Verhöre der anderen Art
Verhöre der anderen Art
Hallo ihr Lieben,
und wieder gibt es ein langes Kapitel. Keine Ahnung, was das in letzter Zeit ist... Ich finde einfach kein Ende. Ihr könnt hoffentlich damit leben ;)
Lasst mich gerne wissen, wie euch das neue Kapitel gefällt :D Jetzt wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Lesen.
Liebe Grüße!
Am nächsten Morgen wachte Minerva früher auf als nötig. Sie blieb zunächst regungslos liegen und sah an die Decke. Die Nacht war unruhiger gewesen, als sie erwartet hatte. Es war eine ungewohnte Nacht. Mehrmals war sie aufgewacht, hatte sich im Halbschlaf zur Seite gedreht und dabei vollkommen automatisch die Hand ausgestreckt und jedes Mal war dort niemand gewesen. Minerva drehte den Kopf. Die andere Hälfte des Bettes war leer.
„Lächerlich“, murmelte sie.
Sie war jahrzehntelang allein aufgewacht. Jahrzehntelang! Es hatte sie nie gestört. Jetzt brauchte Hermine gerade einmal einen Tag fort zu sein und plötzlich kam Minerva ihr eigenes Bett viel zu groß vor. Sie schloss noch einmal die Augen. Normalerweise hätte Hermine jetzt neben ihr gelegen, vielleicht noch geschlafen oder wäre längst wach gewesen und hätte Minerva beobachtet.
Inzwischen kannte Minerva dieses Spiel. Hermine glaubte offenbar noch immer, Minerva würde nicht bemerken, wenn sie morgens minutenlang ihr Gesicht betrachtete. Dann kamen irgendwann die ersten Fingerspitzen über ihre Wange, ein Kuss auf die Stirn, einer auf die Wange und schließlich auf die Lippen. Minerva lächelte. Der Guten-Morgen-Kuss fehlte ihr tatsächlich, obwohl es eigentlich etwas vollkommen Banales war. Ebenso fehlten ihr eine Berührung, ein verschlafenes Lächeln, Hermines leises 'Guten Morgen' und sogar ein frecher Kommentar, bevor Minerva überhaupt richtig die Augen öffnen konnte. Minerva schüttelte über sich selbst den Kopf.
„Was hast du nur mit mir gemacht, Hermine Granger?“
Sie bekam natürlich keine Antwort und trotzdem wusste sie genau, welche Hermine ihr vermutlich gegeben hätte.
'Dich glücklich gemacht.'
Minervas Lächeln wurde weicher.
Ja. Das hatte sie.
Schließlich schlug Minerva die Decke zurück. Sie hatte heute einiges vor. Nach einer Dusche zog sie sich sorgfältig an. Für den Besuch bei ihrer Mutter entschied sie sich für ein schlichtes dunkelgrünes Kleid und eine leichte schwarze Robe. Ihre Haare steckte sie wie gewohnt hoch. Minerva betrachtete sich im Spiegel. Für einen kurzen Moment erinnerte sie sich daran, wie Hermine ihr erst gestern Morgen durch die völlig zerzausten Haare gestrichen hatte.
'Ich mag dich so viel lieber.'
Minerva konnte Hermines Stimme beinahe hören.
„Das ist bedauerlich.“
Sie setzte die letzte Haarnadel ein.
„Meine Mutter bekommt diese Frisur.“
Ihr Spiegelbild sah deutlich mehr nach Professor McGonagall aus als nach der Frau, die noch vor zwei Tagen mit Hermine eng umschlungen im Bett gelegen hatte. Vielleicht war das für die kommenden Tage auch ganz hilfreich. Minerva nahm ihren Koffer und verließ die Wohnung. Bevor sie Hogwarts allerdings ganz verließ, gab es noch etwas zu erledigen. Sie ging durch die stillen Korridore. Ihre Schritte hallten über den Steinboden. Das Schloss fühlte sich vollkommen anders an, wenn weder Schüler noch Lehrer darin waren. Minerva kontrollierte die Eingangshalle, die Seiteneingänge und die Schutzzauber. Sie zog ihren Zauberstab und überprüfte sorgfältig die magischen Barrieren, die Hogwarts während der Ferien schützten. Alles war stabil. Einige Hauselfen würden ohnehin im Schloss bleiben. Auch die Porträts würden jede ungewöhnliche Aktivität sofort melden. Trotzdem kontrollierte Minerva persönlich alles noch einmal. Das war Gewohnheit, sie trug schließlich die Verantwortung und vermutlich ein gewisses Maß an Kontrollbedürfnis, wie Hermine es nennen würde. Minerva blieb vor dem Hauptportal stehen.
„Alles in Ordnung.“
Sie steckte ihren Zauberstab weg. Damit konnte sie Hogwarts für einige Tage verlassen. Zum ersten Mal seit Ende des Schuljahres. Sie ging noch einmal in ihre Wohnung, nahm den Koffer und sah sich kurz um. Ihr Blick fiel auf das Sofa. Minerva musste lächeln. In fünf Tagen würde Hermine wieder bei ihr sein.
Nein. Nicht einmal mehr fünf. Der erste war schließlich bereits vorbei.
„Vier.“
Das klang deutlich besser. Dann verließ sie ihre Wohnung.
Nachdem Minerva die Grenzen des Schulgeländes erreicht hatte, apparierte sie. Das vertraute unangenehme Gefühl dauerte nur einen Moment. Dann spürte sie festen Boden unter den Füßen. Kühle Luft schlug ihr entgegen. Minerva öffnete die Augen.
Caithness.
Sofort erkannte sie die Landschaft ihrer Kindheit. Der Himmel war weit. Ein kräftiger Wind zog über die Felder und bewegte das hohe Gras. Die Luft roch rauer als in Hogwarts. Nach Erde, Heide und der nahen Küste. Minerva blieb einen Moment stehen. Wie jedes Mal, wenn sie hierherkam, kehrten Erinnerungen zurück. Sie kannte jeden dieser Wege. Jeden dieser Wege war sie als Kind entlanggelaufen, hatte sich versteckt und war auf Bäume geklettert, obwohl ihre Mutter es ihr ausdrücklich verboten hatte. Hier hatte sie ihre ersten unkontrollierten magischen Ausbrüche erlebt. Später war sie von hier nach Hogwarts aufgebrochen und irgendwann war sie nur noch zu Besuch zurückgekommen. Minerva nahm ihren Koffer fester. Dann hob sie den Blick. In einiger Entfernung war es bereits deutlich zu erkennen. Das große alte Herrenhaus. Das Zuhause ihrer Familie. Dunkler Stein, hohe Fenster und mehrere Schornsteine ragten über das steile Dach hinaus. Efeu zog sich an Teilen der Fassade empor und hinter dem Haus waren die alten Bäume des Grundstücks zu erkennen. Minerva blieb stehen. Es war ein vertrauter Anblick, eigentlich ein schöner und trotzdem spürte sie bereits jetzt, wie sich irgendwo in ihr eine leichte Anspannung bemerkbar machte. Sie liebte ihre Mutter wirklich, aber zwei oder drei Tage mit ihr konnten erstaunlich lang sein. Minerva atmete tief durch. Dann betrachtete sie das Herrenhaus.
„Nun gut.“
Sie richtete ihre Schultern. Der Besuch konnte beginnen.
Minerva blieb noch einen Moment am Anfang des Kiesweges stehen. Das Herrenhaus lag ruhig vor ihr. Eigentlich gab es überhaupt keinen Grund, nervös zu sein. Es war ihre Mutter und ihr Elternhaus. Ein Ort, den sie seit ihrer Kindheit kannte und trotzdem spürte Minerva dieses leichte Ziehen in der Magengegend.
„Du hast dich schon schwierigeren Dingen gestellt“, murmelte sie.
Eigentlich sollte ein Besuch bei ihrer Mutter kein Problem darstellen. Eigentlich. Minerva atmete tief durch. Sie wusste schließlich, wie diese Besuche normalerweise verliefen. Zunächst freute sich Isobel McGonagall aufrichtig, ihre Tochter zu sehen. Sie tranken Tee, sprachen über Hogwarts, alte Bekannte, über das Dorf und irgendwann kam zuverlässig irgendeine Bemerkung über Minervas Privatleben oder vielmehr über das Privatleben, das ihre Mutter sich für sie vorgestellt hatte.
Minerva richtete unbewusst ihre Schultern. Vielleicht würde es dieses Mal anders sein. Sie glaubte selbst nicht daran. Mit ihrem Koffer in der Hand ging sie schließlich den langen Kiesweg entlang. Ihre Schritte knirschten über die kleinen Steine. Je näher sie dem Haus kam, desto vertrauter wurden die Einzelheiten. Minerva lächelte kurz. Manche Dinge veränderten sich kaum. Vor der Haustür zog sie ihren Zauberstab. Isobel hatte die Schutzzauber über die Jahre mehrfach verstärkt. Für Fremde wäre es nahezu unmöglich gewesen, das Grundstück unbemerkt zu betreten. Minerva kannte selbstverständlich jede einzelne Verzauberung. Mit einigen präzisen Bewegungen ihres Zauberstabs löste sie die Schutzbarrieren für sich. Ein kaum sichtbares Flimmern verschwand. Minerva steckte ihren Zauberstab wieder weg. Dann öffnete sie die Tür.
„Mutter?“
Ihre Stimme hallte durch die große Eingangshalle. Keine Antwort. Minerva stellte ihren Koffer neben der Treppe ab.
„Mutter? Ich bin da.“
Sie zog ihren Umhang aus und hängte ihn ordentlich an die Garderobe. Für einen Moment war alles ruhig. Dann waren langsame Schritte zu hören. Begleitet von dem unverkennbaren Geräusch eines Gehstocks auf dem Holzboden. Minerva drehte sich um. Isobel McGonagall erschien in der Tür zum Wohnzimmer. Minerva musste unwillkürlich lächeln. Ihre Mutter war älter geworden. Natürlich. Das sah Minerva jedes Mal ein wenig deutlicher. Der Gehstock war inzwischen zu einem ständigen Begleiter geworden und Isobels Bewegungen waren langsamer als früher, aber ansonsten? Unverkennbar Isobel. Das weiße Haar war makellos zusammengesteckt. Keine einzige Strähne wagte es, sich der Frisur zu entziehen. Ihre helle Bluse saß tadellos. Ebenso der lange dunkle Rock. Selbst zu Hause sah Isobel aus, als könnte jeden Moment wichtiger Besuch erscheinen.
Minerva wusste ziemlich genau, woher sie selbst manche Angewohnheiten hatte. Isobel blieb stehen. Sie betrachtete ihre Tochter. Einen Moment sagte sie gar nichts. Dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Minerva.“
Minervas eigene Anspannung ließ ein wenig nach.
„Hallo, Mutter.“
„Da bist du ja endlich.“
„Wie angekündigt.“
„Du hättest trotzdem früher kommen können.“
Minerva schloss für einen kurzen Moment die Augen. Da war es. Keine dreißig Sekunden. Sie musste lächeln.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen.“
Isobels Gesicht wurde sofort weicher. Sie kam näher. Minerva überbrückte die letzten Schritte und nahm ihre Mutter vorsichtig in die Arme. Isobel hielt sie fest.
„Mein Mädchen.“
Minerva schloss für einen Moment die Augen. Egal wie alt sie war. Für ihre Mutter würde sie vermutlich mit neunzig noch 'ihr Mädchen' sein.
„Es ist schön, dich zu sehen“, sagte Isobel.
„Dich auch.“
Als sie sich voneinander lösten, musterte Isobel sie sofort gründlich.
„Du siehst müde aus.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Danke.“
„Das war keine Kritik.“
„Bei dir weiß man das nie.“
Isobel schnaubte.
„Komm ins Wohnzimmer.“
Das Wohnzimmer hatte sich ebenfalls kaum verändert. Die schweren Möbel standen noch immer an denselben Stellen. Familienfotografien säumten eine Kommode, einige davon magisch, andere muggeltypisch vollkommen unbewegt. Minerva setzte sich in einen Sessel. Isobel nahm ihr gegenüber Platz und stellte ihren Gehstock neben sich. Fast augenblicklich erschien eine Hauselfe.
„Tee, Mistress McGonagall?“
„Ja, bitte.“
Isobel deutete auf Minerva.
„Und bring etwas zu essen. Meine Tochter sieht aus, als hätte sie seit Wochen nichts Vernünftiges bekommen.“
„Mutter.“
„Was?“
„Ich werde in Hogwarts ausgezeichnet versorgt.“
„Das behauptest du jedes Mal und jedes Mal kommst du genauso schmal zurück.“
Minerva unterdrückte ein Lächeln.
Wenig später standen Tee, kleine Sandwiches und Gebäck auf dem Tisch. Isobel schenkte ihrer Tochter persönlich ein.
„Also.“
Minerva nahm die Tasse entgegen. Sie kannte diesen Ton.
„Also?“
„Wie geht es dir?“
Minerva war beinahe überrascht über die einfache Frage.
„Gut.“
Isobel musterte sie.
„Nur gut?“
„Sehr gut.“
Das entsprach sogar der Wahrheit. Mehr denn je. Isobel bemerkte offenbar etwas in ihrem Gesicht, denn ihr Blick blieb einen Moment länger auf Minerva liegen. Sie sagte jedoch nichts dazu. Stattdessen nahm sie ihre eigene Tasse.
„Und Hogwarts?“
Minerva seufzte leise.
„Turbulent.“
„Das sagst du jedes Jahr.“
„Dieses Mal meine ich es.“
„Was ist passiert?“
Minerva überlegte, wie viel sie erzählen wollte.
„Wir hatten einige Schwierigkeiten mit einem Kollegen.“
„Welcher Art?“
„Dienstlicher Art.“
Isobel hob eine Augenbraue. Minerva wusste sofort, dass diese Antwort nicht genügen würde.
„Er wurde suspendiert.“
„Von dir?“
„Letztlich vom Ministerium und dem Schulrat.“
Jetzt war Isobel interessiert.
„Das klingt tatsächlich turbulent.“
„Das war es.“
„Und warum?“
Minerva nahm einen Schluck Tee.
„Manipulierte Unterlagen. Falsche Beurteilungen. Beschwerden. Eine ausgesprochen unangenehme Angelegenheit.“
Sie verschwieg vorerst, dass Hermine im Mittelpunkt dieser Angelegenheit gestanden hatte. Nicht weil sie ihrer Mutter nicht vertraute, aber Hermine führte sehr schnell zu anderen Themen und Minerva war noch nicht bereit für dieses Gespräch.
„Wurde jemand dadurch geschädigt?“, fragte Isobel.
„Beinahe.“
Minervas Gesicht wurde für einen kurzen Moment ernst.
„Aber letztlich ist alles gut ausgegangen.“
„Dann ist es vorbei?“
„Ja.“
Featherstone war fort und Hermine hatte bestanden. Minerva lächelte unwillkürlich.
„Es ist vorbei.“
Isobel sah dieses Lächeln. Wieder sagte sie nichts. Noch nicht.
„Und die Schüler?“
„Die sind gestern abgereist.“
„Prüfungen?“
„Abgeschlossen.“
„Gute Ergebnisse?“
Minerva nickte.
„Sehr gute sogar.“
Sie dachte sofort an Hermine. Zweimal Ohnegleichen. Ihr Stolz kehrte augenblicklich zurück. Isobel bemerkte erneut die Veränderung in ihrem Gesicht.
„Du scheinst dieses Jahr besonders zufrieden zu sein.“
Minerva hob den Blick.
„Ich bin stolz auf einige meiner Lehrer und Schüler.“
„Mhm.“
Isobel nahm einen Schluck Tee. Minerva kannte ihre Mutter gut genug, um zu wissen, dass dieses Mhm etwas bedeutete. Sie beschloss, es zu ignorieren.
„Und dir?“
Isobel sah sie an.
„Was ist mit mir?“
„Wie geht es dir?“
„Ach.“
Isobel winkte ab.
„Meinem Alter entsprechend gut.“
Minerva runzelte die Stirn.
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
„Nein.“
„Minerva, ich bin eine alte Frau.“
„Das bedeutet nicht, dass ich mich mit 'meinem Alter entsprechend' zufriedengebe.“
Isobel musste lächeln.
„Du warst schon als Kind hartnäckig.“
„Von irgendjemandem muss ich es haben.“
„Ganz sicher von deinem Vater. Der konnte mir mit seinem Sturkopf manchmal auch den letzten Nerv rauben.“
Minerva hob vielsagend eine Augenbraue. Isobel lachte leise.
„Gut. Vielleicht hast du auch ein wenig von mir.“
„Ein wenig.“
„Frech warst du ebenfalls schon immer.“
Minerva nahm einen Schluck Tee.
„Also?“
Isobel seufzte.
„Mir geht es gut. Wirklich. Die Beine machen mir gelegentlich Schwierigkeiten. Deshalb der Stock.“
Minervas Blick wanderte kurz dorthin.
„Hast du einen Heiler deswegen gesehen?“
„Ja.“
„Und?“
„Nichts, was man in meinem Alter nicht erwarten müsste.“
Minerva war noch nicht ganz zufrieden. Isobel bemerkte es.
„Minerva.“
„Was?“
„Du musst nicht jedes Mal meine vollständige Krankenakte überprüfen, sobald du nach Hause kommst.“
„Ich überprüfe gar nichts.“
„Du schaust bereits genauso wie deine Freundin Poppy Pomfrey.“
Minerva verzog den Mund.
„Das nehme ich als Kompliment.“
„Das solltest du nicht.“
Minerva musste lachen. Isobel lächelte ebenfalls und griff nach ihrer Tasse. Für den Moment war es einfach angenehm. Mutter und Tochter mit ihren vertrauten kleinen Sticheleien und Minerva begann langsam zu glauben, dass dieser Besuch vielleicht tatsächlich entspannter werden könnte, als sie befürchtet hatte.
Isobel nahm einen kleinen Schluck Tee und stellte die Tasse anschließend sorgfältig auf die Untertasse zurück. Minerva kannte ihre Mutter gut genug. Das Thema war noch lange nicht beendet.
„Also“, begann Isobel.
Minerva hob leicht eine Augenbraue.
„Also?“
„Du hast gesagt, das Schuljahr sei turbulent gewesen.“
„Das habe ich.“
„Und dann erzählst du mir in drei Sätzen von manipulierten Unterlagen und einem suspendierten Lehrer.“
Minerva nahm demonstrativ ein kleines Sandwich.
„Ich hielt das für eine angemessene Zusammenfassung.“
„Ich nicht.“
„Das überrascht mich überhaupt nicht.“
Isobel lehnte sich zurück.
„Was genau ist passiert?“
Minerva seufzte leise. Sie hätte wissen müssen, dass ihre Mutter sich nicht mit einer oberflächlichen Erklärung zufriedengeben würde.
„Der Kollege hieß Edmund Featherstone. Er war für Verwandlung zuständig.“
„War?“
„Wie gesagt. Er wurde suspendiert. Mit sofortiger Wirkung.“
Isobel wurde ernst.
„Was hat er getan?“
Minerva überlegte kurz. Sie konnte ihrer Mutter durchaus erzählen, was geschehen war. Nur bei einem Punkt musste sie vorsichtig sein. Hermine. Nicht, weil sie Hermine aus ihrer Erzählung heraushalten wollte. Ganz im Gegenteil. Aber sobald Isobel bemerkte, welche Bedeutung Hermine inzwischen in Minervas Leben hatte, würde sie Fragen stellen. Viele, sehr präzise Fragen und Minerva war heute Morgen noch nicht bereit für dieses Gespräch.
Also beschränkte sie sich bewusst auf die beruflichen Fakten.
„Featherstone war Mentor einer unserer Referendarinnen.“
Isobel nickte.
„Und?“
„Seine Beurteilungen ihrer Leistungen wichen erheblich von denen eines anderen Mentors ab.“
„Wie erheblich?“
„So erheblich, dass das Ministerium eingeschaltet wurde.“
„Das klingt nicht nach einer gewöhnlichen Meinungsverschiedenheit.“
„War es auch nicht.“
Minerva erzählte von den widersprüchlichen Beurteilungen, den Beschwerden, den Anhörungen und von der zunehmenden Skepsis des Ministeriums. Isobel hörte aufmerksam zu.
„Und du?“
„Was ist mit mir?“
„Du bist Schulleiterin. Was hast du getan?“
„Die Unterrichtsleistungen selbst überprüft.“
„Und?“
Minerva konnte nicht verhindern, dass sich ein Hauch von Stolz in ihre Stimme schlich.
„Sie waren ausgezeichnet.“
Isobels Blick hob sich kurz. Minerva bemerkte es. Sofort zwang sie sich zurück zu einem sachlicheren Tonfall.
„Jedenfalls standen meine Beobachtungen in deutlichem Widerspruch zu Featherstones Berichten.“
„Dann hat er gelogen.“
„Nicht nur das.“
Minerva nahm einen Schluck Tee.
„Er hat Unterlagen manipuliert.“
Isobels Gesicht wurde ernst.
„Unterlagen von Hogwarts?“
„Auch meine. Eine meiner Beurteilungen wurde verändert.“
„Und er glaubte, du würdest das nicht bemerken?“
Minerva hob trocken eine Augenbraue.
„Offensichtlich.“
Isobel schnaubte.
„Dann war er nicht besonders klug.“
„Seine Selbstüberschätzung war bemerkenswert.“
„Was wollte er damit erreichen?“
„Letztlich meine Position schwächen.“
Isobel richtete sich ein wenig auf.
„Er wollte dich als Schulleiterin loswerden?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil er sich selbst für geeigneter hielt.“
Einen Moment herrschte Stille. Dann sagte Isobel vollkommen trocken:
„Offenbar war er tatsächlich nicht besonders klug.“
Minerva musste lachen.
„Mutter.“
„Was? Wer glaubt ernsthaft, er könne dich mit ein paar gefälschten Unterlagen aus Hogwarts vertreiben?“
„Es war etwas komplexer.“
„Trotzdem.“
Isobel griff nach ihrer Tasse.
„Wie ist es aufgeflogen?“
Minerva erzählte von der abschließenden Anhörung im Ministerium und dass Kingsley persönlich anwesend gewesen war. Ebenfalls erzählte sie von Featherstones widersprüchlichen Aussagen, den Notizen und erwähnte auch Olive Lockwoods Beteiligung, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren.
Einen Teil ließ Minerva allerdings bewusst weg. Den beinahe erfolgten Angriff auf Hermine. Featherstones Behauptungen über ihre Beziehung. Seinen Versuch, ihre Zuneigung zu Hermine als Rechtfertigung für seine Taten zu benutzen.
All das hätte Fragen aufgeworfen, die Minerva heute nicht beantworten wollte.
„Und jetzt?“, fragte Isobel.
„Featherstone ist fort. Der Schulrat beschäftigt sich mit allem Weiteren.“
„Kommt er zurück?“
„Nein.“
Minervas Antwort kam ohne jedes Zögern. Isobel nickte zufrieden.
„Gut.“
Eine kleine Pause entstand. Dann fragte sie:
„Und diese Referendarin?“
Minerva hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne.
„Sie hat ihre Ausbildung erfolgreich beendet.“
„Trotz allem?“
„Ja.“
Minerva nahm ihre Tasse.
„Sogar sehr erfolgreich.“
Wieder dieses kleine verräterische Gefühl von Stolz. Sie unterdrückte ein Lächeln.
„Wir hatten dieses Jahr zwei Referendare. Hermine Granger und Neville Longbottom.“
Isobel dachte kurz nach.
„Die Namen kenne ich.“
„Ehemalige Schüler.“
„Natürlich.“
Isobel musterte sie.
„Granger.“
Minerva blieb vollkommen ruhig.
„Ja.“
„War das nicht die junge Frau, die mit Potter und Weasley befreundet ist?“
„Ist sie.“
„Die im Krieg…“
„Ja.“
Minerva wollte diese Richtung möglichst schnell wieder verlassen.
„Jedenfalls haben beide ihre Prüfungen bestanden.“
„Gut.“
„Neville wird Kräuterkunde unterrichten.“
„Bei Professor Sprout?“
„Pomona hat ihn ausgebildet.“
Isobel nickte.
„Und Miss Granger?“
Minerva nahm einen sehr bewussten Schluck Tee.
„Sie wird hat ihre Prüfungen in Verwandlung und Zaubertränke abgelegt. Sie möchte allerdings Zaubertränke unterrichten.“
„Zwei Fächer?“
„Sie ist für beide qualifiziert.“
„Beeindruckend.“
Minerva erlaubte sich ein kleines Lächeln.
„Das ist sie.“
Isobels Blick ruhte einen Moment auf ihr. Minerva bemerkte es sofort. Also fuhr sie weiter, bevor ihre Mutter irgendetwas daraus machen konnte.
„Die Prüfungswoche war entsprechend anstrengend. Zwei Lehrproben, Fachgespräche, Beurteilungen. Neville hatte seine Prüfung ebenfalls in derselben Woche.“
„Und beide bleiben in Hogwarts?“
„Ja.“
„Dann hast du wenigstens zwei gute junge Lehrer gewonnen.“
„Genau.“
Minerva war beinahe stolz auf sich. Sie hatte sachlich, professionell und unauffällig erzählt. Sie erwähnte nicht, dass Hermine beide Prüfungen mit Ohnegleichen bestanden hatte und Minerva beinahe vor Stolz geplatzt wäre. Ebenso erwähnte sie nicht, dass sie Hermine am Morgen ihrer Verwandlungsprüfung im Arm gehalten und ihr versichert hatte, sie könne Minerva niemals enttäuschen. Nicht, dass Hermine nach der bestandenen Prüfung in ihrem Büro gestanden hatte und Minerva sie am liebsten nie wieder losgelassen hätte und ganz sicher erwähnte sie nicht, wie sie die bestandenen Prüfungen später gefeiert hatten. Das ging ihre Mutter nun wirklich nichts an. Isobel nahm wieder ihre Tasse.
„Dann scheint am Ende doch alles gut ausgegangen zu sein.“
„Ja.“
Minerva lächelte.
„Das ist es.“
Und damit, hoffte sie, hatte sie ausreichend über das turbulente Schuljahr erzählt, ohne ihrer Mutter auch nur einen Grund zu geben, bei Hermine weiter nachzufragen.
Minerva war ausgesprochen froh, als sich endlich eine Gelegenheit ergab, das Gespräch von Hogwarts wegzuführen. Sie erzählte natürlich gern von Hogwarts, aber sie hatte zunehmend das Gefühl, bei jedem Satz über Hermine sehr genau darauf achten zu müssen, was sie sagte und vor allem, wie sie es sagte. Also stellte sie ihre Tasse ab.
„Nun habe ich die vergangenen Monate ausführlich genug zusammengefasst.“
Isobel hob eine Augenbraue.
„Ausführlich würde ich das nicht nennen.“
„Für meine Verhältnisse war das ausgesprochen ausführlich.“
„Das stimmt allerdings.“
Minerva lächelte.
„Was hast du gemacht?“
„Ich?“
„Ja, Mutter. Du hattest ebenfalls ein Leben, während ich in Hogwarts war.“
„In meinem Alter wird das Leben etwas ruhiger.“
„Das bedeutet nicht, dass nichts passiert.“
Isobel griff nach einem kleinen Stück Gebäck.
„Nun, Margaret und Edith waren mehrfach hier.“
Minerva nickte. Die beiden Frauen kannte sie seit ihrer Kindheit. Sie waren schon seit Ewigkeiten mit ihrer Mutter befreundet.
„Wie geht es ihnen?“
„Gut. Edith beschwert sich weiterhin über ihren Rücken und weigert sich gleichzeitig, einen vernünftigen Heiler aufzusuchen.“
„Natürlich.“
„Ich habe es ihr gesagt.“
„Ich bin sicher, dass du das hast.“
Isobel warf ihr einen Blick zu. Minerva lächelte unschuldig.
„Und Margaret?“
„Hat ihren Garten vollkommen umgestaltet.“
„Schon wieder?“
„Frag nicht.“
Minerva lachte leise. Es tat gut, solche vollkommen belanglosen Geschichten zu hören. Einfach die kleinen Ereignisse aus dem Leben ihrer Mutter. Isobel erzählte weiter von Besuchen, von einer Nachbarin, die offenbar seit Monaten einen vollkommen überflüssigen Streit mit einem anderen Nachbarn über die Grundstücksgrenze führte und dann erwähnte sie beiläufig:
„Malcolm war auch hier.“
Minerva wurde aufmerksam.
„Wann?“
„Vor ungefähr drei Wochen.“
„Allein?“
„Nein, mit seiner Frau und Annie.“
Minerva lächelte sofort.
„Wie geht es ihnen?“
„Sehr gut.“
Isobels Gesicht veränderte sich augenblicklich, als sie von ihrer Enkelin sprach.
„Annie ist inzwischen so groß geworden.“
„Das sagst du jedes Mal.“
„Weil es stimmt.“
„Sie ist kein Kind mehr, Mutter.“
„Für mich schon.“
Minerva musste lächeln.
„Natürlich.“
Isobel erzählte, dass sie einige Tage geblieben waren. Minervas Bruder hatte sich um ein paar Dinge am Haus gekümmert, obwohl Isobel mehrfach betonte, dass sie das überhaupt nicht nötig gehabt hätte. Minerva glaubte ihr kein Wort.
„Und Annie war fast die ganze Zeit bei mir.“
Isobel lächelte.
„Wir haben lange gesprochen. Sie hat mir geholfen, einige alte Kisten auf dem Dachboden durchzusehen.“
„Du hast Annie auf den Dachboden geschickt?“
„Ich bin doch nicht selbst hinaufgeklettert.“
„Zum Glück.“
„Ich bin alt, Minerva, nicht lebensmüde.“
Minerva lachte.
„Das beruhigt mich.“
„Wir haben einige alte Fotos gefunden.“
„Oh nein.“
„Auch von dir.“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Verbrenn sie.“
„Ganz sicher nicht.“
„Mutter.“
„Annie fand sie wunderbar.“
„Das macht es nicht besser.“
Isobel grinste beinahe.
„Da war eines, auf dem du ungefähr sieben Jahre alt warst und…“
„Ich möchte es nicht wissen.“
„Du kennst das Bild.“
„Dann möchte ich erst recht nichts davon wissen.“
Isobel lachte. Minerva schüttelte amüsiert den Kopf. Es war schön, ihre Mutter so zu sehen und Minerva freute sich, dass Malcolm mit seiner Familie regelmäßig vorbeikam. Isobel war zwar durchaus in der Lage, allein zu leben, aber Gesellschaft tat ihr gut.
„Annie wollte gar nicht abreisen“, erzählte Isobel weiter. „Sie meinte, sie müsse bald wiederkommen.“
„Das wird sie sicher.“
„Sie ist ein gutes Mädchen.“
„Ja.“
„Aufmerksam. Klug. Herzlich.“
Minerva nickte.
„Malcolm kann stolz auf sie sein.“
„Das ist er.“
Isobel nahm einen Schluck Tee.
„Er hatte Glück.“
Minerva bemerkte die leichte Veränderung im Ton ihrer Mutter sofort.
'Oh nein.'
Sie kannte diesen Übergang.
'Er hatte Glück' bedeutete meist nichts Gutes für sie. Minerva griff nach ihrer Tasse.
„Hast du eigentlich noch Kontakt zu…“
„Es ist schön, ein Kind aufwachsen zu sehen.“
Zu spät. Minerva hielt mitten in der Bewegung inne. Isobel bemerkte es nicht oder ignorierte es.
„Und später eine Enkelin zu haben.“
Minerva sah in ihre Tasse. Sie wusste genau, wohin das führte. Vielleicht konnte sie das Thema noch retten.
„Du wolltest mir doch erzählen, wie es Margaret…“
„Ich habe mir immer mehr Enkelkinder gewünscht.“
Minerva schloss für einen kurzen Moment die Augen. Natürlich… Natürlich tat sie das. Minerva sah auf die große Standuhr. Sie war noch nicht einmal eine Stunde hier. Minerva stellte ihre Tasse sehr langsam auf die Untertasse. Isobel seufzte.
„Es ist einfach bedauerlich.“
Minerva sagte nichts.
„Malcolm hat mir Annie geschenkt, aber ich hätte mir immer gewünscht, dass auch du…“
Minervas Kiefer spannte sich leicht an.
'Bitte nicht. Nicht heute.'
„…Kinder bekommst.“
Da war es. Minerva starrte für einen Moment auf den Teetisch. Sie konnte es nicht fassen. Nicht einmal eine verdammte Stunde. Isobel bemerkte ihre Reaktion offenbar nicht oder sie interpretierte Minervas Schweigen als Einladung weiterzureden.
„Du wärst eine gute Mutter gewesen.“
Minerva schluckte. Dieser Satz traf sie noch immer an einer Stelle, die sie längst verschlossen glaubte.
„Es ist wirklich schade, dass es nie dazu gekommen ist.“
Minerva hob langsam den Blick. Sie hätte einiges darauf erwidern können. Zum Beispiel, dass sie das wusste und dass sie sich früher selbst Kinder gewünscht hatte, dass sie sich jahrelang damit auseinandergesetzt hatte und dass ihr Mann keine gewollt hatte. Nach seinem Tod wollte sie nie wieder jemanden an sich heranlassen und dass sie inzwischen längst mit diesem Teil ihres Lebens abgeschlossen hatte. Vor allen hätte sie gerne gesagt, dass sie dieses Gespräch nicht bei jedem Besuch erneut führen wollte, aber Minerva sagte nichts. Sie wollte keinen Streit. Nicht jetzt. Sie war gerade erst angekommen. Also nahm sie lediglich ihre Tasse wieder in die Hand, obwohl sie überhaupt keinen Tee mehr wollte. Ihr Gesicht blieb ruhig und kontrolliert. Nur ihre Finger lagen ein wenig fester um das Porzellan.
Irgendwann gelang es Minerva tatsächlich, das Gespräch von ihrer Kinderlosigkeit wegzuführen. Es war zwar nicht elegant, aber erfolgreich.
Sie erzählte ihrer Mutter noch ein wenig von Hogwarts, ließ sich anschließend ausführlich über einige Veränderungen am Haus informieren und hörte geduldig zu, als Isobel ihr erklärte, warum der Gärtner im vergangenen Monat angeblich beinahe ihre gesamten Rosen ruiniert hatte. Minerva war beinahe dankbar für das Thema. Alles war besser als eine weitere Diskussion darüber, was in ihrem Leben hätte sein können. Nach einer Weile stellte sie ihre Tasse ab.
„Ich werde nun nach oben gehen und auspacken.“
Isobel sah zur Uhr.
„Natürlich.“
„Und mich umziehen.“
„Dein Zimmer ist vorbereitet.“
„Danke.“
„Milly hat frische Bettwäsche aufgezogen.“
Minerva nickte.
„Dann bedanke ich mich später bei ihr.“
Isobel winkte ab.
„Dafür ist sie schließlich da.“
Minerva erhob sich.
„Ruh dich ein wenig aus“, sagte Isobel. „Du siehst wirklich müde aus.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ich sehe genauso aus wie vor einer Stunde.“
„Und da habe ich bereits gesagt, dass du müde aussiehst.“
„Ich erinnere mich.“
„Dann weißt du, dass ich recht habe.“
Minerva unterdrückte einen Kommentar.
„Bis später, Mutter.“
Mit ihrem Koffer ging sie nach oben.
Ihr altes Zimmer befand sich noch immer am Ende des Flures. Minerva öffnete die Tür.
Sofort schlug ihr dieses merkwürdige Gefühl entgegen, das sie jedes Mal hatte, wenn sie hierherkam. Es war ihr Zimmer und gleichzeitig längst nicht mehr. Die Möbel waren größtenteils dieselben geblieben. Der alte Schrank stand noch an der Wand, ebenso die Kommode und der kleine Schreibtisch am Fenster. Natürlich war inzwischen vieles verändert worden, aber genug war geblieben, um Erinnerungen hervorzurufen.
Minerva stellte ihren Koffer auf das Bett und sah sich kurz um.
„Zwei Tage“, murmelte sie. „Vielleicht drei.“
Dann würde sie zurückkehren und danach hatte sie Hermine wieder bei sich. Allein der Gedanke hob ihre Stimmung.
Minerva öffnete ihren Koffer und begann auszupacken. Sie hängte zwei Kleider in den Schrank, legte ihre Nachtwäsche in die Kommode, ein Buch auf den Nachttisch und einige weitere persönliche Dinge daneben. Dann griff sie wieder in den Koffer. Ihre Finger berührten einen Rahmen. Sofort hielt sie inne. Dann zog sie ihn langsam heraus. Sofort erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
Hermine.
Natürlich hatte Minerva ebenfalls ein Bild mitgenommen. Es war eigentlich vollkommen unnötig, denn sie war bekanntermaßen nicht lange von Hermine getrennt, aber trotzdem hatte Minerva es am Abend zuvor ganz selbstverständlich eingepackt.
Sie setzte sich auf die Bettkante. Das Foto zeigte sie beide zusammen als ganz normales Paar. Minerva betrachtete Hermines Gesicht. Dieses Lächeln, ihre Nähe und wie selbstverständlich sie auf dem Bild zueinander gehörten. Minervas Daumen strich sanft über das Glas.
„Ich vermisse dich jetzt schon.“
Es war beinahe lächerlich. Hermine war gerade einmal seit gestern fort. Vermutlich saß sie in diesem Moment mit Ginny zusammen und erzählte ihr irgendwelche Dinge, von denen Minerva lieber gar nicht wissen wollte, dass sie erzählt wurden. Minervas Augen verengten sich leicht.
„Nicht zu viele Einzelheiten, mein Schatz.“
Bei dem Gedanken musste sie lachen. Sie betrachtete das Bild noch einen Moment.
Am liebsten hätte sie es auf den Nachttisch gestellt. So würde Hermine wenigstens auf irgendeine Weise hier sein. Minerva bewegte sich bereits, doch dann hielt sie erneut inne. Ihr Blick wanderte zur Tür.
Nein. Auf keinen Fall.
Die Hauselfen ihrer Mutter konnten jederzeit in dieses Zimmer kommen, falls sie nicht hier sein sollte. Minerva verzog das Gesicht. Die Hauselfen in Hogwarts wussten sicher längst alles über sie und Hermine, aber sie waren ausgesprochen diskret. Isobels Hauselfen hingegen…
Minerva erinnerte sich nur zu gut daran, wie ihre Mutter vor vielen Jahren innerhalb von Minuten erfahren hatte, dass Minerva als Kind nachts noch gelesen hatte, weil eine Hauselfe am Morgen erwähnt hatte, das Licht sei so lange an gewesen. Es war keinesfalls aus Bosheit geschehen, doch die Hauselfen erzählten ihrer Mutter einfach alles. Wenn eine von ihnen dieses Bild sah… Minerva stellte sich das Gespräch bereits vor.
'Mistress McGonagall hat ein Bild von einer jungen Frau neben ihrem Bett.'
Ihre Mutter würde keine fünf Minuten brauchen.
'Wer ist sie? Warum hast du ein gemeinsames Bild? Warum steht es neben deinem Bett? Warum lächelt ihr euch so an? Seit wann steht ihr euch so nahe?'
Und irgendwann würde Isobel verstehen. Minerva schloss die Augen. Das Donnerwetter konnte sie sich lebhaft vorstellen. Dafür war sie noch nicht bereit. Vor allem nicht nach dem Gespräch über Kinder.
„Bedauerlich.“
Minerva strich ein letztes Mal sanft mit dem Daumen über Hermines Gesicht. Dann beugte sie sich hinunter und legte das Bild zurück in ihren Koffer und verbarg es ganz unten zwischen ein paar restlichen Kleidungsstücken. Minerva klappte den Deckel halb darüber. Nur für alle Fälle…
„Tut mir leid, mein Schatz.“
Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Du musst dich noch ein wenig verstecken.“
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verschwand ihr Lächeln für einen Moment. Wie passend…
Selbst hier musste sie Hermine verstecken. Minerva sah auf den Koffer. Sie mochte dieses Gefühl immer weniger, doch für den Augenblick blieb ihr nichts anderes übrig. Also schloss sie den Koffer und schob ihn ordentlich an die Seite. Das Bild blieb darin verborgen und damit vorerst auch das Geheimnis, das Minerva irgendwann nicht mehr verstecken wollte.
Am späten Nachmittag hielt Minerva es nicht mehr im Haus. Sie genoss die Gesellschaft ihrer Mutter, aber nach dem Gespräch über Kinder und den vielen Erinnerungen, die allein ihr altes Zimmer hervorgerufen hatte, brauchte sie ein wenig Zeit für sich. Also zog sie ihre Jacke über und verließ das Herrenhaus.
„Ich gehe eine Runde spazieren“, hatte sie ihrer Mutter zugerufen.
Isobel hatte lediglich aus dem Wohnzimmer geantwortet:
„Sei zum Abendessen zurück.“
Minerva hatte beinahe lachen müssen. Jahrzehnte waren vergangen, sie war Schulleiterin von Hogwarts, hatte zwei Kriege überlebt und war eine der angesehensten Hexen des Landes und ihre Mutter erinnerte sie trotzdem daran, rechtzeitig zum Abendessen zurückzukommen. Manche Dinge änderten sich offenbar wirklich nie.
Draußen empfing sie die frische Luft von Caithness. Minerva atmete tief ein. Der Wind war kräftiger geworden und zerrte leicht an ihrer Kleidung. Über den weiten Himmel zogen helle Wolken, zwischen denen immer wieder die Sonne hervorkam. Minerva schlug ganz automatisch einen Weg ein, den sie schon als Kind unzählige Male gegangen war. Sie ging am Garten vorbei und durch das kleine Tor. Dann hinaus über einen schmalen Pfad. Sie musste nicht darüber nachdenken, wohin sie ging. Ihre Füße kannten den Weg und mit jedem Schritt fühlte sie, wie die Anspannung langsam von ihr abfiel. Es tat trotz allem gut, hier zu sein. Hogwarts war ihr Zuhause geworden. Das hier war ihre Heimat. Es war der Ort ihrer Kindheit. Hier lagen Erinnerungen, die viel weiter zurückreichten. Sie dachte an ihre Eltern, ihre Brüder und die unbeschwerten Tage, bevor sie überhaupt verstanden hatte, wie kompliziert das Leben werden konnte. Minerva lächelte, als sie an einer alten Steinmauer vorbeikam. Sie wusste noch genau, wie sie als Mädchen darauf balanciert war. Ihre Mutter hatte es gehasst.
'Minerva, komm sofort dort herunter.'
Natürlich war sie nicht heruntergekommen. Zumindest nicht freiwillig. Minerva strich im Vorbeigehen über den rauen Stein. Sie konnte Hermine beinahe hören.
„Du warst schon immer schwierig.“
Minerva lächelte.
Hermine.
Ihre Gedanken fanden inzwischen erstaunlich schnell zu ihr zurück. Sie seufzte und ging weiter über die Felder bis sich die Landschaft vor ihr öffnete. Minerva blieb stehen. In der Ferne war die Küste zu erkennen. Hier war der Wind noch stärker. Sie schloss für einen Moment die Augen und ließ ihn über ihr Gesicht streichen. Es fühlte sich gut an und plötzlich dachte sie daran, wie es wäre, wenn Hermine jetzt neben ihr stünde. Minerva öffnete die Augen. Sie konnte es sich erstaunlich gut vorstellen. Hermine würde vermutlich tausend Fragen stellen.
Wo Minerva als Kind gespielt hatte. Wo sie zum ersten Mal gezaubert hatte. Wo sie sich vor ihrer Mutter versteckt hatte. Ob sie als Kind schon so streng gewesen war. Minerva lachte leise. Bei der letzten Frage würde sie selbstverständlich jede Aussage verweigern. Sie stellte sich vor, wie sie Hermine die alten Wege, die Landschaft, den Garten und das Haus zeigte. Sie wollte es ihr als Partnerin zeigen und nicht als Kollegin oder heimliche Freundin. Minerva steckte die Hände in die Taschen ihrer Jacke und ging langsam weiter.
„Irgendwann.“
Schon wieder dieses Wort, aber dieses Mal fühlte es sich ein wenig anders an. Irgendwann würde Hermine hier mit ihr spazieren - Hand in Hand und sie wollte ihr ihre eigene Geschichte erzählen. Sie wollte ihr von ihrer Familie, ihrer Kindheit hier und von dem Mädchen erzählen, das sie einmal gewesen war, lange bevor sie Professor McGonagall geworden war.
Minerva wollte das. Sie wollte Hermine diesen Teil ihres Lebens zeigen. Hermine kannte nur die Frau, die sie heute war, aber das reichte nicht, denn Hermine hatte ihr längst so viel von sich gegeben. Sie kannte Hermines Vergangenheit, ihre Hoffnungen und Ängste und nun wollte sie dasselbe tun. Sie blieb erneut stehen und blickte zurück. Das Herrenhaus war aus dieser Entfernung nur teilweise zu sehen. Dort saß ihre Mutter und war vollkommen ahnungslos. Sie wusste nicht, dass ihre Tochter nach all den Jahren wieder jemanden liebte und endlich glücklich war.
Minervas Gesicht wurde nachdenklich. Irgendwann musste Isobel es erfahren und wenn Minerva sich vorstellte, Hermine tatsächlich hierherzubringen, wusste sie, dass dieser Tag zwangsläufig kommen würde. Sie hoffte nur, dass ihre Mutter dann sehen würde, was wirklich zählte, denn das war Minerva selbst. Ihre Mutter sollte sehen, wie glücklich sie mit Hermine war und dass der große Altersunterschied und die Tatsache, dass sie eine Frau war, keine Rolle spielten. Minerva lächelte schwach.
„Hoffentlich.“
Mehr konnte sie im Moment nicht tun. Sie wandte sich wieder dem Weg zu und ging weiter. Nun stellte sie sich bei jedem vertrauten Ort vor, wie es wäre, ihn eines Tages noch einmal zu besuchen und zwar mit Hermine an ihrer Seite.
Während Minerva durch die Landschaft ihrer Kindheit spazierte, genoss Hermine ihren ersten richtigen Ferientag in Godric’s Hollow. Nach dem Frühstück hatte Ginny beschlossen, dass sie unbedingt ein paar Dinge besorgen mussten.
„Für James“, hatte sie gesagt.
Harry hatte nur gelacht.
„Du meinst, du willst einkaufen.“
„Für James.“
„Ja, ist klar.“
Eine gute Stunde später schoben Ginny und Hermine den Kinderwagen durch die Straßen. James saß darin und betrachtete aufmerksam alles, was um ihn herum geschah. Gelegentlich zeigte er auf irgendetwas und kommentierte es mit einem einzelnen Wort oder einem begeisterten Laut.
„Da!“
Hermine folgte seinem ausgestreckten Finger.
„Ein Hund.“
„Hund!“
„Genau.“
James strahlte. Hermine beugte sich zu ihm hinunter.
„Du bist wirklich viel zu niedlich.“
Ginny schnaubte neben ihr.
„Sag ihm das nicht ständig. Er weiß es inzwischen.“
„Natürlich weiß er es.“
Hermine strich James liebevoll über die Haare.
„Stimmt doch.“
„Du verwöhnst ihn.“
„Dafür bin ich da.“
„Du bist seine Patentante, nicht seine persönliche Geschenkeversorgung.“
Hermine sah Ginny vollkommen ernst an.
„Ich sehe da keinen Unterschied.“
Im ersten Geschäft fanden sie neue Kleidung für James. Ginny wollte eigentlich nur zwei dünne Oberteile kaufen. Eigentlich.
Am Ende lagen auf dem Tresen mehrere Shirts, zwei Hosen, ein kleiner Pullover und eine Jacke, die Hermine unbedingt hatte mitnehmen wollen.
„Die Jacke braucht er nicht“, sagte Ginny.
„Doch.“
„Hermine, es ist Sommer.“
„Der nächste Herbst kommt schneller, als uns lieb ist.“
„Er wächst.“
„Dann nehmen wir sie etwas größer.“
Ginny starrte sie an.
„Du hast auf alles eine Antwort, oder?“
„Meistens.“
James patschte währenddessen begeistert auf den Stoff. Hermine zeigte auf ihn.
„Siehst du? Er möchte sie.“
„Er würde auch eine Tischdecke nehmen, wenn du sie ihm hinhältst.“
„Trotzdem.“
Als Ginny schließlich bezahlen wollte, war Hermine schneller.
„Hermine.“
„Was?“
„Gib her.“
„Auf keinen Fall.“
„Das sind seine Sachen.“
„Eben.“
„Und er ist mein Sohn.“
„Und mein Patenkind.“
Hermine reichte das Geld hinüber. Ginny stemmte eine Hand in die Hüfte.
„Das ist kein Argument.“
„Doch und zwar der Endgegner für jede Diskussion.“
Hermine nahm zufrieden die Tüte entgegen. Ginny schüttelte den Kopf.
„Unmöglich, aber vielen Dank.“
„Das höre ich in letzter Zeit erstaunlich häufig.“
„Von Minerva?“
Hermine grinste.
„Unter anderem.“
Nachdem sie noch einige Kleinigkeiten besorgt hatten, suchten sie sich ein kleines Café. Sie setzten sich draußen an einen Tisch. James bekam etwas zu trinken und einen kleinen Snack, während Ginny und Hermine sich Kaffee bestellten. Hermine lehnte sich entspannt zurück.
„Das habe ich vermisst.“
„Einkaufen?“
„Nein.“
Sie lächelte.
„Das hier. Einfach mit dir irgendwo sitzen und reden.“
Ginny lächelte ebenfalls.
„Ich auch.“
James war inzwischen vollkommen damit beschäftigt, ein Stück Gebäck auseinanderzunehmen. Hermine beobachtete ihn amüsiert.
„Er ist wirklich groß geworden.“
„Viel zu schnell.“
Ginny sah ihren Sohn an.
„Manchmal habe ich das Gefühl, ich drehe mich einmal um und plötzlich kann er etwas Neues.“
„Gefällt dir der Alltag mit ihm?“
Ginny brauchte keine Sekunde zum Nachdenken.
„Sehr.“
Ihr Gesicht wurde weich.
„Natürlich gibt es Tage, an denen ich abends einfach nur noch ins Bett fallen möchte und manchmal frage ich mich, wie ein so kleiner Mensch so viel Chaos verursachen kann.“
Hermine lachte.
„Das Talent hat er vermutlich von Harry.“
„Definitiv.“
„Hey“, sagte James, als hätte er wirklich verstanden, wovon die beiden Frauen sprachen.
Beide sahen zu ihm. Ginny grinste.
„Er verteidigt seinen Vater.“
Hermine beugte sich ein wenig zu James.
„Deine Mutter hat angefangen.“
„Hermine!“
Sie lachten. Ginny erzählte weiter von den kleinen Routinen, die sich inzwischen entwickelt hatten. James war morgens häufig viel früher wach, als Harry und sie es gern hätten, er hatte einen anstrengenden Dickkopf und Ginny erzählte auch von der Art, wie er Harry an der Tür erwartete, wenn er wusste, dass sein Vater bald nach Hause kam.
„Es ist manchmal anstrengend“, sagte Ginny. „Aber gleichzeitig…“
Sie sah James an.
„…ist es einfach schön.“
Hermine lächelte.
„Das glaube ich dir sofort.“
Wie sollte sie auch nicht? James war ein kleiner Sonnenschein. Hermine konnte kaum fünf Minuten mit ihm verbringen, ohne irgendwann über irgendetwas zu lachen. In diesem Moment hielt James ihr ein völlig zerdrücktes Stück Gebäck hin.
„Mine.“
Hermine betrachtete es.
„Ist das für mich?“
„Ja.“
„Wie großzügig.“
Ginny lachte.
„Jetzt musst du es essen. Er hat es dir geschenkt.“
Hermine sah das zerquetschte Gebäck an und dann den strahlenden James.
„Natürlich.“
Sie nahm ein winziges Stück.
„Ausgezeichnet.“
James klatschte begeistert in die Hände. Hermine lachte.
„Siehst du? Viel zu niedlich.“
Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile. Hermine erzählte ein wenig von den Plänen mit Minerva, ohne bereits zu wissen, wohin ihre gemeinsame Reise tatsächlich gehen würde. Irgendwann verstummte Ginny mitten im Satz. Sie beobachtete Hermine. Genauer gesagt ihre Hand.
„Was machst du da eigentlich?“
Hermine blinzelte.
„Was?“
„Das.“
Ginny deutete auf sie. Erst jetzt bemerkte Hermine, dass ihre Finger schon wieder um den kleinen Smaragdanhänger an ihrem Hals lagen.
„Ach.“
Sie lächelte sofort. Ginny wurde neugierig.
„Du fasst da seit mindestens zehn Minuten immer wieder dran.“
Hermine sah auf die Kette.
„Das ist… eine Angewohnheit.“
„Offensichtlich.“
Ginny beugte sich etwas vor.
„Die habe ich Weihnachten schon gesehen.“
„Mhm.“
„Von Minerva?“
Hermines Lächeln genügte als Antwort.
„Natürlich von Minerva“, meinte Ginny.
Hermine nahm den Anhänger zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Sie hat mir die Kette zu Weihnachten geschenkt.“
„Schön ist sie.“
„Sie ist nicht nur schön.“
Ginny hob eine Augenbraue.
„Verzaubert?“
Hermine nickte.
„Der Anhänger wird warm, wenn Minerva an mich denkt.“
Ginny blinzelte.
„Ernsthaft?“
„Mhm.“
Ginny starrte auf den Anhänger. Dann auf Hermine und wieder auf den Anhänger.
„Und deshalb fasst du die ganze Zeit dran?“
Hermine lachte.
„Vielleicht.“
Ginny grinste.
„Ist er gerade warm?“
Hermine schloss ihre Finger wieder um den Stein. Eigentlich musste sie gar nicht nachsehen. Sie spürte die Wärme bereits seit einer ganzen Weile an ihrer Haut und sie war deutlich. Hermines Lächeln wurde breiter.
„Ja.“
„Wie warm?“
Hermine sah Ginny an.
„Sehr warm.“
Für eine Sekunde schwiegen sie. Dann brachen beide gleichzeitig in Gelächter aus.
„Merlin“, brachte Ginny hervor. „Die Frau ist seit gestern ohne dich und denkt offenbar ununterbrochen an dich.“
„Ich beschwere mich nicht.“
„Das sehe ich.“
Hermine hielt den Anhänger noch immer zwischen ihren Fingern und konnte ihr glückliches Lächeln überhaupt nicht verbergen. Ginny schüttelte lachend den Kopf.
„Ihr zwei seid wirklich hoffnungslos verliebt.“
Hermine sah wieder auf den Smaragd. Die Wärme pulsierte sanft gegen ihre Finger. Irgendwo weit entfernt dachte Minerva gerade an sie. Hermine lächelte.
„Ja“, sagte sie leise.
Dann sah sie Ginny wieder an.
„Das sind wir.“
Und schon mussten beide wieder lachen. Ginny lächelte Hermine noch immer an.
„Ich freue mich wirklich für dich.“
Hermine ließ den Anhänger langsam zwischen ihren Fingern los.
„Das sagst du jetzt schon zum dritten Mal.“
„Weil es stimmt.“
Ginny nahm ihre Kaffeetasse.
„Du bist glücklich und Minerva offensichtlich auch. Was soll ich dagegen haben?“
Hermine lächelte zunächst. Dann senkte sie den Blick. Ginny bemerkte die Veränderung sofort.
„Was ist?“
„Nichts.“
„Hermine, ich kenne dich schon ein paar Jahre. Sag schon.“
Hermine seufzte.
„Es ist nur…“
Sie strich mit dem Finger über den Tassenrand.
„Mittlerweile wissen es so viele.“
„So viele?“
„Pomona weiß es, Poppy auch und Irina sowieso.“
Ginny nickte.
„Du natürlich.“
„Dafür bin ich wirklich dankbar“, meinte Ginny lächelnd.
Hermine musste kurz lächeln.
„Und jetzt auch Neville.“
„Neville weiß es?“
„Er hat uns irgendwann gesehen.“
„Was gesehen?“
Hermine warf ihr einen Blick zu. Ginny hob sofort die Hände.
„Schon gut. Keine schlüpfrigen Geheimnisse.“
„Es war ein Kuss. Mehr nicht.“
„Langweilig, aber akzeptiert.“
Hermine lachte kurz, wurde dann jedoch wieder ernster.
„Jedenfalls weiß Neville Bescheid und weißt du, was alle gemeinsam haben?“
„Was?“
„Niemand hat ein Problem damit.“
Ginny zuckte mit den Schultern.
„Warum auch?“
„Genau das meine ich.“
Hermine sah sie an.
„Pomona hat sich gefreut, Poppy und Irina auch. Neville hat mir gesagt, dass Minerva und ich es beide verdient hätten, glücklich zu sein. Du sitzt hier und erzählst mir dasselbe.“
„Weil es stimmt.“
„Ich weiß.“
Hermine schwieg kurz.
„Und genau das macht es irgendwie noch schwerer.“
Ginny runzelte die Stirn.
„Du meinst die Heimlichkeit?“
Hermine nickte.
„Wenn alle schockiert wären oder mir sagen würden, wie furchtbar sie das finden, könnte ich wenigstens verstehen, warum wir uns verstecken.“
Sie sah auf ihre Hände.
„Aber stattdessen erfahren immer mehr Menschen davon und die Reaktion ist jedes Mal einfach… - Na und? Ihr liebt euch. Schön für euch.“
Hermine zuckte mit den Schultern. Ginny lächelte leicht.
„So sollte es auch sein.“
„Ja.“
Hermine sah zu James, der inzwischen zufrieden in seinem Kinderwagen saß und mit einem kleinen Spielzeug beschäftigt war.
„Und trotzdem sitze ich beim Abendessen einen Meter von Minerva entfernt und muss überlegen, ob ich sie vielleicht eine Sekunde zu lange angesehen habe.“
Ginny wurde ernst.
„Das ist beschissen.“
„Ist es.“
„Hast du mit Minerva darüber gesprochen?“
„Nicht richtig.“
„Warum nicht?“
Hermine dachte nach.
„Weil ich sie verstehe.“
Ginny wartete.
„Während meiner Ausbildung war es richtig“, erklärte Hermine. „Minerva ist die Schulleiterin. Später wurde sie sogar meine Mentorin. Wenn unsere Beziehung öffentlich gewesen wäre, hätte jeder behaupten können, sie bevorzugt mich.“
„Featherstone hat das ja sogar ohne Beweise getan.“
„Eben.“
Hermine griff wieder nach dem Anhänger.
„Und jetzt habe ich gerade erst meine Prüfungen bestanden. Wenn wir morgen plötzlich verkünden, dass wir zusammen sind…“
„…könnten Leute nachträglich Fragen stellen.“
„Genau.“
Ginny nickte langsam. Das verstand sie. Hermine sah sie an.
„Was meinst du? Wie lange müssen wir es noch geheim halten?“
Ginny zog nachdenklich die Stirn kraus.
„Ich weiß es nicht.“
Hermine seufzte.
„Das ist nicht wirklich hilfreich.“
„Was soll ich sagen?“
Ginny beugte sich etwas vor.
„Ich finde grundsätzlich, dass es niemanden etwas angeht.“
Hermine sah sie an.
„Du und Minerva seid erwachsene Frauen. Ihr seid glücklich miteinander. Niemand darf euch dafür verurteilen.“
„Das wäre schön.“
„Nein, ernsthaft.“
Ginny schüttelte den Kopf.
„Man sucht sich doch nicht aus, in wen man sich verliebt.“
Hermines Gesicht wurde weich.
„Nein.“
Das wusste sie inzwischen besser als jeder andere. Sie hatte sich ganz sicher nicht vorgenommen, sich ausgerechnet in Minerva McGonagall zu verlieben. Es war einfach passiert. Vielleicht schon viel früher, als Hermine sich selbst eingestanden hatte. Ginny fuhr fort:
„Aber ich verstehe auch, warum ihr gerade noch vorsichtig seid. Deine Prüfung ist keine Woche her.“
„Genau.“
„Vielleicht…“ Ginny dachte nach. „…im neuen Schuljahr?“
Hermine wurde aufmerksam.
„Meinst du?“
„Warum nicht?“
„Und wie sollen wir erklären, dass wir plötzlich zusammen sind?“
Ginny zuckte mit den Schultern.
„Es muss sich doch irgendeine Gelegenheit ergeben.“
„Das klingt sehr konkret.“
„Warte.“
Ginny grinste langsam.
„Eigentlich ist es sogar ziemlich einfach.“
„Ich höre.“
„Ihr verbringt doch Teile der Ferien zusammen.“
Hermine nickte.
„Das Cottage, unsere Reise und danach Hogwarts.“
„Na also.“
Ginny lehnte sich zufrieden zurück.
„Dann könnt ihr sagen, dass ihr euch während der Ferien privat getroffen habt.“
Hermine hob eine Augenbraue.
„Privat?“
„Freundschaftlich natürlich.“
Jetzt musste Hermine lachen.
„Ja sicher.“
„Was? Ihr wart Kolleginnen. Ihr habt euch gut verstanden. Du hattest deine Ausbildung abgeschlossen. Ihr habt euch in den Ferien ein paarmal getroffen und…“
Ginny schnippte mit den Fingern.
„…es hat gefunkt.“
Hermine starrte sie einen Moment an. Dann erschien ein ausgesprochen freches Grinsen auf ihrem Gesicht.
„Oh, Ginny.“
„Was?“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass es zwischen Minerva und mir in diesen Ferien noch ordentlich funken wird.“
Ginny brauchte eine Sekunde. Dann prustete sie los.
„Hermine!“
Hermine lachte ebenfalls.
„Du hast angefangen.“
„Ich meinte romantisch!“
„Ich auch.“
Ginny sah sie vielsagend an.
„Natürlich.“
Hermine versuchte, unschuldig auszusehen, doch das gelang ihr überhaupt nicht. Ginny schüttelte lachend den Kopf.
„Wenn ich daran denke, wie du Minerva schon an Weihnachten angesehen hast, kann ich mir ungefähr vorstellen, wie eure Ferien aussehen, wenn ihr an einem einsamen Strand in der Sonne liegt, leicht bekleidet oder vielleicht auch nicht bekleidet…“
„Ginny!“
„Was denn?“
„Du wolltest doch keine schlüpfrigen Geheimnisse mehr.“
„Ich brauche überhaupt keine Einzelheiten.“
Ginny grinste.
„Ich kann mir auch so vorstellen, dass ihr zwei in diesem abgelegenen Cottage nicht besonders lange die Finger voneinander lassen könnt und wie gesagt, am Strand seid ihr beide sowieso verloren.“
Hermine wurde leicht rot, was Ginny natürlich sofort bemerkte.
„Ha!“
„Hör auf.“
„Ich habe aber recht.“
„Dazu sage ich gar nichts.“
„Musst du nicht.“
Ginny lachte.
„Dein Gesicht reicht.“
Hermine schüttelte den Kopf und nahm ihre Kaffeetasse.
„Du bist furchtbar.“
„Und du bist verliebt.“
„Sehr sogar.“
Die Worte kamen vollkommen selbstverständlich. Ginny lächelte. Für einen Moment schwiegen sie. Dann wurde Hermine wieder nachdenklicher.
„Aber vielleicht hast du tatsächlich recht.“
„Das sind wirklich vernünftige Worte.“
„Gelegentlich.“
Hermine sah hinaus auf die Straße.
„Die Ferien könnten ein Neustart sein.“
Ginny nickte.
„Meine Ausbildung ist vorbei. Ich bin offiziell Lehrerin. Minerva ist nicht mehr meine Mentorin.“
„Und wenn ihr nach den Ferien irgendwann sagt, dass sich eure Beziehung verändert hat…“
„…liegt etwas Abstand zwischen meiner Prüfung und uns.“
„Exakt.“
Hermine dachte darüber nach. Es würde nicht einmal eine große Lüge brauchen. Sie und Minerva würden tatsächlich gemeinsam Zeit verbringen. Sie würden verreisen und vermutlich würde ihre Beziehung sich während dieser Wochen noch einmal verändern. Sie konnten in dieser Zeit herausfinden wie es ist, miteinander zu leben. Hermine griff wieder nach ihrem Anhänger. Er war noch immer warm.
„Ich muss mit Minerva darüber sprechen.“
„Solltest du.“
„Aber nicht jetzt.“
Ginny lächelte.
„Nein. Jetzt sollst du erst einmal deine Ferien genießen.“
Hermine grinste.
„Das habe ich vor.“
Ginny hob vielsagend die Augenbrauen. Hermine begann wieder zu lachen, doch hinter dem Lachen blieb ein Gedanke.
'Vielleicht war das wirklich die Lösung.'
Sie würden die Ferien als Grenze betrachten und müssten nicht mehr ewig auf den perfekten Zeitpunkt warten. Jetzt konnte etwas Neues beginnen:
Ein Leben, in dem sie sich endlich nicht mehr verstecken mussten.