Wir schaffen das
Wir schaffen das
Hallo ihr Lieben,
seid ihr noch bei mir?
Ich ziehe das Tempo mal etwas an, aber steinigt mich bitte nicht für das Ende dieses Kapitels... Ich freue mich, wenn ihr mir wieder mal ein paar Reviews da lasst :D Jetzt aber ganz viel Spaß mit dem neuen Kapitel.
Liebe Grüße!
Die Nacht brachte keine Ruhe. Obwohl sie längst im Bett lagen und das Schloss still geworden war, fand Minerva keinen Schlaf. Immer wieder drehte sie sich von einer Seite auf die andere, schloss die Augen und öffnete sie ein paar Minuten später wieder. Vor ihrem inneren Auge liefen die Ereignisse des Tages unaufhörlich ab.
Der Brief des Ministeriums. Das Gespräch mit Kingsley. Featherstones Worte. Und schließlich der Moment, in dem er seinen Zauberstab auf Hermine gerichtet hatte. Sie atmete tief durch, doch es war vergeblich. Die Anspannung wollte nicht weichen. Mitten in der Nacht spürte sie plötzlich zwei warme Arme, die sich vorsichtig um sie legten. Hermine war näher gerückt. Ohne ein Wort zog sie Minerva behutsam an sich. Fast automatisch schmiegte Minerva sich an sie. Erst jetzt bemerkte sie, wie erschöpft sie eigentlich war. Hermine strich ihr immer wieder langsam über den Rücken.
„Komm her“, murmelte sie verschlafen.
Minerva ließ es zu. Sie legte den Kopf an Hermines Schulter und schloss für einen Moment die Augen. Allein diese Umarmung ließ ihren Atem etwas ruhiger werden. Hermine küsste sie sanft auf die Stirn.
„Was ist los?“
Minerva antwortete zunächst nicht. Hermine spürte, dass sie noch wach war. Vorsichtig streckte sie den Arm aus und entzündete die kleine Lampe auf dem Nachttisch. Ein warmes, gedämpftes Licht erfüllte den Raum. Sie betrachtete Minerva besorgt.
„Du hast kaum geschlafen.“
Minerva nickte kaum merklich.
„Ich finde einfach keine Ruhe.“
„Wegen Kingsley?“
„Auch.“
Sie seufzte leise.
„Ich frage mich ständig, was er herausfinden wird und ob sich alles aufklären lässt oder ob es schon zu spät ist.“
Hermine strich ihr eine silbergraue Haarsträhne aus der Stirn.
„Kingsley wirkt auf mich wie jemand, der nicht locker lässt.“
„Das hoffe ich.“
Minerva schwieg einen Moment. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Aber das ist nicht das Einzige.“
Hermine wartete.
„Featherstone.“
Schon beim Aussprechen seines Namens spannte sich Minervas Körper wieder an.
„Ich bekomme dieses Bild einfach nicht aus dem Kopf.“
Sie senkte den Blick.
„Als ich vor der Tür stand…“
Ihre Stimme wurde leiser.
„…und gesehen habe, wie er seinen Zauberstab zog.“
Sie schluckte schwer.
„Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich nur zwei Minuten später zurückgekommen wäre.“
Hermine legte sofort eine Hand an ihre Wange.
„Minerva…“
„Er hätte dich verletzt.“
Der Satz kam beinahe flüsternd.
„Umsonst zieht niemand einen Zauberstab.“
Für einen Augenblick herrschte Stille. Hermine rückte noch ein wenig näher. Sie legte ihre Stirn gegen Minervas.
„Aber er hat es nicht.“
Minerva sah sie an.
„Ich war da.“
Hermine nickte.
„Genau.“
Sie lächelte sanft.
„Nichts ist passiert. Du bist rechtzeitig gekommen.“
Sie strich liebevoll über Minervas Wange.
„Und du hast dich zwischen ihn und mich gestellt.“
Minerva schloss kurz die Augen. Hermine küsste sie noch einmal zärtlich auf die Stirn.
„Jetzt bin ich hier und du bist hier. Wir beide liegen in unserem Bett. Niemand sonst ist hier.“
Minerva atmete langsam aus. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie schmiegte sich wieder etwas enger an Hermine.
„Das stimmt.“
Ihr Lächeln blieb klein, aber es war ehrlich. Hermine betrachtete Minerva noch einen Moment. Sie kannte sie inzwischen gut genug. Zu gut.
„Da ist noch etwas.“
Minerva schwieg.
„Ich sehe es dir an.“
Für einige Sekunden war nur das leise Ticken der kleinen Uhr auf dem Nachttisch zu hören. Schließlich nickte Minerva kaum merklich.
„Ja.“
Sie ließ den Blick sinken.
„Ich habe Angst.“
Hermine rückte ein wenig näher.
„Wovor?“
Minerva antwortete nicht sofort. Sie suchte nach den richtigen Worten.
„Ich fürchte…“
Sie atmete tief durch.
„…dass Featherstone inzwischen an einem Punkt angekommen ist, an dem ihm alles egal ist.“
Hermine hörte aufmerksam zu.
„Er hat heute ausgesprochen, was er schon lange vermutet.“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Und ich habe ihm nicht widersprochen. Ich musste dich schützen, nicht unsere Tarnung.“
Sie sah Hermine traurig an.
„Ich habe Angst, dass er jetzt öffentlich von unserer Beziehung erzählt.“
Der Satz hing schwer zwischen ihnen.
„Und wenn das geschieht…“
Minerva sprach kaum noch hörbar.
„…dann löst das vermutlich die nächste Lawine aus.“
Hermine sagte nichts. Langsam senkte sie den Blick. Sie wusste genau, was Minerva meinte. Alles würde von vorne beginnen. Die Fragen, Gerüchte, Untersuchungen und vielleicht sogar Konsequenzen für Minerva.
Minerva bemerkte sofort, wie Hermine in Gedanken versank. Behutsam legte sie zwei Finger unter ihr Kinn und hob ihren Kopf wieder an.
„Schau mich an.“
Hermine tat es. Minervas Blick war voller Wärme.
„Ich liebe dich.“
Sie sprach die Worte ruhig und ohne jedes Zögern.
„Und ich schäme mich nicht dafür.“
Hermine spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
„Nicht eine Sekunde.“
Minerva strich sanft mit dem Daumen über ihre Wange.
„Wenn ich unsere Beziehung geheim halte…“
Sie lächelte traurig.
„…dann nicht, weil ich Angst davor habe, mit dir zusammen zu sein, sondern weil ich dich schützen möchte.“
Hermine nickte langsam. Sie wusste das. Eigentlich hatte sie es immer gewusst und Minerva hatte es ihr auch so oft gesagt.
„Ein paar Monate noch.“
Minerva lächelte diesmal etwas hoffnungsvoller.
„Dann hast du deine Ausbildung abgeschlossen und dann…“
Sie hielt kurz inne.
„…steht uns hoffentlich niemand und nichts mehr im Weg.“
Hermine hob langsam ihre Hand. Sie legte sie liebevoll an Minervas Wange.
„Weißt du, woran ich gerade denke?“
„Woran?“
Ein kleines Lächeln erschien auf Hermines Lippen.
„Daran, dass ich irgendwann morgens neben dir aufwachen kann, ohne darüber nachdenken zu müssen, wer uns sehen könnte.“
Sie lachte leise.
„Dass ich dich einfach in der Großen Halle küssen dürfte oder deine Hand nehmen oder mit dir durch Hogwarts spazieren.“
Ihre Augen leuchteten.
„Nicht mehr heimlich, sondern ganz selbstverständlich.“
Minerva musste unwillkürlich lächeln. Allein diese Vorstellung tat gut.
„Das klingt wunderschön.“
„Ist es auch.“
Hermine strich ihr zärtlich über die Wange.
„Und weißt du was?“
„Hm?“
„Ein paar Monate schaffen wir auch noch.“
Ihre Stimme war voller Überzeugung.
„Gemeinsam.“
„Gemeinsam“, wiederholte Minerva leise.
„Dann können wir all das tun. Abgesehen von der Knutscherei in der Großen Halle. Das sollten wir weiterhin unterlassen“, fügte Minerva schmunzelnd hinzu.
„Das werden wir dann sehen.“
Minerva lachte. Sie beugte sich vor. Ihre Lippen fanden sich in einem ruhigen, liebevollen Kuss. Als sie sich wieder voneinander lösten, löschte Hermine die kleine Lampe. Das Zimmer versank erneut in sanftes Dunkel. Sie legten sich wieder hin. Ganz dicht nebeneinander. Hermine schmiegte sich an Minerva, während Minerva einen Arm schützend um sie legte. Ihre Beine waren bereits ineinander verschlungen und Hermines Stirn lehnte an Minervas. Für einen langen Moment sagte keine von beiden etwas. Sie lauschten nur dem ruhigen Atem der anderen. Beide hatten dieses Gefühl von Geborgenheit und von Zuhause. Keine von beiden wollte es jemals wieder verlieren und während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben strich, hielten sie einander fest, als könnten sie mit dieser Umarmung all den Stürmen trotzen, die noch vor ihnen lagen.
Zur selben Zeitpunkt herrschte in einem anderen Teil des Schlosses eine vollkommen andere Stimmung. Edmund Featherstone saß entspannt in seinem Sessel. Das Kaminfeuer knisterte leise. Ein Glas Feuerwhisky ruhte in seiner Hand. Mit einem zufriedenen Lächeln schwenkte er die bernsteinfarbene Flüssigkeit, bevor er einen langsamen Schluck nahm.
„Minerva McGonagall…“
Er schnaubte verächtlich.
„Du kämpfst.“
Er stellte das Glas auf den kleinen Tisch.
„Natürlich tust du das.“
Er hatte ihren Gesichtsausdruck im Klassenzimmer nicht vergessen. Die Wut und diese Entschlossenheit hatten ihn für einen kurzen Moment tatsächlich überrascht, doch inzwischen war seine Gelassenheit zurückgekehrt. Er lehnte sich bequem zurück.
„Es wird dir nichts nützen.“
Er war überzeugt davon. In seinen Augen hatte sich das Blatt längst zu seinen Gunsten gewendet. Das Ministerium stellte Fragen, Hermines Ausbildungsakte war belastet, die Zulassung zur Prüfung stand plötzlich auf der Kippe und Minerva war gezwungen, immer mehr Energie in ihre Verteidigung zu investieren. Genau darauf hatte er hingearbeitet.
„Ein paar weitere Wochen…“
Er lächelte in sich hinein.
„Dann fällt diese kleine Schlampe durch ihre Ausbildung.“
Er nahm erneut einen Schluck Feuerwhisky.
„Und Minerva?“
Er lachte leise.
„Sie wird sich erklären müssen.“
Er war überzeugt, dass die Schulleiterin sich irgendwann in Widersprüche verstricken würde. Eine Schulleiterin, deren Objektivität öffentlich infrage gestellt wurde. Eine Referendarin, deren Beurteilungen plötzlich widersprüchlich waren. Für Featherstone ergab das ein perfektes Bild.
„Das Ministerium wird handeln müssen.“
Davon war er fest überzeugt. Er griff wieder nach seinem Glas.
„Und wenn Minerva ihren Posten verliert…“
Er hob das Glas leicht an, als würde er auf diesen Gedanken anstoßen.
„…dann beginnt endlich eine neue Zeit.“
Sein Blick wurde kalt. Fast berechnend.
„Die beiden Frauen halten sich im Moment noch gegenseitig aufrecht.“
Er erinnerte sich an Hermines Reaktion im Klassenzimmer. An ihre Wut, ihre Unsicherheit und an Minervas sichtbare Anspannung. Für ihn war das kein Zeichen ihrer Stärke, sondern ihrer Schwäche.
„Noch ein wenig mehr Druck…“
Er lächelte selbstzufrieden.
„…und die ersten Risse werden größer.“
Er war überzeugt, dass keine Beziehung dauerhaft einer solchen Belastung standhalten konnte. Er glaubte, dass Misstrauen, Angst und beruflicher Druck irgendwann das Übrige tun würden.
„Sie werden sich früher oder später gegenseitig Vorwürfe machen.“
Er schloss kurz die Augen.
„Und irgendwann…“
Ein selbstgefälliges Lächeln legte sich auf sein Gesicht.
„…zerbrechen sie daran.“
Mit dieser Überzeugung lehnte er sich zufrieden zurück. Er war sich sicher, auf dem besten Weg zu sein. Was er nicht wusste:
Während er seinen vermeintlichen Sieg bereits genoss, hatten sich längst Kräfte in Bewegung gesetzt, von denen er noch nicht einmal ahnte, dass sie existierten.
Die nächsten Tage vergingen quälend langsam. Nicht, weil besonders viel geschah, sondern weil nichts geschah und genau das machte die Situation so unerträglich. Von Kingsley kam keine Nachricht. Kein Brief, kein Patronus, nicht einmal eine kurze Rückmeldung, dass die Ermittlungen bereits begonnen hatten.
Jedes Mal, wenn eine Ministeriumseule über Hogwarts kreiste, hob Minerva unwillkürlich den Kopf und jedes Mal legte sich die Enttäuschung wieder über ihr Gesicht.
Auch Hermine wartete ebenso vergeblich. Es kam keine Entscheidung, keine Einladung und auch keine Mitteilung darüber, ob sie überhaupt zur Abschlussprüfung zugelassen werden würde. Die Ungewissheit nagte an ihr. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Sie unterrichtete, bereitete Stunden vor, korrigierte Aufsätze, doch Minerva bemerkte, wie oft Hermine gedankenverloren aus dem Fenster sah oder während des Essens kaum einen Bissen hinunterbrachte. Immer wieder legte sie ihr unauffällig eine Hand auf den Rücken oder schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Mehr konnte sie im Moment nicht tun und genau das belastete sie.
Eine Sache allerdings hatte Minerva ohne jede Diskussion beschlossen. Sie begleitete jede einzelne Verwandlungsstunde, die Hermine gemeinsam mit Featherstone hielt. Offiziell, um sich ein eigenes Bild von Hermines Ausbildungsfortschritt zu machen. In Wahrheit hatte sie einen ganz anderen Grund. Sie vertraute Featherstone nicht mehr. Nicht eine Sekunde. Seit dem Moment, in dem sie ihn mit erhobenem Zauberstab vor Hermine erlebt hatte, war für sie jede Grenze überschritten. Sie wollte nicht einmal die Möglichkeit zulassen, dass sich eine ähnliche Situation wiederholte. Deshalb saß sie in jeder Stunde hinten im Klassenraum. Mit einem Notizblock auf dem Schoß. Sie blieb ruhig, aufmerksam und hatte Featherstone immer im Blick. Er bemerkte das selbstverständlich, doch zu Minervas Überraschung verhielt er sich ungewöhnlich zurückhaltend. Es kamen keine spitzen Bemerkungen, keine herablassenden Kommentare und er unterbrach Hermine auch nicht mehr so häufig. Er lobte Hermine sogar gelegentlich knapp, wenn auch sichtbar widerwillig. Nach außen wirkte er beinahe wie ein kooperativer Ausbilder. Für Außenstehende hätte alles vollkommen normal ausgesehen, doch Minerva ließ sich davon nicht täuschen. Sie beobachtete jede Bewegung, jeden Blick und jedes Zögern. Sie wartete beinahe darauf, dass er einen Fehler machte und dass die Maske erneut verrutschte, aber Featherstone blieb auffallend handzahm. Gerade das machte Minerva misstrauisch. Sie kannte ihn inzwischen gut genug. Ein Mann wie Edmund Featherstone änderte sein Verhalten nicht plötzlich aus Einsicht. Wenn er schwieg, dann hatte er einen Grund und dieser Gedanke ließ Minerva auch in den scheinbar ruhigsten Unterrichtsstunden wachsam bleiben.
Die zusätzliche Unterrichtsbeobachtung hatte allerdings ihren Preis. Jede Stunde, die Minerva hinten im Verwandlungsklassenzimmer verbrachte, fehlte ihr an anderer Stelle. Briefe blieben liegen, Anträge stapelten sich, Haushaltspläne mussten warten, Berichte wollten gelesen und unterschrieben werden und so begann für Minerva nach dem Unterricht oft erst der zweite Teil ihres Arbeitstages.
Wenn die meisten Lehrkräfte bereits Feierabend machten und die Schüler in ihren Gemeinschaftsräumen verschwanden, brannte noch lange Licht im Büro der Schulleiterin. Pergament um Pergament arbeitete sie ab. Mit derselben Gewissenhaftigkeit wie immer. Nur, dass die Tage inzwischen deutlich länger geworden waren. Manchmal blickte sie erst auf, wenn die Turmuhr bereits zehn Uhr oder elf Uhr schlug. Dann massierte sie sich kurz die Schläfen, nahm ihre Brille ab und stellte fest, dass es schon wieder viel später geworden war, als sie geplant hatte. Jedes Mal dachte sie dasselbe.
'Hermine wartet bestimmt schon.'
Und jedes Mal machte sie sich mit einem schlechten Gewissen auf den Weg.
Fast schon regelmäßig öffnete sie spät am Abend die Tür zu Hermines Wohnung. Sie versuchte dabei möglichst leise zu sein. Nie wusste sie, ob Hermine noch wach war. Meistens fand sie dieselbe Szene vor.
Auf dem kleinen Tisch standen zwei Tassen. Eine davon war fast leer, die andere längst kalt geworden. Ein Buch lag aufgeschlagen neben dem Sofa und Hermine… war irgendwann während des Wartens eingeschlafen.
Mal lag sie zusammengerollt unter einer Decke. Mal hatte sie den Kopf gegen die Sofalehne gelehnt. Ein anderes Mal war ihr das Buch noch halb aus der Hand gerutscht.
Jedes Mal blieb Minerva einen Moment in der Tür stehen. Sie betrachtete die junge Hexe still. Dabei mischten sich zwei Gefühle.
Wärme und ein schlechtes Gewissen.
Sie wusste, dass Hermine nicht hätte warten müssen. Sie hatte es ihr oft genug gesagt, doch Hermine wartete trotzdem jeden Abend, als wäre der Tag für sie erst beendet, wenn Minerva endlich durch diese Tür kam und jedes Mal nahm Minerva sich vor, am nächsten Abend früher Schluss zu machen, doch am nächsten Abend warteten wieder neue Akten auf ihrem Schreibtisch.
Das letzte Wochenende im März begann ungewöhnlich ruhig. Der Unterricht war vorbei. Die Schüler freuten sich auf zwei freie Tage. Auch viele Lehrkräfte hatten das Wochenende bereits herbeigesehnt. Nur hinter einer Tür brannte noch lange Licht. Minerva saß wie so oft an ihrem Schreibtisch. Vor ihr lagen mehrere Stapel Pergamente. Mit routinierten Bewegungen unterschrieb sie einen Bericht nach dem anderen. Hin und wieder setzte sie ihre Brille etwas höher und griff nach ihrer inzwischen längst kalt gewordenen Tasse Tee. Ein leises Klopfen unterbrach ihre Arbeit.
„Herein.“
Die Tür öffnete sich. Hermine trat mit einem warmen Lächeln ein.
„Guten Abend, Professor McGonagall.“
Minerva blickte auf. Allein beim Anblick der jungen Hexe wurde ihr Gesicht weicher.
„Guten Abend.“
Hermine trat näher. Ihr Blick fiel auf die hohen Papierstapel.
„Du arbeitest immer noch.“
„Leider.“
Minerva seufzte leise.
„Ich wollte eigentlich schon längst fertig sein.“
„Aha.“
Hermine nickte gespielt ernst.
„Das behauptest du jetzt seit vier Abenden.“
Minerva konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Ist das so?“
„Ja.“
Ohne weitere Vorwarnung griff Hermine nach dem Pergament, das Minerva gerade lesen wollte. Dann nahm sie noch den nächsten Stapel und schließlich sogar Minervas Feder. Minerva sah ihr überrascht zu.
„Hermine?“
Die junge Hexe trat mit sämtlichen Unterlagen einen Schritt zurück.
„Beschlagnahmt.“
Minerva hob belustigt eine Augenbraue.
„Wie bitte?“
„Ich nehme dir jetzt mehr oder weniger die Arbeit weg.“
„Mehr oder weniger?“
„Gut.“
Hermine grinste.
„Eigentlich komplett.“
Minerva musste lachen.
„Und weshalb?“
„Weil ich endlich mal wieder einen ganzen Abend mit dir verbringen möchte.“
Sie verschränkte gespielt die Arme.
„Ohne Ministerium und vor allem…“
Sie deutete auf den Schreibtisch.
„…ohne diese Pergamente. Ich will dich ganz für mich.“
Minerva betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf.
„Du bist wirklich hartnäckig.“
„Das muss ich wohl sein.“
Hermine legte die Unterlagen auf einen kleinen Beistelltisch. Anschließend ging sie wieder zu Minerva. Sie beugte sich zu ihr hinunter. Ganz vorsichtig legte sie eine Hand an ihre Wange.
„Komm schon.“
Sie küsste Minerva sanft und zärtlich. Als sie sich wieder voneinander löste, blieb sie ganz nah.
„Kann ich dich nicht doch irgendwie überreden, endlich Feierabend zu machen?“
Noch bevor Minerva antworten konnte, küsste Hermine sie ein zweites Mal. Diesmal etwas länger. Minerva erwiderte den Kuss lächelnd. Als sie sich schließlich voneinander lösten, schüttelte sie amüsiert den Kopf.
„Weißt du…“
Sie strich Hermine liebevoll über die Wange.
„Du bist ausgesprochen überzeugend.“
Hermine grinste zufrieden.
„Das nehme ich jetzt einfach mal als gutes Zeichen.“
Minerva musste lachen. Hermine betrachtete Minerva noch einen Moment. Dann huschte ein verschmitztes Lächeln über ihr Gesicht.
„Was?“, fragte Minerva misstrauisch.
„Nichts.“
„Hermine…“
„Gar nichts.“
Bevor Minerva weiterfragen konnte, trat Hermine noch einen Schritt näher. Mit einer fließenden Bewegung setzte sie sich kurzerhand auf Minervas Schoß.
„Hermine!“
Minerva musste sofort lachen.
„Du bist wirklich unmöglich.“
„Das höre ich ständig.“
Hermine legte beide Arme locker um Minervas Hals.
„Und trotzdem scheinst du mich wenigstens ein bisschen zu mögen.“
„Das könnte tatsächlich sein.“
Minerva schüttelte schmunzelnd den Kopf und legte ihre Hände wie selbstverständlich an Hermines Taille. Hermine sah sie einen Moment liebevoll an.
„Weißt du eigentlich, wie stolz ich auf dich bin?“
Minerva blinzelte überrascht.
„Worauf denn?“
„Auf alles.“
Hermine lächelte.
„Du kümmerst dich um Hogwarts. Du kämpfst für deine Schüler. Du kämpfst für mich.“
Ihre Stimme wurde etwas leiser.
„Und dabei vergisst du ständig, dass auch du einmal eine Pause brauchst.“
Minerva wollte etwas erwidern, doch Hermine legte ihr sanft einen Finger auf die Lippen.
„Nein, nein. Heute möchte ich keine Widerworte hören.“
Minerva hob belustigt eine Augenbraue.
„Ach nein?“
„Nein.“
Ganz vorsichtig küsste Hermine sie auf die Wange.
„Du hast dir einen ruhigen Abend mehr als verdient.“
Dann streifte sie mit einem zweiten, flüchtigen Kuss ihren Hals.
„Und ich vermisse solche Abende mit dir.“
Schließlich fanden ihre Lippen noch einmal sanft Minervas. Ein kurzer, liebevoller Kuss.
Als sie sich wieder voneinander lösten, lächelte Minerva sie warm an.
„Du gibst wirklich niemals auf, oder?“
„Nicht bei solch wichtigen Dingen.“
Minerva lachte leise.
„Und ich gehöre offenbar zu den wichtigen Dingen?“
Hermine sah sie an, als wäre die Antwort selbstverständlich.
„Du bist das Wichtigste.“
Für einen Moment sagte Minerva nichts. Sie betrachtete nur das vertraute Gesicht vor sich. Dann seufzte sie gespielt ergeben.
„Nun gut.“
Hermine grinste sofort.
„Heißt das…“
„Ja.“
Minerva schloss lächelnd die letzte Akte.
„Du hast gewonnen. Schon wieder.“
„Das sagst du so, als würdest du dich darüber ärgern.“
„Überhaupt nicht.“
Ihr Blick glitt zu Hermines Lippen und rutschte wie von selbst ein wenig tiefer. Hermine hatte mal wieder ein Kleid gewählt, dem Minerva nicht widerstehen konnte.
„Genießt du die Aussicht?“, fragte Hermine grinsend.
Minerva hob die Finger und ließ sie ganz langsam am Hermines tiefem Ausschnitt entlang gleiten.
„Und wie“, flüsterte sie und platzierte einen sanften Kuss auf Hermines Schlüsselbein.
Die junge Frau schloss die Augen und lächelte.
„Dann habe ich wohl alles richtig gemacht.“
„Du bist ein kleines Biest, weißt du das?“
„Damit musst du jetzt leider leben mein Schatz.“
Hermine beugte sich noch einmal vor und strich mit ihrem Daumen ganz sanft über Minervas Lippen. Langsam nahm Minerva Hermines Hand und küsste ihren Handrücken.
„Nichts lieber als das.“
Sie lächelten einander liebevoll an. Dann klopfte Minerva sanft auf Hermines Oberschenkel.
„So, das war genug romantische Spannung für dieses Büro.“
Hermine lachte, drückte Minerva dennoch einen weiteren Kuss auf die Lippen und rutschte dann von ihrem Schoß.
„Merk dir eines Minerva McGonagall, genug romantische Spannung gibt es nicht.“
Minerva stand vorsichtig auf und wickelte eine von Hermines Haarsträhnen um ihren Finger.
„Das wirst du mir gleich noch einmal genauer erklären müssen“
„Mit dem größten Vergnügen, Professor.“
„Komm“, meinte Minerva sanft lächelnd. „Feierabend.“
„Endlich“, seufzte Hermine.
Sie nahm sofort Minervas Hand und gemeinsam verließen sie das Büro durch eine Seitentür.
Wenig später saßen sie in Minervas Wohnung. Im Kamin knisterte ein warmes Feuer. Auf dem niedrigen Tisch standen zwei Tassen Tee. Zum ersten Mal seit langer Zeit lagen keine Akten zwischen ihnen. Nur sie beide. Hermine hatte sich dicht an Minerva gekuschelt und ihren Kopf an ihre Schulter gelegt. Minerva strich gedankenverloren durch Hermines Haare. Sie sprachen über alles Mögliche. Über Nevilles neuestes Gewächshausprojekt. Über einen Erstklässler, der versehentlich seinen eigenen Hut in einen Igel verwandelt hatte und deshalb im Krankenflügel gelandet war. Über die ersten Frühlingsblumen auf den Ländereien. Immer wieder mussten beide lachen. Es waren ganz gewöhnliche Gespräche. Gerade deshalb fühlten sie sich so kostbar an. Für einen Abend durfte das Ministerium schweigen. Featherstone existierte nicht. Die Sorge um die Prüfung rückte in den Hintergrund. Es gab nur das leise Knistern des Feuers, zwei Tassen Tee und die Gewissheit, dass sie diesen Moment miteinander teilen konnten und genau das war im Augenblick mehr als genug.
„Also“, meinte Minerva irgendwann und Hermine hob den Kopf.
„Also was?“
„Du schuldest mir noch eine Erklärung zum Thema romantische Spannung und warum man davon nie genug haben kann.“
Hermine grinste und setzte sich auf.
„Willst du die ausführliche Erklärung?“, grinste Hermine und ließ ihre Finger bereits in Minervas Haar gleiten.
„Nun, ich begreife in der Regel sehr schnell, allerdings sollten wir uns diesem Thema doch etwas genauer widmen.“
Hermine grinste, beugte sich vor und küsste Minerva sanft auf die Lippen.
„Mhm, das musst du mir noch einmal erklären“, sagte Minerva, als Hermines sich ein Stück von ihr löste.
„Ah, dann sollte ich vielleicht anders beginnen.“
Sie ließ ihre Hände sanft über Minervas Brust zu ihrem Hals und in ihren Nacken gleiten. Ihre Lippen fanden Minervas Hals. Sie küsste sich hinauf, bis sie Minervas Mund erreichte und sie tief und innig küssen konnte. Minerva legte eine Hand an Hermines Taille, die andere in ihren Nacken. Langsam öffnete sie ihren Mund und gewährte Hermines Zunge Einlass. Nach einer halben Ewigkeit lösten sie sich schwer atmend voneinander.
„Jetzt habe ich die Grundlagen verstanden“, meinte Minerva mit einem ganz besonderen Lächeln.
„Wunderbar“, meinte Hermine und ließ ihre Hand in Minervas Ausschnitt verschwinden.
Minerva schnappte einen Moment nach Luft.
„Dann sollten wir das Thema noch ein wenig vertiefen.“
„Ja. Das denke ich auch.“
„Allerdings denke ich, dass wir die praktische Übung lieber in deinem Schlafzimmer durchführen sollten.“
„Eine wirklich gute Idee.“
Nach einem weiteren sanften Kuss standen sie vom Sofa auf und verschwanden im Schlafzimmer.
Der März ging schließlich zu Ende. Für Hermine fühlte es sich an, als hätte dieser Monat ein ganzes Jahr gedauert. Umso erleichterter war sie, als der Kalender endlich den ersten April zeigte. Mit dem neuen Monat wechselte auch ihr Stundenplan. Verwandlung lag zunächst wieder hinter ihr. Für die nächsten Wochen unterrichtete sie erneut gemeinsam mit Horace Slughorn Zaubertränke. Schon die erste Unterrichtsstunde fühlte sich vollkommen anders an.
„Hermine, wie schön, dass du wieder hier bist.“
Horace beobachtete sie lächelnd, während die Schüler ihre Kessel vorbereiteten.
„Du darfst direkt beginnen.“
Hermine nickte.
„Sehr gern.“
Sie trat vor die Klasse, erklärte den Trank ruhig und verständlich und beantwortete jede Frage sicher. Als ein Schüler einen kleinen Fehler machte, korrigierte sie ihn geduldig und zeigte der gesamten Klasse noch einmal den entscheidenden Arbeitsschritt.
Horace stand währenddessen mit verschränkten Armen hinten im Klassenraum und einem immer breiter werdenden Lächeln.
Nach dem Unterricht klatschte er begeistert in die Hände.
„Ausgezeichnet!“
Hermine musste unwillkürlich lächeln.
„Wirklich?“
„Wirklich?“ Horace sah sie gespielt empört an. „Hermine, wenn du so weitermachst, bleibt mir bald gar nichts mehr zu tun.“
Hermine lachte.
„Das glaube ich kaum.“
„Ich schon.“
Er nickte überzeugt.
„Du erklärst ruhig, reagierst besonnen und deine Fachkenntnisse stehen ohnehin außer Frage.“
Er legte ihr anerkennend eine Hand auf die Schulter.
„Ich bin ausgesprochen zufrieden mit dir.“
Dieses Lob traf Hermine mitten ins Herz. Nicht, weil sie Bestätigung brauchte, sondern weil sie nach den vergangenen Wochen beinahe vergessen hatte, wie sich ehrliches Vertrauen anfühlte.
„Danke, Horace.“
Horace lächelte zufrieden.
„Nein. Ich danke dir.“
Auch für Minerva änderte sich mit dem April einiges. Da Hermine nun wieder bei Horace unterrichtete, musste Minerva keine täglichen Hospitationen mehr übernehmen. Zum ersten Mal seit Wochen konnte sie ihre eigenen Aufgaben wieder tagsüber erledigen. Die Aktenberge wurden kleiner, Briefe wurden pünktlich beantwortet, Berichte mussten nicht mehr bis spät in die Nacht warten und das bedeutete vor allem eines:
Ihre Abende gehörten wieder Hermine.
Sie aßen gemeinsam, spazierten manchmal spät abends noch ein Stück über die im Dunkeln liegenden Ländereien oder verbrachten den Abend einfach auf dem Sofa. Allein die Nähe der anderen genügte oft schon. Es fühlte sich fast wieder wie früher an. Fast. Denn trotz dieser kleinen Ruhe lag über beiden weiterhin ein Schatten.
Nach jedem Unterricht blickte Hermine unwillkürlich zu den Eulen. Jedes Mal, wenn eine Ministeriumseule auf Hogwarts zuflog, schlug ihr Herz schneller.
War heute endlich die Entscheidung da? Würde sie zur Prüfung zugelassen werden? Oder würden Monate harter Arbeit mit einem einzigen Brief enden?
Die Prüfung war bereits für Ende Juni vorgesehen und jeder weitere Tag des Wartens machte sie unruhiger.
Auch Minerva wartete. Nicht auf denselben Brief, sondern auf eine Nachricht von Kingsley. Immer wieder blickte sie nach dem Frühstück auf die eingehende Post. Immer wieder hoffte sie auf ein Schreiben mit dem Siegel des Zaubereiministeriums, doch Tag für Tag blieb die erhoffte Nachricht aus. Trotzdem verlor sie die Hoffnung nicht. Kingsley hatte ihr versprochen, der Sache persönlich nachzugehen und Minerva glaubte ihm. Sie wusste nur nicht, wie lange diese Geduld noch auf die Probe gestellt werden würde.
Vier Tage später änderte sich alles. Es war ein gewöhnlicher Dienstagmorgen. Die Große Halle war erfüllt vom Stimmengewirr der Schüler. Hermine unterhielt sich gerade mit Horace über die Unterrichtsplanung der kommenden Woche, während Minerva schweigend ihren Tee trank. Da öffneten sich die hohen Fenster. Drei Ministeriumseulen glitten lautlos in die Halle. Fast gleichzeitig. Die erste landete direkt vor Minerva. Die zweite vor Hermine. Die dritte vor Edmund.
Augenblicklich verstummten mehrere Gespräche. Alle drei Umschläge trugen dasselbe Siegel des Zaubereiministeriums. Minerva erkannte sofort die Unterschrift auf der Vorderseite.
Kingsley Shacklebolt.
Sie öffnete den Brief. Hermine tat es ihr gleich. Auch Featherstone brach das Siegel ohne zu zögern. Minerva begann ihren Brief stumm zu lesen.
Sehr geehrte Professor McGonagall,
hiermit bitte ich Sie, am Donnerstag um 10:00 Uhr zu einem persönlichen Gespräch im Zaubereiministerium zu erscheinen.
An diesem Gespräch werden außerdem Miss Hermine Granger sowie Professor Edmund Featherstone teilnehmen.
Gegenstand des Termins sind die zuletzt eingegangenen Ausbildungsunterlagen, die hierzu eingeleiteten Prüfungen sowie daraus resultierende weitere Entscheidungen.
Ich bitte Sie, sämtliche noch vorhandenen Originalunterlagen und Abschriften mitzubringen.
Mit freundlichen Grüßen
Kingsley Shacklebolt
Zaubereiminister
Minerva las den Brief zweimal. Dann faltete sie ihn langsam zusammen. Hermine und Edmund mussten wohl die selbe Nachricht erhalten haben. Ihr Gesicht blieb vollkommen ruhig, doch innerlich arbeitete es.
Er hat etwas herausgefunden oder zumindest genug, um alle Beteiligten gleichzeitig einzuladen. Sie wusste nur nicht, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht war. Neben ihr wurde Hermine immer blasser. Sie ließ den Brief langsam sinken.
„Donnerstag…“, flüsterte sie. „Das ist es also.“
Für sie gab es nur eine Erklärung. Das Ministerium hatte entschieden. Sie würde persönlich erfahren, dass ihre Zulassung zur Abschlussprüfung abgelehnt wurde. Sie spürte einen schmerzhaften Kloß im Hals.
Am anderen Ende des Lehrertisches lächelte Featherstone. Zum ersten Mal seit Tagen wirkte er vollkommen entspannt. Er lehnte sich zurück und nahm seelenruhig einen Schluck Kaffee.
'Endlich.'
Er war überzeugt, dass sich seine Mühe ausgezahlt hatte. Wenn der Zaubereiminister persönlich alle drei einlud, konnte das nur eines bedeuten:
Das Ministerium hatte reagiert und zwar gegen Hermine.
Genau wie er es geplant hatte.
Pomona bemerkte sofort Hermines Gesichtsausdruck. Sie rückte ihren Stuhl näher.
„Hermine?“
Die junge Hexe reichte ihr schweigend den Brief. Pomona las ihn aufmerksam. Dann blickte sie auf.
„Nein.“
Hermine sah sie verwundert an.
„Du solltest jetzt nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen.“
Poppy hatte den Brief inzwischen ebenfalls gelesen. Sie nickte zustimmend.
„Wenn bereits eine endgültige Entscheidung gefallen wäre, würde man euch kaum alle drei zu einem gemeinsamen Gespräch einladen.“
Irina legte den Brief behutsam wieder auf den Tisch.
„Kingsley hat ausdrücklich alle Beteiligten eingeladen.“
Sie sah Hermine ruhig an.
„Das klingt für mich eher danach, als wolle er sich selbst ein vollständiges Bild machen.“
Hermine schüttelte langsam den Kopf.
„Oder er möchte mir die Entscheidung persönlich mitteilen.“
Pomona legte ihr eine Hand auf den Unterarm.
„Ich glaube nicht daran.“
„Ich auch nicht“, sagte Poppy.
Irina lächelte Hermine aufmunternd an.
„Du hast in den letzten Monaten mehr durchgestanden, als viele Referendare in ihrer gesamten Ausbildung erleben.“
Sie hielt Hermines Blick fest.
„Und ich glaube fest daran, dass am Ende die Wahrheit zählt.“
Pomona nickte entschlossen.
„Ganz genau. Wir glauben daran, dass alles gut wird.“
Hermine sah von einer Freundin zur nächsten. Zum ersten Mal an diesem Morgen erschien ein kleines, unsicheres Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie hoffte so sehr, dass sie recht behalten würden.
Der Donnerstag kam schneller, als allen dreien lieb war. Schon am frühen Morgen lag eine eigentümliche Spannung über Hogwarts. Beim Frühstück sprach kaum jemand. Selbst Horace Slughorn, der sonst immer eine Anekdote zu erzählen hatte, bemerkte, dass heute nicht der richtige Zeitpunkt dafür war.
Kurz nach halb neun verließen Minerva, Hermine und Edmund gemeinsam das Schloss. Niemand sagte ein Wort. Sie apparierten direkt vor das Zaubereiministerium.
Der Weg durch das Atrium verlief schweigend. Featherstone ging einige Schritte voraus. Seine Haltung war aufrecht. Fast schon selbstgefällig. Er nickte einigen Mitarbeitern des Ministeriums freundlich zu, als wäre er lediglich zu einem gewöhnlichen Termin eingeladen worden. Innerlich war er überzeugt, dass sich heute alles entscheiden würde und zwar zu seinen Gunsten.
Hermine ging hinter ihm. Ihre Hände waren so fest ineinander verschränkt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie versuchte ruhig zu atmen, doch es war ein vergeblicher Versuch. Mit jedem Schritt schlug ihr Herz schneller. Immer wieder stellte sie sich dieselbe Frage.
'Was, wenn sie mich wirklich nicht zulassen?'
Monatelange Arbeit, Nächte voller Vorbereitung und unzählige Unterrichtsstunden… Alles könnte heute enden.
Neben ihr ging Minerva. Aufrecht und ruhig wie immer. Mit derselben kontrollierten Haltung, die sie auch vor einer schwierigen Lehrerkonferenz oder einer Prüfung ausstrahlte. Wer sie nicht kannte, hätte vermutlich geglaubt, sie sei vollkommen gelassen, doch Hermine kannte jede kleine Veränderung. Den etwas festeren Griff um die Ledermappe. Den kaum merklich angespannten Kiefer. Die etwas langsameren Atemzüge. Minerva war genauso angespannt wie sie. Sie ließ es sich nur nicht anmerken.
Als Hermine sie kurz ansah, begegnete Minerva ihrem Blick. Ganz leicht nickte sie. Es war ein wortloses:
'Wir schaffen das.'
Hermine nickte zurück.
Eine Mitarbeiterin des Ministeriums erwartete sie bereits.
„Professor McGonagall, Miss Granger, Professor Featherstone.“
Sie lächelte höflich.
„Bitte folgen Sie mir.“
Sie führte die drei durch mehrere Korridore, bis sie schließlich vor einer großen Doppeltür stehen blieb. Sie öffnete sie.
„Bitte nehmen Sie Platz.“
Der Besprechungsraum war größer, als Hermine erwartet hatte. Ein langer Eichentisch nahm fast den gesamten Raum ein. Mehrere Stühle standen darum. Am Kopfende lag bereits eine dicke Aktenmappe. Die Mitarbeiterin deutete auf die Plätze.
„Die zuständigen Vertreter der Dienstaufsicht, der Abteilung für Magische Bildung sowie Minister Shacklebolt selbst werden in wenigen Minuten zu Ihnen stoßen.“
Featherstone hob überrascht den Kopf.
„Der Minister persönlich?“
„Ja.“
Mehr sagte die Hexe nicht.
„Bitte warten Sie einen Moment.“
Sie schloss die Tür hinter sich. Sofort wurde der Raum still. Hermine setzte sich langsam. Sie hörte ihr eigenes Herz schlagen. So laut, dass sie glaubte, die anderen müssten es ebenfalls hören. Ihre Hände ruhten auf ihrem Schoß. Sie zitterten leicht. Featherstone nahm entspannt gegenüber Platz. Er lehnte sich zurück. Dass der Zaubereiminister persönlich erschien, überraschte ihn zwar, doch es änderte nichts an seiner Überzeugung. Im Gegenteil. Vielleicht wollte Kingsley Shacklebolt bei einer so bedeutsamen Entscheidung einfach selbst anwesend sein. Für Featherstone war das eher ein gutes Zeichen. Er war sich sicher, dass heute seine Berichte bestätigt würden.
Minerva setzte sich neben Hermine. Sie legte ihre Ledermappe ruhig vor sich auf den Tisch. Nach außen wirkte sie unverändert - gefasst und konzentriert, doch tief in ihrem Inneren regte sich etwas, das sie in den vergangenen Tagen kaum noch zugelassen hatte.
Hoffnung.
Kingsley hatte sich Zeit genommen. Er hatte persönlich zu diesem Gespräch eingeladen und er hatte Vertreter mehrerer Abteilungen hinzugezogen. Vielleicht… Nur vielleicht… war das kein Termin, um ein Urteil zu verkünden, sondern einer, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Vor der Tür waren Schritte und mehrere Stimmen zu hören. Dann bewegte sich langsam die Türklinke.