LNCrawler

Endlich Ferien

Still, You Stayed — www.fanfiktion.de · All chapters

Endlich Ferien

Hallo ihr Lieben,

und schon geht es weiter :D Ich wünsche euch ganz viel Spaß.

Liebe Grüße!

Der letzte Schultag kam schneller, als Hermine und Minerva erwartet hatten. Die letzte Woche war beinahe verflogen. Zwischen Abschlussfeierlichkeiten, letzten Gesprächen mit Schülern, der Ausgabe von Zeugnissen und dem allgemeinen Durcheinander vor den Ferien war kaum Zeit geblieben, darüber nachzudenken, dass sich Hogwarts innerhalb weniger Stunden vollkommen verändern würde. Doch nun war es so weit. Die Koffer waren gepackt, die Schlafsäle leer und in der Eingangshalle hatten sich Schüler noch ein letztes Mal voneinander verabschiedet, obwohl die meisten von ihnen ohnehin gemeinsam im Hogwarts-Express sitzen würden. Überall hatte aufgeregtes Stimmengewirr geherrscht. Die Schüler versprachen sich, einander während der Ferien zu schreiben und zu besuchen. Ebenfalls waren die üblichen Ermahnungen der Lehrer zu hören, nichts zu vergessen.

Nun aber wurde es langsam still. Minerva stand am Fenster ihres Büros. Die Hände hatte sie locker vor dem Körper verschränkt. Von hier oben konnte sie einen Teil der Ländereien überblicken. In einiger Entfernung bewegte sich die lange Gruppe der Schüler über das Gelände in Richtung Hogsmeade, von wo aus sie wenig später mit dem Hogwarts-Express nach London fahren würden. Minerva lächelte. Wieder war ein Schuljahr geschafft. Nach allem, was in den vergangenen Monaten geschehen war, fühlte sich dieser Moment beinahe unwirklich an. Die meisten dieser Kinder würde sie in einigen Wochen wiedersehen. Dann würden sie ein Stück größer zurückkommen. Manche würden stolz von ihren Ferien erzählen. Andere würden behaupten, über den Sommer sämtliche Regeln von Hogwarts vergessen zu haben. Einige würden bereits am ersten Abend wieder irgendeinen Unsinn anstellen.

Minerva kannte das. Sie erlebte es seit Jahrzehnten und trotzdem war dieser Tag jedes Jahr eigenartig, denn nicht alle würden zurückkehren. Ihr Blick wanderte zu den älteren Schülern. Die Siebtklässler. Für sie war Hogwarts nun vorbei. Sie würden nicht am ersten September wieder durch die große Eingangstür kommen und nicht mehr an den Haustischen sitzen und dort über Prüfungen schimpfen. Es würden nun andere Schüler sein, die versuchen würden, nachts unbemerkt durch die Korridore zu schleichen und dabei ernsthaft zu glauben, ihre Lehrer würden nichts davon bemerken. Minervas Lächeln wurde ein wenig wehmütiger. Sie hatte sie als kleine Elfjährige kennengelernt. Damals waren sie noch unsicher, aufgeregt, teilweise kaum größer als ihre eigenen Koffer und jetzt gingen sie als junge Erwachsene und würden ihre Ausbildungen beginnen. Manche hatten vor ins Ministerium zu gehen, einige wollten Heiler werden, forschen, reisen, vielleicht selbst irgendwann Familien gründen und ihre eigenen Wege gehen. Genau so sollte es sein und dennoch… Loslassen gehörte zu den schwierigeren Seiten dieses Berufes. Minerva atmete leise aus. Sie war stolz auf sie. Auf jeden Einzelnen, der es bis hierher geschafft hatte. Besonders auf diejenigen, die unterwegs Schwierigkeiten gehabt hatten, aber ein kleiner Teil von ihr würde einige dieser Gesichter vermissen.

Plötzlich spürte sie zwei Arme, die sich von hinten um ihre Taille legten. Minerva erschrak nicht einmal. Sie wusste sofort, wer es war. Ein vertrauter Körper schmiegte sich an ihren Rücken. Dann legte Hermine ihr Kinn sanft auf Minervas Schulter.

„Hier bist du.“

Minervas Hände legten sich automatisch auf Hermines Arme.

„Offensichtlich.“

Hermine lächelte und sah ebenfalls aus dem Fenster. Für einen Moment schwiegen sie gemeinsam. Die letzten Schüler bewegten sich langsam außer Sichtweite.

„Bist du traurig?“, fragte Hermine schließlich leise.

Minerva neigte den Kopf ein wenig.

„Traurig?“

„Wenn du sie gehen lassen musst.“

Minerva dachte kurz darüber nach.

„Ein wenig.“

Hermine zog sie etwas enger an sich.

„Auch nach all den Jahren?“

„Gerade nach all den Jahren.“

Hermine lächelte. Minerva sah weiter hinaus.

„Man gewöhnt sich an vieles in diesem Beruf. An Prüfungen. An Elternbriefe. An Schüler, die einem mit vollkommen ernstem Gesicht erklären, dass sie ganz sicher nichts mit dem explodierten Kessel im dritten Stock zu tun hatten.“

Hermine lachte leise.

„Aber daran nicht?“

„Nicht wirklich.“

Minervas Stimme wurde weicher.

„Ich sehe diese Kinder aufwachsen.“

Hermine schwieg.

„Sie kommen mit elf Jahren hierher. Manche sind so verängstigt, dass sie beim ersten Abendessen kaum einen Bissen hinunterbekommen. Andere benehmen sich bereits am ersten Tag, als würde ihnen das Schloss gehören.“

„Harry und Ron.“

Minerva musste lachen.

„Unter anderem.“

„Und ich?“

„Du?“

Minerva dachte gespielt nach.

„Du hattest vermutlich bereits vor dem ersten Abendessen die halben Lehrbücher auswendig gelernt.“

Hermine stieß ihr sanft gegen die Seite.

„Sehr witzig.“

„Aber nicht falsch.“

„Leider.“

Minerva lächelte. Dann wurde ihr Blick wieder nachdenklicher.

„Man begleitet sie durch sieben Jahre ihres Lebens. Sie scheitern, lernen, verlieben sich zum ersten Mal, streiten, finden Freunde…. Manche verlieren Menschen und manche finden heraus, wer sie überhaupt sein möchten.“

Hermine schmiegte ihre Wange an Minervas Schulter.

„Und irgendwann gehen sie.“

„Ja.“

„Ich glaube, ich verstehe das.“

Minerva strich langsam über Hermines Unterarm.

„Man ist stolz darauf, dass sie einen nicht mehr brauchen und gleichzeitig ist genau das manchmal ein wenig schmerzhaft.“

Hermine lächelte.

„Das klingt sehr nach dir.“

„Wie meinst du das?“

„Du möchtest immer, dass alle ihren eigenen Weg finden und dann vermisst du sie heimlich, wenn sie es tun.“

Minerva hob eine Augenbraue.

„Ich vermisse niemanden heimlich.“

„Natürlich nicht.“

Hermine küsste sanft ihre Schläfe.

„Professor McGonagall ist vollkommen gefühllos.“

„Endlich hast du es verstanden.“

Hermine lachte. Minerva drehte sich schließlich in ihren Armen um. Hermine lockerte ihren Griff nur so weit, dass Minerva sich ihr zuwenden konnte. Dann lagen Minervas Hände an Hermines Taille. Sie sahen einander an. Hinter Hermine lag das nun beinahe leere Büro. Hinter Minerva das Fenster, durch das inzwischen kaum noch ein Schüler zu sehen war. Hermine lächelte sie an.

„Jetzt ist das Schloss also leer.“

„Beinahe.“

„Keine Schüler mehr.“

„Nein.“

„Keine Unterrichtsstunden.“

„Nein.“

Hermines Lächeln wurde breiter.

„Keine Prüfungen.“

Minerva lachte.

„Definitiv keine Prüfungen.“

„Das gefällt mir.“

„So etwas habe ich mir fast gedacht.“

Minerva zog sie ein wenig näher. Für einen Moment betrachtete sie Hermine einfach.

Eine ehemalige Schülerin, die sie vor Jahren ebenfalls hatte gehen lassen müssen, die irgendwann Hogwarts verlassen hatte, um ihren eigenen Weg zu finden und die nun zurückgekommen war. Allerdings anders, als sie es erwartet hatte. Sie war als Kollegin hier, aber vor allem als die Frau, die Minerva so sehr liebte. Minervas Lächeln wurde wärmer.

„Wie gut, dass ich dich nicht gehen lassen muss.“

Hermine blinzelte. Dann breitete sich langsam ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Hermine lächelte noch immer über Minervas Worte. Sie ließ den Satz einen Moment wirken, dann verzog sie leicht den Mund.

„Na ja.“

Minerva hob eine Augenbraue.

„Na ja?“

„Ganz stimmt das leider nicht.“

„Was soll das heißen?“

Hermine ließ ihre Arme weiterhin locker um Minervas Taille liegen.

„Du musst mich sehr wohl gehen lassen.“

Minerva sah sie verständnislos an. Hermine grinste.

„Zumindest für ein paar Tage.“

Jetzt verstand Minerva.

„Ach.“

„Morgen früh gehe ich zu Harry und Ginny.“

Minerva seufzte tief.

„Das hatte ich erfolgreich verdrängt.“

Hermine lachte.

„Dabei haben wir das gemeinsam geplant.“

„Ich weiß.“

Minerva hob eine Hand und strich Hermine sanft durch die Haare. Eine widerspenstige Strähne schob sie hinter ihr Ohr, bevor ihre Finger langsam an Hermines Wange entlangglitten.

„Das werden wohl einige schwere Tage.“

Hermine sah sie amüsiert an.

„Du klingst, als würde ich für ein halbes Jahr verschwinden.“

„Es sind mehrere Tage.“

„Fünf, um genau zu sein.“

Minerva verzog das Gesicht.

„Eben.“

Hermine lachte und legte ihre Stirn kurz an Minervas.

„Das erinnert mich an Weihnachten.“

Minervas Mundwinkel hoben sich.

„Inwiefern?“

„Deine Abreise bei den Weasleys.“

„Ah.“

Hermine grinste.

„Da haben wir uns auch verabschiedet und so getan, als wäre es überhaupt kein Problem, ein paar Tage getrennt zu sein.“

Minerva lachte leise.

„Bis du mir einen Tag später hinterhergereist bist.“

Hermine hob das Kinn.

„Ich habe es eben nicht ausgehalten.“

„Offensichtlich.“

„Du hast dich nicht beschwert.“

„Nein.“

Minervas Hände legten sich wieder an Hermines Taille.

„Ganz im Gegenteil.“

Hermine erinnerte sich nur zu gut daran.

Nachdem Minerva den Fuchsbau verlassen hatte, hatte sie gerade einmal einen Tag durchgehalten, bevor sie ihr nach Hogwarts gefolgt war. Damals hatte sie sich eingeredet, dass es vollkommen vernünftig sei. Heute wusste sie es besser. Sie hatte Minerva einfach vermisst. Schrecklich vermisst.

„Dieses Mal kann ich dir aber schlecht nach einem Tag hinterherreisen“, sagte Hermine.

„Warum nicht?“

„Weil du bei deiner Mutter bist.“

„Ein überzeugendes Argument.“

„Wobei die Vorstellung, es doch zu tun, wirklich verlockend ist. Sie weiß noch nichts von uns und plötzlich stehe ich vor der Tür.“

Hermine setzte eine übertrieben fröhliche Stimme auf.

„Guten Tag, Mrs McGonagall. Ich bin Hermine Granger. Kollegin Ihrer Tochter. Ignorieren Sie bitte, dass ich sie gerade sehr gerne küssen würde.“

Minerva schloss die Augen.

„Merlin.“

Hermine lachte.

„Was denn?“

„Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich dich liebe.“

„Weil ich bezaubernd bin.“

„Das muss es sein.“

Hermine küsste ihre Wange.

„Außerdem wäre deine Mutter vermutlich etwas verwirrt.“

„Nur ein wenig.“

„Also bleibe ich brav bei Harry und Ginny.“

Minerva sah sie prüfend an.

„Brav?“

„Na gut. Ich bleibe bei Harry und Ginny.“

„Das klingt glaubwürdiger.“

Hermine grinste. Dann wurde sie etwas ruhiger.

„Fünf Tage sind trotzdem lang.“

„Das hast du gerade noch heruntergespielt.“

„Da waren es deine fünf Tage.“

„Ach so.“

Minerva lachte.

„Meine fünf Tage sind also dramatisch, deine nicht?“

„Genau.“

„Verstehe.“

Hermine schmiegte sich wieder an sie.

„Ich werde dich vermissen.“

Minervas Gesicht wurde weich.

„Ich dich auch.“

„Sehr?“

„Unerträglich.“

„Besser.“

Minerva schüttelte lächelnd den Kopf und gab ihr einen kurzen Kuss. Dann wanderte ihr Blick zum Fenster. Die Ländereien waren inzwischen vollständig leer.

„Allerdings…“

„Hm?“

Minerva sah wieder zu Hermine. In ihren Augen lag plötzlich ein Funkeln, das Hermine sofort aufmerksam werden ließ.

„Wir haben ja noch heute.“

Hermine hob eine Augenbraue.

„Das stimmt.“

„Und bis zum Nachmittag reisen die meisten Kollegen ebenfalls ab.“

Hermine dachte kurz darüber nach. Pomona würde gegen Mittag verschwinden. Poppy wollte nach dem Mittagessen aufbrechen. Horace hatte angekündigt, spätestens am frühen Nachmittag zu apparieren. Filius und Irina würden ebenfalls nicht viel länger bleiben. Neville wollte noch einige Dinge zusammenpacken und anschließend zu seiner Großmutter fahren. Dann… Hermine sah Minerva an.

„Das Schloss ist leer.“

„Weitgehend.“

Hermines Augen begannen zu leuchten.

„Ein fast vollkommen leeres Hogwarts.“

Minerva nickte.

„Kaum jemand, der plötzlich an meine Bürotür klopft.“

Hermine grinste.

„Das klingt ausgesprochen schön.“

„Das dachte ich mir.“

Hermine legte ihre Arme etwas fester um Minervas Hals.

„Und was genau hast du mit diesem leeren Schloss vor?“

„Noch gar nichts.“

„Minerva.“

„Was?“

„Ich kenne diesen Blick.“

„Welchen Blick?“

Hermine verengte spielerisch die Augen.

„Diesen Wir-haben-Hogwarts-fast-für-uns-allein-Blick.“

Minerva musste lachen.

„Ich wusste nicht, dass ich einen solchen Blick besitze.“

„Seit gerade eben hast du diesen Blick.“

Minerva zog sie näher.

„Dann sollten wir den heutigen Tag vielleicht einfach richtig nutzen.“

Hermine lächelte breit.

„Das ist die beste Idee, die du heute hattest.“

„Ich hatte heute bereits mehrere ausgezeichnete Ideen.“

„Diese gefällt mir trotzdem am besten.“

Minerva küsste sie sanft. Hermine erwiderte den Kuss sofort und blieb anschließend dicht bei ihr. Fünf Tage würden lang werden, aber noch waren sie nicht getrennt. Noch gehörte dieser Tag ihnen. Allein die Vorstellung, Hogwarts in wenigen Stunden beinahe vollständig für sich zu haben, gefiel Hermine ausgesprochen gut.

Nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen begann Hogwarts sich endgültig zu leeren. Die Stimmung am Lehrertisch war eigenartig gewesen. Gelöst, weil die Ferien endlich begonnen hatten und gleichzeitig ein wenig wehmütig, weil sie sich nach diesem turbulenten Schuljahr für mehrere Wochen voneinander verabschiedeten.

Horace war natürlich der Erste gewesen, der angekündigt hatte, dass man sich unbedingt während der Ferien sehen müsse.

„Und damit meine ich nicht erst Ende August!“

„Wir haben es verstanden, Horace“, hatte Irina trocken erwidert.

Pomona hatte Hermine und Neville noch einmal in den Arm genommen und beiden versichert, dass sie stolz auf sie sei. Poppy hatte Minerva ermahnt, tatsächlich Urlaub zu machen und nicht die gesamten Ferien über irgendwelchen Schulakten zu sitzen.

„Ich werde mich erholen.“

Poppy hatte sie lange angesehen.

„Minerva. Ich meine es ernst.“

Hermine hatte hinter ihrer Tasse verborgen gegrinst. Irina hatte es natürlich bemerkt.

„Ich glaube, dafür ist gesorgt.“

Minerva hatte ihr einen scharfen Blick zugeworfen. Irina hatte lediglich unschuldig gelächelt. Nach und nach waren sie schließlich aufgebrochen. Neville zuletzt. Hermine umarmte ihn noch einmal.

„Schöne Ferien.“

„Dir auch.“

Neville warf einen kurzen Blick zu Minerva, die einige Schritte entfernt stand. Dann wieder zu Hermine. Ein wissendes Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

„Sehr schöne Ferien.“

„Neville.“

Er lachte.

„Bis bald.“

Und dann war auch er fort. Hermine blieb in der Eingangshalle stehen. Eine vollkommen ungewohnte Stille breitete sich aus. Hermine drehte sich langsam zu Minerva. Minerva sah sie an.

„Und jetzt?“

Hermine grinste.

„Jetzt gehört Hogwarts uns.“

„Hermine.“

„Fast.“

Minervas Mundwinkel hoben sich. Hermine ging zu ihr. Zum ersten Mal dachte sie nicht darüber nach, ob jemand um die Ecke kommen könnte. Sie nahm einfach Minervas Hand. Minerva sah auf ihre miteinander verschränkten Finger, dann wieder zu Hermine und lächelte. Genau so sollte es immer sein. Sie sollte einfach ihre Hand nehmen können, ohne darüber nachdenken zu müssen. Minerva war sich sicher, dass dieser Tag kommen wird. Irgendwann…

Am Nachmittag gingen sie hinaus und spazierten ohne Ziel und ohne Eile über die Ländereien. Die Sonne stand hoch über Hogwarts und ließ die Oberfläche des Sees glitzern. Ein leichter Wind bewegte das Gras, während hinter ihnen das Schloss beinahe friedlich über den Ländereien thronte. Hermine hielt noch immer Minervas Hand. Sie hatte sie seit dem Verlassen des Schlosses kaum losgelassen. Anfangs hatte es sich beinahe verboten angefühlt. Bei jedem Geräusch hatte Hermine automatisch über die Schulter gesehen. Irgendwann bemerkte Minerva es.

„Hermine.“

„Hm?“

„Niemand ist da.“

Hermine lächelte verlegen.

„Macht der Gewohnheit.“

Minerva drückte sanft ihre Hand.

„Ich weiß.“

Sie gingen weiter. Nach einigen Minuten blieb Hermine stehen. Minerva drehte sich zu ihr.

„Was ist?“

Hermine sagte nichts. Sie trat lediglich näher und küsste sie mitten auf den Ländereien von Hogwarts. Niemand war hier. Sie mussten es nicht hinter verschlossenen Türen oder hastig in einem leeren Korridor tun. Es war nun einfach so möglich. Als sie sich lösten, sah Hermine sie strahlend an.

„Das wollte ich schon lange machen.“

Minerva lächelte.

„Mich am See küssen?“

„Dich küssen, ohne vorher zu prüfen, ob uns jemand sieht.“

Minervas Gesicht wurde weich. Sie hob Hermines Hand an ihre Lippen und küsste ihre Finger.

„Dann solltest du die Gelegenheit nutzen.“

„Ausgezeichneter Vorschlag.“

Hermine küsste sie gleich noch einmal. Minerva lachte leise und danach wurde es beinahe selbstverständlich. Sie liefen Hand in Hand am See entlang. Hermine schmiegte sich gelegentlich an Minervas Seite. Minerva legte den Arm um ihre Taille. Wenn ihnen danach war, blieben sie einfach stehen und küssten sich. Niemand sah sie und niemand stellte Fragen. Für ein paar Stunden konnten sie ausprobieren, wie sich etwas anfühlte, wonach sich beide längst sehnten.

Freiheit.

Und es fühlte sich wunderschön an.

Als die Sonne langsam tiefer sank, kehrten sie ins Schloss zurück. Hermine glaubte zunächst, sie würden einfach etwas essen. Dann betrat sie Minervas Wohnung und blieb überrascht stehen. Der kleine Esstisch war gedeckt, allerdings nicht wie sonst.

Kerzen standen darauf. Zwei Gläser. Blumen. Das Geschirr war sorgfältig arrangiert worden und aus der Küche drang bereits ein wunderbarer Duft. Hermine sah Minerva an.

„Hast du das organisiert?“

Minerva wirkte selbst ein wenig überrascht.

„Nicht in diesem Ausmaß.“

In diesem Moment erschien eine der Hauselfen.

„Professor McGonagall und Professor Granger sollen einen schönen Abend haben.“

Hermine lächelte.

„Das ist wunderschön. Vielen Dank.“

Die Hauselfe strahlte.

„Niemand wird Professor McGonagall und Professor Granger stören.“

Minerva hob leicht eine Augenbraue.

„Niemand?“

„Niemand.“

Und mit einem leisen Plopp war sie verschwunden. Hermine sah Minerva an. Minerva sah Hermine an. Dann mussten beide lachen.

„Sie wissen wohl Bescheid“, sagte Hermine.

„Hauselfen wissen immer Bescheid.“

„Und sagen nichts.“

„Zum Glück.“

Hermine trat zu Minerva und legte die Arme um ihre Taille.

„Dann sollten wir ihre Mühe würdigen.“

Das Essen war tatsächlich wunderbar, aber noch schöner war, dass sie einander gegenübersitzen konnten, ohne sich zurückzuhalten. Hermine legte irgendwann ihre Hand mitten auf dem Tisch auf Minervas. Minerva verschränkte ihre Finger mit ihren. Sie sprachen über die Ferien. Genauer gesagt über das Cottage und mögliche Reiseziele.

Hermine hatte inzwischen ungefähr sieben verschiedene Strände im Kopf und änderte ihre Meinung alle zehn Minuten.

Minerva beobachtete das ausgesprochen amüsiert.

„Wir haben mehrere Wochen Zeit, uns zu entscheiden.“

„Ich weiß.“

„Warum wirkst du dann, als müssten wir in einer Stunde abreisen?“

„Vorfreude.“

„Verstehe.“

Später saßen sie noch bei einem Glas Wein. Das Gespräch wurde ruhiger, ihre Blicke hingegen länger und intensiver. Irgendwann stand Hermine auf und ging um den Tisch herum. Minerva sah zu ihr hoch.

„Was ist denn?“

Hermine hielt ihr die Hand hin.

„Komm.“

Minerva nahm sie. Hermine zog sie auf die Beine und sofort in ihre Arme. Der erste Kuss war sanft. Der zweite dauerte länger. Beim dritten hatte Minerva bereits beide Arme fest um Hermine gelegt.

„Ich glaube“, murmelte Hermine an ihren Lippen, „der Nachtisch kann warten.“

Minerva lachte leise.

„Das Essen war ausgezeichnet.“

„Mhm.“

Hermine küsste sie wieder.

„Aber ich habe gerade andere Prioritäten.“

„Das überrascht mich überhaupt nicht.“

Küssend bewegten sie sich langsam durch die Wohnung. Hermines Finger strichen durch Minervas Haare. Minervas Hände glitten über Hermines Rücken und zogen sie immer wieder näher. Zwischendurch lachten sie leise, als sie über ihre eigenen Füße stolperten. Dann fanden ihre Lippen wieder zueinander. Die Schlafzimmertür fiel hinter ihnen ins Schloss. Dort wurde alles noch ruhiger und zärtlicher.

Hermine strich Minerva über die Wange und sah sie einen langen Moment einfach an. Minerva küsste ihre Handfläche. Dann ihre Lippen. Ihre Berührungen wurden vertrauter, ihre Küsse leidenschaftlicher, ohne jede Eile.

Sie hatten die ganze Nacht. Niemand würde sie stören. Keine verschlossenen Geheimnisse mussten in diesem Moment zwischen ihnen stehen. Nur sie beide.

Schließlich ließen sie sich gemeinsam in die Kissen sinken, eng ineinander verschlungen, während ihre Küsse und leisen Worte langsam alles andere verdrängten und für diese eine Nacht existierte außerhalb von Minervas Schlafzimmer nichts, das wichtig genug gewesen wäre, um ihre Aufmerksamkeit voneinander fortzulenken.

Am nächsten Morgen hatte keine von beiden auch nur das geringste Interesse daran, das Bett zu verlassen. Hermine lag dicht an Minerva geschmiegt, die Decke nur lose über ihnen. Das frühe Sonnenlicht drang durch die Vorhänge, doch Hermine ignorierte es ebenso beharrlich wie die Tatsache, dass sie heute abreisen musste. Minervas Finger strichen langsam über ihren Rücken.

„Du musst irgendwann aufstehen.“

„Nein.“

„Hermine.“

„Ich habe beschlossen, dass Harry und Ginny noch ein paar Tage auf mich warten können.“

Minerva lachte leise.

„Das werden sie sicher verstehen.“

„Gut.“

Hermine hob den Kopf und küsste sie.

„Problem gelöst.“

Minerva wollte etwas erwidern, doch Hermine küsste sie gleich noch einmal und noch einmal.

„Du versuchst schon wieder, mich abzulenken.“

„Funktioniert es?“

„Bedauerlicherweise.“

Hermine grinste zufrieden. Kurz darauf beugte sie sich über Minerva und ließ ihre Lippen über deren Wange und Hals wandern. Minervas Hände legten sich an Hermines Taille und hielten sie nah bei sich. Der Abschied rückte für eine Weile wieder vollkommen in den Hintergrund. Sie genossen noch einmal die vertraute Nähe, die Wärme und die Zärtlichkeit der anderen. Aus schläfrigem Kuscheln wurden lange Küsse, aus kleinen Berührungen ein erneutes Versinken ineinander. Hermine ließ sich Zeit, Minerva mit Küssen zu verwöhnen, während Minerva ihre Finger durch Hermines Haar gleiten ließ und sie immer wieder zu sich zog.

Nichts daran war hastig. Vielleicht gerade deshalb nicht, weil beide wussten, dass sie sich bald voneinander lösen mussten.

Für ein letztes Mal an diesem Morgen liebten sie sich zärtlich und leidenschaftlich, bis sie schließlich wieder eng aneinander gekuschelt unter der Decke lagen.

Hermine hatte ihren Kopf auf Minervas Brust gelegt.

„Jetzt stehe ich wirklich nicht mehr auf.“

Minerva lachte atemlos.

„Das war dein Plan, nicht wahr?“

„Vielleicht.“

„Biest.“

„Du liebst mich.“

„Nun…“

Hermine hob den Kopf.

„Nun was?“

Minerva lächelte und küsste sie.

„Ich liebe dich so sehr mein Schatz.“

Hermines gespielte Empörung verschwand sofort.

„Besser.“

Sie kuschelte sich wieder an sie. So vergingen weitere Minuten. Bis Minerva irgendwann einen Blick zur Uhr riskierte.

„Hermine.“

„Nein.“

„Du weißt noch gar nicht, was ich sagen wollte.“

„Du wolltest sagen, dass wir aufstehen müssen.“

Minerva schwieg. Hermine hob triumphierend den Kopf.

„Siehst du.“

„Und trotzdem müssen wir aufstehen.“

Hermine ließ sich mit einem dramatischen Seufzen zurück in die Kissen fallen.

„Ich hasse Ferien.“

„Gestern hast du sie noch geliebt.“

„Gestern musste ich dich noch nicht verlassen.“

Minervas Gesicht wurde weicher. Sie strich Hermine über die Wange.

„Ein paar Tage.“

„Es ist fast eine Woche.“

„Es sind fünf Tage.“

„Hundertzwanzig Stunden.“

„Hermine.“

„Siebentausendzweihundert Minuten.“

Jetzt musste Minerva lachen.

„Aufstehen.“

Eine ganze Weile später hatte Hermine es tatsächlich geschafft, sich anzuziehen. Sie ging zurück in ihre eigene Wohnung und packte die letzten Dinge zusammen. Viel brauchte sie für Harry und Ginny nicht. Der größere Teil ihres Gepäcks würde vorerst in Hogwarts bleiben, bevor sie anschließend mit Minerva ins Cottage aufbrachen. Trotzdem kontrollierte sie ihren Koffer dreimal. Das lag allerdings weniger daran, dass sie glaubte, etwas vergessen zu haben. Sie schob den Abschied hinaus.

Schließlich stand sie mitten in ihrer Wohnung und sah sich um.

„Fünf Tage“, murmelte sie.

Sie nahm ihren Koffer, doch bevor sie Hogwarts verließ, gab es noch einen Ort, an den sie musste.

Minerva wusste sofort, wer vor ihrer Wohnung stand, als es klopfte. Sie öffnete. Hermine stand reisefertig davor. Minervas Blick fiel auf den Koffer neben ihr.

„Du hast alles gepackt?“

„Mhm.“

Keine von beiden bewegte sich. Dann öffnete Minerva wortlos die Tür weiter. Hermine trat ein. Kaum war die Tür geschlossen, lagen sie sich in den Armen. Hermine vergrub ihr Gesicht an Minervas Hals.

„Das ist lächerlich.“

„Was?“

„Dass mir fünf Tage so lang vorkommen.“

Minerva hielt sie fest.

„Mir auch.“

Hermine hob den Kopf.

„Wirklich?“

„Natürlich.“

„Du könntest ja mitkommen.“

„Hermine...“

„Harry und Ginny würden sich freuen.“

„Meine Mutter vermutlich weniger.“

Hermine musste lachen.

„Stimmt.“

Minerva schob ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Außerdem haben wir danach mehrere Wochen.“

„Ich weiß.“

„Das Cottage.“

Hermine lächelte.

„Mhm.“

„Und unsere Reise.“

Das Lächeln wurde größer.

„Strand.“

„Wenn du dich irgendwann entscheidest, welcher.“

„Das ist eine wichtige Entscheidung.“

„Offensichtlich.“

„Und danach noch ein paar Tage hier.“

Minerva nickte.

„Nur wir.“

Hermine sah sie einen Moment an. Genau diese Aussicht machte den Abschied tatsächlich leichter. Nach diesen fünf Tagen wartete etwas auf sie, das sie noch nie gehabt hatten: Wochen.

Sie würden keine gestohlenen Stunden, heimliche Nächte oder nur ein Wochenende, das viel zu schnell vorbei war, miteinander haben. Vor ihnen lagen ein paar Wochen miteinander.

Hermine legte beide Hände an Minervas Wangen.

„Ich freue mich so darauf.“

„Ich auch.“

„Einfach mit dir zusammen sein.“

Minervas Hände lagen an ihrer Taille.

„Ohne ständig über die Schulter zu sehen…. Ohne verschlossene Türen… Ohne darauf achten zu müssen, wie lange ich dich ansehe.“

Hermine lächelte.

„Und ich darf deine Hand halten.“

„Wann immer du möchtest.“

„Dich küssen.“

„In einem gewissen vernünftigen Rahmen.“

Hermine hob eine Augenbraue. Minerva hielt ihren ernsten Gesichtsausdruck ungefähr zwei Sekunden. Dann lachte sie. Hermine küsste sie lange und zärtlich. Als sie sich lösten, blieb ihre Stirn an Minervas gelehnt.

„Ich liebe dich“, flüsterte Hermine.

„Ich liebe dich auch.“

Hermine küsste sie erneut. Dann noch einmal. Und als sie schließlich einen Schritt zurücktrat, griff Minerva sofort wieder nach ihrer Hand. Hermine sah auf ihre verschränkten Finger.

„Du musst mich loslassen.“

„Ich weiß.“

Minerva tat es trotzdem nicht. Hermine lächelte.

„Minerva…“

„Noch einen Moment.“

Hermine trat wieder zu ihr und schlang die Arme um sie. Minerva hielt sie fest. Ein letzter langer Kuss folgte. Dann löste Hermine sich tatsächlich.

„In fünf Tagen sehen wir uns wieder hier“, sagte Minerva.

„In fünf Tagen und wehe, du arbeitest die ganze Zeit.“

„Ich werde meine Mutter besuchen.“

„Und davor arbeitest du.“

Minerva schwieg. Hermine verengte die Augen.

„Ich wusste es.“

„Ich habe noch einige Dinge…“

Hermine küsste sie einfach.

„Keine Ausreden.“

Minerva lächelte.

„Geh jetzt, bevor du überhaupt nicht mehr abreist.“

„Vielleicht ist das mein Plan.“

„Hermine.“

Sie lachte, nahm schließlich ihren Koffer und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um. Minerva stand mitten im Wohnzimmer und sah sie an. Hermine hätte beinahe wieder umgedreht. Stattdessen lächelte sie.

„Bis bald, mein Schatz.“

Minervas Gesicht wurde weich.

„Bis bald, mein Herz.“

Hermine verließ die Wohnung. Wenig später trat sie hinaus auf das Gelände von Hogwarts, bis sie den Bereich erreicht hatte, von dem aus sie apparieren konnte. Sie atmete tief durch.

Fünf Tage. Dann würde ihr gemeinsamer Sommer beginnen. Allein dieser Gedanke ließ sie lächeln. Mit einem leisen Knall verschwand Hermine.

Ihr Ziel:

Godric’s Hollow.

Harry und Ginny.

Godric’s Hollow fühlte sich in dem Moment vertraut an, in dem Hermine dort ankam. Kaum hatte sie ihren Koffer richtig abgestellt, um zu klingeln, öffnete sich bereits die Haustür.

„Hermine!“

Ginny kam ihr entgegen und schloss sie ohne jede Zurückhaltung in die Arme. Hermine lachte und erwiderte die Umarmung.

„Hallo, Ginny.“

„Endlich.“

„Wir haben uns doch erst gesehen.“

Ginny löste sich von ihr und sah sie an, als hätte Hermine etwas vollkommen Unsinniges gesagt.

„Das ist ein halbes Jahr her.“

„Stimmt auch wieder.“

„Und seitdem ist offenbar ungefähr dein gesamtes Leben explodiert und wieder zusammengesetzt worden.“

Hermine musste lachen.

„So könnte man es ausdrücken.“

Noch bevor Ginny etwas erwidern konnte, waren schnelle kleine Schritte aus dem Haus zu hören.

„Mine!“

Hermine drehte sich um. James kam auf sie zugelaufen. Sofort ging sie in die Hocke.

„Da ist ja mein Lieblingspotter.“

James warf sich praktisch in ihre Arme. Hermine fing ihn lachend auf und hob ihn hoch.

„Du bist ja schon wieder größer geworden.“

„Groß!“

„Unheimlich groß.“

James strahlte.

„Daddy… groß...“

Hermine sah ihn fragend an.

„Äh was?“

„Harry sagt ihm immer, dass James schon fast so groß ist, wie er.“

Ginny schnaubte.

„Dein Vater erzählt dir Unsinn.“

„Nein!“

„Doch.“

Hermine küsste James auf die Wange.

„Wo ist Harry überhaupt?“

„Noch unterwegs. Er kommt später.“

Ginny griff nach Hermines Koffer.

„Und jetzt komm erst einmal rein.“

„Ich kann den selbst tragen.“

„Das weiß ich.“

„Ginny.“

„Du bist unser Gast, also - Klappe halten und reinkommen.“

Hermine verdrehte lächelnd die Augen und folgte ihr ins Haus. Es fühlte sich sofort angenehm warm und bewohnt an. Ganz anders als das inzwischen beinahe leere Hogwarts.

James plapperte bereits auf dem Weg nach oben irgendetwas sehr Aufgeregtes, deutet auf einen Spielzeugbesen und einen beinahe umgeworfenen Blumentopf.

Ginny kommentierte trocken:

„Er ist neulich mitten durchs Wohnzimmer geflogen.“

James klatschte, lachte und plapperte weiter.

„Und danach ist alles Mögliche durch das Haus geflogen. Frag nicht, wie unser Haus danach aussah.“

„Wie kann das passieren?“

„Unkontrollierte Magie eines sehr aufgeweckten jungen Mannes.“

Hermine biss sich auf die Lippe.

„Ich verstehe schon. Ein magisches Kind ist total einfach zu Händeln.“

Ginny schüttelte den Kopf.

„Nicht wirklich, aber das wirst du in den nächsten Tagen selbst erfahren.“

Oben öffnete Ginny eine Tür.

„Hier.“

Hermine trat hinein. Das Gästezimmer war gemütlich eingerichtet. Auf dem Bett lagen frische Handtücher, das Fenster stand einen Spalt offen und ließ die warme Sommerluft herein.

„Perfekt.“

„Mach es dir bequem.“

Ginny stellte den Koffer ab. James wollte offenbar bleiben, doch Ginny legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Und wir beide lassen Hermine jetzt kurz auspacken.“

„Warum?“

„Weil sie gerade erst angekommen ist.“

„James helfen.“

Hermine lachte.

„Das glaube ich sofort.“

Ginny sah Hermine an. Dann verengte sie plötzlich die Augen. Hermine kannte diesen Blick.

„Was?“

„Wenn du fertig bist, kommst du runter.“

„Das hatte ich vor.“

„Gut.“

Ginny verschränkte die Arme.

„Dann reden wir.“

Hermine hob eine Augenbraue.

„Wir reden?“

„Oh ja.“

„Worüber?“

Ginny starrte sie an.

„Willst du mich veräppeln?“

Hermine grinste.

„Vielleicht.“

„Ich will alles wissen.“

„Alles?“

„Alles.“

Ginny begann an den Fingern abzuzählen.

„Featherstone. Das Ministerium. Deine Prüfungen. Wie es jetzt in Hogwarts weitergeht.“

Dann erschien ein ausgesprochen neugieriges Grinsen auf ihrem Gesicht.

„Und selbstverständlich will ich alles über dich und Minerva wissen.“

Hermine lachte.

„Natürlich.“

„Vor allem Minerva.“

„Das wird dauern.“

Ginny zuckte mit den Schultern.

„Wir haben genug Zeit.“

Hermine deutete auf James.

„Und kleine Ohren.“

Ginny sah zu ihrem Sohn hinunter. James sah vollkommen unschuldig zwischen ihnen hin und her.

„Ohren?“

Hermine prustete los.

„Definitiv Harrys Sohn.“

„Leider.“

„Mama!“

Ginny lachte und nahm James an die Hand.

„Komm. Wir holen dir etwas zu trinken.“

An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Und versuch gar nicht erst, dich nachher aus irgendwelchen Fragen herauszureden.“

„Würde ich niemals.“

„Du bist eine miserable Lügnerin, Hermine.“

„Raus.“

Ginny grinste. Dann zog sie die Tür hinter sich zu.

Hermine blieb allein zurück. Für einen Moment lauschte sie den Stimmen, die sich die Treppe hinunter entfernten. Dann lächelte sie. Es war wirklich schön, hier zu sein. Sie hatte Ginny vermisst, Harry ebenso und James sowieso. Die kommenden Tage würden ihr guttun.

Hermine öffnete ihren Koffer und begann auszupacken. Zuerst ein paar Kleider, dann ihre Sachen fürs Bad und natürlich zwei Bücher. Sie legte alles ordentlich an seinen Platz. Dann griff sie erneut in den Koffer. Ihre Hand hielt inne. Da war noch etwas. Etwas, das unbedingt mitgemusst hatte. Hermine zog vorsichtig den Bilderrahmen heraus. Sofort wurde ihr Gesicht weich. Auf dem Bild war sie gemeinsam mit Minerva.

Hermine setzte sich auf die Bettkante und hielt das Bild in beiden Händen. Sie betrachtete Minervas Gesicht, ihr eigenes Lächeln und ihre Nähe.

Das Bild fing genau das ein, wonach Hermine sich inzwischen immer stärker sehnte. Auf diesem Bild waren sie einfach zwei Frauen, die zusammengehörten und nicht das heimliche Paar.

Hermine strich mit dem Daumen über den Rand des Rahmens. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den vergangenen Tagen.

Zu ihrem Spaziergang am See, Minervas Hand in ihrer, dem ersten Kuss mitten auf den Ländereien, ohne dass sie sich danach sofort voneinander entfernt hatten, dem romantischen Abend und dem gemeinsamen Morgen, an dem sie sich Zeit lassen konnten. Es war alles so leicht gewesen, sobald sie nicht mehr darüber nachdenken mussten, wer sie sehen könnte. Für einen kurzen Moment hatten sie einfach ein Paar sein dürfen. Es war genau so, wie Hermine es sich wünschte. Dieses Gefühl wollte sie nicht nur für ein Wochenende oder nur in einem leeren Schloss. Sie wollte es immer. Jeden Tag. Hermine lächelte das Bild an.

„Irgendwann.“

Sie stellte den Rahmen vorsichtig auf den Nachttisch. So, dass sie ihn vom Bett aus sehen konnte. Dann blieb sie noch einen Moment sitzen.

'In ein paar Tagen sehen wir uns wieder und dann liegen Wochen vor uns, in denen wir einfach Wir sein können.'

Während Hermine in Godric’s Hollow vermutlich längst von Ginny mit Fragen gelöchert wurde, saß Minerva wieder an ihrem Schreibtisch. Das Büro war still. Normalerweise empfand Minerva gerade diese ersten Tage nach der Abreise der Schüler als angenehm. Nach einem ganzen Schuljahr voller Stimmen, Schritte, Fragen und kleinerer oder größerer Katastrophen genoss sie die Ruhe des Schlosses. Heute fühlte sie sich aber anders an. Minerva schob den Gedanken zunächst beiseite und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Vor ihr lagen die letzten Unterlagen des Schuljahres. Einige mussten noch abgezeichnet werden, andere an das Ministerium geschickt werden. Daneben lag ein sorgfältig sortierter Stapel Briefe. Es waren die Schreiben für die neuen Erstklässler. Minerva nahm den obersten Brief. Sie betrachtete den Namen darauf einen Moment und musste lächeln.

Irgendwo würden in den nächsten Tagen ein paar elfjährige Kinder diese Briefe erhalten.

Vielleicht wusste das Kind längst, dass es magisch war. Vielleicht würde der Brief eine ganze Familie in Aufregung versetzen. Vielleicht würde jemand ihn fünfmal lesen, weil er nicht glauben konnte, was dort stand. Minerva kannte all diese Geschichten und jedes Jahr begann Hogwarts damit von Neuem.

Während die einen Schüler das Schloss gerade verlassen hatten, kündigte sich bereits die nächste Generation an. Sie nahm ihre Feder und kontrollierte noch einmal die Liste. Alle Briefe waren vollständig.

„Gut.“

Minerva erhob sich und übergab den Stapel wenig später den Schuleulen. Eine nach der anderen erhob sich in die Luft. Minerva beobachtete, wie sie durch die Fenster der Eulerei verschwanden. Damit war auch das erledigt.

Am späten Nachmittag saß sie wieder in ihrem Büro. Die letzten Berichte waren unterschrieben, Korrespondenz beantwortet und die Planungen für die kommenden Wochen abgeschlossen. Minerva legte ihre Feder zur Seite. Sie betrachtete ihren Schreibtisch, der nun deutlich leerer geworden war. Natürlich gab es als Schulleiterin immer irgendetwas, das man erledigen konnte, aber nichts davon war dringend. Zum ersten Mal seit Monaten hatte Minerva tatsächlich Feierabend. Sie lehnte sich zurück. Minerva sah zur Tür. Fast erwartete sie, dass sie jeden Moment aufging und dass Hermine hereinkam, die Arme verschränkte und ihr erklärte, dass es ja vollkommen klar gewesen sei, sie wieder hier anzutreffen.

Minervas Mundwinkel hoben sich. Sie konnte Hermines Stimme beinahe hören.

'Du arbeitest immer.'

Dann würde sie um den Schreibtisch herumgehen. Minerva würde behaupten, dass sie nur noch fünf Minuten brauchte. Hermine würde ihr nicht glauben. Vermutlich würde sie sich einfach auf ihren Schoß setzen und danach wäre ohnehin jede Hoffnung auf konzentriertes Arbeiten verloren. Minerva lächelte. Die Tür blieb jedoch geschlossen. Natürlich. Hermine war nicht hier. Minervas Lächeln verschwand langsam.

„Merlin.“

Nicht einmal einen Tag. Hermine war seit wenigen Stunden fort und Minerva vermisste sie bereits. Das war beinahe lächerlich. Früher hatte Minerva Wochen allein verbringen können, ohne auch nur darüber nachzudenken. Sie hatte diese Ruhe sogar gesucht. Nach Ende des Schuljahres war sie häufig noch einige Tage allein in Hogwarts geblieben. Sie hatte gearbeitet, gelesen, war über die Ländereien spaziert, hatte abends vor dem Kamin gesessen und nie hatte ihr etwas gefehlt. Heute fehlte etwas.

Hermine.

Minerva stand auf und ging zum Fenster. Die Ländereien lagen friedlich vor ihr. Gestern waren sie dort gemeinsam spazieren gegangen - Hand in Hand.

Minerva erinnerte sich noch genau daran, wie Hermine irgendwann stehen geblieben war und sie einfach am See geküsst hatte, ohne sich vorher umzusehen oder danach erschrocken Abstand zu nehmen.

Minerva hatte erst in diesem Moment wirklich verstanden, wie viel Kraft sie beide die Heimlichkeit kostet. Wie selbstverständlich hatte es sich angefühlt?

Hermines Hand in ihrer, ein Kuss unter freiem Himmel und ein Arm um ihre Taille waren eigentlich vollkommen gewöhnliche Dinge. Für sie waren sie etwas Besonderes geworden.

Minerva verschränkte nachdenklich die Arme. Sie wollte nicht, dass das so blieb. Nicht auf Dauer. Natürlich wusste sie, warum sie vorsichtig gewesen waren und sie bereute diese Entscheidung nicht. Während Hermines Referendariat war es richtig gewesen. Ihre Beziehung hätte Fragen aufgeworfen und Featherstone hatte bereits ohne Beweise versucht, daraus eine Waffe zu machen. Minerva schloss kurz die Augen.

Featherstone war fort und Hermine hatte ihre Prüfungen bestanden. Sie war keine Referendarin mehr. Sie war eine ausgebildete Lehrerin und trotzdem mussten sie vorsichtig bleiben. Zumindest noch eine Weile.

Minerva seufzte. Wie lange genau dieses kleine Wort 'noch' bedeutete, wusste sie selbst nicht. Das war vermutlich das eigentliche Problem. Sie hatte Hermine immer wieder gesagt, dass es nur noch einige Monate seien. Nur bis zu den Prüfungen, bis zum Ende des Referendariats und bis Hermine offiziell Lehrerin war. Jetzt war all das eingetreten und trotzdem hatten sie noch immer keinen Zeitpunkt festgelegt.

Minerva legte eine Hand gegen die kühle Fensterscheibe. Sie wusste, dass Hermine darunter litt. Gestern hatte sie gesehen, wie sehr Hermine aufgeblüht war, als sie einfach Hand in Hand über die Ländereien gehen konnten und wenn Minerva ehrlich mit sich selbst war, hatte sie es genauso sehr genossen. Vielleicht sogar mehr, als sie zugeben wollte.

Sie wollte Hermine nicht mehr loslassen müssen, sobald Schritte zu hören waren. Sie wollte sie beim Frühstück ansehen können, ohne darauf zu achten, wer ihren Blick bemerkte. Sie wollte irgendwann gemeinsam mit ihr durch die Große Halle gehen und nicht darüber nachdenken, ob ihre Hände sich zufällig berühren durften.

Minerva lächelte schwach. Vielleicht war sie tatsächlich gieriger geworden. Früher hätte sie geglaubt, dass ihr die wenigen gestohlenen Augenblicke genügten. Heute wusste sie es besser. Hermine hatte ihr gezeigt, wie sich ein gemeinsames Leben anfühlen konnte und nun wollte Minerva dieses Leben vollständig. Sie wollte offen mit dieser Frau glücklich sein.

Minervas Blick wanderte hinaus zum See.

„Irgendwann“, murmelte sie, aber selbst dieses Wort gefiel ihr inzwischen nicht mehr.

'Irgendwann' klang viel zu weit entfernt.

Sie wollte keinen unbestimmten Zeitpunkt mehr. Sie wollte eine Zukunft, auf die sie gemeinsam hinarbeiten konnten. Vielleicht mussten sie während der Ferien richtig und vor allem in Ruhe darüber sprechen, wenn sie in ihrem Cottage oder auf ihrer Reise waren. Minerva lächelte bei dem Gedanken. In ein paar Tagen würde sie Hermine wieder in den Armen halten und danach hatten sie Wochen miteinander. Wochen, in denen sie herausfinden konnten, wie ihr gemeinsames Leben aussehen sollte und vielleicht…

Minervas Blick wurde entschlossener.

Vielleicht war es langsam an der Zeit, nicht mehr darüber nachzudenken, ob sie ihre Beziehung öffentlich machten, sondern wann.

Der Nachmittag in Godric’s Hollow war wie im Flug vergangen. Hermine hatte kaum richtig im Wohnzimmer Platz genommen, da hatte Ginny bereits mit ihren Fragen begonnen und wenn Ginny sagte, sie wolle alles wissen, meinte sie offenbar tatsächlich alles.

„Also noch einmal“, sagte sie und zog die Beine auf dem Sofa an. „Featherstone hat deine Beurteilungen manipuliert?“

Hermine nickte.

„Nicht nur meine. Er hat auch versucht, Minervas Bericht zu verändern.“

„Und das Ministerium hat ihm geglaubt?“

„Anfangs wusste niemand, wem man glauben sollte. Das war ja das Problem. Seine Berichte waren völlig anders als die von Horace.“

Ginny schüttelte fassungslos den Kopf.

„Dieser Mann ist unglaublich.“

„Das ist noch freundlich ausgedrückt.“

Hermine erzählte ihr von den Unterrichtsstunden, den ständigen Unterbrechungen und davon, wie Featherstone immer weiter versucht hatte, sie als ungeeignet darzustellen. Dann von der Anhörung, den Notizen, Featherstones Ausbruch und schließlich von dem Moment, in dem er sich selbst verraten und zugegeben hatte, Hermines Unterricht sabotiert zu haben. Ginny starrte sie an.

„Er hat es einfach gesagt?“

„Im Zorn.“

„Was für ein Idiot.“

„Das war in diesem Moment tatsächlich ausgesprochen hilfreich.“

Ginny lachte.

„Und Minerva?“

„Minerva war einfach Minerva.“

„Das sagt mir alles.“

Hermine lächelte.

„Sie war unglaublich ruhig. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das geschafft hat.“

„Vermutlich wollte sie ihn innerlich in eine Kakerlake verwandeln.“

„Ginny.“

„Was denn? Umbringen ist nicht ihr Stil.“

„Vielleicht.“

Sie lachten. Danach kamen natürlich die Prüfungen an die Reihe. Hermine berichtete von Zaubertränke, von ihrer anfänglichen Nervosität und davon, wie sie viel zu schnell gesprochen hatte.

„Und trotzdem Ohnegleichen.“

„Ja.“

Ginny strahlte.

„Und Verwandlung ebenfalls.“

Hermine nickte.

„Zweimal Ohnegleichen.“

„Du klingst wie Minerva.“

Ginny wurde sofort hellhörig.

„Aha.“

Hermine kannte diesen Blick.

„Was?“

„Jetzt kommen wir endlich zum interessanten Teil.“

„Meine Prüfungen und die Sache mit dem Ministerium waren interessant.“

„Natürlich.“

Ginny winkte ab.

„Aber jetzt möchte ich die schlüpfrigen Geheimnisse hören.“

Hermine verschluckte sich beinahe an ihrem Tee.

„Ginny!“

„Was?“

„Du bist unmöglich.“

„Ich habe seit Weihnachten auf Neuigkeiten gewartet.“

„Ich wusste ja nicht, ob Harry die Briefe auch liest. Ich hätte wohl kaum schreiben können, wie…“

Hermine stoppte und wurde rot.

„Wie was?“, grinste Ginny wissend.

Das machte alles nur schlimmer. Ginny zeigte sofort auf sie.

„Dieser Gesichtsausdruck! Da gibt es Neuigkeiten.“

„Natürlich gibt es Neuigkeiten. Wir sind seit Monaten zusammen.“

„Das meine ich nicht.“

„Mehr bekommst du nicht.“

Ginny ließ sich enttäuscht zurückfallen.

„Ach komm schon Hermine.“

„Nein.“

„Nur ein bisschen.“

„Nein.“

„Ist Minerva immer noch so…“

„Ginny!“

Ginny brach in Gelächter aus. Hermine nahm ein Sofakissen und warf es nach ihr.

„Ich erzähle dir sicher nicht, was Minerva und ich in unserem Schlafzimmer machen.“

„Also habt ihr inzwischen ein gemeinsames Schlafzimmer?“

Hermine öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ginny grinste triumphierend.

„Erwischt.“

„Ich gehe wieder nach Hogwarts. Da habe ich meine Ruhe.“

„Du würdest keine zwei Stunden durchhalten, ohne Minerva über den Weg zu laufen und wir wissen beide, was dann passiert.“

Hermine musste selbst lachen.

„Du bist furchtbar.“

„Und du bist schrecklich verschwiegen.“

„Manche Dinge gehören eben nur Minerva und mir.“

Ginny wurde sofort wieder etwas ernster.

„Das verstehe ich. Immerhin weiß ich, dass es in eurem Schlafzimmer aufregend ist.“

Hermine lachte.

„Mehr als aufregend, aber das war auch alles, was du bekommst.“

„Fürs erste“, grinste Ginny, doch sie ließ diesen Teil ruhen.

Hermine erzählte Ginny durchaus von ihrer Beziehung. Von den schönen Abenden, davon, wie sehr Minerva sie während der Prüfungszeit unterstützt hatte und auch davon, wie schwer die Heimlichkeiten inzwischen manchmal waren, aber die wirklich intimen Momente behielt Hermine für sich. Sie gehörten ihnen.

Später verschwand Ginny in der Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Hermine blieb mit James im Wohnzimmer. Der Kleine saß mit ihr auf dem Teppich und beschäftigte sich damit, mehrere Holzfiguren in einer vollkommen unverständlichen Reihenfolge aufzustellen.

„Was wird das?“, fragte Hermine.

James zeigte begeistert darauf.

„Da!“

„Aha.“

Hermine nickte ernst.

„Jetzt verstehe ich natürlich alles.“

James plapperte weiter. Einige Wörter verstand Hermine. Andere überhaupt nicht. Hin und wieder nickte sie einfach und hoffte, dass ihre Reaktion ungefähr zum Inhalt passte.

„Papa.“

„Papa kommt später.“

„Mama.“

„Mama kocht.“

James zeigte auf Hermine.

„Mine.“

Hermine strahlte.

„Genau. Hermine.“

„Mine.“

„Das lasse ich gelten.“

James griff nach einer weiteren Figur. Dann plapperte er wieder etwas vor sich hin. Hermine hörte nur halb zu. Bis plötzlich ein Name fiel, bei dem sie sofort aufmerksam wurde.

„…Nerva.“

Hermine blinzelte.

„Was hast du gesagt?“

James sah sie an.

„Nerva.“

Hermine begann zu lachen.

„Minerva?“

James strahlte.

„Nerva!“

„Oh Merlin.“

Hermine zog ihn kurz an sich und küsste seine Haare.

„Du erinnerst dich an sie.“

Natürlich tat er das. An Weihnachten hatte James erstaunlich viel Zeit auf Minervas Schoß verbracht, mit ihren Haaren gespielt und sich von ihr sogar ins Bett bringen lassen.

„Nerva.“

„Ja.“

Hermine lächelte.

„Minerva ist noch in Hogwarts.“

James sah sie an.

„Komm.“

„Nein, sie kommt nicht.“

„Nerva komm“, murmelte er traurig.

„Ich hätte auch nichts dagegen.“

„Holen!“

Hermine lachte.

„Du musst das nicht mir erklären. Ich würde sie sofort holen, wenn ich könnte.“

James zeigte energisch in Richtung Tür.

„Nerva komm.“

„Nein, mein Schatz.“

Hermine strich ihm durch die Haare.

„Minerva kommt nicht.“

„Warum eigentlich nicht?“

Hermine fuhr herum. Ginny stand im Türrahmen.

„Wie lange stehst du da schon?“

„Lange genug.“

Sie kam ins Wohnzimmer.

„Und James hat recht.“

„James verlangt gerade Minerva.“

„Vernünftiges Kind.“

„Ginny.“

Ginny setzte sich zu ihnen auf den Teppich.

„Warum hast du sie nicht einfach mitgebracht?“

Hermine sah sie an, als wäre die Antwort offensichtlich.

„Weil das nicht geht.“

„Warum?“

„Weil niemand etwas von uns wissen soll.“

„Ich weiß es doch auch.“

„Du bist etwas anderes.“

„James weiß es offenbar auch.“

„James weiß überhaupt nicht, was eine Beziehung ist.“

„Aber er weiß, dass er Minerva mag.“

„Das stimmt.“

James nickte, als hätte er das Gespräch vollständig verstanden.

„Nerva.“

Hermine lachte.

„Ja, genau.“

Ginny sah sie wieder an.

„Harry hätte sich schon nichts dabei gedacht.“

Hermine hob beide Augenbrauen.

„Harry?“

Ginny zögerte.

„Gut. Vielleicht.“

„Er wäre sofort misstrauisch geworden.“

„Dann hätte ich mir eben etwas überlegt.“

„Was denn? Wie hättest du ihm erklärt, dass ihr mich und meine Chefin zu euch eingeladen habt? Weihnachten war etwas anderes. Da war es die Einladung deiner Eltern.“

Ginny dachte nach.

„Keine Ahnung. Irgendetwas wäre mir sicher eingefallen.“

Hermine schüttelte lachend den Kopf.

„Das ist wirklich lieb gemeint.“

Sie nahm James eine Holzfigur ab, bevor er sie in den Mund stecken konnte.

„Aber es geht ohnehin nicht.“

„Warum?“

„Minerva muss noch ein bisschen arbeiten.“

Ginny verzog das Gesicht.

„Natürlich. Was auch sonst.“

„Genau meine Reaktion.“

„Und danach?“

„Fährt sie zu ihrer Mutter.“

Ginny wurde aufmerksam.

„Ihre Mutter?“

„Mhm.“

„Du nicht?“

Hermine schüttelte den Kopf.

„Sie weiß noch nichts von uns.“

„Oh.“

Ginny verstand sofort.

„Das ist vermutlich kompliziert.“

„Ein wenig.“

Hermine sagte es ruhig. Sie wollte daraus kein größeres Problem machen, als es im Augenblick war. Außerdem erschien bereits wieder ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Ginny bemerkte es.

„Was?“

„Nichts.“

„Dieses Lächeln bedeutet nie nichts.“

Hermine sah zu James, der wieder vollkommen in sein Spiel vertieft war. Dann lehnte sie sich etwas zu Ginny.

„Wenn Minerva von ihrer Mutter zurückkommt und ich euch wieder verlasse…“

„Ja?“

Hermines Lächeln wurde breiter.

„…habe ich sie erst einmal für mich allein.“

Ginny grinste.

„Ach.“

„Für mehrere Wochen.“

„Jetzt verstehe ich das Lächeln.“

Hermine konnte es ohnehin nicht verbergen.

„Wir fahren erst in ihr Cottage.“

„Ihr habt ein Cottage?“

„Sie hat ein Cottage.“

„Details.“

Hermine lachte.

„An der schottischen Küste. Es ist wohl ziemlich abgelegen.“

Ginny hob vielsagend die Augenbrauen.

„Sehr praktisch.“

„Ginny.“

„Ich sage überhaupt nichts.“

„Dein Gesicht sagt genug.“

Ginny lachte.

„Und dort verbringt ihr die restlichen Ferien?“

„Nein, nur ein paar Tage. Danach wollen wir verreisen. Irgendwo ans Meer.“

Allein bei dem Gedanken wurde Hermines Blick verträumt.

„Und anschließend kommen wir noch für ein paar Tage zurück nach Hogwarts, bevor das neue Schuljahr anfängt und die anderen zurückkommen.“

Ginny beobachtete sie. Hermine merkte es erst nach einigen Sekunden.

„Was?“

Ginny lächelte.

„Nichts.“

„Du machst es jetzt genauso wie ich.“

„Ich freue mich einfach.“

„Worüber?“

„Für dich.“

Hermine wurde still. Ginny sah sie warm an.

„Du wirkst glücklich.“

„Das bin ich.“

„Richtig glücklich?“

Hermine brauchte nicht einmal nachzudenken.

„So sehr wie schon lange nicht mehr.“

Ginny nickte zufrieden.

„Dann gefällt mir Minerva immer besser.“

Hermine lachte.

„Du mochtest sie doch vorher schon.“

„Als Professorin.“

Ginny grinste.

„Jetzt bewerte ich sie als deine Partnerin. Das sind völlig andere Maßstäbe.“

„Und?“

Ginny tat, als müsse sie gründlich überlegen.

„Bisher darf sie bleiben.“

Hermine stieß sie lachend mit der Schulter an, doch als sie kurz darauf wieder zu James sah, lag das Lächeln noch immer auf ihrem Gesicht.

Am frühen Abend hörten Hermine und Ginny schließlich, wie sich die Haustür öffnete.

„Bin da!“

„Papa!“

James ließ augenblicklich alles fallen, womit er gerade gespielt hatte und rannte aus dem Wohnzimmer. Hermine lachte.

„Damit bin ich offenbar abgeschrieben.“

„Warte, bis Harry fünf Minuten hier ist“, meinte Ginny trocken. „Dann bist du wieder interessant.“

Aus dem Flur waren Harrys Stimme und James’ aufgeregtes Plappern zu hören.

„Na, was hast du heute gemacht?“

„Mine!“

„Hermine ist da?“

„Mine da! Nerva…“

Hermine riss die Augen auf. Ginny presste sofort die Lippen zusammen, um nicht loszulachen.

„Kein Wort“, zischte Hermine.

„Ich sage gar nichts.“

Harry erschien mit James auf dem Arm im Wohnzimmer.

„Hermine!“

Er strahlte und kam direkt zu ihr. Hermine stand auf und umarmte ihn.

„Hallo, Harry.“

„Glückwunsch!“

„Danke.“

„Zweimal Ohnegleichen, huh?“

Hermine löste sich überrascht von ihm.

„Woher weißt du das schon wieder?“

Harry sah sie an.

„Ich arbeite im Ministerium.“

„Und?“

„Hermine, du warst in den vergangenen Monaten ungefähr ständig Thema.“

Ginny lachte. Hermine ließ sich mit einem Stöhnen wieder aufs Sofa fallen.

„Großartig.“

Harry setzte James ab.

„Nein, ernsthaft. Nicht überall natürlich, aber dein Name ist erstaunlich häufig gefallen.“

„Das war ganz sicher keine Absicht.“

Hermine grinste.

„Ich hatte eigentlich vor, mein Referendariat möglichst unspektakulär abzuschließen.“

Harry und Ginny sahen sie gleichzeitig an. Hermine hob die Hände.

„Gut. Im Nachhinein betrachtet ist das nicht besonders gut gelaufen.“

„Nicht besonders gut?“, wiederholte Ginny.

Harry setzte sich in den Sessel.

„Du hattest zwei Anhörungen, einen Mentor, der offenbar versucht hat, deine Karriere zu zerstören bevor sie überhaupt angefangen hat, gefälschte Berichte und am Ende eine Untersuchung, bei der Kingsley persönlich dabei war.“

„Wenn du es so zusammenfasst, klingt es tatsächlich etwas dramatisch.“

„Etwas?“

Hermine lachte.

„Aber jetzt ist es hoffentlich vorbei.“

„Das sollte es“, sagte Harry. „Featherstones Sache wird intern noch eine Weile weiterlaufen, aber du solltest damit nichts mehr zu tun haben.“

Das erleichterte Hermine.

„Gut.“

Harry sah sie an.

„Und jetzt erzähl.“

Hermine seufzte gespielt.

„Nicht du auch.“

„Was?“

„Ginny hat mich heute Nachmittag bereits verhört.“

„Das war kein Verhör“, protestierte Ginny.

„Du hast mir ungefähr hundert Fragen gestellt.“

„Ich bin sehr an deinem Leben interessiert.“

Harry grinste.

„Dann bin ich jetzt auch interessiert.“

„Ihr seid wirklich füreinander geschaffen.“

„Danke“, sagten beide gleichzeitig.

Hermine musste lachen. Also erzählte sie ein weiteres Mal. Diesmal allerdings hauptsächlich von ihrer Ausbildung. Harry wollte genau wissen, wie die unterschiedlichen Monate bei Horace und Featherstone gelaufen waren. Er fragte nach den Unterrichtsbeobachtungen, nach der Zulassung und natürlich nach den Prüfungen.

„Und du hast bei beiden Ohnegleichen?“

Hermine nickte. Harry grinste breit.

„Natürlich.“

„Was heißt denn natürlich?“

„Du bist Hermine.“

„Das hat Minerva auch gesagt.“

Hermine merkte erst einen Moment später, wie selbstverständlich ihr der Satz herausgerutscht war. Ginny sah sofort zu ihr. Ein kleines Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. Harry bemerkte jedoch nichts.

„Sie kennt dich eben.“

„Ja.“

Hermine lächelte unwillkürlich.

„Das tut sie.“

Ginny nahm schnell einen Schluck aus ihrem Glas, um ihr Grinsen zu verbergen. Harry erzählte anschließend ein wenig aus dem Ministerium. Einige der Geschichten kannte Hermine bereits, andere waren neu. Besonders über eine vollkommen misslungene Aktion eines jungen Aurors konnte Harry inzwischen selbst lachen, obwohl er sich offenbar noch vor wenigen Tagen fürchterlich darüber aufgeregt hatte.

Später aßen sie gemeinsam. James saß zwischen Harry und Hermine und kommentierte das Abendessen mit einer Mischung aus einzelnen Wörtern, Geräuschen und sehr entschlossenen Gesten. Hermine verstand ungefähr die Hälfte. Harry behauptete, alles zu verstehen. Ginny glaubte ihm kein Wort.

„Er hat gerade eindeutig gesagt, dass er mehr Kartoffeln möchte.“

„Er hat 'da' gesagt.“

„Ja. Das bedeutet Kartoffeln.“

„Seit wann?“

„Seit jetzt.“

Hermine lachte so sehr, dass sie beinahe ihr Glas umstieß. Es tat gut. Nach dem Essen blieben sie noch lange im Wohnzimmer sitzen. James wurde irgendwann müde und kuschelte sich an Harry, bis ihm langsam die Augen zufielen. Ihre Gespräche wurden ruhiger. Sie erinnerten sich an ihre eigene Schulzeit in Hogwarts und die vollkommen absurden Situationen, in die sie geraten waren.

„Ich sage nur ein Wort - Troll“, meinte Harry grinsend.

Hermine hob das Kinn.

„Ich wäre sicher mit ihm klargekommen.“

„Natürlich, aber das Beste an der Sache war nicht, dass wir uns ab dem Zeitpunkt super verstanden haben.“

„Nicht?“, fragte Ginny und hob eine Augenbraue.

„Nein. Das Beste daran war, dass Hermine Granger, die Streberin, Lehrerliebling und größte Klugscheißerin der Welt, einfach Minerva McGonagall direkt ins Gesicht gelogen hat.“

„Hey!“

Ginny lachte, ebenso wie Harry und Hermine musste ebenfalls grinsen.

„Naja, sie hat es immerhin geglaubt und wir haben Punkte bekommen.“

„Das ändert nichts daran, dass ihr euch nicht benehmen konntet“, meinte Ginny.

„Manche Dinge ändern sich nie“, sagte Hermine und sah Harry dabei vielsagend an.

„Danke.“

Hermine lehnte sich entspannt zurück. Es fühlte sich plötzlich fast an wie früher. Natürlich war nichts mehr wirklich wie damals. Sie waren erwachsen, Harry und Ginny waren verheiratet und hatten ein Kind, Hermine war Lehrerin und in Hogwarts wartete eine Frau auf sie, von der Harry keine Ahnung hatte, dass sie längst der wichtigste Mensch in Hermines Leben geworden war.

Trotzdem war da noch immer dieses vertraute Gefühl - Harrys Lachen, Ginnys trockene Kommentare, das gegenseitige Necken und Geschichten, die sie schon hundertmal erzählt hatten und trotzdem wieder erzählten.

Für ein paar Stunden war Hermine nicht Professor Granger und auch nicht die ehemalige Referendarin, über die im Ministerium Akten angelegt worden waren.

Sie war einfach Hermine mit zwei Menschen, die seit Jahren zu ihrem Leben gehörten und als sie irgendwann lachend zwischen Harry und Ginny auf dem Sofa saß, stellte Hermine fest, wie sehr sie genau das vermisst hatte.

Während Hermine den Abend mit Harry und Ginny verbrachte, war in Hogwarts längst vollkommene Ruhe eingekehrt. Minerva störte das nicht. Zumindest nicht grundsätzlich. Sie vermisste Hermine. Natürlich tat sie das. Mehr, als sie nach gerade einmal wenigen Stunden vernünftig fand, aber Minerva war das Alleinsein gewohnt. In den vergangenen Jahren hatte sie viele Abende genau so verbracht:

Allein in ihrer Wohnung mit einer Kanne Tee, einem guten Buch und der wunderbaren Gewissheit, dass für einige Stunden niemand etwas von ihr wollte.

Minerva saß mit angewinkelten Beinen auf dem Sofa. Eine dünne Decke lag über ihrem Schoß, auf dem Tisch stand ihre Teetasse und in ihren Händen hielt sie einen Roman, den sie bereits seit Wochen lesen wollte. Es war angenehm ruhig. Nur manchmal wanderte ihr Blick vollkommen automatisch auf den freien Platz neben ihr. Minerva lächelte dann über sich selbst.

„Ein paar Tage.“

Sie nahm einen Schluck Tee.

„Das wirst du überleben.“

Die Stille antwortete nicht. Minerva schüttelte amüsiert den Kopf und widmete sich wieder ihrem Buch. Sie hatte nie ein Problem damit gehabt, allein zu sein und das hatte sie noch immer nicht. Es war lediglich etwas anderes geworden. Früher war Alleinsein ihr Normalzustand gewesen. Heute wusste sie, dass es eine Alternative gab.

Hermine.

Und wenn man einmal wusste, wie schön es war, diese Frau neben sich auf dem Sofa zu haben, wirkte der freie Platz eben ein wenig leerer als früher.

Später am Abend legte Minerva das Buch beiseite. Sie musste packen. Am nächsten Morgen würde sie ihr Elternhaus besuchen. Eigentlich freute sie sich darauf. Sie hatte ihre Mutter seit einigen Monaten nicht gesehen und auch wenn ihre Beziehung nicht immer vollkommen unkompliziert war, liebte Minerva sie. Trotzdem wusste sie bereits jetzt, dass dieser Besuch sie Nerven kosten würde. Minerva öffnete ihren Koffer und legte einige Kleider hinein. Dann hielt sie inne. Vor ihrem inneren Auge erschien ihre Mutter und beinahe gleichzeitig hörte sie deren Stimme.

'Minerva, du hättest Kinder haben sollen.'

Minerva schloss die Augen.

„Merlin.“

Es war seit Jahren dasselbe. Ihre Kinderlosigkeit. Als hätte Minerva einfach vergessen, irgendwann eine Familie zu gründen. Als hätte sie sich eines Morgens gedacht, dass sie auf diesen Teil ihres Lebens schlicht verzichten wollte. Und selbst jetzt ließ ihre Mutter das Thema nicht ruhen, was vollkommen absurd war. Minerva war längst in einem Alter, in dem sich die Frage biologischer Kinder ohnehin erledigt hatte. Das hinderte ihre Mutter allerdings nicht daran, gelegentlich darüber zu sprechen, was hätte sein können. Minerva nahm ein weiteres Kleid aus dem Schrank. Sie hatte mit dem Thema schon lange abgeschlossen. Das bedeutete allerdings nicht, dass es nie wehgetan hatte.

Als junge Frau hatte sie sich durchaus Kinder gewünscht. Nicht sofort, aber irgendwann. Minerva hatte diese Vorstellung einmal gehabt:

Ein Zuhause, eine Familie, vielleicht zwei Kinder.

Damals… Mit ihrem Mann, doch er hatte keine Kinder gewollt. Minerva hatte das akzeptiert. Sie hatte es bedauert, aber sie hatte ihn geliebt und sie hatte geglaubt, sie hätten noch so viele Jahre miteinander. Vielleicht würde er seine Meinung irgendwann ändern, vielleicht auch nicht. Sie hatte nicht gewusst, wohin das Leben sie führen würde und dann war er gestorben und damit hatte sich nicht nur die Frage nach Kindern erledigt. Für Minerva hatte sich damals die Frage nach Liebe überhaupt erledigt. Sie hatte niemanden mehr gewollt. Keinen neuen Mann, keine neue Beziehung und keine zweite große Liebe, denn der Verlust hatte zu tief gesessen. Minerva hatte sich ein Leben aufgebaut, in dem sie niemanden brauchte. Sie hatte Hogwarts, ihre Schüler, Kollegen, ihre Arbeit und Freunde. Das hatte gereicht. Sie war nicht unglücklich gewesen.

Minerva setzte sich auf die Bettkante.

Nein. Das war wichtig. Sie hatte kein trauriges Leben geführt. Sie hatte gelacht, sie hatte geliebt, wenn auch anders. Sie hatte Menschen begleitet, Kinder aufwachsen sehen und Freundschaften gehabt, die Jahrzehnte überdauerten. In ihrem Leben hatte sie auch viel gekämpft, verloren, aber auch gewonnen. Nur eine Tür hatte sie fest verschlossen gehalten.

Die zu ihrem Herzen.

Und dann war Hermine gekommen. Minerva musste lächeln. Ausgerechnet Hermine. Diese kluge, hartnäckige, viel zu aufmerksame junge Frau, die sich mit keiner ihrer Ausflüchte zufriedengegeben hatte. Hermine hatte hinter Minervas Strenge gesehen, aber sie hatte die Mauern nicht eingerissen. Hermine hatte etwas viel Gefährlicheres getan. Sie hatte Minerva irgendwann das Gefühl gegeben, dass sie die Tür selbst öffnen wollte und damit hatte sie ihr gesamtes Leben auf den Kopf gestellt.

Minerva blickte auf den halb gepackten Koffer. Noch vor einem Jahr hätte sie sich niemals vorstellen können, ihre Sommerferien um eine Partnerin herum zu planen. Jetzt konnte sie es kaum erwarten. Minerva spürte dieses warme Ziehen in ihrer Brust, das inzwischen untrennbar mit Hermine verbunden war. Sie liebte sie. Sie war kein Ersatz für das, was sie früher einmal verloren hatte. Hermine war etwas Eigenes, etwas Neues und Minerva war glücklich.

Vielleicht würde ihre Mutter das irgendwann verstehen. Vielleicht würde sie Fragen stellen. Vielleicht würde sie Schwierigkeiten damit haben. Minerva wusste es nicht, aber eines wusste sie inzwischen mit absoluter Sicherheit:

Sie würde Hermine nicht verstecken, weil sie sich für sie schämte und sie würde ihre Beziehung niemals aufgeben, nur weil jemand andere Vorstellungen davon hatte, wie Minervas Leben hätte aussehen sollen.

Sie hatte lange genug nach den Erwartungen anderer gelebt. Dieses Glück gehörte ihr. Hermine gehörte zu ihrem Leben und Minerva würde sich keinen einzigen Moment davon nehmen lassen. Von niemandem.