Zwischen den Fronten
Zwischen den Fronten
Hermine hatte schnell gelernt, dass Featherstones Unterricht ein genaues Muster verfolgte. Jedes Wort von ihr war ihm ein Dorn im Auge. Aber Hermine wäre nicht Hermine, wenn sie nicht trotzdem ab und zu ihren Mund aufmachen würde.
Sie nahm wie in den letzten Tagen auch in der hintersten Reihe Platz. Von dort hatte sie zwar den besten Überblick, doch es fühlte sich wie ein Platz im Abseits an. Featherstone hatte ihn ihr ohne Worte zugewiesen und Hermine wagte es nicht, sich dem zu widersetzen.
„Also“, begann er mit seiner schneidenden Stimme, „Manche hier haben offenbar noch nicht begriffen, dass Präzision das A und O ist.“
Sein Blick huschte dabei demonstrativ in ihre Richtung, so kurz, dass es die Schüler nicht bemerkten – Hermine jedoch sehr wohl.
Sie ballte unwillkürlich die Hände im Schoß, schwieg aber. Jeder Versuch zu helfen, wurde sofort im Keim erstickt. Featherstone stellte Fragen, die Kinder wirkten eingeschüchtert, manche sahen hilfesuchend zu Hermine, doch da schnitt die scharfe Stimme des Professors durch den Raum.
„Miss Granger ist nur Beobachterin. Beginnen Sie jetzt mit der Verwandlung.“
Die Schüler schauten oft unsicher zu ihr, suchten Halt in ihrem Blick. Hermine erwiderte ihn ermutigend, so gut es ging, auch wenn sie spürte, wie schwer es ihnen fiel, unter Featherstones strenger Aufsicht zu arbeiten. Fehler quittierte er mit Spott, jedes Zögern mit erhobenem Ton.
„Miss Carter!“, schnappte er an diesem Tag, als das Mädchen beim dritten Versuch noch immer den Zauberstab zu schnell führte. „Sie hätten längst wissen müssen, dass solche Fehler hier nicht geduldet werden. Noch ein Fehlversuch und Sie verbringen Ihr Wochenende im Klassenzimmer.“
Hermine sah, wie das Mädchen blass wurde und die Lippen bebten. Alles in ihr drängte danach, einzugreifen, doch sie zwang sich, auf dem Stuhl zu bleiben. Sie wusste, dass Featherstone nur auf den kleinsten Widerstand von ihr wartete, um sie vor der Klasse bloßzustellen.
„Konzentrieren, Miss Carter!“, donnerte er, während er selbst mit verschränkten Armen hinter dem Pult stand, die Augen scharf und voller Erwartung.
Hermine presste die Lippen zusammen. Jeder dieser Tage war eine Prüfung und nicht nur für die Schüler. Für sie selbst war es ein Kampf zwischen ihrem inneren Drang zu helfen und dem Zwang, sich zurückzuhalten.
Und mitten darin: Featherstones spitze Kommentare, die sie an die Wand nagelten, ohne dass sie sich bewegen durfte.
Er ging durch die Reihen.
„Noch einmal!“, herrschte Featherstone die Kinder an.
Featherstone schnaubte verächtlich. „Lächerlich. Das ist nicht einmal ansatzweise akzeptabel. Vielleicht fehlt einigen von Ihnen schlicht das Talent.“
Etwas riss in Hermine. Sie konnte nicht länger untätig zusehen.
„Professor Featherstone“, begann sie mit fester Stimme, „mit Verlaub – die Bewegungen sind überwiegend korrekt ausgeführt. Die Kinder brauchen lediglich etwas mehr Übung und keinen Spott.“
Ein kollektives Einatmen ging durch den Raum. Alle Augen wandten sich nach hinten. Featherstones Kopf schnellte herum, seine Miene war eine Maske aus kaltem Zorn.
„Miss Granger“, sagte er mit messerscharfer Stimme, „es scheint, Sie haben meine Anweisungen noch immer nicht verstanden. Sie sind hier, um zu beobachten, nicht um zu kommentieren.“
„Und ich beobachte, wie die Schüler unter Ihrer Strenge den Mut verlieren“, erwiderte Hermine und stand auf. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, doch ihre Stimme blieb klar.
„Wenn Sie ihnen jede Hoffnung nehmen, wie sollen sie sich verbessern?“
Ein Murmeln ging durch die Reihen, Schüler wagten kaum zu atmen. Featherstones Augen verengten sich.
„Setzen Sie sich sofort oder ich werde Sie des Unterrichts verweisen.“
„Wenn es darum geht, den Schülern beizustehen, nehme ich das gern in Kauf“, antwortete Hermine unbeirrbar.
Featherstone funkelte sie wütend an, fuhr dann mit dem Unterricht fort. Hermine wusste, dass diese Diskussion noch nicht vorbei war.
Und so war es. Als der Unterricht vorbei war, sah er Hermine an.
„Ich habe genug! Ihre Einmischungen sind ein Affront – gegen mich, gegen die Ordnung in diesem Klassenzimmer!“
„Nein“, sagte Hermine leise, aber unerschütterlich. „Sie sind eine Erinnerung daran, dass Schüler keine Marionetten sind. Sie verdienen Respekt – auch von Ihnen.“
„Wir werden sehen, wie die Schulleiterin das beurteilt.“
Doch in diesem Augenblick wusste Hermine: Sie hatte die Frontlinie überschritten.
Featherstones Schritte hallten hart über die Steintreppen, als er mit wehendem Umhang auf das Büro der Schulleiterin zusteuerte. Er klopfte nicht, sondern stürmte hinein. Minerva sah von ihren Unterlagen auf, die Brille tief auf der Nase.
„Edmund“, sagte sie scharf, „dürfte ich dich daran erinnern, dass ein Klopfen zum guten Ton gehört?“
Er lachte bitter.
„Das solltest du lieber deiner Referendarin sagen. Sie ist aufsässig und hat mir offen widersprochen, vor der gesamten Klasse! Wenn das ungestraft bleibt, dann… dann ist jede Ordnung in meinem Unterricht dahin.“
Minerva legte die Feder beiseite, verschränkte die Hände und musterte ihn. Sie spürte die Hitze seiner Empörung, doch in ihrem Inneren regte sich auch eine ganz andere Sorge.
Hermine.
„Was genau ist vorgefallen?“
Ihre Stimme war ruhig, beinahe kühl. Featherstone berichtete, seine Worte schossen wie Pfeile, spitz und aufgeladen. Er stellte Hermine als aufsässige Einmischerin dar, die ihn und seinen Unterricht sabotierte.
Minerva hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Nur das leichte Zucken ihres Mundwinkels verriet, dass sie nicht alles glaubte. Schließlich hob sie eine Hand.
„Danke, Edmund. Ich werde die Sache prüfen.“
„Prüfen?“, rief er fassungslos. „Es gibt nichts zu prüfen! Die Frau ist ein Problem – wenn sie nicht sofort zur Ordnung gerufen wird, dann…“
„Edmund!“
Minervas Stimme durchschnitt die Luft wie ein Peitschenhieb. Featherstone verstummte.
„Du wirst jetzt gehen. Ich werde mit Hermine sprechen. Das genügt.“
Er funkelte sie an, biss sich auf die Lippen und verließ das Büro mit einem heftigen Knall der Tür.
Zurück blieb Minerva, die langsam die Brille abnahm und sich mit zwei Fingern die Schläfen rieb. Ihre Gedanken kreisten.
Hermine. Sie hatte ihr versprochen, sich zurückzuhalten. Und doch konnte Minerva sich nur allzu gut vorstellen, was geschehen war. Hermine konnte nicht wegsehen, wenn ein Schüler litt – genau das war es, was sie an ihr bewunderte … und was ihr zugleich Angst machte.
Minerva seufzte tief. Es war unausweichlich – sie musste Hermine noch heute sprechen.
Ein Hauself brachte Hermine noch am selben Nachmittag die Nachricht: Die Schulleiterin erwarte sie unverzüglich in ihrem Büro. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie die Treppe hinaufstieg. Sie wusste genau, worum es gehen würde.
Minerva saß bereits hinter ihrem Schreibtisch, die Haltung aufrecht, die Hände gefaltet. Nur das angespannte Flackern in ihren Augen verriet, dass es kein gewöhnliches Gespräch werden würde.
„Setz dich, Hermine“, begann Minerva, formeller als sonst.
Hermine tat wie geheißen, versuchte jedoch, den Blick nicht von Minerva abzuwenden.
„Professor Featherstone war eben hier“, fuhr Minerva fort.
„Das war klar.“
„Er hat mir berichtet, dass du während seines Unterrichts lautstark widersprochen und seine Autorität in Frage gestellt hast.“
Hermine atmete tief durch.
„Ja. Das stimmt.“
„Du gibst es zu?“
Minervas Stimme war hart, doch ihre Augen verrieten einen inneren Zwiespalt.
„Ich konnte nicht anders.“ Hermine beugte sich leicht vor. „Miss Carter wurde wieder gedemütigt, die anderen waren verängstigt, Minerva. Wenn ich geschwiegen hätte, hätten sie jedes Vertrauen verloren. Ich… ich musste etwas sagen.“
Für einen Moment herrschte Stille, so dicht, dass das Knistern des Kamins wie Donner wirkte. Minerva presste die Lippen zusammen. Sie wollte die Schulleiterin sein, die strenge Instanz, aber stattdessen sah sie Hermine an – diese brennende Aufrichtigkeit in ihren Augen, die sie so sehr liebte und die zugleich jede Regel sprengte.
„Hermine…“
Ihr Ton wurde weicher, fast flehend.
„Du bringst mich in eine Lage, die ich kaum noch halten kann. Du weißt, wie sehr mir Disziplin und Ordnung am Herzen liegen. Und doch kannst du das nicht tun.“
Ihre Stimme wurde hart.
„Du kannst keinen offenen Kampf mit einem Kollegen vor den Augen der Schüler austragen. Das habe ich dir bereits in aller Deutlichkeit gesagt und dich gebeten, dass du dich daran hältst.“
Sie brach ab, schloss kurz die Augen, als müsse sie sich sammeln. Hermine legte ihre Hand auf den Tisch, nur wenige Zentimeter von Minervas entfernt.
„Ich weiß, aber ich werde nie zusehen, wenn Schüler so behandelt werden. Verstehst du das nicht? Es geht nicht darum, dir zu trotzen. Es geht darum, richtig zu handeln.“
Minervas Atem stockte. Für einen Augenblick wollte sie die Hand nehmen, sie festhalten, Trost und Nähe geben. Doch stattdessen zog sie sich zurück, richtete sich noch aufrechter auf.
„Ich verstehe mehr als du denkst. Trotzdem war dein Benehmen nicht in Ordnung. Ich erwarte, dass du dich an die Regeln hältst.“
„Und Featherstone? Wenn er ein Problem mit mir hat ist das eine Sache, aber wenn er weiter so mit den Kindern umgeht…“
„Ich… werde darüber nachdenken und eine Lösung finden“, sagte sie schließlich und klang wieder kühl.
Sie nickte Hermine zu und die junge Frau verstand das das als Zeichen, dass sie gehen konnte, gehen sollte, doch als Hermine ging, spürte sie den Blick der Schulleiterin in ihrem Rücken – schwer, sehnsüchtig und voller Worte, die unausgesprochen blieben.
Das Schloss lag in tiefer Stille, nur der ferne Wind strich an den Mauern entlang. Minerva saß in ihrem Sessel vor dem Kamin, ein Glas Whisky unberührt auf dem kleinen Tisch neben ihr. Die Flammen warfen tanzende Schatten über ihr Gesicht, das härter wirkte, als es sich anfühlte. Sie hatte den ganzen Abend versucht, sich in Arbeit zu flüchten – Korrekturen, Berichte, Briefe, doch jeder Gedanke kehrte zurück zu diesem einen Blick, dieser einen Stimme, die sich gegen Featherstone erhoben hatte. Hermines Stimme.
„So unerschütterlich … so töricht“, murmelte Minerva und rieb sich die Schläfen.
Ihre Brust spannte sich unter einem Gefühl, das sie nicht bändigen konnte. Stolz – ja. Und zugleich Angst, Ärger, Sehnsucht. Alles ineinander verwoben.
Sie schloss die Augen, lehnte den Kopf zurück und atmete tief durch. Und da entglitt es ihr, leise, kaum hörbar: „Hermine …“
Minerva öffnete die Augen wieder, sah ins Feuer, als könne sie dort Antworten finden. Doch was sie fand, war nur das brennende Wissen: So sehr sie sich auch abgrenzen wollte – Hermine ließ sich nicht bannen. Nicht aus ihrem Kopf. Und schon gar nicht aus ihrem Herzen.