Vielleicht… irgendwann
Vielleicht… irgendwann
Hallo ihr Lieben, ich habe mir gedacht, ich schreibe noch ein kleines "Zwischenkapitel", bevor wir uns Verwandlung zuwenden. Ich hoffe, ihr steinigt mich nicht ;)
Am nächsten Morgen war die Halle wieder gefüllt mit Schülern, dem Duft von Frühstück und leiser Geschäftigkeit. Hermine bewegte sich zwischen den Tischen, unterhielt sich ein wenig mit den Schülern, nickte ihnen aufmunternd zu, doch ihr Herz war schwer, jedes Mal, wenn ihr Blick kurz über Minerva glitt, die am Lehrertisch saß und den Tagespropheten las.
Minerva bemerkte die wiederholten Blicke, doch sie ließ sich nichts anmerken. Nur ein leichtes Zucken an ihrem Mundwinkel verriet, dass Hermines Nähe etwas in ihr bewegte. Sie wandte sich ab und doch spürte sie den Nachhall jedes kleinen Augenblicks von gestern.
Später, in der Mittagspause, schlich sich Hermine in die Bibliothek. Sie wusste, dass ihre Kollegen beim Essen waren. So konnte sie unauffällig nach Verwandlungsbüchern suchen, denn in eineinhalb Wochen würde sie sich bei Featherstone beweisen müssen und sie wollte vorbereitet sein. Sie setzte sich an einen Tisch in der Nähe eines der Fenster, öffnete ein Buch.
Plötzlich erschien Minerva, leise, wie ein Schatten zwischen den Regalen. Sie bemerkte Hermine erst nicht, doch als sie es tat, hielt sie kurz inne. Dann kam sie langsam näher, blieb stehen und musterte Hermine, die gerade in ein Buch vertieft war und sich Notizen machte.
„Dich hätte ich hier um diese Zeit nicht erwartet“, sagte Minerva leise.
Ihre Stimme war streng, doch nicht unfreundlich.
Hermine hob erschrocken den Blick. Ein kleines, herausforderndes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Ich dachte, ich nutze die Ruhe… bevor der Trubel wieder losgeht.“
Minerva nickte, zog einen Stuhl heran und setzte sich. Schweigen. Beide wussten, dass sie viel sagen könnten und doch wollten sie nichts erzwingen. In diesem Schweigen lag mehr als in jedem Gespräch zuvor.
„Hermine…“, begann Minerva dann, doch sie stoppte.
Die Worte, die sie eigentlich sagen wollte, blieben ungesagt. Sie räusperte sich, wandte den Blick ab und sah aus dem Fenster. Hermine spürte die Spannung, doch sie blieb ruhig.
„Es ist in Ordnung, Minerva. Wir finden unseren Weg, auf die eine oder andere Art.“
Minerva atmete tief durch, legte die Hände auf den Tisch.
„Vielleicht… irgendwann.“
Hermine legte ihre Hand sanft auf Minervas und für einen winzigen Augenblick trafen sich ihre Blicke, länger als notwendig, voller unausgesprochener Gedanken. Dann löste Minerva sich, nickte und verschwand zwischen den Regalen, so still, dass Hermine fast dachte, sie hätte sich alles nur eingebildet. Hermine blieb sitzen, das Herz noch immer leicht klopfend und wusste:
Egal, wie vorsichtig sie waren, egal, wie viel Distanz sie aufrechterhielten – etwas hatte begonnen, das sich nicht so einfach aufhalten ließ.
Sie starrte auf die aufgeschlagene Buchseite, ohne auch nur ein Wort wahrzunehmen. Ihr Kopf war zu voll, zu laut.
„Vielleicht… irgendwann.“
Das waren keine klaren Worte gewesen, keine Zusage, keine Erklärung und doch klangen sie in Hermines Ohren wie ein Versprechen. Ein winziger Riss in der Mauer, die Minerva so mühsam um sich herum aufbaute.
Hermine schloss das Buch, packte ihre Sachen zusammen und verließ die Bibliothek. Den Rest des Tages funktionierte sie, so wie immer:
Unterricht vorbereiten, unterrichten, Hausaufgaben korrigieren. Sie fand ein paar freundliche Worte für Neville und führte ein kurzes Gespräch mit Poppy bei einer schnellen Tasse Tee im Lehrerzimmer.
Doch unter allem pochte dieses eine Gefühl: Hoffnung.
Am Abend setzte sie sich erneut an ihren Schreibtisch. Calebs Brief lag noch immer dort, ihre Antwort daneben. Sie nahm die Feder zur Hand, als wolle sie etwas hinzufügen – einen Nachsatz, einen Gedanken, den sie bisher verschwiegen hatte. Doch die Feder verharrte in der Luft.
Wie sollte sie Caleb erklären, dass es nicht nur ein Liebesdrama war? Dass es etwas war, das sie in jeder Zelle spürte, wenn Minerva in der Nähe war? Dass ein einziger Blick mehr bedeutete als hundert Gespräche?
Hermine legte die Feder wieder ab. Caleb war ein Freund, jemand, der ihr helfen wollte, aber das, was sie in sich trug, war zu groß, zu fragil, um es in Worte zu pressen. Noch nicht.
Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und sah Minervas Gesicht vor sich: streng und doch so verletzlich in dem Moment, als sie auf Hermines Worte reagiert hatte.
Und wieder hörte sie Irinas Stimme in ihrem Kopf:
„Die Liebe findet ihren Weg.“
„Ja,“ flüsterte Hermine leise, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. „Und ich werde nicht aufhören, danach zu suchen.“
Minerva saß bis spät abends in ihrem Büro. Von Konzentration keine Spur. Also verschwand sie mit einigen Unterlagen in ihre Wohnung und ließ sich in den Sessel sinken. Mit leerem Blick starrte Minerva in die Flammen des Kamins, doch dort sah sie nicht das Holz verbrennen, sondern Hermines Augen. Dieses ruhige, beharrliche Lächeln, das sie nicht verurteilte, sondern einlud.
„Vielleicht… irgendwann.“
Dass sie diese Worte laut ausgesprochen hatte, nagte an ihr. Seit Jahren war sie Meisterin darin, alles zu kontrollieren: ihre Stimme, ihre Mimik, selbst die kleinsten Regungen und nun hatte ein Augenblick mit Hermine genügt, um sie aus der Fassung zu bringen.
„Du bist töricht, Minerva,“ flüsterte sie sich selbst zu. „Du hast deine Pflicht. Du bist Schulleiterin. Sie ist deine Referendarin.“
Doch die Flamme in ihrem Inneren erlosch nicht. Sie war da, trotz all der Argumente, trotz der Vernunft. Sie griff nach einem Pergament, versuchte, sich in Arbeit zu stürzen, Zahlen und Berichte, kleine Probleme der Schule, aber ihre Feder zitterte. Minerva legte sie wieder beiseite, rieb sich die Stirn und atmete tief durch. Die Wahrheit war, dass Hermine längst unter ihre Haut gedrungen war. Jeder Versuch, Distanz zu wahren, jede abweisende Geste – sie alle waren wie Dämme gegen einen Fluss, der mit unaufhaltsamer Kraft anstieg und heute, in der Bibliothek, hatte Minerva gespürt, dass der Damm noch mehr Risse bekam.
„Vielleicht… irgendwann.“
Der Gedanke ließ sie nicht los. Er machte ihr Angst und zugleich schenkte er ihr ein stilles, verbotenes Stück Hoffnung.
Die Nacht hatte sich über Hogwarts gelegt, doch in Minervas Wohnung glomm noch immer das Licht des Kamins. Minerva saß in ihrem Sessel, die Brille längst abgelegt, eine Decke locker um die Schultern gelegt. Die Pergamente auf dem Schreibtisch waren unberührt geblieben, vergessen.
In der Hand hielt sie eine Tasse Tee, die längst lauwarm geworden war. Sie starrte in das Feuer, doch ihr Blick reichte weit darüber hinaus.
Minerva schloss die Augen, ließ den Kopf gegen die Lehne sinken. Bilder huschten vor ihrem inneren Auge und die Worte, die sie selbst gesprochen hatte, hallten nach.
„Vielleicht… irgendwann.“
Ihr Atem ging langsamer, der Schlaf zog sie mit leisen Fingern in seine Nähe. Zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich ihre Gedanken von den Fesseln der Vernunft.
Zwei kaum hörbare Worte entglitten ihren Lippen:
„Meine Hermine…“
Minerva erwachte kurz, richtete sich ein wenig auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie es wirklich gesagt hatte oder nur geträumt. Ein schwerer Seufzer entrang sich ihr, halb Resignation, halb Sehnsucht. Sie stellte die Tasse auf den Tisch, zog die Decke enger um die Schultern und ließ den Blick erneut in die Flammen sinken und ihr war bewusst, dass kein Mantel, keine Robe, keine eiserne Disziplin diesen einen Namen auslöschen konnte. Schwerfälligkeit stand sie auf und verschwand in ihrem Bett. In ihren Träumen wurde sie gejagt. Bittersüß, doch in ihren Träumen musste sie sich nicht zurückhalten. Sie konnte ihre Gefühle zulassen - ohne Grenzen.