Nachsitzen
Nachsitzen
Hallo meine Lieben, nochmal vielen Dank für euer Feedback und eure lieben und aufbauenden Worte. Ich hatte eine recht produktive Nacht und deshalb bekommt ihr heute noch ein weiteres Kapitel :) Ich wünsche euch viel Spaß dabei :D LG M.
Am nächsten Morgen war Hermine ungewöhnlich früh unterwegs. Eigentlich hätte sie ihre freie Zeit genießen können, doch sie hatte sich ein Ziel gesetzt und das würde sie erreichen.
Beim Frühstück beobachtete sie das blonde Mädchen aus Ravenclaw, die nervös in ihrem Müsli rührte, aber nichts aß. Ihr Blick glitt zu Featherstone, der entspannt auf seinen Stuhl saß, die Zeitung in der Hand und mit einem selbstgefälligen Blick seinen Kaffee trank.
„Wenn er ihm bloß im Hals stecken bleiben würde“, murmelte Hermine.
Ihr Blick wanderte wieder zu ihren Schülern. Sie lächelte Julia aufmunternd zu und formte ein stummes „alles wird gut“ mit ihren Lippen.
Julia nickte tapfer und nahm einen Schluck Kürbissaft.
„Hey Hermine, hast du Lust später runter ins Dorf zu gehen?“, fragte Neville.
„Natürlich. Wann willst du los?“
„Nach dem Mittagessen? Ist das in Ordnung für dich?“
Hermine nickte.
„Perfekt. Ich freue mich“, sagte sie lächelnd.
Nach dem Frühstück schlenderte Hermine noch ein wenig durch die Flure und kam wie zufällig um kurz nach halb 11 in der Nähe des Klassenzimmers für Verwandlung vorbei. Leise schlich sie den Korridor entlang, bis sie vor dem Verwandlungsklassenzimmer stand. Die Tür war angelehnt und sie hörte Featherstones Stimme deutlich.
„Carter! Wieder falsch. Haben Sie überhaupt zugehört?“
Ein zögerndes Murmeln, kaum zu verstehen, erklang von Miss Carter.
„Lauter!“ fuhr Featherstone sie an.
Hermine ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.
Julia stotterte sich durch die Antworten und Featherstone ließ nicht locker.
„Dann zeigen Sie es mir, wenn Sie schon nicht ordentlich sprechen können. Verwandeln Sie endlich das Streichholz in eine Stecknadel. Los!“
Ein Rascheln, ein leises Gemurmel und schon blitzten perfekte Nadeln auf dem Tisch. Hermine war stolz auf Julia. Sie hatte alles exakt so gemacht, wie sie es gemeinsam durchgegangen sind und sie hatte sicher selbständig noch einmal geübt. Das Lächeln auf Hermines Gesicht schwand, als Featherstone seine Stimme erneut erhob. Denn statt Lob folgte ein scharfes, kaltes Lachen.
„Interessant. Am Freitag konnten Sie die Bewegung nicht einmal ansatzweise ausführen und heute gelingt Ihnen plötzlich ein so sauberer Zauber? Wer hat Ihnen geholfen?“
Julia schwieg, der Kopf gesenkt, die Finger nervös am Zauberstab spielend.
„Na?“ Featherstones Stimme wurde gefährlich leise. „Sie werden mir Rede und Antwort stehen, Miss Carter. Ich dulde keine Schummelei in meinem Unterricht.“
Da hielt es Hermine nicht länger aus. Sie stieß die Tür auf, das laute Knarren ließ die beiden Köpfe herumfahren.
„Das reicht, Professor Featherstone.“
Ihre Stimme war fest, ruhig, aber durchdrungen von einem Zorn, den sie kaum bändigen konnte. Sie ging langsam in den Raum, stellte sich neben Julia und legte ihr kurz beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Wenn Sie schon nicht helfen, dann muss es jemand anderes tun. Ich habe es getan. Ich habe ihr gezeigt, wie sie den Zauber richtig ansetzen muss und sie hat geübt und hier sehen Sie das Ergebnis.“
Featherstones Gesicht färbte sich dunkelrot.
Er funkelte sie an, als hätte Hermine eben eine Todsünde begangen. Seine Stimme war zischend, doch unüberhörbar vor Wut bebend.
„Sie haben was getan?“
„Genau das, was Sie nicht getan haben, Professor,“ erwiderte Hermine mit kühler Ruhe. „Ich habe einer Schülerin geholfen, den Zauber zu verstehen, statt sie bloßzustellen.“
„Miss Carter!“
Featherstone wandte sich abrupt wieder der Schülerin zu, die verängstigt von einem zum anderen blickte.
„Verlassen Sie den Raum. Wir sind hier fertig. Fürs erste.“
Julia stand unsicher auf, warf Hermine noch einen dankbaren, aber schuldbewussten Blick zu und schlüpfte aus dem Klassenzimmer. Die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Klicken. Nun standen sie allein.
„Sie überschreiten Ihre Kompetenzen,“ fauchte Featherstone. „Es ist nicht Ihre Aufgabe, meinen Unterricht durch private Nachhilfestunden zu untergraben.“
Hermine richtete sich auf.
„Es ist sehr wohl meine Aufgabe, Schülern zu helfen, wenn sie etwas nicht verstehen. Das ist der Sinn unserer Arbeit hier.“
„Sie schwächen meine Autorität vor der ganzen Klasse!“
Seine Stimme hallte durch den Raum.
„Wie sollen Schüler Respekt entwickeln, wenn eine unfertige Referendarin sie heimlich korrigiert und ihnen ihre Zauber vorsagt?“
„Ich habe ihr nichts vorgesagt,“ entgegnete Hermine scharf. „Ich habe ihr erklärt, worauf sie achten muss und heute hat sie den Zauber allein geschafft. Das nennt man Lernen, Professor Featherstone.“
Featherstones Augen blitzten kalt.
„Sie mögen klug sein, Miss Granger, doch Sie verstehen offenbar nichts von Disziplin. Schüler müssen lernen, dass sie sich selbst durchbeißen. Kein Lehrer hat Zeit, jeden einzeln an die Hand zu nehmen.“
„Falsch!“ Hermine machte einen Schritt auf ihn zu. Ihre Stimme war nun klar, fast unerschütterlich. „Wir sind hier, um Wissen zu vermitteln, nicht um Schüler zu brechen. Wenn die Kinder den Mut verlieren, weil sie nur Druck und Spott erfahren, dann haben wir versagt – nicht sie.“
Für einen Moment herrschte angespannte Stille. Featherstones Kiefer mahlte, er kämpfte sichtbar mit der Beherrschung.
„Sie…“ begann er schließlich, langsamer, gefährlich leise. „Sie glauben also, Sie wüssten besser als ich, wie man Verwandlung lehrt?“
Hermine erwiderte seinen Blick unbeirrbar. „Ich glaube, dass man Schülern mit Respekt begegnen sollte. Und ja – wenn das bedeutet, dass ich anders lehre als Sie, dann nehme ich das in Kauf.“
Featherstones Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln, als wollte er gerade zu einer weiteren bissigen Bemerkung ansetzen. Doch noch ehe er Luft holen konnte, krachte die Tür des Klassenzimmers auf.
Professor McGonagall stand im Türrahmen, hoch aufgerichtet, die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst. Ihre Augen blitzten gefährlich hinter der eckigen Brille hervor.
„Was, bei Merlin, geht hier vor sich?“
Ihre Stimme war weder laut noch schrill, doch die Schärfe darin ließ beide zusammenzucken. Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen.
Featherstone straffte sich sofort, zog die Schultern zurück.
„Miss Granger konnte sich leider nicht zurückhalten und hat das Nachsitzen einer Schülerin unterbrochen. Nun diskutierten wir
über pädagogische Ansätze. Miss Granger scheint—“
„Diskutierten?“ Minervas Augenbrauen schossen gefährlich in die Höhe. „Man hat euch bis in den Korridor gehört. Das ist keine Diskussion mehr, das ist ein Streit, der meine Aufmerksamkeit mitten in einer Besprechung mit Professor Sprout gestört hat.“
Hermines Herz klopfte heftig, doch sie hob das Kinn.
„Minerva, es tut mir leid, dass wir laut geworden sind, aber ich konnte nicht länger zusehen, wie Julia Carter hier behandelt wurde.“
Featherstone schnaubte empört.
„Sie untergräbt meine Autorität, Minerva! Diese Schülerin hat in der letzten Stunde noch jämmerlich versagt und heute, ganz plötzlich präsentiert sie einen tadellos ausgeführten Zauber. Offensichtlich hat Miss Granger sie unerlaubt unterrichtet. Ich kann so keine Disziplin aufrechterhalten!“
Minerva ließ ihn ausreden, doch die Temperatur im Raum schien zu sinken, je länger er sprach. Schließlich wandte sie sich mit eiskalter Ruhe an beide.
„Offenbar gibt es einiges zu klären und das, Edmund, geschieht nicht hier, nicht jetzt und schon gar nicht vor Schülern.“
Ihre Stimme war wie ein scharfes Messer, das keinen Widerspruch zuließ. Dann fixierte sie Hermine.
„Hermine, auch von dir erwarte ich Zurückhaltung – nicht impulsive Konfrontationen im Unterricht.“
Sie sah zwischen beiden hin und her, als wolle sie sie gleichzeitig in Stein verwandeln und sagte dann knapp:
„Mein Büro. Sofort.“
Featherstone wirkte, als wolle er protestieren, doch der Blick seiner Vorgesetzten ließ ihn verstummen. Hermine atmete tief durch, nickte stumm und folgte den beiden hinaus.
Das Büro der Schulleiterin war wie immer aufgeräumt, die Regale ordentlich, der Kamin leise prasselnd. Minerva schloss die Tür mit einem scharfen Schwung, der deutlich machte, dass Geduld nicht zu ihren aktuellen Tugenden zählte.
„Setzen.“
Das Wort war knapp, ein Befehl. Featherstone ließ sich steif auf einen der Stühle fallen, Hermine folgte langsamer, den Rücken gerade, die Hände gefaltet, als müsse sie ihre Nervosität bezähmen.
Minerva stellte sich hinter den Schreibtisch, die Hände auf der Tischplatte abgestützt. Einen Moment lang herrschte bedrückende Stille, bis sie schließlich sagte:
„Ich habe nicht die geringste Absicht, mir einen lauten Streit aus einem Klassenzimmer anzuhören. Ihr beide seid Lehrkräfte dieses Hauses und ihr habt Vorbilder zu sein. Nun will ich hören, was geschehen ist – in aller Ruhe und ohne Unterstellungen.“
Featherstone ergriff sofort das Wort.
„Das ist einfach erklärt Minerva. Miss Granger hat eigenmächtig Nachhilfe erteilt, ohne meine Zustimmung. Heute früh präsentierte Miss Carter plötzlich eine fehlerfreie Verwandlung – ein Fortschritt, der mir äußerst verdächtig vorkam. Ich habe sie zur Rede gestellt. Anstatt mich zu unterstützen, unterbrach Miss Granger meinen Unterricht und stellte mich vor ihr bloß.“
Er verschränkte die Arme, als hätte er damit bereits gewonnen.
Minerva nickte knapp, dann wandte sie sich Hermine zu.
„Hermine?“
Hermine hob das Kinn.
„Julia Carter war verzweifelt. Sie hat in Professor Featherstones Unterricht anscheinend wiederholt versagt und ich habe gesehen, wie entmutigt sie war. Ich habe mir die Zeit genommen, ihr zu erklären, worauf es bei dem Zauber ankommt – außerhalb des Unterrichts. Heute konnte sie es aus eigener Kraft. Statt Anerkennung hat sie jedoch nur Spott und Misstrauen geerntet. Ich konnte nicht länger schweigen und musste einschreiten.“
Ihre Stimme bebte kaum merklich, doch in den Augen lag glühender Ernst.
Minerva setzte sich langsam und sah die beiden lange an.
„Also,“ sagte sie schließlich, „wir haben hier zwei Probleme. Erstens: Hermine, du bist Referendarin, keine vollwertige Lehrkraft. Du darfst und sollst unterstützen – aber du hast nicht den Unterricht anderer Kollegen infrage zu stellen. Deine Pflicht ist es, dich einzufügen und zu lernen. Hast du mich verstanden?“
Hermine schluckte bei diesem eisigen Blick, dann nickte sie. „Ja.“
„Zweitens,“ fuhr Minerva nun an Featherstone gewandt fort, „erwarte ich, dass jeder Lehrer in Hogwarts seine Schüler fördert – und zwar mit Strenge und mit Fairness. Miss Carter hat heute gezeigt, dass sie Fortschritte gemacht hat. Deine Aufgabe wäre es gewesen, diesen Fortschritt anzuerkennen. Stattdessen hast du sie eingeschüchtert. Das ist inakzeptabel.“
Featherstones Gesicht wurde dunkelrot.
„Minerva , mit Verlaub—“
„Genug.“
Minervas Stimme schnitt durch die Luft, und er verstummte sofort.
„Ich will keine weiteren Streitereien hören. Ihr beide werdet euch daran erinnern, dass es unser gemeinsames Ziel ist, Schüler zu lehren, nicht sie zu zerbrechen. Ich werde dieses Thema in den kommenden Tagen mit euch beiden ausführlicher besprechen. In zwei Wochen werdet ihr gemeinsam in einem Klassenzimmer stehen und ich dulde ein solches Verhalten nicht.“
Sie lehnte sich zurück, machte eine kleine, schneidende Handbewegung zur Tür.
„Entlassen,“ sagte Minerva nur.
Hermine erhob sich langsam, das Herz noch immer hämmernd. Featherstone stand ebenfalls auf, wirkte jedoch wie ein Mann, der Gift in sich hinunterschlucken musste. Er verließ beinahe fluchtartig den Raum. Hermine hielt an der Tür noch einmal inne und drehte sich zu Minerva um. Die Schulleiterin hob den Blick. Hermine konnte sehen, dass es ihr alles andere als leichtgefallen war, dieses kurze Gespräch zu führen. Der eisige Blick wich. Zurückkehrten nun wieder Schmerz und Sehnsucht.
„Danke“, sagte Hermine.
„Wofür?“
„Dafür, dass du dich auf keine Seite gestellt hast.“
Minerva schenkte ihr ein kurzes Lächeln, bevor Hermine das Büro verließ.
Die Tür fiel ins Schloss und das Büro war wieder still. Minerva verharrte in ihrer Position. Erst jetzt bemerkte sie, wie angespannt ihre Schultern waren und wie fest ihre Kiefer aufeinanderlagen.
Mit einem leisen Seufzen setzte sie ihre Brille ab, legte sie sorgsam neben die Tintenfässchen und rieb sich die Schläfen.
Es war schwer gewesen, neutral zu bleiben. Schwerer, als sie es sich eingestehen wollte. Denn als Hermine dort gestanden hatte, mit erhobenem Kinn, Feuer in den Augen und einer Überzeugung, die selbst Minerva ins Mark traf – da hatte sie gespürt, wie gefährlich nah sie der Grenze kam.
Natürlich hatte sie Featherstone zurechtweisen müssen. Sein Verhalten war nicht hinnehmbar, aber der Ton, den sie gegenüber Hermine angeschlagen hatte,… er war strenger gewesen, als sie eigentlich wollte. Strenger, weil sie verhindern musste, dass auch nur ein Funke ihrer eigenen Sympathie, ihrer Zuneigung sichtbar wurde.
„Sie ist deine Referendarin,“ murmelte Minerva zu sich selbst, die Worte schmeckten bitter. „Deine Aufgabe ist es, sie zu führen, nicht…“
Sie brach ab, schloss die Augen. Gefühle hatten hier keinen Platz und doch pochten sie unaufhörlich in ihr, wie ein Herzschlag, den man nicht zum Schweigen bringen konnte und Bilder schoben sich in ihre Gedanken, die nicht da sein dürften.
Nach einer Weile stand sie auf, straffte sich, setzte die Brille wieder auf. Der Schulleiterin blieb nichts anderes übrig, als Haltung zu bewahren. Tief in ihrem Inneren wusste Minerva: Diese Neutralität würde sie mehr Kraft kosten, als sie je erwartet hatte.
Als Hermine die schwere Eichentür zu ihrer kleinen Wohnung hinter sich schloss, fiel die Anspannung von ihr ab wie ein viel zu enger Mantel. Sie trat ans Fenster und starrte hinaus auf die Ländereien.
Ihr Herz schlug noch immer schneller als gewöhnlich. Das Echo des Wortgefechts vibrierte in ihr nach – Featherstones arrogantes Gesicht, Minervas durchdringender Blick, das Gefühl, sich erklären zu müssen wie eine Schülerin, obwohl sie längst erwachsen war.
Mit einem Seufzen ließ sie sich in den Sessel fallen, zog die Knie an und legte die Stirn für einen Moment auf die Arme. Sie wollte so gern überzeugt sein, dass sie richtig gehandelt hatte und doch nagte die Unsicherheit. Hatte sie Julia wirklich geholfen? Ja. Aber hatte sie auch Minervas Vertrauen aufs Spiel gesetzt?
Minervas Stimme klang ihr nach, streng, förmlich, beherrscht und doch hatte Hermine zwischen den scharf gesetzten Worten etwas anderes gespürt. Dieser kalte Blick erschreckte sie, doch als er schwand… Was blieb übrig? Ein Hauch von… Wärme? Sorge? Oder bildete sie sich das nur ein? Sie biss sich auf die Lippe. Jedes Wort von ihr traf tiefer, jedes Lob wog schwerer, jede Zurechtweisung schmerzte mehr, als es eigentlich sollte und doch wärmte dieses sanfte Lächeln am Ende des Gesprächs ihr Herz.
Tief in ihrem Inneren wusste sie: Die größte Herausforderung ihres Referendariats würde nicht Featherstone sein – sondern der stille, unaufhörliche Kampf gegen die Gefühle, die sie so krampfhaft zu verbergen versuchte.
Hermine schob die trüben Gedanken nun erst einmal fort. Sie freute sich über diesen kleinen Sieg gegenüber Featherstone und noch mehr freute sie sich über den anstehenden Besuch im Dorf mit Neville. Auf ein Butterbier mit ihrem Freund ins Drei Besen zu gehen, klang nach einer willkommenen Abwechslung. Dabei konnte ja sicher auch nichts schief gehen...