Ein Pergament voll Zweifel
Ein Pergament voll Zweifel
Die Stimmung in der Großen Halle war ungewöhnlich ruhig. Hermine saß schweigend an ihrem Platz. Sie sprach mit niemandem. Nicht einmal Horace Slughorns gut gelaunter Bericht über eine gelungene Zaubertrankstunde konnte ihr ein Lächeln entlocken. Minerva bemerkte jede einzelne ihrer Bewegungen. Den gesenkten Blick. Die verkrampften Hände. Die ungewohnte Distanz. Sie wusste noch immer nicht, was passiert war. Nur eines war ihr inzwischen klar geworden:
Es musste mit diesem geheimnisvollen Bericht zusammenhängen.
Bevor sie Hermine jedoch erneut ansprechen konnte, öffneten sich hoch oben die Fenster der Großen Halle. Mehrere Ministeriumseulen flogen herein. Das war nichts Ungewöhnliches, doch zwei von ihnen flogen zielstrebig auf den Lehrertisch zu. Die erste landete vor Minerva. Die zweite direkt vor Hermine. Auf beiden Umschlägen prangte das Siegel des Zaubereiministeriums. Augenblicklich verstummten mehrere Gespräche. Hermine sah den Brief an. Dann kurz zu Minerva. Auch Minerva betrachtete den Umschlag nur einen Moment. Sie öffnete ihn nicht. Nicht hier. Nicht vor allen. Sie legte ihn ruhig neben ihren Teller, als wäre es gewöhnliche Post.
„Hermine.“
Ihre Stimme war sachlich. Fast dieselbe professionelle Ruhe wie damals, als sie Hermine wegen Featherstones erster Beurteilung in ihr Büro gebeten hatte.
„Ich möchte dich nach dem Mittagessen kurz sprechen.“
Hermine hob langsam den Blick. Ihre Antwort klang deutlich kühler als sonst.
„Ich bin bereits fertig.“
Mehr sagte sie nicht. Minerva nickte nur.
„Dann kannst du mich gleich zu meinem Büro begleiten.“
Sie erhob sich. Hermine ebenfalls. Ohne ein weiteres Wort verließen beide die Große Halle. Mehrere Kollegen sahen ihnen nach. Pomona runzelte die Stirn. Poppy warf Filius einen besorgten Blick zu.
„Irgendetwas stimmt da nicht“, murmelte sie.
Filius nickte nur.
Am anderen Ende des Tisches beobachtete Featherstone jede einzelne Bewegung. Das kaum sichtbare Lächeln auf seinen Lippen ließ sich nur schwer unterdrücken.
'Es funktioniert.'
Er hatte die Siegel des Ministeriums sofort erkannt. Noch wichtiger war jedoch etwas anderes. Die Körpersprache. Minerva und Hermine gingen nicht nebeneinander. Nicht mit der stillen Vertrautheit, die ihm in den vergangenen Wochen gelegentlich aufgefallen war. Zwischen ihnen lag spürbare Distanz. Kühl. Vorsichtig. Genau das hatte er erreichen wollen. Er griff nach seinem Glas und nahm einen zufriedenen Schluck. Der Bericht hatte gewirkt. Zumindest glaubte er das. Er ahnte nicht, dass Minerva selbst noch immer nicht wusste, warum Hermine ihr plötzlich solche Vorwürfe machte und dass die Antworten möglicherweise nur wenige Minuten entfernt waren.
In Minervas Büro angekommen schloss Minerva sorgfältig die Tür. Mit einer kurzen Bewegung ihres Zauberstabs legte sie die üblichen Schutzzauber über den Raum. Erst dann wandte sie sich Hermine zu.
„Setz dich bitte.“
Hermine blieb zunächst stehen. Den ungeöffneten Brief des Ministeriums hielt sie noch immer in der Hand. Zwischen ihnen herrschte eine ungewohnte Stille. Eine Stille, die schwerer wog als jedes laute Wort. Minerva sah Hermine einen langen Moment an.
„Bevor wir diese Briefe öffnen“, sagte sie ruhig, „möchte ich verstehen, was heute Morgen passiert ist.“
Hermine antwortete nicht sofort. Ihr Blick ruhte auf dem Umschlag in ihrer Hand. Dann langsam wieder auf Minerva und in ihren Augen lag noch immer derselbe Schmerz, den Minerva sich nicht erklären konnte. Hermine antwortete nicht. Sie hielt den Umschlag des Ministeriums fest umklammert.
„Ich möchte jetzt nicht darüber reden.“
Minerva sah sie einen Moment schweigend an.
„Hermine…“
„Bitte.“
Ihre Stimme war erschöpft.
„Ich will einfach nur wissen, was in diesem Brief steht.“
Minerva nickte schließlich.
„Gut.“
Sie griff ebenfalls nach ihrem Umschlag. Für einige Sekunden war im Raum nichts zu hören außer dem Rascheln von Pergament. Hermine begann zu lesen. Je weiter ihr Blick über die Zeilen glitt, desto blasser wurde sie.
Das Ministerium bestätigte den Eingang sämtlicher Beurteilungen. Aufgrund der teilweise voneinander abweichenden Einschätzungen sollten in den kommenden Wochen zusätzliche Unterrichtsbeobachtungen stattfinden. Außerdem werde die endgültige Entscheidung über die Zulassung zur Abschlussprüfung erst nach Eingang weiterer Stellungnahmen getroffen. Hermine schluckte.
„Teilweise voneinander abweichende Einschätzungen…“
Sie hob langsam den Blick.
„Also stimmt es.“
Minerva sah sie irritiert an.
„Was stimmt?“
„Dass dein Bericht ebenfalls negativ war.“
Minerva runzelte die Stirn.
„Nein.“
„Hör auf.“
„Hermine, ich…“
„Hör endlich auf!“
Ihre Stimme hallte durch das Büro. Minerva zuckte sichtbar zusammen.
„Ich habe deinen Bericht gelesen!“
„Welchen Bericht?“
„Deinen!“
Hermine hielt ihrem Blick stand.
„Den Bericht, in dem du schreibst, dass ich unter Druck versage. Dass ich unsicher bin. Dass ich vielleicht gar nicht als Lehrerin geeignet bin.“
Minerva schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Doch!“
„Nein!“
Zum ersten Mal wurde auch Minervas Stimme lauter.
„Ich habe kein einziges dieser Worte geschrieben!“
Hermine lachte bitter auf.
„Natürlich nicht.“
„Hermine.“
„Du hältst mich wohl für dumm.“
Minerva machte einen Schritt auf sie zu.
„Ich verstehe nicht einmal, wie du auf diese Gedanken kommst.“
„Weil ich den Bericht gelesen habe!“
„Dann hast du nicht den Bericht gelesen, den ich geschrieben habe.“
„Ach wirklich?“
„Ja!“
Beide schwiegen einen Moment schwer atmend. Minerva fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.
„Ich weiß nicht, wie das passiert ist.“
„Das ist doch lächerlich.“
„Es ist die Wahrheit.“
„Nein.“
Hermine schüttelte den Kopf.
„Die Wahrheit ist, dass du mir wochenlang erzählt hast, wie stolz du auf mich bist.“
„Weil ich es bin!“
„Und gleichzeitig schreibst du dem Ministerium etwas völlig anderes.“
„Nein!“
Minerva rang inzwischen selbst um Fassung.
„Hermine, bitte hör mir doch zu.“
„Wozu?“
„Weil ich dich liebe!“
„Dann erklär mir endlich, was ich in diesem Bericht gelesen habe!“
Minerva verstummte. Genau darauf wusste sie keine Antwort. Sie wusste nur, dass sie diese Sätze niemals geschrieben hatte.
„Ich kann es nicht erklären.“
„Natürlich kannst du das nicht.“
Hermine sah sie mit Tränen in den Augen an.
„Vielleicht…“
Sie schluckte schwer.
„…vielleicht glaubst du einfach gar nicht an mich.“
„Was?“
„Vielleicht war alles nur Mitleid.“
„Hermine.“
„Oder du warst einfach zu feige, mir die Wahrheit direkt zu sagen.“
Minerva schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sprach sie ungewöhnlich ruhig.
„Was, glaubst du, hätte ich davon?“
Hermine schwieg.
„Was hätte ich davon, deine Ausbildung zu sabotieren? Ich habe Wochen damit verbracht, dich aufzubauen. Ich habe deinen Unterricht besucht. Ich habe Featherstone widersprochen. Warum sollte ich all das tun, wenn ich dich scheitern sehen wollte?“
Hermine atmete zittrig ein.
„Vielleicht…“
Sie rang nach Worten.
„…vielleicht hast du einfach genug.“
Minerva blinzelte.
„Genug?“
„Genug von allem.“
Hermine senkte kurz den Blick.
„Genug von dem ganzen Drama. Genug von meiner Eifersucht. Genug von diesem ewigen Versteckspiel.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Vielleicht hast du einfach keine Kraft mehr für uns.“
Minerva stand regungslos da.
„Und vielleicht…“
Hermine hob den Blick wieder. In ihren Augen lag blanke Verzweiflung.
„…hast du auch keine Lust mehr auf mich.“
Sie machte einen kleinen Schritt zurück.
„Vielleicht willst du mich einfach loswerden.“
Der letzte Satz kam kaum mehr als ein Flüstern.
„Und vielleicht…“
Ihre Stimme brach.
„…ist das hier der einfachste Weg, um zu verhindern, dass ich überhaupt Lehrerin werde.“
Minerva stand einen Moment völlig regungslos da. Die Worte trafen sie mit einer Wucht, die sie selbst nicht erwartet hatte. Langsam schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lag keine Wut darin. Nur Erschöpfung.
„Nicht schon wieder…“
Ihre Stimme war leise. Fast gebrochen. Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Was willst du von mir hören, Hermine?“
Sie hob beide Hände, als wüsste sie selbst nicht mehr weiter.
„Ich habe nichts davon an das Ministerium geschrieben.“
Ihre Stimme wurde fester.
„Ich glaube an dich. Ich weiß, dass du es kannst.“
Sie machte einen Schritt auf Hermine zu.
„Und ich liebe dich.“
Ein weiterer Schritt.
„Verdammt, Hermine…“
Ihre Stimme überschlug sich beinahe.
„Wie oft sollen wir diesen Streit noch führen?“
Sie rang sichtbar um Fassung.
„Ich liebe dich. Nicht nur ein bisschen. Nicht nur an guten Tagen, sondern bedingungslos.“
In ihren Augen standen Tränen.
„Ich will mit dir zusammen sein. Ich will, dass wir eines Tages nicht mehr darüber nachdenken müssen, wer uns gerade beobachtet.“
Sie atmete tief durch.
„Aber das funktioniert nicht…“
Ihre Stimme wurde wieder leiser.
„…wenn wir uns immer wieder gegenseitig das Schlimmste unterstellen.“
Hermine schwieg. Sie sah Minerva an. Dann sagte sie kaum hörbar:
„Ich weiß, was ich gelesen habe.“
Minerva nickte langsam.
„Das glaube ich dir.“
„Es war deine Handschrift. Ich habe sie sofort erkannt.“
Minerva antwortete ohne Zögern.
„Die Handschrift mag meine gewesen sein.“
Sie behielt Hermine fest im Blick.
„Aber es waren nicht meine Worte und ganz sicher nicht meine Gedanken.“
Hermine wollte etwas erwidern, doch Minerva sprach ruhig weiter.
„Du kennst mich. Du kennst mich inzwischen gut genug. Glaubst du wirklich, ich würde dir jeden Abend sagen, wie stolz ich auf dich bin… um gleichzeitig hinter deinem Rücken zu schreiben, dass ich dich für ungeeignet halte?“
Hermine senkte kurz den Blick. Minerva machte noch einen kleinen Schritt auf sie zu.
„Und denk doch einmal ganz nüchtern darüber nach. Wenn ich tatsächlich so etwas geschrieben hätte…“
Sie deutete auf den Schreibtisch.
„…glaubst du wirklich, ich wäre so unvorsichtig gewesen, diese Unterlagen offen irgendwo liegen zu lassen?“
Der Satz traf Hermine. Sie dachte zurück an die vergangene Nacht. Die Pergamente lagen offen auf dem Tisch. Minerva hatte sie nicht versteckt. Nicht abgeschlossen. Nicht einmal darauf geachtet. Hermine biss sich auf die Lippe.
„Das…“ Sie stockte, „…das stimmt.“
Minerva sagte nichts.
„Wenn du wirklich gewollt hättest, dass ich das nie sehe…“
Hermine schloss kurz die Augen.
„…hättest du sie kaum einfach dort liegen lassen.“
Minerva nickte nur. Einen Moment herrschte Stille. Dann hob Hermine den Blick wieder.
„Aber ich weiß trotzdem nicht, was ich glauben soll.“
Der Satz kam ehrlich. Nicht vorwurfsvoll, sondern verzweifelt.
„Ich habe deine Handschrift gesehen und ich habe diese Worte gelesen.“
Minerva spürte, wie ihr das Herz schwer wurde. Nicht wegen der Anschuldigung, sondern wegen des Misstrauens. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr etwas entgleiten, das sie mit aller Kraft festhalten wollte.
„Weißt du…“
Sie lächelte traurig.
„Gestern Abend dachte ich noch, wir hätten das Schlimmste hinter uns.“
Vor ihrem inneren Auge sah sie Hermine wieder lachend auf dem Sofa sitzen. Die Partie Zauberschach. Das Necken. Die liebevollen Blicke. Die ruhigen Stunden, in denen Hogwarts für einen Moment ganz weit weg gewesen war.
„Es war so schön.“
Ihre Stimme wurde brüchig.
„Einfach nur wir beide. Ohne Angst.“
Sie sah Hermine an.
„Und heute stehen wir schon wieder hier.“
Sie schüttelte traurig den Kopf.
„Nicht nebeneinander, sondern gegeneinander.“
Dieser Gedanke tat ihr fast mehr weh als alles andere. Hermine hielt Minervas Blick nicht lange aus. Langsam senkte sie die Augen. Ihre Hände zitterten leicht.
„Ich möchte gar nicht gegen dich sein.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Aber ich weiß einfach nicht mehr, was ich glauben soll.“
Minerva antwortete nicht sofort. Sie trat noch einen kleinen Schritt näher. Zwischen ihnen war kaum noch Abstand.
„Dann glaube mir.“
Hermine schloss für einen Moment die Augen.
„Das ist genau das Problem.“
Der Satz traf Minerva tief.
„Ich will dir glauben.“
Eine Träne lief Hermine über die Wange.
„Wirklich. Mehr als alles andere, aber ich habe diesen Bericht gelesen. Ich habe deine Handschrift erkannt und seitdem bekomme ich diese Sätze einfach nicht mehr aus meinem Kopf.“
Minerva hob ganz vorsichtig eine Hand.
„Darf ich?“
Hermine zögerte kurz. Dann nickte sie. Minerva strich ihr behutsam die Träne von der Wange.
„Schau mich an.“
Langsam hob Hermine den Kopf. Minerva wartete, bis sich ihre Blicke trafen.
„Ich kenne dich und du kennst mich.“
Sie sprach jedes Wort ruhig und deutlich.
„Wenn zwischen meiner Handschrift und meinen Worten ein Widerspruch besteht…“
Sie machte eine kurze Pause.
„…welchem Teil von mir vertraust du dann?“
Hermine antwortete nicht.
„Dem Pergament? Oder der Frau, die seit Monaten jeden Abend versucht, dich wieder aufzubauen?“
Hermine schluckte schwer.
„Ich…“
„Der Frau, die sich immer wieder hinten in deinen Unterricht gesetzt hat, obwohl sie wusste, dass Featherstone sie dafür hassen würde? Der Frau, die ihm widersprochen hat? Die dir gesagt hat, dass sie stolz auf dich ist?“
Minervas Stimme wurde leiser.
„Oder vertraust du einem Blatt Papier mehr als mir?“
Hermine schloss erneut die Augen.
„Wenn du das so sagst…“
„Es geht mir nicht darum, recht zu haben.“
Minerva schüttelte langsam den Kopf.
„Es geht mir darum, dass wir anfangen nachzudenken.“
Sie ließ ihre Hand sinken.
„Etwas passt hier nicht zusammen.“
Hermine atmete tief ein.
„Du meinst…“
„Ich meine, dass ich diese Worte niemals geschrieben habe.“
Minerva hielt ihrem Blick stand.
„Und wenn du tatsächlich ein Pergament gelesen hast, auf dem meine Handschrift zu sehen war… dann müssen wir herausfinden, warum darauf Sätze stehen, die ich nie formuliert habe.“
Zum ersten Mal seit Beginn des Streits hielt Hermine inne. Sie dachte nach. Nicht über ihre Verletzung, sondern über Minervas Worte.
„Du glaubst also…“
„Ich glaube gar nichts.“
Minerva unterbrach sie sanft.
„Ich weiß nur, dass irgendetwas nicht stimmt und ich werde nicht zulassen, dass ein ungeklärtes Pergament uns gegeneinander aufbringt.“
Hermine sah sie lange an.
„Es tut mir leid, dass ich dir solche Dinge an den Kopf geworfen habe.“
Minerva schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
„Du warst verletzt und Verletzungen lassen einen manchmal Dinge glauben, die man unter anderen Umständen hinterfragen würde.“
Hermine nickte langsam.
„Ich bin immer noch verletzt.“
„Das verstehe ich.“
„Aber…“
Sie rang nach Worten.
„…ich möchte verstehen, was passiert ist.“
Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs entspannte sich Minervas Gesicht ein wenig.
„Dann suchen wir die Antwort. Gemeinsam.“
Sie streckte Hermine langsam ihre Hand entgegen.
„Nicht als Schulleiterin und Referendarin. Nicht als zwei Menschen, die sich gegenseitig Vorwürfe machen. Sondern als wir.“
Hermine betrachtete die ausgestreckte Hand einen langen Moment. Dann legte sie ihre eigene vorsichtig hinein. Sie drückte sie fest.
„Gemeinsam.“
Es war noch nicht alles gut. Das Misstrauen war nicht einfach verschwunden. Der Schmerz ebenso wenig, aber zum ersten Mal seit der vergangenen Nacht standen sie sich nicht mehr als Gegnerinnen gegenüber. Sie standen wieder auf derselben Seite und genau darauf hatte jemand wie Featherstone niemals gehofft.
Ihre Hände blieben ineinander. Keine von beiden sagte etwas. Nach diesem Streit schienen Worte plötzlich zu klein zu sein. Hermine spürte Minervas warmen Daumen, der langsam über ihren Handrücken strich. Eine vertraute Geste. Eine, die sie unzählige Male beruhigt hatte. Diesmal gelang das nur teilweise. Sie machte einen kleinen Schritt auf Minerva zu. Nicht aus voller Überzeugung. Eher vorsichtig. Minerva bemerkte es sofort. Sie erwiderte die Bewegung nicht. Sie ließ Hermine selbst entscheiden, wie viel Nähe sie gerade zulassen konnte.
„Es tut mir leid“, sagte Hermine schließlich leise.
„Nicht, dass ich dich gefragt habe.“
Sie schluckte.
„Sondern dass ich dir unterstellt habe, du würdest mir absichtlich schaden.“
Minerva schüttelte sanft den Kopf.
„Ich verstehe, warum du so reagiert hast.“
„Verstehen heißt nicht, dass es nicht wehgetan hat.“
Ein trauriges Lächeln huschte über Minervas Gesicht.
„Es hat sehr wehgetan.“
Hermine senkte den Blick.
„Das wollte ich nicht.“
„Ich weiß.“
Minerva hob vorsichtig ihre freie Hand und strich Hermine eine Locke hinter das Ohr. Diesmal wich Hermine nicht zurück.
„Ich möchte nur eines von dir.“
„Was?“
„Dass du künftig zuerst mit mir sprichst.“
Minervas Stimme war ruhig.
„Bevor du glaubst, ich hätte mich gegen dich entschieden.“
Hermine nickte langsam.
„Das werde ich.“
Minerva lächelte schwach.
„Mehr verlange ich gar nicht.“
Einen Moment standen sie schweigend voreinander. Dann lehnte Hermine ihre Stirn vorsichtig gegen Minervas Schulter. Ganz leicht. Als würde sie prüfen, ob sich das noch richtig anfühlte. Minerva schloss die Augen. Sie legte einen Arm behutsam um Hermine.
„Ich habe dich vermisst“, flüsterte sie.
Hermine musste leise lachen.
„Wir haben uns doch heute Morgen erst gesehen.“
„Ich weiß.“
Minerva lächelte.
„Und trotzdem habe ich dich vermisst.“
Hermine spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste. Nicht alles, aber ein kleiner Teil. Sie hob langsam den Kopf.
„Darf ich dich etwas fragen?“
„Immer.“
„Bist du böse auf mich?“
Minerva antwortete sofort.
„Nein.“
„Enttäuscht?“
Sie dachte einen Augenblick nach.
„Ich bin traurig darüber, dass jemand es geschafft hat, einen Keil zwischen uns zu treiben.“
Ihre Finger verschränkten sich fester mit Hermines.
„Aber nicht über dich.“
Hermine nickte. Sie glaubte Minerva. Zumindest wollte sie es und doch war da tief in ihrem Inneren noch immer dieser kleine Stachel. Sie sah das Pergament wieder vor sich. Die Handschrift. Die Worte. Sie hasste sich dafür, dass sie noch daran dachte. Minerva bemerkte den kurzen Schatten in ihrem Gesicht.
„Du zweifelst noch.“
Es war keine Anschuldigung. Nur eine Feststellung. Hermine antwortete ehrlich.
„Ein kleines bisschen.“
Sie schloss kurz die Augen.
„Nicht an deiner Liebe, aber ich bekomme diese Zeilen einfach nicht aus meinem Kopf.“
Minerva nickte langsam.
„Das verstehe ich.“
Sie nahm Hermine behutsam an beiden Händen.
„Dann erwarte ich auch nicht, dass dieses Misstrauen in fünf Minuten verschwindet.“
Hermine sah überrascht auf.
„Nicht?“
„Nein.“
Minerva lächelte warm.
„Vertrauen wächst und manchmal muss es nach einer Verletzung auch wieder heilen.“
Sie strich Hermine sanft über die Wange.
„Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen.“
Hermine atmete tief durch.
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass du nicht von mir verlangst, sofort wieder unbeschwert zu sein.“
Minerva küsste sie sanft auf die Stirn.
„Ich verlange nichts von dir Hermine. Du bist ein freier Mensch und du entscheidest selbst über dein Leben und deine Gefühle. Ich wünsche mir nur eine Sache.“
„Und die wäre?“
„Dass wir den Weg zurück zueinander gemeinsam gehen.“
Hermine nickte. Diesmal ohne Zögern.
„Das möchte ich auch.“
Sie legte den Kopf wieder an Minervas Schulter. Noch war nicht alles in Ordnung. Dafür saß die Verunsicherung zu tief, doch zum ersten Mal seit der vergangenen Nacht hatte Hermine wieder das Gefühl, dass sie und Minerva nicht auf gegenüberliegenden Seiten standen. Sie hatten beschlossen, die Wahrheit gemeinsam zu suchen und allein dieser Entschluss fühlte sich bereits wie ein kleiner Schritt zurück zueinander an.
Eine Weile blieben sie einfach so stehen. Die Stille zwischen ihnen fühlte sich anders an als zuvor. Nicht mehr schneidend, nicht mehr voller Vorwürfe, sondern vorsichtig. Fast zerbrechlich. Hermine hob langsam den Kopf. Sie betrachtete Minervas Gesicht. Die feinen Sorgenfalten auf ihrer Stirn. Die leicht geröteten Augen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr dieser Streit auch Minerva mitgenommen hatte.
„Ich habe dir wirklich wehgetan, oder?“
Minerva lächelte traurig.
„Ja.“
Sie verschwieg es nicht.
„Es hat mir sehr wehgetan.“
Hermine schloss kurz die Augen.
„Es tut mir leid.“
„Ich weiß.“
Minerva hob vorsichtig eine Hand an Hermines Wange.
„Und ich weiß auch, dass du aus Schmerz gehandelt hast.“
„Das macht es nicht besser.“
„Nein.“
Minerva strich ihr sanft mit dem Daumen über die Wange.
„Aber es macht einen Unterschied.“
Hermine lehnte sich unwillkürlich in diese Berührung. Sie hatte geglaubt, sie würde nach dem Streit Abstand brauchen, aber stattdessen sehnte sie sich gerade nach genau dieser Nähe. Nach Minerva. Sie hob langsam ihre eigene Hand und legte sie auf Minervas.
„Ich möchte dich nicht verlieren.“
Der Satz war kaum mehr als ein Flüstern. Minerva spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte.
„Das wirst du nicht.“
„Auch wenn ich manchmal furchtbar anstrengend bin?“
Ein müdes Lächeln huschte über Minervas Gesicht.
„Das ist nichts Neues mein Schatz.“
Hermine musste leise lachen. Ein kurzes, erschöpftes Lachen. Es war das erste Mal an diesem Tag. Dann trat sie einen kleinen Schritt näher. Diesmal ohne Zögern. Sie legte beide Hände behutsam an Minervas Taille. Minerva hielt unwillkürlich den Atem an. Sie tat nichts. Sie wollte Hermine jede Entscheidung selbst treffen lassen. Hermine sah ihr noch einen Moment in die Augen.
„Ich weiß nicht, was mit diesem Bericht passiert ist.“
Ihre Stimme war leise.
„Und ich weiß auch nicht, warum ich immer noch diesen kleinen Zweifel in mir spüre.“
Sie schluckte.
„Aber eines weiß ich ganz sicher.“
Minerva wartete.
„Ich will uns nicht aufgeben.“
In Minervas Augen glänzten Tränen. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, beugte Hermine sich langsam vor. Ganz vorsichtig. Als wollte sie Minerva jede Möglichkeit geben, zurückzuweichen, doch Minerva dachte nicht einmal daran. Ihre Stirn berührte kurz Hermines. Dann fanden Hermines Lippen sanft die ihren. Es war kein leidenschaftlicher Kuss. Kein Versuch, alles ungeschehen zu machen. Es war ein stilles Versprechen.
'Ich bleibe.'
Minerva erwiderte den Kuss ebenso behutsam. Eine Hand glitt zärtlich an Hermines Rücken. Nicht, um sie festzuhalten, sondern um ihr zu zeigen, dass sie willkommen war.
Als sie sich wieder voneinander lösten, blieb ihre Stirn an Hermines gelehnt. Minerva lächelte mit geschlossenen Augen.
„Ich hatte solche Angst.“
Hermine blinzelte.
„Wovor?“
„Dass du nach diesem Streit keine Nähe mehr zulassen würdest.“
Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Dass ich dich heute verloren hätte.“
Hermine schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
Sie strich Minerva sanft über die Wange.
„So leicht wirst du mich nicht los.“
Ein leises Lachen entwich Minerva. Diesmal klang es ehrlich.
„Das hoffe ich sehr.“
Hermine lächelte.
„Ich habe dir gerade gesagt, dass ich uns nicht aufgeben will.“
„Ich weiß.“
Minerva sah sie voller Wärme an.
„Und ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich es mich macht, dass du wieder meine Nähe suchst.“
Sie küsste Hermine noch einmal sanft auf die Stirn.
„Egal, was hinter alldem steckt – wir werden es herausfinden.“
Hermine nickte. Für einen kurzen Augenblick schien der Streit vergessen. Nicht, weil er bedeutungslos gewesen wäre, sondern weil sie sich gerade beide bewusst dafür entschieden hatten, ihre Beziehung nicht von Misstrauen oder einem einzelnen Pergament bestimmen zu lassen.