Verhüllte Sehnsucht
Verhüllte Sehnsucht
Hallo ihr Lieben, bitte entschuldigt, dass so lange kein Update kam. Mir kam leider eine fette Grippe dazwischen... Ich hoffe, dass euch das nächste Kapitel gefällt :)
LG Eure M.
Minerva bog wortlos nach links ab, zurück in Richtung ihres Büros. Ihr Rücken war kerzengerade, die Bewegungen kontrolliert, als hätte sie ihre Gedanken und Gefühle wieder in eiserne Disziplin gezwungen. Hermine sah ihr nach, bis sie um die Ecke gebogen war und erst da atmete sie aus, als hätte sie die Luft viel zu lange angehalten.
Sie brauchte frische Luft. Ihre Beine führten sie wie von selbst durch die langen Korridore, vorbei an den Schülern, die sich nach dem Frühstück im Schloss herum trieben. Jeder Schritt brachte sie ein Stück näher an Ruhe und doch pochte das Verlangen nach Minerva ununterbrochen in ihr.
Als sie um eine Ecke bog, sah sie schon von weitem eine Gestalt, die sie sofort erkannte. Irina, die mit verschränkten Armen an der Wand lehnte. Auf ihrem Gesicht lag ein breites Grinsen – wissend, spitzbübisch, fast triumphierend.
„Na, Hermine,“ sagte sie, kaum dass Hermine in Hörweite war, „du siehst… wie soll ich sagen… ungewöhnlich zufrieden aus für jemanden, der in den letzten Tagen nur Stress mit Edmund und Minerva hatte.“
Hermine rang nach Worten und versuchte, ihre Miene neutral zu halten.
„Ich brauche einfach frische Luft.“
Irina hob eine Augenbraue.
„Ach wirklich?“
Irina lachte leise. Hermines Wangen glühten.
„Es ist absolut nicht fair, dass du ein Legilimentor bist, Irina,“ sagte sie.
„Keine Sorge,“ erwiderte Irina mit einem verschwörerischen Blinzeln und gesenkter Stimme. „Dein Geheimnis ist bei mir sicher, vorausgesetzt… du erzählst mir irgendwann, wie du es geschafft hast, die unantastbare Minerva McGonagall aus der Fassung zu bringen.“
Hermine musste lachen und Irina klopfte ihr ebenfalls lachend auf die Schulter und schlenderte davon, als hätte es die Unterhaltung nie gegeben.
Mit klopfendem Herzen und einem seltsam unsicheren Gefühl im Bauch verließ Hermine das Schloss durch das große Portal. Die kühle Oktoberluft umfing sie, ließ sie einen Moment lang ruhiger atmen. Ihre Schritte führten sie über den Hof, ohne dass sie genau wusste, wohin.
Unter einem alten Baum hatte sich eine kleine Gruppe von Drittklässlern niedergelassen. Pergamente und Bücher lagen kreuz und quer im Gras und drei der Kinder diskutierten heftig, während ein viertes verzweifelt den Zauberstab schwenkte. Der Zauber endete allerdings mit einem hässlichen Knall und einer Rauchwolke, die alle vier zum Husten brachte. Als Hermine näherkam, verstummten sie sofort. Eine der Schülerinnen – ein kleines, sommersprossiges Mädchen mit geflochtenem Zopf – stand unsicher auf und trat vor.
„Entschuldigen Sie, Professor Granger… könnten Sie uns vielleicht helfen?“
Vier Paar Augen sahen sie voller Erwartung an. Hermine lächelte.
„Natürlich. Was hätte das denn eigentlich werden sollen?“, fragte Hermine kichernd und nahm den Kindern ein wenig die Anspannung.
Sie setzte sich zu ihnen ins Gras und zog ihren Zauberstab. Geduldig erklärte sie den Bewegungsablauf, ließ sie den Spruch langsam und sauber wiederholen. Immer wieder ermutigte sie die Schüler, korrigierte sanft die Haltung, bis sie die Steine vor sich in etwas einigermaßen passables verwandeln konnten.
„Üben Sie noch ein bisschen. Dann kann morgen im Unterricht nichts passieren.“
„Danke Professor, Sie sind echt die Beste“, sagte das rothaarige Mädchen strahlend.
Hermine lächelte und wollte etwas erwidern, doch aus dem Augenwinkel sah sie jemanden im Torbogen stehen. Die Kinder folgten ihrem Blick.
„Oh oh“, sagten die vier gleichzeitig.
Professor Featherstone kam mit kontrollierten Schritten auf sie zu.
„Sie sollten rein gehen“, sagte Hermine.
Schnell sammelten die Kinder ihre Sachen ein und gingen zügig zurück ins Schloss.
„Da hat sich wohl jemand wieder einmal als Ersatzlehrer aufgespielt“, ertönte die schneidende Stimme von Professor Featherstone.
Featherstone stand mit verschränkten Armen da, sein Umhang flatterte leicht im Wind und der Ausdruck auf seinem Gesicht war so selbstgefällig, dass Hermines Hände sich unwillkürlich zu Fäusten ballten.
„Ich habe den Kindern nur auf die Sprünge geholfen,“ sagte sie so ruhig, wie sie konnte. „Sie hatten Schwierigkeiten mit einer Übung.“
„Ach wirklich?“ Featherstones Stimme triefte vor Spott. „Und da dachten Sie, Miss Granger, Sie könnten mal eben in die Rolle der großen Lehrerin schlüpfen? Glauben Sie mir, das verwirrt die Schüler nur. Sie lernen nichts, wenn man ihnen alles vorbetet.“
„Das habe ich nicht getan,“ widersprach Hermine, ihre Stimme schärfer als beabsichtigt. „Ich habe ihnen lediglich erklärt, worauf sie achten müssen.“
Featherstones Augen blitzten. Er trat einen Schritt näher, senkte die Stimme, sodass nur Hermine ihn hören konnte.
„Halten Sie sich zurück. Es ist nicht Ihre Aufgabe, hier außerhalb des Unterrichts den Mentor zu spielen. Wenn die Schüler ein Problem haben, kommen sie zu mir – nicht zu Ihnen.“
Hermine spürte, wie die Wut in ihr hochstieg.
„Vielleicht trauen sie sich nicht, zu Ihnen zu gehen,“ entgegnete sie, ehe sie sich bremsen konnte.
Einen Moment lang herrschte eisiges Schweigen. Featherstones Blick wurde kalt, beinahe gefährlich.
„Sie überschreiten Ihre Grenzen, Miss Granger. Ich rate Ihnen dringend, sich das abzugewöhnen. Eigenmächtiges Eingreifen bringt nur Unruhe und es fällt letztlich auf Sie zurück.“
Er richtete sich auf, schnalzte mit der Zunge und wandte sich dann ab, als hätte er es nicht nötig, mehr zu sagen.
„Ich hoffe, das war das letzte Mal.“
Mit einem Schwung des Umhangs marschierte er zurück zum Schloss, während Hermine stocksteif im Gras stehenblieb. Ihr Herz raste, ihr Atem ging flach – zwischen Zorn und dem nagenden Gefühl, dass er sie ganz bewusst kleinzuhalten versuchte und zum ersten Mal schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass Featherstone womöglich nicht nur gegen sie war, sondern dass er wirklich ihre Blicke bemerkt hatte und etwas ahnte.
Sie musste Minerva davon erzählen, bevor er es tat. Also machte sie sich auf den Weg zum Schulleiterturm. Sie klopfte und trat ein, ehe Minerva eine Antwort geben konnte. Die Schulleiterin sah von einem Pergament auf, ihre Augen schmal, sofort aufmerksam. Sie musterte Hermine und nahm ihre Brille ab.
„Du siehst aus, als hättest du gerade einen Kampf hinter dir,“ bemerkte sie trocken.
Hermine schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen.
„Featherstone.“
Minervas Gesicht verhärtete sich.
„Was ist diesmal passiert?“, seufzte sie.
Hermine erzählte ihr knapp von den Kindern und dem anschließenden Gespräch. Als sie geendet hatte, legte Minerva die Hände ineinander, stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah sie mit diesem bohrenden Blick an, den Hermine nur zu gut kannte.
„Hermine… wie oft haben wir dieses Gespräch nun geführt?“
„Ich konnte sie doch nicht einfach sitzen lassen! Sie haben mich darum gebeten zu helfen.“
„Das verstehe ich.“
Minervas Stimme blieb ruhig, aber eine Schärfe lag darin, die Hermine das Herz zusammenschnürte.
„Doch ich habe dir schon mehrfach gesagt, du musst dich zurückhalten. Vor allem bei Featherstone. Wenn du den Schülern hilfst, ohne ihn einzubeziehen, stellst du seine Autorität infrage und genau darauf wartet er.“
„Aber es war doch nur ein kleiner Moment! Ich wollte ihnen Mut machen, mehr nicht.“
Minerva seufzte, presste die Fingerspitzen an die Schläfen.
„Du denkst immer, es sei 'nur ein kleiner Moment'. Aber aus diesen Momenten wird ein Muster und Edmund ist nicht dumm. Er sammelt Gründe, dich zu diskreditieren.“
Hermines Kehle schnürte sich zu.
„Also soll ich die Kinder einfach im Stich lassen?“
„Du sollst vorher zu Featherstone gehen,“ sagte Minerva noch strenger, „Oder zumindest mich informieren, aber wenn du weiter eigenmächtig handelst, gibst du ihm genau die Munition, die er sucht.“
Hermine senkte den Blick, ein Knoten aus Trotz und Schuldgefühl in ihrer Brust.
„Es tut mir leid… ich wollte dich nicht in Schwierigkeiten bringen.“
Minervas Miene wurde weicher, sie stand auf und trat zu ihr.
„Ich weiß, aber du musst verstehen, dass ich dich nicht immer beschützen kann, wenn du dich selbst angreifbar machst.“
Sie legte eine Hand an Hermines Arm.
„Er wartet nur darauf, dich scheitern zu sehen.“
Ein Moment des Schweigens hing zwischen ihnen, dicht, geladen. Hermine spürte, wie sehr sie Minerva am liebsten einfach festhalten wollte, wie sehr sie nach Trost und Nähe verlangte, doch Minervas Blick blieb streng, wenn auch von einem leisen Funkeln von Sorge durchzogen. Hermine stand noch immer regungslos da, die Schultern leicht angespannt. Minervas Hand lag warm an ihrem Arm, doch statt Trost zu spenden, verstärkte diese Berührung nur das Ziehen in ihrer Brust. Sie wollte, dass Minerva ihr zustimmte, statt sie zurechtzuweisen.
„Du verlangst von mir, dass ich wegschaue, wenn die Kinder Hilfe brauchen,“ sagte sie schließlich leise, der Trotz kaum merklich in ihrer Stimme.
Minerva zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.
„Ich verlange von dir, dass du nachdenkst, bevor du handelst. Das ist ein Unterschied.“
Ihre Blicke verhakten sich. Hermines Augen funkelten, voller Ungeduld und aufgestauter Sehnsucht, während Minervas Miene beherrscht blieb, aber ihre Kiefermuskeln verrieten, dass auch sie innerlich kämpfte.
„Manchmal habe ich das Gefühl, du erwartest von mir, dass ich weniger ich selbst bin,“ sagte Hermine.
Ein Schatten huschte über Minervas Gesicht, kaum wahrnehmbar, doch Hermine sah ihn.
„Ich erwarte, dass du lernst, klüger zu sein als deine Gegner,“ erwiderte Minerva hart, dann wandte sie sich abrupt ab und griff wieder nach den Pergamenten auf ihrem Schreibtisch.
Für einen Moment herrschte Stille – nur das Rascheln von Papier und Hermines schneller Atem erfüllten den Raum. Sie fühlte sich zurückgestoßen und gleichzeitig brennend lebendig, weil jeder Schlagabtausch mit Minerva etwas in ihr zum Glühen brachte, das sie kaum beherrschen konnte.
„Wenn du sonst nichts brauchst, Hermine,“ sagte Minerva schließlich, ohne aufzusehen, die Stimme kühl, fast zu kontrolliert.
Hermine schluckte. Ein Teil von ihr wollte trotzig etwas erwidern, ein Teil wollte auf Minerva zustürmen, sie packen und ihr zeigen, dass sie beide doch längst aneinander verloren waren, doch stattdessen nickte sie nur stumm, drehte sich um und ging zur Tür. Hermine hatte die Hand schon auf der Klinke, als sie inne hielt. Ihr Herz klopfte wild und sie wagte es kaum, den Kopf noch einmal über die Schulter zu drehen. Doch sie tat es und suchte Minervas Blick.
„Sehen wir uns nachher?“ fragte sie leise, fast zögerlich, als könnte ein falscher Ton den brüchigen Faden zwischen ihnen zerreißen. Minerva hob den Kopf und für einen winzigen Moment löste sich die Strenge aus ihren Zügen. Ihre Augen wurden weich, ihre Mundwinkel hoben sich zu einem warmen, fast heimlichen Lächeln.
„Natürlich,“ erwiderte sie mit ruhiger Stimme.
„Das alles… hat nichts mit uns zu tun.“
Hermine atmete auf und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, ehe sie nickte und nun wirklich hinausging.
Als die Tür sich hinter ihr schloss, lehnte Hermine sich kurz dagegen. Sie schloss die Augen, atmete tief durch, um die Hitze in ihrer Brust zu bändigen. Minervas Worte hatten sie beruhigt, aber auch aufgewühlt. Diese klare Trennung zwischen dem, was offiziell galt und dem, was sie im Verborgenen verband. Hermine wusste nicht, wie lange sie das ertragen konnte.
Sie strich eine Strähne aus dem Gesicht und ging langsam den Gang hinab. Jeder Schritt hallte in der Stille und in ihr kämpften widersprüchliche Gefühle: Trotz, Sehnsucht, Stolz und die kindische Freude über das kleine Lächeln, das Minerva ihr eben geschenkt hatte.
Trotz allem Ärger, trotz der harten Worte – dieses Lächeln hatte gereicht, ihr Herz wieder stolpern zu lassen.
In ihren Gedanken versunken hatte Hermine die Gestalt nicht gesehen, die sie beobachtet hatte, wie sie mit diesem Blick aus Minervas Büro kam und nun den Flur entlang ging.
Minerva hatte die Feder noch immer in der Hand, doch sie schrieb keine Zeile. Stattdessen starrte sie auf das Pergament, als könnte es ihr Antworten geben. Ihr Atem ging langsam, fast erzwungen gleichmäßig.
Warum nur musste Hermine ihr das Leben so schwer machen? Sie wusste doch, wie wichtig es war, Vorsicht zu wahren. Und dennoch – Minervas Brust zog sich zusammen bei dem Gedanken an die Entschlossenheit in Hermines Augen, an die Wärme ihres Lachens beim Frühstück, an die unausgesprochenen Versprechen zwischen ihnen. Sie legte die Feder ab, presste die Fingerspitzen gegen ihre Schläfen.
„Sie darf dich nicht aus der Ruhe bringen. Du musst die Lehrerin bleiben, die Schulleiterin, unerschütterlich.“
Doch so sehr sie es versuchte – das Bild von Hermines leuchtendem Blick wollte nicht verblassen und Minerva musste sich eingestehen: Dieses Lächeln, das sie ihr zugestanden hatte, war weniger ein Trost für Hermine gewesen als ein stilles Eingeständnis an sich selbst.
Minerva lehnte sich zurück in ihren Stuhl, die Finger leicht auf ein Blatt Pergament gedrückt, als könnte sie dadurch die aufgewühlten Gedanken ordnen. Sie atmete tief ein, ließ die Luft langsam durch die Nase entweichen und zwang sich, die innere Unruhe zu kontrollieren. Jedes Mal, wenn sie an Hermines Blick dachte, spürte sie dieses unverkennbare Ziehen in ihrer Brust – die Mischung aus Zuneigung, Begehrlichkeit und der nagenden Sorge, dass jede Unvorsichtigkeit sie beide in Schwierigkeiten bringen könnte. Minerva presste die Lippen aufeinander. Sie durfte es nicht zulassen, dass diese Wärme die eiserne Kontrolle über ihr Amt durchbrach, doch das Bild blieb, hartnäckig, reizvoll und gefährlich.
Minerva öffnete einen der vielen Briefe auf ihrem Schreibtisch, doch die Worte verschwammen vor ihren Augen. Sie legte ihn auf den Tisch zurück, lehnte sich erneut zurück und schloss die Augen. Sie musste die Kontrolle behalten, durfte die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem nicht überschreiten. Dennoch – ihr Herz rebellierte. Jeder Atemzug, jeder Gedanke, führte sie wieder zu Hermine zurück. Die Sehnsucht pochte in ihrem Inneren, als hätte sie ein Eigenleben, das sich nicht zügeln ließ. Minerva öffnete die Augen, starrte auf den Brief und flüsterte leise zu sich selbst: „Nur noch ein paar Stunden, Minerva… halte dich zurück. Bewahre die Strenge. Bewahre dich selbst.“
Sie biss sich auf die Lippen und zwang sich, die Hände ruhig auf dem Tisch zu falten. Jeder Moment der Schwäche würde Konsequenzen haben und dennoch, kaum bemerkbar, huschte ein kleines Lächeln über ihre Lippen, als sie an das Lächeln dachte, das Hermine ihr hinterlassen hatte.
Minerva wusste, dass ein Kampf vor ihr lag – zwischen Pflicht und Verlangen, zwischen Strenge und Liebe und ihr war klar, dass sie ihn noch lange führen würde.
Hermine machte sich auf den Weg zu ihrem Büro. An einer Ecke hörte sie Kinderstimmen und entdeckte ein paar Schüler, die sich über ein altes Buch beugten. Sie grüßte sie kurz und die Kinder nickten eifrig. Einer der Jungen winkte und Hermine spürte, wie sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen schlich. Sie wusste, dass sie ihnen nicht einfach alles vorgeben durfte, aber ein wenig Unterstützung, ein kleiner Hinweis, war in Ordnung, solange Featherstone es nicht sah.
In ihrem Büro angekommen setzte sie sich an ihren Schreibtisch und holte einige Bücher für Verwandlung hervor. Auch wenn Featherstone sie selbst nach Tagen nicht aktiv am Unterricht beteiligte, wollte Hermine vorbereitet sein. Also machte sie sich Notizen zu Themen, die in den kommenden Tagen behandelt werden sollten. Während sie schrieb, versuchte sie, ihre Gedanken zu Minerva zu verdrängen, doch jeder Schatten, jede Bewegung im Licht der Sonne erinnerte sie an das Gesicht der Schulleiterin. Ein unwillkürliches Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie daran dachte, wie Minerva selbst nach der Zurechtweisung diesen kurzen Moment der Wärme zugelassen hatte. Nach einer Weile schaffte es Hermine dann doch sich vollständig auf die Arbeit zu konzentrieren und so vergingen die Stunden wie im Fluge. Als sich der Vormittag dem Ende zuneigte, schloss Hermine ihre Unterlagen, atmete tief durch und stand auf. Es war nun Zeit fürs Mittagessen. Ihr Herz klopfte schneller und hart gegen ihre Brust. Sie würde Minerva wiedersehen, doch diesmal durfte sie sich keinen Fehler erlauben. Keine missverständlichen Blicke, kein öffentliches bekunden von Zuneigung gegenüber Minerva. Hermine war klar, dass Featherstone sie ständig im Auge hatte, auch wenn sie es nicht bemerkte. Also machte sich Hermine auf den Weg in die große Halle.
Hermine betrat die große Halle zum Mittagessen, das Summen der Gespräche, das Klappern von Geschirr und das warme Licht, das durch die hohen Fenster fiel, füllten den Raum. Sie ließ ihren Blick bewusst auf den Platz vor sich fallen und vermied jede Bewegung, die Minerva auffallen könnte. Die Schulleiterin saß wie gewohnt aufrecht am Lehrertisch.
Kaum hatte sich Hermine gesetzt, spürte sie Featherstones Blick wie einen kalten Pfeil, der immer wieder ihre Richtung kreuzte. Hin und wieder ließ er einen spitzen Kommentar fallen, scheinbar beiläufig, doch jeder war ein kleiner Test, ein Versuch, ihre Kontrolle zu prüfen.
„Haben Sie den Vormittag gut genutzt, Miss Granger?“ fragte er mit einem Unterton, der Hermine eine Gänsehaut bereitete.
Hermine ignorierte den Kommentar und wandte sich stattdessen Poppy und Pomona zu.
„Du siehst… ziemlich nachdenklich aus“, bemerkte Poppy, als hätte sie die Spannung in Hermines Haltung sofort erkannt.
Hermine lächelte schwach.
„Ich hatte heute Morgen mal wieder eine „nette“ Begegnung mit meinem Lieblingskollegen.“
Pomona legte die Hand sanft auf Hermines Arm.
„Komm nachher doch auf eine Tasse Tee vorbei. Wir können ein bisschen quatschen, einfach zur Entspannung. Poppy wird sicher auch zu uns stoßen.“
Hermine zögerte kurz, blickte wieder unauffällig zu Minerva und dann zu Featherstone, der gerade einen Blick auf sie warf, der gleichzeitig prüfend und leicht spöttisch war. Sie nickte lächelnd.
„Danke, das wäre schön.“
Den Rest des Mittagessens verbrachte Hermine damit, aufmerksam zu sein, doch innerlich schwebte sie zwischen dem Wunsch, Minerva wiederzusehen und der Anspannung, die Featherstone ihr auferlegte. Sie lachte leise über einen Scherz von Pomona, nickte zu Poppy und während sie sprach, versuchte sie bewusst, jede Regung, jedes zu deutliche Zucken in ihren Blicken zu unterdrücken. Featherstone ließ sich nicht vollständig ausblenden, seine Präsenz war wie ein Schatten, der auf jedem Wort und jeder Bewegung lag, doch Hermine hielt durch.
Als sich das Mittagessen dem Ende zuneigte, spürte sie die wachsende Erleichterung, dass der Nachmittag noch einen kleinen Moment der Ruhe versprechen könnte. Die Tasse Tee mit Poppy und Pomona würde ihr erlauben, kurz durchzuatmen, ihre Gedanken zu ordnen und das aufgestaute Herzklopfen zu beruhigen, bevor sie wieder in den Pflichtalltag zurückkehren musste.
Hermine saß mit Poppy und Pomona in Pomonas gemütlicher Wohnung, eine dampfende Tasse Tee zwischen den Händen. Sie ließ die Schultern sinken und atmete tief durch, als wäre sie zum ersten Mal seit Stunden wirklich zur Ruhe gekommen.
„Danke, dass ihr mich eingeladen habt“, murmelte sie und nahm einen kleinen Schluck. „Ich… ich musste einfach mal jemanden haben, mit dem ich reden kann, ohne sofort in Schwierigkeiten zu geraten.“
Poppy nickte verständnisvoll.
„Nur zu, Hermine. Wir hören zu.“
Hermine schluckte und begann, sich zu öffnen. Sie erzählte von Featherstone, wie er sie immer wieder prüfend ansah, wie seine spitzen Bemerkungen sie unter Druck setzten und wie sie das Gefühl nicht loswurde, dass er jeden ihrer Schritte überwachte – besonders in der Nähe von Minerva. Sie gestand, wie sehr sie sich manchmal wünschte, sich nicht immer zurückhalten zu müssen, wie schwer es war, die Balance zwischen Pflicht und Herz zu halten.
Pomona legte die Hände um ihre Tasse und sah sie aufmerksam an, während Poppy sich leicht nach vorne lehnte, die Augen groß und verständnisvoll.
Bei der Erwähnung der Schulleiterin meinten die beiden Hexen etwas in Hermines Stimme gehört zu haben. Poppy und Pomona wechselten einen Blick und Poppys Lippen verzogen sich zu einem leisen Lächeln. Sie hatten beide sofort die Nuancen in Hermines Worten erkannt – das leise Beben, die Wärme, die unüberhörbare Zuneigung, die selbst in ihrer Vorsicht durchschimmerte.
„Hermine…“, begann Pomona sanft, „es klingt, als würdest du nicht nur wegen Featherstone unter Druck stehen.“ Sie lehnte sich leicht vor. „Da ist jemand, der dir… sehr viel bedeutet, nicht wahr?“
Hermine spürte, wie die Farbe in ihre Wangen stieg. Eigentlich hätte sie die Worte abblocken müssen, doch ihr war klar, dass sie weder Pomona noch die Heilerin belügen konnte.
„Ja, aber… Es ist kompliziert.“
Poppy und Pomona nickten langsam, ihre Blicke warm und verständnisvoll. Poppy legte die Hand leicht auf Hermines Arm.
„Du liebst sie also wirklich.“
Hermine sah erschrocken auf.
„Was? Wen?“
„Hermine, du brauchst uns nichts vorzumachen. Es war nun wirklich nicht schwer zu erkennen, was du für Minerva empfindest“, sagte Poppy sanft.
„Wie… warum?“, stammelte die junge Hexe. „Ist es wirklich so offensichtlich?“
Die beiden schüttelten den Kopf.
„Für jemanden, der dich schon lange kennt ist es nicht schwer zu sehen, dass sich deine Gefühle seit deiner Schulzeit nicht geändert haben“, meinte Pomona.
„Ihr wusstet es?“
„Oh Liebes, manche Menschen reden im Schlaf“, sagte Poppy. „Es war Zufall, dass ich dich vor vielen Jahren im Bett im Krankenflügel gehört habe.“
„Und mir sind schon früher deine Blicke aufgefallen. Subtil, aber für ein geübtes Auge durchaus erkennbar“, erklärte Pomona.
„Oh…“
„Mach dir keine Sorgen. Dir steht es nicht auf der Stirn. Du kannst es gut verbergen und Minerva auch.“
Hermines Mund klappte auf, Poppy und Pomona lachten.
„Komm schon“, sagte Poppy, „die leicht geröteten Wangen, der still zufriedene Blick“, grinste sie. „Minerva ist unsere Freundin. So hat sie schon seit vielen Jahren nicht mehr ausgesehen und du bist auch verändert.“
„Toll“, meinte Hermine und lehnte sich zurück. „Sie bringt mich um, wenn sie das erfährt.“
„Sie muss es ja nicht erfahren“, sagte Pomona.
„Eigentlich sollte es niemand wissen. Jetzt wisst ihr es und Irina weiß es auch. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis es alle wissen und dann geht es hier so richtig rund.“
„Kindchen mach dir keine Sorgen“, entgegnete Poppy mütterlich. „Ich kann mir schon denken warum ihr ein Geheimnis daraus macht, aber wir freuen uns, wenn ihr glücklich seid.“
Hermine senkte einen Moment den Blick.
„Ihr seid doch glücklich oder?“, fragte Poppy.
„Ich… Ich denke schon.“
„Was soll das denn heißen?“, fragte Pomona mit erhobenen Augenbrauen.
„Es ist alles noch so frisch… Wir… Es war eine Nacht und wir sind uns einig, dass wir beide mehr wollen, aber…“
Hermine rang nach Worten.
„Du bist dir nicht sicher?“, fragte Poppy vorsichtig.
„Ich bin mir mit meinen Gefühlen sehr sicher. Ich liebe Minerva von ganzem Herzen.“
„Dann denkst du also, sie ist sich nicht sicher?“
„Doch schon, nur… Ach ich weiß auch nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich das Berufliche und Private nicht so gut trennen kann, wie sie.“
„Oh, die Meisterin der eisernen Maske war sie schon immer“, meinte Pomona.
„Das sollte ich wohl auch noch lernen“, seufzte Hermine und nahm einen Schluck Tee.
„Ich habe so meine Bedenken, wenn das zwischen Featherstone und mir so weitergeht… irgendwann muss sie Stellung beziehen und…“
„Und du fragst dich, ob sie sich auf deine Seite stellen würde?“
Hermine sah Pomona an und nickte leicht.
„Hermine, ich kenne Minerva schon so viele Jahre. Sie legte stets größten Wert darauf, gerecht zu sein. Auch wenn es ihr Herz zerreißt, sie würde niemals so tun, als würdest du im Recht sein, wenn du es nicht bist.“
Pomona nahm einen Keks vom Teller und schüttelte leicht den Kopf.
„Aber glaub mir, wenn Edmund nur aus Bosheit gegen dich vorgeht, dann hält Minerva nicht still. So gut kenne ich sie.“
„Genau“, fiel Poppy ein. „Sie ist streng, manchmal zu streng, aber sie hat ein sehr gutes Gespür für Fairness. Und für Menschen. Wenn du dir also Sorgen machst, dass sie dich im Zweifel hängen lässt – nein, Kindchen, das würde sie nicht.“
Hermine sah die beiden Frauen mit großen Augen an. In ihrer Brust breitete sich ein Gemisch aus Wärme und Unsicherheit aus.
„Ob mich das so beruhigt weiß ich auch nicht“, sagte Hermine und musste ein wenig lachen. „Wenn ich mit ihr zusammen bin, dann habe ich das Gefühl, dass alles ganz klar und leicht ist und kaum bin ich wieder allein, kommen die Zweifel.“
Pomona lehnte sich zurück, ihre Augen funkelten.
„Das nennt man verliebt sein.“
Für einen Moment lachten alle drei, bis Hermine wieder ernster wurde.
„Es ist nur so… ich habe Angst, dass ich sie kompromittiere, dass man sie für befangen hält oder sie ihr Amt nicht so ausfüllen kann, wie sie es müsste. Ich will nicht, dass sie meinetwegen an Respekt verliert.“
Poppy legte beruhigend ihre Hand auf Hermines.
„Minerva McGonagall verliert keinen Respekt, nur weil sie liebt. Eher im Gegenteil.“
„Und außerdem“, fügte Pomona hinzu, „kann man das Leben nicht immer aufschieben, weil man auf alle möglichen Reaktionen Rücksicht nimmt. Irgendwann muss man sich trauen.“
Hermine sog langsam die Luft ein. Ihre Augen wanderten zum Fenster, wo die Sonne gerade durch die Wolken brach.
„Ich weiß, aber manchmal wünschte ich, mein Herz wäre ein bisschen weniger unvernünftig.“
„Dann wärst du nicht du“, sagte Poppy mit Nachdruck.
Hermine musste lächeln, auch wenn ihre Gedanken noch wirbelten. Sie schwieg einen Moment, dann strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
„Aber bitte… ich möchte euch beide wirklich inständig bitten, nichts zu sagen. Weder zu Minerva noch zu jemand anderem. Nicht einmal im Scherz.“
Poppy hob beschwichtigend die Hände.
„Kindchen, das würd’ ich nie! Ich plaudere doch keine Geheimnisse aus, die mir so ernst anvertraut werden.“
Pomona nickte zustimmend.
„Natürlich nicht. Du brauchst dir keine Sorgen machen.“
Hermine stieß einen leisen Seufzer aus und fühlte sich, als wäre eine Last von ihren Schultern genommen.
„Danke. Ich wusste, dass ich mit euch reden kann.“
„Aber dass wir uns freuen dürfen, das wirst du uns nicht verbieten“, meinte Pomona grinsend.
„Nein… das nicht, aber es ist mir wichtig, dass Minerva selbst entscheiden darf, wann und wie sie dazu steht. Wenn sie überhaupt jemals dazu stehen möchte.“
„Das wird sie, wenn die Zeit reif ist“, sagte Poppy sanft.
„Das hoffe ich“, seufzte Hermine. „Sie ist eine stolze Frau und sie mag es nicht, wenn andere ihr Entscheidungen abnehmen.“
„Vor allem nicht die persönlichen“, ergänzte Poppy mit einem kleinen Schmunzeln.
„Das ist wahr. Ich danke euch, dass ihr es für euch behaltet.“
„Dafür sind wir da“, sagte Poppy sanft. „Und glaub mir, wir haben schon so manches Geheimnis getragen, größer und gefährlicher als dieses.“
Pomona lachte leise.
„Genau. Also vertrau uns, Hermine. Dein Geheimnis ist sicher.“
Hermine umfasste ihre Teetasse mit beiden Händen, als könne sie die Wärme darin tief in sich aufnehmen. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich ein wenig leichter.