Verbotene Nähe, verbotene Träume
Verbotene Nähe, verbotene Träume
Die Tage verstrichen in einem eigenartig gespannten Schweigen zwischen ihnen.
Hermine bemerkte es sofort: Minerva wich ihr aus.
Bei Tisch sprach sie, wenn nötig, in nüchternem Ton mit ihr, sah sie jedoch kaum an. In den Korridoren bog sie frühzeitig ab, sobald sie Hermines Schritte hörte. Es war keine grobe Zurückweisung, sondern ein stilles, beherrschtes Vermeiden – wie eine Mauer aus Disziplin, die Hermine nicht durchbrechen konnte sie akzeptierte es. Sie drängte nicht. Kein Wort, kein verstohlener Versuch, Nähe zu erzwingen, doch ihr Herz glühte im Verborgenen. Sie sog jeden Schatten von Minervas Gestalt auf, wenn sie sie aus der Ferne erhaschte, jede Bewegung des strengen Profils, das sie so gut kannte. Nachts lag sie wach, unfähig, die Sehnsucht zu zähmen und fragte sich, wie lange sie diese Stille ertragen konnte.
Minerva hingegen kämpfte ebenso – nur auf andere Weise. Sie hielt an ihrer Distanz fest, weil sie musste, weil Pflicht und Würde es verlangten, doch sobald sie allein in ihrem Büro saß, schlichen sich Erinnerungen an Hermines Blick in ihr Herz. Wie sie gelächelt hatte, als sie etwas besonders Kluges sagte. Wie ihre Stirn sich in Falten legte, wenn sie nachdachte. Dieses junge, leidenschaftliche Feuer, das Minerva so sehr erschreckte und zugleich in ihr selbst eine Glut entfachte, die sie seit Jahren nicht gespürt hatte.
So mieden sie einander am Tage, jede gefangen in der Rolle, die sie sich selbst auferlegt hatte, aber in der Nacht, wenn niemand hinsah, brannten sie beide – nach einem Wort, einer Berührung, die doch unerreichbar blieb.
Hermine trug es mit gefasster Miene, doch innerlich nagte es an ihr. In der Bibliothek glitten ihre Augen über die Seiten, ohne den Sinn der Worte wirklich aufzunehmen. In den Unterrichtsstunden war sie geduldig, beantwortete Fragen, lächelte sogar, wenn ein Schüler sie ansprach – aber in ihr spannte sich alles, weil irgendwo in den Mauern dieses Schlosses Minerva stand, unnahbar, eisern.
Minerva verschanzte sich immer mehr hinter ihrer Strenge. Sie erlaubte sich keine Regung, die zu viel verraten könnte. Ihre Augen glitten über Hermine hinweg, als sähe sie sie nicht. Doch in den einsamen Stunden, wenn die Uhr im Turm schlug und die Kerzen verlöschten, spürte sie, wie sehr ihr Herz nach dem suchte, dem sie sich verweigerte. Ein einziges Wort, ein einziger Augenblick in der Nähe Hermines – und all ihre sorgfältig errichteten Mauern drohten zu bröckeln.
Die Nächte waren am schwersten. Das Schloss atmete dann anders: Die Korridore lagen still, die Fackeln flackerten und irgendwo im Gemäuer knarrte es, als würde Hogwarts selbst seufzen.
Hermine fand an diesem Freitagabend keine Ruhe. Sie schlenderte durch das Schloss und fand sich irgendwann in der Bibliothek wieder. Sie setzte sich in die hinterste Ecke, beinahe alle Lampen waren bereits aus. Sie dachte nach und fand, dass es nach zwei Wochen endlich Zeit war, um ihren Freunden zu schreiben. Also zauberte sie Papier und eine Feder hervor und begann zu schreiben.
„Liebe Ginny, Lieber Harry,
nun bin ich schon zwei Wochen hier in Hogwarts und endlich finde ich die Ruhe, euch zu schreiben. Die Tage waren unglaublich ausgefüllt mit den Unterrichtsvorbereitungen, Besprechungen und stellt euch vor, Professor Slughorn hat mich gleich von Anfang an aktiv in den Unterricht einbezogen. Er lässt mich mittlerweile selbstständig unterrichten. Die Schüler sind wissbegierig, manchmal ungeduldig, oft voller Ideen. Ein kleiner Erfolg im Klassenzimmer fühlt sich für mich fast so an wie früher, wenn mir selbst ein schwieriger Zauber gelungen war. Manchmal blicke ich die Schüler an und sehe uns – wie wir damals aufgeregt im Unterricht saßen.
Es gab auch einige Änderungen. Der ursprüngliche Plan, im ersten Halbjahr Zaubertränke zu lehren und im zweiten Verwandlung ist Geschichte. Ich werde die Fächer nun monatlich wechseln. Ich bin sehr gespannt, wie das wird. Der neue Professor für Verwandlung, Professor Featherstone, scheint mich nicht wirklich zu mögen, aber das wird schon werden.
Pomona und Poppy sind eine große Stütze. Sie fragen immer nach, ob ich zurechtkomme und haben ein erstaunliches Gespür dafür, wann ich eine Tasse Tee brauche, bevor ich es selbst merke. Neville macht seine Arbeit ebenfalls großartig. Es rührt mich zu sehen, wie er im Unterricht aufgeht – die Kinder mögen ihn sehr.
Erzählt mir unbedingt, wie es euch geht. Ginny, wie läuft es mit James? Und Harry, was macht der Berufsstress – hoffentlich nicht zu viel? Ich vermisse unsere Gespräche.
Ich hoffe, wir sehen uns bald.
In Liebe
Eure Hermine.
Hermine steckte den Brief in einen Umschlag und zog ein weiteres Stück Pergament hervor. Sie schrieb ebenfalls an Caleb. Ihm schrieb sie auch von dem Drama zwischen ihr und Minerva. Nicht, weil sie ihm mehr vertraute, als Ginny und Harry. Nein, sie schrieb es ihm, weil er Minerva nicht persönlich kannste und so keine Vorurteile gegen sie hatte.
Als sie damit fertig war, steckte sie auch diesen Brief in einen Umschlag und verließ die Bibliothek.
Hermine war auf dem Rückweg von der Bibliothek, die Briefe an die Brust gedrückt, die Gedanken fern und schmerzlich. Sie bog um eine Ecke, sie war noch in den eigenen Gedanken verloren und prallte fast gegen Minerva, die aus der entgegengesetzten Richtung gekommen war.
Für einen Herzschlag erstarrten sie beide.
Die Zeit schien stillzustehen.
Hermine drückte die Briefe näher an sich. Ihr Herz hämmerte, während sie aufblickte und Minervas Augen traf – jene kühlen, kontrollierten Augen, in denen nun ein Glanz lag, den sie nicht deuten konnte: Abwehr oder ein verräterischer Funke von Sehnsucht?
Minerva war die Erste, die den Atem wiederfand. Sie straffte die Schultern, doch ihre Stimme, als sie sprach, war leiser als sonst, fast heiser:
„Hermine… es ist spät. Du solltest längst…“
Hermine öffnete den Mund, um etwas zu sagen – doch die Worte blieben stecken. Sie konnte nur nicken, unfähig, den Blick abzuwenden.
Ein Augenblick, der wie eine Ewigkeit dauerte, spannte sich zwischen ihnen. Der Flur lag still, die Fackeln warfen zitternde Schatten und keine wollte diesen Moment loslassen und doch nicht zu viel preisgeben.
Minerva verharrte, als könnte sie sich mit purer Willenskraft zur Unnahbarkeit zwingen. Ihre Hände lagen gefaltet an ihrem Mantel, die Schultern straff, doch in den Augen ein Zittern, das sie nicht ganz verbergen konnte.
Hermine wagte kaum zu atmen. Sie fühlte die Schwere der Sekunden, jede davon wie ein unsichtbares Band, das sie enger mit Minerva verknüpfte. Sie hätte fortgehen sollen, einen höflichen Gruß murmeln und weiter ihrer Wege ziehen, aber ihre Füße gehorchten nicht.
Minerva räusperte sich kurz.
„Geht es dir nicht gut?“
„Doch, es geht mir gut.“
Eine glatte Lüge und das wusste Minerva. Sie zog eine Augenbraue nach oben.
„Ich weiß, dass es schwer ist, aber…“
„Ich… vermisse unsere Gespräche“, entglitt es Hermine leise, kaum mehr als ein Hauch, den nur die steinernen Wände auffingen.
Minervas Augen weiteten sich für einen flüchtigen Moment. Der strenge Ausdruck flackerte, als ob etwas in ihr gegen die eiserne Fassade drängte. Sie wandte den Blick ab, doch zu spät – Hermine hatte den Schmerz darin gesehen.
„Das…“ Minervas Stimme brach beinahe, ehe sie sie mit Mühe fasste. „…dürfen wir uns nicht erlauben.“
Ein Schnitt, klar und scharf wie ein Dolch.
Hermine schluckte, der Druck in ihrer Brust wurde beinahe unerträglich. Sie wollte die Hand ausstrecken, wollte Minerva berühren, nur einen Atemzug lang, aber sie tat es nicht. Nur ihre Finger verkrampften sich um die Briefe, als hielte sie sich daran fest, um nicht zusammenzubrechen.
Minerva richtete sich auf, so beherrscht wie immer und machte einen Schritt zur Seite, um Hermine passieren zu lassen, doch als sie aneinander vorbeigingen, passierte es erneut. Hermines Hand streifte den Mantelsaum von Minerva – ein kaum spürbarer Kontakt, der in beiden Körpern wie ein elektrischer Schlag nachhallte.
Und dann war Minerva schon weiter, den Blick starr nach vorn gerichtet, so sehr gefangen in Selbstbeherrschung, dass es fast wie Flucht wirkte.
Hermine stand noch einen Moment lang allein im schwach erleuchteten Korridor, die Lippen geöffnet, als wolle sie noch etwas sagen, doch die Worte verhallten ungesagt und nur das flackernde Licht der Fackeln blieb ihr Gesellschaft.
Minerva schritt den Korridor hinab, als würde sie vor etwas Unsichtbarem fliehen. Ihr Atem war zu schnell, zu unruhig, für eine Frau, die sich sonst so sehr auf Gelassenheit und Disziplin verstand. Erst als sie ihre Bürotür hinter sich ins Schloss gleiten ließ, erlaubte sie sich, kurz die Stirn gegen das kühle Holz zu lehnen.
Ihre Hände bebten leicht.
Unfassbar, dass ein einziger Satz – „Ich vermisse unsere Gespräche“ – all ihre Mauern ins Wanken gebracht hatte. So schlicht, so harmlos im Klang und doch war es wie ein Schlüssel gewesen, der etwas in ihr aufgeschlossen hatte, das sie verzweifelt unter Verschluss hielt.
Sie löste den Umhang von den Schultern, doch die Bewegung wirkte fahrig, beinahe ungeschickt. Der Stoff glitt zu Boden, sie kümmerte sich nicht darum. Mit langen Schritten trat sie zum Kamin, entzündete das Feuer, als könnte dessen Wärme das Chaos in ihr besänftigen, doch die lodernden Flammen waren nur ein Spiegel dessen, was in ihr tobte.
Ihr Geist klammerte sich an Regeln, an all die Gründe, die sie täglich wie ein Gebet wiederholte: Verantwortung. Altersunterschied. Ihr Amt. Die Blicke der anderen. Die Vorurteile der Gesellschaft.
Und trotzdem…
In Hermines Augen hatte sie einen Glanz gesehen, der sie tief erschütterte. Kein Trotz, keine Anklage, nur ehrliche Sehnsucht. So etwas konnte man nicht einfach wegdisziplinieren.
Minerva schloss die Augen, presste die Fingerspitzen an ihre Schläfen.
„Es darf nicht sein“, flüsterte sie, als wolle sie sich selbst daran erinnern, aber in der Dunkelheit hinter den Lidern sah sie nur Hermines Gesicht, zu nah, zu klar und spürte wieder die flüchtige Berührung, die wie ein heimlicher Schwur nachhallte.
Sie sank in ihren Sessel, so müde, dass sie sich selbst kaum wiedererkannte. Doch Schlaf versprach keine Ruhe. Sie wusste: Diese Nacht würde sie ebenso wach halten wie die junge Frau, die sie so sehr mied und doch mit jeder Faser ihres Herzens suchte.
Minerva ließ den Kopf in die Hände sinken. Das Knistern des Feuers war das einzige Geräusch im Raum und doch dröhnte es in ihren Ohren wie ein Takt, der sie zwang, jedes Wort zu denken, das sie sonst verdrängte.
Wie töricht… wie schwach ich bin, hallte es in ihrem Kopf immer wieder.
Seit Jahrzehnten hatte sie ihr Leben unter Kontrolle, jedes Gefühl im Zaum gehalten, wenn es sein musste. Für Hogwarts, für ihre Schüler, für das Amt. Und nun ließ sie sich aus dem Gleichgewicht bringen – von einem Blick, einem leisen Wort, von einer Frau, die ihre Tochter oder gar Enkelin hätte sein können.
„Ich sollte stärker sein. Ich muss stärker sein“, aber je entschiedener sie sich das vorsagte, desto klarer stand Hermines Gesicht vor ihr.
Ihr offener Ausdruck, diese Ehrlichkeit, die Minerva zugleich bewunderte und fürchtete. Nichts Berechnendes, keine List – nur Sehnsucht. Ein Geständnis, so schlicht und doch gefährlich.
„Sie verdient meine Klarheit, nicht mein Schwanken. Sie verdient meine Führung, nicht mein Verlangen.“
Ein bitteres Lächeln huschte über Minervas Lippen. Führung. Distanz. All das, woran sie sich klammerte, fühlte sich plötzlich wie eine armselige Ausrede an.
Und in ihr erhob sich die Frage, die sie nicht zulassen durfte:
Was wäre, wenn ich nachgäbe?
Sie wagte den Gedanken kaum auszuformen, aber er war da. Das Bild, wie Hermines Hand die ihre ergriff, wie eine Nähe sie beide umfing, ohne Schranken, ohne Zwang, ohne Regeln. Ein Bild, das Minerva zugleich verzehrte und in Angst versetzte.
„Es darf nicht sein“, murmelte sie heiser, als müsse sie sich laut daran erinnern, doch selbst während sie es sagte, spürte sie, wie der Satz brüchig war. Wie er nicht mehr klang wie eine Gewissheit, sondern wie ein verzweifeltes Gebet, das ungehört im Feuer verglühte.
Sie schloss die Augen und in der Dunkelheit wartete nichts als Hermines Stimme:
Ich vermisse unsere Gespräche.
Minerva versuchte, sich abzulenken. Sie zog ein Pergament heran, ein halb geschriebener Bericht, doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Jeder Satz endete in demselben Bild – Hermines Blick, Hermines Stimme. Mit einem scharfen Atemzug legte sie die Feder nieder, als hätte das Pergament sie verbrannt.
„Es hat keinen Sinn.“
Die Worte waren kaum hörbar, mehr ein Geständnis in die Stille hinein.
Sie erhob sich, schwerer als sonst und machte sich auf den Weg in ihre privaten Gemächer. Dort löste sie ihr Haar, streifte die steife Robe ab und legte sie ordentlich zusammen – eine Gewohnheit, die sonst beruhigend wirkte, doch heute wirkte jede Geste leer, mechanisch. Sie zog das Nachthemd über und ging auf ihr Bett zu. Als sie am Spiegel vorbei ging, blieb sie stehen. Sie trat näher und musterte sich. Das beigefarbene Seidennachthemd umspielte ihre schmale, weibliche Figur, nur ein paar graue Strähnen durchzogen die schwarze Haarpracht und wenige Falten zeichneten ihr Gesicht. Sie sah keinesfalls aus, als wäre sie bereits jenseits der 60, doch Minerva sah sich als alte Frau. Sie schüttelte den Kopf.
„Reiß dich endlich zusammen McGonagall! Du bist zu alt dafür. Du bist zu alt für sie.“
Minerva wandte sich ab, löschte die Kerzen und legte sich ins Bett, die Decke ordentlich über sich gezogen, doch Ruhe wollte sich nicht einstellen.
Hermines Gesicht stand ihr vor Augen, hell und deutlich, als stünde sie direkt neben ihrem Bett. Das leise Aufflammen ihrer Stimme hallte nach, immer wieder. Minerva drehte sich auf die Seite, dann auf die andere, zog die Decke enger um sich – vergebens. Die Sehnsucht brannte, selbst im Dunkeln.
Irgendwann, als die Müdigkeit stärker wurde als der Widerstand, sank sie in den Schlaf.
Und dort gab sie nach.
Sie träumte, Hermine sei bei ihr – nicht auf Distanz, nicht verborgen hinter Mauern aus Pflicht. Hermine saß neben ihr, so nah, dass Minerva ihre Wärme spürte. Eine Hand, vorsichtig, zögernd, berührte die ihre. Kein Widerstand, kein Zögern. Minerva ließ es zu. Dann war da ein Lächeln, weich und ehrlich und ehe sie es verstand, bewegten sich ihre Gesichter aufeinander zu. Ein Kuss, sanft, wie ein Versprechen, das nie hätte ausgesprochen werden dürfen – und doch war es das Natürlichste der Welt.
Minervas Traum war durchdrungen von einer Wärme, die sie im wachen Leben leugnete: Hermines Finger, die ihre Wange streiften, ihr Atem, der sich mit dem eigenen mischte. Nähe, so innig, dass es schmerzte. Und in diesem Traum existierte kein „darf nicht“, kein „muss“. Nur das, wonach sie sich heimlich sehnte - Lippen, die sich trafen, zärtliche Worte, die geflüstert wurden und das Gefühl von Haut auf Haut. Ein letztes Flüstern, ehe der Traum sich in goldenes Schweigen auflöste: Hermines Stimme, warm und klar – „Lass mich bei dir sein.“
Und Minerva, im Schlaf, antwortete. Leise, kaum hörbar:
„Immer.“
Minerva fuhr hoch, als hätte sie jemand geschlagen. Ihr Atem ging stoßweise, die Brust hob und senkte sich zu schnell. Einen Moment lang wusste sie nicht, ob sie noch träumte – so deutlich lag Hermines Nähe noch auf ihrer Haut, so real schien der Druck einer Hand in der ihren, der Geschmack eines Kusses, den es niemals gegeben hatte.
Das Feuer im Kamin war längst erloschen, nur die Glut glomm schwach. Der Raum war still, doch Minerva hörte noch den Widerhall einer Stimme: „Lass mich bei dir sein.“
Sie presste die Fingerspitzen gegen ihre Schläfen, als könne sie den Traum fortdrücken. Doch je mehr sie sich wehrte, desto lebendiger kehrte er zurück und mit ihm das brennende Verlangen, das sie tagsüber mit eiserner Disziplin im Zaum hielt.
„Unmöglich…“ Ihre Stimme war heiser, kaum mehr als ein Flüstern. „Unmöglich.“
Noch während sie es sagte, wusste sie, dass es nicht mehr unmöglich war, denn der Traum hatte ihr gezeigt, wie sehr sie es wollte – und wie schwach ihr Widerstand inzwischen geworden war.
Sie stand auf, ging ein paar Schritte durch das Zimmer, wie ein Tier, das in einem zu engen Käfig auf und ab läuft. Ihre Hände suchten Halt, strichen über die Rückenlehne des Sessels, über den kalten Marmorsims des Kamins, fanden aber keinen festen Punkt.
„Ich darf sie nicht verlieren und ich darf sie nicht an mich binden.“
Beide Gedanken rangen in ihr, wie zwei Seiten derselben Wahrheit und in der Mitte pochte die Sehnsucht, die sie mehr fürchtete als jede Prüfung.
Schließlich ließ sie sich wieder auf die Bettkante sinken. Ihr Blick fiel auf ihre Hände – so leer, so einsam – und sie ballte sie fest.
„Du bist stärker als das“, murmelte sie, fast wie ein Befehl an sich selbst, doch in ihrem Inneren klang die Antwort höhnisch:
Bist du es wirklich?
Sie schloss die Augen, wagte nicht, erneut zu schlafen, denn der Traum hatte ihr eine Wahrheit gezeigt, vor der sie sich nicht ewig würde verschließen können.
Die Morgendämmerung brach kalt und blass über das Schloss herein. Ein fahler Streifen Licht kroch durch die hohen Fenster, legte sich über Stein und Holz und schien jede Müdigkeit schonungslos sichtbar zu machen.
Minerva trat in die Große Halle, straff wie immer, doch ihre Haltung verriet dem geübten Auge den Mangel an Schlaf. Ihre Bewegungen waren präzise, beinahe zu kontrolliert – wie jemand, der Angst hatte, sonst zusammenzubrechen. Ihre Augen brannten, der Kopf war schwer und unter all dem spürte sie noch die Nachwirkung des Traums, wie ein heimliches Glühen, das sie nicht abschütteln konnte.
Sie setzte sich an den Lehrertisch, nickte knapp den Kollegen zu. Ihr Blick wanderte wie von selbst durch die Halle und dort sah sie Hermine.
Auch sie wirkte gezeichnet. Blasse Haut, Schatten unter den Augen, eine angespannte Härte um den Mund. Minerva spürte sofort, dass die Unruhe der Nacht nicht allein an ihrer Begegnung im Flur lag. Es war mehr. Hermines Schultern waren steif, der Blick wachsam, fast kampfbereit, auf Featherstone gerichtet.
Minerva kannte diese Anspannung nur zu gut – den Druck, den sein Unterricht auf Schüler und junge Lehrer legte. Es war nicht allein Sehnsucht, die Hermine wachgehalten hatte, sondern auch die ständige Reibung, das Gefühl, sich beweisen zu müssen, immer wieder, bis zur Erschöpfung und dabei hatte die Zusammenarbeit mit Edmund noch nicht einmal begonnen.
„Ein herrlicher Samstag“, sagte Pomona freudig lächelnd.
Sie sah Hermine an und bemerkte sofort die seltsame Stimmung.
„Was ist los? Und sag mir nicht schon wieder, dass es an der Arbeit liegt.“
Hermine seufzte.
„Es ist irgendwie gruselig, dass du mich so gut kennst“, zwinkerte Hermine ihr zu.
„Ich habe dafür ein Gespür. Also? Was ist los?“
„Noch zwei Wochen…“
„Ich kann dir nicht ganz folgen.“
„In zwei Wochen beginnt mein Monat in Verwandlung…“
„Ah, Edmund als Mentor zu haben, ist sicher nicht einfach.“
„Er stichelt die ganze Zeit gegen mich. Ich bin mir sicher, dass er mich das in seinem Unterricht spüren lässt.“
„Abwarten Hermine. Wenn es wirklich so kommt, musst du mit Minerva sprechen.“
Hermine schnaubte.
„Klar.“
„Was soll das denn heißen?“
„Sie hatte schon mehrfach die Gelegenheit, etwas zu sagen und sie hat geschwiegen.“
„Dann hat sie ihre Gründe.“
„Oh ja“, flüsterte Hermine.
„Naja egal. Ich werde das schon schaffen.“
„Nun genieß dein Wochenende und denk nicht immer an ihn. Komm doch später auf eine Tasse Tee vorbei und wir plaudern ein wenig. Das bringt dich auf andere Gedanken.“
Hermine lächelte dankbar und nickte. Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, dass Minerva steifer auf ihrem Platz saß, als sonst. Natürlich. Sie hatte mal wieder alles gehört. Hermine sah zu ihr hinüber. Direkt. Für einen Moment entglitten Minervas Gesichtszüge und Hermine sah etwas darin, was sie zuvor noch nicht gesehen hatte. Da war nicht mehr nur diese verborgene Sehnsucht, nicht mehr nur das Aufrechterhalten einer strengen Fassade. Nein, es mischte sich ein Funke Eifersucht in ihren Blick. Diese wunderschönen grünen Augen glänzten verdächtig. Hermine hielt den Blick, liebevoll und warm und da verglomm dieser Funke an Eifersucht und ließ nur Sehnsucht und Schmerz zurück.
Minerva widmete sich wieder ihrem Frühstück und ließ sich, zu Hermines Bedauern, von Featherstone in ein Gespräch verwickeln.