriedenes Lächeln lag auf Hermines Gesicht.
„Ich glaube“, murmelte sie, „ich habe dich wirklich überrascht.“
Minerva lachte leise.
„Das hast du.“
„Gut.“
„War das dein Plan?“
„Nicht unbedingt.“
Hermine lächelte verschmitzt.
„Aber das Ergebnis gefällt mir.“
Minerva schüttelte amüsiert den Kopf.
„Du wirst mit jedem Tag frecher.“
„Ich habe eine gute Lehrerin.“
„Ach wirklich?“
„Selbstverständlich.“
Hermine legte den Kopf leicht schief.
„Du hast mir schließlich beigebracht, mutig zu sein.“
Minerva musste unwillkürlich lächeln.
„Daran kann ich mich nicht erinnern.“
„Ich schon.“
Für einen Moment wurden beide wieder still. Minerva betrachtete Hermine aufmerksam. Es war ein anderer Blick als noch vor wenigen Tagen. Die Erschöpfung war noch da. Auch die Sorge vor Featherstone war nicht verschwunden, aber da war wieder etwas anderes. Ein kleines Stück Selbstvertrauen. Ein Funken Hoffnung. Und genau das hatte Minerva in den vergangenen Wochen so vermisst. Sie nahm Hermines Hände in ihre.
„Ich möchte dich um etwas bitten.“
„Alles.“
„Versprich mir, dass du mir künftig sofort sagst, wenn dich etwas belastet.“
Hermine nickte langsam.
„Diesmal wirklich. Nicht erst nach Wochen.“
Hermine verzog leicht das Gesicht.
„Das war dumm von mir.“
„Nein.“
Minerva strich mit dem Daumen sanft über ihren Handrücken.
„Es war menschlich, aber wir kämpfen nicht gegeneinander und du musst auch nicht allein kämpfen.“
Hermine lächelte.
„Versprochen.“
Minerva erwiderte das Lächeln.
„Gut.“
In diesem Moment klopfte es leise an der Bürotür. Beide fuhren beinahe gleichzeitig auseinander. Hermine trat instinktiv einen Schritt zurück. Minerva setzte ihre Brille wieder auf und war innerhalb weniger Sekunden wieder ganz Schulleiterin McGonagall.
„Herein.“
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Hauselfe steckte vorsichtig den Kopf herein.
„Verzeihung, Professor McGonagall. Es ist Post aus dem Ministerium eingetroffen.“
„Vielen Dank. Leg sie bitte dort auf den Schreibtisch.“
„Sehr wohl, Professor.“
Die Hauselfe verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Erst als die Tür wieder geschlossen war, sahen sich Hermine und Minerva an. Hermine seufzte.
„Zurück in der Realität.“
Minerva folgte ihrem Blick zu den Briefen auf dem Schreibtisch.
„Ja.“
Dann wandte sie sich wieder Hermine zu.
„Aber diesmal gehen wir ihr gemeinsam entgegen.“
Hermine nickte. Diesmal glaubte sie ihr und zum ersten Mal seit Beginn von Featherstones Intrigen hatte sie das Gefühl, dass sich das Blatt vielleicht doch noch wenden konnte. Hermines Blick blieb an dem Stapel Briefe auf Minervas Schreibtisch hängen. Das Siegel des Ministeriums war nicht zu übersehen. Unwillkürlich zog sich ihr Magen zusammen.
„Minerva…“
Die ältere Hexe folgte ihrem Blick. Dann lächelte sie beruhigend.
„Mach dir keine Sorgen.“
„Bist du sicher?“
„Ziemlich.“
Sie nahm den obersten Brief in die Hand und wog ihn kurz.
„Das wird der übliche Schriftverkehr sein. Formulare, Rückfragen oder irgendwelche Verwaltungsangelegenheiten.“
Hermine verschränkte unsicher die Arme.
„Ich weiß nicht…“
Minerva sah sie aufmerksam an.
„Du denkst an Featherstone.“
Hermine nickte.
„Er wird sicher schon an irgendwelchen Fäden gezogen haben.“
„Das mag sein.“
Minervas Stimme blieb ruhig.
„Aber wir sollten uns nicht von Vermutungen verrückt machen lassen.“
Sie trat einen Schritt auf Hermine zu und legte ihr sanft eine Hand an die Wange.
„Geh jetzt in deinen Unterricht.“
Hermine verzog leicht das Gesicht.
„Und du?“
„Ich komme später dazu.“
„Versprochen?“
Minerva lächelte.
„Versprochen.“
Hermine hielt ihren Blick noch einen Moment fest. Dann beugte sie sich vor und gab Minerva einen zärtlichen Kuss.
„Bis gleich.“
„Bis gleich.“
Mit einem letzten Lächeln verließ Hermine das Büro. Die Tür schloss sich leise hinter ihr. Sofort wurde es still. Minerva atmete einmal tief durch. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Der Stapel Post lag ordentlich vor ihr. Sie griff nach dem ersten Umschlag, löste sorgfältig das Siegel und zog das Pergament heraus. Ihr Blick glitt über die ersten Zeilen. Ein Schreiben der Ausbildungsabteilung. Sie überflog den Inhalt. Nichts Außergewöhnliches. Sie legte den Brief beiseite. Dann kam der nächste Umschlag. Eine Mitteilung über die Terminplanung der kommenden Prüfungsphase. Auch nichts Besonderes. Dann folgte ein Formular zur Bestätigung der Hospitationszeiten. Anschließend eine Übersicht über die einzureichenden Ausbildungsunterlagen. Minerva arbeitete sich ruhig durch den gesamten Stapel. Als sie den letzten Brief gelesen hatte, lehnte sie sich leicht in ihrem Stuhl zurück. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Wie erwartet.“
Es war tatsächlich nichts Ungewöhnliches gewesen. Kein Schreiben wegen Hermine, keine Beschwerde, keine Vorladung und kein Hinweis auf Featherstone. Nur der gewöhnliche Austausch zwischen Hogwarts und dem Ministerium. Minerva legte die Briefe ordentlich zusammen. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Offensichtlich war Featherstones Spiel noch nicht weit genug fortgeschritten oder das Ministerium hatte seinen Behauptungen bisher keine größere Bedeutung beigemessen. So oder so verschaffte ihnen das Zeit und Zeit war im Moment vielleicht ihr größter Verbündeter.
Während Minerva die letzten Formulare ordentlich auf ihrem Schreibtisch stapelte, war Featherstones Brief bereits unterwegs. Eine Stunde später landete er im Zaubereiministerium. In der Abteilung für magische Bildung nahm eine junge Sachbearbeiterin den täglichen Posteingang entgegen. Routiniert sortierte sie die Briefe nach Priorität.
„Hogwarts…“
Sie warf einen kurzen Blick auf das Siegel.
„Professor Featherstone.“
Sie öffnete den Umschlag und begann zu lesen. Nach wenigen Minuten runzelte sie die Stirn.
„Merkwürdig…“
Sie griff nach einem zweiten Ordner. Darin befanden sich die bereits eingegangenen Unterlagen zu den Referendaren des laufenden Ausbildungsjahres. Von Hermine Granger lagen dort bislang ausschließlich positive Rückmeldungen. Sehr positive sogar. Lob von Fachlehrern, eine sachliche Einschätzung der Schulleitung aus den vergangenen Monaten und mehrere Protokolle über Unterrichtsbesuche.
Der neue Bericht passte überhaupt nicht dazu. Die Sachbearbeiterin legte beide Akten nebeneinander.
„Entweder hat sich die Referendarin innerhalb weniger Wochen dramatisch verschlechtert…“
Sie sprach den Gedanken nicht zu Ende. Das erschien ihr wenig wahrscheinlich. Sie nahm Featherstones Schreiben noch einmal zur Hand. Je genauer sie las, desto mehr fiel ihr auf, dass viele Formulierungen erstaunlich allgemein gehalten waren. Wenig konkrete Beispiele. Viele Bewertungen. Kaum nachvollziehbare Begründungen. Sie griff schließlich zu einem Formular und heftete eine kleine Notiz an die Akte.
'Abweichung zu bisherigen Beurteilungen festgestellt. Weitere Stellungnahmen der Schulleitung abwarten. Vor abschließender Bewertung keine Entscheidung treffen.'
Damit schloss sie die Akte.
„Wir warten auf Professor McGonagalls Stellungnahme.“
Sie legte den Ordner auf den Stapel der offenen Vorgänge.
„Vorher passiert hier gar nichts.“
Zur selben Zeit verließ Featherstone gut gelaunt sein Büro. Er war überzeugt, den ersten Schritt gemacht zu haben.
In seiner Vorstellung würde das Ministerium seinen Bericht lesen, alarmiert reagieren und beginnen, an Hermines Eignung als Lehrerin zu zweifeln. Er ahnte nicht, dass sein Schreiben dort zunächst vor allem eines ausgelöst hatte:
Fragen.
Und genau das war gefährlich für ihn, denn Fragen führten oft dazu, dass mehrere Menschen genauer hinsahen.
Während Featherstone sich bereits als Sieger sah, begann im Ministerium zum ersten Mal jemand zu überlegen, ob mit seinen Berichten vielleicht etwas nicht stimmte.