Im Zwielicht der Zweifel
Im Zwielicht der Zweifel
Hermine hatte die Mappe mit den Stundenplänen noch immer unter dem Arm, als sie aus dem Lehrerzimmer trat. Ihre Gedanken kreisten um Minerva, das Gespräch, den schmerzhaften Rückzug. Ein Druck lastete in ihrer Brust, der sie langsamer gehen ließ.
„Miss Granger.“
Die Stimme ließ sie zusammenzucken. Professor Featherstone stand am Ende des Korridors, die Arme locker hinter dem Rücken verschränkt, die Augen kalt und prüfend.
„Professor,“ erwiderte sie knapp, bemüht, ihre Unsicherheit zu verbergen.
Er kam näher, die Schritte hallten über die Steinplatten.
„Sie sehen… nachdenklich aus. Schlechter Tag?“
„Nur ein langer,“ sagte Hermine.
Featherstone neigte den Kopf, musterte sie mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Belustigung und Verachtung schwankte. „Verständlich. Für jemanden ohne viel Lehrerfahrung kann Hogwarts schnell… überwältigend sein.“
Hermine straffte die Schultern. „Ich habe mich in Zaubertränke bewährt und das werde ich in Verwandlung ebenso.“
„Ach ja?“ Er hob eine Braue. „Slughorn ist leicht zu beeindrucken. Er sonnt sich gern im Glanz anderer.“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln zuckte über seine Lippen.
„Sie sollten sich nicht zu sehr auf sein Lob verlassen.“
Hermine schluckte, aber hielt seinem Blick stand.
„Ich verlasse mich auf meine Arbeit und die spricht für sich.“
„Hm.“ Featherstones Stimme war seidig, beinahe zu freundlich. „Wir werden sehen, wie Sie sich schlagen, wenn die Schüler nicht mehr so neugierig auf die ‚berühmte Miss Granger‘ sind. Ruhm ist ein schlechter Ersatz für Erfahrung.“
Ein Stich ging durch Hermines Brust, doch sie ließ es sich nicht anmerken.
„Und Erfahrung ist wertlos, wenn sie zu Arroganz wird“, antwortete sie eisig.
Für einen Moment blitzte etwas in seinen Augen auf – Respekt? Ärger? – doch dann nickte er knapp.
„Sie sind scharfzüngig. Passen Sie auf, dass Sie sich daran nicht schneiden.“
Mit diesen Worten wandte er sich um und verschwand den Gang hinunter, der Umhang wehend wie ein dunkler Schatten. Hermine blieb stehen, atmete tief durch. Seine Worte hatten getroffen, weil sie ihre Unsicherheit berührten. Gleichzeitig spürte sie, dass er sie unterschätzt hatte. Und das, dachte sie, wird sein Fehler sein.
Hermine wollte gerade weitergehen, als Featherstone noch einmal innehielt. Er drehte sich halb zu ihr um, die Hände verschränkt, das Lächeln diesmal schmaler, spitzer.
„Ach, und noch etwas, Miss Granger,“ begann er in einem Tonfall, der fast beiläufig klang, aber Gift in sich trug. „Sie werden schon noch sehen, wie es wirklich ist, wenn Sie bei mir im Verwandlungsunterricht sitzen.“
Hermine blinzelte irritiert. Er setzte ein falsches Grinsen auf.
„Die Schulleiterin ist der Ansicht, dass Sie zuerst die Lehrmethoden lernen sollten, bevor Sie auf eigenen Füßen stehen.“
Ein kurzes Aufblitzen in seinen Augen ließ keinen Zweifel, was er von dieser Entscheidung hielt.
„Verwandlung ist… kein Gebiet, das man sich in nächtlichen Bibliotheksstunden vollständig aneignet.“
„Ich habe in Hogwarts bereits genug geleistet, um mir Respekt in jedem Fach zu verdienen, Professor. Auch in Verwandlung.“
„Leistung in Prüfungen,“ unterbrach er seidenweich, „ist nicht dasselbe wie die Verantwortung, Wissen weiterzugeben. Glauben Sie mir, Sie werden es merken, wenn Sie vor Schülern stehen, die nicht gebannt an Ihren Lippen hängen, sondern schlicht lernen wollen. Und Fehler machen. Und Sie für diese Fehler verantwortlich machen.“
Hermines Magen verkrampfte sich, doch sie zwang sich zu einem kühlen Lächeln.
„Dann werde ich eben beweisen müssen, dass ich auch damit umgehen kann. Den Kindern, Ihnen und auch der Schulleiterin.“
Featherstone musterte sie, als würde er eine Figur auf einem Schachbrett abwägen.
„Wir werden sehen.“
Seine Stimme wurde einen Hauch tiefer, fast verschwörerisch: „Aber seien Sie sicher, Miss Granger – in meinem Unterricht gibt es keinen Platz für Heldenruhm. Nur für Disziplin.“
Damit drehte er sich endgültig um und verschwand in Richtung seines Klassenzimmers.
Hermine stand allein im Korridor, ihr Herz schlug heftig. Wut, Trotz, aber auch eine Spur von Verunsicherung nagten an ihr. Er wird mich nicht kleinhalten, schwor sie sich. Nicht er.
Dann traf Hermine eine weitere Erkenntnis. Minerva musste mit ihm über sie geredet haben. Woher sonst sollte er Minervas Absicht kennen? Warum hatte sie so etwas überhaupt zu Featherstone gesagt? War sie nicht mehr überzeugt von ihrer Leistung oder wollte sie Hermine auf ihren Platz verweisen? Tränen brannten in ihren Augen. Schnell wischte sie sich über die Augen.
Sie bemerkte nicht, dass am Ende des Korridors eine hohe Gestalt stand, halb im Schatten eines Torbogens verborgen. Minerva McGonagall hatte den Wortwechsel von Anfang an mit angehört.
Ihr Herz hatte sich zusammengezogen, als sie Hermines erhobenes Kinn sah, den Funken Trotz in ihren Augen und daneben Featherstones kalte Überheblichkeit. Es war, als stünden zwei Kräfte gegeneinander und sie wusste genau, welche von beiden sie verteidigen wollte, doch sie durfte nicht.
Ihre Pflicht als Schulleiterin verlangte Neutralität. Sie hatte Featherstone selbst ins Kollegium geholt, trotz seiner Eigenheiten, weil er ein brillanter Verwandlungszauberer war. Wenn sie nun offen Partei ergriff, untergrub sie ihre eigene Autorität. Trotzdem spürte sie das dringende Verlangen, die Distanz zu überbrücken, zu Hermine zu treten und ihre Tränen zu trocknen. Sie wollte ihr erklären, warum sie mit ihm gesprochen hatte. Es ging nicht darum, dass sie es Hermine nicht zutraute. Sie wollte sie schützen. Hermine sollte zuerst sehen, wie er lehrt, um die Möglichkeit zu haben, sich anzupassen.
Minerva presste die Lippen zusammen. Ihre Fingernägel bohrten sich unbemerkt in das Pergament, das sie bei sich trug. Es ist nicht deine Aufgabe, sie zu beschützen. Sie ist keine Schülerin mehr. Sie ist eine Kollegin. Eine Erwachsene.
Als Hermine die Schultern straffte, die Augen glühend vor unterdrückter Wut, konnte Minerva kaum atmen. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und ging in ihre Wohnung.
Erst als der Korridor leer war, trat Minerva aus dem Schatten. Sie atmete tief durch.
„Das wird nicht gut enden,“ murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem sonst und während sie ihre Pflichten im Kopf ordnete, lastete ein ganz anderer Gedanke schwer auf ihrem Herzen: Wie lange kann ich noch standhaft bleiben, wenn ich sie jeden Tag so sehe?
Der Abend kam schneller, als Hermine gedacht hatte. Beim Abendessen blickte sie kaum auf und verließ die Halle auch recht schnell wieder, ohne wirklich etwas gegessen zu haben. Hermine saß in ihrem Sessel, ein Buch offen auf dem Schoß, das sie nicht las. Ihre Gedanken hingen noch immer an Featherstones Worten. Seine Arroganz hatte sie getroffen, doch nicht gebrochen. Er unterschätzt mich. Er wird sehen.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Sie schlug das Buch zu, erhob sich und öffnete – vor ihr stand Poppy Pomfrey.
„Hermine, ich bringe dir etwas Kamillentee,“ sagte Poppy warm und trat ohne weiteres hinein. „Du sahst beim Abendessen so blass aus.“
Hermine lächelte schwach, nahm die Tasse dankend entgegen.
„Danke, das ist lieb.“
Die Krankenschwester musterte sie mit scharfem Blick, als könne sie jede unausgesprochene Sorge sehen.
„Ich sage dir etwas, meine Liebe: Du bist stark. Aber du musst dich nicht beweisen, indem du dich mit Männern wie Featherstone anlegst.“
Hermines Kopf ruckte hoch. „Woher…?“
Poppy lächelte geheimnisvoll.
„Man hört Dinge in Hogwarts, schneller als man glaubt.“
„Poppy“, sagte Hermine abwartend, „sag mir die Wahrheit. Featherstone wird es dir wohl kaum gesteckt haben.“
„Sie hat euch gehört.“
„Wer ist sie?“, fragte Hermine, obwohl sie die Antwort bereits erahnte.
„Minerva.“
Hermine schnaubte.
„Sie hört zu, während mich dieser arrogante Arsch runtermacht und sagt nichts?“
„So ist es nicht Hermine. Es gibt Gründe. Sie weiß, dass du stark genug bist und ihre schützende Hand nicht brauchst.“
„Trotzdem schickt sie dich vor, um nach mir zu sehen. Entschuldige, aber das ist mehr als feige von ihr.“
Poppy redete noch ein wenig beruhigend auf Hermine ein und ließ sie dann allein.
Es wollte einfach nicht in Hermines Kopf gehen. Minerva hatte es gesehen. Gehört. Alles. Und sie hatte geschwiegen.
Hermine sank langsam auf den Sessel zurück. Minerva hatte sie nicht im Stich gelassen, sondern Poppy zur Aufmunterung geschickt, aber sie hatte sie auch nicht verteidigt.
Beschützerin und Schulleiterin. Gefühle und Distanz. Wie lange kann sie das noch vereinen?