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So nah und doch unerreichbar

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So nah und doch unerreichbar

Der Nachmittag im „Drei Besen“ hatte viel verändert, doch eine bedeutende Sache blieb. Minerva wahrte weiterhin die Distanz und versuchte Hermine immer wieder subtil aus dem Weg zu gehen und Hermine verstand es. Vielleicht lag es aber auch an Irinas Worten:

„Die Liebe findet ihren Weg“

So vergingen die Tage zwischen Sehnsucht und der andauernden Distanz. Hermine versuchte sich mehr auf ihre Arbeit zu fokussieren. Sie bereitete den Unterricht bis ins kleinste Detail vor und führte die Stunden mit einer Selbstsicherheit durch, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Slughorn hätte nicht stolzer sein können. Er bedauerte es sehr, bald einen ganzen Monat auf Hermine verzichten zu müssen, denn auch er hing an ihren Lippen, wenn sie etwas erklärte oder vorführte.

Mitten in der Woche erhielt Hermine wieder einmal Post. Auch diese Schrift erkannte sie sofort. Caleb. Hermine öffnete den Brief beim Frühstück und las ihn, während sie Kaffee trank.

Liebe Hermine,

verzeih, dass ich dir erst jetzt antworten kann. Ich freue mich sehr, von dir zu hören und zu wissen, dass du Spaß in Zaubertränke hast, macht mich froh.

Was diesen Professor betrifft - ignorier ihn. Lass dich von niemandem klein machen. Du bist klug, begabt und hast dich nicht nur einmal bewiesen. Ich bin mir sicher, dass du in Verwandlung genau so gut unterrichten wirst, wie in Zaubertränke. Du kannst das.

Die Sache mit deiner Schulleiterin klingt allerdings etwas komplizierter.

Ich habe gerade viel zu tun, kann aber in ein paar Wochen ein Wochenende frei räumen, um dich zu besuchen. Dann kannst du mir dein Liebesdrama genauer erklären und vielleicht gibt es ja einen Plan, um die hübsche Professorin umzustimmen.

Was hältst du davon? Schreib mir gerne, es es dir Ende Oktober passt und halt mich auf dem Laufenden.

Alles Gute und liebe Grüße,

Caleb

Hermine musste über ihren Freund schmunzeln. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, mit welchem Grinsen und mit welchen Hintergedanken er diesen Brief verfasst hatte. Das Lächeln schwand allerdings, als Featherstone die Halle betrat und sich auf seinen Platz neben Minerva setzte. Seit dem Vorfall beim Nachsitzen hatte er sich mit seinen spitzen Kommentaren zurückgehalten. Vermutlich hatte er bereits sein Nachgespräch bei Minerva. Das würde ihr am Nachmittag blühen. Durch Minervas distanzierte Haltung, hatten auch sie so gut wie nicht miteinander gesprochen und wenn, dann ging es dabei um die Arbeit. Hermine hatte keine Chance allein mit Minerva zu sprechen, aber irgendwann musste sie es tun und dieses Irgendwann war heute.

Nach dem Unterricht machte sich Hermine auf zum Schulleiterbüro. Sie klopfte und nach einem höflichen „Herein“ öffnete sie die Tür.

Minerva saß hinter ihrem Schreibtisch. Die Brille auf der Nase, Feder in der Hand, doch etwas war anders. Hermine trat ein, schloss die Tür und sofort fiel ihr auf, dass Minerva nur ihr schwarzes langes Kleid trug. Keine grüne Robe, kein Umhang, unter dem sie sich verstecken konnte. Sie sah auf und Hermine musste einen Moment innehalten. Durch den Schreibtisch konnte sie nicht alles genau sehen, doch als sie näher kam, konnte sie die weibliche Figur genauer erkennen. Ihr Atem stockte und ihr Herz machte einen Hüpfer.

„Setz dich Hermine“, sagte Minerva und wies auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.

Die junge Frau musste kurz ihren Kopf schütteln, um ihren Blick abwenden zu können. Minerva hatte ihren Blick bemerkt und versuchte ihre Haltung zu bewahren, um unter diesen braunen Augen nicht schwach zu werden.

„Ich habe dieses Gespräch lange hinausgezögert“, sagte Minerva und legte die Feder zur Seite. „Du weißt, dass wir über den Vorfall sprechen müssen.“

Minerva sah ein funkeln in Hermines Augen und sie räusperte sich.

„Den Vorfall mit Professor Featherstone meine ich“, stellte sie deutlich klar, die Stimme klar und kontrolliert.

„Minerva, bevor du weitermachst… Bitte lass es mich erklären.“

Die Schulleiterin rang einen Moment mit sich, nickte dann aber.

„Also es war so, ich habe die drei Mädchen aus Ravenclaw im Flur getroffen und Miss Carter war so verängstigt und sie hat geweint. Ich konnte da nicht zusehen oder einfach weitergehen. Sie haben mir dann erzählt, was im Unterricht passiert ist und ich wollte helfen. Ich habe Miss Carter geraten mit Filius über das Nachsitzen zu sprechen, denn meiner Meinung nach war das mehr als unfair, aber das wollte sie nicht. Direkt zu dir kommen wollte sie auch nicht.“

„Dass sie nicht direkt zur Schulleiterin kommen möchte ist verständlich, aber warum wollte sie denn nicht zu ihrem Hauslehrer?“

„Sie hat Angst vor Featherstone. Sie dachte, wenn sie etwas sagt und er es herausfindet, bestraft er sie und glaub mir, er hätte es getan.“

„Weiter“, sagte Minerva.

Sie wollte keine Wertung abgeben, bevor sie nicht alles gehört hatte.

„Ich habe den Mädchen den Zauberspruch erklärt und worauf sie unbedingt achten müssen und ich nehme an, dass sie den restlichen Samstag geübt haben, denn Miss Carter konnte den Zauber perfekt ausführen.“

„Und dann ist die Sache im Klassenzimmer eskaliert“, meinte Minerva.

„Ja. Ich stand vor der Tür und habe gehört, wie einschüchternd er war und als er die Kleine angefahren hatte, konnte ich mich nicht zurückhalten. Ich war es schließlich, die ihr geholfen hatte. Warum sollte also sie dafür bestraft werden?“

„Ich verstehe deine Beweggründe Hermine, aber wie ich dir bereits gesagt habe bist du noch nicht…“

„Ich weiß und es tut mir ja auch leid, dass es so gekommen ist, aber wenn du ehrlich bist, hätte jeder andere genauso gehandelt, wie ich.“

Ein kleines Lächeln huschte über Minervas Gesicht.

„Möglich, aber ich bitte dich Hermine, halt dich in Zukunft zurück. Wenn du um Hilfe gebeten wirst, darfst du das selbstverständlich tun, aber sprich es vorher ab.“

Hermine nickte. Sie sah Minerva durchdringend an.

„Ich denke, das wäre dann alles“, sagte die Schulleiterin.

Die Nervosität war ihr deutlich anzumerken.

„Ist es das?“

„Was soll diese Frage Hermine? Es ist alles gesagt und… ich habe noch etwas dringendes zu erledigen.“

Hermine stand auf, legte ihre Hände auf Minervas Schreibtisch und beugte sich vor.

„Wie immer glaube ich dir das nicht“, sagte sie mit gedämpfter Stimme, denn die Portraits der ehemaligen Schulleiter wurden langsam auf sie aufmerksam.

Minerva schluckte hart und schloss einen Moment die Augen und sah dann wieder auf.

„Bitte tu das nicht Hermine. Ich habe schon zu viel gesagt und… zu viel getan.“

„Wie du willst. Ich gehe, aber du weißt, dass du nicht ewig davon laufen kannst.“

Hermine richtete sich wieder auf und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um.

„Übrigens, das Kleid steht dir sehr gut - besonders ohne Umhang.“

Sofort schoss Röte in Minervas Wangen und Hermine lächelte und verließ das Büro.

Hermine schloss die schwere Tür leise hinter sich. Noch während sie die Treppe hinabstieg, konnte sie sich das Bild nicht aus dem Kopf schlagen: Minerva, ohne ihren schützenden Umhang, verletzlich, beinahe greifbar. Es war das erste Mal seit Wochen, dass Hermine das Gefühl hatte, tatsächlich hinter die Fassade blicken zu dürfen.

Minerva jedoch blieb allein zurück. Sie starrte auf die Pergamente vor sich, doch die Buchstaben verschwammen. Hermines Worte hallten in ihrem Kopf wider – „Du weißt, dass du nicht ewig davonlaufen kannst.“ Und dann dieser letzte Satz über das Kleid… Minerva legte eine Hand an ihre Wange, spürte die Hitze noch immer. Mit einem leisen Schnauben griff sie nach der Feder und schüttelte den Kopf. Wie konnte sie sich von einer solchen Bemerkung nur so ablenken lassen? Und das in ihrem Alter. Minerva widmete sich wieder ihren Unterlagen, doch sie konnte sich nicht auf das Geschriebene konzentrieren.

Am Abend, in der großen Halle, bemühte sich Minerva, die gewohnte Strenge zu wahren. Sie sprach mit Filius, nickte Poppy zu, alles wie immer, doch als Hermine den Raum betrat und mit Neville lachte, war es, als würde ein unsichtbares Band zwischen ihnen beiden gespannt. Minerva wagte kaum hinzusehen und tat es doch. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Hermine erwiderte ihn ruhig, ohne Lächeln, nur mit einer unausgesprochenen Beharrlichkeit. Die Schulleiterin sah den prüfenden Blick und dann doch ein kurzes schelmisches Lächeln. Natürlich hatte sich Minerva zum Abendessen wieder eine Robe übergezogen und Hermine wusste, warum.

Minerva senkte den Kopf, doch in ihrem Innern wusste sie:

Irgendwann würde sie sich entscheiden müssen. Zwischen Pflicht und Gefühl. Zwischen Vernunft und Sehnsucht.

Später begab sich Minerva direkt in ihre Wohnung. Sie hätte noch zu tun gehabt, doch sie konnte sich selbst nach Stunden nicht konzentrieren.

Die Kerzen in Minervas Gemächern warfen lange, zitternde Schatten an die Wände. Sie hatte die Robe längst abgelegt, doch selbst in ihrem Nachtgewand konnte sie die Schwere des Tages nicht abschütteln. Das Gespräch mit Hermine hing ihr nach wie eine Melodie, die sich nicht vertreiben ließ.

„Übrigens, das Kleid steht dir sehr gut – besonders ohne Umhang.“

Minerva seufzte, legte die Brille beiseite und rieb sich die Schläfen.

Sie hätte sie zurechtweisen sollen. Hermine war dreist, unbedacht – und gleichzeitig… lebendig, warm, voller Leidenschaft. Jedes Wort, jeder Blick von ihr schien Minerva ins Herz zu schneiden und gleichzeitig zu wärmen.

„Du bist töricht, Minerva,“ murmelte sie sich selbst zu. „Du bist zu alt, zu streng, zu… gebunden.“

Und doch wusste sie: Je mehr sie versuchte, Distanz zu wahren, desto mehr drängte Hermine nach. Nicht mit Trotz, sondern mit dieser unerschütterlichen Klarheit, die Minerva schon immer an ihr bewundert hatte.

Sie schloss die Augen, ließ den Kopf gegen die Lehne ihres Sessels sinken und erlaubte sich für einen winzigen Augenblick, an eine Möglichkeit zu denken, die sie sich seit Wochen verbot:

Was, wenn sie nachgäbe? Was, wenn sie es zuließe, dass diese junge Frau, die so viel Liebe und Feuer in sich trug, auch sie berührte?

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus den Gedanken, doch es war nur die Hauselfe mit Tee. Minerva nickte stumm, wartete, bis die Tür wieder geschlossen war und beschloss, den Gedanken zu verdrängen. Morgen ist wieder ein Tag. Morgen bist du wieder die Schulleiterin.

Hermine saß an dem kleinen Tisch in ihrer Wohnung. Vor sich das Pergament, Calebs Brief daneben. Sie hatte die Feder in der Hand, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab.

Zu Minerva. Zu der Röte in ihren Wangen. Zu dem kurzen Zittern in ihrer Stimme.

„Die Liebe findet ihren Weg.“

Irinas Worte waren wie ein Mantra, das sie nicht losließ.

Endlich tunkte Hermine die Feder in die Tinte und begann zu schreiben:

Lieber Caleb,

dein Brief hat mich sehr gefreut. Du hast recht – Featherstone wird eine Prüfung für sich, aber irgendwie komme ich zurecht. Minerva hat auch schon mit mir darüber gesprochen - auf ihre Art. Es ist nicht einfach und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mehr gegen eine Mauer als mit einem Menschen rede.

Aber trotzdem gibt es Momente, die anders sind. Augenblicke, in denen sie etwas durchscheinen lässt, das sie so sehr zu verbergen versucht. Diese Sekunden sind es, die mir Hoffnung geben, auch wenn sie mir gleichzeitig fast den Atem rauben.

Ein Besuch von dir Ende Oktober klingt gut. Vielleicht brauche ich dann jemanden, der mich daran erinnert, dass es ein Leben außerhalb von Schlossmauern und Schulleiterinnen gibt. Und wer weiß – vielleicht hast du sogar eine Idee, wie man eine unbezwingbare Frau zum Stolpern bringt.

Alles Liebe und bis bald,

Hermine

Hermine legte die Feder zur Seite, las die Zeilen noch einmal und lächelte schwach. Ganz ehrlich konnte sie nicht sein – noch nicht. Aber das, was sie verschwieg, brannte in jeder Zeile mit.

Hermine pustete die Kerze aus, ließ sich in die Kissen sinken und starrte in die Dunkelheit. Der Brief an Caleb lag noch auf dem Schreibtisch, das Pergament raschelte leise im Luftzug.

Sie zog die Decke enger um sich, doch die Kälte kam nicht vom Raum. Sie kam von der Leere neben ihr, dort, wo sie sich Minerva vorstellte – mit dem schwarzen Kleid, den ernsten Augen, dem kurzen, verräterischen Anflug von Röte auf den Wangen.

Hermine schloss die Augen, doch statt Schlaf fand sie nur Bilder:

Minervas Stimme, wenn sie ihren Namen sagte. Minervas Hand, die so knapp an ihrer vorbeigestrichen war. Minervas Atem, den sie sich viel zu nah einbildete.

Ein stilles Seufzen entrang sich ihr.

„Du kannst nicht ewig weglaufen, Minerva,“ flüsterte sie in die Dunkelheit.

Dann rollte sie sich zur Seite, das Herz schwer und doch seltsam leicht und ließ sich in eine unruhige, sehnsuchtsvolle Nacht fallen.