Tränen und Trost
Tränen und Trost
Am Nachmittag ging Hermine durch das Schloss, um auf eine Tasse Tee bei Pomona vorbeizuschauen. Auf dem Weg kam sie an einer Gruppe von Erstklässlerinnen vorbei. Sie nickte ihnen freundlich zu und war schon fast an ihnen vorbei, als sie eines der Mädchen schluchzen hörte. Sofort blieb Hermine stehen und drehte sich um. Ein kleines, blondes Mädchen saß auf der Bank und schluchzte tränenüberströmt vor sich hin. Immer wieder wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Umhangs über die roten Augen und die beiden anderen Mädchen links und rechts von ihr, versuchten sie zu trösten. Hermine ging zu ihnen und kniete sich vor die Mädchen.
„Hallo Professor“, sagten die beiden, das dritte Mädchen schwieg und wischte sich hastig über die Augen, als könnte sie dadurch verstecken, wie aufgelöst sie war.
„Hallo ihr drei. Was ist denn passiert?“
„Es war…“, begann eines der Mädchen, doch das blonde Mädchen unterbrach sie sofort.
„Es ist nichts Professor.“
„Und das soll ich Ihnen glauben, wenn Sie so vor mir sitzen?“, meinte Hermine, ihre Stimme sanft und warm. „Miss Carter, richtig?“
Sie nickte.
„Sagen Sie mir, was passiert ist. Ich möchte Ihnen helfen.“
Sie schwieg. Ein Mädchen mit schwarzen Haaren neben ihr seufzte.
„Es gab da gestern einen Vorfall in Verwandlung“, begann Miss Bricker und sah ihre Freundin an, die zaghaft nickte.
„Welchen Vorfall?“
„Featherstone hat uns mehr oder weniger erklärt, wie wir ein Streichholz in eine Stecknadel verwandeln können.“
„Was bedeutet mehr oder weniger?“
Nun schaltete sich das dritte Mädchen ein.
„Er war so schnell, dass kaum jemand mitgekommen ist und fast niemand hat den Zauber hingekriegt. Er war total fies und als wir einander helfen wollten, hat er Julia aus dem Unterricht geworfen und will sie jetzt nachsitzen lassen“, erklärte Miss Handerson.
„Er lässt Sie nachsitzen, nur weil Sie um Hilfe gebeten haben?“
Julia Carter nickte.
„Haben Sie darüber mit Professor Flitwick gesprochen? Er ist Ihr Hauslehrer.“
„Nein“, flüsterte sie.
„Wenn Sie möchten, begleite ich Sie.“
Julia senkte den Kopf und schüttelte ihn.
„Julia, geh mit ihr, wenn sie es dir schon anbietet“, sagte Eileen Bricker.
„Das hat alles keinen Zweck. Wenn ich mich beschwere, hat er mich auf dem Kicker.“
„Ich kann Sie natürlich nicht dazu zwingen, aber Sie sollten sich das gut überlegen. Mein Angebot steht Miss Carter.“
Hermine lächelte die Mädchen warm an.
„Also, dann wollen wir uns jetzt mal den Zauberspruch genau anschauen“, sagte Hermine und setzte sich zu ihnen.
Mit ruhigen Worten erklärte sie ihnen, wie sie den Zauber ausführen müssen und wie wichtig die korrekte Aussprache sei. Es dauerte nicht lange, bis die Mädchen den Zauberspruch begriffen hatten.
„Üben Sie noch ein wenig, damit Professor Featherstone am Montag zufrieden ist.“
Die Mädchen bedankten sich überschwänglich bei Hermine.
„Das habe ich gerne getan. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und Miss Carter, überlegen Sie es sich. Sie wissen, wo Sie mich finden.“
Das Mädchen nickte und Hermine setzte ihren Weg zu Pomona fort.
„Ah, da bist du ja. Ich hatte früher mit dir gerechnet“, sagte Pomona.
„Entschuldige, es ist etwas dazwischen gekommen.“
„Ich hoffe dieses etwas ist nicht Edmund.“
„Doch, auch wenn ich ihn nicht persönlich angetroffen habe.“
„Jetzt bin ich neugierig. Was war denn?“
„Er ist ein Idiot“, sagte Hermine sichtlich verärgert.
Pomona lachte auf.
„Und warum?“
„Es ist nicht richtig, wenn ich darüber rede. Sagen wir mal so, er ist ungerecht gegenüber den Kindern, wenn sie seinen Unterricht nicht auf Anhieb verstehen.“
„Das ist ja interessant.“
„Pomona ehrlich, ich würde ihm am liebsten eine kleben. Wie kann man nur so ungerecht sein und kleine Kinder nachsitzen lassen, nur weil sie nach Hilfe gefragt haben?“
„Das ist unerhört. Weiß der Hauslehrer oder die Hauslehrerin davon?“
„Nein.“
„Dann solltest du das unbedingt weitergeben.“
„Sie will es nicht. Ich habe es ihr angeboten, aber sie hat Angst, dass es Konsequenzen haben könnte.“
„Das ist keine einfache Situation. Vielleicht sprichst du mal ganz unverbindlich mit dem Hauslehrer oder du bittest Minerva um Rat.“
Nun war es Hermine, die auflachte.
„Minerva würde mich einen Kopf kürzer machen, wenn sie erfährt, dass ich ein paar Schülerinnen geholfen habe.“
„Warum sollte sie?“
„Sie hat mich mehrfach darauf hingewiesen, dass ich mich zurückhalten soll, was Featherstone betrifft.“
Außerdem kann ich nicht mit ihr allein sein, fügte Hermine in Gedanken hinzu.
„Naja, es ist deine Entscheidung und die der Schülerin, aber ich finde, du solltest etwas sagen.“
Hermine nickte.
„Ich denke darüber nach.“
„Gut. Jetzt erzähl mir aber von deiner Woche. Wie war es denn gestern mit den älteren Schülern in Zaubertränke?“
Hermine erzählte munter drauf los, wie die sechsten und siebten Klassen auf sie reagiert hatten. Er hatten sie versucht, vertraut und freundschaftlich mit Hermine umzugehen, doch die junge Frau setzte sich durch und verschaffte sich Respekt und gewann ihre Autorität zurück, ohne dass sich Slughorn einmischen musste. Pomona war stolz auf Hermine und Hermine war froh, ungezwungen mit jemandem reden zu können.
Als Hermine am Abend in die große Halle kam und an den Haustischen vorbei ging, fing sie den Blick der drei Mädchen aus Ravenclaw auf. Sie lächelten dankbar zu ihr hinüber und Hermine zwinkerte ihnen zu. Sie würde den Kindern helfen, ob es den anderen passt oder nicht.
Bevor sich Hermine setzte, warf sie Featherstone einen finsteren Blick zu. Er war für einen Augenblick irritiert, verdrehte dann die Augen und widmete sich dem Essen.
„Eingebildeter Idiot“, murmelte Hermine und setzte sich.
„Wie bitte?“, sagte Poppy.
„Oh äh, nichts. Ich habe nur laut gelacht.“
„Edmund?“
Hermine nickte.
„Warum musste ich auch ausgerechnet Verwandlung nehmen? Ich hätte mich lieber für Verteidigung entscheiden sollen. Ich habe zwar noch nicht viel mit Professor Packson gesprochen, aber sie scheint nett zu sein.“
„Oh ja. Irina wirkt auf den ersten Blick wie ein General, aber sie ist wirklich sehr nett.“
Hermine sah zu der braunhaarigen Hexe. Sie war nicht viel älter als 40, doch sie wirkte durch ihr Auftreten älter. Sie warf auch Hermine einen freundlichen Blick zu, fast mütterlich, so wie Pomona und Poppy. Dann kreuzte Minerva ihren Blick und Hermine wurde schlagartig heiß. Sie hatte sich eben noch mit Featherstone unterhalten und nun traf sie dieser scharfe Blick der Schulleiterin.
Das konnte nichts Gutes bedeuten. Schnell wandte sich Hermine wieder ihrem Teller zu und aß ein wenig, bevor sie sich wieder verabschiedete und in ihrer Wohnung verschwand. Sie hatte sich gerade etwas bequemes angezogen, als es an der Fensterscheibe klopfte. Sie sah auf. Vor dem Fenster saß eine weiße Eule, mit einem Brief in der Hand.
Hermine öffnete das Fenster und ließ sie herein. Auf dem Tisch landete ein Brief, die Eule ließ sich auf der Stuhllehne nieder. Hermine lächelte und holte schnell einen Eulenkeks als Belohnung und streichelte sanft die weichen Federn der Eule und schob flog sie wieder davon.
Hermine nahm den Brief in die Hand und erkannte sofort die Handschrift ihrer Freundin. Lächelnd setzte sie sich auf das Sofa und las den Brief.
Liebe Hermine,
dein Brief hat uns beide so gefreut! Harry und ich haben ihn beim Frühstück gelesen, und ich glaube, er hat uns den ganzen Tag über begleitet. Wir sind sehr stolz auf dich. Es ist schön zu hören, dass du dich trotz aller Herausforderungen am richtigen Ort fühlst. Hogwarts ohne dich wäre für uns ohnehin schwer vorstellbar und nun gehörst du wirklich wieder dazu, auch wenn sich die Perspektive verändert hat.
Harry hat übrigens sofort genickt, als er den Teil über Featherstone las, und gemurmelt: „Typisch, dass sie an jemanden geraten muss, der so ist.“ Er meinte dann, du sollst dir davon bloß nicht den Mut nehmen lassen. Ich ergänze: Wir beide wissen, dass du hartnäckiger bist als jeder kritische Mentor.
Neville hat uns schon ein paar Zeilen geschrieben und es klingt, als wärt ihr ein richtig gutes Team.
Uns geht es soweit gut. Harry hat viel im Ministerium zu tun. Die Ausbildung ist für ihn und Ron natürlich anstrengend, aber sie kriegen das hin. Du kennst sie ja. Ich habe hier zu Hause alle Hände voll zu tun. Gelegentlich schreibe ich wieder Artikel, aber die meiste Aufmerksamkeit gilt natürlich James. Er ist so munter und er wächst so schnell. Es wäre schön, wenn wir uns bald wiedersehen könnten. Vielleicht findest du in den Ferien Zeit für einen Besuch oder an einem Wochenende? Wir würden uns sehr freuen. Wir vermissen dich sehr, Hermine. Schreib uns bald wieder. Und vergiss nicht, es diesem Professor Featherstone zu zeigen.
Mit viel Liebe,
Ginny und Harry
Ein paar Tränen kullerten über Hermines Gesicht. Sie vermisste ihre Freunde auch und sie würde alles dafür geben, ehrlich mit ihnen über ihre Probleme sprechen zu können, doch das ging nicht. Nicht in einem Brief und persönlich auch nicht. Hermine wischte sich die Tränen fort, legte den Brief in eine Schublade.
Plötzlich klopfte es leise an ihrer Tür. Hermine war erstaunt, als sie Miss Carter vor sich stehen sah, die nervös an ihrem Umhang herum zupfte.
„Miss Carter? Was tun Sie denn hier?“
„Ich… ähm, ich wollte mich noch einmal bei Ihnen bedanken Professor und… Sie sind wirklich eine tolle Lehrerin. Sie haben uns das alles in so kurzer Zeit erklärt und wir haben es verstanden.“
Hermine lächelte.
„Das ist sehr lieb von Ihnen Miss Carter. Ich freue mich, wenn ich helfen konnte.“
„Und wir freuen uns, wenn Sie uns in Verwandlung unterrichten.“
Sie sah Hermine mit ihren klaren blauen Augen und diesem bezaubernden Lächeln an.
„Oh, ich denke, das werden wir dann noch sehen“, scherzte Hermine, wurde dann aber ernst.
„Miss Carter, haben Sie über mein Angebot nachgedacht? Ich habe mich mit Professor Sprout darüber unterhalten. Ganz allgemein natürlich, ohne Namen zu nennen. Sie ist der Ansicht, dass Sie mit Ihrem Hauslehrer oder mit Professor McGonagall sprechen sollten.“
„Oh… Ich… also… Nein.“
„Nein, Sie haben nicht darüber nachgedacht oder Nein, Sie wollen nicht darüber sprechen?“
„Beides“, murmelte das Mädchen.
„Das ist schade. Ich weiß wie schwer es sein kann, über so etwas zu sprechen. Sie sind nicht allein Julia. Wenn Sie Hilfe brauchen oder sich doch dazu entschließen sollten, Professor Flitwick davon zu erzählen, können Sie sich jederzeit an mich wenden.“
„Danke Professor.“
„Ach, Miss Carter, wann soll denn das Nachsitzen stattfinden?“
„Morgen. Um halb 11.“
„Morgen ist Sonntag.“
Julia nickte.
„Das darf nicht wahr sein.“
„Bitte unternehmen Sie nichts Professor. Die Stunde geht sicher schnell vorbei und dank Ihnen beherrsche ich jetzt den Zauber.“
„Wenn Sie meinen. Dann schlafen Sie gut Miss Carter.“
„Sie auch.“
Das Mädchen huschte davon und Hermine schloss die Tür.
Sie kochte vor Wut. Er wollte seine Macht demonstrieren und ließ es an diesem süßen, jungen Mädchen aus. Das konnte ja wohl nur ein schlechter Scherz sein.
Hermine fasste einen Entschluss - Sie würde Julia und all den anderen Kindern beistehen. Ob es Featherstone oder sonst jemandem passte oder nicht.