Wo Kontrolle endet und Zweifel flüstern
Wo Kontrolle endet und Zweifel flüstern
Die Sonne stand bereits hoch, als Minerva durch die kopfsteingepflasterten Gassen von Hogsmeade ging. Ein milder Wind trug den Duft von frischem Gebäck durch die Luft und über den Dächern glitzerten schwache Regentropfen der letzten Nacht.
Sie hatte sich vorgenommen, spazieren zu gehen, bis Pomona und Poppy ins Dorf kamen. Pomona musste noch einmal ins Gewächshaus, um Neville zu helfen und Poppy hatte noch einen kleinen Patienten zu versorgen. Minerva ging voraus, um den Kopf freizubekommen. Ihre Füße hatten sie, wie von selbst, in Richtung von Tomes & Scrolls getragen. Das Buchgeschäft war ruhig um diese Tageszeit, nur ein paar Schüler stöberten in der Abteilung für Zaubergeschichte. Minerva trat ein, begrüßte den alten Ladenbesitzer mit einem höflichen Nicken und ließ den Blick durch die Regale wandern. Der vertraute Geruch von Pergament und Tinte beruhigte sie. Sie nahm einen Band über Verwandlungszauber aus dem Regal, doch ihre Augen glitten über die Seiten, ohne den Inhalt wirklich zu erfassen. Sie versuchte nicht an Hermine zu denken. Nicht daran, dass sie jetzt wahrscheinlich irgendwo in diesem Dorf saß. In einem Café, vielleicht im „Drei Besen“ und sich mit Caleb unterhielt.
Sie sagte sich, dass es ihr egal sein sollte. Dass sie ihr vertraute. Und trotzdem, ihr Herz reagierte nicht auf Vernunft.
Ein Lachen draußen auf der Straße ließ sie unwillkürlich aufsehen. Die Stimme war unverkennbar.
Hermine.
Minervas Finger krallten sich leicht in den Buchrücken. Sie wollte nicht hinausgehen. Sie sollte nicht hinausgehen, doch schon bevor sie sich entschieden hatte, bewegten sich ihre Beine. Sie trat auf die Schwelle des Ladens und blieb stehen. Draußen, nur ein paar Meter entfernt lief Hermine auf einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann zu, der sie in die Arme nahm und lachend im Kreis herumwirbelte. Hermine lachte, warf den Kopf leicht zurück und irgendetwas in Minervas Brust zog sich zusammen. Er ließ Hermine wieder runter und setzte sich mit ihr auf eine freie Bank. Sie unterhielten sich, offenbar amüsierten sie sich. Er beugte sich leicht vor, um ihr etwas zu zeigen, vermutlich einen Brief oder eine Skizze und Hermine legte dabei, wie aus Gewohnheit, ihre Hand an seinen Unterarm. Eine beiläufige, harmlose Geste. Und dennoch… Minerva spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Ein Teil von ihr wollte umdrehen, zurück ins Schloss apparieren, diesen Anblick vergessen. Der andere Teil blieb wie verankert, unfähig, sich zu rühren. Dann sah Hermine auf und ihr Blick traf Minervas. Nur ein Wimpernschlag lang, doch die Erkenntnis blitzte auf. Ein winziges, kaum merkliches Lächeln huschte über Hermines Lippen und sie nickte unauffällig, als wolle sie sagen:
'Alles gut. Vertrau mir.'
Minerva wich zurück, unauffällig, ließ die Tür wieder hinter sich zufallen. Ihr Atem ging schneller, sie legte das Buch auf den Tresen, bezahlte ohne ein weiteres Wort und trat hinaus in den Wind, der plötzlich kälter wirkte als zuvor. Sie sah nicht auf, wollte Hermine und Caleb nicht erneut so vertraut sehen. Also ging sie die Straße entlang. Unter der Schicht aus Disziplin und Stolz, regte sich etwas anderes. Ein stilles, brennendes Gefühl, das kein Zauber der Welt unterdrücken konnte. Sie ging in das „Drei Besen“. Dort würde sie Pomona und Poppy treffen.
Das Feuer im Kamin des „Drei Besen“ knackte leise und der Geruch von Butterbier und Holzrauch hing in der Luft. Der Nachmittag war fortgeschritten, das Stimmengewirr gedämpft. Minerva saß an einem der hinteren Tische, den Mantel über die Stuhllehne gehängt, die Hände um ein Glas Feuerwhisky gelegt, als könne sie damit etwas von der Kälte in sich vertreiben. Sie hatte das Glas kaum angerührt, als sich eine vertraute Gestalt näherte.
„Na, wenn das nicht unsere unerschütterliche Schulleiterin ist,“ sagte Pomona mit einem verschmitzten Lächeln und ließ sich ohne Einladung nieder.
Minerva zwang sich zu einem Lächeln und begrüßte ihre Freundin.
„Wo hast du denn Poppy gelassen?“
„Kommt gleich. Sie wollte… ah, da ist sie schon“, sagte Pomona und winkte der Heilerin zu.
Poppy grüßte erfreut, setzte sich gegenüber und musterte Minerva aufmerksam.
„Ihr seid spät dran,“ bemerkte Minerva nüchtern, ohne sie anzusehen.
„Ich hatte noch einen kleinen Zwischenfall im Gewächshaus. Neville hat wieder mit diesen neuen Blüten experimentiert.“
Pomona grinste breit.
„Nichts Schlimmes. Er hat jetzt nur leicht grüne Ohren.“
Poppy lachte, aber ihr Blick blieb auf Minerva gerichtet.
„Und du? Was ist mit dir?“
Minerva hob das Glas, nahm einen langsamen Schluck.
„Ich bin nur müde, Poppy.“
„Müde klingt nicht nach dir,“ entgegnete Poppy sanft.
Pomona beugte sich vor, die Ellbogen auf den Tisch gestützt.
„Hat das zufällig etwas mit einer bestimmten, jungen Kollegin zu tun, die sich mit einem charmant aussehenden Mann in Hogsmeade herumtreibt?“
Minerva erstarrte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber Poppy sah es.
„Also ja,“ sagte Pomona zufrieden und lehnte sich zurück. „Ich wusste es.“
„Pomona,“ warnte Poppy mit einem Blick.
Dann legte sie eine Hand auf Minervas Unterarm.
„Minerva… du hast sie gesehen, oder?“
Minerva antwortete nicht sofort. Der Feuerwhisky brannte auf ihrer Zunge, wärmer als guttat.
„Ja. Zufällig.“
„Zufällig,“ wiederholte Pomona leise. „Natürlich.“
Minerva schob ihr Glas ein Stück von sich weg.
„Ich weiß, was du denkst, Pomona, aber ich habe mich im Griff. Ich vertraue ihr.“
„Das glaube ich dir sogar,“ sagte Poppy ruhig. „Aber Vertrauen ist keine Rüstung. Es lässt einen trotzdem verletzlich werden.“
„Ich war so sicher…“, sagte Minerva schließlich leise, fast zu sich selbst. „… dass ich das kann. Abwarten, vernünftig bleiben, aber dann… sehe ich sie dasitzen, so frei, so… jung und dieser Mann – dieser Caleb – sieht sie an, als wäre sie das Licht selbst. Und ich…“ Sie stockte, schloss kurz die Augen. „Ich hasse mich dafür, dass mich das so trifft.“
Pomona nahm einen tiefen Schluck von ihrem Butterbier.
„Weißt du, Minerva, manchmal hat man das Herz einfach nicht im Griff, egal wie diszipliniert man ist. Ich glaub, du hast dich lange genug beherrscht für zwei Leben.“
Poppy nickte.
„Und du musst dir nicht einreden, dass Eifersucht dich schwach macht. Sie zeigt nur, dass dir etwas wichtig ist und vielleicht… dass du Angst hast, wieder jemanden zu verlieren.“
Minerva blickte zu ihr auf. „Wieder?“
Poppy hielt dem Blick stand.
„Ich kenne dich lange genug, um zu wissen, wie schwer es dir fällt, dich zu öffnen. Nach Elphinstone, nach allem… Hermine hat dich verändert. Sie hat dich zurück ins Leben gezogen. Das macht Angst, ja, aber es ist keine Schwäche, Minerva.“
Pomona lächelte sanft.
„Und falls du dir Sorgen machst, sie redet von nichts anderem als von dir, wenn wir mit ihr allein waren. Da muss selbst ich manchmal die Augen verdrehen.“
Das entlockte Minerva tatsächlich ein leises, beinahe beschämtes Lächeln.
„Tut sie das?“
„Mehr als dir wahrscheinlich lieb ist,“ sagte Pomona grinsend. „Du solltest dich wirklich entspannen. Hermine hat alles unter Kontrolle.“
Minerva sah in die bernsteinfarbene Tiefe ihres Glases.
„Ich hoffe, du hast recht.“
Poppy beugte sich leicht vor.
„Sie liebt dich, Minerva. Das weiß ich sicher. Und sie will dich schützen, selbst wenn du gerade nicht verstehst, wie.“
Minerva schwieg. Dann nickte sie langsam.
Das leise Stimmengewirr im „Drei Besen“ schwoll an, je mehr der Nachmittag verging. Der Kamin warf ein flackerndes, goldenes Licht über die polierten Tische und draußen färbte sich der Himmel langsam grau. Minerva, Pomona und Poppy saßen noch immer an ihrem Platz im hinteren Teil des Raumes, als plötzlich eine Gruppe lachender Schüler die Tür aufstieß.
„Habt ihr Professor Granger gesehen?“ rief eine Mädchenstimme, halb verlegen, halb aufgeregt.
„Natürlich! Sie war mit diesem gutaussehenden Typen unterwegs!“
„Der mit dem dunklen Mantel?“
„Ja! Sie sah so glücklich aus und er hat sie an der Hand gehalten!“
„Das ist sicher ihr Freund.“
„Oder ihr Lover.“
Ein paar der Schüler kicherten, während sie sich an den Nebentisch setzten. Pomona und Poppy warfen sich einen Blick zu. Minerva jedoch verharrte reglos, die Finger um ihr Glas verkrampft. Nur der kaum wahrnehmbare Muskel an ihrer Wange verriet, dass sie zuhörte.
„Sie sieht total verliebt aus“, fuhr eine andere Schülerin fort.
Pomona hob die Augenbrauen, wollte etwas sagen, doch Poppy legte ihr warnend eine Hand auf den Arm. Sie wusste, dass jedes unbedachte Wort jetzt Öl ins Feuer wäre. Minerva nippte an ihrem Whisky, der inzwischen lauwarm geworden war.
„Sie sehen, was sie sehen wollen“, murmelte sie, als wollte sie es sich selbst einreden.
„Natürlich,“ sagte Pomona sanft. „Und sie reden, wie Schüler nun mal reden. Es ist Hogsmeade-Tag. Da wird jedes Händeschütteln zur Romanze aufgeblasen.“
Minerva wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür erneut.
Horace Slughorn kam herein, dicht gefolgt von Filius Flitwick und zu Minervas Unbehagen – Edmund Featherstone.
„Ah, was für ein Tag!“ rief Horace gut gelaunt und schwenkte den Arm. „Rosmertas bester Jahrgang wartet auf uns!“
„Und hoffentlich noch ein Tisch,“ keuchte Flitwick. „So voll war’s hier lange nicht.“
Poppy richtete sich unauffällig ein Stück auf.
Horace hatte sie entdeckt und kam auf sie zu.
„Einen schönen Nachmittag die Damen.“
Die drei grüßten ihn freundlich zurück. Obwohl es ihr zuwider war, bot Minerva ihnen an, sich zu ihnen zu setzen. Horace ließ sich, ohne zu zögern nieder, Filius kletterte auf den Stuhl neben ihm, während Featherstone sich gegenüber von Minerva platzierte. Sein charmantes Lächeln war perfekt – zu perfekt.
„Minerva,“ begann er, als hätte er sie zufällig getroffen, „welch seltener Anblick. Genießt du den freien Nachmittag?“
„So sehr, wie es die Gesellschaft erlaubt,“ erwiderte sie kühl.
Horace, der die Spannung sofort spürte, hustete und wandte sich an Poppy.
„Habt ihr die Neuigkeiten gehört? Offenbar hat unsere liebe Hermine Granger Besuch bekommen. Ein junger Mann, recht sympathisch, wenn man den Schülern Glauben schenken darf.“
Pomona trank in aller Ruhe einen Schluck Butterbier.
„Ach ja? Das ging aber schnell rum.“
„Ja, ja!“ rief Flitwick. „Ich habe die beiden selbst kurz gesehen. Sahen sehr vertraut aus.“
Featherstone grinste schmal.
„Vertraut ist ein mildes Wort. Ich würde sagen – innig.“
Minervas Blick glitt blitzschnell zu ihm. Sie war kontrolliert und wirkte unberührt, doch ihr Herz zog sich zusammen.
„Es ist doch schön, wenn sie jemanden hat. Allerdings verdient sie etwas mehr Respekt als Klatsch in der Kneipe“, meinte Poppy.
Horace hob beschwichtigend die Hände. „Natürlich, natürlich, Poppy! Wir meinten ja nichts Böses. Nur interessant, dass sie sich endlich mal Zeit für sich nimmt. Sie arbeitet ja unermüdlich, um es jedem recht zu machen.“
Featherstone neigte leicht den Kopf.
„Sicher, aber interessant bleibt es trotzdem.“
Pomona schaltete sich ein, ruhig, aber mit Nachdruck.
„Manchmal ist es leichter, über andere zu reden, als sich selbst im Spiegel zu betrachten, Edmund.“
Horace lachte verlegen, während Flitwick hastig das Thema wechselte und über die neue Prüfungsordnung zu sprechen begann, doch Minerva hörte kaum zu. Ihr Blick war auf die tanzenden Flammen im Kamin gerichtet, ihr Inneres ein Sturm. Sie trank den Rest ihres Whiskys in einem Zug aus und stellte das Glas entschlossen ab.
„Ich glaube, ich brauche frische Luft,“ sagte sie knapp, stand auf und wandte sich zum Gehen.
„Minerva—“ begann Poppy, doch sie hob nur kurz die Hand.
„Ich bin gleich zurück“, sagte Minerva lächelnd.
Draußen schlug ihr der kühle Wind entgegen. Leichter Regen trieb über das Kopfsteinpflaster und in der Ferne konnte sie tatsächlich zwei Gestalten erkennen. Hermine und Caleb, Arm in Arm, lachend, mitten auf der Straße.
Minerva blieb stehen.
Sie wusste, dass es nur ein Spiel war. Hermines Spiel, ihr beider Schutz, aber zu sehen, wie jemand anders sie berührte, wie sie lachte, als gehöre sie nicht längst ihr… Ein Schmerz zog durch ihre Brust. Sie atmete tief ein, schloss für einen Moment die Augen und wünschte sich, sie könnte ihr Herz ebenso leicht zügeln wie ihre Worte. Sie stand noch immer dort, wo sie Hermine und Caleb gesehen hatte – bewegungslos, mit einem Gesichtsausdruck, den nur jemand verstand, der sie wirklich kannte.
„Bist du in Ordnung?“ sagte eine ruhige, vertraute Stimme hinter ihr. Poppy.
Minerva drehte sich langsam um.
„Ich wollte nur… frische Luft.“
„Natürlich,“ erwiderte Poppy sanft und trat neben sie. „Ich nehme an, die Luft schmeckt nach Feuerwhisky und Eifersucht?“
Minerva schnaubte leise, ohne Lächeln.
„Ich bin nicht eifersüchtig.“
„Nein, du bist nur zufällig hier draußen im Regen, weil du den Sonnenuntergang bewundern wolltest.“
Ein kurzer, scharfer Atemzug entwich Minerva.
„Poppy, bitte.“
„Ich weiß,“ sagte die Heilerin ruhig. „Ich weiß, wie sehr du dich beherrschen musst und dass du Angst hast. Nicht nur vor dem, was andere denken, sondern davor, dass sie dich verletzlich sehen.“
Minerva schwieg, die Augen auf die Straße gerichtet.
Poppy fuhr leiser fort: „Ich hab dich selten so gesehen, Minerva. Du liebst sie wirklich.“
Minerva lächelte schwach, traurig.
„Mehr, als mir guttut und doch kann ich sie nicht loslassen.“
„Hermine hat das Herz am rechten Fleck. Sie würde nie etwas tun, das dich verletzt.“
„Ich weiß.“
Minerva atmete tief ein.
„Aber es ändert nichts daran, dass ich sie teilen muss. Mit der Welt. Mit… Schutzbehauptungen, Lügen, Alibis. Es ist… anstrengend.“
„Liebe ist immer anstrengend,“ meinte Poppy trocken. „Aber sie lohnt sich, wenn sie echt ist.“
Minerva wollte etwas erwidern, doch da kam bereits ein Paar um die Ecke.
„Da seid ihr ja!“ rief Hermine lächelnd, während sie mit Caleb näherkam. Ihr Mantel war offen, das Haar fiel in weichen Locken über die Schultern. Sie strahlte – aufgesetzt vielleicht, aber überzeugend. Caleb, ein hochgewachsener Mann mit hellen Augen und einem warmen, ehrlichen Lächeln, wirkte nicht wie jemand, der Minerva Grund zur Sorge sein konnte.
„Professor McGonagall“ sagte er höflich, trat einen Schritt vor und verneigte sich leicht. „Hermine hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Ich bin Caleb.“
Minerva musterte ihn einen Moment aufmerksam und abwägend, doch da war nichts Herablassendes in seinem Blick, kein spöttischer Unterton. Nur Aufrichtigkeit.
„Freut mich,“ sagte sie knapp, aber nicht unfreundlich. „Sie arbeiten nun im Ministerium, wenn ich mich recht erinnere?“
„Richtig. Abteilung für magische Bildung. Ich arbeite an einem Forschungsprojekt über Lehrmethoden.“
„Aha.“ Minerva nickte langsam. „Dann hoffe ich, Sie finden, was Sie suchen.“
„Ich bin mir sicher,“ antwortete er mit einem leichten Schmunzeln und für einen winzigen Moment entkrampfte sich Minervas Haltung. Poppy grinste leise in sich hinein.
„Also der berühmte Caleb. Ich beginne zu verstehen, warum die Schüler so viel zu tratschen haben.“
Hermine lachte leise, erlösend, fast erleichtert.
„Ja, die haben alle ihre Freude. Ich hoffe nur, dass sie wenigstens anständige Geschichten erzählen.“
Caleb legte charmant den Kopf schief.
„Wenn nicht, helfe ich gern nach. Ich kann sehr überzeugend so tun, als sei ich Hals über Kopf in Hermine verliebt.“
Minerva hob leicht eine Braue und Caleb fügte sofort hinzu – mit ernster Stimme, aber einem verständnisvollen Blick:
„Nur so lange, bis sie mich nicht mehr braucht. Ich weiß, was hier auf dem Spiel steht, Professor und glauben Sie mir, ich habe nicht vor, mich zwischen Sie und Hermine zu stellen.“
Für einen Moment herrschte Stille. Dann nickte Minerva, langsam, kaum merklich.
„Ich danke Ihnen. Für Ihre Diskretion.“
„Diskretion ist mein zweiter Vorname,“ sagte Caleb ruhig und mit einem schiefen Lächeln. „Und ich glaube, Sie können sich darauf verlassen, dass ich Hermines Vertrauen so achte, wie sie Ihres achtet.“
Hermine sah zwischen beiden hin und her und in ihren Augen lag für einen Moment reine Zärtlichkeit. Poppy klopfte Minerva sachte auf den Arm.
„Na also. Kein Grund mehr, um sich im Regen eine Erkältung zu holen, hm?“
„Ich hatte nicht vor, eine Erkältung zu bekommen“, sagte Minerva trocken und die Schärfe in ihrer Stimme wich einem kaum sichtbaren Lächeln.
„Dann ist ja gut,“ meinte Poppy. „Weil du sonst heute Abend den besten Kürbiskuchen des Landes verpassen würdest.“
Caleb grinste.
„Dann sollten wir alle zurück ins Warme. Mein Butterbier wartet schon.“
Während sie gemeinsam Richtung „Drei Besen“ zurückgingen, war das Ziehen in Minervas Brust nicht verschwunden. Hermine lief neben ihr, so nah, dass ihre Schultern sich gelegentlich berührten und als sich ihre Blicke trafen, war in Hermines Augen das, was Minerva brauchte: Gewissheit.
Nicht gespielt. Nicht geplant.
Echt.
„Nicht mehr lange“, flüsterte Hermine und streifte leicht Minervas Hand.
Als sie sich wieder zu den anderen gesellten, schwebte Madam Rosmerta mit einem Tablett an ihrem Tisch vorbei, stellte eine weitere Runde Feuerwhisky und Butterbier ab und zwinkerte Pomona verschwörerisch zu.
„Was für ein Zufall! Hermine, mein liebes Kind – man hört, du hast charmante Gesellschaft!“
„Horace, das ist mein Freund Caleb Murray. Caleb, das ist Horace Slughorn. Mein Mentor in Zaubertränke.“
„Eine Freude, Sie kennenzulernen.“
„Hermine, also das ist ja entzückend! Ich wusste gar nicht, dass du Besuch hast. Setzt euch doch zu uns.“
„Danke. Caleb, das ist Professor Flitwick und das ist Professor Sprout.“
Caleb neigte höflich den Kopf.
„Es freut mich sehr, endlich Gesichter zu den Geschichten zu bekommen.“
Minerva ließ sich neben Poppy nieder, die ihr einen aufmerksamen Blick zuwarf. Gegenüber setzten sich Hermine und Caleb, dicht nebeneinander, ihre Schultern berührten sich leicht. Das war vermutlich Absicht – die perfekte Inszenierung.
Featherstone, der für die beiden einen Platz weitergerückt war, hob eine Braue.
„Ein Freund, ja?“
Sein Ton war seidig, aber Minerva hörte das Gift darin. Bevor er jedoch noch etwas hinzufügen konnte, legte Caleb lächelnd den Arm um Hermines Stuhllehne, locker, ganz selbstverständlich.
„Ein sehr guter Freund,“ fügte er hinzu, ohne den Blick von Featherstone zu nehmen. „Und, wenn ich so frei sein darf, ein sehr stolzer.“
Featherstones Mundwinkel zuckten kaum merklich.
„Wie rührend.“
Hermine seufzte.
„Wenn ich vorstellen darf, Professor Featherstone.“
„Ah, Sie sind das also. Dann ist es mir eine ausgesprochen große Freude, auch Sie kennenzulernen.
Minerva sah das Funkeln in seinen Augen und gleichzeitig, wie perfekt Hermines Plan gerade funktionierte. Featherstone würde nie glauben, dass zwischen Hermine und ihr etwas lief, wenn dieser Caleb so überzeugend an ihrer Seite war und dennoch zog sich etwas in ihr zusammen, als Hermine ihm gerade genug Zuneigung zeigte, um es glaubhaft zu machen. Obwohl Minerva sich erst geweigert hatte, nippte sie nun an ihrem Feuerwhisky. Caleb erwies sich als angenehme Gesellschaft – charmant, respektvoll, klug genug, nicht zu neugierig zu wirken. Er sprach über seine Arbeit im Ministerium, über Bildungsreformen, über die Absurditäten der Bürokratie – und jedes Mal, wenn er etwas Witziges sagte, lachte Hermine ehrlich, aber nie zu laut. Nie zu lange. Sie wusste genau, wann sie Minerva einen kurzen, beruhigenden Blick zuwerfen musste.
„Ich verstehe gar nicht, wie Sie das alles durchstehen, Mr. Murray,“ sagte Poppy und schob ihr Glas zur Seite. „Ich kriege schon Kopfschmerzen, wenn ich nur ans Ministerium denke.“
Caleb grinste.
„Oh, ich überlebe dank Kaffee, Ironie und gelegentlichem Zauberstabwurf gegen die Wand.“
„Das klingt nach einer soliden Taktik,“ kommentierte Minerva trocken.
„Wissen Sie,“ sagte Caleb, sich höflich zu ihr wendend, „Hermine hat mir erzählt, dass Sie sich früher selbst in endlosen Sitzungen mit dem Bildungsrat wiederfanden.“
„Früher?“ fragte Poppy spitz. „Das passiert doch immer noch.“
Minerva hob die Braue, aber Hermine war schneller.
„Ja, allerdings ist Minerva die Einzige, die es schafft, dass nach so einer Sitzung alle Beteiligten glauben, sie hätten ihren Willen bekommen.“
Das entlockte selbst Minerva ein knappes, aber echtes Lächeln.
„Taktik ist eine Kunstform.“
„Ich lerne von der Besten“, erwiderte Hermine ruhig und der Blick, den sie ihr dabei zuwarf, war so zärtlich, dass Minerva sofort den Blick senkte, um sich zu fassen. Sie trank einen Schluck, um ihre Miene neutral zu halten und beobachtete, wie Featherstone schließlich den Blick abwandte und sich demonstrativ zu Slughorn drehte. Während die Unterhaltung weiterfloss, beobachtete Minerva schweigend das Spiel.
Hermine lachte an den richtigen Stellen, legte kurz ihre Hand auf Calebs Arm, sah ihn mit vertrauter Wärme an und immer wieder glitt ihr Blick unauffällig zu Minerva, kurz, beruhigend, fast bittend. Minerva versuchte, die Maskerade zu würdigen. Sie wusste, wie wichtig sie war, doch jedes Mal, wenn sie sah, wie Caleb sich ein wenig vorbeugte, um Hermine etwas ins Ohr zu flüstern, spürte sie dieses unangenehme Brennen in der Brust, das sie kaum zu verbergen wusste. Poppy bemerkte es natürlich sofort. Sie legte Minerva unauffällig eine Hand auf den Arm. Minerva presste die Lippen zusammen, nickte kaum merklich. Nach einer Weile entschuldigte sich Minerva und ging zu den Waschräumen. Minerva stützte sich an der Kante des Waschbeckens ab, sah sich im Spiegel an – das gespannte Gesicht, der kühle Ausdruck, hinter dem sich ein Sturm verbarg. Sie schloss kurz die Augen.
'Reiß dich zusammen, McGonagall.'
Doch kaum hatte sie tief durchgeatmet, hörte sie leise Schritte hinter sich. Hermine trat ein, schloss die Tür leise hinter sich.
„Ich dachte, du brauchst vielleicht etwas Gesellschaft,“ sagte sie.
Minerva öffnete die Augen, sah ihr Spiegelbild an und darin Hermines sanften, besorgten Blick.
„Solltest du nicht bei deinem Freund sitzen?“ fragte sie kühl, doch ihre Stimme zitterte kaum merklich.
„Er kommt auch ohne mich klar. Ich wollte nach dir sehen.“
Minerva wandte sich um.
„Ich brauche keine Aufsicht, Hermine.“
„Ich weiß,“ entgegnete Hermine leise, trat einen Schritt näher. „Aber du bist unruhig. Ich hab’s gespürt.“
Minerva hob das Kinn.
„Unruhig? Ich bin vollkommen ruhig. Ich bewundere lediglich deine schauspielerischen Fähigkeiten.“
Ein Hauch von Ironie lag in ihrer Stimme, aber Hermines Blick blieb ernst.
„Ich tue, was nötig ist, damit niemand Verdacht schöpft. Das weißt du.“
„Natürlich.“ Minerva verschränkte die Arme. „Und ich sollte dir dankbar sein, dass du so… überzeugend bist.“
„Minerva,“ sagte Hermine sanft und trat noch näher. „Du musst mir glauben, ich sehe nur dich. Alles andere ist Fassade.“
„Ich weiß“, erwiderte Minerva, etwas leiser nun. „Aber wissen und fühlen sind zwei verschiedene Dinge.“
Hermine hob langsam die Hand, legte sie auf Minervas Arm.
„Ich liebe dich. Kein Spiel, keine Tarnung, kein Caleb dieser Welt ändert das.“
Minerva senkte den Blick, atmete tief ein. Das Feuer in ihren Augen glomm schwächer, verdrängt von Müdigkeit und etwas, das wie Scham wirkte.
„Ich vertraue dir, Hermine. Mehr, als mir lieb ist.“
Hermine lächelte sanft.
„Dann bleib dabei und denk daran: Heute Abend bin ich wieder bei dir.“
Hermine griff vor und zog Minerva in einen feurigen Kuss, ehe sie wieder durch die Tür verschwand. Minerva sah ihr einen Moment nach, bevor sie sich wieder dem Spiegel zuwandte. Das Gesicht, das sie dort sah, war das einer Frau, die gelernt hatte, ihre Gefühle zu bändigen, aber heute wusste sie, dass sie es nicht mehr vollständig konnte.
Als Minerva zum Tisch zurückkehrte, erzählte Slughorn gerade eine seiner übertriebenen Anekdoten aus der Zeit des Trankturniers, Filius lachte so laut, dass selbst Rosmerta kurz innehielt und Pomona nippte zufrieden an ihrem Butterbier. Caleb, der neben Hermine saß, wandte sich charmant an die Runde.
„Also, ich muss sagen – Hogwarts ist wirklich beeindruckend. Kein Wunder, dass Hermine so begeistert davon spricht. Ich habe selten jemanden gesehen, der so leidenschaftlich über Bildung spricht.“
Ein zustimmendes Nicken ging durch die Kollegen.
Featherstone lächelte dünn.
„Leidenschaftlich trifft es wohl. Manchmal fast… zu sehr.“
Pomona schnaubte leise, doch bevor sie etwas erwidern konnte, legte Caleb gelassen den Arm um Hermines Schulter.
„Das ist einer der Gründe, warum ich sie so bewundere.“
Minervas Atem stockte. Für einen Moment sah sie nur dieses Bild. Hermine, die den Kopf leicht neigte, um das Spiel perfekt wirken zu lassen und Caleb, der sie mühelos in seine Rolle zog. Das Gelächter, die Stimmen um sie herum, alles verschwamm zu einem dumpfen Hintergrundrauschen. Hermine war gut. Zu gut. Sie lachte, legte die Hand auf Calebs Knie und wenn sie ihn ansah, tat sie es mit einer Wärme, die jeder für echt gehalten hätte. Minerva wusste, dass es gespielt war und doch fühlte es sich an, als würde sie dabei zusehen, wie Hermine sich Stück für Stück von ihr entfernte.
„Das ist wirklich entzückend“, sagte sie schließlich mit der Beherrschung einer Frau, die ihr Leben lang gelernt hatte, keine Schwäche zu zeigen.
Ihre Stimme klang ruhig, fast freundlich.
„Ich freue mich für euch beide. Es ist schön, Hermine wieder glücklich zu sehen.“
Caleb lächelte und dann tat er, wovor sich Minerva am meisten gefürchtet hatte. Er neigte den Kopf und küsste Hermine auf die Wange. Pomona und Poppy tauschten einen kurzen, besorgten Blick. Hermine jedoch sah sofort das Zittern von Minervas Hand, als sie das Glas zum Mund führte. Caleb nickte höflich.
„Vielen Dank, Professor McGonagall. Ich hoffe, ich darf mich einmal für ein längeres Gespräch über die Schule bei Ihnen melden. Hermine hat mir so viel erzählt.“
„Das glaube ich Ihnen gern“, erwiderte Minerva mit einem Lächeln, das so perfekt war, dass es fast weh tat.
Doch innerlich… brannte alles. Eifersucht, Schuld, Angst – eine unheilige Mischung, die sich hinter der Maske aus Disziplin verbarg. Nach einer Weile, als das Gespräch sich erneut einer belanglosen Anekdote von Slughorn zuwandte, schob Minerva leise ihren Stuhl zurück.
„Ich sollte wohl langsam aufbrechen“, sagte sie beiläufig. „Ein paar Unterlagen für den Wochenbeginn liegen noch auf meinem Schreibtisch.“
Poppy beugte sich leicht zu ihr. „Minerva, du musst doch nicht—“
„Doch, doch. Bleibt ruhig noch etwas. Ihr habt euch das alle verdient.“
„Aber—“ setzte Hermine an.
Minerva hob nur die Hand, der Ton freundlich, aber endgültig.
„Bleibt. Es ist ein schöner Nachmittag und ihr sollt ihn genießen.“
Dann wandte sie sich an Caleb.
„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Besuch, Mr. Murray. Es war mir eine Freude.“
„Ganz meinerseits, Professor“, antwortete er höflich.
Hermine stand halb auf, als wolle sie ihr folgen, doch Minervas Blick hielt sie zurück – ruhig, doch voller unausgesprochener Bitten.
„Bleib“, sagte dieser Blick. „Mach es glaubwürdig.“
Und so blieb Hermine sitzen, während Minerva sich erhob, ihren Mantel schloss und mit jener unverkennbaren Haltung den Pub verließ, die sie stets umgab – stolz, unerschütterlich, unnahbar. Erst als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, atmete Hermine hörbar aus.
„Das war zu viel für sie“, flüsterte Pomona.
„Ich weiß“, flüsterte Hermine und sah auf die geschlossene Tür. „Ich weiß.“
Poppy seufzte leise.
„Ich hoffe, sie hört mir zu, wenn ich zu ihr gehe.“
„Das wird sie schon“, flüsterte Caleb.
Hermine nickte, doch ihr Blick blieb auf die Tür gerichtet, hinter der Minerva verschwunden war – dorthin, wo sie wusste, dass Liebe und Vernunft wieder einmal miteinander kämpften.