Der letzte Strohhalm
Der letzte Strohhalm
So ihr Lieben,
es geht zur Sache ;) Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen und freue mich auf euer Feedback :D
Liebe Grüße M.
Die Tür öffnete sich. Als Erster betrat Kingsley Shacklebolt den Besprechungsraum. Seine Miene war ernst, aber ruhig. Hinter ihm folgten mehrere Mitarbeiter des Ministeriums. Zwei Vertreter der Dienstaufsicht, zwei aus der Abteilung für Magische Bildung, die Minerva nicht kannte und als Letztes betrat Olive Lockwood den Raum. Hermine bemerkte sofort, dass sie sich verändert hatte. Bei Minervas letztem Besuch hatte sie kühl und überheblich gewirkt. Heute war davon kaum etwas übrig. Sie vermied sogar für einen kurzen Moment Minervas Blick. Stattdessen setzte sie sich schweigend auf ihren Platz und schlug ihre Unterlagen auf. Kingsley trat an das Kopfende des Tisches.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen“, antwortete Minerva ruhig.
Hermine und Featherstone schlossen sich an.
Kingsley wartete, bis alle saßen. Dann nahm auch er Platz. Vor ihm lag eine ungewöhnlich dicke Akte. Er öffnete sie langsam.
„Vielen Dank, dass Sie meiner Einladung so kurzfristig gefolgt sind.“
Sein Blick wanderte der Reihe nach über alle Anwesenden.
„Professor McGonagall, Professor Featherstone, Miss Granger.“
Er machte eine kurze Pause.
„Der Grund unseres heutigen Gesprächs dürfte Ihnen allen bekannt sein.“
Niemand antwortete. Kingsley legte eine Hand auf die Akte.
„In den vergangenen Wochen sind dem Ministerium mehrere Ausbildungsberichte über Miss Granger zugegangen.“
Er sprach ruhig, sachlich und ohne jede Wertung.
„Diese Berichte weisen erhebliche Widersprüche auf.“
Er zog zwei Pergamente hervor und legte sie nebeneinander auf den Tisch.
„Auf der einen Seite finden sich ausgesprochen positive Einschätzungen ihrer fachlichen und pädagogischen Leistungen.“
Dann legte er ein weiteres Pergament daneben.
„Auf der anderen Seite liegen Berichte vor, die erhebliche Zweifel an ihrer Eignung als Lehrkraft äußern.“
Sein Blick ruhte einen Moment auf den Dokumenten.
„Teilweise finden sich diese widersprüchlichen Aussagen sogar innerhalb derselben Stellungnahme.“
Im Raum wurde es still. Kingsley sah nun zu den drei Beteiligten.
„Bevor das Ministerium irgendeine Entscheidung trifft, möchten wir den Sachverhalt vollständig aufklären.“
Er verschränkte ruhig die Hände.
„Deshalb interessiert uns heute zunächst Ihre jeweilige Sicht der Ereignisse.“
Er sah zuerst Minerva an, dann Hermine und schließlich Featherstone.
„Ich möchte Sie bitten, offen zu schildern, wie Sie die vergangenen Monate erlebt haben. Es geht heute ausdrücklich nicht darum, voreilige Schlüsse zu ziehen, sondern darum, die Fakten vollständig zu verstehen.“
Er nickte den drei ruhig zu.
„Wer von Ihnen beginnen möchte, dem höre ich jetzt zu.“
Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann blickte Kingsley zu Hermine.
„Miss Granger.“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Wenn es für Sie in Ordnung ist, würde ich Sie bitten zu beginnen.“
Hermine schluckte. Sie warf Minerva einen kurzen Blick zu. Minerva nickte ihr kaum merklich aufmunternd zu. Hermine atmete einmal tief durch.
„Gern.“
Sie legte die Hände ruhig auf den Tisch.
„Ich absolviere mein Referendariat in zwei Fächern.“
„Zaubertränke bei Professor Slughorn und Verwandlung bei Professor Featherstone.“
Kingsley nickte.
„Beginnen Sie bitte mit Zaubertränke.“
„Professor Slughorn…“
Unwillkürlich musste Hermine leicht lächeln.
„…hat mich vom ersten Tag an ernst genommen. Er erklärt viel, er gibt mir Rückmeldungen und wenn ich Fehler mache, spricht er sie an, aber immer mit dem Ziel, dass ich daraus lerne und zwar dann, wenn wir allein sind. Er stellt mich nicht vor den Schülern bloß.“
Sie dachte kurz nach.
„Schon nach kurzer Zeit hat er mir vollständige Unterrichtsstunden übertragen. Mittlerweile unterrichte ich dort nahezu eigenständig. Professor Slughorn greift nur ein, wenn es wirklich notwendig ist.“
Kingsley machte sich einige Notizen.
„Und wie beurteilt er Ihre Leistungen?“
„Sehr positiv. Er lobt mich regelmäßig. Er sagt mir auch, wenn etwas besser laufen könnte, aber ich habe jederzeit das Gefühl, dass er möchte, dass ich eine gute Lehrerin werde.“
Mehrere Mitarbeiter nickten. Kingsley sah kurz zu Olive Lockwood, die aufmerksam mitschrieb. Dann wandte er sich wieder Hermine zu.
„Und Professor Featherstone?“
Hermine wurde augenblicklich ernster.
„Dort läuft es völlig anders.“
„Inwiefern?“
Sie suchte einen Moment nach den richtigen Worten, denn der Mann, um den es ging, saß nur ein kleines Stück entfernt. Hermine dachte nach und entschloss sich, diesen Raum zu nutzen, um die volle Wahrheit zu sagen.
„Schon bevor ich überhaupt erklären kann, werde ich häufig unterbrochen. Wenn ich etwas erläutere, verbessert Professor Featherstone mich oft sofort – auch dann, wenn meine Erklärung fachlich richtig ist.“
Featherstone schnaubte hörbar.
„Das entspricht nicht der Wahrheit.“
Kingsley hob sofort den Blick.
„Professor Featherstone.“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Sie erhalten selbstverständlich Gelegenheit, Ihre Sicht darzustellen. Lassen Sie Miss Granger bitte zunächst ausreden.“
Featherstone presste die Lippen zusammen.
„Natürlich.“
Hermine fuhr fort.
„Während des Unterrichts werde ich häufig vor den Schülerinnen und Schülern kritisiert. Nicht erst hinterher in der Nachbesprechung, sondern unmittelbar während meiner Erklärungen.“
Sie senkte kurz den Blick.
„Das hat mich zunehmend verunsichert. Ich begann irgendwann an mir selbst zu zweifeln, obwohl ich vorher nie das Gefühl hatte, den Unterricht nicht bewältigen zu können.“
Kingsley hörte aufmerksam zu.
„Gab es konkrete Beispiele?“
„Ja. Ich wurde mehrfach mitten in einem Satz unterbrochen. Mir wurde gesagt, ich würde Inhalte unverständlich erklären oder ich hätte wichtige Aspekte vergessen. Teilweise wurden Fragen an mich gestellt, bevor ich überhaupt Gelegenheit hatte, den Stoff vollständig zu erklären.“
Featherstone schüttelte den Kopf.
„Das ist eine völlig verzerrte Darstellung.“
Kingsley hob erneut ruhig die Hand.
„Professor Featherstone.“
Diesmal war seine Stimme etwas bestimmter.
„Ich werde Sie gleich ausführlich anhören. Im Moment spricht Miss Granger.“
Im Raum wurde es wieder still. Hermine atmete einmal tief durch.
„Ich habe irgendwann wirklich geglaubt, dass ich vielleicht doch nicht gut genug bin.“
Sie sprach den Satz leise aus.
„Ich habe gedacht, ich würde als Lehrerin versagen.“
Sie sah kurz zu Minerva.
„Deshalb habe ich sogar begonnen, die Probleme vor Professor McGonagall zu verheimlichen. Nicht, weil ich ihr nicht vertraut habe, sondern weil ich Angst hatte, sie könnte von meiner Leistung enttäuscht sein.“
Minerva senkte für einen Moment den Blick. Kingsley bemerkte die Reaktion, sagte jedoch nichts. Er machte sich lediglich eine weitere Notiz. Dann blickte er Hermine wieder ruhig an.
„Vielen Dank, Miss Granger. Bitte bleiben Sie noch einen Moment sitzen. Ich habe möglicherweise gleich noch einige Rückfragen.“
Kingsley legte seine Feder beiseite. Er wandte sich nun der anderen Seite des Tisches zu.
„Professor Featherstone. Nun würde ich gern Ihre Sicht hören.“
Featherstone nickte selbstsicher. Er richtete sich auf seinem Stuhl etwas gerader auf.
„Sehr gern.“
Er verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch.
„Zunächst einmal muss ich leider feststellen, dass Miss Granger die Situation äußerst einseitig dargestellt hat.“
Hermine sagte nichts. Kingsley ebenfalls nicht. Featherstone fuhr fort.
„Ich habe Miss Granger während ihres gesamten Referendariats begleitet und leider musste ich schon früh erkennen, dass sie den Anforderungen des Verwandlungsunterrichts nicht dauerhaft gewachsen ist.“
Er sprach ruhig. Fast schon dozierend.
„Ihre Unterrichtsstunden weisen häufig keine klare Struktur auf, sie verliert oft den roten Faden, ihre Erklärungen sind oftmals unvollständig und sie wirkt auf Nachfragen der Schülerinnen und Schüler regelmäßig unsicher.“
Kingsley machte sich eine kurze Notiz.
„Gab es darüber hinaus weitere Auffälligkeiten?“
„Ja.“
Featherstone nickte sofort.
„Miss Granger erschien mehrfach unvorbereitet zum Unterricht.“
Hermine hob überrascht den Kopf. Hatte er das eben wirklich gesagt? Das konnte nicht sein. Minerva blieb vollkommen regungslos.
„Außerdem“, fuhr Featherstone fort, „kam sie wiederholt zu spät.“
Hermine runzelte die Stirn. Kingsley blickte kurz auf.
„Zu spät?“
„Ja. Mehrfach.“
„Wie häufig?“
Featherstone überlegte.
„Nun… regelmäßig. An konkrete Termine erinnere ich mich allerdings nicht mehr.“
Kingsley schrieb wortlos weiter. Featherstone bemerkte davon nichts. Er sprach unbeirrt weiter.
„Ich musste ihren Unterricht deshalb häufig übernehmen. Teilweise sogar vollständig.“
Olive Lockwood blätterte währenddessen durch eine Akte. Ihre Stirn legte sich leicht in Falten.
'Halt die Klappe', dachte sie.
Featherstone bemerkte es nicht.
„Miss Granger ließ sich außerdem nur schwer anleiten. Kritik nahm sie kaum an. Sie diskutierte regelmäßig mit mir über fachliche Entscheidungen.“
Kingsley hob erneut den Blick.
„Regelmäßig?“
„Ja. Sie widersprach meinen Anweisungen mehrfach vor der Klasse.“
Hermine wollte etwas erwidern. Kingsley hob jedoch leicht die Hand. Sie verstand sofort und schwieg. Featherstone fuhr fort.
„Ich habe mich daher gezwungen gesehen, ihre Leistungen entsprechend ehrlich zu dokumentieren.“
Er lehnte sich etwas zurück. Offenbar war er zufrieden mit seiner Darstellung.
„Sie sagen also“, fragte Kingsley ruhig, „Miss Granger sei häufig unvorbereitet gewesen.“
„Ganz genau.“
„Und regelmäßig zu spät erschienen.“
„Ja.“
Kingsley blätterte in einer Mappe.
„Gleichzeitig finden sich in Ihren Monatsberichten mehrfach Hinweise darauf, dass Miss Granger umfangreiche Unterrichtsentwürfe vorbereitet und eingereicht habe.“
Featherstone stockte kaum merklich.
„Nun… Das schließt sich ja nicht aus.“
Kingsley nickte lediglich.
„Verstehe.“
Er machte sich eine weitere Notiz. Featherstone redete weiter.
„Die Entwürfe waren allerdings häufig mangelhaft.“
Olive hob kurz den Blick.
'Oh Merlin… Bleib doch bei der Wahrheit…'
Featherstone bemerkte es erneut nicht.
„Vor wenigen Minuten sagten Sie außerdem, Miss Granger habe Kritik grundsätzlich nicht angenommen.“
Kingsleys Stimme blieb ruhig.
„In Ihren Zwischenbewertungen steht jedoch mehrfach, dass sie Verbesserungsvorschläge zeitnah umgesetzt habe.“
Featherstone räusperte sich.
„Das…“
Er suchte nach einer Antwort.
„Sie hat einzelne Hinweise umgesetzt, aber insgesamt nicht ausreichend.“
Kingsley nickte wieder. Ohne jede Wertung.
„Verstehe.“
Featherstone fühlte sich bestätigt und sprach immer schneller.
„Sie besitzt sicherlich theoretisches Wissen, doch Wissen allein genügt eben nicht. Sie verfügt nicht über die notwendige Autorität, sie wirkt unsicher und ich halte sie deshalb nach wie vor für ungeeignet, eigenverantwortlich als Lehrerin tätig zu sein.“
Im Raum blieb es still. Niemand widersprach. Niemand kommentierte seine Aussagen. Die Mitarbeiter des Ministeriums schrieben ruhig mit. Olive Lockwood blätterte erneut durch mehrere Berichte.
'Halt endlich die Klappe du Idiot.'
Einer der Beamten der Dienstaufsicht legte zwei Pergamente nebeneinander und verglich sie schweigend. Kingsley stellte keine weitere Frage. Er beobachtete Featherstone lediglich aufmerksam. Je länger dieser sprach, desto mehr kleine Widersprüche schienen sich zwischen seinen eigenen Aussagen und den vorliegenden Unterlagen aufzutun. Featherstone bemerkte davon nichts. Er war inzwischen so sehr damit beschäftigt, Hermine möglichst schlecht aussehen zu lassen, dass ihm entging, wie aufmerksam jede seiner Formulierungen verfolgt wurde. Kingsley schloss Featherstones Akte. Dann hob er den Blick.
„Professor McGonagall“, sagte Kingsley förmlich und sah sie an.
Minerva nickte ruhig.
„Bitte schildern Sie uns Ihre Beobachtungen.“
Sie faltete die Hände vor sich auf dem Tisch.
„Gern.“
Ihre Stimme war ruhig und sachlich. Genau so, wie man es von einer Schulleiterin erwartete.
„Ich habe Miss Granger im Verlauf ihres Referendariats mehrfach im Unterricht beobachtet.“
Sie schlug ihre eigenen Notizen auf.
„Sowohl unangekündigt als auch angekündigt. Mein Ziel war es stets, mir ein möglichst objektives Bild ihrer Entwicklung zu verschaffen.“
Kingsley nickte.
„Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?“
Minerva warf einen kurzen Blick auf ihre Aufzeichnungen.
„Miss Granger verfügt über ausgezeichnete Fachkenntnisse. Ihre Unterrichtsvorbereitung ist durchgehend sorgfältig. Sie erklärt Inhalte verständlich und passt ihre Erläuterungen dem Leistungsstand der jeweiligen Klasse an.“
Sie blätterte eine Seite weiter.
„Besonders hervorheben möchte ich ihre ruhige Klassenführung. Sie reagiert besonnen auf Störungen, bleibt auch unter Zeitdruck strukturiert und sie zeigt eine bemerkenswerte Bereitschaft, Rückmeldungen umzusetzen und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.“
Während sie sprach, verzichtete sie bewusst auf jedes persönliche Wort, zeigte keine übertriebene Begeisterung und hielt sich mit emotionalem Lob zurück. Sie nannte nur ihre Beobachtungen und klare Fakten.
„Gab es Schwächen?“, fragte einer der Beamten der Dienstaufsicht.
„Selbstverständlich.“
Minerva nickte.
„Wie jeder Referendar hatte auch Miss Granger Unsicherheiten. Gerade zu Beginn ihrer Ausbildung. Diese betrafen jedoch vor allem ihre eigene Selbstkritik.“
Sie sah kurz in die Runde.
„Nicht ihre fachliche Eignung.“
Kingsley machte sich eine Notiz.
„Würden Sie Miss Granger derzeit für geeignet halten, nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung eigenständig zu unterrichten?“
„Ja.“
Die Antwort kam ohne Zögern.
„Uneingeschränkt.“
Für einen kurzen Moment wurde es still. Kingsley nickte langsam.
„Dann kommen wir zu einem anderen Punkt.“
Er legte das fragliche Pergament auf den Tisch.
„Ihr Bericht.“
Minerva betrachtete die Seiten.
„Ja.“
Sie atmete ruhig ein.
„Genau darüber möchte ich sprechen.“
Sie legte ihre eigene Abschrift daneben.
„Die Handschrift auf diesem Dokument stammt von mir.“
Featherstone lehnte sich unmerklich zurück.
„Die Formulierungen jedoch nicht.“
Jetzt hob auch Olive Lockwood den Blick. Minerva sprach weiter.
„Ich habe niemals geschrieben, dass ich an Miss Grangers grundsätzlicher Eignung als Lehrerin zweifle. Ich habe niemals empfohlen, ihre Zulassung zur Prüfung infrage zu stellen.“
Sie sah direkt zu Kingsley.
„Diese Aussagen entsprechen weder meiner fachlichen Einschätzung noch meinem tatsächlichen Bericht.“
Kingsley schwieg. Minerva ebenfalls. Dann fragte er ruhig:
„Professor McGonagall… Gehen Sie davon aus, dass Ihr Bericht nachträglich verändert wurde?“
„Ja.“
„Mit welcher Begründung?“
Minerva dachte einen Augenblick nach. Dann antwortete sie langsam.
„Weil ich den Bericht vor dem Versand mehrfach geprüft habe. Die Version, die heute in Ihrer Akte liegt, weicht an entscheidenden Stellen von meiner ursprünglichen Fassung ab.“
Kingsley nickte kaum merklich.
„Haben Sie einen Verdacht, wie es dazu gekommen sein könnte?“
Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs wandte Minerva den Kopf. Ihr Blick blieb auf Featherstone ruhen. Featherstone spürte ihn sofort. Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging durch sein Gesicht.
„Ja.“
Minervas Stimme blieb vollkommen ruhig.
„Ich habe einen Verdacht.“
Sie machte eine kurze Pause. Dann sagte sie klar und deutlich:
„Ich halte es für möglich, dass Professor Featherstone meinen Bericht manipuliert oder manipulieren lassen hat.“
Featherstone richtete sich ruckartig auf. Zum ersten Mal an diesem Vormittag wirkte er nicht mehr vollkommen gelassen. Im Besprechungsraum wurde es schlagartig still. Niemand sagte ein Wort. Nicht einmal das leise Kratzen der Federn auf den Pergamenten war noch zu hören. Kingsley blickte von Minerva zu Featherstone. Dann schloss er langsam die Akte.
„Professor McGonagall…“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Ist Ihnen bewusst, welche Tragweite dieser Vorwurf hat?“
„Ja.“
Minervas Antwort kam ohne jedes Zögern.
„Deshalb erhebe ich ihn auch nicht leichtfertig.“
Kingsley nickte langsam. Er wandte sich nun den beiden Vertretern der Dienstaufsicht zu. Diese tauschten einen kurzen Blick. Einer von ihnen zog eine weitere Akte zu sich. Der andere schrieb sich lediglich ein einzelnes Wort auf.
Urkundenfälschung?
Die Atmosphäre im Raum hatte sich vollkommen verändert. Noch vor wenigen Minuten war es um die Bewertung einer Referendarin gegangen. Jetzt stand plötzlich etwas völlig anderes im Raum. Ein Lehrer wurde beschuldigt, amtliche Ausbildungsunterlagen manipuliert zu haben. Das war kein gewöhnlicher dienstlicher Konflikt mehr. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, hätte das weitreichende disziplinarische und möglicherweise auch strafrechtliche Folgen.
Featherstone bemerkte, wie sich sämtliche Blicke auf ihn richteten. Für einen Sekundenbruchteil spannte sich sein Kiefer an, doch fast ebenso schnell gewann er seine gewohnte Selbstsicherheit zurück. Er lächelte sogar.
„Das ist ein ungeheuerlicher Vorwurf.“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Ich hätte Professor McGonagall deutlich mehr Professionalität zugetraut.“
Seine Stimme klang ruhig. Fast beleidigt.
„Offenbar sucht sie inzwischen einen Schuldigen für die schlechte Leistung ihrer Referendarin.“
Minerva reagierte nicht. Kingsley ebenfalls nicht. Niemand unterbrach Featherstone. Er schien das als gutes Zeichen zu deuten. Olive Lockwood dagegen saß ungewöhnlich still. Ihre Hände lagen regungslos auf den Unterlagen. Kein einziges Mal meldete sie sich zu Wort. Sie vermied es sogar, Featherstone anzusehen. Innerlich spürte sie, wie sich ihr Magen zusammenzog.
'Bitte… Sag nicht noch mehr.'
Sie wusste inzwischen genau, was Kingsley bereits hatte prüfen lassen und sie wusste auch, dass deutlich mehr Unterlagen vorlagen, als Featherstone ahnte. Jede weitere Lüge konnte die Lage nur verschlimmern. Sie senkte den Blick auf ihre Akte. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Tätigkeit im Ministerium hoffte sie ernsthaft, dass Featherstone endlich schwieg, doch sie kannte ihn gut genug. Wenn er sich einmal in Fahrt geredet hatte, hörte er selten freiwillig auf. Minerva schwieg einen Augenblick. Dann öffnete sie langsam ihre Ledermappe.
„Ich hatte gehofft, dieses Dokument niemals verwenden zu müssen.“
Sie zog einige Pergamentseiten hervor. Sie waren sauber geordnet und sorgfältig aufbewahrt. Sie schob sie über den Tisch zu Kingsley.
„Diese Unterlagen habe ich vor einigen Wochen in Hogwarts sichergestellt.“
Hermine sah überrascht zu ihr. Bis zu diesem Moment hatten nur sie beide von diesen Pergamenten gewusst. Minerva hatte damals bewusst entschieden, sie nicht sofort einzusetzen. Sie hatte gehofft, dass sich alles auch ohne diese Aufzeichnungen aufklären ließe. Kingsley nahm die Seiten entgegen. Sein Blick glitt langsam über die erste Zeile. Dann über die zweite. Sein Gesicht wurde zunehmend ernster. Schließlich reichte er die Pergamente an die beiden Vertreter der Dienstaufsicht weiter. Auch Olive Lockwood bekam eine Kopie. Je länger die Beamten lasen, desto stiller wurde es. Featherstone beobachtete sie zunächst gelassen, doch als er erkannte, um welche Unterlagen es sich handelte, wich ihm sichtbar die Farbe aus dem Gesicht.
„Woher…“
Er brach mitten im Satz ab. Kingsley hob den Blick.
„Kennen Sie diese Aufzeichnungen, Professor Featherstone?“
Featherstone antwortete nicht sofort.
„Ich…“
„Bitte beantworten Sie die Frage.“
Featherstone presste die Lippen zusammen.
„Sie sehen meinen Notizen ähnlich.“
„Nicht ähnlich“, entgegnete Minerva ruhig. „Es sind deine Notizen.“
Der Raum wurde erneut still. Kingsley las einige Passagen laut vor.
„‚Ziel: Granger fachlich diskreditieren.‘“
Er blätterte weiter.
„‚McGonagall verliert Glaubwürdigkeit, wenn sie Granger trotz negativer Beurteilungen schützt.‘“
Noch eine Seite.
„‚Nach ihrer Ablösung ergeben sich neue Möglichkeiten für die Leitung Hogwarts.‘“
Er legte das Pergament langsam auf den Tisch. Niemand sagte etwas. Die einzelnen Puzzleteile begannen sich plötzlich zu einem Bild zusammenzufügen. Die widersprüchlichen Ausbildungsbericht, die ständigen Beschwerden, die erste Anhörung, der zunehmende Druck auf Hermine und die Versuche, Minervas Objektivität infrage zu stellen - Alles schien demselben Muster zu folgen.
Einer der Beamten der Dienstaufsicht lehnte sich langsam zurück.
„Wenn diese Unterlagen authentisch sind…“
Er beendete den Satz nicht. Er musste es auch nicht. Kingsley sah wieder zu Minerva.
„Sie möchten noch etwas ergänzen?“
„Ja.“
Minerva nickte. Ihre Stimme blieb ruhig.
„Vor wenigen Tagen wurde ich Zeugin eines Vorfalls im Verwandlungsklassenzimmer.“
Featherstone richtete sich sofort auf.
„Das ist…“
Kingsley hob die Hand.
„Sie sprechen gleich.“
Featherstone verstummte. Minerva fuhr fort.
„Der Unterricht war bereits beendet. Ich kam zufällig am Klassenzimmer vorbei. Miss Granger und Professor Featherstone befanden sich allein im Raum.“
Hermine senkte den Blick.
„Ich hörte, wie Professor Featherstone Miss Granger erklärte, dass sie niemals Lehrerin werden würde und dass er persönlich dafür sorgen werde.“
Mehrere Federn begannen gleichzeitig zu schreiben.
„Als Miss Granger widersprach, zog Professor Featherstone seinen Zauberstab.“
Die Beamten sahen gleichzeitig auf.
„Miss Granger zog ihren ebenfalls. Noch bevor Professor Featherstone einen Fluch aussprechen konnte, betrat ich den Raum, entwaffnete ihn und beendete die Situation.“
Niemand unterbrach sie.
„Ich habe den erhobenen Zauberstab mit eigenen Augen gesehen.“
Minerva sprach den Satz langsam und deutlich aus.
„Ich war selbst Zeugin dieses Vorfalls.“
Im Besprechungsraum herrschte eine Stille, die schwerer wog als jedes gesprochene Wort. Einen langen Moment sprach niemand. Die Beamten der Dienstaufsicht sahen einander an. Einer von ihnen legte langsam seine Feder beiseite. Ein anderer schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Professor Featherstone…“, sagte einer der älteren Beamten schließlich ruhig. „Ist Ihnen bewusst, wie schwerwiegend dieser geschilderte Vorfall ist?“
Featherstone antwortete nicht. Kingsley wandte sich an Hermine.
„Miss Granger.“
Seine Stimme war deutlich sanfter.
„Können Sie die Schilderung von Professor McGonagall bestätigen?“
Hermine hob langsam den Blick. Sie wirkte blass.
„Ja.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Professor McGonagall hat es nicht übertrieben dargestellt.“
Sie schluckte.
„Professor Featherstone hat seinen Zauberstab gezogen. Ich habe meinen ebenfalls gezogen und bevor etwas geschehen konnte…“
Sie warf Minerva einen kurzen Blick zu.
„…kam Professor McGonagall herein.“
Für einen Moment senkte sie den Blick wieder. Sie erinnerte sich noch genau an diesen Augenblick, an Featherstones kalte Stimme, den erhobenen Zauberstab und an das Krachen der Tür. Im Raum herrschte bedrückendes Schweigen. Featherstone bemerkte, wie sich die Stimmung gegen ihn zu wenden begann. Die Beamten stellten keine kritischen Fragen mehr an Hermine. Niemand zweifelte Minervas Darstellung offen an. Zum ersten Mal an diesem Vormittag spürte er, dass ihm die Kontrolle entglitt. Sein Blick wurde härter. Seine Hände verkrampften sich. Dann stand er plötzlich auf.
„Das reicht!“
Seine Stimme hallte durch den Besprechungsraum.
„Das hier ist doch längst ein abgekartetes Spiel!“
Kingsley blieb sitzen.
„Professor Featherstone, setzen Sie sich bitte wieder.“
„Nein!“
Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Sie glauben diesen beiden jedes Wort!“
Er zeigte zuerst auf Hermine. Dann auf Minerva.
„Natürlich verteidigt Professor McGonagall ihre Referendarin!“
Er lachte höhnisch auf.
„Natürlich bevorzugt sie Miss Granger!“
Mehrere Beamte blickten überrascht auf. Featherstone bemerkte nicht einmal mehr, was er sagte. Er war zu wütend.
„Sie behandeln das hier, als ginge es nur um ein Referendariat.“
Seine Stimme überschlug sich beinahe.
„Dabei wollte ich lediglich verhindern, dass eine Referendarin die offensichtliche Zuneigung ihrer Schulleiterin für ihre eigene Karriere ausnutzt!“
Minerva erstarrte. Hermine ebenfalls. Featherstone redete ungebremst weiter.
„Ja!“
Er deutete mit ausgestrecktem Finger auf Minerva.
„Professor McGonagall ist in Miss Granger verliebt!“
Der Satz blieb wie ein Donnerschlag im Raum stehen. Niemand bewegte sich. Featherstone bemerkte die Stille nicht.
„Und ich sollte tatenlos zusehen?“
Er schüttelte wütend den Kopf.
„Nein! Ich wollte verhindern, dass persönliche Gefühle über berufliche Entscheidungen gestellt werden!“
Er atmete schwer.
„Und ich wollte Hogwarts vor einer Schulleiterin schützen, die ihre Objektivität verloren hat!“
Er endete ebenso aufgebracht, wie er begonnen hatte. Im Besprechungsraum war es plötzlich vollkommen still.
Für einen langen Moment sagte niemand etwas. Die Worte hingen schwer im Raum. Mehrere der anwesenden Beamten wechselten kurze Blicke. Die Überraschung war ihnen anzusehen, doch sie war nicht so groß, wie Featherstone gehofft hatte. Einer der Vertreter der Dienstaufsicht blätterte ruhig durch die Akte. Ein anderer lehnte sich zurück. Schließlich räusperte sich einer der älteren Beamten.
„Professor Featherstone.“
Seine Stimme blieb vollkommen sachlich.
„Den Vorwurf einer unangemessenen persönlichen Beziehung zwischen Professor McGonagall und Miss Granger haben Sie bereits im Rahmen einer früheren Anhörung erhoben.“
Featherstone schwieg.
„Damals konnten Sie keinerlei Belege dafür vorlegen.“
Olive Lockwood senkte den Blick. Sie erinnerte sich nur zu gut an diese erste Anhörung und die Tatsache, dass sämtliche Vorwürfe im Sande verlaufen waren. Kingsley ließ Featherstone keinen Moment aus den Augen.
„Unabhängig davon…“
Er sprach ruhig weiter.
„…ist uns gerade etwas anderes aufgefallen.“
Featherstone runzelte die Stirn.
„Sie erklärten eben, Sie hätten verhindern wollen, dass Miss Granger ihre Ausbildung erfolgreich abschließt.“
Niemand sagte etwas. Kingsley fuhr fort.
„Außerdem schilderten Sie, Sie hätten Professor McGonagall aus ihrer Funktion als Schulleiterin verdrängen wollen.“
Der Minister ließ eine kurze Pause.
„Diese Aussagen decken sich in wesentlichen Punkten mit den zuvor vorgelegten Notizen.“
Featherstone bemerkte zu spät, worauf Kingsley hinauswollte.
„Ich…“
Kingsley hob ruhig die Hand.
„Mit anderen Worten…“
Sein Blick blieb fest auf Featherstone gerichtet.
„…Sie haben soeben selbst bestätigt, dass Sie mit genau diesen Zielsetzungen gehandelt haben.“
Im Raum wurde es erneut still. Featherstone blinzelte. Erst jetzt schien ihm bewusst zu werden, was er gerade gesagt hatte, doch anstatt sich zurückzunehmen, ging er noch einen Schritt weiter.
„Ja!“
Seine Stimme wurde wieder lauter.
„Natürlich habe ich gehandelt!“
Er zeigte erneut auf Minerva und Hermine.
„Weil es die Wahrheit ist! Sie haben eine Affäre!“
Niemand unterbrach ihn.
„Glauben Sie wirklich…“
Er lachte bitter.
„…dass diese beiden jede Nacht in denselben Räumen verbringen, um Unterrichtsvorbereitungen zu machen?“
Der Satz fiel in den Raum. Dann wurde es vollkommen still. Nicht einmal das Kratzen einer Feder war noch zu hören. Die Stille schien kein Ende zu nehmen. Alle Blicke richteten sich auf Minerva. Niemand sagte etwas. Niemand drängte sie, doch jedem im Raum war klar, dass nun eine Antwort erwartet wurde. Minerva blieb regungslos sitzen. Ihr Herz schlug schneller, als sie es jemals zugegeben hätte. Sie wusste genau, was jetzt vor ihr lag. Sie konnte lügen. Sie konnte Featherstones Behauptung zurückweisen. Sie konnte erklären, dass es sich erneut um haltlose Unterstellungen handelte. Vielleicht würde sie damit Zeit gewinnen. Vielleicht würde sie Hermine noch ein wenig länger schützen. Oder… Sie konnte die Wahrheit sagen. Endlich. Ohne Ausflüchte. Ohne Verstecken. Sie dachte an all die Monate, an verstohlene Blicke, ihren heimlichen Küsse, die Abende hinter verschlossenen Türen, die ständige Angst, entdeckt zu werden und an Hermine. Immer wieder hatte sie ihr versprochen, dass dieses Versteckspiel irgendwann ein Ende haben würde. Jetzt war dieser Moment vielleicht gekommen. Aber zu welchem Preis?
Sie wusste nicht, welche Folgen ein offenes Geständnis für Hermine haben würde. Für ihre Ausbildung, ihre Zukunft und ihren eigenen Posten.
Minerva spürte, wie sich ihre Finger unmerklich um die Tischkante schlossen. Sie holte tief Luft. Langsam hob sie den Blick. Ihre Augen fanden Hermine. Nur für einen Herzschlag. Mehr brauchten sie nicht. Hermine erkannte sofort, was in Minerva vorging. Sie kannte diesen Blick. Minerva war bereit, alles auf sich zu nehmen, auch wenn es bedeutete, ihre eigene Laufbahn zu gefährden. Nur damit Hermine nicht noch länger als Lügnerin oder Nutznießerin dastand. Für einen winzigen Moment schmerzte Hermine dieser Gedanke.
'Sie will mich immer noch zuerst schützen.'
Ganz langsam schüttelte Hermine den Kopf. Kaum sichtbar. Nur für Minerva. Ein leises, fast unmerkliches:
'Nein. Nicht für mich.'
Minerva hielt inne. Ihre Lippen öffneten sich bereits, doch bevor sie auch nur ein einziges Wort sagen konnte, richtete Hermine sich langsam auf. Sie atmete einmal tief durch. Dann begann sie zu sprechen…
„Minister Shacklebolt…“
Hermines Stimme war ruhig. Ruhiger, als sie sich selbst fühlte. Alle Blicke wandten sich zu ihr. Sie hielt den Blick des Ministers stand.
„Professor Featherstone hat recht damit, dass Professor McGonagall und ich uns sehr gut verstehen.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Wir haben in den vergangenen Monaten und Jahren gemeinsam schwierige Situationen erlebt. Das dürfte allseits bekannt sein. Natürlich führt so etwas dazu, dass man sich nähersteht.“
Featherstone grinste bereits triumphierend. Hermine sprach jedoch unbeirrt weiter.
„Eine Affäre haben Professor McGonagall und ich allerdings nicht.“
Minerva sah sie einen kurzen Moment an. Sie verstand sofort. Hermine hatte ihre Worte mit Bedacht gewählt. Sie sprach nicht von Liebe oder ihrer Beziehung. Nur von dem Vorwurf, den Featherstone erhoben hatte und dieser lautete Affäre. Hermine fuhr fort.
„Professor McGonagall ist Schulleiterin von Hogwarts. Sie verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Bereich der Verwandlung. Selbstverständlich suche ich bei fachlichen Fragen häufig das Gespräch mit ihr.“
Sie sah kurz zu Kingsley.
„Ich bin Referendarin. Es wäre eher ungewöhnlich, wenn ich den Rat erfahrener Kolleginnen und Kollegen nicht suchen würde.“
Mehrere Beamte nickten leicht. Hermine sprach ruhig weiter.
„Nehmen wir Neville Longbottom. Er verbringt ebenfalls regelmäßig Zeit außerhalb des Unterrichts mit Professor Sprout. Sie sprechen über Unterricht, Pflanzenkunde und über seine Ausbildung.“
Sie hob leicht die Schultern.
„Niemand würde deshalb automatisch behaupten, zwischen den beiden bestünde eine Beziehung.“
Pomona, die in diesem Raum zwar nicht anwesend war, war ein naheliegendes Beispiel. Kingsley hörte aufmerksam zu.
„Ich spreche eben lieber mit Professor McGonagall.“
Hermine machte eine kleine Pause. Dann sah sie kurz zu Featherstone.
„Vor allem deshalb…“
Ihre Stimme blieb höflich.
„…weil ich mit Professor Featherstone in den vergangenen Monaten kaum ein konstruktives Gespräch führen konnte.“
Sie wandte sich wieder an Kingsley.
„Wenn ich fachliche Rückfragen hatte oder Unterrichtsstunden nachbesprechen wollte, fühlte ich mich bei Professor McGonagall deutlich besser aufgehoben. Das war für mich der natürliche Weg.“
Sie faltete ruhig die Hände.
„Mehr gibt es dazu von meiner Seite nicht zu sagen.“
Im Raum wurde es erneut still. Nachdem Hermine geendet hatte, blieb es still. Keiner der Anwesenden sprach sofort. Kingsley sah einen Moment in die Runde. Dann nickte er langsam.
„Vielen Dank, Miss Granger.“
Einer der Beamten der Dienstaufsicht schloss seine Notizen.
„Ihre Ausführungen erscheinen in sich schlüssig.“
Ein zweiter nickte zustimmend.
„Sie decken sich außerdem mit den Beobachtungen aus den übrigen Unterlagen.“
Hermine atmete unmerklich auf. Featherstone dagegen sprang so abrupt auf, dass sein Stuhl nach hinten rutschte.
„Nein!“
Seine Stimme hallte durch den Besprechungsraum.
„Sie lügt!“
Er zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Hermine.
„Sie lügt genauso wie McGonagall!“
Kingsley blieb vollkommen ruhig.
„Professor Featherstone…“
„Nein!“
Er hörte gar nicht mehr zu.
„Ich kenne die Wahrheit!“
Er lachte bitter auf.
„Sie glauben wirklich, Miss Granger hätte sich plötzlich einfach so verbessert?“
Er schüttelte wütend den Kopf.
„Natürlich nicht! Ich musste doch ständig eingreifen! Ich musste ihren Unterricht sabotieren, damit endlich jemand erkennt, dass sie ungeeignet ist!“
Stille. Absolute Stille. Featherstones Gesicht verlor schlagartig jede Farbe. Seine Augen weiteten sich. Er hatte den Satz laut ausgesprochen. Vor sämtlichen Anwesenden. Langsam hob Kingsley den Blick.
„Professor Featherstone…“
Seine Stimme war jetzt ungewöhnlich ruhig.
„Habe ich Sie eben richtig verstanden?“
Featherstone öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
„Ich…“
„Sie sagten wörtlich, Sie hätten den Unterricht von Miss Granger sabotiert.“
Niemand im Raum bewegte sich. Featherstone wusste, dass es keinen Ausweg mehr gab. Er sank langsam wieder auf seinen Stuhl. Für einen Moment starrte er nur auf die Tischplatte. Dann ließ er die Schultern hängen.
„Ja.“
Das Wort war kaum hörbar.
„Ich habe es getan.“
Hermine schloss kurz die Augen. Minerva blieb vollkommen regungslos. Kingsley nickte einem Beamten zu.
„Bitte protokollieren.“
Der Beamte schrieb sofort mit. Kingsley sah Featherstone wieder an.
„Ich bitte Sie um eine vollständige Aussage.“
Featherstone lachte bitter.
„Jetzt spielt es ohnehin keine Rolle mehr.“
Er fuhr sich müde durchs Gesicht.
„Ja. Ich habe ihre Unterrichtsstunden gezielt gestört. Ich habe Berichte übertrieben negativ formuliert. Ich wollte verhindern, dass sie ihre Ausbildung erfolgreich abschließt.“
Er sah kurz zu Minerva.
„Und ich wollte Professor McGonagall diskreditieren.“
Im Raum war nur noch das Kratzen der Federn zu hören. Dann hob Featherstone erneut den Kopf.
„Aber ich war nicht allein.“
Olive Lockwood schloss langsam die Augen.
„Olive wusste Bescheid.“
Jetzt blickten alle zu ihr. Featherstone sprach weiter.
„Sie hat dafür gesorgt, dass bestimmte Schreiben schneller bearbeitet wurden. Sie hat Hinweise weitergegeben und sie hat mich informiert, welche Unterlagen bereits im Ministerium eingegangen waren.“
Olive sagte nichts. Sie wusste, dass jede Ausrede zwecklos war. Kingsley sah sie lange an. Seine Enttäuschung war ihm deutlich anzusehen. Dann sah er wieder zu Featherstone.
„Das ist mir bekannt. Miss Lockwood wird ihren Dienstausweis noch heute bei der Personalabteilung abgeben. Das hier…“
Kingsleys Stimme blieb ruhig.
„…ist ihre letzte Anhörung als Mitarbeiterin dieses Ministeriums.“
Olive schloss für einen kurzen Moment die Augen.
„Professor Featherstone.“
Er schlug die Akte zu.
„Wir haben hier genug gehört. Ich suspendiere Sie mit sofortiger Wirkung vom Dienst.“
Featherstone antwortete nicht.
„Der Schulrat wird noch heute offiziell von meiner Entscheidung in Kenntnis gesetzt.“
Zwei Beamte der Dienstaufsicht erhoben sich.
„Professor Featherstone.“
Einer von ihnen deutete zur Tür.
„Bitte begleiten Sie uns.“
Featherstone stand langsam auf. Seine Selbstsicherheit war verschwunden. Er wirkte plötzlich müde. Gebrochen. Kurz darauf erhob sich auch Olive schweigend. Keiner von beiden sagte noch ein Wort. Gemeinsam verließen sie, begleitet von den Beamten der Dienstaufsicht, den Besprechungsraum. Die Tür schloss sich leise.
Nun blieben nur noch Kingsley, zwei Mitarbeiter der Abteilung für Magische Bildung, Minerva und Hermine zurück. Kingsley atmete tief durch.
„Nun.“
Seine Stimme klang deutlich wärmer als noch während der Anhörung.
„Ich denke, wir können uns jetzt den eigentlichen Grund widmen, weshalb Miss Granger heute ebenfalls eingeladen wurde.“
Hermine blickte ihn aufmerksam an. Ihr Herz schlug erneut schneller. Kingsley öffnete eine schmale, dunkelblaue Mappe. Er zog ein einzelnes Pergament hervor. Das offizielle Siegel des Zaubereiministeriums funkelte im Licht. Er stand auf und trat zu Hermine.
„Miss Granger.“
Hermine erhob sich ebenfalls. Kingsley reichte ihr das Schreiben.
„Hiermit bestätige ich Ihnen offiziell Ihre Zulassung zur Abschlussprüfung des Referendariats.“
Für einen Augenblick verstand Hermine die Worte nicht. Sie starrte nur auf das Pergament. Dann las sie die ersten Zeilen.
'Hiermit wird bestätigt, dass Miss Hermine Granger zur Abschlussprüfung des Lehrreferendariats zugelassen wird.'
Hermine schlug eine Hand vor den Mund. Ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen.
„Ich…“
Mehr brachte sie zunächst nicht hervor. Sie sah zu Minerva. Diese lächelte sie voller Stolz an. Ein einziges, kaum merkliches Nicken genügte. Hermine blickte wieder zu Kingsley.
„Vielen Dank.“
Ihre Stimme zitterte.
„Wirklich… vielen Dank.“
Kingsley lächelte freundlich.
„Sie müssen sich nicht bei mir bedanken.“
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Eher muss ich mich bei Ihnen entschuldigen.“
Hermine sah ihn überrascht an.
„Es tut mir außerordentlich leid, welche Unannehmlichkeiten Ihnen in den vergangenen Wochen entstanden sind.“
Seine Stimme war aufrichtig.
„Sie hätten sich in dieser Phase ausschließlich auf Ihren Unterricht und Ihre Prüfungsvorbereitung konzentrieren sollen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Stattdessen mussten Sie sich gegen Manipulationen und unbegründete Vorwürfe verteidigen.“
Hermine nickte langsam. Kingsley lächelte sie ermutigend an.
„Ich hoffe sehr, dass Sie nun den Kopf frei haben, denn ab heute gibt es nur noch ein Ziel.“
Er deutete auf das Schreiben in ihrer Hand.
„Ihre Abschlussprüfung.“
Hermine lächelte durch ihre Tränen.
„Darauf werde ich mich konzentrieren.“
„Davon bin ich überzeugt.“
Kingsley wandte sich anschließend Minerva zu.
„Professor McGonagall.“
„Ja?“
„Bis zum Abschluss der disziplinarischen Maßnahmen gegen Professor Featherstone wird die Stelle im Fach Verwandlung selbstverständlich neu organisiert werden müssen.“
Minerva nickte aufmerksam.
„Da Miss Granger ihre Ausbildung dort noch nicht vollständig abgeschlossen hat, möchte ich Sie bitten, den Unterricht vorübergehend zusätzlich zu unterstützen.“
„Selbstverständlich.“
Minervas Antwort kam ohne jedes Zögern.
„Das werde ich gern übernehmen.“
Kingsley lächelte.
„Damit habe ich gerechnet.“
Minerva trat einen kleinen Schritt auf ihn zu.
„Kingsley…“
Sie hielt kurz inne und legte die Förmlichkeit
„Ich möchte mich bedanken. Nicht nur für die heutige Entscheidung, sondern dafür, dass du dir persönlich die Zeit genommen hast, den Sachverhalt aufzuklären.“
Kingsley winkte bescheiden ab.
„Das war das Mindeste.“
Er sah sie ruhig an.
„Wenn so schwerwiegende Vorwürfe im Raum stehen, darf niemand vorschnell urteilen.“
Dann wandte er sich noch einmal Hermine zu.
„Miss Granger.“
„Ja?“
Ein warmes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Nach allem, was ich heute gelesen und gehört habe…“
Er machte eine kleine Pause.
„…bin ich überzeugt, dass Sie eine hervorragende Lehrerin werden.“
Hermine musste unwillkürlich lächeln. Dieses Lob bedeutete ihr mehr, als sie in Worte fassen konnte.
„Danke.“
Kingsley nickte beiden Frauen zu.
„Ich wünsche Ihnen für die kommenden Wochen alles Gute und viel Erfolg für die Prüfung.“
„Vielen Dank“, antworteten Minerva und Hermine fast gleichzeitig.
Für einen kurzen Moment mussten beide darüber lächeln. Kingsley schmunzelte.
„Dann möchte ich Sie jetzt nicht länger aufhalten.“
Minerva nahm ihre Ledermappe. Hermine hielt ihre Zulassung noch immer fest in den Händen, als könnte sie jeden Augenblick wieder verschwinden. Gemeinsam verabschiedeten sie sich von Kingsley und den beiden Mitarbeitern der Abteilung für Magische Bildung. Dann verließen sie den Besprechungsraum. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, blickten sie sich einen langen Moment schweigend an.
Zum ersten Mal seit Wochen lag keine Angst mehr zwischen ihnen, sondern Hoffnung.