Schwesterherz
Schwesterherz
Als Minerva einige Zeit später zum Herrenhaus zurückkehrte, fühlte sie sich tatsächlich besser. Der Spaziergang hatte ihr gutgetan. Die frische Luft, die vertrauten Wege und vor allem die Ruhe hatten dafür gesorgt, dass sie die Bemerkungen ihrer Mutter vom Nachmittag ein wenig abschütteln konnte. Minerva zog ihre Jacke aus und hängte sie in der Eingangshalle auf.
„Mutter?“
„Im Wohnzimmer!“
Minerva folgte der Stimme. Isobel saß in ihrem Sessel am Fenster. Auf dem kleinen Tisch neben ihr lagen einige Briefe und eine Zeitschrift, doch offenbar hatte sie nichts davon besonders interessiert.
„Da bist du ja.“
„Wie versprochen.“
Minerva setzte sich auf das Sofa.
„Pünktlich zum Abendessen.“
„Ich hatte schon befürchtet, ich müsste dich suchen lassen.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ich bin keine fünf mehr.“
„Das weiß ich.“
„Manchmal bin ich mir da nicht sicher.“
Isobel lächelte.
„War es schön?“
„Sehr.“
Minerva lehnte sich zurück.
„Ich bin den alten Weg bis zur Anhöhe gegangen.“
„Den bist du früher ständig gelaufen.“
„Ich weiß.“
„Dein Vater hat dich dort einmal stundenlang gesucht.“
Minerva verzog den Mund.
„Das ist maßlos übertrieben.“
„Zwei Stunden.“
„Ich saß hinter der alten Mauer.“
„Genau. Weil du beleidigt warst.“
„Ich war acht.“
„Du warst stur.“
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Isobel lachte und Minerva stimmte schließlich zu. So ging es eine ganze Weile. Es war angenehm. Sie sprachen über alte Zeiten, Malcolm und Menschen aus dem Dorf, die Minerva noch aus ihrer Jugend kannte.
Isobel erzählte eine Geschichte über eine Nachbarin, bei der Minerva irgendwann so lachen musste, dass sie ihre Teetasse abstellen musste. Das waren die Momente, die Minerva an ihren Besuchen mochte. Ihre Mutter konnte ausgesprochen unterhaltsam sein und trotz aller Unterschiede standen sie einander nahe. Gerade deshalb wünschte sich Minerva manchmal, Isobel würde gewisse Dinge einfach ruhen lassen. Leider hielt dieser Wunsch nicht besonders lange.
Nach dem Abendessen saßen sie erneut im Wohnzimmer. Minerva hatte ihre Schuhe ausgezogen und es sich mit einer Tasse Tee bequem gemacht. Isobel musterte sie. Minerva bemerkte es natürlich gleich.
„Was?“
„Nichts.“
„Du siehst mich seit mindestens einer Minute an.“
„Darf ich meine eigene Tochter nicht ansehen?“
„Doch, aber ich kenne diesen Blick.“
„Welchen Blick?“
„Den, bei dem du überlegst, wie du mir eine Frage stellen kannst, die dich eigentlich nichts angeht.“
Isobel sah beinahe beleidigt aus. Einige Sekunden sahen sie einander an. Dann seufzte Isobel.
„Ich mache mir eben Gedanken.“
„Das solltest du weniger tun.“
„Über dich.“
„Das macht es nicht besser.“
Isobel ignorierte das.
„Du bist so viel allein.“
Da war es wieder. Minerva schloss kurz die Augen.
„Ich bin nicht allein.“
Diesmal meinte sie es auf eine vollkommen andere Weise, als ihre Mutter ahnte. Isobel konnte das natürlich nicht wissen.
„Du weißt, was ich meine.“
„Ich habe Freunde, Kollegen und eine ganze Schule voller Menschen.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Minerva strich langsam über den Henkel ihrer Tasse.
„Mutter, wir müssen dieses Gespräch wirklich nicht führen.“
„Warum nicht?“
„Weil wir es bereits ungefähr hundertmal geführt haben.“
„Und ich habe meine Meinung nicht geändert.“
„Ich auch nicht.“
Isobel schwieg kurz. Dann sagte sie:
„Du hättest nach Elphinstones Tod nicht allein bleiben sollen.“
Minerva wurde still. Für einen Augenblick schloss sie die Augen. Dieser Name hatte auch nach all den Jahren noch eine besondere Wirkung. Es tat nicht mehr so weh, doch er brachte Erinnerungen in ihr hoch.
„Das war meine Entscheidung.“
„Ich weiß.“
„Dann solltest du sie akzeptieren.“
„Ich habe sie akzeptiert.“
Minerva hob eine Augenbraue. Isobel seufzte.
„Gut. Vielleicht nicht vollständig, aber du warst noch jung genug, Minerva.“
„Ich wollte niemanden.“
Das war die Wahrheit. Damals hatte sie es nicht gekonnt. Nach Elphinstone hatte Minerva ihr Herz verschlossen. So war es einfacher und sicherer
„Vielleicht hättest du irgendwann wieder jemanden gewollt, wenn du es zugelassen hättest.“
Minerva musste sich beinahe ein Lächeln verkneifen. Wenn ihre Mutter wüsste…
Sie hatte tatsächlich irgendwann wieder jemanden gewollt, nur vermutlich nicht ganz so, wie Isobel es sich vorstellte.
Sie fragte sich, was Hermine gerade machte. Vermutlich saß sie mit Ginny zusammen, spielte mit James und lachte ausgelassen. Das hoffte sie zumindest.
„Du hörst mir überhaupt nicht zu“, stellte Isobel fest.
Minerva blinzelte.
„Doch.“
„Was habe ich gesagt?“
„Dass ich nach Elphinstone nicht allein hätte bleiben sollen.“
„Danach.“
Minerva schwieg. Isobel schnaubte.
„Siehst du.“
„Entschuldige.“
„Wo warst du gerade?“
'Bei meiner Freundin', dachte sie.
„In Gedanken.“
„Das habe ich bemerkt.“
Minerva nahm wieder ihre Tasse.
„Jedenfalls ist die Vergangenheit nicht mehr zu ändern.“
„Darum geht es mir doch gar nicht.“
Minerva wurde misstrauisch.
„Worum dann?“
Isobel lächelte plötzlich. Minerva gefiel dieses Lächeln überhaupt nicht.
„Ich habe vor einigen Wochen jemanden getroffen.“
Minerva starrte ihre Mutter an.
„Wie schön für dich.“
„Nicht für mich.“
Eine ungute Vorahnung machte sich breit.
„Mutter.“
„Du kennst ihn.“
„Wen?“
„Graham.“
Minerva brauchte einen Augenblick.
„Graham Fraser?“
„Genau.“
Tatsächlich kannte Minerva ihn schon viele Jahren. Ein alter Bekannter der Familie, den sie immer wieder im Dorf Anlässen getroffen hatte. Ein angenehmer Mann. Er war gebildet, höflich, ungefähr in ihrem Alter und vollkommen uninteressant für Minerva, sobald es um irgendetwas anderes als ein freundliches Gespräch ging.
„Was ist mit Graham?“
„Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben.“
Minerva runzelte die Stirn.
„Das weiß ich.“
„Er lebt inzwischen ebenfalls allein.“
„Das tut mir leid.“
„Und er sieht noch immer ausgesprochen gut aus.“
Minerva erstarrte. Langsam stellte sie ihre Tasse ab.
„Mutter“, sagte Minerva warnend.
Isobel lächelte viel zu unschuldig.
„Was?“
„Nein.“
„Ich habe noch gar nichts gesagt.“
„Du musst nichts sagen. Ich weiß genau, worauf das hinausläuft.“
„Du interpretierst zu viel hinein.“
„Dann sag mir, dass du nicht gerade versuchst, mich mit Graham Fraser zu verkuppeln.“
Isobel schwieg. Minerva starrte sie an.
„Verkuppeln ist ein furchtbares Wort.“
Minerva ließ den Kopf gegen die Sofalehne sinken.
„Merlin, steh mir bei.“
„Er ist ein sehr angenehmer Mann.“
„Das bestreite ich überhaupt nicht.“
„Ihr kennt euch, seid im selben Alter und ihr seid beide verwitwet.“
Minerva schloss die Augen.
„Das ist keine Grundlage für eine Beziehung.“
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
„Was behauptest du dann?“
Isobel nahm seelenruhig ihre Teetasse.
„Dass es euch vielleicht guttun würde, euch wiederzusehen.“
Minerva öffnete die Augen.
„Wir haben uns schon oft gesehen.“
„Nicht allein.“
„Ich möchte ihn auch nicht allein sehen.“
„Woher willst du das wissen?“
Minerva starrte ihre Mutter fassungslos an. Sie wusste sehr genau, warum:
Sie hatte bereits jemanden, sie war verliebt, sie vermisste jetzt schon Hermines Guten-Morgen-Kuss Vermisste und sie wollte keine Männer kennenlernen, aber all das konnte sie ihrer Mutter nicht sagen. Noch nicht.
„Ich bin nicht auf der Suche nach einem Partner.“
„Vielleicht solltest du das sein.“
Minerva atmete langsam ein.
„Mutter, lass es.“
Isobel betrachtete sie einen Moment. Dann erschien wieder dieses Lächeln.
„Ich dachte, ich könnte ihn morgen zum Abendessen einladen.“
Minerva stockte der Atem. Für einige Sekunden konnte sie ihre Mutter nur anstarren.
„Du möchtest was?“
Isobel schien von ihrer Reaktion vollkommen unbeeindruckt.
„Graham morgen zum Abendessen einladen.“
„Das habe ich verstanden.“
„Warum fragst du dann?“
Sie atmete langsam durch die Nase ein und wieder aus.
'Ganz ruhig.'
Sie würde ruhig bleiben, schließlich war sie eine erwachsene Frau und konnte nach allem, was sie bisher erlebt hat, auch ihre Mutter überstehen.
„Mutter“, begann sie sehr beherrscht. „Ich kenne Graham.“
Minerva faltete die Hände in ihrem Schoß.
„Ich kenne ihn sogar ziemlich gut.“
„Umso besser.“
„Nein.“
Isobel blinzelte.
„Nein?“
„Nein.“
Minerva sah sie fest an.
„Graham und ich waren früher befreundet. Wir haben uns gut verstanden, konnten uns unterhalten, wir haben gelegentlich gemeinsam etwas unternommen und ich mochte ihn.“
„Siehst du.“
„Als Freund.“
Isobel öffnete den Mund. Minerva hob sofort eine Hand.
„Nein. Ich weiß, was du jetzt sagen möchtest.“
„Das bezweifle ich.“
„Du möchtest sagen, dass aus Freundschaft manchmal mehr werden kann. Habe ich recht?“
„Vielleicht.“
„Natürlich.“
Minerva griff nach ihrer Tasse, überlegte es sich jedoch anders und stellte sie wieder ab, bevor sie überhaupt daraus getrunken hatte. Ihr Blutdruck stieg bereits merklich und sie hatte nicht die geringste Lust, den restlichen Abend damit zu verbringen, sich gegen einen Verkupplungsversuch ihrer eigenen Mutter zu verteidigen. Vor allem, weil die gesamte Situation geradezu absurd war. Minerva musste beinahe lachen. Ihre Mutter saß ihr gegenüber und versuchte, sie mit einem verwitweten alten Freund zusammenzubringen, während Minerva in ihrem Koffer ein Bild der Frau versteckte, mit der sie seit Monaten eine Beziehung führte und die sie so sehr liebte, mit der sie in wenigen Tagen mehrere Wochen verbringen würde und die sie heute bei ihrem Spaziergang so sehr vermisst hatte, dass sie sich bereits vorgestellt hatte, ihr eines Tages genau diese Landschaft zu zeigen.
'Ich brauche keinen Mann.'
Der Gedanke war so trocken, dass Minerva beinahe schnaubte. Sie hatte Hermine und Hermine war wesentlich mehr, als Minerva sich jemals noch für ihr Leben erhofft hatte, aber genau das konnte sie ihrer Mutter noch nicht sagen. Also musste sie einen anderen Weg finden.
„Graham ist ein netter Mann“, sagte sie schließlich. „Und ich würde mich durchaus freuen, ihn irgendwann einmal wiederzusehen.“
Isobels Gesicht hellte sich auf.
„Wunderbar.“
„In Gesellschaft.“
Das Lächeln verschwand wieder ein wenig.
„Ach Minerva. Du könntest ihm wenigstens eine Chance geben.“
Minerva spürte, wie ihre Geduld langsam dünner wurde.
„Eine Chance wofür?“
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Ja. Leider.“
„Ihr seid beide allein.“
Da war es wieder. Minerva richtete sich etwas auf.
„Nein. Ich bin nicht allein.“
Die Worte kamen schärfer als beabsichtigt. Minerva hielt kurz inne. Isobel sah sie aufmerksam an. Für einen Moment fürchtete Minerva, sie hätte zu viel gesagt. Also fügte sie ruhiger hinzu:
„Ich habe ein erfülltes Leben. Ich habe Hogwarts, meine Kollegen und Freunde. Ich habe Malcolm, Helen, Annie und ich habe dich.“
Isobel wurde etwas weicher.
„Das meine ich doch nicht.“
„Ich weiß, was du meinst.“
Minerva sah ihrer Mutter direkt in die Augen.
„Und genau deshalb sage ich dir jetzt etwas, das du dir bitte merkst.“
Isobel hob leicht die Augenbrauen. Minerva blieb äußerlich vollkommen ruhig.
„Ich möchte nicht bei jedem Besuch hier das Gefühl haben, dass du irgendwo einen geeigneten Mann für mich auftreibst. Ich bin keine junge Frau mehr, die darauf wartet, dass ihre Mutter einen passenden Ehemann findet.“
„Das habe ich auch nicht gesagt.“
„Aber genau so fühlt es sich gerade an.“
Isobel schwieg. Minerva nahm ihre Tasse wieder in die Hand, hauptsächlich damit ihre Finger etwas zu tun hatten.
„Ich weiß, dass du es gut meinst.“
Das war ihr wichtig, denn so war es tatsächlich. Isobel wollte sie nicht verletzen. Sie hatte nur eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie Glück auszusehen hatte.
„Du möchtest nicht, dass ich einsam bin.“
„Natürlich nicht.“
„Das bin ich aber nicht.“
Minerva sprach jetzt wieder deutlich ruhiger.
„Ich bin mit meinem Leben zufrieden.“
'Mehr als zufrieden.'
Der Gedanke an Hermine ließ etwas Wärme in ihr aufsteigen. Minerva konnte nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel sich für einen winzigen Moment hoben. Sie war glücklich. Vielleicht glücklicher, als sie es seit sehr langer Zeit gewesen war.
„Ich habe alles, was ich brauche“, sagte Minerva.
'Und sogar jemanden, von dem du nichts weißt.'
„Ich brauche keinen Mann, damit mein Leben vollständig ist.“
Isobel betrachtete sie lange.
„Das habe ich nie behauptet.“
Minerva hob eine Augenbraue. Isobel seufzte.
„Gut. Vielleicht klingt es manchmal so.“
„Es klingt sehr häufig so.“
„Ich mache mir Sorgen um dich.“
„Das weiß ich, aber du musst nicht.“
Isobel sah auf ihre Hände.
„Du hast nach Elphinstones Tod niemanden mehr an dich herangelassen.“
Minerva schluckte. Wenn ihre Mutter wüsste, wie falsch diese Aussage inzwischen war. Hermine war ihr näher gekommen als vermutlich irgendein Mensch zuvor. Nicht nur körperlich. Hermine kannte Seiten von ihr, die Minerva jahrelang niemandem gezeigt hatte - ihre Unsicherheiten, Ängste, Sehnsüchte, die Frau hinter Professor McGonagall und Minerva hatte sie hereingelassen.
„Vielleicht“, sagte Minerva langsam, „solltest du einfach darauf vertrauen, dass ich weiß, was für mich richtig ist.“
Isobel sah sie wieder an. Minerva erwiderte den Blick ruhig.
„Ich bin zufrieden, Mutter.“
„Wirklich?“
Diesmal musste Minerva nicht einmal überlegen.
„Ja.“
Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Sehr sogar.“
Isobel bemerkte das Lächeln. Ihre Augen verengten sich leicht. Minerva kannte diesen Blick. Sofort verschwand ihr Lächeln wieder.
„Was?“
„Nichts.“
„Du denkst etwas und das ist bei dir häufig gefährlich.“
Isobel schnaubte leise.
„Du wirkst nur… anders.“
Das gefiel Minerva überhaupt nicht.
„Anders?“
„Zufriedener.“
Minerva sagte nichts.
„Gelöster vielleicht.“
„Das dürfte daran liegen, dass das Schuljahr vorbei ist.“
Isobel musterte sie noch einen Moment. Minerva hielt ihrem Blick stand.
'Bloß nicht nervös werden.'
Schließlich seufzte Isobel.
„Gut.“
Minerva blinzelte.
„Gut?“
„Ich werde Graham nicht einladen.“
Minerva entspannte sich augenblicklich.
„Danke.“
„Zumindest nicht mit irgendwelchen Hintergedanken.“
Minerva verengte die Augen.
„Mutter.“
Isobel hob abwehrend eine Hand.
„Ich lasse es.“
„Keine zufälligen Abendessen.“
„Nein.“
„Keine alten Freunde, die zufällig gerade in der Gegend sind.“
Isobel verdrehte die Augen.
„Nein.“
„Keine verwitweten Bekannten.“
„Minerva, es reicht.“
„Ich möchte nur sichergehen.“
„Ich habe dich verstanden.“
Minerva lehnte sich endlich wieder zurück.
„Gut.“
Einige Sekunden herrschte Schweigen. Dann griff Isobel nach ihrer Teetasse.
„Du bist wirklich genauso stur wie dein Vater.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Interessant. Er hat immer behauptet, ich hätte das von dir.“
Isobel sah sie an und musste lachen.
Isobel nahm ihre Tasse wieder in die Hand. Das Gespräch wechselte tatsächlich das Thema. Zumindest äußerlich.
Minerva fragte nach Malcolm und wollte wissen, wann er mit seiner Familie zuletzt da gewesen war. Isobel erzählte ihr von Annies Besuch, von einem kleinen Streit zwischen Malcolm und seiner Frau Helen und davon, dass Annie inzwischen offenbar beschlossen hatte, später einmal Drachenforscherin zu werden. Minerva schnaubte amüsiert.
„Letztes Jahr wollte sie noch Heilerin werden.“
„Vor drei Monaten Aurorin.“
„Dann ist Drachenforscherin vermutlich nur eine Zwischenstation.“
„Sie ist neun.“
„Das erklärt einiges.“
Isobel lächelte. Minerva ebenfalls. Nach und nach wurde die Stimmung wieder leichter und Isobel ließ das Thema Graham tatsächlich ruhen. Sie hatte verstanden, dass sie eine Grenze erreicht hatte. Eine sehr deutliche Grenze. Trotzdem ging ihr etwas nicht aus dem Kopf. Während Minerva gerade eine Geschichte über einen Schüler erzählte, der in einer Verwandlungsstunde versehentlich die Federn seines Kissens im gesamten Klassenzimmer verteilt hatte, hob Isobel ihre Tasse an die Lippen. Sie trank jedoch nicht. Stattdessen beobachtete sie ihre Tochter über den Rand hinweg. Minerva bemerkte es nicht. Sie sprach weiter, schüttelte leicht den Kopf und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Isobel kannte ihre Tochter sehr gut. Minerva war schon immer ein eigenständiger Mensch gewesen. Selbst als kleines Mädchen hatte sie Dinge lieber mit sich selbst ausgemacht, bevor sie jemand anderem davon erzählte. Als Erwachsene war das nur noch ausgeprägter geworden und nach Elphinstones Tod… Da war eine Tür zugefallen. Isobel hatte das damals deutlich gespürt. Minerva war weiterhin Minerva gewesen. Eine starke, pflichtbewusste und aufmerksame Frau, die gearbeitet, gelacht, Familie besucht und ihr Leben weitergeführt hatte, aber etwas in ihr war verschlossener geworden. Sie hatte damals einen Teil von sich sorgfältig weggesperrt und beschlossen, ihn nie wieder hervorzuholen. Heute war etwas anders. Isobel ließ ihre Tasse langsam sinken. Sie dachte an das Gespräch von eben.
'Ich bin mit meinem Leben zufrieden.'
Es waren nicht die Worte, die Isobel aufgefallen waren, sondern die Art, wie Minerva sie gesagt hatte und dieses kleine Lächeln. Isobel hatte es gesehen. Minerva wirkte dabei fast verträumt. Ein Ausdruck, den Minerva normalerweise ganz sicher nicht bekam, wenn sie an Hogwarts oder ihre Arbeit dachte. Zumindest nicht auf diese Weise. Isobel schwieg.
Minerva hatte inzwischen aufgehört, von dem Schüler zu erzählen und blätterte durch eine Zeitschrift, die auf dem Tisch gelegen hatte. Isobels Blick blieb auf ihr.
'Da ist etwas.'
Dieser Gedanke ließ sich nicht mehr abschütteln. Isobel zog leicht die Augenbrauen zusammen.
'Oder jemand.'
Isobel wusste, dass eine direkte Frage vollkommen sinnlos wäre.
'Gibt es jemanden?'
Minerva würde sie ansehen, eine Augenbraue heben und vielleicht fragen, wie Isobel auf diesen Unsinn komme oder sie würde schlicht sagen, dass ihr Privatleben niemanden etwas anginge. Je mehr Isobel nachbohren würde, desto weniger würde Minerva erzählen. Das war schon immer so gewesen. Man konnte Minerva nicht zu einem Geständnis drängen. Schon gar nicht, wenn sie beschlossen hatte, etwas für sich zu behalten.
Isobel nahm endlich einen kleinen Schluck Tee und betrachtete ihre Tochter erneut.
Minerva saß entspannt auf dem Sofa, eine Hand unter dem Kinn, während sie offenbar einen Artikel über neue magische Gesetzgebung überflog. Nichts an ihr wirkte auffällig und vielleicht bildete Isobel sich tatsächlich etwas ein. Vielleicht war Minerva einfach erleichtert, dass ein schwieriges Schuljahr vorbei war und freute sich auf ihre Ferien.
„Was?“
Isobel zuckte leicht zusammen. Minerva hatte die Zeitschrift gesenkt und sah sie an.
„Was ist?“
„Nichts.“
Minervas Augen verengten sich.
„Du starrst mich schon wieder an.“
„Ich habe dich lediglich angesehen.“
„Das sagtest du vorhin schon.“
„Und es stimmt noch immer.“
Minerva musterte sie einen Moment. Isobel lächelte vollkommen unschuldig und nahm einen Schluck Tee.
„Du bist merkwürdig“, meinte Minerva.
„Danke.“
Minerva schüttelte den Kopf und wandte sich wieder der Zeitschrift zu. Isobel musste sich ein Lächeln verkneifen.
Sie würde nicht fragen. Wenn da tatsächlich jemand war, würde Minerva es erzählen, wenn sie dazu bereit war oder sie würde sich irgendwann selbst verraten, denn Minerva konnte noch so gut darin sein, Geheimnisse zu bewahren. Eine Mutter bemerkte trotzdem, wenn sich etwas verändert hatte. Also würde Isobel aufmerksam bleiben. Sie nahm wieder einen Schluck Tee und sah zum Fenster. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Minerva dennoch weiter. Sie schwieg und wartete.
Am nächsten Morgen war Minerva früh wach. Früher, als sie es in den Ferien eigentlich sein wollte. Sie blieb noch einige Minuten im Bett liegen und starrte an die Decke ihres alten Zimmers. Es war ungewohnt ruhig. Fast automatisch tastete sie mit einer Hand auf die andere Seite des Bettes, doch natürlich war sie kalt und leer. Keine Hermine… Minerva seufzte.
„Lächerlich.“
Sie vermisste sie nach der kurzen Zeit sehr. Irgendwann stand Minerva schließlich auf, zog sich an und ging nach unten. Ihre Mutter war offenbar noch nicht aufgestanden oder zumindest noch nicht im Erdgeschoss. Das kam Minerva durchaus gelegen. Nach dem gestrigen Abend hatte sie wenig Lust darauf, bereits vor dem ersten Kaffee wieder unter Isobels aufmerksamer Beobachtung zu stehen, denn Minerva hatte die Blicke ihrer Mutter sehr wohl bemerkt. Isobel dachte nach und wenn Isobel nachdachte, während sie Minerva ansah, war das selten ein gutes Zeichen.
In der Küche stand bereits eine Kanne Kaffee bereit. Minerva schenkte sich eine Tasse ein und trat ans Fenster. Draußen lag der Garten im hellen Morgenlicht. Es war ein schöner Tag. Minerva nahm einen Schluck. Ihr Blick wanderte über die Bäume und die alte Steinmauer in der Ferne. Unwillkürlich dachte sie wieder an ihren Spaziergang und natürlich an Hermine. Sie fragte sich, was sie gerade machte. Vermutlich schlief sie noch. Vielleicht war James bereits wach und sorgte dafür, dass niemand im Hause Potter länger schlafen konnte. Minerva lächelte in ihre Tasse.
„Du wirst sentimental auf deine alten Tage.“
Minerva fuhr so heftig herum, dass der Kaffee in ihrer Tasse überschwappte.
„Verdammt noch mal!“
Ein lautes Lachen erklang. Minerva starrte den Mann an, der plötzlich hinter ihr stand.
„Malcolm!“
Ihr Bruder grinste breit.
„Guten Morgen.“
„Bist du vollkommen wahnsinnig?“
„Schön, auch dich zu sehen.“
„Wie bist du überhaupt hereingekommen?“
„Durch die Tür.“
„Ich habe dich nicht gehört!“
„Das war der Sinn.“
Minerva stellte ihre Tasse ab und presste eine Hand gegen ihre Brust.
„Merlin.“
Malcolm lachte noch immer.
„Du machst immer noch genau dasselbe Gesicht.“
Minerva verengte die Augen.
„Welches Gesicht?“
Er deutete auf sie.
„Dieses Ich verwandle dich gleich in einen Teekessel-Gesicht.“
„Ich könnte dich tatsächlich verwandeln.“
„Ja, aber das konntest du früher noch nicht.“
Minerva schnaubte.
„Früher warst du auch kleiner und leichter ohne Magie zu erwischen .“
„Du hast mich nie erwischt.“
„Aber fast.“
Malcolm grinste. Für einen Moment sahen sie einander an. Dann veränderte sich Minervas Gesicht. Das Ärgerliche verschwand. Ein echtes Lächeln trat an seine Stelle.
„Komm her.“
Malcolm brauchte keine zweite Aufforderung. Er trat auf sie zu und zog seine Schwester fest in die Arme. Minerva lachte leise und erwiderte die Umarmung.
„Es ist schön, dich zu sehen.“
„Dich auch.“
Dann spürte Minerva plötzlich, wie ihre Füße den Boden verließen.
„Malcolm!“
Ihr Bruder hatte sie einfach hochgehoben.
„Lass mich sofort herunter!“
„Du bist leichter geworden.“
„Malcolm McGonagall!“
Er drehte sich einmal mit ihr. Minerva lachte gegen ihren Willen.
„Du bist ein Idiot!“
„Das hast du früher auch immer gesagt.“
„Weil es damals schon gestimmt hat!“
Er stellte sie wieder auf die Füße. Minerva richtete sofort ihre Bluse und sah ihn streng an. Das hätte vermutlich eindrucksvoller gewirkt, wenn sie nicht noch immer lächeln würde.
„Wenn du das noch einmal machst…“
„Verwandelst du mich in einen Teekessel.“
„Etwas Unangenehmeres.“
„Da ist sie.“
Malcolm legte ihr kurz die Hände auf die Schultern.
„Meine reizende große Schwester.“
„Du warst mir sympathischer, als du noch nicht sprechen konntest.“
Malcolm lachte wieder. Minerva griff nach ihrer Kaffeetasse.
„Was machst du überhaupt hier?“
„Einen Besuch.“
„Das sehe ich.“
„Ich wollte dich auch mal wieder sehen.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Mich?“
„Mhm.“
Malcolm ging vollkommen selbstverständlich zum Schrank, nahm sich eine Tasse heraus und schenkte sich ebenfalls Kaffee ein. Offenbar hatte sich auch für ihn in diesem Haus nichts verändert.
„Mutter sagte, du bist ein paar Tage hier.“
Minerva stöhnte leise.
„Natürlich hat sie das.“
„Also dachte ich, ich komme vorbei.“
„Ihr wart doch erst vor Kurzem hier.“
„Ja.“
„Mutter hat mir gestern mindestens eine halbe Stunde von Annie erzählt.“
„Nur eine halbe Stunde?“
Malcolm wirkte beeindruckt.
„Du hattest Glück.“
Minerva lachte.
„Sie ist stolz auf sie.“
„Das darf sie sein.“
„Offenbar will deine Tochter jetzt Drachenforscherin werden.“
Malcolm schloss die Augen.
„Seit Dienstag.“
„Ah.“
„Davor wollte sie professionelle Quidditchspielerin werden.“
„Davon hat Mutter nichts erzählt.“
„Das hielt ungefähr vier Tage.“
Minerva grinste. Malcolm lehnte sich mit der Hüfte gegen die Küchenzeile und betrachtete seine Schwester.
„Jedenfalls wollte ich meine große Schwester auch mal wieder sehen.“
„Wie aufmerksam.“
„Und ich wollte hören, was es Neues gibt.“
Minervas Lächeln wurde etwas schmaler.
„Neues?“
„Natürlich.“
„Du klingst plötzlich wie Mutter.“
„Nimm das zurück.“
Minerva lachte.
„Sofort.“
Malcolm hob seine Tasse.
„Danke.“
Dann sah er sie neugierig an.
„Aber im Ernst. Wie geht es dir? Wie war das Schuljahr? Was macht Hogwarts? Wen hast du diesmal beinahe aus dem Schloss geworfen?“
„Niemanden.“
Malcolm musterte sie.
„Das glaube ich dir nicht.“
„Es war tatsächlich eher jemand anderes, der aus Hogwarts geworfen wurde.“
„Aha!“
Malcolms Augen leuchteten sofort.
„Das klingt nach einer Geschichte.“
„Nach einer sehr langen.“
„Ich habe Zeit und ich will alles wissen.“
Minerva schüttelte den Kopf.
„Du warst schon als Kind unerträglich neugierig.“
„Ich bevorzuge interessiert.“
Er grinste.
„Also?“
Minerva nahm einen Schluck Kaffee.
„Also was?“
„Was gibt es Neues?“
„Du wirst dich gedulden müssen.“
„Warum?“
„Weil ich noch nicht genug Kaffee hatte, um dir mein vergangenes Schuljahr zu erklären.“
Malcolm nickte ernst.
„Verständlich.“
Er schenkte ihr ungefragt etwas nach. Minerva sah auf ihre Tasse. Dann zu ihm.
„Du willst es ja wirklich wissen.“
„Alles.“
Minerva schnaubte amüsiert.
„Du bist furchtbar.“
„Das, habe ich mir von dir abgeschaut, Schwesterherz.“
In diesem Moment hörten sie Schritte im Flur. Minerva blickte automatisch zur Tür. Isobel erschien wenige Sekunden später im Eingang der Küche.
„Malcolm.“
„Guten Morgen, Mutter.“
Isobel wirkte nicht einmal besonders überrascht.
„Du bist früh.“
„Ich wollte Minerva erschrecken.“
„Das hat er geschafft“, sagte Minerva trocken.
„Wie früher?“, fragte Isobel lächelnd.
„Exakt wie früher.“
Malcolm grinste stolz.
„Manche Fähigkeiten verliert man eben nicht.“
Minerva verdrehte die Augen, doch innerlich war sie erstaunlich erleichtert. Die Stimmung im Haus hatte sich innerhalb weniger Minuten verändert. Malcolm brachte Unruhe hinein und vor allem sorgte seine Anwesenheit dafür, dass Isobels Aufmerksamkeit sich nicht mehr ausschließlich auf Minerva konzentrierte. Minerva liebte ihre Mutter sehr, aber nach dem gestrigen Abend und diesen prüfenden Blicken war sie froh, heute nicht allein mit ihr am Frühstückstisch sitzen zu müssen.
Malcolm setzte sich bereits an den Tisch und griff nach einem Stück Toast.
„Also“, sagte er. „Wer erzählt mir zuerst etwas Interessantes?“
„Niemand“, erwiderte Minerva.
Isobel setzte sich ihm gegenüber.
„Deine Schwester behauptet, sie sei vollkommen zufrieden mit ihrem Leben.“
Minerva erstarrte. Malcolm hielt mitten in der Bewegung inne. Dann sah er von Isobel zu Minerva. Minerva schloss kurz die Augen.
„Mutter.“
Malcolm grinste langsam.
„Oh.“
Malcolm lachte.
„Jetzt bin ich erst recht froh, dass ich gekommen bin.“
Minerva setzte sich neben ihn und griff nach einem Stück Toast.
„Du bist gekommen, um mich zu sehen.“
„Und alles Neue zu erfahren.“
Malcolm sah sie von der Seite an.
„Das entscheide ich später.“
Minerva stieß ihn mit dem Ellenbogen leicht gegen den Arm. Er grinste nur und obwohl sie wusste, dass ihr Bruder mindestens ebenso neugierig sein konnte wie ihre Mutter, musste Minerva lächeln. Malcolm war da. Das bedeutete zwar mehr Fragen, aber immerhin auch mehr Lachen und vor allem musste Minerva heute nicht allein sämtlichen prüfenden Blicken ihrer Mutter standhalten.
Der Tag verging deutlich schneller und entspannter als der vorherige. Schon beim Frühstück schaffte Malcolm es, das Gespräch vollkommen von Minervas Privatleben wegzuführen, indem er ausführlich von Annie erzählte und sich anschließend mit seiner Mutter darüber stritt, ob seine Tochter tatsächlich zu jung für ihren ersten eigenen Besen war.
„Sie ist neun“, sagte Isobel.
„Ich weiß, wie alt meine Tochter ist.“
„Dann solltest du wissen, dass sie noch keinen eigenen Rennbesen braucht.“
„Es ist kein Rennbesen.“
„Ein viel zu schneller Besen.“
Minerva saß daneben, trank ihren Kaffee und beobachtete die beiden mit zunehmendem Vergnügen.
„Du könntest ruhig etwas sagen“, beschwerte sich Malcolm irgendwann.
„Warum sollte ich?“
„Weil du Professorin bist.“
„Schulleiterin, wenn ich bitten darf.“
„Noch besser.“
„Und weil du Ahnung von Kindern hast“, fügte Isobel hinzu.
Minerva hob langsam ihre Tasse an die Lippen.
„Ich werde mich aus diesem Gespräch heraushalten.“
„Feigling“, murmelte Malcolm.
„Überlebensinstinkt.“
Später gingen sie gemeinsam in den Garten. Minerva und Malcolm begannen sich ständig mit alten Geschichten gegenseitig aufzuziehen. So ging es beinahe den gesamten Tag. Sie aßen gemeinsam zu Mittag, saßen später im Wohnzimmer und schließlich berichtete Minerva auf Drängen ihres Bruders, ausführlicher vom Schuljahr, wobei sie sorgfältig darauf achtete, gewisse Details auszulassen. Besonders solche, die mit Hermine zu tun hatten.
Natürlich ließ sich Hermine nicht vollständig aus den Erzählungen streichen. Sie war schließlich ein wesentlicher Teil der Ereignisse gewesen. Also erzählte Minerva von den beiden Referendaren, Featherstone, den Prüfungen und blieb dabei immer sachlich.
Malcolm stellte zwar Fragen, aber anders als Isobel bohrte er nicht an Stellen nach, an denen Minerva offensichtlich auswich. Das wusste sie zu schätzen.
Am Nachmittag spielten sie sogar eine Partie Zauberschach. Malcolm verlor, was er selbstverständlich auf eine angebliche Ablenkung durch seine Mutter schob.
„Du hast verloren, weil du schlecht gespielt hast.“
„Du hast geschummelt.“
Minerva sah ihn fassungslos an.
„Beim Zauberschach?“
„Du findest Wege.“
„Du bist ein ausgesprochen schlechter Verlierer.“
Malcolm hatte daraufhin ein Sofakissen nach ihr geworfen. Isobel hatte beide angesehen, als wären sie wieder fünfzehn und fünf. Vielleicht fühlte es sich genau deshalb so angenehm an. Für einige Stunden musste Minerva nicht ständig darüber nachdenken, was sie sagte. Sie konnte einfach Minerva sein und als der Nachmittag langsam in den Abend überging, musste sie sich eingestehen, dass sie froh war, dass Malcolm spontan vorbeigekommen war.
Am frühen Abend zog Minerva sich vor dem Abendessen zurück, um sich etwas anderes anzuziehen. Sie ging nach oben in ihr Zimmer, schloss die Tür hinter sich und öffnete ihren Koffer. Eigentlich wollte sie nur eine andere Bluse herausholen. Dabei fiel ihr Blick auf den Bilderrahmen. Minerva hielt inne. Sie sah zur Tür. Dann nahm sie das Bild für einen Moment heraus. Sie setzte sich auf die Bettkante und betrachtete es.
„Hermine.“
Sofort musste sie lächeln.
„Ein paar Tage noch“, murmelte sie.
Eigentlich nicht besonders lang. Trotzdem fühlte es sich inzwischen erstaunlich lang an. Minerva strich einmal mit dem Daumen über Hermines Gesicht. Dann legte sie das Bild auf das Bett. Sie würde es gleich wieder wegpacken, aber zuerst wollte sie ins Bad. Sie stand auf und verschwand durch die kleine Tür zu dem angrenzenden Badezimmer.
Einige Minuten später klopfte es an Minervas Zimmertür.
„Minerva?“
Keine Antwort. Malcolm wartete.
„Minerva?“
Wieder nichts. Er drückte vorsichtig die Klinke herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen.
„Ich komme rein.“
Er öffnete sie nur einen Spalt.
„Minerva?“, sagte er ein weiteres Mal, doch er erhielt wieder keine Antwort.
Malcolm steckte den Kopf ins Zimmer. Es war auf den ersten Blick vollkommen leer. Er hörte ein leises Geräusch aus dem angrenzenden Badezimmer.
„Ah.“
Dann war sie beschäftigt. Er hatte eigentlich nur fragen wollen, ob sie später mit ihm noch eine kleine Runde spazieren gehen wollte, bevor er nach Hause zurückkehrte. Das konnte warten. Malcolm wollte die Tür bereits wieder schließen. Dann fiel sein Blick auf das Bett. Er hielt inne, denn er erkannte einen Bilderrahmen. Eigentlich hätte er ihn ignorieren sollen. Es war schließlich Minervas Zimmer und ihre persönlichen Sachen gingen ihn nichts an, aber irgendetwas an dem Foto kam ihm bekannt vor. Malcolm öffnete die Tür wieder etwas weiter und trat zwei Schritte herein. Auf dem Bild erkannte er seine Schwester.
„Was…“
Er ging näher. Neben Minerva stand eine jüngere Frau. Malcolm runzelte die Stirn. Er kannte dieses Gesicht. Zumindest hatte er es schon in Zeitungen gesehen - auf Fotografien nach dem Krieg.
„Hermine Granger?“
Seine Neugier war endgültig geweckt. Malcolm trat ans Bett. Er zögerte einen Augenblick. Dann nahm er den Rahmen vorsichtig in die Hand. Er betrachtete das Bild.
Ja. Eindeutig Hermine Granger.
Die junge Hexe, von der seine Schwester heute erzählt hatte. Eine ihrer beiden Referendarinnen, aber das war nicht das, was Malcolm plötzlich beschäftigte. Es war die Art, wie die beiden auf dem Bild standen, denn sie waren sich sehr nah und die Art, wie Minerva Hermine ansah…
Malcolm wurde vollkommen still. Er kannte seine Schwester und er kannte diesen Blick. Zumindest erinnerte er sich daran. Er hatte dieses weiche Lächeln und die Wärme in ihren Augen schon lange nicht mehr gesehen.
Minerva sah auf dem Foto nicht aus wie eine Schulleiterin, die stolz auf eine junge Kollegin war. Auch nicht wie eine Mentorin. Nicht einmal wie eine Freundin. Und Hermine…
Malcolm betrachtete sie genauer. Sie sah Minerva genauso an - offen, zärtlich, vertraut, als gäbe es in diesem Augenblick niemanden sonst. Malcolms Augen wurden langsam größer.
„Oh.“
Plötzlich ergaben einige Dinge Sinn. Die Art, wie Minerva heute Morgen auf ihre Mutter reagiert hatte, ihr Lächeln und ihre ungewöhnliche Gelassenheit setzten ein Bild vor seinem inneren Auge zusammen. Malcolm blickte wieder auf das Foto.
„Oh.“
Ein langsames Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Minerva…“
„Was zum Teufel machst du da?“
Malcolm fuhr herum. Minerva stand in der Tür zum Badezimmer und ihr Gesicht…
„Oh.“
Das war nicht gut. Überhaupt nicht gut. Ihr Blick fiel sofort auf den Rahmen in seinen Händen. Innerhalb einer Sekunde veränderte sich ihr Ausdruck von Überraschung zu Schreck und endete bei Wut.
„Minerva, ich…“
Sie war mit wenigen Schritten bei ihm. Bevor Malcolm auch nur reagieren konnte, riss sie ihm das Bild aus den Händen und presste es an sich. Ihre Augen funkelten.
„Was fällt dir ein, an meine Sachen zu gehen?“
Malcolm hob sofort beschwichtigend beide Hände.
„Minerva, ich…“
„Du hast hier überhaupt nichts verloren!“
Ihre Stimme war schärfer, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte, aber der Schreck saß tief, denn er hatte das Bild gesehen und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, hatte er verstanden.
„Beruhige dich doch bitte.“
„Sag mir nicht, ich soll mich beruhigen.“
„Gut. Dann beruhige dich nicht.“
„Malcolm!“
„Ich wollte nicht an deine Sachen.“
Er deutete auf das Bild, das Minerva noch immer fest an ihre Brust gedrückt hielt.
„Ich wollte dich etwas fragen. Du hast nicht geantwortet, also habe ich vorsichtig die Tür geöffnet. Dann habe ich das Bild gesehen und…“
Er stockte. Sein Blick wanderte noch einmal zu dem Rahmen. Dann zu Minerva.
„Minerva?“
Sie presste die Lippen zusammen.
„Das ist doch die kleine Granger oder?“
Minervas Augen verengten sich augenblicklich.
„Sie ist erwachsen.“
Malcolm blinzelte.
„Das bezweifle ich nicht.“
„Dann nenn sie nicht die kleine Granger.“
„Schon gut.“
Malcolm hob erneut die Hände.
„Hermine Granger.“
„Professor Granger.“
„Jetzt wirst du albern.“
Minerva antwortete nicht. Stattdessen wandte sie sich von ihm ab. Sie öffnete eine Schublade der Kommode, legte das Bild hinein und schob sie etwas energischer zu als notwendig. Das Geräusch hallte kurz durch das Zimmer. Dann ging Minerva zum Fenster. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah hinaus. Sie konnte Malcolm gerade nicht anschauen.
'Verdammt.'
Das war genau das, was sie hatte vermeiden wollen. Nicht unbedingt bei Malcolm. Bei ihm hatte sie sich über die Konsequenzen überhaupt noch keine Gedanken gemacht, aber sie hatte nicht gewollt, dass irgendjemand hier davon erfuhr und ganz sicher nicht so. Hinter ihr blieb es einen Moment still. Dann hörte sie Malcolm näher kommen.
„Minerva.“
Keine Antwort.
„Warum schließt du mich aus?“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Ich schließe dich nicht aus.“
„Doch.“
„Unsinn.“
„Minerva, ich habe gerade ein Bild gefunden, auf dem meine Schwester eine Frau ansieht, als wäre sie das Schönste, was sie in ihrem gesamten Leben gesehen hat.“
Minervas Herz schlug schneller.
„Und bis vor ungefähr drei Minuten hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass es diese Frau in deinem Leben überhaupt gibt.“
Minerva sah weiterhin aus dem Fenster.
„Was willst du denn hören?“
„Die Wahrheit möglicherweise?“
„Es gibt nichts zu erzählen.“
Malcolm schwieg. Minerva wusste schon an diesem Schweigen, dass er ihr kein einziges Wort glaubte.
„Wirklich?“
„Ja.“
„Dann habe ich das Bild offenbar falsch verstanden.“
„Offensichtlich.“
„Ihr seid also nur Kolleginnen.“
„Ja.“
„Freundinnen vielleicht.“
Minerva sagte nichts.
„Und ihr schaut euch zufällig an, als würde der Rest der Welt nicht existieren.“
Minervas Kiefer spannte sich an.
„Malcolm, du hältst jetzt besser den Mund.“
„Nachdem ich deinen Blick gesehen habe und ihren übrigens auch, denke ich, dass es hier einiges zu erzählen gibt.“
„Malcolm, du gehst mir auf die Nerven.“
„Und das seit über vierzig Jahren, Schwesterherz.“
Minerva schnaubte. Sie hörte das Grinsen in seiner Stimme, ohne ihn ansehen zu müssen.
„Also? Ich warte.“
„Dann kannst du lange warten.“
„Ich habe Zeit.“
Minerva drehte den Kopf ein Stück.
„Willst du unbedingt aus dem Fenster geworfen werden?“
„Zweiter Stock.“
Malcolm zuckte mit den Schultern.
„Das überlebe ich.“
„Ich könnte nachhelfen.“
„Dann weiß Mutter wenigstens, dass du mich umgebracht hast.“
Minerva schloss die Augen. Dieser Mann war unmöglich und genau deshalb wusste sie, dass er nicht gehen würde.
Minerva dachte einen Moment nach. Sie könnte lügen. Sie könnte darauf bestehen, dass er etwas hineininterpretierte. Sie könnte ihm erzählen, Hermine sei lediglich eine enge Freundin geworden, aber Malcolm hatte ihren Blick gesehen und schlimmer noch: Er hatte Hermines Blick gesehen. Es hatte keinen Sinn zu lügen. Minerva atmete tief ein. Dann wieder aus. Ihre Finger krallten sich leicht in den Stoff ihrer Bluse.
„Ich liebe Hermine.“
Hinter ihr wurde es vollkommen still. Minerva schluckte. Jetzt war es ausgesprochen. Zum ersten Mal innerhalb ihrer Familie.
„Ich liebe sie“, wiederholte sie leiser. „Mehr als alles andere.“
Noch immer keine Antwort. Minerva wagte es nicht, sich umzudrehen. Dann kam Malcolms Stimme vorsichtiger als zuvor.
„Seid ihr ein Paar?“
Minerva nickte kaum merklich.
„Ja.“
„Seit wann?“
„Eine ganze Weile.“
„Und niemand weiß davon?“
„Ein paar Menschen.“
Malcolm runzelte vermutlich die Stirn.
„Also seid ihr…“
„Heimlich.“
„Was?“
Jetzt klang er tatsächlich fassungslos. Minerva verdrehte die Augen.
„Du hast mich verstanden.“
„Warum hast du mir das nicht gesagt?“
Jetzt drehte Minerva wenigstens den Kopf ein wenig.
„Was genau verstehst du an dem Wort heimlich nicht?“
„Ja, ja.“
Malcolm winkte ab.
„Ich weiß, was heimlich bedeutet, aber ich bin dein Bruder.“
„Und?“
„Und ich hätte niemandem etwas gesagt.“
Minerva wandte sich wieder dem Fenster zu.
„Es ging nicht darum, dir nicht zu vertrauen.“
Das schien ihn etwas zu besänftigen.
„Sondern?“
„Je weniger Menschen davon wussten, desto besser.“
„Wegen Hogwarts?“
Minerva nickte.
„Hermine war bis vor wenigen Tagen noch Referendarin.“
Malcolm verstand.
„Ah.“
„Ich bin Schulleiterin und zeitweise war ich sogar ihre Mentorin.“
„Das macht es kompliziert.“
„Sehr.“
Minerva atmete aus.
„Wir wollten niemals, dass jemand behaupten kann, Hermine hätte ihre Stellung oder ihre Prüfung wegen mir bekommen.“
„Verstehe.“
Malcolm schwieg kurz. Dann räusperte er sich.
„Eine Frage habe ich trotzdem.“
Minerva ahnte bereits, dass sie die Frage nicht mögen würde.
„Natürlich hast du die.“
„Also…“
Er klang plötzlich ungewöhnlich unbeholfen.
„Seit wann…“
„Spuck es aus.“
„Seit wann bist du an Frauen interessiert?“
Minerva erstarrte einen Moment. Dann drehte sie den Kopf und warf ihm einen Blick über die Schulter zu. Malcolm stand tatsächlich da und sah aus, als hätte er selbst keine Ahnung, wie er die Frage vernünftig formulieren sollte.
„Das ist deine wichtigste Frage?“
„Nein. Ich bin nur überrascht.“
Minerva sah wieder hinaus und plötzlich musste sie ganz leicht lächeln.
„Seit diese kluge Frau sich in mein Herz geschlichen hat.“
Malcolm sagte einige Sekunden nichts.
„Verstehe.“
Minervas Lächeln wurde ein wenig deutlicher.
„Ich weiß nicht, ob ich dir eine bessere Antwort geben kann.“
Sie hatte selbst nie das Bedürfnis verspürt, es genauer zu benennen. Hermine war Hermine. Das genügte ihr.
„Es war nicht geplant“, sagte Minerva leise. „Ich habe auch nicht danach gesucht.“
„Das tut man vermutlich selten.“
„Nein.“
Sie dachte an Hermine, an ihre ersten Annäherungen, die Gespräche und an all die kleinen Augenblicke, die irgendwann aufgehört hatten, klein zu sein.
„Sie war einfach irgendwann da.“
Malcolm lächelte hinter ihr.
„Und dann war es zu spät.“
Minerva schnaubte leise.
„So könnte man es ausdrücken.“
Wieder entstand eine kurze Stille.
„Minerva?“
„Hm?“
„Kannst du mich bitte anschauen?“
Ihr Lächeln verschwand. Das war der Moment, vor dem sie sich unbewusst die ganze Zeit gedrückt hatte. Solange sie aus dem Fenster sah, musste sie Malcolms Gesicht nicht sehen. Sie musste nicht sehen, ob sie dort Irritation war oder Unverständnis, Ablehnung oder vielleicht sogar Entsetzen fand. Minerva wusste, dass sie sich davon nicht beeinflussen lassen würde. Nichts, was Malcolm sagte oder dachte, würde etwas daran ändern, was sie für Hermine empfand, aber er war ihr Bruder. Natürlich würde es sie verletzen. Langsam löste Minerva die Arme voneinander. Sie atmete einmal tief durch. Dann drehte sie sich um. Ihr Blick traf Malcolms Gesicht und Minerva stockte. Er lächelte sie warm an. Dann legte er den Kopf etwas schief.
„Ich muss sagen…“
Minerva wartete misstrauisch. Malcolms Grinsen wurde breiter.
„Du hast ein ausgesprochen gutes Auge.“
Minerva blinzelte.
„Was?“
„Sie ist wirklich hübsch.“
Minerva starrte ihn an. Dann entwich ihr ein leises, beinahe ungläubiges Lachen.
„Das ist sie.“
Sofort wurde ihr Gesicht weicher.
„Innen und außen.“
Malcolm beobachtete sie aufmerksam und genau diese wenigen Worte verrieten ihm vermutlich mehr als alles, was sie zuvor gesagt hatte. Minerva lächelte jetzt vollkommen unbewusst.
„Sie ist außergewöhnlich.“
„Das habe ich heute schon gehört.“
Minerva wurde aufmerksam.
„Was?“
„Als du von deinen Referendaren erzählt hast.“
Er grinste.
„Du hast dir wirklich Mühe gegeben, vollkommen professionell zu klingen.“
„Ich war professionell.“
Er lachte.
„Tja.“
Malcolm verschränkte die Arme vor der Brust.
„Dann hat es also tatsächlich endlich jemand geschafft.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Was geschafft?“
„Sich in dein Herz zu schleichen.“
Sein Grinsen wurde frecher.
„Und offenbar auch ziemlich tief in dein Leben.“
Minerva betrachtete ihn misstrauisch.
„Du hast viel zu viel Freude daran.“
„Natürlich.“
„Warum?“
„Weil ich jahrzehntelang dachte, dass nach Elphinstone niemand mehr eine Chance bekommt.“
Minerva schwieg.
„Und jetzt stehst du hier und sagst mir, dass du jemanden mehr als alles andere liebst.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich finde das ziemlich großartig.“
Minervas Blick blieb auf ihm. Sie suchte noch immer nach irgendeinem Zeichen von Entsetzen, aber da war nichts.
„Bist du nicht entsetzt?“
Malcolms Lächeln verschwand vor Überraschung.
„Entsetzt?“
„Ja.“
„Warum sollte ich entsetzt sein?“
Minerva sagte nichts. Malcolm verstand.
„Weil Hermine eine Frau ist?“
Minerva zuckte leicht mit den Schultern.
„Unter anderem.“
„Minerva, nein. Ich gebe zu, ich habe nicht damit gerechnet, dass du mir irgendwann erzählst, dass du eine Partnerin hast.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Danke.“
„Das war nicht böse gemeint.“
„Ich weiß.“
„Und ich habe ganz sicher nicht damit gerechnet, dass diese Partnerin Hermine Granger ist.“
Jetzt musste Minerva wieder leicht lächeln.
„Aber wenn es zwischen euch passt, warum sollte ich etwas dagegen sagen?“
Malcolm sah sie ruhig an.
„Du liebst sie.“
„Ja.“
„Sie liebt dich?“
Diesmal kam die Antwort sofort.
„Ja.“
„Bist du glücklich?“
Minervas Gesicht wurde weich.
„Sehr.“
Malcolm nickte.
„Dann reicht mir das.“
Minerva senkte für einen Moment den Blick. Ein kleines Lächeln lag auf ihren Lippen. Es war erstaunlich, wie viel Anspannung mit diesen wenigen Worten von ihr abfiel.
Als sie wieder aufsah, lächelte Malcolm noch immer. Dann verzog er plötzlich das Gesicht.
„Eine Sache finde ich allerdings beschissen.“
Minervas Lächeln verschwand.
„Was?“
Malcolm hielt den ernsten Ausdruck noch für einen Augenblick. Dann grinste er. Minerva verengte sofort die Augen.
„Was?“
„Du hättest mit mir reden können.“
Minerva blinzelte. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Das ist die Sache, die du beschissen findest?“
„Ja.“
Malcolm zuckte mit den Schultern.
„Dass meine eigene Schwester seit Monaten offenbar Hals über Kopf verliebt ist und ich nichts davon wusste.“
„Hals über Kopf würde ich es nicht nennen.“
„Du hast gerade gesagt, du liebst sie mehr als alles andere.“
Minerva presste die Lippen zusammen.
„Das habe ich.“
„Also?“
„Das bedeutet nicht, dass ich Hals über Kopf…“
„Minerva, du weichst aus.“
Minerva verdrehte die Augen. Malcolm grinste noch immer, wurde dann aber wieder etwas ernster.
„Warum hast du das alles für dich behalten? Du hättest doch wenigstens mit mir reden können.“
Minerva atmete langsam aus.
„Weil niemand davon wissen sollte.“
„Das habe ich verstanden.“
„Wenn es öffentlich geworden wäre…“
Minerva machte eine kleine Bewegung mit der Hand.
„Nun ja.“
„Das hätte Fragen aufgeworfen.“
„Sehr viele.“
„Und vermutlich ziemlich unangenehme.“
„Du hast ja keine Ahnung“, meinte Minerva.
Featherstones Gesicht erschien für einen kurzen Moment vor ihrem inneren Auge. Sie hörte praktisch noch seine Anschuldigungen.
Minervas Gesicht wurde ernster.
„Es gab bereits genug Probleme, ohne dass unsere Beziehung öffentlich bekannt war.“
Malcolm bemerkte die Veränderung.
„Hat dieser Featherstone etwas damit zu tun?“
Minerva zögerte.
„Teilweise.“
„Du hast vorhin nicht alles erzählt.“
„Natürlich nicht.“
„Dachte ich mir.“
Zu Minervas Erleichterung bohrte Malcolm nicht weiter. Stattdessen lehnte er sich gegen die Kommode.
„Wie lange geht das zwischen euch eigentlich genau?“
Minerva sah ihn an.
„Warum willst du das wissen?“
„Weil ich neugierig bin.“
„Wenigstens ehrlich.“
„Also?“
Minerva zögerte kurz. Dann sagte sie:
„Fast ein Jahr.“
Malcolms Augen wurden größer.
„Fast ein…“
Und schon erschien dieses Grinsen wieder auf seinem Gesicht. Minerva zeigte mit dem Finger auf ihn.
„Hör auf zu grinsen.“
„Ich sage doch gar nichts.“
„Dein Gesicht sagt genug.“
„Was sagt es denn?“
„Malcolm.“
Er biss sich sichtbar auf die Innenseite der Wange, um nicht noch breiter zu grinsen. Minerva verschränkte die Arme.
„Ich habe sie nicht bevorzugt.“
Malcolm blinzelte.
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
„Du denkst es.“
„Nein.“
„Warum grinst du dann so?“
„Weil meine Schwester mir gerade erzählt hat, dass sie seit fast einem Jahr heimlich eine Beziehung führt.“
„Das ist nicht lustig.“
„Ein bisschen schon.“
„Malcolm.“
„Gut, gut.“
Er hob beschwichtigend die Hände.
„Ich glaube dir, dass du sie nicht bevorzugt hast.“
Minerva betrachtete ihn misstrauisch. Malcolm grinste erneut.
„Wahrscheinlich warst du bei ihr noch strenger als bei allen anderen.“
Minerva schwieg. Malcolms Grinsen verschwand langsam.
„Oh.“
„Was?“
„Du warst strenger.“
„Ich musste vollkommen objektiv sein.“
„Die arme Frau.“
Minerva schnaubte.
„Ich habe sie fair behandelt. Hermine hätte es außerdem niemals akzeptiert, wenn ich sie bevorzugt hätte.“
„Das glaube ich sofort.“
Minerva wandte sich wieder dem Fenster zu.
„Es war schwer genug.“
Diesmal lag keine Schärfe mehr in ihrer Stimme. Malcolm wurde ebenfalls ruhiger. Minerva blickte hinaus.
„Am Anfang dachte ich, es würde leichter werden, wenn wir uns einfach an gewisse Regeln halten.“
„Hat hervorragend funktioniert, nehme ich an.“
Ein kleines Lächeln erschien auf Minervas Gesicht.
„Nein. Wir mussten ständig darauf achten, wie wir miteinander sprechen. Wie lange wir einander ansehen. Ob wir uns irgendwo zufällig zu oft begegnen.“
Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Man gewöhnt sich daran, aber man beginnt es irgendwann zu hassen.“
Malcolm sagte nichts.
„Ich möchte sie nicht mehr verstecken und ich weiß, dass Hermine es genauso geht.“
„Dann tut es nicht.“
„So einfach ist es nicht.“
„Warum? Ihre Prüfung ist doch vorbei.“
„Seit wenigen Tagen.“
Malcolm verstand.
„Zu frisch?“
„Genau.“
Minerva drehte sich wieder zu ihm.
„Wenn wir jetzt plötzlich öffentlich machen, dass wir ein Paar sind, werden sich manche Menschen fragen, ob wir schon während ihrer Ausbildung zusammen waren.“
„Was ja stimmt.“
Minerva warf ihm einen scharfen Blick zu.
„Danke für diese ausgesprochen hilfreiche Feststellung.“
„Entschuldigung.“
„Wir brauchen einfach noch etwas Zeit.“
Malcolm nickte langsam.
„Verstehe.“
Dann stieß er sich von der Kommode ab und trat näher zu seiner Schwester.
„Also, Schwesterchen.“
Minerva verzog das Gesicht. Er lachte. Dann wurde sein Gesicht wieder weich.
„Es ist mir vollkommen egal, wer an deiner Seite ist.“
Minerva schwieg.
„Mann. Frau. Jünger. Älter. Hexe. Muggel.“
„Ein Troll wäre auch in Ordnung?“
Malcolm überlegte.
„Das müsste ich mir ansehen.“
Minerva musste lachen.
„Idiot.“
„Aber ernsthaft.“
Er legte ihr kurz eine Hand an den Oberarm.
„Solange du glücklich bist, ist für mich alles in Ordnung.“
Minerva sah ihn an.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Keine Spur von Spott lag jetzt in seinem Gesicht.
„Du hast nach Elphinstone so lange niemanden mehr an dich herangelassen. Wenn es jetzt jemanden gibt, bei dem du so aussiehst wie auf diesem Bild…“
Er zuckte mit den Schultern.
„Dann freue ich mich für dich.“
Minerva schluckte. Ihr Lächeln war klein, aber ehrlich.
„Danke.“
„Gern.“
„Du darfst es trotzdem niemandem sagen.“
Malcolm stöhnte.
„Ich meine es ernst. Niemandem und ganz besonders nicht Mutter.“
Malcolm hob beide Hände.
„Versprochen.“
„Wenn du ihr auch nur ein Wort sagst…“
„Minerva.“
„…oder irgendeine Andeutung machst…“
„Minerva!“
Sie verstummte. Malcolm sah sie eindringlich an.
„Ich habe es dir versprochen. Ich werde nichts sagen.“
„Gut.“
„Also entspann dich.“
Minerva lachte trocken auf.
„Entspannen gehört seit Monaten nicht mehr zu meinem Wortschatz.“
Malcolm runzelte die Stirn.
„So schlimm?“
„Du hast keine Ahnung.“
„Dann erkläre es mir.“
Minerva fuhr sich mit einer Hand über die Stirn.
„Es war ständig irgendetwas. Die Ausbildung, Featherstone, das Ministerium, Prüfungen, Kollegen, Schüler und die Angst, dass jemand etwas bemerkt.“
„Also mal ehrlich.“
Malcolm verschränkte die Arme.
„Es geht die Leute doch einen Scheißdreck an, wen du liebst.“
Minerva hob überrascht die Augenbrauen.
„Malcolm…“
„Was? Ist doch wahr. Trotzdem, warum machst du dir solche Sorgen?“
Minerva schwieg. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Es geht mir nicht um mich.“
Malcolms Gesicht wurde ernster.
„Es geht dir um Hermine.“
„Ja.“
Minerva trat wieder ans Fenster.
„Sie hat in ihrem Leben schon so viel durchgemacht. Viel mehr, als ein Mensch in ihrem Alter jemals hätte erleben sollen.“
Malcolm ließ ihr Zeit.
„Und sie ist noch so jung.“
„Erwachsen“, erinnerte er sie vorsichtig.
Minerva warf ihm einen Blick zu.
„Ja, sie ist erwachsen, aber sie hat noch so viel vor sich.“
„Und du glaubst, eine Beziehung mit dir könnte ihr dabei im Weg stehen?“
Minerva sah hinaus.
„Vielleicht.“
Das Wort fiel ihr schwer.
„Eine Beziehung mit mir könnte ihr so vieles verwehren.“
Malcolm runzelte die Stirn.
„Was denn?“
„Ein unkompliziertes Leben zum Beispiel.“
„Das hätte sie nach allem, was ich über sie weiß, vermutlich sowieso nie.“
Minerva ignorierte den Einwurf.
„Sie steht gerade erst am Anfang ihrer Karriere. Sie könnte irgendwann Kinder wollen. Eine Familie, die ich ihr in dieser Form nicht geben kann. Vielleicht möchte sie reisen. Vielleicht will sie Hogwarts irgendwann verlassen. Vielleicht…“
„Minerva.“
Sie verstummte.
„Ich dachte, ihr seid glücklich miteinander.“
Minerva sah ihn an.
„Das sind wir.“
„Dann ändert das doch nichts.“
„Natürlich kann es etwas ändern.“
„Warum?“
„Weil Liebe nicht dafür sorgt, dass der Rest der Welt plötzlich freundlich wird. Druck von außen kann grausam sein und ich möchte nicht, dass Hermine irgendwann etwas verliert, nur weil sie sich für mich entschieden hat.“
Malcolm betrachtete seine Schwester eine Weile. Dann räusperte er sich.
„Also.“
Minerva sah zu ihm.
„Wenn ich mich richtig erinnere, hat Miss Granger mit siebzehn angefangen, nach Horkruxen zu suchen, ist gegen Todesser angetreten und sie hat einen Krieg überlebt und jetzt ist sie mit dir zusammen.“
Minerva blinzelte. Malcolm grinste.
„Da muss die Frau offensichtlich einiges aushalten können. Vor allem, wenn sie es freiwillig mit dir aufnimmt.“
„Blödmann.“
Malcolm lachte.
„Aber ich habe recht.“
„Nein. Du vergleichst gerade Voldemort mit einer Beziehung zu mir.“
„So weit würde ich niemals gehen.“
Minerva verengte die Augen.
„Voldemort hatte vermutlich weniger Regeln.“
Minerva griff nach dem nächstbesten Kissen auf dem Bett und warf es nach ihm. Malcolm fing es lachend auf.
„Siehst du? Gewaltbereit bist du auch.“
„Raus.“
„Schon gut.“
Er legte das Kissen zurück.
„Und jetzt ist das Thema erledigt.“
„Du hast angefangen.“
„Und ich beende es.“
Malcolm deutete auf die Kommode.
„Pack lieber das Bild wieder ordentlich weg, bevor einer von Mutters Hauselfen zu neugierig wird.“
Minerva sah zur Schublade. Sofort kehrte ihre Vorsicht zurück.
„Das ist tatsächlich der erste vernünftige Satz, den du heute gesagt hast.“
Minerva ging zur Kommode und legte eine Hand auf den Griff der Schublade. Malcolm sah ihr einen Moment lang zu. Noch immer lag ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht.
Minerva öffnete die Schublade noch einmal, kontrollierte, ob der Bilderrahmen wirklich vollständig verborgen war, und schob einige Kleidungsstücke darüber. Sicher war sicher. Hinter ihr bewegte Malcolm sich zur Tür. Zumindest glaubte Minerva das.
„Äh, Minerva?“
Ihre Hand blieb auf dem Griff der Schublade liegen. Sie kannte diesen Tonfall. Langsam drehte sie den Kopf.
„Was?“
Malcolm stand tatsächlich bereits an der Tür und versuchte vollkommen unschuldig auszusehen.
„Eine Frage habe ich noch.“
Minervas Augen verengten sich.
„Natürlich hast du die.“
Sie schloss die Schublade.
„Was willst du wissen?“
Malcolm zog die Augenbrauen zusammen, als müsste er erst überlegen. Minerva kannte ihren Bruder lange genug. Er wusste ganz genau, was er fragen wollte.
„Nun…“
Minerva wartete.
„Also…“
„Frag endlich.“
„Ich überlege nur, wie ich es formuliere.“
„Das macht mir Sorgen.“
Malcolm biss sich sichtbar auf die Lippe. Er genoss das. Minerva verschränkte die Arme. Er räusperte sich.
„Verbringt ihr die Ferien denn getrennt?“
Minerva blinzelte. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Nein.“
„Nein?“
Malcolm wartete offensichtlich auf mehr. Minerva seufzte.
„Wir sehen uns Ende der Woche wieder in Hogwarts.“
„Ah.“
„Und danach verbringen wir den Großteil der Ferien gemeinsam.“
„Ah.“
Minerva sah ihn misstrauisch an. Dieses zweite 'Ah' hatte ihr überhaupt nicht gefallen.
„Wir fahren zunächst ein paar Tage in mein Cottage und danach vermutlich noch weg.“
„Nur ihr beide?“
„Ja.“
Malcolm nickte langsam.
„Verstehe.“
Minerva stemmte eine Hand in die Hüfte.
„Warum willst du das wissen?“
„Ich interessiere mich für die Urlaubsplanung meiner Schwester.“
„Seit wann?“
„Seit gerade eben.“
„Was willst du wirklich?“
Malcolms Mundwinkel zuckten.
„Ich dachte nur…“
„Was?“
„Es ist sicher sehr angenehm, wenn ihr beide ganz Hogwarts für euch habt.“
Minerva erstarrte.
„Du bewegst dich gerade auf sehr dünnem Eis.“
Malcolm grinste nur noch breiter.
„Ich stelle lediglich fest, dass Hogwarts ziemlich groß ist. Sehr viele Räume, abgeschieden und wenn keine Schüler und keine Kollegen da sind…“
Minerva hob langsam eine Augenbraue. Malcolm lachte. Er wusste genau, dass er sie provozierte.
„Soll ich dir ein paar Tipps geben?“
„Wofür?“
Malcolm lehnte sich vollkommen entspannt an den Türrahmen.
„Wo es zu zweit besonders angenehm ist.“
Sein Grinsen wurde so zweideutig, dass Minerva für einen Moment tatsächlich sprachlos war.
„Du…“
„Ich kenne Hogwarts schließlich auch ein bisschen und ich könnte dir durchaus ein paar Orte nennen, an denen man ungestört…“
Malcolm verstummte, denn Minervas Reaktion war nicht die, mit der er gerechnet hatte. Sie wurde nicht rot und sie befahl ihm auch nicht, sofort das Zimmer zu verlassen. Minerva ließ die Arme sinken. Dann lehnte sie sich mit der Hüfte gegen die Kommode und grinste. Malcolms Augenbrauen wanderten nach oben. Minerva legte den Kopf ein wenig schief.
„Wir brauchen dafür keine Tipps.“
Malcolm blinzelte. Minervas Grinsen wurde eine Spur breiter.
„Diese Plätze kennen wir auch so.“
Malcolm starrte seine Schwester an. Minerva erwiderte seinen Blick vollkommen ruhig. Dann brach Malcolm in schallendes Gelächter aus.
„Das hast du gerade nicht gesagt.“
„Doch.“
„Minerva McGonagall!“
Malcolm lachte so sehr, dass er sich am Türrahmen festhalten musste.
„Ich fasse es nicht.“
Minerva konnte ihr eigenes Lachen inzwischen ebenfalls kaum noch unterdrücken.
„Du wolltest eine Antwort.“
„Aber nicht diese!“
„Dann solltest du keine Fragen stellen, deren Antworten du möglicherweise nicht hören möchtest.“
Malcolm fuhr sich über das Gesicht.
„Ich hatte gerade Bilder im Kopf, die ich ganz sicher nicht brauche.“
„Das ist dein Problem.“
„Meine immer korrekte, strenge, unnahbare große Schwester. Die Frau, die mir mit sechzehn einen Vortrag gehalten hat, weil ich ein Mädchen hinter einem Gewächshaus geküsst habe, erzählt mir einfach so, dass sie und ihre Freundin Hogwarts bereits ausreichend erkundet habt.“
„Das habe ich nicht gesagt. Du interpretierst.“
„Oh, tue ich das?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich bin gerade ein bisschen stolz auf dich.“
Minervas Gesicht wurde augenblicklich misstrauisch.
„Warum?“
„Weil meine sonst so prüde Schwester offenbar doch noch eine andere Seite hat.“
Minervas Mund fiel leicht auf.
„Ich bin überhaupt nicht prüde.“
Malcolm lachte.
„Minerva, bitte.“
„Was heißt hier bitte? Nur weil ich mein Privatleben nicht mit jedem Menschen diskutiere, bin ich noch lange nicht prüde.“
„Du wirst schon nervös, wenn jemand beim Abendessen einen zweideutigen Witz macht.“
„Weil es meistens geschmacklos ist.“
„Das ist exakt das, was ein prüder Mensch sagen würde.“
„Unsinn.“
Malcolm grinste.
„Deine Hermine weiß das vermutlich besser.“
Minerva hielt inne. Malcolm bemerkte es. Sein Grinsen wurde gefährlich breit. Minerva wiederum sah ihn einen Moment lang an. Dann kehrte genau dieses kleine, selbstsichere Lächeln zurück.
„Ja“, sagte sie vollkommen ruhig. „Das tut sie.“
Malcolm starrte sie erneut an. Dann legte er eine Hand vor die Augen.
„Hör auf.“
Minerva lachte.
„Du hast angefangen.“
„Meine Vorstellung von dir ist für immer zerstört.“
„Damit kann ich leben.“
Malcolm ließ die Hand wieder sinken und betrachtete sie kopfschüttelnd, doch sein Lächeln war warm und Minerva musste sich eingestehen, dass es sich erstaunlich gut anfühlte mit ihm über alles lachen zu können und dass sich nichts zwischen ihnen verändert hatte. Nur kannte er jetzt einen Teil ihres Lebens, den Minerva beinahe ein Jahr lang vor ihm verborgen hatte und offenbar würde Malcolm diese Information vor allem dazu nutzen, sie in Zukunft noch effektiver auf die Palme zu bringen. Eigentlich hätte sie damit rechnen müssen.