Nur wir
Nur wir
Am nächsten Morgen fiel warmes Sonnenlicht durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen. Hermine wurde langsam wach. Für einen Moment wusste sie nicht einmal, wie spät es war. Dann spürte sie die Wärme neben sich.
Minerva.
Sofort erschien ein zufriedenes Lächeln auf Hermines Gesicht. Minerva lag auf der Seite, ihr Gesicht Hermine zugewandt. Ein paar Strähnen ihres Haares waren völlig zerzaust und lagen über ihrer Stirn. Ihr sonst so strenger Ausdruck war im Schlaf vollkommen verschwunden. Hermine betrachtete sie eine Weile.
„Wunderschön“, flüsterte sie.
Sie rückte ein wenig näher. Mit den Fingerspitzen strich sie ganz sanft über Minervas Stirn, folgte der Linie ihrer Augenbraue und fuhr schließlich über ihre Wange. Minerva reagierte zunächst nur mit einem leisen Seufzen. Hermine grinste. Dann beugte sie sich vor und küsste ihre Stirn, ihre Wange, spielerisch ihre Nasenspitze und schließlich ganz zärtlich ihre Lippen.
„Mhm.“
Hermine küsste sie noch einmal. Minervas Mundwinkel hoben sich.
„Du bist wach.“
„Nein.“
Hermine lachte leise.
„Natürlich nicht.“
„Ich schlafe.“
„Dann redest du im Schlaf erstaunlich deutlich.“
Minerva öffnete langsam ein Auge.
„Vielleicht bist du auch nur Teil meines Traums.“
„Dann hast du einen ausgesprochen guten Geschmack.“
Jetzt öffnete Minerva auch das zweite Auge.
„Bescheiden wie immer Miss Granger.“
„Die Prüferin hat gestern gesagt, ich soll mehr auf mich vertrauen.“
„Das hat sie tatsächlich.“
Hermine grinste und gab ihr einen weiteren Kuss.
„Guten Morgen.“
Minerva legte einen Arm um ihre Taille und zog sie näher.
„Guten Morgen, Professor Granger.“
Hermine stöhnte gespielt auf.
„Wirst du mich jetzt jeden Morgen so nennen?“
„Vermutlich.“
„Dann überlege ich mir das mit unserer Beziehung noch einmal.“
Minerva lachte und zog Hermine fest in ihre Arme.
„Zu spät.“
Sie küsste Hermine. Hermine schmiegte sich anschließend an sie und legte den Kopf auf ihre Schulter. Ein paar Minuten sagten sie gar nichts. Es war angenehm still. Hermine lauschte Minervas ruhigem Atem und ließ ihre Finger gedankenverloren über deren Arm wandern. Dann fiel ihr etwas auf. Sie hob plötzlich den Kopf.
„Moment.“
Minerva sah sie schläfrig an.
„Was?“
„Wie geht es dir?“
„Gut.“
„Kopfschmerzen?“
„Nein.“
„Übelkeit?“
„Nein. Warum fragst du das denn?“
Hermine setzte sich ein wenig auf.
„Mir geht’s ebenfalls gut.“
Minerva runzelte die Stirn.
„Ja… das freut mich Liebling, aber… warum machst du dir darüber so genau Gedanken?“
„Erinnerst du dich an gestern Abend?“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ich meine nicht unsere kleine private Feier, sondern das davor“, meinte Hermine grinsend.
„Ich erinnere mich.“
„Na also. Es scheint, dass uns beiden der Feuerwhisky nichts ausgemacht hat.“
„Das ist tatsächlich erstaunlich.“
Hermine lachte.
„Nach Horaces Großzügigkeit gestern Abend hätte ich mit deutlich schlimmeren Konsequenzen gerechnet.“
„Vielleicht waren wir vernünftiger, als es sich angefühlt hat.“
Hermine sah sie vielsagend an.
„Vernünftig?“
Minerva musste lachen.
„Was den Alkohol betrifft.“
„Ach so.“
„Hermine.“
Sie grinste und kuschelte sich wieder an Minerva. Die vergangene Nacht fühlte sich ohnehin anders an und das lag weder am Feuerwhiskys noch an der Feier. Es war etwas anderes gewesen. Alles fühlte sich mit einem Mal leichter und freier an.
Featherstone war fort, die Anhörungen lagen hinter ihnen, Hermine war zur Prüfung zugelassen worden und jetzt waren sogar die Prüfungen vorbei. Zum ersten Mal hing nicht mehr diese ständige Angst über ihnen, dass ein einziger Fehler Hermines gesamte berufliche Zukunft zerstören könnte. Hermine war nun Lehrerin. Sie hatte es geschafft und als sie in der vergangenen Nacht mit Minerva allein gewesen war, hatte sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht wie eine Referendarin gefühlt, die heimlich mit der Schulleiterin zusammen war. Sie waren einfach Hermine und Minerva gewesen. Zwei Frauen, die einander liebten. Eigentlich hätte dieser Gedanke Hermine vollkommen glücklich machen müssen und das tat er auch, allerdings nicht vollständig, denn mit ihm kam sofort die Frage zurück, die sie bereits gestern Nachmittag beschäftigt hatte.
Wie lange noch?
Hermine sah auf Minervas Hand, die locker auf ihrer Taille lag.
Wie lange würde diese Hand sie nur hinter verschlossenen Türen berühren dürfen? Wie lange mussten sie beim Frühstück wieder Abstand halten? Wie lange noch diese heimlichen Blicke? Diese zufälligen Berührungen? Dieses ständige Achten darauf, ob jemand um die nächste Ecke kommen konnte?
Gestern Abend hatte Hermine besonders deutlich gespürt, wie sehr sie das inzwischen belastete. Alle hatten gefeiert und sie hätte Minerva am liebsten einfach in den Arm genommen. Stattdessen hatte sie daneben sitzen müssen, während irgendein betrunkener Fremder offen mit ihr flirtete und Hermine nicht einmal zeigen durfte, warum sie das störte. Sie verstand Minervas Vorsicht wirklich, denn ihre Prüfung war gerade einmal einen Tag vorbei. Wenn ihre Beziehung jetzt öffentlich wurde, konnte das Fragen aufwerfen.
Wann hatte sie begonnen? War Hermine während des Referendariats bevorzugt worden? Hatte Minerva Einfluss auf ihre Prüfungen genommen?
All das konnte wieder hochkommen und nach Featherstone wollte Hermine ganz sicher nicht schon wieder Mittelpunkt irgendwelcher Untersuchungen sein.
Trotzdem blieb die Frage: Wie lange?
Ein paar Wochen? Bis zum Ende des Schuljahres? Bis September? Ein halbes Jahr?
Hermine merkte gar nicht, dass sie aufgehört hatte, Minervas Arm zu streicheln.
„Hermine?“
Sie schreckte aus ihren Gedanken.
„Hm?“
Minerva betrachtete sie.
„Was ist los?“
„Nichts.“
Die Antwort kam zu schnell. Minervas Blick wurde sofort aufmerksamer. Hermine kannte diesen Blick.
„Wirklich.“
Sie lächelte und strich Minerva über die Wange.
„Alles gut.“
Minerva sagte nichts. Hermine beugte sich vor und küsste sie sanft.
„Ich bin glücklich. Das bin ich immer, wenn ich bei dir sein kann.“
Das war wenigstens die Wahrheit. Minerva erwiderte den Kuss.
Als Hermine sich wieder an sie kuschelte, legte Minerva die Arme um sie, doch ihr Blick blieb nachdenklich. Sie kannte Hermine viel zu gut. Sie hatte es bemerkt - die kurze Pause, Hermines viel zu schnelle Antwort und das Lächeln, das einen Hauch zu bewusst gekommen war. Es war ganz sicher nicht alles gut, aber Minerva sagte nichts. Noch nicht.
Hermine blieb noch einen Moment still in Minervas Armen liegen. Dann hob sie plötzlich den Kopf.
„Was steht heute eigentlich bei dir an?“
Minerva sah sie an. Der Themenwechsel war so offensichtlich, dass sie beinahe etwas gesagt hätte.
„Du meinst abgesehen davon, dass du versuchst, mich von unangenehmen Fragen abzulenken?“
Hermine verzog das Gesicht.
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.“
„Natürlich nicht.“
„Also?“
Minerva betrachtete sie noch einen Augenblick, ließ es dann jedoch gut sein.
„Heute ist Samstag.“
„Das weiß ich.“
„Dann weißt du auch, dass ich vormittags die letzten Berichte für das Schuljahr durchsehen muss.“
Hermine stöhnte.
„Langweilig.“
„Meine Arbeit ist auch nicht zu deiner Unterhaltung gedacht.“
„Sollte sie aber.“
Minerva musste lächeln.
„Und du? Was hast du vor?“
Hermine dachte nach. Zum ersten Mal musste sie dabei nicht überlegen, wann sie Unterricht hatte oder was sie noch für eine Prüfung vorbereiten musste.
„Ich habe keine Ahnung.“
„Dann hast du wohl einfach einen freien Tag vor dir.“
„Offenbar.“
„So wie du das sagst, klingt es schrecklich.“
Hermine grinste.
„Ich muss mich daran erst gewöhnen. Ich hatte ja bisher immer etwas zu tun. Vielleicht gehe ich in die Bibliothek.“
Minerva sah sie fassungslos an.
„Du hast gestern dein Referendariat beendet und willst heute freiwillig in die Bibliothek?“
„Was ist daran falsch?“
„Alles.“
Hermine lachte und kuschelte sich wieder enger an sie.
„Vielleicht bleibe ich auch einfach hier.“
„Das wäre mir lieber.“
„Den ganzen Tag?“
„Mhm.“
Minerva zog die Decke etwas höher.
„Ausgezeichneter Plan. Zumindest haben wir uns noch ein paar gemeinsame Minuten verdient.“
Hermine schloss zufrieden die Augen. Für eine Weile schwiegen sie wieder. Es war so leicht, wenn sie hier waren. Hermine konnte sich an Minerva schmiegen, ohne nachzudenken. Minerva konnte ihre Finger gedankenverloren durch Hermines Haare gleiten lassen. Ein Kuss musste nicht schnell sein, weil jeden Moment jemand um die Ecke kommen konnte. Also hielten sie sich und genossen diesen kostbaren Moment.
Irgendwann sah Hermine auf die Uhr.
„Oh nein…“, murmelte Hermine.
Minerva öffnete ein Auge.
„Was?“
„Wir müssen aufstehen.“
„Nein.“
Hermine lachte.
„Minerva McGonagall möchte liegen bleiben?“
„Minerva McGonagall hat gestern eine Feier überstanden, wurde von einem betrunkenen Mann belästigt und anschließend von einer ausgesprochen anhänglichen jungen Frau die halbe Nacht wachgehalten.“
Hermine hob empört den Kopf.
„Anhänglich?“
„Sehr.“
„Das klang gestern Abend aber nicht nach einer Beschwerde.“
„War es auch nicht.“
Hermine grinste.
„Gut.“
Sie küsste Minerva noch einmal und dann noch einmal, was das Aufstehen weitere zehn Minuten verzögerte.
Schließlich war es Minerva, die seufzend die Decke zurückschlug.
„Jetzt sollten wir aber…“
Hermine zog sie sofort wieder zurück.
„Fünf Minuten.“
„Du hast gerade fünf Minuten bekommen.“
„Dann noch fünf.“
„Hermine.“
„Drei?“
Minerva lachte.
„Aufstehen.“
„Du bist grausam.“
„Das höre ich häufiger“, meinte sie und küsste ganz kurz Hermines Nasenspitze. „So und jetzt raus aus dem Bett.“
Eine Weile später standen sie tatsächlich angezogen im Wohnzimmer. Hermine hatte ihre Sachen vom Vorabend wieder angelegt und strich gerade ihr Sommerkleid glatt. Minerva betrachtete sie.
„Oh dieses verdammte Kleid.“
Hermine sah auf.
„Was ist damit?“
„Ich werde mich den ganzen Tag daran erinnern.“
Ein zufriedenes Grinsen erschien auf Hermines Gesicht.
„Das war der Plan.“
„Da ist ja mein kleines Biest wieder.“
„Auch das habe ich gestern bereits mehrfach gehört.“
Minerva trat zu ihr und legte die Hände an ihre Taille. Hermine wurde sofort wieder weicher.
„Schade, dass wir uns jetzt trennen müssen.“
„Nur für eine Weile.“
„Trotzdem.“
Minerva strich ihr über die Wange.
„Wir werden uns heute noch oft genug begegnen.“
Hermine hob eine Augenbraue.
„Ist das ein Versprechen?“
„Wir leben beide im selben Schloss.“
„Sehr romantisch.“
Minerva lachte.
„Beim Mittagessen.“
„Mit allen anderen“, seufzte Hermine.
„Auf den Korridoren“, fuhr Minerva fort.
„Wo wir uns nicht anfassen dürfen.“
Für einen winzigen Moment veränderte sich Minervas Gesicht. Hermine bemerkte es und lächelte sofort wieder.
„Und heute Abend?“
„Da finden wir sicher eine Lösung“, meinte Minerva lächelnd.
„Das klingt besser.“
Minerva zog sie noch einmal näher. Ihr Abschiedskuss begann kurz und wurde dann doch länger, als beide geplant hatten. Als sie sich voneinander lösten, blieb Hermine noch einen Augenblick in ihren Armen.
„Bis später.“
„Bis später.“
Hermine ging zum Kamin, nahm etwas Flohpulver. Dann sah sie noch einmal zu Minerva. Die Sehnsucht in den Augen der Schulleiterin war nicht zu übersehen und genau so musste auch Hermine aussehen.
„Ich liebe dich“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln.
„Ich liebe dich auch mein Herz.“
Hermine konzentrierte sich, nannte ihre Wohnung und im nächsten Moment schlugen grüne Flammen auf. Sekunden später war sie verschwunden.
Minerva blieb allein zurück. Das Wohnzimmer wirkte plötzlich erschreckend ruhig. Sie sah noch einige Sekunden zum Kamin. Dann atmete sie leise aus.
„Also gut.“
Sie musste sich fertig machen. Minerva ging ins Schlafzimmer, räumte die letzten Dinge vom vergangenen Abend fort und verschwand anschließend im Bad. Wenig später saß sie vor dem Spiegel. Sie hatte sich bereits angezogen und begann, ihre Haare ordentlich hochzustecken. Eine Strähne nach der anderen wurde mit vielen Haarnadeln sorgfältig zurück gesteckt. Minervas Bewegungen waren routiniert, doch ihre Gedanken waren es nicht. Sie sah ihr eigenes Spiegelbild an und dachte an Hermine. Sie hatte den gestrigen Tag vor Augen. Genauer gesagt Hermines Strahlen nach der Prüfung, ihre Freude, die Feier und der Abend, der nur ihnen beiden gehörte.
Dieser Morgen jedoch war etwas anderes. Es war nicht nur aufregend oder schön mit ihr. Mit Hermine fühlte sich alles richtig an.
Minerva hatte lange gebraucht, um sich einzugestehen, wie tief ihre Gefühle tatsächlich gingen. Inzwischen gab es daran keinen Zweifel mehr. Sie liebte Hermine so sehr und sie wollte mit ihr zusammen sein. Es ging nicht um ein paar nette Monate oder mir solange es einfach war. Sie wollte sie in ihrem Leben und deshalb störte sie eine Sache inzwischen selbst immer mehr.
Diese Heimlichkeiten.
Minerva steckte eine weitere Haarnadel fest. Ihr Blick wurde nachdenklich. Sie wusste, dass Hermine darunter litt. Hermine hatte heute Morgen nichts gesagt, aber sie hatte es auch nicht sagen müssen. Minerva kannte sie. Sie hatte den Ausdruck in ihren Augen gesehen und gestern Abend war es noch deutlicher gewesen. Diese kurzen Blicke im Drei Besen, die vorsichtigen Berührungen und wie Hermine immer wieder ihre Nähe gesucht hatte und sich im letzten Moment daran erinnern musste, dass sie das nicht offen durfte. Selbst dieser betrunkene Mann hatte Minerva etwas gezeigt, worüber sie vorher kaum nachgedacht hatte.
Ein vollkommen Fremder konnte vor aller Augen mit ihr flirten, aber Hermine konnte nicht einmal ihre Hand nehmen.
Minerva senkte die Hände. Sie verstand, warum Hermine das verletzte, denn inzwischen verletzte es sie selbst. Minerva wollte Hermine nicht mehr ansehen müssen, als wäre sie lediglich eine Kollegin. Sie wollte beim Frühstück nicht überlegen, wie lange ihr Blick auf ihr ruhen durfte. Sie wollte nicht jedes Mal die Tür abschließen müssen, bevor sie Hermine küsste, aber noch konnten sie es nicht ändern.
Hermines Prüfung war gestern gewesen. Einen einzigen Tag später ihre Beziehung öffentlich zu machen, wäre töricht. Es würde Fragen geben und manche davon wären berechtigt.
Seit wann waren sie zusammen? Wie neutral waren Minervas Beurteilungen gewesen? Hatte Hermine Vorteile erhalten?
Die Antworten darauf kannten sie, aber Minerva wusste nur zu gut, dass Wahrheit und öffentliche Wahrnehmung nicht immer dasselbe waren. Nach allem, was Featherstone angerichtet hatte, wollte sie Hermine nicht sofort der nächsten Welle aussetzen. Sie brauchten Zeit. Nur wie viel?
Minerva nahm die nächste Haarnadel wieder auf. Vielleicht konnte sie wenigstens etwas anderes tun, um Hermine aufzumuntern. Sie musste ihr zeigen, dass sich trotz allem etwas verändert hatte und dass sie nicht ewig hinter verschlossenen Türen leben würden. Irgendetwas musste es doch geben. Dann hielt sie einen Moment inne. Was? Ein gemeinsamer Ausflug? Zu auffällig. Ein Wochenende außerhalb von Hogwarts? Schön, aber letztlich wieder nur eine Flucht an einen Ort, an dem niemand sie kannte. Ein Geschenk? Nein. Hermine brauchte kein Geschenk. Sie brauchte etwas, das Minerva ihr gerade nicht geben konnte. Freiheit.
Minerva stützte die Hände auf den kleinen Tisch vor dem Spiegel.
„Es muss doch irgendetwas geben.“
Aber je länger sie darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihr das eigentliche Problem.
Sie konnte Hermine mit einem schönen Abend ablenken, mit einem Kuss oder mit einem gemeinsamen Wochenende. Vielleicht würde Hermine lachen und für ein paar Stunden nicht mehr daran denken, doch am nächsten Morgen würden sie wieder in die Große Halle gehen. Getrennt. Und genau daran konnte Minerva im Augenblick nichts ändern. Sie betrachtete nachdenklich ihr Spiegelbild. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Minerva auf ein Problem keine vernünftige Lösung und das gefiel ihr überhaupt nicht.
Minerva blieb noch einen Moment vor dem Spiegel sitzen. Vielleicht war es gar nicht nötig, heute schon eine Lösung für alles zu finden. In einer Woche würde sich ohnehin vieles verändern. Eine Woche. Minerva hob langsam den Blick. Tatsächlich. Nur noch sieben Tage, dann würden die Schüler Hogwarts für die Sommerferien verlassen.
Der Hogwarts-Express würde sie zurück nach London bringen, die Korridore würden leer werden und nach und nach würden auch die meisten Kollegen ihre Koffer packen. Pomona hatte bereits angekündigt, ihre Schwester für einige Wochen besuchen zu wollen. Filius plante eine Reise. Horace hatte selbstverständlich gleich mehrere Einladungen für den Sommer erhalten. Poppy würde wie immer noch einige Tage bleiben, bevor auch sie Hogwarts für eine Weile den Rücken kehrte. Und Minerva? Minerva hatte sich darüber bislang erstaunlich wenig Gedanken gemacht.
Normalerweise waren ihre Sommer ziemlich vorhersehbar. Sie blieb nach Schuljahresende noch einige Tage in Hogwarts, erledigte die letzten Verwaltungsaufgaben und kümmerte sich um alles, was für das kommende Schuljahr vorbereitet werden musste. Danach fuhr sie entweder in ihr Elternhaus oder sie zog sich in ihr Cottage an der schottischen Küste zurück.
Gerade das Cottage war in den vergangenen Jahren zu ihrem bevorzugten Rückzugsort geworden. Dort hatte sie Ruhe, das Meer und den Wind, um für eine Weile alles andere zu vergessen. Minerva musste lächeln. Dieses Jahr würde es anders sein. Zum ersten Mal plante sie ihren Sommer nicht nur für sich selbst. Da war Hermine. Minervas Blick wurde weich.
Was hatte Hermine eigentlich vor?
Darüber hatten sie noch gar nicht gesprochen. Sie hatten in den vergangenen Monaten über so vieles gesprochen, aber die ganz einfache Frage, was Hermine nach Ende des Schuljahres machen wollte, war dabei irgendwie untergegangen.
Vielleicht wollte sie zu Harry und Ginny.
Minerva wusste, wie eng Hermine mit ihnen verbunden war. Vielleicht hatte sie bereits Pläne mit anderen Freunden oder sie wollte reisen. Vielleicht wollte sie sogar einfach ein paar Wochen allein verbringen. Nach diesem Jahr könnte Minerva ihr das kaum verdenken.
Trotzdem schob sich beinahe automatisch ein anderer Gedanke dazwischen.
'Vielleicht kommt sie mit mir.'
Minerva hielt inne. Allein die Vorstellung ließ ein warmes Gefühl in ihr entstehen. Hermine in ihrem Cottage und das nicht für eine heimliche Nacht oder für ein gestohlenes Wochenende. Sie hätten einige Wochen, in denen sie gemeinsam als richtiges Paar leben könnten. Sie hätten endlich Zeit füreinander. Sie würden gemeinsam aufwachen, gemeinsam frühstücken, Spaziergänge an der Küste unternehmen und die Abende vor dem Kamin, wenn das schottische Wetter wieder einmal beschlossen hatte, den Sommer zu ignorieren. Sie hätten keine Verpflichtungen und vor allem keine Kollegen, vor denen sie ständig darauf achten mussten, wie sie einander ansahen. Minerva lächelte. Es wäre schön. Mehr als schön.
Vielleicht war genau das etwas, das Hermine gerade guttun würde. Ein Sommer, in dem sie wenigstens für eine Weile einfach sie selbst sein konnten.
Minerva und Hermine. Nicht die Schulleiterin und die ehemalige Referendarin. Nicht Professor McGonagall und Professor Granger. Einfach sie. Allerdings verschwand Minervas Lächeln ein wenig. Sie wollte Hermine nicht unter Druck setzen. Auf keinen Fall. Nur weil sie selbst plötzlich diese wunderbare Vorstellung von einem gemeinsamen Sommer hatte, bedeutete das nicht, dass Hermine automatisch dasselbe wollte. Hermine hatte ein eigenes Leben, Freunde und Familie, wenn auch nicht auf dieselbe unkomplizierte Weise wie andere. Vielleicht hatte sie längst andere Pläne. Minerva würde sie fragen. Ganz einfach.
'Was hast du für die Ferien geplant?'
Und wenn Hermine noch nichts vorhatte, dann konnte Minerva ihr anbieten, dass sie sie zu ihrem Cottage geleiten könnte oder in ihr Elternhaus.
Minerva verzog leicht den Mund. Beim Gedanken an Letzteres wurde ihr plötzlich bewusst, was das bedeuten würde. Hermine in ihrem Elternhaus. Das wäre noch einmal eine vollkommen andere Angelegenheit.
„Eins nach dem anderen“, murmelte sie.
Das Cottage erschien ihr für den Anfang deutlich unkomplizierter. Obwohl… Minerva musste wieder lächeln. Sie konnte sich Hermine dort bereits erschreckend gut vorstellen. Mit einem Buch auf der Terrasse, barfuß im Garten und vermutlich würde sie bereits am zweiten Tag anfangen, Minervas Bücherregale neu zu sortieren.
„Auf keinen Fall.“
Minerva schüttelte amüsiert den Kopf und trotzdem gefiel ihr die Vorstellung. Sehr sogar. Minerva wusste inzwischen, dass sie das Problem nicht einfach mit einer Reise verschwinden lassen konnte, aber es wäre ein Anfang und eine Gelegenheit, darüber zu sprechen, wie es mit ihnen weiterging und wie ihr gemeinsames Leben überhaupt aussehen könnte, denn zum ersten Mal mussten sie nicht mehr nur bis zur nächsten Prüfung denken. Sie konnten weiterdenken.
Der Gedanke ließ Minerva für einen Moment ganz still werden. Dann lächelte sie. Sie würde mit Hermine sprechen. Heute vielleicht oder morgen und insgeheim würde sie einfach hoffen, dass Hermine Ja sagte.
Minerva erhob sich. Sie strich ihr Kleid glatt, kontrollierte noch einmal ihre Haare und richtete automatisch die Schultern. Die nachdenkliche Frau vor dem Spiegel verschwand langsam und zurück blieb Professor Minerva McGonagall - die Schulleiterin von Hogwarts. Zumindest für alle, die ihr gleich beim Frühstück begegnen würden.
Minerva warf ihrem Spiegelbild noch einen letzten Blick zu.
„Eine Woche.“
Dann verließ sie ihre Wohnung und machte sich auf den Weg zur Großen Halle.
Am Frühstückstisch herrschte an diesem Morgen eine ungewöhnlich gedämpfte Stimmung. Zumindest an einem Ende des Lehrertisches. Hermine bemerkte es bereits, als sie die Große Halle betrat. Horace saß vor seinem Frühstück und sah aus, als hätte er seit mindestens drei Tagen nicht geschlafen. Sein normalerweise so zufriedenes Gesicht war auffallend blass, die Augen halb geschlossen. Neben ihm saß Filius. Er sah kaum besser aus. Hermine blieb kurz stehen. Dann musste sie sich auf die Lippe beißen.
'Oh nein.'
Sie setzte sich an ihren Platz. Neville war bereits da und sah erstaunlich frisch aus.
„Guten Morgen.“
„Morgen.“
Hermine beugte sich leicht zu ihm.
„Was ist denn mit den beiden passiert?“
Neville folgte ihrem Blick.
„Keine Ahnung.“
Horace hob gerade seine Tasse. Er nahm einen winzigen Schluck Kaffee. Sofort verzog er das Gesicht.
„Merlin.“
Filius stützte die Stirn auf eine Hand.
„Nicht so laut.“
Horace sah ihn entgeistert an.
„Ich habe überhaupt nicht laut gesprochen.“
„Doch.“
„Habe ich nicht.“
„Für meinen Kopf schon.“
Hermine konnte nicht mehr. Sie lachte. Horace sah sie beleidigt an.
„Das ist nicht lustig.“
„Doch.“
„Hermine.“
„Entschuldigung.“
Sie versuchte, ihr Gesicht wieder unter Kontrolle zu bringen. Es funktionierte nicht besonders gut. In diesem Moment erschien Poppy. In jeder Hand hielt sie ein kleines Fläschchen. Ohne ein Wort stellte sie eines vor Horace. Das andere vor Filius. Horace betrachtete die Flüssigkeit misstrauisch.
„Was ist das?“
Poppy sah ihn trocken an.
„Die Rettung deines Vormittags.“
Filius hob langsam den Kopf.
„Gegen Kopfschmerzen?“
„Gegen die Folgen mangelnder Selbstbeherrschung.“
Hermine verschluckte sich beinahe an ihrem Tee. Neville lachte neben ihr. Horace sah Poppy empört an.
„Wir haben gestern gefeiert.“
„Das ist mir aufgefallen.“
„Zwei hervorragende Nachwuchslehrer!“
„Horace.“
„Ja?“
„Trinken.“
Horace öffnete gehorsam das Fläschchen. Filius tat es ihm gleich. Beide verzogen beinahe gleichzeitig das Gesicht.
„Scheußlich“, murmelte Filius.
„Soll es auch sein“, erwiderte Poppy. „Vielleicht erinnert ihr euch beim nächsten Mal daran.“
Am anderen Ende des Tisches schüttelte Minerva amüsiert den Kopf.
„Ich habe euch gewarnt.“
Horace drehte sich mühsam zu ihr.
„Du hast mitgetrunken.“
„Mit Betonung auf mit. Ich habe nicht versucht, Rosmertas Vorräte im Alleingang zu vernichten.“
Hermine grinste in ihre Tasse. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, dass Minerva am Abend zuvor durchaus angeheitert gewesen war, aber offenbar hatte sie wie Hermine keinerlei Kater. Zum Glück.
Die Schüler bekamen von der kleinen Szene kaum etwas mit. Die Stimmung in der Großen Halle war ohnehin ausgelassen. Die Prüfungen waren vorbei. Überall wurde geredet und gelacht. Einige Schüler planten bereits lautstark ihre Ferien, andere diskutierten darüber, wer wen während des Sommers besuchen würde. Nur noch eine Woche. Dann würde der Hogwarts-Express sie nach Hause bringen. Das Schuljahr war praktisch vorbei.
Minerva nahm einen Schluck Tee und ließ ihren Blick durch die Halle wandern. Alles wirkte entspannter. Selbst die Siebtklässler, die in den vergangenen Wochen teilweise mit dunklen Augenringen beim Frühstück erschienen waren, sahen plötzlich wieder aus wie Jugendliche und nicht wie überarbeitete Ministeriumsbeamte. Minerva lächelte leicht. Dann wanderte ihr Blick den Lehrertisch entlang zu Hermine und blieb dort.
Hermine saß neben Neville. Vor ihr stand ein Teller. Allerdings aß sie nicht. Sie schob mit ihrer Gabel ein Stück Rührei von links nach rechts. Dann wieder zurück. Minerva runzelte kaum merklich die Stirn. Hermine bemerkte ihren Blick nicht. Sie war offensichtlich vollkommen in Gedanken. Minerva beobachtete sie noch einen Moment und plötzlich hatte sie eine Vermutung.
Die Ferien.
Vielleicht dachte Hermine gerade über genau dasselbe nach wie sie noch vor wenigen Minuten vor ihrem Spiegel. Minerva nahm einen weiteren Schluck Tee. Sie würde Hermine fragen. Ganz sicher.
Hermine hatte unterdessen tatsächlich keine Ahnung, was auf ihrem Teller lag. Ihre Gedanken waren ganz woanders.
Nur noch eine Woche Hogwarts. Dann waren Ferien. Eigentlich hätte sie sich darauf freuen müssen. Nach diesem Jahr hatte sie Urlaub dringend nötig. Nur… Was machte sie eigentlich? Harry und Ginny besuchen. Natürlich. Das stand außer Frage. Sie wollte die beiden sehen und natürlich wollte sie auch James sehen.
Vielleicht würde sie ein paar Tage bei ihnen verbringen. Ron würde vermutlich ebenfalls irgendwann auftauchen.
Vielleicht konnte sie Caleb besuchen. Aber danach?
Hermine stocherte weiter in ihrem Frühstück herum. Die Sommerferien waren lang. Sie könnte verreisen. Vielleicht für ein paar Tage ins Ausland oder einfach lesen. Sie hatte ungefähr zwanzig Bücher auf ihrer Liste, die sie seit Monaten lesen wollte. Hermine verzog leicht den Mund. Das klang alles nett, aber bei keinem dieser Gedanken entstand wirkliche Vorfreude, denn wenn sie ehrlich war, wusste sie genau, was sie wollte.
Minerva. So viel Minerva wie möglich.
Hermine hob unauffällig den Blick. Minerva saß einige Plätze entfernt. Ihre Augen trafen sich sofort. Hermine lächelte. Minerva erwiderte es nur kurz. Dann sah Hermine wieder auf ihren Teller.
'Ich würde am liebsten jede einzelne Sekunde mit dir verbringen.'
Der Gedanke war so eindeutig, dass Hermine beinahe über sich selbst lachen musste. Morgens neben Minerva aufwachen, frühstücken, spazieren gehen und abends zusammen auf dem Sofa sitzen.
Allein bei der Vorstellung wurde Hermine warm ums Herz. Aber wollte Minerva das auch? Hermine wusste es nicht. Minerva war seit Jahren daran gewöhnt, ihre Sommer für sich zu verbringen. Vielleicht hatte sie feste Pläne. Vielleicht wollte sie ihre Familie besuchen. Oder irgendwohin reisen. Vielleicht brauchte sie nach einem anstrengenden Schuljahr einfach Zeit für sich.
Hermine wollte sich auf keinen Fall aufdrängen. Nur weil sie selbst am liebsten sofort ihren Koffer packen und Minerva überallhin folgen würde, musste Minerva nicht genauso empfinden.
'Wo fährt sie eigentlich in den Ferien hin?'
Hermine stellte erstaunt fest, dass sie nicht einmal das wusste. Sie hatten nie darüber gesprochen, was wirklich absurd war. Sie wussten inzwischen so viel voneinander, teilten Nächte miteinander, Ängste, Sorgen, Hoffnungen und trotzdem wusste Hermine nicht, wo Minerva normalerweise ihre Sommerferien verbrachte.
Sie nahm endlich einen Bissen, kaufe und schmeckte nichts davon.
Vielleicht sollte sie fragen, ganz beiläufig:
'und was machst du eigentlich in den Ferien?'
Hermine verzog innerlich das Gesicht. Das klang schon beinahe so, als würde sie auf eine Einladung warten - was sie natürlich tat, aber Minerva sollte sich nicht verpflichtet fühlen. Vielleicht würde Minerva sie ja von selbst fragen. Hermine schob wieder ihr Rührei über den Teller.
Am anderen Ende des Tisches beobachtete Minerva sie noch immer und während beide Frauen glaubten, die jeweils andere nicht mit ihren eigenen Wünschen unter Druck setzen zu dürfen, beschäftigte sie in Wahrheit exakt derselbe Gedanke:
Was machen wir eigentlich in den Ferien?
Am Nachmittag führte Hermines Weg beinahe automatisch in Richtung Schulleiterbüro. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, Minerva nicht bei der Arbeit zu stören. Eigentlich. Hermine kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, wie wenig dieses Vorhaben wert war. Sie nannte das Passwort, stieg die Wendeltreppe hinauf und klopfte kurz gegen die Tür.
„Herein.“
Hermine öffnete. Natürlich saß Minerva hinter ihrem Schreibtisch. Vor ihr lagen mehrere Pergamente, zwei geöffnete Akten und eine Liste, auf der sie gerade mit ihrer Feder irgendeine Anmerkung machte. Hermine blieb mit verschränkten Armen in der Tür stehen.
„Es war ja klar, dass du hier bist.“
Minerva sah auf. Sofort wurde ihr Gesicht weicher.
„Wo sollte ich sonst sein?“
„Draußen.“
„Aha.“
„Das Wetter genießen.“
„Mhm.“
„Dich entspannen.“
„Interessanter Vorschlag.“
Hermine kam herein und schloss die Tür hinter sich.
„Du sitzt seit heute Morgen an irgendwelchen Unterlagen.“
„Ich war zwischendurch auch beim Mittagessen, falls dir das entgangen sein sollte.“
„Wie könnte ich die schönste Frau denn übersehen?“
Minerva schnaubte und schüttelte den Kopf.
„Du solltest nicht mit mir flirten. Ich habe noch etwas zu erledigen.“
„Natürlich hast du das.“
Hermine ging um den Schreibtisch herum.
„Du hast immer etwas zu erledigen.“
Minerva legte die Feder zur Seite.
„Das bringt die Position der Schulleiterin nun einmal mit sich.“
„Dann gefällt mir diese Position nicht.“
„Gestern hat sie dir noch ausgesprochen gut gefallen.“
Hermine hielt inne. Ein langsames Grinsen erschien auf ihrem Gesicht.
„Das hatte aber andere Gründe.“
Minervas Mundwinkel zuckten. Hermine blieb neben ihrem Stuhl stehen.
„Also gut. Ich lasse dich arbeiten.“
Sie wollte sich demonstrativ abwenden, kam allerdings nicht weit. Minerva griff nach ihrer Hand.
„Nicht so schnell.“
„Was?“
Mit einem sanften Ruck zog Minerva sie zu sich. Hermine lachte überrascht, als sie kurz darauf auf Minervas Schoß landete.
„Minerva!“
„Ich sagte, ich muss noch etwas erledigen.“
„Ja.“
Minerva legte einen Arm um ihre Taille.
„Das hier zum Beispiel.“
Bevor Hermine etwas erwidern konnte, küsste Minerva sie. Hermine schloss sofort die Augen. Der Kuss war zunächst sanft, dauerte aber deutlich länger, als es für Minervas angeblich so dringende Arbeit vernünftig gewesen wäre. Als sie sich lösten, grinste Hermine.
„Oh, das ist eine sehr wichtige Aufgabe.“
„Außerordentlich.“
„Und so dringend?“
„Unaufschiebbar würde ich sagen.“
Hermine legte lächelnd die Arme um ihren Hals.
„Das ist ein wunderbarer Arbeitsplan, Professor McGonagall.“
„Danke.“
„Ich unterstütze dich gerne dabei.“
„Das hatte ich gehofft.“
Hermine küsste sie erneut. Dieses Mal war es Minerva, die vollkommen vergaß, dass vor ihr auf dem Schreibtisch noch eine halb fertige Liste lag. Ihre Hand wanderte an Hermines Rücken und zog sie näher. Hermine machte es sich nur noch bequemer auf ihrem Schoß. Als sie sich voneinander lösten, sah Minerva sie an.
„Du wolltest mich doch arbeiten lassen.“
„Das war vor ein paar Minuten.“
„Und jetzt?“
Hermine strich mit den Fingern über Minervas Kragen.
„Jetzt habe ich einen besseren Vorschlag.“
„Ich ahne Schlimmes.“
„Überhaupt nicht.“
Hermine rückte ein wenig näher.
„Mein Vorschlag ist ausgesprochen vernünftig.“
„Du sitzt auf meinem Schoß und versuchst seit einigen Minuten, mich von meiner Arbeit abzuhalten.“
„Darf ich dich daran erinnern, dass du mich praktisch dazu eingeladen hast?“
Hermine lächelte unschuldig.
„Außerdem bist du viel zu angespannt.“
Minerva lachte leise.
„Bin ich das?“
„Sehr.“
Hermine ließ ihre Fingerspitzen langsam über Minervas Schulter gleiten.
„Du solltest dich entspannen.“
„Und vermutlich hast du bereits eine konkrete Vorstellung davon, wie diese Entspannung aussehen könnte.“
„Vielleicht.“
„Hermine“, sagte Minerva mahnend.
„Was denn?“
Sie beugte sich näher an Minervas Ohr.
„Wir könnten in deine Wohnung gehen.“
Minerva hob eine Augenbraue. Hermine küsste sie kurz auf die Wange.
„Die Tür abschließen.“
Ein weiterer Kuss, diesmal an ihren Mundwinkel.
„Die Arbeit vergessen.“
Minerva schloss für einen Moment die Augen. Hermine bemerkte es sofort.
„Und einfach ein bisschen entspannen.“
„Du bist eine gefährliche Frau.“
„Ich?“
„Du weißt genau, was du tust.“
„Natürlich.“
Hermine grinste.
„Funktioniert es denn?“
Minerva sah sie an.
„Bedauerlicherweise hervorragend.“
„Dann komm.“
Hermine wollte bereits aufstehen. Minervas Arm um ihre Taille hielt sie zurück.
„Leider muss ich das hier wirklich noch fertigstellen.“
Hermine ließ den Kopf hängen.
„Minerva.“
„Nur diese Unterlagen.“
„Die laufen dir nicht weg.“
„Nein, aber wenn ich sie heute nicht abschließe, sitzen wir morgen wieder hier.“
Das brachte Hermine zum Schweigen. Minerva lächelte triumphierend.
„Siehst du.“
„Das ist Erpressung.“
„Ich würde es eher Vernunft nennen.“
„Dasselbe in langweilig.“
Minerva lachte und küsste sie kurz.
„Geh schon einmal in meine Wohnung.“
Hermine wurde sofort wieder aufmerksamer.
„Ach?“
„Ich brauche nicht mehr lange.“
„Wie lange?“
„Eine halbe Stunde.“
Hermine verzog das Gesicht.
„Zwanzig Minuten.“
„Hermine.“
„Fünfundzwanzig.“
„Seit wann verhandeln wir darüber?“
„Seit ich beschlossen habe, dass ich dich heute Nachmittag für mich haben möchte.“
Minervas Blick wurde weich.
„Ich komme gleich zu dir.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Hermine betrachtete sie einen Moment. Dann legte sie eine Hand an Minervas Wange und küsste sie noch einmal. Dieses Mal langsam und deutlich verlangender. Minerva zog scharf die Luft ein, als Hermine sich schließlich von ihr löste. Hermine lächelte ausgesprochen zufrieden.
„Fünfundzwanzig Minuten.“
„Du bist unmöglich.“
„Ich weiß.“
Sie stand auf. Minerva griff beinahe noch einmal nach ihr, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Hermine bemerkte es.
„Du könntest deine Meinung immer noch ändern.“
„Raus.“
Hermine lachte.
„Bis gleich.“
„Hermine.“
Sie blieb an der Tür stehen.
„Hm?“
Minerva zeigte auf die Unterlagen.
„Du bist schuld, wenn ich jetzt dreimal so lange brauche.“
Hermine lehnte sich gegen den Türrahmen.
„Dann solltest du dich besser konzentrieren.“
„Verschwinde.“
„Ich liebe dich auch.“
Minerva konnte ihr Lächeln nicht verbergen.
„Ich liebe dich.“
Hermine schenkte ihr noch einen letzten Blick und verschwand. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Minerva sah auf ihre Unterlagen, dann zu der Tür und wieder auf die Unterlagen. Sie nahm ihre Feder, las den letzten Satz und hatte keine Ahnung, was dort stand.
„Verdammt, Hermine.“
Hermines Duft hing noch immer in der Luft und ihre Küsse fühlten sich auf Minervas Lippen viel zu gegenwärtig an. Minerva schloss kurz die Augen.
„Konzentrier dich.“
Sie las die erste Zeile erneut, doch es brachte nichts. Vor ihrem inneren Auge erschien stattdessen Hermines Grinsen.
„Fünfundzwanzig Minuten“, murmelte Minerva und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
Sie richtete sich entschlossen auf, tauchte die Feder in die Tinte und zwang ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Pergamente. So schwer konnte das doch nicht sein. Sie war schließlich Minerva McGonagall. Sie hatte Kriege, Featherstone und Ministeriumsanhörungen überstanden. Sie würde sich wohl kaum von ein paar Küssen aus dem Konzept bringen lassen.
Minerva las denselben Absatz zum dritten Mal. Dann seufzte sie. Sie musste sich wirklich sehr anstrengen…
Hermine hatte es sich inzwischen in Minervas Wohnzimmer bequem gemacht. Ihre Schuhe standen neben dem Sofa, die Beine hatte sie entspannt angewinkelt und auf ihrem Schoß lag ein Buch, das sie vor einigen Tagen angefangen hatte. Neben ihr auf dem kleinen Tisch standen zwei Tassen und eine Kanne Tee. Sie hatte schließlich damit gerechnet, dass Minerva jeden Moment kommen würde. Das war zumindest vor einer ganzen Weile gewesen. Hermine blätterte eine Seite um und sah bereits nach ein paar Sätzen wieder auf die Uhr.
„Fünfundzwanzig Minuten“, murmelte sie.
Sie sah wieder in ihr Buch und las noch eine Seite, dann wieder zur Uhr.
„Du bist hoffnungslos.“
Hermine musste trotzdem lächeln. Sie kannte Minerva schließlich. Wenn sie sagte, dass sie nur noch eine Sache erledigen musste, konnte das alles zwischen zehn Minuten und zwei Stunden bedeuten.
Hermine nahm ihre Tasse und trank einen Schluck. Der Tee war inzwischen nur noch lauwarm. Sie zog ihren Zauberstab, tippte kurz gegen die Kanne und erwärmte den Inhalt erneut.
„Damit hast du jetzt noch genau eine Chance.“
Natürlich antwortete die Teekanne nicht. Hermine grinste über sich selbst und wandte sich wieder ihrem Buch zu. Eigentlich störte es sie gar nicht besonders. Hier zu sitzen fühlte sich längst vertraut an. Minervas Wohnung war in den vergangenen Monaten beinahe zu einem zweiten Zuhause geworden. Hermine kannte inzwischen jedes Regal, wusste, welche Schublade Minerva für ihre Teesorten verwendete und welche Decke sie am liebsten nahm, wenn sie abends auf dem Sofa saßen. Vielleicht war genau deshalb die Frage nach den Ferien wieder in Hermines Gedanken geschlichen.
In einer Woche würde das alles erst einmal vorbei sein. Zumindest Hogwarts. Wo würde Minerva dann sein? Und wo würde Hermine sein?
Sie schob den Gedanken beiseite. Sie wollte jetzt nicht daran denken. Sie wollte diesen Nachmittag genießen, denn nun gab es seit Monaten nichts, wofür sie lernen, kämpfen oder sich rechtfertigen musste.
Hermine vertiefte sich tatsächlich wieder in ihr Buch. So sehr, dass sie einige Zeit später das Öffnen der Tür beinahe überhörte.
„Endlich.“
Minerva blieb im Türrahmen stehen.
„Ich sehe, meine Verspätung wurde bereits registriert.“
Hermine klappte das Buch zu.
„Fünfundzwanzig Minuten, hast du gesagt.“
„Ich weiß.“
„Ich habe den Tee zweimal aufwärmen müssen.“
„Dann ist die Lage offensichtlich ernst.“
Hermine versuchte streng auszusehen, doch sie konnte den Blick nicht aufrecht erhalten und musste lächeln. Minerva lächelte ebenfalls. Sie legte einige Pergamente, die sie tatsächlich noch mitgebracht hatte, auf einem kleinen Tisch ab. Hermine starrte darauf.
„Oh nein, ganz sicher nicht.“
Minerva sah zu ihr.
„Was?“
„Die kommen sofort weg.“
„Ich wollte sie nur…“
„Minerva.“
Hermine deutete warnend auf sie.
„Du hast Feierabend.“
Minerva hob ergeben die Hände.
„Schon gut.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Hermine klopfte zufrieden auf den Platz neben sich.
„Dann komm her.“
Minerva ließ sich nicht zweimal bitten. Kaum hatte sie sich neben Hermine gesetzt, legte Hermine ihr Buch weg und rückte zu ihr.
„Hallo.“
Minerva lächelte.
„Hallo.“
Hermine legte eine Hand an ihre Wange.
„Du hast mich warten lassen.“
„Das tut mir leid.“
„Das sollte es.“
„Kann ich etwas tun, damit du mir verzeihst?“
Hermine tat, als müsste sie ernsthaft darüber nachdenken.
„Vielleicht.“
„Was?“
Statt einer Antwort küsste Hermine sie. Minerva lachte leise gegen ihre Lippen und legte einen Arm um ihre Taille. Aus einem kurzen Kuss wurde sofort ein zweiter. Dann ein dritter. Hermine rückte näher, bis zwischen ihnen kaum noch Platz war.
„Das hilft“, murmelte sie.
„Gut.“
Minerva küsste sie wieder. Hermine schlang die Arme um ihren Hals und ließ sich schließlich gemeinsam mit ihr tiefer in die Sofakissen sinken. Für einige Minuten wurde der Tee vollkommen vergessen, ebenso Hermines Buch und Minervas Arbeit sowieso.
Sie küssten sich, unterbrachen sich immer wieder mit leisem Lachen und fanden kurz darauf erneut zueinander. Irgendwann löste Hermine sich ein wenig.
„Weißt du, was ich gerade feststelle?“
Minerva strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Was?“
„Mein Plan hat funktioniert.“
„Welcher Plan?“
„Dich zum Entspannen zu bringen.“
Minerva sah auf ihre Position. Hermine hatte sich längst halb an sie geschmiegt, Minervas Arm lag um ihre Taille und ihre Beine berührten sich.
„Tatsächlich.“
„Du wirkst schon deutlich entspannter.“
„Das liegt ausschließlich an deiner ausgezeichneten Überzeugungsarbeit.“
Hermine grinste.
„Ich bin eben talentiert.“
„Und wie bescheiden du bist.“
„Auch das.“
Minerva schüttelte lächelnd den Kopf und zog sie wieder an sich. Hermine legte den Kopf an ihre Schulter. Jetzt wurden die Küsse ruhiger. Ein Kuss auf Hermines Stirn, einer auf Minervas Wange und eine flüchtige Berührung ihrer Lippen. Dazwischen lagen sie einfach nur da. Hermine griff schließlich nach der Decke vom anderen Ende des Sofas und zog sie über ihre Beine.
„So.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Hast du vor, mich hier festzuhalten?“
„Ja.“
„Wie lange?“
Hermine kuschelte sich noch enger an sie.
„Bis zum Abendessen.“
Minerva schwieg. Hermine hob den Kopf.
„Was?“
„Ich überlege.“
„Und was genau?“
„Ob ich mich dagegen wehren sollte.“
Hermine gab ihr einen Kuss.
„Und?“
Minerva zog die Decke etwas höher.
„Aussichtslos.“
Hermine lachte zufrieden und legte den Kopf wieder an ihre Schulter. Für den Moment gab es tatsächlich nichts anderes. Nur Minervas Arme um sie, Hermines Hand in ihrer und ein Nachmittag, den sie endlich einfach miteinander verbringen konnten.
Eine ganze Weile lagen sie einfach so auf dem Sofa. Der Tee war inzwischen erneut vergessen worden. Hermines Buch lag geschlossen auf dem Tisch und Minerva hatte nicht ein einziges Mal zu den Pergamenten hinübergesehen, die sie mitgebracht hatte.
Hermine betrachtete das als persönlichen Erfolg. Sie lag halb an Minerva geschmiegt, hatte eine Hand auf deren Bauch gelegt und spielte gedankenverloren mit einer kleinen Falte ihres Kleides. Minervas Finger glitten währenddessen langsam durch ihr Haar. Es war angenehm still. Bis Minerva schließlich sagte:
„Hermine?“
„Mhm?“
„Was hast du eigentlich für die Ferien geplant?“
Hermine hob den Kopf. Da war sie. Die Frage, die ihr seit dem Frühstück durch den Kopf ging.
„Warum fragst du?“
„Weil in einer Woche die Schüler abreisen und ich festgestellt habe, dass wir noch überhaupt nicht darüber gesprochen haben.“
„Das habe ich heute Morgen auch gedacht.“
Minerva lächelte.
„Ich weiß.“
Hermine richtete sich ein wenig auf.
„Woher?“
„Du hast dein Frühstück eine halbe Ewigkeit auf deinem Teller herumgeschoben.“
„Du hast mich beobachtet?“
„Natürlich.“
Hermine grinste.
„Sehr professionell, Frau Schulleiterin.“
„Ich beobachte meine Mitarbeiter eben aufmerksam.“
„Mitarbeiter.“
Hermine schnaubte und gab ihr einen kurzen Kuss.
„So nennt man das also.“
Minerva lachte.
„Also? Was hast du geplant?“
Hermine lehnte sich wieder zurück.
„Eigentlich noch gar nichts Konkretes.“
„Gar nichts?“
„Harry und Ginny besuchen. Auf jeden Fall. Ich habe ihnen schon versprochen, dass ich komme. Und ich möchte James sehen.“
„Natürlich.“
„Vielleicht bleibe ich ein paar Tage bei ihnen, aber ansonsten…“
Hermine zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung.“
Sie schwieg kurz. Dann erschien ein verträumter Ausdruck auf ihrem Gesicht.
„Ich würde gerne mal wieder richtig verreisen.“
„Wohin?“
„Irgendwohin ans Meer.“
Minerva sah sie interessiert an.
„Ans Meer?“
„Mhm.“
Hermine lächelte.
„An einen richtigen Strand. Warm. Sonne. Sand. Einfach ein paar Tage nichts tun.“
„Du? Nichts tun?“
Hermine stieß ihr spielerisch gegen die Seite.
„Ich kann wirklich auch mal nichts tun.“
Minerva hob zweifelnd eine Augenbraue.
„Für ungefähr zwanzig Minuten.“
„Frechheit.“
„Ich spreche da aus Erfahrung.“
Hermine lachte. Dann wurde ihr Blick wieder etwas verträumter.
„Früher bin ich mit meinen Eltern manchmal ans Meer gefahren.“
Minerva schwieg und hörte einfach zu.
„Als ich klein war. Noch bevor Hogwarts mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat.“ Hermine lächelte bei der Erinnerung. „Ich habe das geliebt. Morgens schon zum Strand, stundenlang im Wasser sein, danach völlig erschöpft irgendwo etwas essen…“
„Das klingt schön.“
„War es auch.“
Hermine spielte weiter mit Minervas Kleid.
„Ich glaube, ich würde das gerne mal wieder machen.“
„Dann solltest du das.“
„Vielleicht.“
Minerva strich ihr über den Arm.
„Du hast dir nach diesem Jahr einen richtigen Urlaub mehr als verdient.“
Hermine sah sie an.
'Du.'
Genau das war der entscheidende Punkt. Ein Strandurlaub klang wunderbar, aber noch schöner klang er, wenn Minerva neben ihr lag. Hermine sagte es vorerst nicht. Stattdessen fragte sie:
„Und du?“
„Ich?“
„Was machst du eigentlich immer in den Sommerferien?“
Minerva überlegte.
„Nichts besonders Aufregendes.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Dann weiß ich nicht, warum du fragst.“
Hermine grinste.
„Erzähl schon.“
Minerva zog Hermine wieder etwas näher zu sich.
„Ich bleibe meistens noch einige Tage in Hogwarts. Es gibt nach Schuljahresende immer noch ein paar Dinge zu erledigen.“
Hermine stöhnte.
„Natürlich.“
„Danach fahre ich häufig nach Hause.“
„Nach Hause?“
„In mein Elternhaus.“
Hermine wurde aufmerksamer.
„Du hast mir noch nie davon erzählt.“
„Nein. Es gibt aber auch nicht viel zu erzählen.“
„Lebt dort noch jemand?“
Minerva nickte.
„Meine Mutter.“
„Deine Mutter lebt noch dort?“
„Ja.“
Hermine lächelte.
„Das heißt, Professor McGonagall fährt in den Sommerferien zu ihrer Mutter, um sie zu besuchen, weil sie das ganze Jahr keine Zeit dafür hat.“
Minerva warf ihr einen warnenden Blick zu.
„Sag das bloß keinem Schüler.“
„Oh, das ist viel zu gut.“
„Hermine.“
„Die große, strenge Professor McGonagall kommt im Sommer nach Hause.“
„Ich kann dich jederzeit von diesem Sofa werfen.“
Hermine lachte und schmiegte sich demonstrativ fester an sie.
„Das würdest du niemals tun.“
„Leider kennst du mich inzwischen zu gut.“
„Allerdings.“
Hermine küsste ihre Wange.
„Und wenn du nicht zu deiner Mutter fährst?“
„Dann gehe ich meistens in mein Cottage.“
Hermine hielt inne.
„Du hast ein Cottage?“
„Ja.“
„Warum weiß ich solche Dinge nicht?“
„Weil es bisher nicht wichtig war.“
„Naja. Also, wo ist es?“
„An der schottischen Küste.“
Hermines Augen wurden größer.
„An der Küste?“
Minerva musste über ihre Reaktion lachen.
„Ja.“
„Du besitzt ein Cottage am Meer und erwähnst das erst jetzt?“
„Wann genau hätte ich es erwähnen sollen? Während deiner Unterrichtsbeobachtung?“
„Zum Beispiel.“
„Das wäre sehr relevant gewesen.“
Hermine grinste, doch dann wurde sie still.
Ein Cottage an der Küste.
Minerva bemerkte die Veränderung in ihrem Gesicht sofort. Sie kannte diesen Ausdruck inzwischen. Hermine dachte nach und zwar intensiv.
„Was?“
„Nichts.“
„Hermine, sag schon, woran du denkst.“
Hermine sah sie an. Diesmal wollte sie nicht ausweichen. Nicht schon wieder. Also setzte sie sich etwas aufrechter hin.
„Was passiert eigentlich mit uns in den Ferien?“
Minerva blinzelte.
„Wie meinst du das?“
„Na ja…“
Hermine zog die Beine unter sich.
„Verbringen wir die Ferien gemeinsam? Oder fährst du zu deiner Familie und ich mache mein Ding und wir sehen uns irgendwann wieder, wenn Hogwarts anfängt?“
Minerva starrte sie einen Moment an. Dann begann sie zu lachen. Hermine verzog das Gesicht.
„Was ist daran lustig?“
„Die Frage.“
„Ich meine das ernst.“
„Das weiß ich.“
Minerva legte ihre Hand auf Hermines Knie.
„Aber was ist das denn für eine Frage?“
Hermine sah sie unsicher an.
„Eine berechtigte Frage würde ich sagen…“
Minervas Lächeln wurde sofort weicher.
„Natürlich möchte ich die Ferien mit dir verbringen.“
Hermine schwieg.
„Die ganzen Ferien?“
„Wenn du mich so lange erträgst.“
Jetzt erschien langsam ein Lächeln auf Hermines Gesicht.
„Ich glaube, das bekomme ich hin.“
„Großzügig.“
Hermine griff nach Minervas Hand.
„Ich wusste einfach nicht, was du möchtest.“
„Ich möchte bei dir sein.“
Die Antwort kam so selbstverständlich, dass Hermines Herz einen kleinen Sprung machte. Minerva verschränkte ihre Finger mit Hermines.
„Ich habe heute Morgen selbst darüber nachgedacht. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass du deine Ferien mit mir verbringen möchtest.“
„Du hättest mich also gefragt?“
„Selbstverständlich.“
„Gut.“
Hermine rückte näher und küsste sie.
„Denn ich möchte auch bei dir sein.“
Minerva erwiderte den Kuss lächelnd.
„Dann hätten wir das geklärt.“
„Fast.“
„Fast?“
Hermine hob eine Augenbraue.
„Wo verbringen wir sie?“
„Ah.“
Minerva lehnte sich zurück.
„Nun, mein Elternhaus fällt schon einmal weg.“
Hermine sah sie überrascht an.
„Warum?“
Minerva zögerte einen Moment.
„Wegen meiner Mutter.“
„Was ist mit ihr?“
„Sie weiß nichts von uns.“
Hermine wurde still. Minerva strich mit dem Daumen über ihre Hand.
„Und ich möchte, dass das vorerst so bleibt.“
Hermine betrachtete sie nachdenklich.
„Du hast ihr wirklich gar nichts erzählt?“
„Nein.“
Minerva schüttelte leicht den Kopf.
„Sie weiß natürlich von dir. Sie weiß, dass du dein Referendariat in Hogwarts gemacht hast und ich habe dich durchaus erwähnt, aber sie weiß nicht, dass wir…“
Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„…wir sind.“
Hermine erwiderte das Lächeln.
„Verstehe.“
„Deshalb wäre es vermutlich etwas schwierig, dich für mehrere Wochen mit nach Hause zu nehmen.“
„Du könntest mich als Kollegin vorstellen.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Und dann erklärst du meiner Mutter, warum diese Kollegin jede Nacht in meinem Schlafzimmer verschwindet?“
Hermine prustete los.
„Gut. Vielleicht nicht.“
„Danke.“
Hermine lachte noch immer, während sie sich wieder an Minerva schmiegte.
„Also kein Elternhaus.“
„Kein Elternhaus.“
Minerva legte den Arm um sie und obwohl damit noch längst nicht geklärt war, wo sie ihren Sommer verbringen würden, fühlte Hermine sich plötzlich erheblich leichter, denn die wichtigste Frage war beantwortet. Minerva wollte sie bei sich haben.
Hermine blieb noch einen Moment an Minerva geschmiegt, doch ihre Stirn legte sich leicht in Falten. So ganz überzeugte sie diese Lösung noch nicht. Minerva bemerkte es sofort.
„Was?“
„Nichts.“
Minerva hob eine Augenbraue. Hermine seufzte.
„Gut. Doch.“
Sie richtete sich etwas auf und sah Minerva an.
„Ich verstehe natürlich, warum wir nicht einfach gemeinsam bei deiner Mutter auftauchen können.“
„Mhm.“
„Vor allem nicht, wenn sie noch überhaupt nichts von uns weiß.“
Minerva nickte.
„Aber ich möchte auch nicht der Grund sein, warum du sie in den Ferien nicht besuchst.“
„Das wärst du nicht.“
„Minerva… Ich meine es ernst.“
Hermine nahm ihre Hand.
„Wenn du sonst jedes Jahr ein paar Tage bei ihr bist, dann sollst du das dieses Jahr auch machen. Ich will dir nicht im Weg sein.“
Minervas Gesicht veränderte sich augenblicklich.
„Du bist mir nicht im Weg.“
„So habe ich das nicht…“
„Nein.“
Minerva legte ihre freie Hand an Hermines Wange.
„Hör auf, so etwas zu denken.“
Hermine sah sie an.
„Du bist niemals im Weg.“
Minervas Daumen strich sanft über ihre Haut.
„Du gehörst zu mir.“
Hermine wurde ganz still. Diese wenigen Worte trafen sie viel tiefer, als Minerva vermutlich beabsichtigt hatte.
„Minerva…“
„Es ist nur… kompliziert.“
Minerva seufzte leise.
„Meine Mutter weiß nichts von unserer Beziehung. Irgendwann muss ich ihr davon erzählen.“
Hermine legte ihre Hand über Minervas.
„Willst du das?“
„Natürlich.“
Minerva antwortete ohne Zögern.
„Ich will dich nicht vor meiner Familie verstecken. Ich muss mir lediglich überlegen, wann und wie ich es ihr sage.“
Sie zog die Hand zurück und lehnte sich nachdenklich ins Sofa.
„Das wird vermutlich kein Gespräch, das ich einfach zwischen Tee und Abendessen führe.“
Hermine beobachtete sie.
„Du glaubst, dass sie Schwierigkeiten damit haben wird?“
Minerva schwieg einen Moment.
„Ich weiß es nicht.“
Und genau diese Unsicherheit schien ihr nicht zu gefallen.
„Meine Mutter stammt aus einer anderen Generation. Sie hat bestimmte Vorstellungen von Beziehungen, vom Leben allgemein und von mir.“
Hermine nickte langsam.
„Dann ist das sicher nicht leicht.“
„Nein.“
„Für dich nicht.“
Hermine strich über Minervas Hand.
„Und vielleicht auch für sie nicht.“
Minerva sah sie an. Hermine lächelte sanft.
„Das heißt nicht, dass sie uns nicht akzeptieren wird. Vielleicht braucht sie einfach Zeit.“
„Möglicherweise.“
„Und die darf sie haben.“
Minervas Blick wurde weich.
„Du bist bemerkenswert verständnisvoll.“
„Ich habe eine Schwäche für ihre Tochter.“
„Ach?“
„Eine ziemlich große sogar.“
Minerva lächelte. Hermine küsste sie kurz.
„Aber ich möchte nicht, dass du wegen mir auf etwas verzichtest.“
„Das tue ich nicht.“
Minerva schwieg. Dann blickte sie gedankenverloren auf ihre miteinander verschränkten Hände. Vielleicht musste es gar kein Entweder-Oder sein. Sie musste sich nicht zwischen ihrer Mutter und Hermine entscheiden. Sie hatten schließlich mehrere Wochen. Plötzlich hob Minerva den Kopf.
„Ich glaube, ich habe eine Idee.“
Hermine wurde sofort aufmerksam.
„Das klingt gefährlich.“
„Möchtest du sie hören oder nicht?“
„Unbedingt.“
Minerva setzte sich etwas aufrechter hin.
„Wir teilen die Ferien auf.“
„Wie?“
„Nach der Abreise der Schüler muss ich ohnehin noch einige Tage hierbleiben. Es gibt Unterlagen und einige organisatorische Dinge für das kommende Schuljahr.“
Hermine verzog das Gesicht.
„Natürlich gibt es die.“
„Danach fahre ich wie sonst auch zu meiner Mutter.“
Hermine nickte.
„Für zwei oder drei Tage.“
„Nur so kurz?“
„Normalerweise bleibe ich auch nicht wochenlang.“
„Warum überrascht mich das nicht?“
Minerva ignorierte den Kommentar.
„Währenddessen könntest du Harry und Ginny besuchen.“
Hermine hielt inne. Das klang tatsächlich sinnvoll.
„Dann müssten wir uns beide nicht zwischen irgendetwas entscheiden.“
„Genau.“
Minerva strich mit dem Daumen über Hermines Finger.
„Du verbringst einige Tage mit deinen Freunden. Ich besuche meine Mutter.“
„Und danach?“
Jetzt erschien ein kleines Lächeln auf Minervas Gesicht.
„Danach treffen wir uns und die restlichen Ferien gehören nur uns.“
Hermine rückte unwillkürlich näher.
„Wo?“
„In meinem Cottage.“
Hermines Augen begannen sofort zu leuchten.
„An der Küste.“
„An der schottischen Küste“, bestätigte Minerva.
„Wie lange?“
Minerva lachte.
„Du bist ungeduldig.“
„Natürlich bin ich ungeduldig. Du erzählst mir gerade von unseren ersten richtigen gemeinsamen Ferien.“
Bei diesen Worten musste auch Minerva lächeln.
'Unsere Ferien.'
Das gefiel ihr.
„Ein paar Tage“, sagte sie. „Vielleicht eine Woche.“
„Eine Woche allein mit dir in einem abgelegenen Cottage?“
Hermine hob eine Augenbraue.
„Professor McGonagall.“
„Was?“
„Das klingt ausgesprochen verlockend.“
Minerva schüttelte amüsiert den Kopf.
„Das Cottage ist tatsächlich ziemlich abgelegen.“
„Noch besser.“
„Hermine!“
„Was denn?“
„Ich versuche gerade, ernsthaft unsere Ferien zu planen.“
„Ich auch.“
Hermine küsste sie.
„Sehr ernsthaft.“
Minerva lachte gegen ihre Lippen.
„Also gut. Eine Woche im Cottage.“
„Abgemacht.“
„Und danach…“
Minerva ließ den Satz absichtlich offen. Hermine sah sie erwartungsvoll an.
„Danach was?“
„Verreisen wir.“
Hermine blinzelte.
„Wir?“
„Ja, wir.“
„Wohin?“
„Das darfst du entscheiden.“
Hermine richtete sich vollständig auf.
„Wirklich?“
„Du hast gesagt, du möchtest ans Meer.“
„Minerva…“
„Also suchen wir uns einen Strand.“
Hermines Gesicht hellte sich vollständig auf.
„Du würdest mit mir einen Strandurlaub machen?“
„Warum klingt das so überraschend?“
Hermine musterte sie.
„Ich versuche mir gerade Professor Minerva McGonagall am Strand vorzustellen.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ich habe durchaus schon Strände gesehen.“
„In einem Badeanzug? Oder vielleicht auch ganz nackt?“, meinte Hermine mit einem verführerischen Lächeln und strich dabei sanft an Minervas Kragen entlang.
„Hermine!“
Hermine lachte und warf sich beinahe in ihre Arme.
„Das wird großartig.“
Minerva fing sie lachend auf.
„Ich nehme an, der Vorschlag gefällt dir.“
„Sehr.“
Hermine gab ihr einen Kuss.
„Sehr, sehr.“
Noch einen.
„Sehr.“
„Ich habe es verstanden.“
„Gut.“
Minerva strich ihr durch die Haare.
„Und wenn wir von unserer Reise zurückkommen, verbringen wir die letzten Tage hier.“
Hermine sah sich um.
„In Hogwarts?“
„Warum nicht?“
Minerva lächelte.
„Die Schüler sind fort. Die meisten Kollegen kommen erst kurz vor Beginn des neuen Schuljahres zurück. Wir hätten das Schloss praktisch für uns.“
Hermines Augen wurden noch größer.
„Ein fast leeres Hogwarts?“
„Mit einigen Hauselfen und vermutlich Filch.“
„Den ignorieren wir.“
Minerva lachte.
„Wir hätten jedenfalls Ruhe.“
Hermine lehnte sich zufrieden an sie. Das klang perfekt. Ein paar Tage bei Harry und Ginny. Minerva konnte ihre Mutter besuchen. Danach das Cottage. Nur sie beide. Und anschließend eine richtige gemeinsame Reise.
Hermine begann bereits, Möglichkeiten durchzugehen.
Italien? Spanien? Portugal? Eine kleine Insel?
Irgendwo mit warmem Wasser, langen Stränden und einem kleinen Hotel, in dem niemand Professor Granger oder Professor McGonagall kannte. Vielleicht ein Zimmer mit Balkon und Blick aufs Meer. Abends gemeinsam essen. Danach am Strand entlanglaufen. Minervas Hand halten und sie einfach küssen, wann immer sie wollte. Ohne sich umzusehen.
Hermine lächelte verträumt. Minerva bemerkte es.
„Du planst schon.“
„Vielleicht.“
„Wir haben vor ungefähr dreißig Sekunden beschlossen, dass wir verreisen.“
„Und?“
Hermine griff nach ihrem Tee und nahm einen Schluck.
„Das ist ausreichend Zeit für erste Überlegungen.“
Minerva schüttelte lachend den Kopf. Hermine hingegen war gedanklich längst irgendwo an einem sonnigen Strand, gemeinsam mit Minerva und je länger sie darüber nachdachte, desto romantischer wurde diese Reise in ihrem Kopf.