Die Maske der Kontrolle
Die Maske der Kontrolle
Hallo ihr Lieben, ich bin unglaublich happy über eure lieben und vor allem motivierenden Reviews. Ihr seid so toll! Deswegen gibt's heute gleich nochmal ein "etwas" längeres Kapitel. Hoffentlich gefällt es euch :) Lass es mich gerne wissen ;) Nun viel Spaß beim Lesen.
LG M.
Das erste Licht des Morgens schlich sich durch die halb geöffneten Vorhänge. Minerva saß bereits auf der Bettkante, das Haar sorgfältig hochgesteckt, die Robe fast geschlossen. Hermine, noch halb im Schlaf, blinzelte die Augen auf.
„Gehst du schon?“
„Ich sollte.“ Minervas Stimme war leise, aber fest. „Es ist früh genug, dass die Flure noch leer sind. Und spät genug, dass ich mich sonst erklären müsste.“
Hermine richtete sich auf und zog das Laken enger um sich.
„Ich wünschte, du müsstest dich nicht erklären.“
Ein zärtliches Lächeln huschte über Minervas Gesicht.
„Ich wünschte, es wäre so einfach.“
Sie beugte sich vor, strich Hermine eine Strähne aus dem Gesicht und küsste sie.
„Schlaf noch ein wenig.“
„Irgendwann begleite ich dich nach Hause“, grinste Hermine. „Um sicherzugehen, dass du auch gut ankommst.“
„Ich schicke dir eine Eule, wenn ich angekommen bin“, sagte Minerva und zwinkerte ihr zu.
„Wie romantisch“, murmelte Hermine schläfrig und Minerva konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen.
„Küss mich wenigstens noch einmal. Bis heute Abend ist es noch so lange.“
Minerva lächelte sie liebevoll an und küsste sie zärtlich.
„So, bis gleich mein Schatz und denk dran, lass dich nicht provozieren und wenn er es noch einmal wagt dir zu drohen, sagst du es mir.“
„Versprochen.“
Minerva schenkte ihr noch ein Lächeln und verschwand.
Als sie den Raum verließ, war ihr Blick wachsam. Jeder Schritt auf dem kühlen Steinboden hallte gedämpft wider. Noch war alles still – bis eine Stimme aus dem Schatten sprach:
„Ein früher Spaziergang, Minerva?“
Minerva ging gelassen weiter. Featherstone lehnte mit verschränkten Armen am Ende des Korridors, sein Gesicht halb im Licht, halb im Dunkel. Der Tonfall war höflich, doch in seinen Augen lag der kalte Glanz eines Mannes, der einiges zu ahnen schien.
„Ich schätze den Morgen“, entgegnete Minerva ruhig. „Er lässt einem Zeit zum Denken.“
Featherstones Lächeln war dünn.
„Oh, das kann ich sehr nachvollziehen. Ich nutze für solche Spaziergänge die Abende. Es gibt in letzter Zeit häufiger gewisse nächtliche Aktivitäten in meinem Schloss.“
Minerva hob eine Braue.
„Deinem Schloss, Edmund? Das ist ja interessant. Du beanspruchst Eigentumsrechte? An meiner Schule?“
Featherstones Mundwinkel zuckten, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht.
„Verzeihung, natürlich unserem Schloss. Es liegt mir fern, Grenzen zu überschreiten.“
„Davon bin ich überzeugt“, erwiderte Minerva kühl, während sie weiter auf ihn zuging. „Schließlich weißt du ja, wie wichtig Disziplin und Zurückhaltung sind.“
Er trat einen Schritt beiseite, ließ ihr den Durchgang frei, doch sein Blick folgte ihr.
„Ich frage mich nur“, sagte er beiläufig, „ob alle Mitglieder des Kollegiums diese Werte teilen. Besonders jene, die sich… intensiver um das Wohlergehen ihrer Kolleginnen kümmern.“
Minerva blieb stehen. Ganz ruhig, fast ungerührt.
„Wenn du etwas zu sagen hast, Edmund, dann tu es. Diese Andeutungen stehen dir nicht.“
Er lächelte nun offen, fast gönnerhaft.
„Ich sage nichts. Noch nicht. Manchmal zeigt sich im Verhalten mancher Lehrer mehr, als sie selbst beabsichtigen.“
Ein Moment Stille. Dann trat Minerva einen Schritt näher, so nah, dass sich ihre Schatten auf dem Steinboden überschnitten.
„Wenn du glaubst, dass du mich mit wagen Andeutungen einschüchtern kannst, dann hast du dich gründlich geirrt. Ich habe Dinge überlebt, die gefährlicher waren, als du es je sein könntest.“
Ihr Blick war ruhig, aber scharf. Featherstones Stimme senkte sich.
„Ich möchte nur verhindern, dass ein… bedauerliches Missverständnis deinem Ansehen schadet. Oder dem der Schule.“
„Wie selbstlos von dir“, entgegnete sie mit frostiger Ironie. „Doch wenn du dich um Ansehen sorgst, Edmund, dann fang vielleicht bei deinem eigenen aufdringlichen Verhalten gegenüber jüngeren Kolleginnen an.“
Sein Lächeln erstarrte, nur für einen Augenblick. Scheinbar hatte er nicht damit gerechnet, dass Hermine doch mit Minerva gesprochen hatte. Minerva nutzte diesen Moment, um an ihm vorbeizuschreiten, ihre Robe wehend, der Kopf erhoben.
„Guten Morgen, Edmund“, sagte sie über die Schulter hinweg und in ihrem Ton lag jene ruhige, vernichtende Autorität, die Generationen von Schülern und Lehrern hatte erzittern lassen.
Er sah ihr nach, das selbstgefällige Lächeln wich einer kühlen Berechnung.
Als sie um die Ecke bog, schloss er die Augen für einen Moment.
„Das wird noch interessant“, murmelte er leise.
Minerva ging mit erhobenem Kopf weiter, doch als die Tür zu ihrem Büro hinter ihr zufiel, sank sie auf den Stuhl hinter ihrem Schreibtisch. Ihre Finger ruhten einen Moment auf dem Schreibtisch. Für einen Augenblick ließ sie die Fassade fallen. Ihre Schultern sanken, der Atem ging schwer. Sie hatte schon viele Kämpfe geführt – gegen Zauberer, gegen Ministeriumsbeamte, gegen die Zeit selbst, doch der Kampf, der vor ihr lag, würde anders sein. Subtiler. Giftiger.
Featherstone war kein Dummkopf. Er hatte seine Worte eben sorgfältig gewählt. Nicht direkt genug, um sie zur Rede zu stellen, aber gerade so spitz, dass sie wusste, er hatte verstanden. Oder zumindest genug Vermutungen, um Schaden anzurichten. Sie stand auf, ging zum Fenster und blickte hinaus auf den erwachenden Schulhof. Nebel lag über den Ländereien, die ersten Schüler eilten Richtung Große Halle. Für einen Moment dachte sie an Hermine – wahrscheinlich noch im Halbschlaf, die Decke bis zum Kinn gezogen. Der Gedanke ließ Minerva unwillkürlich lächeln. Dann verfinsterte sich ihr Blick. Featherstone durfte Hermine nicht gefährden. Nicht durch seine Worte, nicht durch seine Andeutungen und er sollte es ja nie wieder wagen, ihr zu drohen. Sie drehte sich um und trat an den Schreibtisch zurück. Sie wusste, was kommen könnte: Gerüchte, Intrigen, vielleicht ein offizielles Verfahren, doch sie hatte eine Entscheidung getroffen. Sollte Featherstone wirklich versuchen, sie oder Hermine zu vernichten, würde er erfahren, dass Minerva McGonagall nie ohne Gegenschlag blieb.
Minerva atmete tief ein, straffte die Schultern und griff nach ihrem Umhang. Es war Zeit, wieder Schulleiterin zu sein, auch wenn in ihr noch der Nachhall einer Nacht vibrierte, die ihr gezeigt hatte, wie viel sie zu verlieren hatte.
Die Große Halle war erfüllt vom Klirren von Besteck und dem Summen dutzender Gespräche. Das Licht der Morgensonne fiel durch die hohen Fenster, spiegelte sich auf den Tellern und Teekannen.
Minerva schritt mit gewohnter Haltung an den Lehrertisch, ihr Gesicht ruhig, ihre Bewegungen präzise wie immer. Kein Schüler hätte geahnt, dass sie eine Nacht mit kaum zwei Stunden Schlaf hinter sich hatte - aus zwei Gründen. Zuerst hatte Hermine ihr den Schlaf auf sehr angenehme Weise geraubt, doch dann hielten sie die Gedanken an Edmund lange wach.
„Guten Morgen, Minerva“, sagte Pomona Sprout fröhlich, als sie Platz nahm.
„Guten Morgen, Pomona. Ein schöner Tag, nicht wahr?“
„Oh, das Wetter ist herrlich! Und die zweite Klasse von Ravenclaw und Hufflepuff haben heute ihren ersten Versuch mit den jungen Alraunen – ich bin gespannt, ob jemand überlebt.“
Pomona lachte und Minerva zwang sich, mit einem Lächeln zu antworten.
Poppy setzte sich dazu, musterte sie kurz und beugte sich dann unauffällig vor.
„Du siehst blass aus, Minerva. War es eine lange Nacht?“
Minerva nahm sich Zeit, um ihren Tee zu rühren, ehe sie antwortete.
„Man könnte sagen, der Morgen kam schneller, als mir lieb war.“
Ein wissendes Funkeln blitzte in Poppys Augen auf, doch sie nickte nur leicht. Poppy legte die Serviette beiseite, ihre Stimme war leise.
„Du solltest vorsichtig sein, Minerva. Ich kenne diesen Blick. Dich beschäftigt etwas und du denkst zu viel nach, bevor du reagierst und manchmal nutzt das der Falsche.“
„Ich reagiere, wenn es notwendig ist“, entgegnete Minerva knapp, doch ihre Augen verrieten, dass sie den Rat verstand.
Am unteren Ende der Halle betrat Hermine gerade den Raum. Ihr Haar fiel offen über die Schultern, der dunkelrote Rock mit passendem Blazer und einer weißen Bluse saßen perfekt. Sie sah etwas müde, aber gefasst aus. Für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke. Es war nichts als ein kurzer Gruß. Kaum länger als ein Atemzug, doch Minerva fühlte das vertraute Ziehen in der Brust.
Featherstone saß zwei Plätze weiter. Sein Blick folgte Hermine, kalt und berechnend. Als er merkte, dass Minerva ihn beobachtete, wandte er sich wieder seinem Frühstück zu.
Minerva griff nach einem Stück Toast, als wäre nichts geschehen, doch ihre andere Hand umschloss ihre Teetasse so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
Hermine hatte kaum Platz genommen, da beugte sich Poppy unauffällig zu ihr hinüber. Zwischen den Tellern und dampfenden Tassen sah es aus wie ein beiläufiges Gespräch über Unterrichtspläne, doch ihre Stimmen waren kaum hörbar.
„Du siehst müde aus, Liebes“, sagte Poppy leise, während sie scheinbar konzentriert Marmelade auf ihren Toast strich. „Ist alles in Ordnung?“
Hermine nickte automatisch, dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf.
„Nicht wirklich.“
„Featherstone?“
Hermine blinzelte überrascht, dann flüsterte sie: „Woher weißt du…?“
„Ich habe deinen, seinen und Minervas Blick gesehen und kann durchaus 1 und 1 zusammenzählen.“
Hermine seufzte leise.
„Er hat mir gestern den Weg versperrt. Und… mir gedroht.“
Poppy erstarrte mitten in der Bewegung, senkte dann rasch den Blick, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
„Was genau hat er gesagt?“
„Dass ich vorsichtig sein soll und dass es Konsequenzen hätte, wenn ich mich über ihn beschwere – nicht nur für mich.“
Sie sah kurz zu Minerva hinüber.
„Ich glaube, er weiß es. Oder er ahnt etwas“, meinte Hermine.
„Weiß sie es?“
Hermine nickte.
„Minerva ist stark, aber du weißt, wie sie ist. Sie würde lieber alles ertragen, als dir zu schaden.“
„Ich weiß“, flüsterte Hermine. „Aber das ist genau das Problem. Ich will nicht, dass sie meinetwegen alles verliert.“
„Sie verliert nichts. Sie liebt und beschützt dich.“
„Ja, da hätten wir Problem Nummer 2…“
„Minerva denkt zuerst nach, bevor sie handelt. Mach dir da mal keine Sorgen, aber wenn sie handelt… Merlin, ich möchte nicht gegen sie kämpfen müssen.“
Hermine lächelte tatsächlich.
„Wenn du Hilfe brauchst, wir stehen dir und Minerva bei.“
„Danke, aber… bis jetzt kriegen wir das hin. Außerdem weiß sie nicht, dass du und Pomona die Wahrheit kennst.“
„Vielleicht ist es an der Zeit, dass sie es erfährt?“
„Sie würde mich umbringen.“
„Sicher nicht. Sie liebt dich ja schließlich“, lächelte Poppy.
„Ja und sie hat keine Ahnung, was sie deswegen alles riskiert…“
Poppy nickte verständnisvoll.
„Wenn man wahrlich liebt, ist alles andere egal. Du bist das Wichtigste für sie.“
Ein kleines Lächeln huschte über Hermines Gesicht. Ja, Minerva liebte sie und sie liebte Minerva, doch trotzdem machten sich Zweifel in ihr breit. Sie war es, die Minerva bedrängt hatte, sie hatte es darauf angelegt und nun war sie es, für die Minerva ihren Ruf, ihre Stellung als Schulleiterin und noch so viel mehr aufs Spiel setzte.
Hermine fing kurz den Blick von Featherstone ein. Prüfend, analysierend und selbstgefällig. Hermines Magen drehte sich um. Gleich müsste sie wieder in seinem Unterricht sitzen. Den Mund halten, stillsitzen, keine Ratschläge geben und die Sticheleien aushalten. Das würde ihr bevorstehen.
Poppy legte ihr sanft die Hand auf den Unterarm.
Minerva beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Sie konnte die Worte nicht hören, aber sie spürte die Spannung zwischen den beiden Frauen. Es war, als zöge sich ein unsichtbarer Faden durch die Luft, vibrierend vor unausgesprochener Sorge. Hermine wich Poppys Blick aus und richtete sich abrupt auf.
„Ich sollte gehen. Ich muss noch meine Sachen holen“, sagte sie hastig.
Featherstone stand gleichzeitig auf. Zu schnell, zu zufällig. Er blieb am Rand der Halle stehen, gerade so, dass Hermine an ihm vorbeimusste. Minerva legte ihren Toast langsam zurück auf den Teller. Ihr Blick war fest auf die Szene gerichtet, doch ihre Miene blieb ungerührt. Nur Poppy sah, wie Minervas Kiefer sich anspannte. Hermine ging mit erhobenem Kopf an Featherstone vorbei.
Sie hörte sein leises, fast freundliches „Miss Granger“.
Seine Stimme triefte vor falscher Höflichkeit. Sie erwiderte nichts, ging einfach weiter, aber sie spürte seinen Blick im Nacken, bis sie durch die Tür verschwunden war.
Minerva wartete einen Moment. Dann stellte sie ihre Tasse ab und stand auf. Pomona und Poppy sahen zu ihr.
„Minerva?“, sagte Poppy leise, als sie den eisigen Blick der Schulleiterin bemerkte.
„Ich wünsche euch einen schönen Tag“, sagte Minerva zu Poppy und Pomona und ging.
Ihre Blicke folgten Minerva, die in derselben Richtung davonging, in die Hermine gerade verschwunden war.
Im Korridor war es still. Die Sonne fiel durch die hohen Fenster, Staub tanzte im Licht. Minervas Schritte hallten gedämpft auf dem Steinboden. Bevor sie um eine Ecke ging, blieb sie stehen und lauschte. Stimmen. Seine und Hermines.
„Ich habe Ihnen bereits gesagt, Professor, dass Ihre Anmerkungen unangebracht sind.“
Hermines Stimme klang ruhig, aber gepresst.
„Unangebracht?“
Featherstones Tonfall war samtweich und gefährlich.
„Ich würde sagen, ich gebe Ihnen nur… eine Erinnerung an Grenzen. Grenzen, die Sie und andere manchmal vergessen.“
„Ich vergesse gar nichts“, antwortete Hermine scharf. „Und Sie werden mir keine Angst machen.“
Ein kurzes, abfälliges Lachen. Dann Stille. Minerva trat vor, so leise, dass es kaum ein Geräusch gab.
„Edmund“, sagte sie mit einer Stimme, die selbst Steine gefrieren ließ. „Ich hoffe, du erklärst Hermine gerade nicht die Definition von Grenzen?“
Featherstone drehte sich langsam um, das geübte Lächeln aufgesetzt.
„Natürlich nicht, Minerva. Wir sprachen nur über… Disziplin und akademische Verantwortung.“
„Wie löblich.“
Minerva trat näher, ihr Blick kalt und unerbittlich.
„Ich würde es vorziehen, wenn du deine Verantwortung in Zukunft ausschließlich im Rahmen deines Unterrichts ausübst und nicht in privaten Gesprächen mit einzelnen Kolleginnen.“
Er öffnete den Mund, doch Minerva hob eine Hand.
„Kein Wort. Ich dulde keine Drohungen in meinem Kollegium. Gegen niemanden.“
Hermine stand reglos, ihre Finger zitterten leicht. Sie sah Minerva an und in ihrem Blick lag alles: Erleichterung, Liebe, Angst.
„Hermine“, sagte Minerva nun sanfter, ohne den Blick von Featherstone abzuwenden, „Du wolltest noch deine Sachen holen, wenn ich mich nicht irre?“
„Ja.“
„Dann solltest du dich beeilen. In 15 Minuten beginnt der Unterricht.“
Hermine nickte und ging, ohne sich umzudrehen. Sie wusste, dass Minerva den Rest allein regeln würde.
Als Hermine außer Sicht war, trat Minerva einen Schritt näher an Featherstone heran. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch sie war eiskalt.
„Wenn du noch einmal versuchst, Hermine oder sonst jemanden einzuschüchtern, wird kein Ministerium, kein Schulrat und kein Zauber dieser Welt dich vor mir schützen, verstanden?“
Featherstone wich einen Schritt zurück und zum ersten Mal verlor er dieses selbstgefällige Lächeln. Minerva drehte sich um, ihr Umhang rauschte hinter ihr her, als sie den Korridor hinunter ging – die Würde in jeder Bewegung ungebrochen, auch wenn ihr Herz raste. An der Ecke stand Poppy. Sie sagte nichts, als Minerva an ihr vorbeiging, doch das kurze Nicken zwischen ihnen sprach Bände. Minerva hielt erst an, als sie Hermines vertrautes Parfüm wahrnahm – ein schwacher, warmer Duft am Ende des Korridors.
„Hermine“, sagte sie leise.
Hermine drehte sich um.
„Ich hätte das selbst geschafft.“
„Ich weiß, aber diesmal habe ich es selbst gesehen und ich musste eingreifen.“
Hermine trat einen Schritt näher, sah sich kurz um, ob jemand in der Nähe war und senkte dann die Stimme.
„Minerva… du hättest das nicht tun sollen.“
„Ich hätte was?“
Minerva hob leicht eine Augenbraue.
„Ich nehme an, du meinst, ich hätte zusehen sollen, wie er dich bedroht?“
„Nein, aber so offen… vor ihm.“
Hermine presste die Lippen aufeinander.
„Er hat mich so schon im Visier. Vielleicht hat er eine Vermutung, aber ich denke noch ist er davon überzeugt, dass das alles von mir ausging. Wenn er weiß, wie du zu mir stehst... Minerva, es ist nur noch ein kleiner Schritt, bis er merkt, dass zwischen uns etwas ist…“
Minerva atmete leise durch. Die kalte Luft des Korridors brannte in ihrer Lunge, doch sie blieb ruhig.
„Es ändert nichts an meiner Entscheidung, dich zu schützen.“
„Aber genau das ist das Problem!“
Hermine klang verzweifelt, leiser, fast bittend.
„Du hast dich selbst verraten, Minerva. Du warst nicht die Schulleiterin Professor McGonagall. Du warst in diesem Moment meine Minerva.“
Minerva senkte den Blick für einen Atemzug, ehe sie ihn wieder hob.
„Ich bin mir bewusst, dass es unklug war, die Maske fallen zu lassen, aber manchmal erfordert der Schutz dessen, was einem wichtig ist, einen Moment der Unklugheit.“
„Das Ministerium, der Schulrat… wenn er irgendetwas andeutet, wenn er dich bloßstellt…“
„Dann sollen sie kommen“, unterbrach Minerva scharf, doch nicht laut.
In ihren Augen glomm etwas zwischen Trotz und Müdigkeit.
„Ich habe mich mein ganzes Leben an Regeln gehalten, Hermine. Manchmal zu sehr. Wenn es je einen Grund gab, sie zu brechen, dann bist du dieser Grund.“
Hermine schluckte schwer. Ihr Herz klopfte, die Zuneigung und die Angst stritten sich in ihr um jeden Atemzug.
„Ich wollte nie, dass du so weit gehst. Ich wollte nie, dass du wegen mir riskierst, was du bist.“
„Ich bin das, was ich bin – wegen dem, was ich riskiere.“
Minervas Stimme war nun leiser, wärmer.
„Und du bist kein Risiko. Du bist eine Entscheidung, die ich längst getroffen habe.“
Hermine sah sie an, lange, unbeweglich. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. „Du machst mir manchmal Angst, weißt du das?“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über Minervas Gesicht.
„Das höre ich nicht zum ersten Mal.“
„Nicht diese Art von Angst“, flüsterte Hermine. „Sondern die Angst, dass du dich für mich aufopferst, ohne an dich zu denken.“
Minerva trat einen Schritt näher, so dicht, dass Hermines Atem sie streifte.
„Ich denke an dich und an mich. Und an das, was wir miteinander teilen.“
„Minerva…“
„Er wird nichts wagen“, sagte Minerva bestimmt. „Nicht, solange ich hier bin.“
Hermine schloss die Augen, suchte nach Worten, nach Halt.
„Ich wünschte, ich hätte deinen Mut.“
„Den hast du. Du hast dich ihm gestellt, bevor ich kam.“
Minervas Stimme wurde sanft.
„Ich habe nur zu Ende gebracht, was du begonnen hast.“
Einen Moment lang standen sie einfach da – zu nah, zu vertraut für die Öffentlichkeit des Flurs, doch das Schweigen zwischen ihnen war kein gefährliches mehr, sondern ein Versprechen.
Dann trat Hermine zurück, zwang sich, den Abstand wiederherzustellen.
„Wir sollten gehen, bevor jemand…“
„…uns sieht?“, ergänzte Minerva trocken. „Das wäre in der Tat unpraktisch.“
Hermine nickte, drehte sich zum Gehen, doch ihre Hand streifte kurz Minervas. Sie sahen einander warm an.
„Danke“, flüsterte Hermine und drückte Minervas Hand.
„Kommst du zurecht?“
Hermine nickte. Minerva lächelte und schwang ihren Zauberstab. In ihrer Hand erschien Hermines Tasche samt Unterlagen. Die junge Frau lächelte.
„So so, du kannst also nicht nur durch meinen Kamin kommen, sondern auch einfach so meine Sachen herbeizaubern?“, schmunzelte Hermine und nahm die Tasche.
„Nun aber ab mit dir. Sonst kommst du zu spät.“
„Bis nachher. Ich…“
Hermine sah sich um und senkte die Stimme.
„Ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“
Minerva sah ihr nach, bis sie hinter der nächsten Ecke verschwand. Erst dann ließ sie die Fassade kurz sinken, atmete tief durch und presste eine Hand gegen die Wand, um das Zittern zu verbergen, das endlich durch die Selbstbeherrschung drang.
Durch den Korridor hallte das Läuten zum Unterrichtsbeginn und für Minerva war es Zeit in ihr Büro zu gehen.
Hermine betrat den Klassenraum mit ein paar Minuten Vorsprung. Die Schüler nahmen gerade ihre Plätze ein, einige noch halb verschlafen, andere mit nervösem Blick auf das Pult, an dem Professor Featherstone seine Unterlagen ordnete. Er sah nicht auf, als sie eintrat, doch der Zug um seinen Mund verriet, dass er ihre Anwesenheit sehr wohl bemerkt hatte.
„Ah, Miss Granger“, sagte er schließlich mit einem Ton, der zugleich verbindlich und schneidend klang. „Wie… erfreulich, dass Sie es pünktlich geschafft haben. Nach unserem Gespräch hatte ich beinahe den Eindruck, Sie bräuchten eine kleine Auszeit.“
Ein paar Köpfe drehten sich verwirrt in Hermines Richtung. Sie zwang sich zu einem höflichen Lächeln.
„Ich bin stets bemüht, Ihre hohen Erwartungen zu erfüllen, Professor.“
Dann setzte sie sich wortlos an ihren Platz neben dem Fenster, zog ihre Notizen hervor und schlug sie mit einer Ruhe auf, die sie nicht wirklich empfand. Featherstone nickte kaum merklich, als hätte er einen unsichtbaren Punkt gewonnen. Dann wandte er sich an die Klasse.
„Heute beschäftigen wir uns mit fortgeschrittener Transmutation – konkret mit der Umwandlung organischer Materie in nicht-organische Substanz. Eine Disziplin, die, wie einige von Ihnen wissen, sowohl theoretisch anspruchsvoll als auch… gefährlich sein kann, wenn man die Kontrolle verliert.“
Sein Blick huschte zu Hermine. Ganz kurz. Nur ein Moment, aber er genügte, damit ihr Magen sich verkrampfte. Sie konnte gerade so ein Augenrollen unterdrücken. Ihrer Meinung nach waren die Schüler bei weitem noch nicht so weit, um diese Form der Magie zu erlernen. Kein Wunder. Unter ständigem Druck und nur mit halben Erklärungen kann man auch nicht lernen.
Featherstone ging vor der Klasse auf und ab, stellte Fragen, die die Kinder gar nicht beantworten konnten und trotzdem rief er die Schüler nach und nach auf, ohne Antworten zu erhalten.
„Wer von Ihnen kann mir den zentralen Unterschied zwischen Stabilitätszaubern und Bindungsrunen erklären?
Featherstone rief einen Schüler nach vorn, der sich sichtlich bemühte, die richtige Antwort zu geben. Doch kaum hatte er begonnen, unterbrach ihn Professor Featherstone mit einem spöttischen Lächeln.
„Falsch!“, schnitt seine Stimme durch den Raum. „Wenn Sie in der Lage wären, ein Buch richtig zu lesen – oder besser gesagt, zu verstehen – dann wüssten Sie, dass Stabilität nicht nur eine Frage des Zauberspruchs ist, sondern der… inneren Haltung.“
Hermine spürte, wie sich ihr Kiefer anspannte, aber sie sagte nichts. Sie wusste, genau das wollte er: eine Reaktion von ihr.
Trotz der spärlichen Erklärung ließ er die Schüler an die Arbeit gehen und ließ sie versuchen, kleine Objekte zu verwandeln. Immer wieder kommentierte er bissig, wenn jemand versagte.
Das war kein Unterricht. Es war ein Machtspiel.
Dann kam er zu Hermines Tisch und stützte sich darauf ab, kam ihr dabei erneut sehr nahe, doch Hermine wich nicht zurück.
„Miss Granger, wie Sie sehen haben wir kein Talent in dieser Klasse. Vielleicht möchten Sie Ihren jungen Schützlingen demonstrieren, wie man Stabilität verkörpert?“
Alle Augen richteten sich auf sie. Sie spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte, aber sie nickte.
„Natürlich Professor. Mit einer etwas ausführlicheren Erläuterung wird es meinen… 'Schützlingen', wie Sie sie so nett bezeichnet haben, sicher leichter von der Hand gehen.“
Er richtete sich wieder auf, als Hermine Aufstand und zu erklären begann.
„Vorbildlich“, sagte Featherstone und sein Lächeln wurde breiter. „Wie immer. Obwohl –“ Er ließ die Worte hängen. „Es ist erstaunlich, wie leicht Ihnen die Theorie fällt, Miss Granger. Ich frage mich nur, ob Ihre… emotionale Disziplin ähnlich stabil ist.“
Ein Murmeln ging durch die Reihen. Hermine hob langsam den Blick, ließ sich Zeit.
„Disziplin, Professor, ist nicht dasselbe wie Gleichgültigkeit“, sagte sie ruhig.
Featherstones Lächeln gefror. Für einen Moment war der Raum still. Dann klatschte er langsam in die Hände.
„Eine… schöne Antwort. Fast poetisch. Vielleicht sollten Sie eines Tages ein Buch über Ethik in der Verwandlung schreiben.“
Er wandte sich ab, beendete das Thema abrupt und ließ die Schüler weitermachen, doch sein Blick fiel immer wieder auf sie – lauernd, berechnend. Hermine hielt den Kopf oben und setzte sich wieder auf ihren Platz. Innerlich war ihr klar: Das war nicht vorbei.
Sie hatte sich nicht einschüchtern lassen und er hatte nur gewartet. Und jetzt, nach Minervas Eingreifen, würde er doppelt wachsam sein.
Draußen schlug der Wind gegen die Fenster und irgendwo in der Ferne läutete die große Uhr. Pause. Die Schüler sahen zu ihrem Professor, der die Stunde beendete. Als sie das Zimmer verließen, flüsterten sie wild durcheinander und sie horchte auf.
„Professor Featherstone nennt sie immer noch Miss Granger.“
„Sie kann viel besser erklären.“
„Was hat er mit emotionaler Disziplin gemeint?“
Das waren nur Teile, die Hermine verstand, doch sie sagte nichts, sondern lächelte den Kindern nur freundlich zu.
Featherstones Unterricht zog sich im selben Muster weiter. Die nächste Klasse, nun Ravenclaws und Gryffindors, sollten dasselbe Thema durchnehmen und auch hier war der Professor unerbittlich. Er ging zwischen den Tischen umher, die Hände auf dem Rücken verschränkt, wie ein Raubtier, das seine Beute einschätzt.
„Konzentrieren Sie sich, Miss Bradley“, sagte er in fast freundlichem Tonfall. „Wenn Sie noch einmal versuchen, Papier in Stein zu verwandeln, ohne das energetische Gleichgewicht zu stabilisieren, werden Sie am Ende nur Asche haben und das wäre doch schade um Ihre hübschen Hände.“
Hermine hob den Kopf. Sie spürte die Spannung im Raum, dieses Gemisch aus Angst und Unsicherheit, das Featherstone so meisterhaft zu erzeugen verstand.
Er genoss das. Er genoss jede Sekunde davon.
„Disziplin, Klasse, ist das, was zwischen Talent und Versagen steht“, dozierte er weiter. „Viele Zauberer sind klug. Manche sind sogar brillant, aber ohne Selbstbeherrschung…“
Er machte eine ausschweifende Geste und das Pergament auf Hermines Tisch verwandelte sich mit einem Schlag in glühenden Sand. „…verfällt selbst die reinste Form in Chaos.“
Ein paar Schüler hielten unwillkürlich den Atem an, doch Hermine blieb still und sah zu, wie der Sand sich beruhigte. Dann hob sie wortlos ihren Zauberstab, verwandelte den Sand zurück und legte das Pergament wieder ordentlich hin. Kein Kommentar. Kein Triumph. Nur Kontrolle.
Featherstones Augen blitzten, kaum merklich. Er hatte gehofft, sie würde reagieren – sich verteidigen, widersprechen, vielleicht auch nur blass werden, doch Hermine blieb ungerührt. Das Spiel, das er spielen wollte, fand nicht statt.
„Sehr… gefasst“, sagte er leise. „Eine bemerkenswerte Eigenschaft. Fast so, als würden Sie etwas verbergen.“
„Oder bewahren“, entgegnete Hermine ruhig, ohne ihn anzusehen.
Er lächelte dünn.
„Wie poetisch. Sie sollten wirklich über eine Karriere in der Literatur nachdenken, falls Ihnen das Unterrichten zu… aufreibend wird.“
„Ich werde es mir merken“, antwortete sie.
Featherstone schwieg, doch man sah, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Für den Rest der Stunde hielt er Distanz, ließ die Schüler weiterarbeiten, unterbrach nur, um harsche Korrekturen auszuteilen oder mit süßlicher Stimme zu loben, wenn jemand zufällig etwas richtig machte.
Als die Glocke schließlich läutete, stürzten die Schüler fast erleichtert hinaus. Die Luft war dicht von unausgesprochenem Druck.
Hermine blieb noch einen Moment im Klassenraum zurück. Sie wusste, er würde das Gespräch suchen und sie wusste, dass sie es nicht vermeiden konnte.
„Miss Granger.“
Da war er schon, wieder mit diesem glatten, höflichen Ton.
„Eine kleine Erinnerung: Am Samstagvormittag erwartet uns die Sitzung des Lehrerkollegiums. Ich hoffe, Sie werden dabei ebenso… gefasst auftreten wie heute.“
Hermine packte ruhig ihre Sachen zusammen, legte den Zauberstab in die Tasche.
„Eine Erinnerung ist nicht notwendig. Ich kenne meine Termine und ich bin immer gefasst, Professor.“
„Davon bin ich überzeugt.“
Er trat näher, so dicht, dass sie seinen Atem spüren konnte.
„Übrigens – richten Sie Professor McGonagall bitte meine besten Grüße aus. Ich hatte heute Früh den Eindruck, dass sie… sehr schützend veranlagt ist. Eine schöne Eigenschaft, finden Sie nicht?“
Hermine hob langsam den Kopf, ihre Augen fest auf seine gerichtet.
„Ich finde, Schutz ist eine Tugend, wenn er gerechtfertigt ist. Und wann er gerechtfertigt ist – darüber entscheide ich selbst.“
Ein Moment der Stille. Kein Blinzeln, kein Zurückweichen. Dann zog sie ihre Tasche über die Schulter, ging an ihm vorbei und in ihrem Blick lag keine Angst mehr, nur gläserne Entschlossenheit.
Featherstone sah ihr nach, das höfliche Lächeln auf den Lippen, aber in seinem Inneren brodelte es.
Minerva McGonagall hatte ihn gedemütigt, Hermine Granger hatte ihn vor der Klasse bloßgestellt, wenn auch subtil.
Nein.
Das war nicht vorbei.
Er würde den Moment finden. Den Moment, in dem er sie beide treffen konnte – dort, wo sie am verletzlichsten waren.
„Wenn sie meint, sie könne die Schulleiterin um den Finger wickeln, hat sie sich getäuscht. Nur Geduld“, murmelte er, als Hermine die Tür geschlossen hatte.