Ein Abend im Fuchsbau
Ein Abend im Fuchsbau
Der Regen prasselte gegen die Fenster ihres kleinen Londoner Apartments, doch in Hermines Gedanken hallten immer noch die Schritte wider, mit denen sie Hogwarts in jener Nacht verlassen hatte – und der Blick, der sie seither nicht mehr losließ. Seit sie ihre Bewerbung für die Stelle als Referendarin an die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei geschickt hatte, drehten sich ihre Gedanken beinahe ausschließlich um die Schulleiterin selbst. Trotz ihrer Vorfreude, vielleicht wieder zurückkehren zu können, plagten sie Zweifel durch jeden einzelnen Tag.
„Meinst du, es war die richtige Entscheidung?“
„Klar“, sagte Ginny und ließ sich neben Hermine auf das Sofa plumpsen, nachdem sie zwei Tassen Tee auf den kleinen Tisch vor ihnen gestellt hatte. „Hast du Angst? Du wolltest nie von Hogwarts weg. Also war es doch logisch, dass du dich dort bewirbst und mal ehrlich, McGonagall wäre ziemlich dumm, wenn sie dich nicht einstellen würde.“
„Ich bin sicher nicht die einzige Bewerberin. Aus meinem Kurs an der Uni haben sich 5 in Hogwarts beworben.“
„Und? Keiner von denen hat so krasse Noten wie du.“
„Weißt du Ginny, irgendwie wäre es mir fast lieber, sie würden mir eine Absage schicken und sich für jemand anderen entscheiden.“
„Spinnst du? Wo willst du denn sonst hin? Nach Frankreich? Amerika? Oder noch weiter fort?“
„Nein, aber… Ach egal.“
„Sag schon.“
„Ich habe einfach so meine Bedenken. Das ist alles“, meinte sie und griff nach ihrer Tasse.
„Vielleicht würde dir ein vorab Gespräch mit McGonagall helfen?“
Hermine verschluckte sich an ihrem Tee.
„Was? Sei nicht albern.“
„Warum? Sie kommt am Samstag zum Essen. Mum möchte dich auch einladen. Du kommst doch oder?“
„Samstag?“
Das konnte ja heiter werden. Hermines Gefühle waren ohnehin schon durcheinander genug. Da würde ihr eine Mischung aus Minerva und Ron gerade recht kommen. Gut, die Sache mit Ron war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte und Minerva… Da würde wohl nie etwas beginnen.
„Ginny, ich weiß nicht, ob…“
„Kein ich weiß nicht!“, sagte Ginny, griff sich ein Kissen vom Sofa und warf es spielerische nach Hermine. „George, Angelina, Bill und Fleur werden auch da sein.“
Sie ließ eine kleine Pause und überlegte einen Moment.
„McGonagall hat auch gezögert, bevor sie zugesagt hat.“
Der Name ließ Hermines Herz stolpern.
„Oh.“
Mehr fiel ihr nicht ein. Ginny musterte sie.
„Du bist plötzlich so blass. Ist alles in Ordnung?“
„Ja… nein… ich weiß nicht.“ Hermine fuhr sich durchs Haar, rang nach Worten. „Es ist nur… kompliziert.“
Zu kompliziert, dachte sie. Wie konnte sie erklären, dass allein die Vorstellung, Minerva in der vertrauten Wärme des Fuchsbaus zu sehen, sie gleichzeitig hoffen und verzweifeln ließ?
Sie wollte hingehen, unbedingt. Aber sie wusste auch, dass ein Abendessen unter Freunden ihre sorgfältig gebauten Mauern zum Einsturz bringen könnte.
„Hermine,“ sagte Ginny sanft, „du verkriechst dich viel zu sehr. Ein Abend wird dich nicht umbringen.“
Aber vielleicht mein Herz, dachte Hermine bitter.
„Also?“ Ginny legte den Kopf schief, die typische Mischung aus Hartnäckigkeit und Fürsorge in den Augen.
Hermine zwang sich zu einem Lächeln, doch innerlich wüteten die Zweifel.
Wie viele Ausreden konnte sie erfinden, bevor Ginny misstrauisch wurde? Vorbereitung die Prüfungen? Müdigkeit? Eine plötzliche Verpflichtung? Jede Lüge fühlte sich falsch an, bevor sie überhaupt ausgesprochen war.
Am Ende nickte sie nur.
„Gut. Ich komme.“
Und als Ginny zufrieden die Hände zusammenschlug, wusste Hermine, dass sie die Entscheidung längst vorher getroffen hatte. Denn so sehr sie sich auch fürchtete – sie konnte Minerva ohnehin nicht für immer fernbleiben.
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Der Abend senkte sich sanft über den Fuchsbau und Minerva McGonagall zog den Umhang enger um die Schultern, als sie den Weg zum Haus entlangging. Sie klopfte, bevor sie die vertraute Türschwelle überschritt. Der Duft von Gewürzen und frisch gebackenem Brot umfing sie sofort – das Haus der Weasleys war ein Ort, der selbst nach Jahrzehnten noch Geborgenheit verströmte, doch in Minervas Brust lag keine Ruhe.
„Minerva! Wie schön, dich zu sehen“, sagte Molly. „Ich freue mich sehr, dass du es einrichten konntest.“
„Vielen Dank für die Einladung Molly.“
Arthur nahm Minervas Umhang und hängte ihn sorgfältig auf, nachdem auch er die Schulleiterin freudig begrüßt hatte.
„Ginny!“
Sofort kam die rothaarige Frau herbeigeeilt.
„Oh guten Abend Professor“, sagte sie lächelnd und reichte ihr die Hand.
„Guten Abend Ginny.“
„Bring doch Minerva ins Wohnzimmer Ginny und gib ihr etwas zu trinken.“
„Natürlich. Kommen Sie Professor.“
Minerva folgte Ginny und erhielt ein Glas Punsch. Ihr Blick glitt durch den Raum, fast wider Willen suchend. Und da war sie.
Hermine stand am Kamin, die Hände unruhig ineinander verschränkt, als müsste sie sich festhalten. Ihr Haar war etwas lockiger als sonst, ihr Gesicht blasser. Doch als sich ihre Augen begegneten, blitzte darin für den Bruchteil einer Sekunde etwas auf, das Minerva sofort erkannte. Zu gut erkannte. Es war immer noch da und ihr Herz setzte einen Moment aus.
Diese Gefühle darfst du nicht erwidern, schrie sich Minerva innerlich an.
Sie zwang ihre Lippen zu einem höflichen Lächeln und nickte knapp. „Miss Granger.“
„Professor McGonagall,“ antwortete Hermine, doch ihre Stimme war leiser, fast scheu. „Es ist schön Sie zu sehen.“
Minerva spürte, wie die Spannung zwischen ihnen den Raum enger machte, als er tatsächlich war. Jeder Atemzug erinnerte sie daran, was sie sich selbst verboten hatte: Nähe, Zuneigung, dieses gefährliche Ziehen in ihrem Herzen.
„Das finde ich auch“, antwortete Minerva und bevor sie noch etwas sagen konnte, betrat Molly den Raum.
„Setzt euch, setzt euch!“, rief Molly fröhlich, stellte Schüsseln und Platten auf den Tisch.
Die Gruppe versammelte sich um den großen Tisch und setzten sich. Ginny redete munter dazwischen, Harry schenkte Getränke ein. Das Klirren von Gläsern und das Lachen der Weasleys überdeckten die unausgesprochene Stille zwischen Minerva und Hermine.
Und doch – jedes Mal, wenn sie aufblickte, traf sie Hermines Blick. Flüchtig. Zögerlich. Aber eindeutig.
Du darfst nicht, mahnte Hermine sich selbst. Du könntest bald in Hogwarts sein. Wenn du dich da ebenso verhältst... Das hier führt ins Verderben. Als Minervas Hand das Glas ergriff und ihre Finger die Tischkante streiften, zuckte Hermine, als hätte sie es selbst gespürt. Ein Abendessen, redete sie sich ein. Nur ein Abendessen.
Doch in ihrem Inneren wusste sie: Jeder Augenblick an diesem Tisch war ein Tanz auf der Klinge ihrer eigenen Sehnsucht.
„Noch Kartoffeln, Hermine?“ Molly reichte die Schüssel und Hermine nickte rasch, froh, ihre Hände beschäftigt zu wissen.
„Danke,“ murmelte sie, ohne wirklich hinzusehen. Ihr Blick wanderte wieder – unaufhaltsam – zu der Person am Ende des Tisches.
Minerva McGonagall saß dort, anmutig, wunderschön. Sie sprach mit Arthur über Quidditch-Regeländerungen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Und doch war da etwas an der Art, wie Minervas Augen für den Bruchteil einer Sekunde zu Hermine glitten, wenn sie lachte oder eine Bemerkung machte. Flüchtig, fast unsichtbar. Aber Hermine spürte es.
„Und, Hermine?“ Harry wandte sich zu ihr. „Wie läuft’s im Studium?“
Sie räusperte sich, beinahe erschrocken.
„Ich denke ganz gut. Ich habe viel zu tun. So kurz vor den Prüfungen.“
Sie wollte mehr sagen, doch Worte blieben ihr im Hals stecken – zu bewusst, dass Minerva zuhörte.
„Natürlich läuft es gut,“ mischte sich Ginny grinsend ein. „Wer, wenn nicht Hermine Granger sollte sonst einen hervorragenden Abschluss machen?“
Lachen am Tisch. Hermine lächelte, doch ihr Herz klopfte so heftig, dass sie kaum schmecken konnte, was sie aß. Dann ertönte Minervas Stimme. Ruhig. Klar. Wie immer.
„Miss Granger war stets zuverlässig. Ich habe nie daran gezweifelt, dass sie Schwierigkeiten mit dem Studium haben könnte.“
Hermine hob den Blick – zu schnell. Da war keine Wärme, kein Augenzwinkern, nur die nüchterne Anerkennung einer Professorin. Und doch… in den Augen lag etwas, das Hermine nicht benennen konnte. Etwas, das sich wie ein Hauch von Nähe anfühlte, obwohl der Ton vollkommen sachlich war.
Sie zwang sich, zu lächeln.
„Danke, Professor.“
Doch in ihrem Inneren wusste sie: Genau diese Distanz tat mehr weh als jede offene Ablehnung.
Ginny spürte, dass es Hermine unangenehm wurde. Schnell lenkte sie das Thema zurück auf Quidditch, während sie sich das Essen schmecken ließen.
Die letzten Teller klirrten, als Molly sie mit einem Schlenker ihres Zauberstabs in die Küche schweben ließ. Das Lachen der Weasleys hallte noch nach, doch langsam lichtete sich die Gesellschaft. Harry und Ginny verschwanden mit Arthur in den Garten, Ron diskutierte mit Bill über Drachenhaut, Fleur und Angelina halfen Molly in der Küche und Hermine blieb im Wohnzimmer zurück, ein Glas Butterbier in der Hand. Sie wollte ebenfalls helfen, doch Molly hatte höflich abgelehnt. Hermine versank in ihren Gedanken. Die Spannung zwischen ihr und Ron war deutlich vorhanden. Nach der Trennung hatte es einige Zeit gedauert, bis sie wieder zu einem freundschaftlichen Verhältnis zurückgefunden hatten. Trotzdem war es seltsam. War der Hauptgrund der Trennung doch ebenfalls anwesend. Sie hätte gehen können. Sie hätte sich entschuldigen und nach Hause apparieren können, aber sie tat es nicht. Der Grund dafür stand nur wenige Schritte entfernt. Minerva hatte sich an den Kamin gestellt, die Hände auf den Rücken gelegt, die Augen auf die Flammen gerichtet. Der Schein ließ die Konturen ihres Gesichts weich wirken, beinahe… verletzlich.
Hermine atmete tief durch. Dann ging sie hinüber.
„Professor?“
Minerva drehte den Kopf. „Miss Granger.“ Ihre Stimme war ruhig, fast ungerührt. „Ein angenehmer Abend, nicht wahr?“
„Ja.“ Hermine nickte, zu hastig. „Sehr angenehm.“ Sie schwieg einen Moment, suchte nach Worten, die harmlos genug klangen und doch das sagten, was ihr Herz schrie.
„Es ist… schön, Sie auch einmal außerhalb von Hogwarts zu sehen.“
Minerva senkte den Blick nur für einen Atemzug, bevor sie ihn wieder auf Hermine richtete.
„Nun, selbst Schulleiterinnen brauchen gelegentlich Gesellschaft.“
Ein Lächeln, kaum mehr als ein Schatten.
Und doch fühlte Hermine, wie ihr Puls schneller ging.
„Sie wirken…“ Sie stockte, biss sich auf die Lippe. „…ruhiger, als ich erwartet hätte.“
Minerva hob eine Augenbraue. „Ruhig? Oder alt?“
„Nein!“ Hermines Wangen glühten. „So meinte ich das nicht. Sie sind gewiss alles andere als alt.“
„Ich weiß, dass Sie es nicht so meinten.“ Minerva musterte sie, der Blick präzise, beinahe durchdringend. „Sie wählen Ihre Worte mit Bedacht, Miss Granger. Aber manche Dinge lassen sich nicht so leicht verschleiern.“
Hermine spürte, wie ihr die Kehle trocken wurde. Weiß sie es? Spürt sie es?
Doch Minerva wandte sich wieder dem Kamin zu, als wäre nichts geschehen.
„Ihre Bewerbung hat mich nicht überrascht“, meinte sie, sah Hermine dabei aber nicht an.
„Ich… Ich dachte, es wäre einen Versuch wert.“
Hermines Puls ging schneller. Was würde sie nun zu hören bekommen? Eine Absage? Warum sonst hatte sie bisher kein Wort von ihr gehört?
„Sie wundern sich, warum Sie noch keine Antwort erhalten haben, nicht wahr?“
Hermines Augen weiteten sich.
„Sind Sie ein Legilimentor?“
„Nein, aber ich kenne Sie schon einige Jahre und manchmal kann man in Ihnen lesen, wie in einem Buch.“
Hermines Herz rutschte ihr in die Hose.
„Professor…“
Sie wandte sich Hermine zu und ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen.
„Es gibt keinen Grund nervös zu sein Miss Granger. Diese Angelegenheiten dauern leider eine halbe Ewigkeit. Anträge beim Ministerium müssen gestellt werden, die Schulräte müssen zustimmen und natürlich beraten auch wir Lehrkräfte uns untereinander.“
„Professor, wenn Sie mir sagen möchten, dass Sie meine Bewerbung ablehnen wollen…“
„Hogwarts und die Kollegen warten bereits auf Sie.“
Ein Satz, so sachlich wie ein formelles Schreiben. Und doch… Hermine hörte darin einen Unterton, den niemand sonst hören würde. Ihr Herz machte einen Sprung. Ihre Freude schien ihr ins Gesicht geschrieben zu sein. Sie wollte etwas erwidern, sich bedanken, wollte sie fragen, warum sie noch keine Nachricht erhalten hatte, doch sie hörte sich plötzlich etwas anders sagen.
„Und Sie?“
Ein sanftes Lächeln umspielte Minervas Lippen.
„Selbstverständlich freue auch ich mich ebenfalls darauf, dass Sie das Kollegium ergänzen werden.“
„Ich danke Ihnen für das Vertrauen Professor. Ich hoffe, ich werde Sie nicht enttäuschen.“
„Das könnten Sie nie“, sagte Minerva sanft.
Sogleich räusperte sie sich und nahm einen Schluck Wein, als ihr bewusst wurde, was sie gesagt hatte und vor allem wie.
Aus dem Augenwinkel konnte Hermine sehen, dass Ron zu ihnen sah. Auch Minerva spürte seinen Blick und sah direkt zu ihm herüber. Er schien die Aufforderung zu verstehen und so kam er zu ihnen, die Arme verschränkt, sein Blick ruhte auf ihnen – oder besser gesagt, auf Hermine.
Sie zwang sich, zu lächeln.
„Ron.“
Er nickte, fast verlegen.
„Alles gut bei euch?“
„Natürlich,“ sagte Hermine schnell, zu schnell.
Minerva aber hatte es sofort erkannt. Ihr Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, messerscharf, dann glitt ein kaum merkliches Lächeln über ihre Lippen – eines, das nur Hermine auffiel.
„Mr. Weasley,“ sagte sie in ihrem gewohnten, unerschütterlichen Tonfall. „Es ist erfreulich zu sehen, dass Sie Miss Granger noch immer so aufmerksam im Auge behalten.“
Ron errötete.
„Naja… also… wir kennen uns ja ewig.“
Hermine presste die Lippen zusammen.
„Er ist mein bester Freund,“ stellte sie klar.
Doch Minerva ließ nicht locker. Sie legte den Kopf ein wenig zur Seite, ihre Stimme klang beinahe – ermutigend.
„Manchmal, Miss Granger, erwächst aus Freundschaft etwas Stärkeres, als man zunächst glaubt.“
Hermines Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie sah Minerva direkt an – und in diesem Blick lag alles: Trotz, Verletzung, Sehnsucht.
„Nicht bei uns,“ erwiderte sie leise, aber mit einer Entschlossenheit, die selbst Ron stutzen ließ.
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann senkte Minerva den Blick, so, als hätte sie sich verraten.
„Wie Sie meinen,“ sagte sie knapp.
„Ron! Komm doch mal!“, rief Ginny von draußen.
Ron räusperte sich, verlegen, und verschwand in Richtung Garten. Zurück blieb nur das Knistern des Kamins – und eine Spannung, die dichter war als zuvor.
Hermine hätte schreien können. Nicht, weil Minerva sie zurückwies – das hatte sie erwartet. Sondern weil sie spürte, dass Minerva ihre Gefühle sehr wohl verstand. Und sie trotzdem fortstieß.
Die Stille nach Rons Verschwinden hielt nur einen Herzschlag lang, dann räusperte Minerva sich leise, fast so, als wolle sie den unsichtbaren Faden zwischen ihnen kappen.
„Nun,“ begann sie, wieder in diesem nüchternen Tonfall, „Ihr Studium neigt sich dem Ende.“
Hermine blinzelte überrascht.
„Ja… in ein paar Wochen. Es war… intensiv.“
„Das habe ich nicht anders erwartet.“ Minervas Mundwinkel zuckten, beinahe ein Lächeln.
„Sie lernen sicher unermüdlich für die Prüfungen.“
„Kann man so sagen.“
„Sie haben sich nie mit halben Schritten zufriedengegeben.“
„Alte Gewohnheiten legt man wohl schwer ab.“
Minerva schenkte ihr ein ehrliches Lächeln.
„Das verstehe ich sehr gut. Es ging mir in meiner Jugend genauso. Ich wollte mich beweisen. Ich bin mir aber sicher, dass Sie keine Schwierigkeiten haben.“
„Es war viel Theorie,“ erwiderte Hermine, froh, dass das Gespräch eine harmlosere Richtung einschlug. „Aber ich vermisse die Praxis. Den Unterricht. Die… Magie, wie sie in Hogwarts lebendig ist.“
„Die Praxis wird bald zurückkehren.“ Minervas Stimme war ruhig, sachlich – und doch lag darin ein Unterton, der Hermines Herz schneller schlagen ließ.
„Während Ihres Referendariats und als Lehrerin werden Sie schnell alles nachholen“, lächelte Minerva.
Hermine atmete hörbar ein.
„Davon bin ich überzeugt. Ich freue mich wirklich, wieder nach Hause zu kommen.“
Minerva nickte, die Augen fest auf Hermine gerichtet.
„Hogwarts ist…“, sie hielt einen Moment inne, ehe sie fortfuhr. „…immer offen für jene, die dorthin gehören.“
Hermine spürte, wie sich ein Knoten in ihrer Brust löste – und ein neuer entstand. Sie nickte nur, bemüht, gefasst zu wirken.
„Danke,“ brachte sie hervor. „Das bedeutet mir… alles.“
Minerva erwiderte nichts. Sie wandte den Blick ab, musterte die Flammen, als lägen die Antworten dort verborgen. Für einen Moment wirkte es, als hätten sie sich in einem fast normalen Gespräch verloren – und doch wussten beide, dass unter jeder Silbe etwas Unausgesprochenes lag. Hermine wusste nicht wie, doch sie begann nach kurzer Zeit erneut ein völlig normales Gespräch mit Minerva zu führen. Auf dem Sofa sitzend erzählte Minerva von ihrem Studium. Sie lachten, als würde nichts zwischen ihnen stehen. Es tat ihnen beiden gut.
Gegen später nahm das Stimmengewirr im Haus wieder zu, als sich die Gesellschaft wieder im Haus verteilte. Hermine sah auf die Uhr und musste feststellen, dass sie sich fast eine Stunde mit Professor McGonagall unterhalten hatte. Jede Sekunde hatte sie dabei genossen. Sie hatte die Gespräche mit dieser interessanten, klugen Frau wirklich vermisst.
Trotzdem spürte sie, wie Müdigkeit in ihre Knochen kroch. Dennoch blieb sie, noch einen Moment länger, hier auf dem Sofa. Neben ihr.
„Sie sehen erschöpft aus,“ stellte Minerva leise fest.
Hermine lachte kurz, unsicher.
„Das sagen alle, die mich kennen.“
„Nun, vielleicht hören Sie irgendwann darauf.“
Minerva neigte lächelnd den Kopf, ihr Blick blieb an Hermines Gesicht hängen.
„Sie sollten auf sich achten. Ich brauche keine Lehrerin, die sich zu Tode arbeitet.“
Ein warmes, beinahe kindliches Lächeln huschte über Hermines Lippen.
„Danke. Sie haben wohl recht. Ich sollte mich langsam auf den Heimweg machen.“
Minerva lächelte und nickte.
„Für mich wird es ebenfalls Zeit nach Hogwarts zurückzukehren. Ich werde mich Ihnen anschließen Miss Granger.“
Sie standen auf und holten ihre Umhänge. Nach einer kurzen Verabschiedung verließen sie das Haus. Keine der beiden bemerkte den wissenden Blick einer jungen rothaarigen Frau, der sie schon den ganzen Abend verfolgt hatte.
Schweigend gingen sie zur Appariergrenze. Erst dort sahen sie einander wieder an.
„Kommen Sie gut nach Hause Miss Granger.“
„Danke, Sie auch Professor.“
„Wir sehen uns in ein paar Wochen in Hogwarts.“
Hermine lächelte glücklich. Im nächsten Moment war die Professorin verschwunden. Hermine verharrte noch einen Moment und apparierte dann zurück nach London.
Als Hermine im Bett lag, kreisten ihre Gedanken nur um sie - Minerva. Sie schien in den vergangenen Jahren keinen Tag gealtert zu sein. Das Haar war noch immer schwarz mit einzelnen grauen Strähnen, die Augen strahlten noch immer, kaum eine Falte zierte ihr Gesicht. In Hermines Augen war sie perfekt.
„Lass es sein!“, sagte Hermine zu sich selbst. „In ein paar Wochen ist sie deine Vorgesetzte Herrgott nochmal! Sie ist unerreichbar für dich. Das war sie schon immer.“
Egal was Hermine sich einreden wollte, nichts half. Ihr Herz war verloren. Schon viele Jahre. Lange lag Hermine wach und sah vom Bett aus, aus dem Fenster.
Auch Minerva McGonagall lag wach in ihrem Bett. Sie hatte ganz ähnliche Gedanken, wie die junge Frau in London. Sie bekam das Bild von Hermine nicht aus dem Kopf, die in den vergangenen Jahren noch hübscher geworden war. Sie war kein Kind mehr. Sie war eine Frau. Wunderschön. Begehrenswert.
„Merlin Minerva! Hör endlich auf damit! Es ist unangemessen, unmoralisch und falsch und das weißt du!“
Beide wussten genau, dass sie sich gefährlich nahe an einem Abgrund bewegen würden, sobald Hermine nach Hogwarts kommen würde, doch sie wollten das Risiko eingehen.