Bewährung
Bewährung
Hallo meine Lieben,
ich will gar nicht viel sagen, außer vielen Dank für eure lieben Nachrichten :) Freue mich jedes Mal sehr darüber. Jetzt aber viel Spaß mit dem neuen Kapitel :D
LG
M.
Der Klassenraum war bereits gut gefüllt, als Hermine eintrat. Die Schüler drehten sich nach ihr um, einige neugierig, andere überrascht und ein paar, die wohl etwas von gestern mitbekommen hatten, tauschten verschwörerische Blicke aus. Ihr Herz schlug schneller, aber sie hielt ihren Rücken gerade. Featherstone stand am Pult, steif wie eine Statue, seine Lippen zu einem dünnen Strich gepresst. Als er Hermine bemerkte, hob er das Kinn, als müsste er sich daran erinnern, dass sie jetzt offiziell hier sein durfte.
„Miss Granger“, sagte er in einem Tonfall, der keinerlei Freude, aber auch keine offene Feindseligkeit enthielt.
Es war kontrollierter als sonst. Gezähmt, aber gefährlich.
„Schön, dass Sie pünktlich sind.“
„Natürlich“, antwortete Hermine höflich und suchte sich ihren Platz vorn an der Seite.
In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut. Minerva trat ein und der Raum veränderte sich sofort.
Die Schüler richteten sich aufmerksamer auf. Ein paar verstummten mitten im Flüstern. Featherstone erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde – genau lang genug, dass nur Hermine es bemerkte. Mit ihrer Anwesenheit hatte er offensichtlich nicht gerechnet.
Minerva ging mit ruhigen, gemessenen Schritten nach vorne, blieb aber seitlich stehen. Sie sagte nichts, tat nichts, aber ihre bloße Anwesenheit war eine klare Botschaft:
Ich bin hier. Und ich sehe alles.
Featherstone richtete sich unnötig stark auf.
„Nun“, begann er, „heute beschäftigen wir uns mit anspruchsvolleren Verwandlungsübungen. Miss Granger wird… assistieren.“
Das Wort ‚assistieren‘ spuckte er fast aus.
Minerva verschränkte langsam die Arme.
Featherstone räusperte sich.
„Oder vielmehr… mit unterrichten.“
Hermine hörte, wie zwei Schüler in der ersten Reihe überrascht schnappten. Ein paar andere warfen sich aufgeregte Blicke zu.
„Miss Granger“, sagte Featherstone und wandte sich mit einem falschen Lächeln zu ihr, „vielleicht möchten Sie den Schülern den theoretischen Hintergrund erläutern, bevor ich die praktische Übung demonstriere?“
Es war so formuliert, dass es großzügig klang, aber die Falle war eindeutig:
Er erwartete, dass sie stotterte, dass sie ins Schwimmen geriet und dass sie sich lächerlich machte.
Hermine atmete langsam durch. Einmal. Zweimal.
Sie erinnerte sich an Minervas Hände an ihrem Rücken und ihre stärkenden Worte. Dann trat sie vor.
„Natürlich“, sagte sie ruhig, klar, ohne Zittern. „Gern.“
Featherstone blinzelte irritiert. Hermine wandte sich zur Klasse und als sie zu sprechen begann, veränderte sich der Raum erneut.
„Die heutige Übung basiert auf dem Wechsel vom unbelebten zum belebten Zustand“, erklärte sie, „und darauf, wie wir den strukturellen Kern eines Objekts stabilisieren, bevor wir die animierende Magie einleiten.“
Ihre Stimme war fest, ihr Blick sicher und die Schüler hingen an ihren Worten.
Featherstones Miene dagegen wurde dunkler und dunkler. Hermine merkte, wie sich ihre Nervosität Stück für Stück löste. Sie gestikulierte ruhig, zeigte auf das Beispielobjekt, erklärte die Zauberformel und fügte sogar eine vereinfachte Eselsbrücke hinzu, die ein paar Schüler zum Lächeln brachte. Als sie endete, war es totenstill.
Minerva nickte ihr kaum merklich zu – nicht groß, nicht auffällig, aber tief stolz.
Featherstone hingegen wirkte, als hätte jemand seinen Tee durch Zitronensaft ersetzt.
„Ja“, sagte er steif. „Danke, Miss Granger. Sehr… ausführlich.“
Es war keine Anerkennung, aber es war das Nächste, das er hergeben konnte, ohne zu explodieren.
„Dann demonstrieren wir nun die praktische Ausführung—“
„Hermine?“ unterbrach Minerva höflich, aber mit der unüberhörbaren Macht ihrer Position. „Möchtest du nicht die Demonstration übernehmen?“
Featherstone fuhr herum. Die Schüler hielten kollektiv den Atem an. Hermine blinzelte überrascht.
„Sehr gern“, sagte sie.
Featherstone ballte die Hände, die Knöchel weiß. Doch er sagte nichts. Er wagte es nicht und während Hermine den Zauberstab hob, wusste sie:
Dies war nicht nur Unterricht. Dies war ein Wendepunkt.
Hermine hob den Zauberstab, atmete einmal tief durch und führte die Bewegung so präzise aus, als hätte sie diese hundertmal geübt. Der Lichtbogen, der aus ihrer Spitze schoss, war makellos: stabil, ruhig, kraftvoll. Die magische Energie formte sich genau so, wie man es in einem Lehrbuch hätte finden können und als der Zauber sich vollständig entfaltete, entwich einigen Schülern ein bewunderndes Raunen.
Nur einer raunte nicht. Professor Featherstone.
Er stand mit verschränkten Armen am Rand des Raumes, der Mund zu einer dünnen, verächtlichen Linie gezogen, doch seine Augen verrieten, dass er überrascht war, unangenehm überrascht.
„Ausgezeichnet kontrolliert“, lobte Minerva ruhig, ohne ihre innere Zufriedenheit offen zu zeigen.
Hermine war stolz auf sich selbst. Trotz der Nervosität, trotz der Blicke und trotz Featherstone, der hinter ihr stand wie ein drohender Gewitterhimmel, hatte sie den Zauber perfekt ausgeführt.
Als sie den Zauber schließlich löste, war der Raum für einen Moment vollkommen still. Dann räusperte sich Featherstone. Schneidend. Missbilligend. Und ganz eindeutig um Fassung bemüht.
„Nun“, begann er, die Worte abgemessen, „für jemanden, der kaum Erfahrung hat, war das… akzeptabel.“
Einige Schüler blickten irritiert zu ihm, andere tauschten verstohlene Blicke aus. Minervas Miene blieb reglos. Hermine hingegen errötete – nicht vor Verlegenheit, sondern vor unterdrücktem Ärger.
„Akzeptabel, Professor?“ fragte sie höflich, aber mit einem Hauch von Stahl in der Stimme.
Featherstones Augen huschten zu Minerva, dann zurück zu Hermine, als wäge er ab, wie weit er gehen konnte.
„Ich korrigiere mich“, sagte er schließlich. „Es war… beeindruckender, als ich erwartet hatte.“
Ein Eingeständnis. Knapp über dem absoluten Minimum, das seine Berufsehre zuließ, aber ein Eingeständnis. Minerva nickte kaum merklich. Spürbar stolz. Spürbar erleichtert über Hermines Erfolg und unübersehbar zufrieden damit, dass Featherstone nun mit der Realität konfrontiert war:
Hermine Granger war gekommen, um abzuliefern und sie tat es.
Die Schüler wirkten motiviert, die Stunde ging konzentriert weiter und Featherstone schwieg für eine Zeit, die fast schon verdächtig lang war.
Er war nicht glücklich, nicht einmal ansatzweise, aber er hatte begriffen, dass Hermine nicht einfach zu untergraben war. Und Minerva? Sie beobachtete Hermine mit einem Blick, der nur sie ganz genau deuten konnte. Ein Blick voller ruhigen Stolzes und voller unausgesprochener Vertrautheit.
„Nun sind Sie dran“, sagte Hermine lächelnd.
„Zauberstäbe raus und versuchen Sie es. Ruhe und Konzentration sind der Schlüssel.“
Die Schüler begannen, den Zauber selbst zu üben. Sofort füllte sich der Raum mit einem lebhaften Durcheinander aus konzentriertem Murmeln, schimmernden Lichtkringeln und gelegentlichen kleinen Funken.
Hermine bewegte sich ruhig zwischen den Tischen, ihr Blick aufmerksam, ihre Stimme geduldig.
„Ein bisschen langsamer, Mr. Jackson… Ja, genau so.“
„Gut gemacht, Miss Andrews, aber halten Sie den Fokus etwas höher.“
„Das ist schon sehr ordentlich, weiter so.“
Die Schüler reagierten positiv auf sie. Einige sogar enthusiastisch, weil eine ehemalige Schülerin ihnen auf Augenhöhe half, sie lobte und nicht wie Featherstone nur das schlechte hervor hob.
Die Lautstärke im Klassenzimmer stieg. Featherstones Augenbrauen zogen sich missbilligend zusammen.
„Miss Granger!“, seine Stimme durchschnitt das Stimmengewirr wie ein scharfes Messer. „Können Sie bitte für etwas Ordnung sorgen? Wir befinden uns immer noch im Unterricht.“
Hermine zuckte kurz zusammen, fing sich sofort wieder.
„Natürlich, Sir.“
Sie hob leicht die Stimme, straffte die Schultern.
„Bitte etwas leiser. Ich freue mich sehr über Ihre Erfolge, aber Sie müssen sich nicht gegenseitig übertönen.“
Die Lautstärke sank sofort deutlich, doch Featherstones Blick blieb finster, als hätte sie eine Prüfung nur mit Müh und Not bestanden.
Minerva beobachtete die Szene aus der Distanz und die Anspannung, die sie hinter Hermines ruhigem Auftreten spürte, ging ihr näher, als sie sich anmerken ließ.
Dann geschah das, worauf Featherstone gewartet hatte.
Ein Schüler führte die Bewegung zu hektisch aus. Der Lichtbogen wurde instabil, zuckt wild zur Seite und traf das Tischbein seines eigenen Arbeitsplatzes. Mit einem hörbaren Knall rutschte der Tisch zur Seite, Pergament flatterte, Tinte spritzte auf, einige Schüler wichen erschrocken zurück.
Hermine reagierte sofort. Ruhig trat sie zu ihm.
„Alles in Ordnung? Niemand ist verletzt?“
Eliot Bricker schüttelte bleich den Kopf, doch Featherstone war schon vorgeprescht, wie ein Raubtier, das gewittert hatte, dass endlich etwas schiefgehen würde.
„Genau das, Miss Granger“, erklang seine schneidende Stimme, „passiert, wenn man unerfahrene Halbkräfte in den Unterricht lässt!“
Die Klasse verstummte. Hermine erstarrte. Minervas Gesicht wurde gefährlich ruhig. Featherstone fuhr fort, jedes Wort mit betonter, giftiger Deutlichkeit:
„Anstatt die Schüler richtig zu beaufsichtigen, laufen Sie hier herum und erteilen halbgare Anweisungen, die ganz offenbar—“
„Das war meine Schuld…“ murmelte Eliot leise, doch Featherstone schenkte ihm keine Beachtung.
„—zu Unordnung, Ablenkung und letztlich zu gefährlichen Situationen führen.“
Hermines Augen funkelten auf. Nicht wütend, sondern tief verletzt. Sie hob ruhig ihren Zauberstab und brachte alles wieder in Ordnung. Dann stellte sie sich schützend vor ihren Schüler.
„Es hätte mich gewundert, wenn die Kinder den neuen Zauber bereits nach dem ersten Versuch in voller Perfektion ausführen könnten, Professor. Missgeschicke sind Teil des Lernprozesses. Das sollten Sie als langjähriger, erfahrener Lehrer doch wissen oder?“
Hermine sprach ruhig und genau das machte Featherstone noch wütender. Die Schüler hielten teilweise die Luft an. Featherstones Blick zuckte zu Minerva, die ruhig am Rand stand und wartete.
„Nun Miss Granger, unter guter Aufsicht und präziser Erklärung, wäre so etwas nicht…“
„Professor Featherstone“, sagte Minerva ruhig.
Die Art von Ruhe, die ein Gewitter ankündigte. Er verstummte, wandte sich langsam zu ihr um. Minerva trat vor, mit der Autorität, die den Raum augenblicklich füllte.
„Dieser Zwischenfall“, sagte sie mit klarer, fester Stimme, „wäre jedem Schüler passiert – unter jeder Aufsicht. Miss Granger hat vollkommen korrekt und rasch reagiert.“
Einige Schüler nickten unwillkürlich.
„Und falls Sie es vergessen haben“, Minerva hob leicht das Kinn, „sie befindet sich hier in Ausbildung. Es ist die Aufgabe unseres Kollegiums, ihre Fähigkeiten zu fördern, nicht ihr bei jeder Gelegenheit Fallen zu stellen.“
Featherstone presste die Lippen zusammen.
Sein Gesicht war dunkelrot vor Wut und einer Spur von Demütigung. Er presste die Lippen zusammen und wandte sich wieder der Klasse zu.
„Setzen wir den Unterricht fort.“
Featherstone zog sich mit einem knappen Zucken zurück. Hermine wandte sich wieder Eliot zu, legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Sie haben nichts falsch gemacht. Das war einfach Übung. Versuchen Sie es nochmal, ja?“
Er nickte zaghaft.
Minerva sah das und fühlte etwas in sich warm glühen – Stolz, Zuneigung, Schutz.
Und Featherstone wusste nun:
Er würde Hermine nicht so leicht zu Fall bringen.
Der Rest der Stunde verlief überraschend ruhig.
Featherstone wirkte fahrig, gereizt, als würde er verzweifelt auf den nächsten Fehltritt warten, doch die Schüler bemühten sich auffallend, es nicht dazu kommen zu lassen.
Hermine arbeitete konzentriert, aufmerksam. Sie übernahm wiederholt Erklärungen, demonstrierte kurze, führte einzelne Schüler geduldig durch die Bewegungen. Die Klasse hing an ihren Lippen. Sie schienen froh darüber zu sein eine Lehrperson vor sich zu haben, die sie verstand.
Minerva blieb am Rand stehen und beobachtete das Geschehen schweigend. Mehrfach erwischte Hermine ihren Blick und jedes Mal lag darin unverhohlenes Vertrauen.
Als die Stunde schließlich endete, schnappte sich Featherstone seine Materialien und klappte sein Buch mit einem unnötig harten 'Wumm' zu.
„Der Unterricht ist beendet“, sagte er. „Packen Sie zusammen.“
Die Schüler beeilten sich. Sobald sich die Menge aus dem Klassenraum ergossen hatte, blieb nur ein dünner Nachhall der Unruhe zurück.
Featherstone schob sich an Minerva vorbei – viel zu dicht, viel zu steif – und drückte zwischen zusammengekniffenen Zähnen ein:
„Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen.“
Minerva antwortete nicht, aber ihr Blick sagte genug. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Die Stille, die folgte, war weich, beinahe intim.
Hermine strich sich eine lose Lockensträhne hinters Ohr und wandte sich zu Minerva.
„Ich… hoffe, ich habe dich nicht enttäuscht.“
Minerva schnaubte leise.
„Unsinn.“
Sie trat näher. Ruhig. Gemessen.
„Hermine, du hast dich exzellent geschlagen. Besser, als ich es mir erhofft hatte und deine Reaktion auf den Zwischenfall war vorbildlich.“
Hermines Lippen zuckten.
„Trotz seiner… Art?“
„Gerade wegen seiner Art.“
Minerva legte ihr eine Hand auf den Arm.
„Ich habe heute gesehen, was ich schon lange wusste: Du bist bereit. Er wird dir Steine in den Weg legen, aber…“
Ihre Hand glitt sacht höher, ihre Stimme wurde weicher.
„…du wirst dich behaupten.“
Hermines Herzschlag wurde hörbar schneller.
„Danke. Für alles… im Unterricht. Und… außerhalb davon.“
Ein kleiner, wissender Funke erschien in Minervas Augen.
„Das außerhalb davon besprechen wir später.“
Ein sanftes Lächeln formte sich auf Hermines Lippen.
„Unbedingt.“
Minerva ließ ihre Hand einen Moment länger dort, als nötig. Dann zog sie sie zurück, als Schritte auf dem Korridor zu hören waren.
„Nun gut“, sagte sie förmlich, „ich habe fürs erste genug gesehen. Ich werde mit Edmund sprechen und er wird dich die nächste Stunde ebenfalls halten lassen.“
„Du gehst?“
Minerva nickte.
„Du bist bereit. Nach dem Mittagessen haben wir unseren Termin. Dann wirst du mir alles berichten.“
Hermine grinste und trat einen Schritt näher.
„Einen Termin also?“, meinte sie und legte ihre Hände an Minervas Taille.
Sofort schob Minerva die sanften Finger von sich.
„Wir sind bei der Arbeit Professor Granger“, sagte sie streng und trat einen Schritt zurück. „Ich erwarte Professionalität.“
„Ich weiß, ich weiß“, seufzte Hermine.
„Also, viel Erfolg“, sagte Minerva und wandte sich zum Gehen.
Hermines Blick folgte ihr bis zur Tür.
„Minerva.“
Sie drehte sich noch einmal zu Hermine um.
„Ich lieb dich trotzdem“, sagte sie und warf Minerva grinsend einen Luftkuss zu.
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
„Es ist hoffnungslos mit dir“, seufzte sie und legte ihre Hand auf die Türklinke. „Ich liebe dich auch“, fügte sie leise hinzu und verschwand durch die Tür.