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Zwischen Blicken

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Zwischen Blicken

Die Morgensonne war noch schwach und das Zimmer lag in sanftem Halbdunkel, als Minerva sich leise aus dem Bett schälte und in ihr Kleid schlüpfte. Hermine schlief noch, die Haare zerzaust und die Atmung tief und gleichmäßig. Vorsichtig zog Minerva ihren Umhang enger um die Schultern, ihre Schritte waren so leise, als wäre sie in ihrer Animagusgestalt unterwegs. Sie betrachtete Hermine einen Moment, während sie ihre Haare zu einem festen Knoten zusammensteckte und sie musste lächeln. Es dauerte, bis sie ihren Blick von ihr lösen konnte. Minerva musste gehen, doch bevor sie wirklich ging, setzte sie sich noch einmal auf Hermines Bettkante. Ihre Finger glitten sanft durch die weichen Haare, strichen über die Wange, bevor sie einen zarten Kuss auf Hermines Wange drückte. Ein leises Murmeln entrang sich Hermines Lippen, ihre Augen öffneten sich schwer.

„Minerva…?“

„Ich muss gehen,“ flüsterte Minerva, ihre Stimme kaum lauter als ein Atemzug.

„Wie spät ist es?“

Ihre Stimme klang müde, aber auch traurig.

„Es ist noch früh, ich muss ungesehen zurück in meine Wohnung kommen.“

Hermine schluckte, ein kleiner Stich in ihrer Brust.

„Schon…?“

Minerva lächelte leicht, streichelte noch einmal kurz über Hermines Haar.

„Ja… Schlaf noch ein bisschen. Du hast noch Zeit.“

Hermine setzte sich auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sanft griff sie nach Minervas Hand, als wollte sie sichergehen, dass Minerva auch wirklich vor ihr saß. Minerva hielt sie fest und streichelte sanft über ihren Handrücken.

„Schau nicht so traurig Liebes“, sagte Minerva lächelnd.

Hermine nickte unsicher. Sanft streichelte Minerva über ihre Wange.

„Ich weiß schon, dass du gehen musst“, seufzte Hermine. „Trotzdem ist es schade. Ich würde dich gerne noch ein wenig in meinen Armen halten und… dich ganz für mich haben.“

Minerva lachte auf.

„Du hast mich ganz für dich.“

„Ja, aus der Ferne…“

Minerva legte erneut ihre Hand sanft auf Hermines Wange, zog sie zu sich und küsste sie zärtlich.

„Nicht nur“, hauchte Minerva und legte erneut ihre Lippen auf Hermines.

Die junge Frau legte ihre Hand an Minervas Taille und die andere an ihre Wange und erwiderte den tiefen Kuss.

„Ich liebe dich“, flüsterte Hermine und sah in Minervas wunderschöne grüne Augen.

„Und ich liebe dich.“

Minerva beugte sich vor, ein letzter Kuss, zärtlich, verlangend, voller Verheißung, bevor sie aufstand, sich umdrehte und zur Tür ging. Dort blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu Hermine. Ein zärtliches Lächeln lag auf ihren Lippen. Dann schlüpfte sie durch die Tür und verschwand im dunklen Korridor.

Hermine blieb zurück, den Kopf ließ sie wieder auf das Kissen sinken. Ihr Herz war schwer und warm zugleich. Sie starrte an die Decke, während ihre Gedanken bereits zu dem bevorstehenden Tag drifteten. Featherstones Unterricht, seine Blicke, mögliche Fallen. Bei jedem Gedanken spürte sie, wie sich ein Knoten in ihrem Bauch zusammenzog. Angst mischte sich mit Frustration und ein leises Seufzen entwich ihr, während sie versuchte, den Mut zu sammeln.

Noch immer lag der Nachgeschmack von Minervas Nähe auf ihren Lippen, doch die Realität wartete unnachgiebig vor der Tür. Hermine wusste, dass der Tag nicht leicht werden würde und dass sie sich schon jetzt innerlich vorbereiten musste, um Featherstone und seinen Provokationen zu begegnen.

Langsam raffte Hermine sich auf. Der Duft von Minervas Parfüm hing noch in der Luft – eine Spur, die sie am liebsten bewahrt hätte, doch mit jedem Atemzug verblasste sie ein wenig mehr, wie ein Traum.

Sie ging ins Bad, duschte ausgiebig und zog ein schwarzes Kleid an. Ihre Haare band sie zusammen und betrachtete sich kurz im Spiegel. Ihre Augen verrieten zu viel – zu wenig Schlaf und zu viel Gefühl.

„Reiß dich zusammen, Hermine“, murmelte sie leise und zwang sich zu einem konzentrierten Gesichtsausdruck.

Der Weg in die große Halle kam ihr länger vor als sonst. Ein paar Schüler grüßten sie flüchtig, manche tuschelten und sie wusste nicht, ob sie sich das nur einbildete. Ihr Blick huschte zum Lehrertisch. Minerva war noch nicht da. Eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung machte sich in ihr breit. Featherstone saß bereits dort, gerade, die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst, als würde er allein durch seine Präsenz Disziplin erzwingen. Sein Blick fiel kurz auf Hermine, kühl und abschätzend, bevor er sich wieder abwandte. Es genügte, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen – nicht aus Zuneigung, sondern aus Anspannung.

Während des Frühstücks schmeckte sie kaum etwas. Ihre Gedanken kreisten und sie musste sich selbst immer wieder daran erinnern, unauffällig zu bleiben. Minerva hatte recht – sie mussten vorsichtig sein, aber dieser Gedanke machte es nicht leichter. Hermine vermied den Blickkontakt zu Minerva und sprach sie abgesehen von einem höflichen „Guten Morgen“ nicht an.

Die Schulleiterin war wie immer aufmerksam und bemerkte sofort Hermines unnatürlich angespannte Haltung. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Minerva spürte das Verlangen, etwas zu sagen, doch Hermine schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie wusste, sie würde sich verraten, wenn Minerva jetzt etwas sagen würde. Also schwieg die ältere Frau und widmete sich wieder ihrem Frühstück.

Als Hermine später den Klassenraum für Verwandlung betrat, war Featherstone bereits anwesend. Die Tische waren in akkuraten Reihen aufgestellt, die Luft roch nach Pergament und Tinte und irgendetwas in der Atmosphäre war schärfer als sonst.

„Miss Granger“, sagte Featherstone in seinem typischen, beherrschten Tonfall. „Ich hoffe, Sie haben über unsere diversen Unterhaltungen nachgedacht. Wir wollen heute keine Wiederholung der… Vorfälle von letzter Woche, nicht wahr?“

Ein paar Schüler warfen sich verstohlene Blicke zu. Hermine hob das Kinn.

„Selbstverständlich, Professor.“

Seinen Titel presste Hermine abfällig durch ihre Lippen.

„Das werden wir sehen“, erwiderte er und in seinen Augen funkelte ein Hauch von Bosheit.

Er würde sie testen und provozieren. Dem war sich Hermine sicher.

Sie setzte sich in die letzte Reihe und atmete tief durch.

Featherstone begann zu unterrichten, seine Stimme drang wie ein gleichmäßiger Takt durch den Raum, aber Hermines Gedanken schweiften immer wieder ab. Minervas Lächeln, ihr Kuss, ihr Duft – alles war noch so nah und doch so unerreichbar in diesem Moment.

Als Featherstone plötzlich ihren Namen nannte, schreckte sie hoch.

„Miss Granger? Wenn Sie uns vielleicht mit Ihrer Aufmerksamkeit beehren würden?“

Hermine sah ihn an und hob ihr Kinn.

„Ich hoffe, das Thema, das Sie so sehr beschäftigt, ist zumindest von akademischer Relevanz.“

Ein dünnes, selbstzufriedenes Lächeln huschte über seine Lippen. Hermine ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten. Sie durfte sich nicht provozieren lassen. Nicht jetzt, nicht heute und vor allem nicht vor den Kindern. Und so richtete sie sich auf, hob den Blick und antwortete mit kühler, präziser Sachlichkeit.

„Selbstverständlich, Professor. Ich dachte nur über die praktische Anwendung des Zaubers nach, den Sie gerade so eindrucksvoll erläutert haben.“

Ein leises Raunen ging durch den Raum. Featherstone blinzelte, offenbar leicht überrascht über die sehr deutlich zu hörende Ironie in ihrer Stimme.

„Nun, dann teilen Sie Ihre Gedanken mit uns, Miss Granger.“

Hermine holte tief Luft, sammelte sich und begann ruhig:

„Nun, wenn man den Zauber in einer praktischen Situation anwenden würde, wäre es wichtig, zunächst…“

„Miss Granger!“

Featherstones Stimme durchschnitt die Luft wie ein Messer.

„Ich bat Sie nicht um eine Abhandlung, sondern um eine präzise Antwort.“

Ein unangenehmes Schweigen senkte sich über den Raum. Einige Schüler hielten den Atem an, andere wagten kaum, den Kopf zu heben. Hermine spürte, wie ihr Puls raste, aber sie zwang sich, nicht wegzusehen.

„Ich wollte nur erläutern, dass…“

„Sie wollten – schon wieder.“

Featherstone trat langsam zwischen den Tischreihen hindurch, sein Umhang rauschte leise über den Steinboden.

„Wollen Sie vielleicht auch gleich die Unterrichtsführung übernehmen?“

Ein paar Schüler starrten nun auf ihre Pulte, einer kicherte nervös. Hermine fühlte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie presste die Lippen zusammen.

„Natürlich nicht, Professor“, sagte sie bemüht ruhig.

„Dann halten Sie sich bitte an meine Fragen und antworten Sie kurz und präzise. Das sollte Ihnen – bei Ihrer angeblichen Begabung – doch möglich sein.“

Das Wort „angeblich“ traf sie wie ein Schlag.

Hermine sah ihn an, direkt und für einen winzigen Moment begegneten sich ihre Blicke. Seine Augen funkelten kalt, prüfend, herausfordernd. Hermine nickte nur. Featherstone drehte sich um und ging langsam zum Pult zurück.

Hermine erklärte fehlerlos und in kurzen Worten, worauf bei der Verwandlung von Säugetieren zu achten ist. Dabei betonte sie jede Silbe mit bedächtiger Klarheit. Es war keine Trotzreaktion, aber eine stille Form des Widerstands.

Featherstone verzog kaum merklich den Mund.

„Immerhin“, murmelte er und schrieb mit schwungvoller Geste etwas an die Tafel.

Hermine spürte die Blicke der Schüler auf sich, dieses unbehagliche Gemisch aus Bewunderung und Mitleid. Featherstone hingegen sprach ungehindert weiter, doch seine Worte prallten an ihr ab. In ihrem Inneren kochte es. Sie wusste, er wollte sie brechen oder wenigstens provozieren. Und sie wusste, dass er sie beobachtete, über Umwege, über Gerüchte, über jedes kleine Zeichen.

Als die Stunde zu Ende war, packten die Schüler schnell ihre Sachen zusammen und verschwanden hinaus in den Korridor. Hermine wollte die kurze Pause nutzen, um ein paar Minuten frische Luft zu schnappen, doch Featherstones Stimme hielt sie zurück.

„Miss Granger – ein Wort, bitte.“

Langsam drehte sie sich um. Ihr Herz schlug schneller.

„Ja, Professor?“

Er stand jetzt ganz nah, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Seine Stimme war ruhig, beinahe freundlich, was sie nur noch unheimlicher machte.

„Sie sind klug, zweifellos, aber Klugheit ist kein Ersatz für Disziplin. Ich würde Ihnen raten, daran zu denken – besonders, wenn Sie… bestimmte Verbindungen pflegen.“

Hermine erstarrte. Ein kalter Schauer kroch ihr den Rücken hinunter.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, sagte sie mit fester Stimme.

„Oh, ich denke, Sie wissen es sehr genau.“

Sein Blick glitt prüfend über ihr Gesicht, suchte nach einer Regung, nach einer Schwäche, doch Hermine verzog keine Miene. Dann lächelte er dünn.

„Das wäre alles. Sie können gehen.“

Sie nickte, drehte sich um und verließ den Raum, bemüht, gleichmäßig zu atmen. Doch kaum war sie auf dem Korridor, blieb sie stehen. Ihr Herz hämmerte. Einen Moment lang lehnte sie sich gegen die kühle Steinwand, schloss die Augen und zwang sich zur Ruhe. Irgendwas musste er gesehen oder gehört haben. Hatte er sie vielleicht mit Minerva gesehen? Oder hatte er Minerva aus ihrer Wohnung kommen sehen?

Hermine blieb noch einen Moment draußen im Gang stehen. Der kalte Stein hinter ihrem Rücken half ihr, die Hitze in ihrem Kopf zu kühlen. Sie schloss die Augen, atmete langsam ein und aus, zählte bis vier. Featherstones Worte hallten nach, drohend, schneidend. „…bestimmte Verbindungen.“ Es war kein Zufall, kein vager Verdacht – er beobachtete sie, doch Angst durfte sie jetzt nicht zeigen. Wenn er sie brechen wollte, würde sie ihm keine Genugtuung verschaffen. Hermine richtete sich auf, strich ihr Kleid glatt und betrat wieder das Klassenzimmer, als die nächste Klasse kam. Sie ging ruhig zu ihrem Platz in der letzten Reihe und setzte sich, den Blick starr auf die Tafel gerichtet. Hermine saß reglos da und ließ ihn sprechen. Einige Male musste sie sich arg zurückhalten, um nicht doch noch einzugreifen und den Schülern zu helfen. Ihre Gedanken blieben gefangen in dem Moment, in dem Featherstones Worte sie durchbohrt hatten.

Beim Mittagessen herrschte wie üblich reges Stimmengewirr in der Großen Halle – Teller klirrten, Lachen hallte zwischen den Steinwänden, irgendwo quakte eine kleine Kröte, die ein Erstklässler heimlich mitgebracht hatte, doch Hermine saß still da. Ihr Blick war auf den Teller gerichtet, der kaum angerührt blieb. Sie stochert im Kartoffelpüree herum, während ihre Gedanken in einer stummen Schleife kreisten.

Von ihrem Platz aus bemerkte Minerva sofort die Veränderung. Hermine saß sonst nie so still. Selbst an ihren nachdenklichen Tagen trug sie dieses leichte, wache Leuchten in den Augen. Das Feuer, das sie von innen heraus strahlen ließ. Jetzt war da nichts als Schatten.

Minerva legte unauffällig ihre Gabel beiseite und beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Hermine sah nicht auf, sprach mit niemandem. Nicht einmal mit Poppy, die neben ihr etwas sagte und in ihre Richtung blickte.

Etwas war passiert.

Minervas Blick glitt kurz zu Featherstone, der ein Stück weiter am Lehrertisch saß. Er unterhielt sich ruhig mit Professor Packson, doch Minerva sah, wie sein Blick kurz zu Hermine wanderte – kaum merklich, aber gezielt.

Ein kaltes Ziehen ging durch Minervas Brust.

Sie zwang sich, äußerlich ruhig zu bleiben, trank einen Schluck Wasser, nickte beiläufig zu etwas, das Horace sagte und nahm sich innerlich vor, nach dem Essen einen Weg zu finden, Hermine zu sprechen. Nicht zu offensichtlich, nicht riskant, aber sie musste wissen, was vorgefallen war.

Hermine hob kurz den Kopf, als würde sie Minervas Blick spüren. Ihre Augen trafen sich nur für einen flüchtigen Moment – kurz genug, dass niemand es bemerkte, lang genug, dass Minerva darin alles sah, was Hermine zu verbergen versuchte.

Ein stummes „Bitte sag nichts“ lag darin.

Minerva lächelte kaum merklich, ein beruhigendes, kontrolliertes Lächeln, das nur für Hermine bestimmt war, aber in ihrem Inneren spannte sich alles an. Featherstone hatte eine Grenze überschritten und Minerva wusste: Früher oder später würde sie eingreifen müssen.

Am Nachmittag zog sich der Himmel über Hogwarts langsam zu. Das Licht fiel bleich durch die hohen Fenster. Hermine saß wieder auf ihrem Platz in Featherstones Unterricht, still, aufrecht, unauffällig. Sie hatte sich vorgenommen, kein Wort zu viel zu sagen. Keine Regung, die ihm Angriffspunkte bieten konnte. Featherstone sprach mit seiner üblichen strengen Art – jedes Wort wohlgesetzt, jede Betonung berechnet.

Featherstone war auffällig ruhig, während die Kinder die Zauber übten. Zu ruhig. Immer wieder schweifte sein Blick zu ihr und sie spürte es, ohne hinzusehen. Es war, als wollte er testen, wie lange sie stillhielt.

Als sich auch die letzte Stunde dem Ende neigte, packte sie ihre Sachen, bereit, zu verschwinden, bevor er sie erneut festnageln konnte. Doch genau in diesem Moment hallte seine Stimme durch den Raum. Nur sie beide waren noch anwesend.

„Miss Granger,“ sagte er, ohne sie anzusehen, während er seine Unterlagen ordnete.

„Ich muss gestehen, Ihr heutiges Verhalten hat mich beinahe überrascht. So still, so… kontrolliert. Vielleicht haben Sie ja endlich begriffen, dass kluge Köpfe auch dann glänzen, wenn sie schweigen.“

Hermine spürte, wie sich ihre Finger um ihre Tasche krallten. Sie wollte etwas erwidern, ein einziges Wort, doch sie zwang sich, es nicht zu tun. Stattdessen nickte sie knapp, wandte sich um und verließ das Klassenzimmer mit erhobenem Kopf.

Er würde keine Genugtuung bekommen.

Doch kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, ließ sie die Luft entweichen, die sie unbewusst angehalten hatte. Ihre Brust fühlte sich eng an und sie musste sich zwingen, nicht einfach loszulaufen. Schritt für Schritt ging sie den Korridor entlang, bis die vertraute Stille der Bibliothek sie umfing. Hier war sie sicher. Zwischen den hohen Regalen, den Gerüchen von Pergament und Tinte, der gedämpften Helligkeit. Sie suchte sich eine Ecke ganz hinten, an einem Tisch, den niemand nutzte. Ihre Hände zitterten, als sie Pergament und Feder hervorzog.

Sie schrieb:

Lieber Caleb,

seit meinem letzten Brief ist einiges passiert. Ich wollte es dir eigentlich persönlich sagen, doch nun muss ich dir schreiben. Weil du der Einzige bist, dem ich wirklich alles sagen kann, ohne dass ich mir überlegen muss, wie es klingt. Minerva hat endlich nachgegeben. Wir halten es geheim und ich weiß auch noch nicht, wie wir unsere jetzige Situation bezeichnen, aber sie ist bei mir. Einerseits bin ich sehr glücklich, doch andererseits halte ich es kaum noch aus. Featherstone hat etwas bemerkt oder er ahnt etwas. Seine Worte sind wie Dolche, ganz fein geschliffen und jedes Mal, wenn er mich ansieht, habe ich das Gefühl, er will mich bloßstellen, mich zwingen, einen Fehler zu machen. Ich gebe mir Mühe, ruhig zu bleiben. Ich schwöre, ich tue es, aber in mir tobt es.

Minerva sagt, ich soll mich zurückhalten und sie hat recht, aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann, ohne zu zerbrechen. Es ist, als würde er in mir herumstochern und nach etwas suchen, das er zerstören kann. Und das Schlimmste ist: ich habe Angst. Nicht um mich. Um sie. Ich liebe sie und ich weiß, dass das allein schon genug ist, um alles zu gefährden.

Hermine hielt inne, sah auf die Tinte, die in dunklen Tropfen auf das Pergament fiel. Sie bemerkte erst jetzt, dass ihre Hand zitterte. Sie atmete tief durch, legte die Feder ab und starrte auf die Worte. Dann hörte sie Schritte. Ruhig, gleichmäßig, vertraut. Hermine hob den Kopf und ihr Herz machte einen Sprung.

Minerva trat zwischen den Regalen hervor. Ihre Haltung war aufrecht, wie immer, doch in ihrem Blick lag etwas Weiches, Sorgendes. Sie trat langsam näher, blickte sich kurz um, um sicherzugehen, dass niemand sie beobachtete und senkte dann die Stimme.

„Ich habe dich gesucht.“

Hermine richtete sich auf, versuchte, das Pergament diskret beiseite zu schieben.

„Ich wollte nur noch etwas für morgen vorbereiten“, sagte sie, etwas zu hastig.

Minerva blieb vor ihr stehen, legte den Kopf leicht zur Seite.

„Hermine.“

Nur ihr Name – sanft, eindringlich, voller unausgesprochener Fragen.

Hermine schluckte.

„Er hat nichts getan, Minerva. Nur geredet.“

„Und das reicht, um dich so aussehen zu lassen?“

Hermine senkte den Blick. Ihre Finger umschlossen das Pergament so fest, dass sich ihre Knöchel weiß färbten. Minerva trat einen Schritt näher, sprach leiser:

„Er hat dich wieder provoziert, nicht wahr?“

Ein winziges Nicken. Minerva atmete tief durch, setzte sich neben sie, so dass ihre Schultern sich fast berührten.

„Ich habe es beim Mittagessen gesehen. Du warst still. Zu still.“

Hermine schloss die Augen.

„Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.“

„Das tue ich ohnehin.“

Ein zärtliches, aber müdes Lächeln stahl sich auf Minervas Lippen.

„Ich weiß.“

Hermine sah sie an, die Augen glänzten.

„Aber ich will nicht, dass du meinetwegen in Schwierigkeiten gerätst. Ich halte das schon irgendwie aus.“

Minerva schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Das ist kein Aushalten mehr, Liebes. Das ist ein Spiel, bei dem du seine Züge erraten musst, bevor er sie macht. Und das…“, sie legte ihre Hand kurz auf Hermines, „… muss aufhören.“

Hermine sah sie an, still, erschöpft, aber mit einem Funken Trotz.

„Und was, wenn wir es nicht aufhalten können?“

Minervas Blick verhärtete sich.

„Dann werde ich dafür sorgen, dass er aufhört.“

Hermine atmete tief durch und schüttelte leicht den Kopf.

„Nein, Minerva… bitte. Du darfst nichts unternehmen. Das würde alles nur schlimmer machen.“

Minerva wollte etwas erwidern, doch Hermine legte sanft ihre Hand auf ihren Arm. Ihre Stimme war ruhig, fest, beinahe bittend.

„Ich krieg’ das hin. Der Monat geht schon vorbei und dann wechselt mein Stundenplan und ich bin wieder bei Horace. Das wird entspannter.“

Sie lächelte schwach, als wollte sie die Schwere aus der Luft nehmen.

„Ich kann mich auf Zaubertränke konzentrieren, das liegt mir, das weißt du. Und Horace ist mit meiner Leistung zufrieden.“

Minerva sah sie lange an. Ihre Augen waren ernst, aber auch voller Wärme.

„Du versuchst, mich zu beruhigen,“ sagte sie leise.

„Vielleicht ein bisschen,“ gab Hermine zu, und ein schiefes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Aber nur, weil ich weiß, dass du sonst irgendwann an die Decke gehst und ihm die Meinung sagst. Mit deinem überaus charmanten, schottischen Temperament.“

Minerva hob eine Augenbraue und für einen Moment glomm tatsächlich ein Hauch von Amüsement in ihrem Blick.

„Ich habe es schon in Erwägung gezogen.“

„Das glaube ich dir sofort.“

Hermine lächelte, diesmal echter, wärmer.

„Aber bitte lass es sein. Wenn ich jetzt auch noch weiß, dass du dich meinetwegen in Schwierigkeiten bringst, halte ich das nicht aus. Ich komm klar, wirklich.“

Minerva seufzte leise. Sie legte eine Hand auf Hermines Wange, ihr Daumen strich sacht über die Haut, wie ein leiser Tadel und eine Liebkosung zugleich.

„Du bist so stark.“

„Das habe ich von einer bezaubernden Hexe gelernt“, flüsterte Hermine grinsend.

Einen Augenblick lang schwiegen sie. Zwischen ihnen lag so vieles – Sorge, Zuneigung, Respekt.

Minerva ließ ihre Hand sinken.

„Wenn irgendetwas passiert – irgendetwas – kommst du sofort zu mir. Keine Diskussion.“

„Versprochen.“

„Ich meine es ernst, Hermine.“

„Ich weiß.“

Hermine nickte langsam.

„Aber es wird schon gehen.“

Sie richtete sich etwas auf.

„Ich halte mich an deine Regel: keine Angriffsfläche.“

Minerva nickte, langsam, fast widerwillig.

„Das ist klug. Ich bin stolz auf dich, weißt du das?“

Hermines Herz zog sich zusammen.

„Danke“, flüsterte sie und ihre Stimme war plötzlich heiser.

Minerva stand schließlich auf, strich sich den Umhang glatt und sah zur Tür.

„Ich sollte zurück.“

Hermine nickte.

„Natürlich. Danke Minerva, für alles.“

Minerva zögerte, dann neigte sie sich kurz zu ihr.

„Immer Hermine.“

Hermine rang mit sich und griff nach Minervas Handgelenk, als sie sich umdrehen wollte.

„Sehen wir uns nach dem Abendessen?“, fragte sie leise.

Minerva schenkte ihr ein zärtliches Lächeln.

„Ich habe noch eine Besprechung mit Filius, aber danach steht einem gemeinsamen Abend nichts mehr im Weg.“

Hermines Augen leuchteten.

„Was würde ich nicht alles geben, um dich hier und jetzt in meine Arme zu nehmen…“, flüsterte sie und ließ Minervas Handgelenk los.

„Das verschieben wir auf heute Abend und wenn du artig bist, bekommst du vielleicht sogar einen Gute-Nacht-Kuss.“

Hermine grinste verschwörerisch.

„Was in deinem Kopf so alles vor sich geht…“

„Das willst du lieber nicht wissen“, meinte Minerva amüsiert, schenkte Hermine noch ein Lächeln und ließ sie allein.

Hermine blickte auf den halbgeschriebenen Brief an Caleb. Sie nahm sich wieder ihre Feder und schrieb ihm, dass sie sich auf seinen baldigen Besuch freuen würde. Dann steckte sie den Brief in einen Umschlag und brachte ihn in die Eulerei.