Danke James
Danke James
Malcolm blieb noch bis nach dem Abendessen und Minerva musste sich eingestehen, dass sie seinen Besuch mehr genossen hatte, als sie erwartet hatte. Malcolm wusste jetzt von Hermine und obwohl Minerva noch immer ein leicht mulmiges Gefühl bekam, wenn sie daran dachte, dass ein Familienmitglied ihr Geheimnis kannte, fühlte sie gleichzeitig eine gewisse Erleichterung. Sie musste vor ihm nicht mehr jedes Wort abwägen, nicht darauf achten, wie sie Hermine erwähnte und vor allem wusste sie jetzt, dass Malcolm hinter ihr stand.
Natürlich hatte er es sich nicht nehmen lassen, sie beim Abendessen mehrmals mit einem derart vielsagenden Grinsen anzusehen, dass Minerva ihm am liebsten gegen das Schienbein getreten hätte. Isobel hatte das selbstverständlich bemerkt.
„Was ist mit euch beiden?“
„Nichts“, hatten Minerva und Malcolm gleichzeitig gesagt.
Isobels Augen waren schmal geworden. Malcolm hatte Minerva angesehen, Minerva hatte Malcolm angesehen und beinahe hätten beide angefangen zu lachen. Das hatte Isobels Misstrauen vermutlich nicht gerade verringert. Trotzdem hatte Malcolm sein Versprechen gehalten. Er sagte kein Wort. Nicht einmal, als Isobel später noch einmal beiläufig erwähnt hatte, wie schade es sei, dass Graham nun doch nicht zum Abendessen kommen würde. Malcolm hatte sich lediglich an seinem Getränk verschluckt. Minerva hatte ihn unter dem Tisch getreten.
Als ihr Bruder schließlich aufbrach, standen Minerva und Isobel mit ihm in der Eingangshalle. Malcolm zog zuerst seine Mutter in die Arme.
„Ich komme bald wieder.“
„Mit Annie.“
„Wenn sie Zeit zwischen Drachenforschung und Quidditchkarriere findet.“
Isobel lachte. Dann wandte Malcolm sich Minerva zu.
„Und du.“
„Was ist mit mir?“
„Lass dich nicht wieder monatelang nicht sehen.“
„Ich arbeite.“
„Schlechte Ausrede.“
Er zog sie in eine Umarmung. Minerva erwiderte sie.
„Es war schön, dich zu sehen.“
„Dich auch.“
Ganz leise, sodass Isobel es nicht hören konnte, fügte Malcolm hinzu:
„Und ich freue mich wirklich für dich.“
Minerva hielt für einen Moment inne. Dann drückte sie ihn ein wenig fester.
„Danke.“
Als sie sich voneinander lösten, grinste Malcolm bereits wieder.
„Viel Spaß in den Ferien.“
Minervas Augen verengten sich.
„Geh.“
„Bin schon weg.“
Er lachte, verabschiedete sich ein letztes Mal und verschwand schließlich. Minerva blieb noch einen Augenblick in der Eingangshalle stehen. Dann schloss sie die Tür. Als sie sich umdrehte, traf sie direkt auf den Blick ihrer Mutter. Isobel stand noch immer da und sah sie an. Minerva kannte diesen Blick inzwischen.
„Was?“
„Nichts.“
Isobel lächelte lediglich und ging zurück ins Wohnzimmer. Minerva sah ihr hinterher.
„Wunderbar“, murmelte sie.
Malcolm war fort und damit lag Isobels gesamte Aufmerksamkeit wieder auf ihr.
Entgegen Minervas Befürchtungen verlief der nächste Tag jedoch erstaunlich ruhig. Isobel ließ das Thema Männer und Enkelkinder ruhen. Minerva begann beinahe, ihrer Mutter zu misstrauen, weil sie so wenig nachbohrte.
Nach dem Frühstück schlug Isobel vor, gemeinsam ins Dorf zu gehen. Sie musste einige Besorgungen machen und Minerva stimmte gern zu. Das Wetter war angenehm. Ein leichter Wind ging und immer wieder schob sich die Sonne zwischen den Wolken hervor. Sie liefen einen Teil des Weges zu Fuß. Isobel stützte sich auf ihren Stock, bestand aber darauf, keinerlei Hilfe zu benötigen.
„Ich kann noch sehr gut allein laufen, Minerva.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Du hast meinen Arm angesehen.“
„Darf ich deinen Arm nicht ansehen?“
Isobel blieb stehen. Minerva bemerkte selbst, was sie gerade gesagt hatte. Ihre Mutter hob eine Augenbraue.
„Das kommt mir bekannt vor.“
Minerva schnaubte.
„Geh einfach weiter.“
Isobel lachte.
Im Dorf erledigten sie zunächst die langweiligen Dinge. Isobel brauchte einige Zutaten für den Haushalt. Minerva besorgte neue Schreibfedern und Pergament, obwohl sie sich selbst fragte, warum sie das ausgerechnet während ihrer Ferien tat.
„Du bist hoffnungslos“, stellte Isobel fest.
„Ich brauche sie.“
„Du hast vermutlich hundert in Hogwarts.“
„Nicht hundert.“
Isobel sah sie an. Minerva überlegte.
„Möglich.“
Danach betraten sie einen kleinen Laden, in dem es Bücher, Schreibwaren, Dekorationen, handgefertigte magische Gegenstände und kleine Geschenke gab.
Minerva wäre normalerweise vermutlich nach wenigen Minuten wieder gegangen. Isobel hingegen nahm sich sehr viel Zeit. Minerva folgte ihr zunächst geduldig, bis ihr Blick an etwas hängen blieb. Sie blieb stehen. Auf einem kleinen Regal lagen mehrere handgebundene Notizbücher. Eigentlich nichts Besonderes, aber eines davon fiel Minerva sofort ins Auge. Es war in dunkelrotes Leder gebunden, weich und schlicht, mit feinen goldenen Linien am Rand. Auf der Vorderseite befand sich keine auffällige Verzierung, nur ein kleines eingeprägtes Symbol: eine offene Feder, aus deren Spitze winzige Sterne hervorgingen.
Minerva nahm es in die Hand. Kaum öffnete sie es, bewegte sich die Schrift auf einem kleinen Schild daneben.
'Gedankenbuch für zwei'
Minerva hob eine Augenbraue. Sie las weiter. Das Buch bestand aus zwei miteinander verbundenen Exemplaren. Was in das eine geschrieben wurde, erschien auf Wunsch im anderen. Man konnte so ohne Eulen oder lange Briefe kleine Nachrichten, Gedanken oder ein paar Worte über jede Entfernung weitergeben.
Minerva strich über das Papier. Sofort dachte sie an Hermine. Sie stellte sich vor, wie Hermine irgendwo am Strand lag und plötzlich eine Nachricht von ihr auf einer leeren Seite erschien.
'Hast du Sonnencreme benutzt?'
Hermine würde vermutlich zurückschreiben:
'Ja, Professor.'
Minerva würde schon an der Schrift erkennen, dass sie grinste.
Oder während des Schuljahres… Wenn sie beide keine Möglichkeit hatten, sich zu sehen. Eine kleine Nachricht zwischen zwei Unterrichtsstunden.
Minerva musste lächeln.
„Gefällt es dir?“
Sie fuhr leicht zusammen. Isobel stand einige Schritte entfernt.
„Hm?“
„Das Buch.“
Minerva sah wieder darauf.
„Es ist ganz hübsch.“
Isobel hob eine Augenbraue.
„Ganz hübsch.“
„Ja.“
„Du lächelst.“
Minervas Lächeln verschwand augenblicklich.
„Unsinn.“
Isobel sagte nichts. Minerva las noch einmal die Beschreibung. Eigentlich war es überhaupt nichts, was sie sich selbst kaufen würde. Sie brauchte kein magisches Gedankenbuch. Wenn sie jemandem schreiben wollte, schickte sie einen Brief. Das war vollkommen ausreichend, aber Hermine würde es mögen. Da war Minerva sich sicher. Vor allem, weil es etwas war, das nur ihnen beiden gehörte, wie eine kleine Verbindung.
Minerva nahm beide zusammengehörigen Exemplare aus dem Regal.
„Ich nehme es.“
Isobel betrachtete sie.
„Beide?“
Minerva hielt inne.
'Verdammt.'
„Sie gehören zusammen.“
„Das sehe ich.“
„Dann ist deine Frage überflüssig.“
Isobel lächelte leicht. Minerva ging zur Kasse.
„Für wen ist denn das zweite?“
Da war sie. Minerva hatte die Frage erwartet. Sie antwortete, ohne sich umzudrehen.
„Für jemanden.“
Isobel blieb stehen.
„Jemanden?“
„Ja.“
„Das ist ausgesprochen präzise.“
„Danke.“
„Ist es für einen Geburtstag?“
„Nein.“
„Ein Geschenk?“
„Offensichtlich.“
Isobel musterte ihre Tochter. Minerva legte die Bücher auf den Tresen und bezahlte. Mehr sagte sie nicht. Isobel ebenfalls nicht, aber als Minerva die kleine Tüte entgegennahm, blieb der Blick ihrer Mutter einen Moment länger darauf liegen. Dann auf Minerva. Minerva bemerkte es, tat jedoch so, als würde sie es nicht bemerken.
Sie gingen anschließend noch in ein kleines Café und bestellten Tee. Sie fanden einen Tisch am Fenster und stellten ihre Einkaufstaschen neben sich ab. Das kleine Päckchen mit den beiden Büchern lag ganz oben in Minervas Tasche. Isobel sah einmal hin, was Minerva nicht verborgen blieb, doch keine der beiden sagte etwas. Stattdessen unterhielten sie sich über andere Dinge. Isobel erzählte von einer Freundin, die demnächst zu Besuch kommen wollte und Minerva berichtete von einigen geplanten Veränderungen im Schloss während der Ferien. Sie lachten, sie stritten kurz darüber, ob Minerva tatsächlich zu viel arbeitete und natürlich behauptete Isobel ja, Minerva behauptete nein.
Es war ein schöner Nachmittag und Minerva war dankbar dafür. Trotzdem bemerkte sie immer wieder, wie ihre Mutter sie ansah. Ihr Blick war inzwischen nachdenklicher, als würde sie kleine Puzzleteile sammeln.
Minerva kannte ihre Mutter gut genug. Sie wusste, dass Isobel nachdachte. Isobel wiederum kannte ihre Tochter gut genug, um inzwischen ziemlich sicher zu sein, dass es tatsächlich etwas gab, das Minerva ihr verschwieg - oder jemanden.
Nach dem Tee machten sie sich gemeinsam auf den Heimweg. Minerva trug die Einkaufstasche in einer Hand und obwohl sie sich bemühte, nicht darüber nachzudenken, wanderte ihr Blick immer wieder zu dem kleinen Päckchen darin. Ein Lächeln zuckte über ihre Lippen. Hermine würde es gefallen. Da war sie sich sicher. Neben ihr bemerkte Isobel auch dieses Lächeln.
Auch der restliche Abend verlief erstaunlich angenehm. Nachdem Minerva und Isobel nach Hause zurückgekehrt waren, brachte Minerva ihre Einkäufe zunächst nach oben. Das kleine Päckchen mit den beiden Gedankenbüchern verschwand selbstverständlich sofort in ihrem Koffer. Direkt neben dem Bilderrahmen. Minerva betrachtete beides einen Moment. Dann schloss sie den Koffer wieder. Als sie wenig später nach unten kam, wartete sie beinahe darauf, dass ihre Mutter noch einmal nach dem Geschenk fragte, für wen es bestimmt war, warum Minerva ausgerechnet zwei miteinander verbundene Bücher gekauft hatte und wer dieser ausgesprochen geheimnisvolle 'Jemand' war.
Isobel fragte nicht ein einziges Mal und Minerva war ihr innerlich dankbar dafür, obwohl sie ihrer Mutter sowieso keine richtige Antwort gegeben hätte. Vermutlich hätte sie etwas von einer Kollegin gesagt oder davon, dass es noch gar nicht feststand, wem sie das zweite Exemplar schenken würde. Irgendeine Ausrede wäre ihr eingefallen.
Minerva McGonagall hatte jahrelange Erfahrung darin, Schülern anzusehen, wenn sie versuchten, sich mit einer schlechten Ausrede aus einer unangenehmen Situation zu retten. Inzwischen stellte sie mit einer gewissen Ironie fest, dass sie selbst kaum besser war. Nur waren ihre Ausreden vermutlich überzeugender. Hoffentlich.
Das Abendessen nahmen sie gemeinsam im kleinen Speisezimmer ein. Sie sprachen über vergangene Zeiten und Minervas Vater.
Später wechselten sie ins Wohnzimmer. Isobel strickte, Minerva las. Zumindest versuchte sie es. Nach einigen Seiten ertappte sie sich dabei, dass sie überhaupt nicht wusste, was sie gerade gelesen hatte. Ihre Gedanken waren schon wieder zu Hermine abgeschweift. Minerva lächelte unwillkürlich.
„Was ist?“
Sofort sah sie auf. Isobel hatte den Blick nicht von ihrer Strickarbeit gehoben.
„Was soll sein?“
„Ist dein Buch so lustig, dass du dabei lächeln musst?“
„Darf ich nicht lächeln?“
„Natürlich.“
Minerva betrachtete ihre Mutter misstrauisch. Isobel strickte vollkommen ruhig weiter. Minerva senkte den Blick wieder auf ihr Buch und wartete, doch es kam keine weitere Andeutung. Vielleicht hatte ihre Mutter tatsächlich beschlossen, sie in Ruhe zu lassen oder sie wartete nur auf einen günstigeren Moment. Bei Isobel war beides möglich. Minerva las weiter. Diesmal schaffte sie sogar beinahe eine ganze Seite, bevor ihre Gedanken wieder bei Hermine landeten.
Später verabschiedeten sie sich voneinander.
„Gute Nacht, Minerva.“
„Gute Nacht, Mutter.“
Isobel drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Schlaf gut.“
„Du auch.“
Minerva ging nach oben. Sie machte sich fürs Bett fertig, löste ihr Haar und zog ihr Nachtkleid an. Bevor sie den Koffer schloss, kontrollierte sie noch einmal das kleine Geschenk. Sie konnte es kaum erwarten, Hermines Gesicht zu sehen. Vermutlich würde Hermine sie damit aufziehen, dass Minerva plötzlich etwas derart Romantisches gekauft hatte. Minerva konnte ihre Stimme bereits hören.
'Professor McGonagall, werden Sie etwa sentimental?'
„Wag es ja nicht“, murmelte Minerva lächelnd.
Dann schloss sie den Koffer. Sie legte sich ins Bett und löschte das Licht. Eine Weile lag sie auf dem Rücken und sah in die Dunkelheit. Das Haus war vollkommen ruhig. Der kommende Tag gehörte noch ihrer Mutter. Danach würde sie nach Hogwarts zurückkehren und Hermine würde ebenfalls zurückkommen.
Endlich.
Allein der Gedanke ließ Wärme in ihr aufsteigen. Minerva drehte sich auf die Seite und stellte sich vor, wie sie Hermine wiedersehen würde. Vermutlich würde Hermine lächeln. Dieses Lächeln, bei dem Minerva regelmäßig vergaß, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Vielleicht würde Minerva noch versuchen, irgendeine vernünftige Begrüßung zustande zu bringen.
'Schön, dich wiederzusehen.'
Oder:
'Wie waren deine Tage bei Harry und Ginny?'
Minerva schnaubte leise in ihr Kissen. Wen wollte sie eigentlich täuschen? Wenn sie beide allein waren, würde sie vermutlich überhaupt nicht viel sagen. Sie würde Hermine in die Arme ziehen, sie küssen und erst danach daran denken, dass Menschen normalerweise miteinander sprachen.
Minerva lächelte in die Dunkelheit. Sie vermisste alles an ihr - die Stimme, ihr Lachen, ihre Berührungen und sogar ihre frechen Bemerkungen. Vor allem aber dieses wunderbare Gefühl, wenn Hermine einfach neben ihr war. Minerva schloss die Augen.
In Gedanken sah sie Hermine bereits vor sich und mit genau diesem Bild schlief Minerva schließlich ein.
Am nächsten Morgen wachte Minerva früher auf, als sie eigentlich gemusst hätte. Für einige Sekunden blieb sie noch liegen, das Gesicht halb im Kissen vergraben und genoss die Ruhe. Dann erinnerte sie sich daran, wo sie war und daran, dass dies ihr letzter vollständiger Tag bei ihrer Mutter sein würde. Minerva öffnete die Augen. Sie freute sich bereits darauf, nach Hogwarts zurückzukehren. Nicht, weil sie ihre Mutter nicht gernhatte. Sie liebte sie sehr, allerdings hatten Besuche bei ihrer Mutter die unangenehme Eigenschaft, irgendwann weniger wie ein Familienbesuch und mehr wie eine sehr gründliche Befragung zu wirken und dieses Mal hatte Minerva etwas zu verbergen. Etwas ziemlich Großes. Sie musste bei dem Gedanken an Hermine wieder lächeln. So langsam kam sie sich vor wie ein verliebter Teenager. Sie lachte über sich selbst und stand irgendwann auf.
Nachdem sie sich angezogen, ihr Haar hochgesteckt und einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel geworfen hatte, verließ Minerva ihr Zimmer. Sie war gerade auf dem Weg nach unten, als sie auf der Treppe langsamer wurde. Sie hörte Stimmen. Eine davon gehörte ihrer Mutter, die andere war leiser und höher. Es war eine der Hauselfen. Sie wollte bereits weitergehen. Dann hörte sie ihren Namen.
„…Miss Minerva und Mister Malcolm, Ma’am.“
Minervas Fuß blieb auf der nächsten Stufe stehen. Sie bewegte sich nicht mehr.
„Wann?“, fragte Isobel.
„Vorgestern, Ma’am.“
Minervas Augen wurden schmal. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus. Langsam ging sie noch eine Stufe hinunter, blieb jedoch außerhalb des Sichtfeldes stehen. Sie sollte nicht lauschen. Andererseits wurde dort gerade über sie gesprochen. Damit war ihr schlechtes Gewissen erstaunlich schnell erledigt.
„Und was genau hast du gehört?“, fragte Isobel.
Die Hauselfe zögerte.
„Nicht viel, Ma’am. Wirklich nicht viel.“
„Aber etwas.“
„Ja, Ma’am.“
Minerva schloss kurz die Augen. Natürlich hatte einer der Hauselfen etwas mitbekommen. Genau deshalb hatte sie das Bild nicht offen auf den Nachttisch gestellt.
„Sie haben diskutiert“, erklärte der Elf.
„Minerva und Malcolm?“
„Ja, Ma’am.“
„Worüber?“
„Das weiß ich nicht.“
„Du hast doch eben gesagt, du hättest etwas gehört.“
„Nur Bruchstücke, Ma’am.“
Minerva lehnte sich leicht gegen die Wand. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Bruchstücke… Das konnte alles bedeuten oder nichts.
„Welche Bruchstücke?“
Isobels Stimme klang viel zu interessiert. Minerva presste die Lippen zusammen. Die Hauselfe überlegte.
„Miss Minerva war böse.“
Minerva hob eine Augenbraue. Das war zumindest korrekt.
„Auf Malcolm?“
„Ja, Ma’am.“
„Warum?“
„Weil er… etwas gesehen hat.“
„Was hat er gesehen?“
„Es ging um ein Bild, Ma’am.“
Minervas Magen zog sich zusammen.
'Verdammt.'
„Ein Bild?“
Isobels Stimme veränderte sich sofort. Minerva hörte die Aufmerksamkeit darin.
„Ja, Ma’am.“
„Was für ein Bild?“
„Das weiß ich nicht.“
„Hat Malcolm etwas dazu gesagt?“
Die Hauselfe schwieg einen Moment.
„Er hat gefragt.“
„Was?“
„Wegen dem Bild.“
Minerva konnte sich ungefähr vorstellen, welche Teile des Gesprächs der Elf aufgeschnappt hatte.
'Das ist doch die kleine Granger oder?'
'Sie ist erwachsen.'
Minerva hielt unwillkürlich den Atem an. Wenn er diesen Namen gehört hatte…
„Welcher Name?“, fragte Isobel.
Minervas Herz machte einen unangenehmen Sprung.
„Ma’am?“
„Du hast doch sicherlich einen Namen gehört.“
„Nein, Ma’am.“
Minerva entspannte sich ein kleines bisschen.
„Gar keinen? Bist du sicher?“
„Ja, Ma’am. Mister Malcolm hat einen Namen gesagt, glaube ich, aber ich habe ihn nicht verstanden. Ich war zu weit weg.“
Minerva schloss für einen Moment die Augen. Wenigstens etwas.
„Und worüber haben sie danach gesprochen?“
„Das weiß ich auch nicht genau.“
„Versuch dich zu erinnern.“
Minervas Gesicht verhärtete sich. Das war keine beiläufige Unterhaltung mehr. Ihre Mutter fragte gezielt nach. Die Hauselfe gab sich hörbar Mühe.
„Miss Minerva sagte etwas mit… niemand darf es wissen.“
Isobel schwieg einen Moment.
„Und?“
„Mister Malcolm sagte… er sagt nichts.“
„Was noch?“
„Dann haben sie wieder geredet.“
„Worüber?“
„Weiß ich nicht, Ma’am.“
Der Elf klang inzwischen beinahe verzweifelt.
„Ich habe nur gehört, dass Miss Minerva gesagt hat, dass er nichts erzählen darf.“
Minerva starrte auf die Wand gegenüber. Natürlich… Von all den Sätzen, die diese Elfe hätte hören können, hatte sie ausgerechnet das mitbekommen. Isobel würde sich daran vermutlich wochenlang festbeißen.
„Und dieses Bild“, begann ihre Mutter wieder.
Minerva konnte förmlich hören, wie die Gedanken in Isobels Kopf arbeiteten.
„Hast du es gesehen?“
„Nein, Ma’am.“
„Gar nicht?“
„Nein.“
„Du warst doch in Minervas Zimmer.“
Minervas Augenbrauen schossen nach oben.
Bitte was?
„Nein, Ma’am!“
Die Hauselfe klang erschrocken.
„Nicht im Zimmer. Auf dem Flur.“
Minerva atmete langsam wieder aus.
„Du hast also nur gehört, was drinnen gesprochen wurde.“
„Ja, Ma’am.“
„Und danach?“
„Danach bin ich gegangen. Ich hatte noch zu tun.“
Isobel schwieg. Minerva wartete. Dann kam die Frage, die ihre letzten Zweifel beseitigte.
„Du hast später nicht nachgesehen, was für ein Bild es war?“
Minervas Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos. Die Hauselfe antwortete sofort.
„Nein, Ma’am.“
„Warum nicht?“
„Es sind Miss Minervas Sachen.“
Minerva hätte dem kleinen Wesen in diesem Augenblick am liebsten persönlich eine Gehaltserhöhung gegeben, wenn Hauselfen überhaupt ein Gehalt akzeptiert hätten.
„Ich gehe nicht an Miss Minervas Sachen.“
„Natürlich nicht.“
Isobel klang beinahe enttäuscht. Minerva starrte ins Leere. Das konnte doch nicht wahr sein. Ihre Mutter hatte tatsächlich gehofft, die Hauselfe hätte in ihrem Zimmer herumgesucht und das nur, weil sie offensichtlich überzeugt war, dass Minerva ihr etwas verschwieg. Minerva spürte, wie Ärger in ihr aufstieg, zwang sich aber ruhig zu bleiben. Sie würde nun an ihrem letzten Tag nicht noch einen großen Streit beginnen. Sie musste diesen einen Tag noch überstehen und dann würde sie abreisen. Ihre Mutter konnte anschließend so viele Theorien über geheimnisvolle Bilder und namenlose Personen aufstellen, wie sie wollte.
Minerva atmete tief durch. Sie konnte sich später darüber ärgern. Sie richtete ihre Schultern auf.
Unten fragte Isobel noch einmal:
„Und du bist vollkommen sicher, dass du nicht weißt, wer auf diesem Bild war?“
„Ja, Ma’am.“
„Auch nicht, ob…“
Minerva hustete deutlich, um sich anzukündigen. Unten herrschte augenblicklich Stille. Minerva wartete und ging dann die restlichen Stufen hinunter. Die Hauselfe stand neben dem Durchgang zum Speisezimmer. Isobel saß bereits am Tisch. Beide sahen zu ihr. Minerva ließ ihren Blick zunächst vollkommen ruhig über den Hauselfen gleiten, abschließend zu ihrer Mutter. Die Elfe wurde so kreidebleich, wie ein Hauself werden konnte.
„Guten Morgen“, sagte Minerva.
„Guten Morgen, Liebes.“
Isobels Tonfall war beeindruckend unbefangen. Minerva hätte beinahe gelacht. Die Hauselfe verbeugte sich hastig, entschuldigte sich und verschwand schnell in die Küche. Minerva blieb einen Moment stehen. Isobel nahm seelenruhig ihre Teetasse, als wäre überhaupt nichts geschehen. Minerva ging langsam zum Tisch und setzte sich ihrer Mutter gegenüber.
„Gut geschlafen?“, fragte Isobel.
Sie betrachtete ihre Mutter einen langen Moment.
„Ausgezeichnet.“
„Das freut mich.“
Isobel trank einen Schluck Tee. Minerva griff nach der Kaffeekanne. Ihre Bewegungen blieben vollkommen ruhig. Nur der etwas zu feste Griff um den Henkel verriet, wie viel Selbstbeherrschung sie gerade aufbringen musste. Isobel tat so, als wäre nichts. Also würde Minerva dasselbe tun.
Später saß Minerva auf der Terrasse hinter dem Haus. Vor ihr erstreckte sich die weite Landschaft von Caithness. Das Gras bewegte sich im Wind, weiter hinten zeichneten sich die Hügel gegen den hellen Himmel ab und irgendwo in der Ferne konnte sie das Meer erahnen. Minerva hatte diesen Ausblick schon als Kind geliebt. Er hatte etwas Beruhigendes. Heute schien es nicht zu wirken, denn das Gespräch zwischen ihrer Mutter und der Hauselfe ging ihr nicht aus dem Kopf.
Ihre Mutter war schon immer neugierig gewesen, besonders wenn es um ihre Kinder ging, aber einen Hauselfen darüber auszufragen, was er von einem privaten Gespräch gehört hatte, war etwas anderes und dann noch nachzufragen, ob er das Bild gesehen oder später danach gesucht hatte…
Das gefiel Minerva überhaupt nicht. Sie nahm einen Schluck Tee. Eigentlich wartete sie auf ihre Mutter. Isobel hatte vorgeschlagen, eine Partie Zauberschach zu spielen, und Minerva hatte zugestimmt. Das Brett stand bereits auf dem kleinen Tisch, die Figuren warteten ebenso wie Minerva.
Nach einer Weile sah sie zur Terrassentür. Noch immer nichts. Das war ungewöhnlich. Isobel hatte gesagt, sie wolle nur kurz nach oben gehen. Minerva sah auf ihre Uhr.
„Was treibst du da?“, murmelte sie.
Sie wartete noch ein paar Minuten. Dann war ihre Geduld erschöpft. Minerva stellte die Tasse ab und erhob sich. Sie ging durch die Terrassentür ins Haus.
„Mutter?“
Keine Antwort. Minerva ging durch den Flur in Richtung Treppe. Gerade als sie nach oben gehen wollte, hörte sie Schritte. Isobel erschien am oberen Ende der Treppe. Minerva blieb stehen. Ihre Mutter ebenfalls. Minerva wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Isobel wirkte angespannt. Jemand, der sie weniger gut kannte, hätte vermutlich überhaupt nichts bemerkt. Minerva jedoch war ihre Tochter und sie kannte diesen Gesichtsausdruck.
„Da bist du ja“, sagte Isobel viel zu beiläufig.
Isobel kam die Treppe hinunter.
„Entschuldige, dass es so lange gedauert hat.“
„Was hast du gemacht?“
„Nichts Besonderes.“
Minerva beobachtete sie.
„Aha.“
Isobel ging an ihr vorbei.
„Wollen wir spielen?“
Minerva bewegte sich nicht.
„Mutter.“
Isobel blieb stehen.
„Ja?“
„Was ist los?“
Isobel drehte sich zu ihr.
„Was soll denn los sein?“
„Das frage ich dich.“
„Minerva, ich war lediglich oben.“
Minerva verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du bist eine miserable Lügnerin.“
Isobel sah sie empört an.
„Bitte?“
„Zumindest mir gegenüber.“
„Ich lüge überhaupt nicht.“
„Dann sag mir, was los ist.“
„Es ist nichts los.“
Minerva seufzte. Sie hatte eigentlich wirklich keinen Streit gewollt, aber irgendwann reichte es.
„Gut.“
Isobel schien sich bereits entspannen zu wollen. Dann fuhr Minerva fort.
„Dann kannst du mir vielleicht erklären, warum du heute Morgen einen Hauselfen darüber ausgefragt hast, was er von meinem Gespräch mit Malcolm gehört hat.“
Isobel erstarrte. Minerva hob beide Augenbrauen.
„Hm?“
„Du hast gelauscht.“
Minerva lachte trocken auf.
„Das ist deine Antwort?“
„Du hast unser Gespräch belauscht.“
„Ihr habt über mich gesprochen.“
„Trotzdem.“
Minerva machte einen Schritt auf ihre Mutter zu.
„Interessant. Du lässt einen Hauselfen berichten, welche Bruchstücke eines privaten Gesprächs er aufgeschnappt hat, fragst ihn nach einem Bild in meinem Zimmer und ob er es gesehen hat, aber mein Lauschen ist jetzt das Problem?“
Isobel öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder.
„Ich habe ihn nicht angewiesen, dich auszuspionieren.“
„Nein?“
„Nein.“
„Du hast ihn aber ausgesprochen gründlich ausgefragt.“
„Weil er etwas erwähnt hat.“
„Und warum interessiert dich ein Bild in meinem Zimmer so sehr?“
Isobel schwieg. Minerva wartete.
„Nun?“
„Ich war neugierig.“
„Das habe ich bemerkt.“
„Minerva…“
„Nein. Seit ich hier bin, beobachtest du mich.“
„Das tue ich nicht.“
Minerva sah sie nur an. Isobel seufzte.
„Gut. Vielleicht ein wenig, aber du bist meine Tochter. Als Mutter macht man sich eben Gedanken.“
„Ich bin keine Schülerin, die versucht, einen verbotenen Gegenstand in ihrem Schlafsaal zu verstecken.“
„Das weiß ich.“
„Man könnte es beinahe anders vermuten.“
Isobel zog die Stirn kraus.
„Du übertreibst.“
„Tue ich das? Du wolltest wissen, ob ein Hauself in meinem Zimmer nach einem Bild gesucht hat.“
Isobel wich ihrem Blick aus. Das genügte Minerva als Antwort. Sie atmete langsam aus.
„Was ist eigentlich los mit dir?“
Isobel sah wieder zu ihr.
„Mit mir?“
„Ja.“
Minerva löste die Arme voneinander.
„Erst Graham. Dann diese ständigen Fragen. Dann beobachtest du mich bei jeder Kleinigkeit. Gestern dieses Buch. Heute Morgen der Hauself.“
„Ich habe wegen des Buches nichts gesagt.“
„Nein, aber du hattest diesen Blick.“
„Ich darf doch wohl schauen.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
Isobel schwieg. Minerva wartete. Dieses Mal ließ sie ihrer Mutter keine Möglichkeit, das Thema mit einer Bemerkung oder einer Partie Schach zu umgehen. Schließlich atmete Isobel hörbar aus.
„Ich möchte einfach wissen, was mit dir los ist.“
Minervas Gesicht verhärtete sich.
„Mit mir ist nichts los.“
„Minerva, ich kenne dich. Du bist anders.“
Minerva sagte nichts. Isobel trat etwas näher.
„Du bist seit deiner Ankunft anders. Eigentlich schon länger, wenn ich darüber nachdenke.“
„Inwiefern?“
„Zufriedener.“
Minerva blinzelte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Isobel fuhr fort.
„Leichter.“
„Leichter?“
„Ja.“
Sie suchte nach den richtigen Worten.
„Du lachst anders. Du lächelst ständig vor dich hin, ohne es überhaupt zu merken.“
Minerva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Und dann sagst du mir mit einer Sicherheit, die ich seit Jahren nicht mehr von dir gehört habe, dass du glücklich bist und niemanden brauchst, den ich dir vorstelle.“
„Weil das stimmt.“
„Das glaube ich dir.“
Isobel betrachtete sie.
„Aber es muss doch einen Grund dafür geben.“
Minerva schwieg.
„Dann kaufst du ein Geschenk für jemanden, willst mir aber nicht sagen, für wen. Malcolm findet irgendein Bild in deinem Zimmer und plötzlich darf niemand etwas davon wissen.“
Minervas Blick wurde scharf.
„Malcolm hat dir nichts erzählt.“
„Nein.“
„Gut.“
„Aber genau das meine ich.“
Isobel breitete leicht die Hände aus.
„Es gibt etwas, über das du nicht sprichst.“
„Vielleicht.“
Isobels Augen wurden größer. Minerva hatte nicht vorgehabt, ihr auch nur dieses eine Wort zu geben, aber nun war es ausgesprochen.
„Also gibt es etwas.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
Sie sahen sich an. Beide waren wie immer gleich stur und hatten nahezu denselben Ausdruck. Unter anderen Umständen hätte Minerva die Ähnlichkeit vermutlich amüsant gefunden. Jetzt nicht.
„Warum kannst du mir nicht einfach sagen, was es ist?“, fragte Isobel schließlich.
Minerva atmete tief durch.
„Weil mein Privatleben niemanden etwas angeht.“
Isobel wirkte verletzt.
„Auch mich nicht?“
Minerva schloss kurz die Augen.
„Darum geht es nicht.“
„Worum dann?“
„Darum, dass ich selbst entscheiden möchte, was ich wann erzähle.“
Ihre Stimme wurde etwas weicher, blieb jedoch bestimmt.
„Und wenn es etwas gibt, das ich dir irgendwann erzählen möchte, dann werde ich das tun.“
Isobel wollte etwas sagen. Minerva hob die Hand.
„Aber nicht, weil du Hauselfen befragst oder meine Einkäufe analysierst und ganz sicher nicht, weil du lange genug nachbohrst, bis ich irgendwann aufgebe.“
Isobel schwieg.
„Ich bin deine Tochter“, sagte Minerva. „Aber ich bin auch eine erwachsene Frau und ich habe ein Recht auf Dinge, die nur mir gehören.“
Eine kleine Pause entstand. Minerva sah ihre Mutter ruhig an.
„Ich bitte dich jetzt zum letzten Mal, dieses Thema ruhen zu lassen.“
Isobel senkte kurz den Blick. Minerva fuhr leiser fort.
„Ich würde wirklich gern noch einen schönen Tag mit dir verbringen, bevor ich zurückmuss.“
Das nahm der Situation etwas von ihrer Schärfe. Isobel sah wieder auf.
„Du willst wirklich nicht darüber sprechen.“
„Nein.“
„Und wenn ich verspreche, nicht zu urteilen?“
Minerva musste beinahe lächeln.
'Hartnäckig, bis zum letzten Versuch.'
„Mutter.“
Isobel seufzte.
„Schon gut.“
Minerva wartete.
„Wirklich.“
Isobel nickte.
„Ich lasse es.“
Minerva musterte sie noch einen Moment. Dann entspannte sie langsam die Schultern.
„Gut.“
Isobel sah sie einen Augenblick an. Dann deutete sie in Richtung Terrasse.
„Schach?“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Du weißt, dass du verlieren wirst.“
„Das werden wir sehen.“
„Du verlierst immer.“
„Diese unerträgliche Selbstsicherheit hattest du schon als Kind.“
Minerva ging an ihrer Mutter vorbei in Richtung Terrasse.
„Und meistens war sie berechtigt.“
Hinter ihr hörte sie Isobel lachen. Die Spannung war noch nicht vollständig verschwunden, aber sie war gebrochen und für den Moment genügte Minerva das.
Während Minerva in Caithness versuchte, die Neugier ihrer Mutter irgendwie in Schach zu halten, ging es bei Hermine deutlich weniger ruhig zu.
„James!“
Ein helles Kinderlachen erklang aus dem Flur. Hermine blieb mitten im Wohnzimmer stehen und schloss für einen Moment die Augen.
„James Sirius Potter.“
Wieder dieses Lachen. Diesmal weiter entfernt.
„Ich weiß, dass du mich hörst.“
„Nein!“
Hermine öffnete die Augen.
„Doch!“
„Nein!“
„James!“
Kleine Schritte polterten über den Boden. Hermine setzte sich in Bewegung. Sie fand ihren Patensohn schließlich hinter einem Sessel. Zumindest einen Teil von ihm. Seine Beine ragten darunter hervor.
„Interessantes Versteck.“
Die Beine bewegten sich.
„James nicht da.“
Hermine biss sich auf die Lippe.
„Ach nein?“
„Nein.“
„Dann frage ich mich, wem diese Füße gehören.“
Hermine ging in die Hocke.
„Vielleicht sollte ich sie einfach kitzeln.“
Sofort wurden die Beine zurückgezogen.
„Nein!“
James kam lachend hinter dem Sessel hervor und versuchte davonzulaufen. Hermine erwischte ihn.
„Hab ich dich!“
James quietschte vor Vergnügen, während Hermine ihn hochhob.
„Du bist ein kleiner Unruhestifter.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein!“
„Ganz eindeutig.“
James legte beide Arme um ihren Hals. Hermine drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“
Er sah sie mit großen Augen an.
„Dass du genau weißt, dass ich dir sowieso nicht böse sein kann.“
James grinste. Er sah dabei genau so aus, wie Harry. Hermine seufzte.
„Ich bin verloren.“
Die Tage bei den Potters waren chaotisch, laut, manchmal anstrengend, aber wunderschön.
James hielt sie praktisch von morgens bis abends auf Trab. Er verteilte sein Spielzeug mit beeindruckender Konsequenz über das gesamte Haus, versteckte Dinge an Orten, an denen niemand sie vermutete und entwickelte eine besondere Begeisterung dafür, ausgerechnet dann davonzulaufen, wenn jemand versuchte, ihn anzuziehen.
Einmal suchten Hermine und Ginny beinahe zwanzig Minuten nach einem von James’ Schuhen. Sie fanden ihn schließlich in einem Küchenschrank.
„Warum?“, fragte Hermine und hielt den kleinen Schuh hoch.
Ginny sah ihren Sohn an.
„James?“
James saß auf dem Boden und spielte vollkommen unschuldig mit einem Holzbesen.
„Warum war dein Schuh im Schrank?“
„Schuh müde.“
Hermine starrte ihn an. Ginny ebenfalls.
„Das ergibt natürlich Sinn “, sagte Hermine ernst.
Ginny nickte.
„Hätten wir uns denken können.“
Beide brachen in Gelächter aus. James lachte einfach mit, obwohl er offensichtlich keine Ahnung hatte, warum.
Ginny war sichtlich froh, Hermine bei sich zu haben. Nicht nur wegen der zusätzlichen Hände, obwohl sie mehrmals betonte, dass es erstaunlich angenehm sei, einmal in Ruhe eine Tasse Tee austrinken zu können, ohne gleichzeitig einem kleinen Jungen hinterherzulaufen. Es war vor allem die gemeinsame Zeit. Sie hatten sich in den letzten Monaten nicht gesehen und nun konnten sie endlich wieder richtig miteinander reden - über alles und natürlich immer wieder über Minerva. Zumindest dann, wenn Harry nicht dabei war.
Ginny hatte es sich nicht nehmen lassen, Hermine regelmäßig mit einem wissenden Grinsen anzusehen, sobald sie bemerkte, dass Hermine die Smaragdkette berührte.
„Warm?“
„Ginny.“
„Ich frage nur.“
„Ja.“
„Sehr?“
Hermine hatte versucht, streng zu schauen.
„Sehr.“
Ginny hatte gegrinst.
„Süß.“
„Hör auf.“
„Auf keinen Fall.“
Sogar Harry hatte sich überraschend viel Zeit nehmen können. Er war früher nach Hause gekommen, hatte sich einen freien Nachmittag organisiert und war an einem anderen Morgen erst später ins Ministerium gegangen.
„Du bist schließlich nicht ständig hier“, hatte er gesagt, als Hermine überrascht gefragt hatte.
Das hatte sie mehr gefreut, als sie ihm vermutlich gezeigt hatte. Sie vermisste die Zeit mit Harry und Ginny und dieses vertraute Gefühl, bei dem Jahre vergehen konnten und sie trotzdem innerhalb weniger Minuten wieder miteinander redeten, als hätten sie sich gestern erst gesehen.
Abends saßen sie lange zusammen. Harry hatte immer wieder nach Hermines Prüfungen gefragt und jedes Mal kam die selbe Antwort:
„Zweimal Ohnegleichen? War doch klar.“
Hermine hatte ihm dafür ein Kissen an den Kopf geworfen. Ginny hatte sich beinahe an ihrem Tee verschluckt.
Es fühlte sich normal und leicht an und Hermine genoss jede Minute davon.
Am meisten genoss sie jedoch die Zeit mit James. Da sie auch ihn in den vergangenen Monaten nicht gesehen hatte, holte sie die Zeit nun gründlich nach. Vielleicht etwas zu gründlich, wenn man Ginny fragte.
„Hermine.“
„Was?“
„Er braucht das nicht. Er hat bereits drei.“
„Aber nicht diesen.“
Ginny sah auf den kleinen Stoffdrachen in Hermines Hand.
„Er sieht genauso aus wie der andere.“
„Überhaupt nicht. Dieser hier ist grün.“
„Der andere auch.“
„Ein anderes Grün.“
Ginny hatte sie minutenlang angestarrt. Hermine kaufte ihn trotzdem. Genauso ein Bilderbuch, eine kleine Jacke und Süßigkeiten, die Ginny sofort beschlagnahmte.
„Ich bin seine Patentante.“
„Das ist kein Grund, um ihm alles zu kaufen, was er will.“
„Es ist meine Aufgabe, ihn zu verwöhnen.“
„Deine Aufgabe wäre eigentlich, einen positiven Einfluss auf ihn zu haben.“
Hermine hatte James angesehen. James hatte Hermine angesehen. Dann hatten beide gleichzeitig gegrinst. Ginny hatte nur noch den Kopf geschüttelt.
Viel zu schnell kam schließlich Hermines letzter Abend. Ihre Sachen waren größtenteils bereits gepackt. Am nächsten Morgen würde sie aufbrechen. Zurück nach Hogwarts und allein dieser Gedanke sorgte jedes Mal für ein Kribbeln in ihrem Bauch.
Minerva. Endlich.
Natürlich hatte Hermine ihre Zeit hier geliebt, aber sie vermisste Minerva inzwischen schrecklich und die Aussicht, dass sie danach nicht einfach wieder in den normalen Schulalltag zurückmussten, machte es noch schöner.
Sie dachte an das Cottage und ihren Urlaub am Meer - nur sie beide. Hermine musste lächeln.
„Da ist es wieder.“
Ginny saß auf dem Sofa gegenüber.
„Was?“
„Dieses Lächeln.“
Hermine verdrehte die Augen.
„Ich lächle eben.“
„Klar. Weißt du was? Deine Minerva bräuchte auch so eine Kette. Wobei…“
„Wobei was?“, fragte Hermine misstrauisch.
„Vermutlich würde sie darunter verbrennen, so oft wie du an sie denkst.“
Hermine starrte sie einen Moment an. Dann mussten sie beide lachen.
„Vermutlich hast du recht.“
Harry kam gerade mit drei Tassen ins Wohnzimmer.
„Was habe ich verpasst?“
„Nichts“, sagte Hermine schnell.
„Hermine freut sich auf Hogwarts“, sagte Ginny gleichzeitig.
Harry stellte die Tassen ab.
„Was ganz neues.“
„Sehr witzig.“
Er grinste.
„Seit wann freut sich jemand in den Ferien darauf, freiwillig nach Hogwarts zurückzukehren?“
Hermine warf Ginny einen warnenden Blick zu. Ginny sah demonstrativ unschuldig aus.
„Ich habe dort noch Dinge zu erledigen.“
„Mhm, ist klar“, murmelte Ginny.
Hermine trat ihr leicht gegen den Fuß. Harry bemerkte nichts. Zumindest schien es so.
Später saßen sie gemeinsam im Wohnzimmer. Harry hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht, Ginny saß mit hochgezogenen Beinen auf dem Sofa und Hermine hatte James auf dem Schoß. Eigentlich hätte er längst müde sein müssen. Davon wollte James allerdings nichts wissen. Er saß quer auf Hermines Beinen und beschäftigte sich hingebungsvoll mit ihren Haaren. Eine Locke wurde um einen kleinen Finger gewickelt, losgelassen und erneut untersucht.
„Meine Haare sind kein Spielzeug“, sagte Hermine.
James sah sie an.
„Ja Spielzeug.“
Harry lachte.
„Er hat einen Punkt.“
„Du hilfst überhaupt nicht.“
„Das war auch nicht mein Plan.“
James verlor irgendwann das Interesse an Hermines Haaren. Sein Blick fiel auf ihre Kette. Sofort griff er nach dem Smaragd. Hermine legte vorsichtig ihre Hand über seine.
„Sanft.“
„Grün.“
„Ja. Grün.“
James strich mit einem Finger über den Stein. Hermine lächelte. Er hatte die Kette schon während ihres gesamten Besuchs faszinierend gefunden. Vielleicht weil der Smaragd im Licht funkelte. Vielleicht auch, weil Hermine ihn so oft berührte.
„Nerva“, sagte James.
Hermine erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Ginny sah sofort zu ihr. Hermine warf ihr einen kurzen Blick zu.
„Ja“, murmelte sie und nahm James’ kleine Hand wieder etwas vom Anhänger weg. „Aber nicht ziehen.“
„Nerva.“
„Mhm.“
James sah den Smaragd konzentriert an.
„Nerva.“
Ginny presste die Lippen zusammen. Hermine erkannte genau, dass sie versuchte, nicht zu lachen. Harry dagegen war mit irgendeinem Pergament beschäftigt, das er aus dem Ministerium mitgebracht hatte.
„Nerva“, sagte James wieder.
Hermine strich ihm durchs Haar.
„Du hast dir das wirklich gemerkt, hm?“
„Nerva.“
„Ja.“
James spielte wieder mit einer ihrer Locken und griff dann wieder nach der Kette. Dann sah er Hermine an. Seine Stirn legte sich in kleine Falten. Offenbar arbeitete es angestrengt in seinem Kopf.
„Mi…“
Hermine sah ihn an.
„Was?“
„Mi… ner…“
Ginny richtete sich langsam auf. Hermine hielt beinahe den Atem an. James verzog konzentriert das Gesicht.
„Minerva.“
Hermine riss überrascht die Augen auf. Ginny ebenfalls. Hermine erstarrte. James grinste stolz.
„Minerva!“
„Ja, schon gut“, sagte Hermine nervös.
Harrys Pergament sank langsam nach unten. Hermine bemerkte es zu spät.
„Was war das?“
Sie sah zu ihm. Harry blickte von James zu Hermine. Dann zur Kette in James’ Hand.
„Minerva?“
Ginny wurde vollkommen still. Harry runzelte die Stirn.
„Wie kommt er denn jetzt auf sie?“
Hermine starrte Harry an. Ihr Kopf war mit einem Mal vollkommen leer. Von all den Situationen, in denen Harry von ihr und Minerva erfahren könnte, hatte sie sich ganz sicher nicht vorgestellt, dass ausgerechnet ihr kleiner Patensohn dafür sorgen würde. James saß noch immer vollkommen zufrieden auf ihrem Schoß und spielte mit dem Smaragd.
„Minerva“, wiederholte er stolz.
Hermine schluckte.
„Ähm…“
Mehr kam nicht. Harry sah sie fragend an.
„Ja. Minerva. Das habe ich verstanden.“
Sein Blick wanderte zu James.
„Aber wie kommt er denn jetzt auf sie? Er hat sie doch seit Weihnachten nicht gesehen.“
„Wir haben vorhin über Minerva geredet“, sprang Ginny ein.
Hermine sah sofort zu ihr. Ginny wirkte vollkommen entspannt.
„James hat den Namen wohl aufgeschnappt“, fuhr sie fort. „Hermine versteht sich schließlich sehr gut mit ihr.“
Harry nickte zunächst.
„Ach so.“
Hermine atmete aus. Gerettet. Zumindest für ungefähr zwei Sekunden, denn dann sah Harry sie an und Hermine wusste sofort, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hätte einfach lächeln sollen oder irgendetwas Belangloses sagen. Stattdessen saß sie stocksteif auf dem Sofa, eine Hand auf James’ Rücken, die andere noch immer an ihrer Kette.
„Was ist?“, fragte Harry.
„Was soll sein?“
Ginny senkte den Blick. Hermine hätte schwören können, dass ihre Mundwinkel zuckten. Harry legte das Pergament endgültig beiseite.
„Mit dir.“
„Mit mir ist alles in Ordnung.“
„Hermine, du bist plötzlich nervös.“
„Bin ich nicht.“
Harry hob die Augenbrauen.
„Doch. Du wirst sogar noch nervöser.“
„Harry, es ist nichts.“
„Alles klar.“
Er betrachtete sie. Hermine hielt seinem Blick stand. James zupfte wieder an ihrer Locke.
„Minerva.“
Harrys Augenbrauen wanderten noch etwas höher. Hermine schloss kurz die Augen.
'Danke, James.'
„Alles bestens“, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln.
Harry glaubte ihr kein Wort. Dieser Mann kannte sie seit Jahrzehnten.
„Komm schon, Hermine. Was ist los? Ich dachte, ich bin dein bester Freund.“
Das traf. Hermine sah ihn an.
„Das bist du auch.“
„Warum habe ich dann gerade das Gefühl, dass du mir etwas verschweigst?“
Hermine öffnete den Mund und schloss ihn wieder, denn er hatte recht. Sie hatte ihm alles über die letzten Monate erzählt. Nur den wichtigsten Teil ihres Lebens hatte sie ausgelassen - Minerva. Hermine senkte den Blick zu James. Er hatte inzwischen eine ihrer Locken zwischen zwei Fingern und betrachtete sie fasziniert.
„Hey“, sagte Harry leise. „Ich wollte dich nicht unter Druck setzen.“
Hermine sah wieder auf.
„Ich weiß.“
„Wenn du nicht darüber reden willst, musst du nicht.“
Das machte es noch schlimmer. Hermine wechselte einen Blick mit Ginny. Ginny wusste sofort, was sie fragte.
'Was soll ich tun?'
Für einen Moment sahen die beiden Frauen einander nur an. Dann zuckte Ginny leicht mit den Schultern. Es war Hermines Entscheidung. Ginny würde sie nicht drängen, aber sie würde sie auch nicht davon abhalten. Hermine blickte wieder zu Harry. Vielleicht war es ohnehin längst überfällig. Harry war ihr bester Freund. Sie vertraute ihm und wenn sie wirklich darüber nachdachte, fühlte es sich inzwischen sogar merkwürdig an, dass Neville Bescheid wusste, während Harry keine Ahnung hatte. Hermine atmete tief durch.
„Also…“
Harry wartete.
„Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“
„Das klingt beruhigend.“
Ginny warf ihm einen Blick zu.
„Harry.“
„Schon gut.“
Hermine musste trotz ihrer Nervosität kurz lächeln. Dann wurde sie wieder ernst.
„Es gibt etwas, von dem noch nicht viele wissen.“
Harry sagte nichts.
„Und eigentlich soll das vorerst auch so bleiben.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Okay.“
„Das heißt, wenn ich es dir erzähle…“
„Erzähle ich es niemandem.“
„Auch Ron nicht.“
Harry verzog das Gesicht.
„Das wird schwierig.“
Hermine starrte ihn an.
„Ein Scherz.“
Ginny schüttelte den Kopf.
„Du bist unmöglich.“
„Ich versuche nur, sie etwas weniger aussehen zu lassen, als müsste sie gleich vor das Zaubergamot treten.“
Hermine atmete aus. Harry beugte sich ein wenig vor.
„Du kannst mir vertrauen. Egal, was es ist.“
Hermine nickte langsam.
„Das weiß ich.“
Sie machte eine kleine Pause. Dann sagte sie:
„Es geht um Minerva.“
Harry blinzelte.
„Okay.“
Er wartete einfach, aber das machte es nicht leichter. Hermine strich James gedankenverloren über den Rücken.
„Es ist so, dass Minerva und ich…“
Sie stockte.
Merlin… Warum war das plötzlich so schwierig? Sie hatte es Ginny erzählt und auch ein paar Kollegen wussten es, aber Harry gegenüber fühlte sie sich plötzlich wie ein Teenager, der seinem besten Freund gestehen musste, dass er sich verliebt hatte.
„Also“, begann sie noch einmal. „Wir verstehen uns gut.“
Harry nickte langsam.
„Das weiß ich.“
„Sehr gut sogar und wir…“
Hermine sah hilfesuchend zu Ginny. Ginny lächelte nur. Von ihr war keine Hilfe zu erwarten.
„Na ja…“
Harrys Stirn legte sich zunächst in Falten. Dann sah Hermine förmlich, wie etwas in seinem Kopf einrastete. Sein Blick wanderte zu ihrer Kette, zu James, wieder zu Hermine und plötzlich begann er zu grinsen. Hermine erstarrte. Harrys Augen wurden groß.
„Nein.“
Hermine sagte nichts. Sein Grinsen wurde breiter.
„Nein, oder?“
„Harry…“
Er zeigte ungläubig auf sie.
„Du und Minerva?“
Hermine sah Harry einige Sekunden lang an. Dann nickte sie kurz, aber eindeutig. Er sah zu Ginny. Ginny grinste. Dann wieder zu Hermine.
„Du meinst das ernst.“
„Ja.“
„Du und Minerva.“
„Ja, Harry.“
„Also, ihr seid wirklich…“
„Ja.“
Harry lehnte sich langsam in seinem Sessel zurück.
„Wow.“
Hermine wurde sofort wieder unsicher. Sie wusste eigentlich, dass Harry nicht der Mensch war, der sie deshalb verurteilen würde. Trotzdem begann ihr Herz schneller zu schlagen.
„Es war nicht geplant“, sagte sie hastig. „Wirklich nicht. Es ist einfach passiert.“
Harry sah sie noch immer an.
„Wow.“
„Hör auf damit.“
„Gib mir einen Moment.“
Hermine presste die Lippen zusammen. Harry fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.
„Also damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet.“
Hermine beobachtete sein Gesicht. Er war überhaupt nicht entsetzt. Trotzdem fragte sie:
„Bist du schockiert?“
Harry blinzelte.
„Was?“
„Bist du schockiert?“
„Sehe ich so aus?“
„Eigentlich nicht.“
„Ich bin überrascht. Sehr überrascht sogar. Aber schockiert? Überhaupt nicht.“
Hermine entspannte sich etwas.
„Ich fasse nur nicht, dass du nichts gesagt hast.“
Hermine verzog leicht das Gesicht.
„Ginny wusste es.“
Harrys Kopf fuhr zu seiner Frau herum.
„Was?“
Ginny lächelte ausgesprochen unschuldig.
„Seit wann weißt du das?“
Ginny nahm seelenruhig ihre Tasse.
„Seit Weihnachten.“
Harry starrte sie an. Dann Hermine.
„Seit Weihnachten?“
„Ja.“
„Und du hast mir nichts gesagt?“
Ginny hob eine Augenbraue.
„Hermine hat mir etwas im Vertrauen erzählt.“
„Aber ich bin dein Mann.“
„Gut erkannt mein Schatz.“
Hermine musste lachen. Harry sah wieder zu ihr.
„Ihr seid schon seit Weihnachten zusammen und du sagst kein Wort?“
„Nein.“
„Nein?“
„Wir sind schon länger zusammen.“
Harrys Augen wurden noch größer.
„Noch länger?“
Hermine nickte. Harry setzte sich gerade hin.
„Jetzt raus damit.“
Hermine wurde misstrauisch.
„Ich will Details.“
Ginny begann sofort zu lachen.
„Lass es, Harry.“
„Was?“
„Hermine rückt keine Details raus.“
Hermine warf ihr einen warnenden Blick zu.
„Ginny.“
„Ist doch wahr.“
Harry sah zwischen den beiden hin und her. Dann verstand er offenbar, was Ginny meinte.
„Oh! Nein.“
Er hob sofort beide Hände.
„Nein, nein, nein. Ich hatte jetzt keine Bettgeschichten gemeint.“
Hermine wurde augenblicklich rot. Ginny lachte noch lauter.
„Das will ich wirklich nicht so genau wissen.“
„Sehr beruhigend.“
Harry verzog das Gesicht.
„Es gibt Dinge, die muss ich über meine beste Freundin und meine Ex-Lehrerin nicht wissen.“
„Dann sind wir uns einig.“
Ginny wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.
„Ihr seid beide unmöglich.“
„Du hast damit angefangen“, sagte Hermine.
„Ich habe überhaupt nichts gemacht.“
„Du hast gerade sehr viel gemacht.“
Harry winkte ab.
„Mich interessiert nur, seit wann das geht und wie es überhaupt dazu kam.“
Hermine sah ihn an. Dann senkte sie den Blick zu James. Der Kleine hatte das Interesse an der Unterhaltung längst verloren und war wieder damit beschäftigt, Hermines Haar zwischen seinen Fingern zu drehen.
„Eine Weile nachdem ich in Hogwarts angefangen habe“, begann sie.
Harry wurde sofort still.
„Wir haben…“
Hermine suchte nach den richtigen Worten.
„Wir haben immer mehr Zeit miteinander verbracht. Erst eigentlich ganz harmlos.“
Ginny schnaubte leise. Hermine sah sie an.
„Es war harmlos.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Dein Gesicht sagt alles.“
Harry grinste.
„Bitte weiter.“
Hermine seufzte.
„Irgendwann sind wir uns nähergekommen und dann sind wir irgendwie zusammengekommen.“
„Irgendwie“, wiederholte Harry.
„Es ist kompliziert.“
„Das glaube ich sofort.“
Hermine strich James über den Rücken. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Ich liebe Minerva allerdings schon viel länger.“
Harry wurde wieder aufmerksamer.
„Wie viel länger?“
Hermine zögerte. Dieser Teil war fast noch merkwürdiger auszusprechen.
„Seit unserem fünften Jahr.“
Harry starrte sie an.
„Unserem fünften Schuljahr in Hogwarts?“
Hermine lachte.
„Wie viele fünfte Schuljahre hatten wir denn?“
„Ich versuche das gerade nur zu begreifen.“
Harry schüttelte den Kopf.
„Seit dem fünften Jahr warst du in Minerva verliebt.“
„Ja.“
„Und du hast nie ein Wort gesagt.“
„Nein.“
Harry sah zu Ginny.
„Wusstest du das?“
„Damals? Nein.“
„Gut.“
„Warum gut?“
„Weil ich mich sonst langsam wirklich frage, ob ich überhaupt irgendetwas mitbekomme.“
Ginny lachte. Harry wandte sich wieder Hermine zu.
„Und Ron und ich haben nichts gemerkt. Schöne beste Freunde sind wir.“
„Harry, ich wollte doch gerade, dass ihr es nicht merkt.“
„Trotzdem.“
„Ich war heimlich in eine Professorin verliebt. Was hätte ich denn sagen sollen?“
Harry überlegte.
„Fairer Punkt.“
Hermine lächelte.
„Außerdem war damals sowieso vollkommen klar, dass daraus niemals etwas werden würde.“
„Und jetzt sitzt du hier und erzählst mir, dass ihr zusammen seid.“
Hermine wurde weich.
„Ja.“
Harry beobachtete sie. Offenbar sah er etwas in ihrem Gesicht, denn auch sein Ausdruck veränderte sich. Das Grinsen blieb, wurde aber wärmer. Hermine wurde wieder ernst.
„Es sollte trotzdem niemand wissen.“
„Schon verstanden.“
„Nein, wirklich.“
Sie sah ihn eindringlich an.
„Du musst die Klappe halten. Zumindest noch eine Weile. Bitte, Harry.“
Harry hob die Hände.
„Natürlich halte ich dicht.“
„Auch gegenüber Ron und besonders im Ministerium und…“
„Hermine! Ich habe verstanden.“
Er lächelte.
„Ich erzähle es niemandem.“
Hermine nickte erleichtert.
„Danke.“
Harry betrachtete sie noch einen Moment.
„Aber Hermine.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Ich freue mich wirklich für dich.“
Hermine blinzelte.
„Wenn du glücklich bist“, fuhr er fort, „dann freue ich mich für dich. Ganz einfach.“
Hermines Lächeln kam langsam.
„Das bin ich.“
„Ja?“
„Sehr.“
Die Antwort kam ohne jedes Zögern. Harry lächelte.
„Das sieht man.“
Hermine senkte kurz den Blick. Ihre Finger fanden wie von selbst den Smaragd an ihrem Hals. Er fühlte sich warm an. Minerva dachte an sie.
„Dann ist doch alles gut“, sagte Harry.
Ginny lächelte Hermine ebenfalls an. Für einen Moment wurde Hermine ganz warm ums Herz. Sie hatte sich so viele Gedanken gemacht und nun saß Harry einfach da und freute sich für sie. Dann runzelte er plötzlich die Stirn.
„Eine Sache verstehe ich allerdings nicht.“
Hermine wurde wieder misstrauisch.
„Was?“
„Warum hast du sie eigentlich nicht mitgebracht?“
Hermine starrte ihn an. Ginny begann schon wieder zu lachen.
„Hallo?“
Harry hob die Augenbrauen.
„Was?“
„Weil du bis vor fünf Minuten noch überhaupt nichts davon wusstest!“
„Ach so.“
„Was heißt hier ach so?“
„Stimmt.“
„Wenn James dich nicht auf den Trichter gebracht hätte, wüsstest du es auch jetzt noch nicht.“
Harry sah zu dem kleinen Jungen auf Hermines Schoß.
„Hab’s verstanden.“
Er beugte sich etwas vor.
„Danke, James.“
James sah seinen Vater an.
„Danke!“
Und klatschte begeistert in die Hände. Alle drei Erwachsenen lachten.
„Verräter“, murmelte Hermine liebevoll und küsste James auf den Kopf.
„Minerva!“, verkündete er stolz.
„Ja, ja.“
Harry grinste.
„Er scheint sie zu mögen.“
„Sehr sogar.“
„Woher kennt er sie überhaupt so gut?“
Hermine stockte.
„Von Weihnachten.“
Harrys Stirn legte sich in Falten.
„Stimmt.“
Dann sah er Hermine wieder an.
„Moment.“
Hermine kannte diesen Blick.
„Jetzt will ich wirklich die ganze Geschichte.“
„Harry.“
„Keine Bettgeschichten! Aber alles andere.“
Ginny lehnte sich amüsiert zurück.
„Viel Glück.“
Harry deutete auf Hermine.
„Wie seid ihr zusammengekommen? Wer hat zuerst etwas gesagt? Wusste Minerva, dass du schon früher in sie verliebt warst? Wie lange habt ihr das geheim gehalten? Wer weiß überhaupt davon?“
„Atme zwischendurch.“
„Ich habe viele Fragen.“
„Das merke ich.“
Hermine seufzte, aber sie lächelte dabei und dann erzählte sie. Allerdings nicht jedes Detail. Manche Dinge gehörten nur ihr und Minerva.
Sie erzählte Harry davon, wie seltsam es gewesen war, nach Hogwarts zurückzukehren und Minerva plötzlich nicht mehr nur als ehemalige Professorin gegenüberzustehen und wie aus kurzen, sachlichen Gesprächen immer längere Gespräche geworden waren. Harry hörte aufmerksam zu, als Hermine erzählte, wie sehr Minerva mit ihrer Verantwortung als Schulleiterin gerungen hatte, von den Momenten, in denen sie versucht hatten, Abstand zu halten und davon, wie schlecht das funktioniert hatte.
Ginny ergänzte gelegentlich etwas, das Hermine ihr bereits zu Weihnachten erzählt hatte, nur um dafür jedes Mal einen empörten Blick zu kassieren. Harry machte gelegentlich Witze und stellte viele Fragen, aber er wurde nicht ein einziges Mal abwertend.
Er wollte hauptsächlich verstehen, wie seine beste Freundin beinahe ein Jahr lang eine Beziehung vor ihm hatte verstecken können vor allem, da die beiden an Weihnachten direkt vor seiner Nase gesessen hatten.
„Ich bin wirklich beleidigt“, erklärte er irgendwann.
Hermine lachte.
„Das überlebst du.“
„Fast ein Jahr…“
Ginny schüttelte lachend den Kopf. Harry lachte ebenfalls, wurde dann aber wieder ernst.
„Du liebst sie wirklich.“
Hermine sah ihn an. Die Antwort brauchte keine Überlegung.
„Mehr als ich jemals gedacht hätte, jemanden lieben zu können.“
Harry lächelte und in diesem Moment fiel die letzte Anspannung von Hermine ab. Er freute sich wirklich, denn er sah ihr Glück und das genügte ihm. Hermine zog James ein wenig enger an sich und lehnte sich zurück. Sie fühlte sich leichter. Wieder ein Mensch weniger, vor dem sie einen so wichtigen Teil ihres Lebens verstecken musste und wenn sie daran dachte, dass sie Minerva schon bald erzählen konnte, dass nun auch Harry Bescheid wusste und vollkommen hinter ihnen stand, musste sie lächeln. Ginny bemerkte es sofort.
„Die Kette ist bestimmt wieder warm.“
Hermine warf ihr ein Kissen zu.