Der falsche Brief
Der falsche Brief
Hallo ihr Lieben,
weiter geht das Drama und wenn ich sage Drama, dann meine ich Drama. Unsere Mädels haben es wirklich nicht leicht...
Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen und lasst mir gern ein Review da, wenn euch das Kapitel gefallen hat :)
Liebe Grüße M.
Einige Tage vergingen. Noch immer traf keine Reaktion aus dem Ministerium ein. Jeden Morgen fragte Edmund Featherstone nach der Post. Jeden Morgen erhielt er dieselbe Antwort. Nichts. Langsam begann seine Geduld zu schwinden. Er saß allein in seinem Büro und trommelte mit den Fingern auf die Schreibtischplatte.
„Warum passiert nichts?“
Nach allem, was er in Bewegung gesetzt hatte, hätte längst eine Rückfrage kommen müssen. Stattdessen herrschte Schweigen. Er stand auf und begann, wie so oft in den vergangenen Wochen, in seinem Büro auf und ab zu gehen. Sein Blick fiel schließlich auf einen Stapel leerer Pergamente. Langsam blieb er stehen.
„Wenn das Ministerium zwei übereinstimmende Einschätzungen hätte …“
Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Seine eigene Beurteilung war bereits unterwegs. Was ihm fehlte, war die Stellungnahme der Schulleiterin. Oder zumindest etwas, das so aussah. Er setzte sich wieder. Vor ihm lagen Feder, Tinte und mehrere Bögen Pergament. Er begann, sich Notizen zu machen. Nicht für den eigentlichen Bericht, sondern einen Plan.
Wie gelangt McGonagalls Stellungnahme ins Ministerium?
Wann verlässt sie ihr Büro?
Wo bewahrt sie Ausbildungsunterlagen auf?
Er schrieb mehrere Möglichkeiten auf. Verwarf zwei sofort wieder.
Zu riskant. Zu auffällig.
Er durfte keinen Fehler machen. Falls Minerva ihre Unterlagen besonders sorgfältig sicherte, wäre jeder plumpe Versuch sofort entdeckt.
Nein.
Er brauchte zunächst Gelegenheit. Eine Situation, in der Minerva abgelenkt war oder ihr Büro für einen Moment verlassen musste. Er legte die Feder beiseite.
„Zuerst brauche ich einen Vorwand.“
Sein Blick wanderte zum Stundenplan. Am Nachmittag hatte Minerva eine Stunde ohne Unterricht. Sie war üblicherweise in ihrem Büro. Featherstone nickte langsam. Er brauchte ein Gespräch mit ihr. Ganz offiziell in ihrem Büro. Vielleicht eine Rückfrage zu den Ausbildungsunterlagen oder zu den anstehenden Prüfungen. Nichts Ungewöhnliches. Ein Anlass, der keinen Verdacht erregte. Er würde mit einer scheinbar harmlosen Frage zu ihr gehen und dann sehen, ob sich eine Gelegenheit ergab. Noch wusste er nicht, ob sein Plan überhaupt durchführbar war, aber eines stand für ihn fest:
Er würde nicht länger darauf warten, dass sich die Dinge von selbst entwickelten.
Diesmal wollte er das Spiel wieder selbst in die Hand nehmen. Mit diesem Entschluss verließ Featherstone schließlich sein Büro und machte sich auf den Weg durch das Schloss. Sein Gesicht wirkte ruhig wie immer, doch hinter dieser Fassade arbeitete sein Verstand bereits an dem nächsten Zug.
Am frühen Nachmittag klopfte es an Minervas Bürotür.
„Herein.“
Edmund Featherstone trat ein. Wie immer geschniegelt. Wie immer mit einem höflichen Lächeln.
„Minerva.“
„Edmund.“
Minerva legte ihre Feder zur Seite.
„Kann ich etwas für dich tun?“
„Ich wollte kurz mit dir über die Organisation der anstehenden Unterrichtshospitationen sprechen. Es dauert auch nicht lange.“
Minerva nickte.
„Natürlich. Nimm bitte Platz.“
Äußerlich blieb sie vollkommen gelassen. Innerlich jedoch wurde sie sofort aufmerksam.
Warum jetzt?
Seit Wochen hatte Featherstone jede Gelegenheit genutzt, um Hermine schlecht aussehen zu lassen und nun suchte er plötzlich von sich aus das Gespräch. Sie ließ sich nichts anmerken.
„Worum geht es genau?“
Featherstone setzte sich.
„Es betrifft hauptsächlich die Planung bis zu den Abschlussprüfungen.“
Das Gespräch begann völlig harmlos. Sie sprachen über die Unterrichtsbesuche, Prüfungsabläufe und organisatorische Fragen.
Featherstone formulierte seine Sätze sorgfältig. Nicht zu viel und auch nicht zu wenig. Währenddessen ließ er den Blick immer wieder unauffällig durch das Büro schweifen und dann entdeckte er, wonach er gesucht hatte.
Auf einer kleinen Ablage neben Minervas Schreibtisch lag eine ordentlich sortierte Mappe. Daneben ein bereits adressierter Umschlag mit dem Siegel des Zaubereiministeriums. Sein Herz machte einen kleinen Sprung.
'Sie ist fertig. Der Bericht geht bald raus.'
Er zwang sich, völlig unbeteiligt weiterzusprechen.
„Ich denke, die zusätzlichen Hospitationen waren durchaus sinnvoll.“
Minerva nickte.
„Das sehe ich ebenfalls so.“
Keine Sekunde verriet ihr Gesicht, dass sie ahnte, weshalb Featherstone tatsächlich hier war. In diesem Moment klopfte es erneut. Ein Hauself erschien in der Tür.
„Verzeihung, Professor McGonagall.“
Minerva wandte sich zu ihm.
„Ja?“
„Timmy hat eine wichtige Nachricht für die Professorin.“
„Ich komme sofort.“
Sie erhob sich.
„Entschuldige mich bitte einen Augenblick, Edmund.“
„Aber selbstverständlich.“
Kaum hatte Minerva dem Hauself ein paar Schritte entgegen gemacht und sich mit ihm über die Unterlagen ausgetauscht, glitt Featherstones Blick erneut zu der Mappe. Seine Bewegungen waren ruhig und unauffällig. Er griff nach einem einzelnen Pergament, das er bereits vorbereitet hatte. Mit geübter Hand schob er es zwischen die übrigen Blätter der Mappe. Nicht obenauf. Nicht ganz hinten. Genau dort, wo es auf den ersten Blick wie ein weiterer Bestandteil der Unterlagen wirkte. Dann zog er seine Hand sofort wieder zurück.
Als Minerva sich wieder umdrehte, saß Featherstone bereits wieder regungslos auf seinem Stuhl, als wäre nichts geschehen.
„Verzeih die Unterbrechung“, sagte Minerva.
„Kein Problem.“
Das Gespräch dauerte noch einige Minuten. Sie besprachen sachlich den weiteren Ablauf der Hospitationen. Featherstone stellte zwei oder drei organisatorische Fragen. Minerva beantwortete sie ruhig. Schließlich erhob sich Featherstone.
„Ich denke, das war alles. Vielen Dank für deine Zeit.“
„Gern.“
„Ich wünsche dir noch einen angenehmen Nachmittag.“
„Ebenso.“
Mit einem höflichen Nicken verließ er das Büro. Erst als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, erlaubte er sich ein kaum sichtbares Lächeln.
'Wenn alles nach Plan läuft', dachte er zufrieden, 'wird das Ministerium bald Unterlagen erhalten, die hervorragend zusammenpassen.'
Währenddessen blieb Minerva noch einen Augenblick stehen. Sie blickte zur geschlossenen Tür.
„Merkwürdig …“
Der Besuch war ungewöhnlich gewesen. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen Featherstone selbst. Irgendetwas hatte sie an seinem Verhalten irritiert. Sie konnte nur nicht genau benennen, was. Nach kurzem Überlegen schüttelte sie den Gedanken jedoch wieder ab.
Auf ihrem Schreibtisch warteten noch mehrere Akten. Die Prüfungsplanung musste abgeschlossen werden und am Abend wollte sie Hermine noch besuchen. Also setzte sie sich wieder an die Arbeit. Ohne zu bemerken, dass zwischen ihren Unterlagen nun ein zusätzliches Pergament lag.
Der Nachmittag verging mit Besprechungen, mehreren Unterschriften und einer kaum enden wollenden Flut an Verwaltungsarbeit.
Erst als das Schloss langsam ruhiger wurde, wandte sich Minerva wieder den Ausbildungsunterlagen zu. Sie zog die Mappe zu sich heran. Ein kurzer Blick auf die oberste Seite. Dann nickte sie zufrieden.
„Endlich.“
In den vergangenen Tagen hatte sie ihre Stellungnahme mehrfach überarbeitet. Jede Formulierung sorgfältig abgewogen. Jede Beobachtung mit ihren eigenen Hospitationen verglichen. Sie hatte sich bewusst Zeit genommen. Nicht nur als Schulleiterin, sondern auch aus Verantwortung gegenüber einer Referendarin, die eine faire Beurteilung verdiente.
„Das sollte genügen.“
Sie nahm ihren Zauberstab.
„Geminio Documentum.“
Ein sanfter Lichtschein glitt über den Pergamentstapel. Augenblicke später lag eine identische Abschrift daneben. Minerva sortierte beide Stapel sorgfältig auseinander. Die Kopie legte sie in den Aktenschrank. Das Original nahm sie wieder zur Hand. Sie las es nicht noch einmal. Warum auch? Sie hatte den Bericht bereits mehrfach geprüft. Jede Seite, jeden Absatz und jeden einzelnen Satz. Sie war überzeugt, dass alles korrekt war. Mit ruhigen Bewegungen schob sie die Unterlagen in den vorbereiteten Umschlag und versiegelte ihn mit dem Wappen Hogwarts. Sie lächelte zufrieden.
„Damit dürfte die Sache deutlich klarer werden.“
Nach allem, was sie in den vergangenen Wochen beobachtet hatte, war sie überzeugt, dass ihre Einschätzung das deutlich ausgewogenere Bild zeichnete. Das Ministerium würde nun nicht mehr nur Featherstones Beurteilung vorliegen haben, sondern auch ihre eigene. Eine Stellungnahme, die auf mehreren Unterrichtsbesuchen beruhte, auf eigenen Beobachtungen und Tatsachen. Sie erhob sich. Mit einem kurzen Schwung ihres Zauberstabs öffnete sich der kleine Kamin für die amtliche Post. Der versiegelte Umschlag schwebte langsam in die grün schimmernden Flammen. Für einen Moment blieb er sichtbar. Dann verschwand er. Minerva sah ihm nach. Ein leises Gefühl der Erleichterung machte sich in ihr breit.
„Jetzt“, murmelte sie, „wird hoffentlich endlich etwas Ruhe einkehren.“
Sie war überzeugt, ihre Pflicht erfüllt zu haben. Sie hatte Hermine fair beurteilt und nun lag die Entscheidung beim Ministerium.
Mit diesem Gedanken löschte sie die letzten Kerzen auf ihrem Schreibtisch. Sie ahnte nicht, dass sich unter den versandten Unterlagen etwas befunden hatte, das sie nie selbst verfasst hatte.
Es klopfte leise an Minervas Bürotür.
„Herein.“
Die Tür öffnete sich und Hermine steckte vorsichtig den Kopf herein.
„Störe ich?“
Minerva blickte von ihren Pergamenten auf. Allein bei Hermines Anblick wurden ihre Gesichtszüge weicher.
„Nein.“
Hermine trat ein und schloss die Tür hinter sich.
„Ich dachte, ich hole dich ab.“
Minerva lächelte.
„Abholen?“
„Natürlich.“
Hermine verschränkte gespielt die Arme.
„Du arbeitest sonst noch bis Mitternacht.“
Minerva schmunzelte.
„Das ist eine gewagte Unterstellung.“
„Nein.“
Hermine trat an den Schreibtisch.
„Das ist meine Erfahrung mit der wirklich schrecklich pflichtbewussten Schulleiterin.“
„Du hast es ja so schwer mit mir“, sagte Minerva mit gespieltem Bedauern in der Stimme.
Hermine warf einen Blick auf den Stapel Pergamente.
„Bist du fertig?“
„Fast.“
Minerva unterschrieb noch zwei Dokumente, legte die Feder beiseite und sortierte einige Unterlagen zusammen.
„Den Rest kann ich auch später noch durchsehen.“
Mit einer kleinen Bewegung ihres Zauberstabs schwebten die Pergamente ordentlich übereinander.
„Ich nehme sie mit.“
Hermine nickte.
„Solange du sie heute nicht mehr anrührst.“
Minerva hob belustigt eine Augenbraue.
„Du stellst Bedingungen?“
„Ganz eindeutig.“
„Und wenn ich widerspreche?“
Hermine lächelte verschmitzt.
„Dann beschlagnahme ich die Unterlagen.“
„Das würde ich gern sehen.“
„Probier es aus.“
Minerva lachte herzlich.
„Ich glaube, ich lasse es lieber nicht darauf ankommen.“
Gemeinsam verließen sie das Büro. Die Gänge waren um diese Uhrzeit bereits ruhig. Sie gingen dicht nebeneinander her. Manchmal streiften sich ihre Ärmel. Mehr wagten sie im Schloss nicht, doch beide wussten, dass sie nur noch wenige Schritte von Minervas Wohnung trennten.
Kaum hatte sich dort die Tür hinter ihnen geschlossen, fiel die Anspannung des Tages von ihnen ab. Minerva legte die mitgebrachten Unterlagen auf den kleinen Wohnzimmertisch.
„Eigentlich sollte ich sie…“
„Nein.“
Hermine nahm ihr lächelnd die Brille von der Nase.
„Du hast jetzt Feierabend.“
Minerva sah sie amüsiert an.
„So ist das also?“
„Ganz genau.“
Hermine legte die Brille sorgfältig neben die Pergamente.
„Heute Abend gehört Professor McGonagall nicht Hogwarts.“
Sie trat einen Schritt näher.
„Heute Abend gehört sie mir.“
Minerva schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Du bist erstaunlich besitzergreifend.“
„Nur ein kleines bisschen.“
„Ein kleines bisschen?“
„Na gut.“ Hermine grinste. „Vielleicht etwas mehr.“
Minerva konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie ließ sich auf das Sofa sinken. Keine zwei Sekunden später setzte Hermine sich neben sie. Nicht mit Abstand, sondern so dicht, dass sich ihre Schultern berührten.
„Besser.“
„Ist das bequem genug?“
„Noch nicht.“
Hermine rückte einfach noch ein kleines Stück näher. Minerva lachte.
„Jetzt?“
„Perfekt.“
Sie lehnte den Kopf gegen Minervas Schulter. Einen Moment saßen sie einfach schweigend da. Das Kaminfeuer knackte leise. Die Unterlagen auf dem Tisch gerieten vollkommen in Vergessenheit. Stattdessen unterhielten sie sich über die kleinen Dinge des Alltags. Über eine besonders neugierige Erstklässlerin, Horaces neueste Einladung zu einem Abendessen und über Poppy, die sich einmal mehr darüber beschwert hatte, dass einige der Schüler die Bettruhe nicht eingehalten hatten. Sie lachten, neckten einander und irgendwann hob Hermine einfach den Kopf und gab Minerva einen flüchtigen Kuss.
„Wofür war der?“, fragte Minerva schmunzelnd.
„Einfach so.“
„Einfach so?“
„Brauche ich einen Grund?“
„Nein.“
„Siehst du.“
Hermine begann gedankenverloren mit einer silbergrauen Haarsträhne zu spielen. Behutsam ließ sie sie durch ihre Finger gleiten.
„Ich mag dein Haar.“
Minerva lächelte.
„Das sagst du oft.“
„Weil es stimmt.“
Hermine strich ihr die Strähne wieder ordentlich hinter das Ohr.
„Und ich mag dein Lächeln.“
„Ach?“
„Sehr sogar.“
Minerva drehte leicht den Kopf.
„Du flirtest heute ungewöhnlich viel.“
„Tue ich das?“
„Ununterbrochen.“
Hermine setzte ihren unschuldigsten Blick auf.
„Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst.“
Minerva lachte.
„Natürlich nicht.“
„Vielleicht liegt es einfach daran…“
Hermine nahm sanft Minervas Hand.
„…dass wir gerade einen Abend miteinander verbringen, der sich völlig normal anfühlt.“
Minerva sah sie einen Moment schweigend an. Sie wusste genau, was Hermine meinte. Sie führten keine Diskussion über Featherstone oder die Angst vor dem Ministerium. Nur zwei Frauen, die gemeinsam den Feierabend verbrachten.
Für einen kostbaren Augenblick fühlte es sich tatsächlich so an, als wären sie einfach ein ganz gewöhnliches Paar und beide wünschten sich still, dass dieses Gefühl eines Tages nicht mehr nur für ein paar Stunden hinter verschlossenen Türen möglich sein würde.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Der Kamin warf ein warmes Licht durch das Wohnzimmer. Hermine drehte sich schließlich langsam zu Minerva. Sie setzte sich etwas aufrechter hin und betrachtete sie aufmerksam und mit einer solchen Ruhe, dass Minerva nach wenigen Sekunden lächelnd den Kopf schief legte.
„Was ist?“
Hermine antwortete nicht. Sie sah sie einfach weiter an. Minerva musste schmunzeln.
„Warum werde ich gerade so genau analysiert?“
Hermine lächelte.
„Ich analysiere dich gar nicht.“
„Ach nein?“
„Nein.“
Sie hob vorsichtig eine Hand und strich Minerva eine weitere Strähne hinter das Ohr.
„Ich schaue dich einfach nur an.“
Minerva hob amüsiert eine Augenbraue.
„Und? Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“
Hermine lachte leise.
„Dass ich einfach alles an dir liebe.“
Minervas Blick wurde sofort weicher.
„Alles?“
„Alles.“
Hermine nickte überzeugt.
„Dein Haar.“
Ihre Finger glitten sanft durch die silbernen Strähnen.
„Deine Augen.“
Sie verlor sich einen Moment in ihrem warmen Grün.
„Dein Lächeln.“
Minerva grinste verschmitzt.
„Ja, ja…“
Sie hob abwehrend eine Hand.
„…und die Falten einer alten Frau vergisst du selbstverständlich.“
Hermine starrte sie einen Moment völlig fassungslos an. Dann musste sie lachen.
„Minerva.“
„Was denn?“
„Du bist unmöglich.“
„Das höre ich öfter.“
Hermine schüttelte lächelnd den Kopf.
„Dann hör jetzt gut zu.“
Sie legte beide Hände sanft an Minervas Wangen.
„Ich liebe auch jede einzelne Falte.“
Minerva wollte etwas erwidern. Hermine kam ihr zuvor.
„Weißt du warum?“
Minerva schüttelte langsam den Kopf.
„Weil sie zu dir gehören.“
Ihre Daumen strichen zärtlich über Minervas Wangen.
„Sie erzählen von deinem Leben. Von jedem Lächeln, von jedem schwierigen Jahr und vor allem, was dich zu der Frau gemacht hat, die ich heute liebe.“
Minerva schwieg. Nicht, weil ihr nichts einfiel, sondern weil sie im ersten Moment keine Worte fand. Hermine lächelte sie voller Zärtlichkeit an.
„Für mich gibt es nichts an dir, das ich anders haben möchte.“
Minervas Augen glänzten leicht.
„Du schaffst es immer wieder…“
Sie brach ab und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„…mich sprachlos zu machen.“
„Das ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.“
Minerva lachte leise.
„Das merke ich.“
Hermine beugte sich langsam vor. Sie ließ ihre Stirn kurz gegen Minervas sinken. Dann küsste sie sie sanft auf die Lippen. Nicht hastig. Nicht stürmisch. Ein ruhiger, liebevoller Kuss, in dem all das lag, was sie eben mit Worten gesagt hatte. Als sie sich wieder voneinander lösten, blieb Minerva lächelnd ganz nah bei ihr.
„Weißt du“, sagte sie leise, „ich glaube, ich werde mich nie daran gewöhnen, wie du mich ansiehst.“
Hermine lächelte.
„Das musst du auch gar nicht.“
„Nein?“
„Nein.“
Sie strich Minerva noch einmal sanft durchs Haar.
„Ich habe vor, dich noch sehr lange genauso anzusehen.“
Hermine blieb Minerva noch einen Augenblick ganz nah. Ihre Stirn berührte Minervas. Beide lächelten. Es war eines dieser stillen Lächeln, für das es keine Worte brauchte. Minerva hob langsam eine Hand und strich Hermine sanft durch die Locken.
„Du weißt gar nicht, was du mit mir machst.“
Hermine lächelte verschmitzt.
„Doch.“
„Ach?“
„Ziemlich genau sogar.“
Minerva schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Gefährliche Antwort.“
„Nur für dich.“
Sie küsste Minerva erneut. Als sie sich voneinander lösten, blieb Hermine mit der Nasenspitze ganz dicht vor Minervas.
„Ich glaube…“
Sie lächelte.
„…wir haben heute Abend genug gearbeitet.“
Minerva warf einen kurzen Blick zu den Pergamenten auf dem Tisch.
„Eigentlich wollte ich die Unterlagen noch…“
„Nein.“
Hermine legte ihr einen Finger sanft auf die Lippen.
„Nicht heute.“
Minerva sah erst zu den Papieren. Dann wieder in Hermines Augen. Schließlich musste sie lachen.
„Du bist ausgesprochen überzeugend.“
„Ich gebe mir Mühe.“
Die Unterlagen lagen nur wenige Schritte entfernt. Ordentlich gestapelt. Bereit, gelesen oder sortiert zu werden, doch keine der beiden schenkte ihnen noch Aufmerksamkeit. In diesem Moment war Hogwarts weit weg. Ebenso die Berichte, das Ministerium und all die Sorgen, die sie in den vergangenen Monaten begleitet hatten. Minerva hatte nur noch Augen für Hermine und Hermine nur für Minerva. Sie küssten sich noch einmal ruhig und vertraut. Mit der Selbstverständlichkeit zweier Menschen, die jede gemeinsame Minute kostbar fanden. Als sie sich schließlich voneinander lösten, strich Hermine sanft über Minervas Hand.
„Was hältst du davon“, fragte sie leise, „wenn wir den Rest des Abends nicht mehr hier verbringen?“
Minerva lächelte wissend.
„Ich glaube, das ist eine ausgezeichnete Idee.“
Hermine stand auf und hielt ihr die Hand hin.
„Komm.“
Minerva legte ihre Hand ohne Zögern in ihre. Gemeinsam verließen sie das Wohnzimmer. Die Unterlagen blieben unbeachtet auf dem Tisch zurück. Hand in Hand verschwanden sie im Schlafzimmer, während das Kaminfeuer leise weiterbrannte und der Abend ihnen endlich die Ruhe schenkte, nach der sie sich beide so lange gesehnt hatten.
Langsam half Hermine ihrer Partnerin aus der schweren, schwarzen Robe. Sie blieb hinter Minerva stehen und legte ihre Arme um die Schulleiterin, um so die restlichen Knöpfe ihres Kleides zu öffnen. Minerva schloss lächelnd die Augen und lehnte sich leicht an Hermine. Als sie die warmen Finger auf ihrer Haut spürte, öffneten sich ihre Lippen beinahe automatisch und sie lächelte. Hermine grinste gegen Minervas Hals und küsste sich sanft zu Minervas Ohr hinauf.
„Entspann dich“, flüsterte Hermine und ließ ihre Hand langsam in Minervas BH gleiten.
Die ältere Frau atmete scharf ein. Hermines Finger streichelten sanft über ihre Brüste, während ihre andere Hand sanft an Minervas Taille lag. Ganz langsam zog Hermine ihre Hand zurück und drehte Minerva zu sich um.
„Du bist verrückt“, sagte Minerva lächelnd.
„Möglich, aber daran bist du schuld“, entgegnete Hermine und küsste sanft Minervas Lippen.
Ihre Hände legten sich währenddessen wieder an die Knöpfe ihres Kleides. Einen Moment später streifte Hermine ihr das schwarze Kleid über die Schultern.
„Mhm, so gefällt mir das schon viel besser.“
Hermine strich langsam über die warme samtige Haut und drängte Minerva weiter zurück, bis sie am Bett anstieß und sich setzte. Sie legte ihre Hand sanft an Hermines Taille und zog sie näher. Hermines Finger lösten Minervas Haarknoten und strichen sanft durch die Wellen. Dann beugte sie sich zu ihr und küsste sie.
„Ich frage mich wirklich, wer dich schon so gesehen hat“, meinte Hermine grinsend.
„Du meinst halb nackt auf einem Bett sitzend?“, antwortete Minerva amüsiert.
„Ja, das auch, aber ich meine eher… so gelöst und frei und natürlich mit deinen wunderschönen offenen Haaren.“
„Du erwartest darauf doch sicher keine detaillierte Antwort oder?“
Hermine setzte sich einfach auf Minervas Schoß und legte ihre Arme um Minervas Hals.
„Oh doch. Ich will wissen, mit wem ich konkurriere.“
„Das hatten wir bereits mein Schatz. Du hast keine Konkurrenz. Niemand ist so wie du“, sagte Minerva sanft lächelnd.
„Na das will ich doch schwer hoffen.“
Hermine lächelte ebenfalls und küsste Minerva zärtlich. Hermine spürte plötzlich einen leichten Windhauch und bemerkte im nächsten Moment, dass nun auf sie nur noch in Unterwäsche auf Minervas Schoß saß. Sie grinste die ältere Frau an und strich ihr sanft über die Wange.
„Darf ich das als Einwilligung zu einer sehr aufregenden Nacht betrachten?“, fragte Hermine und legte dabei den Kopf ein bisschen schief.
„Du darfst“, meinte Minerva und ließ sich lächelnd mit Hermine in die Kissen sinken.
Mitten in der Nacht öffnete Hermine langsam die Augen. Das Kaminfeuer war längst heruntergebrannt. Nur ein schwacher Lichtschein des Mondes fiel durch die Vorhänge. Neben ihr schlief Minerva tief und fest. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Hermine lächelte unwillkürlich. Ganz vorsichtig strich sie ihr eine silbergraue Haarsträhne aus der Stirn.
„Schlaf weiter“, flüsterte sie.
Behutsam stand sie auf. Der Holzboden war angenehm kühl unter ihren Füßen. Sie wollte sich lediglich ein Glas Wasser holen. Mehr nicht. Im Halbdunkel tastete sie sich durch das Wohnzimmer. Dann passierte es. Mit dem Knie stieß sie gegen den kleinen Tisch.
„Oh…“
Die sauber gestapelten Pergamente rutschten über die Kante. Ein ganzer Stapel glitt zu Boden.
„Verdammt.“
Hermine warf sofort einen Blick zur Schlafzimmertür. Nichts. Minerva schlief offenbar weiter. Erleichtert atmete Hermine aus. Sie entzündete mit einem kurzen Zauber eine kleine Lampe und kniete sich neben die verstreuten Unterlagen.
„Das ist schnell wieder aufgeräumt.“
Sorgfältig begann sie, Blatt für Blatt einzusammeln. Prüfungspläne. Verwaltungsnotizen. Stundenübersichten. Dann blieb ihre Hand plötzlich auf einem einzelnen Pergament liegen. Oben stand in sauberer Schrift:
Stellungnahme der Schulleitung – Referendariat Miss Hermine Granger
Hermine wollte das Blatt gerade wieder auf den Stapel legen. Es ging sie eigentlich nichts an, doch im Augenwinkel blieb sie an einer Zeile hängen.
'…zeigt in vielen Bereichen Engagement und Fleiß…'
Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie wollte das Pergament schon weglegen. Dann glitt ihr Blick unwillkürlich weiter.
'…wirkt jedoch in Belastungssituationen wiederholt unsicher…'
Hermine runzelte die Stirn. Sie las weiter.
'…lässt sich zeitweise aus dem Konzept bringen…'
Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Nein. Das passte nicht. Minerva hatte doch… Sie schluckte. Noch eine Zeile.
'…die fachlichen Grundlagen sind vorhanden, ihre Umsetzung erfolgt jedoch nicht immer mit der erforderlichen Präzision…'
Hermine spürte, wie ihr langsam kalt wurde. Sie setzte sich auf den Boden. Das Pergament zitterte leicht in ihren Händen.
„Nein…“
Ganz unten folgte ein letzter Abschnitt. Sie zwang sich weiterzulesen.
'Eine abschließende Beurteilung erscheint zum jetzigen Zeitpunkt schwierig. Ob Miss Granger den Anforderungen des Lehrerberufs dauerhaft gerecht werden kann, muss sich im weiteren Verlauf ihrer Ausbildung erst noch zeigen.'
Hermine hielt den Atem an und direkt darunter stand ein Satz, der ihr den Boden unter den Füßen wegzog.
'Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bestehen aus Sicht der Schulleitung Zweifel, ob Miss Granger für den Lehrerberuf uneingeschränkt geeignet ist.'
Sie starrte auf die Worte. Immer wieder. Sie verschwammen vor ihren Augen.
„Nein…“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Minerva hatte ihr doch erst vor wenigen Tagen gesagt:
'Ich weiß, was du kannst.
Ich glaube an dich.
Ich bin stolz auf dich.'
Und nun… Das hier?
Hermine wusste nicht mehr, was sie glauben sollte. War Minerva nur liebevoll gewesen, um sie aufzubauen? Hatte sie ihr nie die Wahrheit gesagt? Oder war das hier die Wahrheit gewesen… und alles andere nur Trost? Ein schmerzhaftes Ziehen breitete sich in ihrer Brust aus. Sie spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten.
Unwillkürlich blickte sie zur Schlafzimmertür. Dort schlief Minerva friedlich. Nichts ahnend. Hermine hielt das Pergament fest umklammert. Sie wollte sofort zu ihr gehen. Sie wachrütteln. Fragen. Verlangen, dass Minerva ihr erklärte, wie diese Worte zu all den liebevollen Gesprächen der vergangenen Wochen passten, doch sie blieb regungslos sitzen. Verletzt, verunsichert und mit einem Herzen, das zum ersten Mal seit Langem wieder begann, an allem zu zweifeln.
Hermine blieb noch einen langen Moment regungslos auf dem Boden sitzen. Das Pergament zitterte leicht in ihren Händen. Immer wieder las sie den letzten Satz.
'Zweifel, ob Miss Granger für den Lehrerberuf uneingeschränkt geeignet ist.'
Die Worte brannten sich förmlich in ihr Gedächtnis. Langsam schloss sie die Augen.
„Warum…“, flüsterte sie kaum hörbar.
Sie hatte Minerva geglaubt. Jedes einzelne Wort.
'Ich glaube an dich.
Ich bin stolz auf dich.
Du wirst nicht versagen.'
Und nun lag dieses Schreiben vor ihr. Hermine wusste nicht, was sie denken sollte. Nach einigen Minuten zwang sie sich schließlich aufzustehen. Mit größter Sorgfalt legte sie das Pergament wieder genau an seinen Platz. Blatt für Blatt sortierte sie die Unterlagen so, wie sie zuvor gelegen hatten. Nichts durfte darauf hindeuten, dass sie sie überhaupt berührt hatte.
Als der Stapel wieder ordentlich auf dem Tisch lag, löschte sie das Licht. Das Glas Wasser war längst vergessen. Langsam ging sie zurück ins Schlafzimmer. Minerva schlief noch immer ruhig. Eine Hand lag auf Hermines leerer Bettseite, als hätte sie selbst im Schlaf nach ihr gesucht. Hermine blieb einen Moment stehen. Noch vor wenigen Minuten hätte ihr dieser Anblick das Herz aufgehen lassen. Jetzt tat er weh. Ganz vorsichtig legte sie sich wieder ins Bett. Minerva rückte im Schlaf ein kleines Stück näher. Fast automatisch. So wie jede Nacht. Hermine ließ es zu, doch sie erwiderte die Nähe nicht. Sie lag mit offenen Augen in der Dunkelheit. Stundenlang. Der Schlaf kam nicht mehr. Immer wieder sah sie dieselben Zeilen vor sich. Immer wieder hörte sie Minervas Stimme und beides wollte einfach nicht zusammenpassen.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge fielen, öffnete Minerva verschlafen die Augen. Noch halb schlafend lächelte sie.
„Guten Morgen…“
Sie drehte sich zu Hermine. Die junge Hexe lag noch neben ihr, doch irgendetwas war anders. Hermine lächelte zwar kurz, aber es erreichte ihre Augen nicht. Minerva bemerkte es sofort. Trotzdem beugte sie sich wie jeden Morgen zu ihr. Sie gab ihr einen sanften Kuss. Normalerweise erwiderte Hermine ihn voller Wärme und forderte mehr. Heute blieb ihre Reaktion zögerlich. Der Kuss war kaum mehr als eine flüchtige Berührung. Minerva runzelte unmerklich die Stirn.
„Alles in Ordnung?“
„Natürlich.“
Hermine lächelte kurz.
„Ich bin nur müde.“
Noch bevor Minerva etwas erwidern konnte, setzte Hermine sich auf. Sie schlug die Decke zurück und stand auf. So früh. So schnell. Minerva richtete sich ebenfalls auf.
„Hermine?“
Die junge Hexe zog bereits ihren Morgenmantel über. Minerva beobachtete sie verwundert. Normalerweise blieb Hermine noch liegen, suchte ihre Nähe, kuschelte sich noch einmal an sie und beschwerte sich scherzhaft darüber, dass sie beide aufstehen mussten. Heute nichts davon. Als Hermine zur Tür gehen wollte, streckte Minerva die Hand aus und hielt sie sanft am Unterarm fest.
„Hermine.“
Die Jüngere blieb stehen.
„Was ist los?“
Hermine wich ihrem Blick aus.
„Nichts.“
„Du bist anders als sonst.“
„Ich bin einfach nur müde.“
Minerva schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
Ihre Stimme war ruhig.
„Irgendetwas beschäftigt dich.“
Endlich sah Hermine sie an. Für einen kurzen Moment glaubte Minerva, Traurigkeit in ihren Augen zu erkennen, doch genauso schnell war sie wieder verschwunden.
„Wirklich.“
Hermine löste ihren Arm behutsam aus Minervas Hand.
„Es ist nichts.“
Dann schenkte sie ihr ein kleines Lächeln. Eines, das viel zu bemüht wirkte.
„Ich mache uns Tee.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie das Schlafzimmer. Die Tür fiel leise ins Schloss. Minerva blieb allein auf dem Bett zurück. Sie sah nachdenklich zur Tür. Etwas stimmte nicht. Da war sie sich sicher. Nur wusste sie nicht, was und sie ahnte nicht einmal, dass wenige Meter entfernt auf dem Wohnzimmertisch ein einziges Pergament lag, das begonnen hatte, alles zu verändern.
Der Vormittag begann denkbar schlecht. Hermine stand vor der Klasse. Minerva hatte wie angekündigt in der letzten Reihe Platz genommen. Neben ihr saß Featherstone. Beide hatten einen Notizblock vor sich.
„Guten Morgen zusammen.“
„Guten Morgen, Professor Granger.“
Hermine begann ihre Erklärung, doch schon nach wenigen Minuten merkte sie selbst, dass etwas nicht stimmte. Sie las einen Zauberspruch vor und vertauschte sofort zwei Begriffe. Ein Schüler hob vorsichtig die Hand.
„Professor Granger… meinen Sie nicht…“
„Ja.“
Hermine unterbrach sich selbst.
„Natürlich. Entschuldigt.“
Sie korrigierte den Fehler und atmete tief durch.
'Konzentrier dich.'
Doch es gelang ihr nicht. Immer wieder tauchten dieselben Worte vor ihrem inneren Auge auf.
'…wirkt in Belastungssituationen wiederholt unsicher…
…Zweifel…
…nicht uneingeschränkt geeignet…'
Sie verlor mitten in einer Erklärung den Faden.
„Also… wenn wir nun…“
Sie stockte. Die Klasse wartete. Hermine schloss für einen kurzen Moment die Augen.
„Entschuldigung.“
Sie sammelte ihre Gedanken wieder, doch die Unsicherheit blieb. Minerva beobachtete sie aufmerksam. Sie machte sich Notizen. Nicht viele, aber sie sah etwas, das sie in den vergangenen Hospitationen nicht gesehen hatte. Hermine wirkte heute wie blockiert. Sie war nicht unvorbereitet und auch fachlich war sie nicht unsicher, sondern innerlich völlig abgelenkt.
Featherstone dagegen musste sich beherrschen, um nicht zu lächeln. Zum ersten Mal seit Langem musste er gar nichts tun. Hermine stolperte ganz von allein über ihre Gedanken.
Als die Stunde schließlich endete, verabschiedete Hermine die Klasse mit einem gequälten Lächeln. Kaum hatte der letzte Schüler den Raum verlassen, sammelte sie hastig ihre Unterlagen ein.
„Hermine.“
Minervas ruhige Stimme erklang hinter ihr.
„Bleib bitte noch einen Moment.“
Hermine reagierte nicht. Sie ging einfach weiter.
„Hermine.“
Diesmal klang Minervas Stimme etwas bestimmter, doch Hermine öffnete bereits die Tür und verließ das Klassenzimmer. Minerva stand sofort auf.
„Entschuldige mich, Edmund.“
Sie folgte Hermine auf den Korridor.
„Hermine!“
Die Jüngere lief weiter. Erst als Minerva sie einholte, legte sie ihr vorsichtig eine Hand an den Arm.
„Hermine, bitte.“
Hermine blieb abrupt stehen. Mit einer schnellen Bewegung entzog sie Minerva ihren Arm. Minerva blinzelte überrascht.
„Was ist denn los?“
Hermine lachte kurz auf. Ein bitteres, völlig freudloses Lachen.
„Jetzt habe ich mich heute genauso verhalten…“
Sie sah Minerva direkt an.
„…wie du es in deinem Bericht beschrieben hast.“
Minerva runzelte die Stirn.
„Welchen Bericht?“
„Hör auf.“
Hermine schüttelte den Kopf.
„Bitte hör einfach auf.“
„Hermine, ich verstehe überhaupt nicht, wovon du sprichst.“
„Nein?“
Ihre Stimme zitterte.
„Du hast geschrieben, dass ich unter Druck unsicher werde. Dass ich den Faden verliere. Dass ich vielleicht gar nicht für den Lehrerberuf geeignet bin.“
Minerva erstarrte.
„Was?“
„Ich habe den Bericht gelesen.“
Für einen Moment herrschte völlige Stille. Minerva starrte sie fassungslos an.
„Du… hast meinen Bericht gelesen?“
„Ja.“
Hermine schluckte schwer.
„Und weißt du, was das Schlimmste daran ist?“
Minerva brachte kein Wort heraus.
„Nicht die Kritik.“
Hermine schüttelte langsam den Kopf.
„Sondern dass du mir die ganze Zeit etwas völlig anderes erzählt hast.“
Ihre Augen glänzten.
„Du hast gesagt, du glaubst an mich. Du hast gesagt, du bist stolz auf mich und dann schreibst du so etwas.“
„Hermine.“
Minerva machte einen Schritt auf sie zu.
„Ich habe das nicht…“
Hermine unterbrach sie. Ihre Stimme brach fast.
„Ich habe dir so viel zugetraut, aber ich hätte nie gedacht, dass du so gut lügen kannst.“
Der Satz traf Minerva wie ein Schlag. Sie stand regungslos da.
„Hermine… ich weiß nicht, was du gelesen hast, aber…“
„Nein.“
Hermine wich einen Schritt zurück.
„Im Moment möchte ich nichts mehr hören.“
Sie drehte sich um.
„Hermine!“
Minerva rief ihr nach, doch diesmal blieb sie nicht stehen. Sie ging einfach weiter. Minerva sah ihr sprachlos nach. Sie verstand nichts.
Welcher Bericht? Welche Worte?
Sie wusste nur eines. Irgendetwas war furchtbar schief gelaufen und zum ersten Mal ahnte sie, dass es unmöglich ein Zufall sein konnte.