LNCrawler

Das leise Misstrauen

Still, You Stayed — www.fanfiktion.de · All chapters

Das leise Misstrauen

Nachdem die Tür hinter Hermine leise ins Schloss gefallen war, verharrte Minerva einen Moment reglos. Nur ein einziges, unausweichliches Lächeln huschte schnell, unfreiwillig, aber warm über ihr Gesicht. Dann richtete sie sich auf, straffte die Schultern und wandte sich dem Schreibtisch zu.

„Zur Arbeit, Minerva“, murmelte sie. „Gefühle später.“

Sie setzte sich, nahm frisches Pergament zur Hand und tauchte die Feder in Tinte. Der vertraute Duft von Pergament und Schreibwerkzeug beruhigte sie und langsam kehrte die professionelle Klarheit zurück. Sie machte begann zu schreiben:

Plan für den Verlauf des Referendariats – Anpassungen für Miss Granger

Sie schrieb strukturiert, präzise, mit der unnachgiebigen Klarheit einer erfahrenen Lehrerin:

• aktuelle Woche:

Weiterhin Co-Unterricht bei Professor Featherstone.

Ziel: Stabilisierung der Unterrichtspraxis unter erschwerten Bedingungen.

Anmerkung: Miss Granger zeigt bemerkenswerte Belastbarkeit und fachliche Stärke.

Minerva hielt inne. 'Bemerkenswerte Belastbarkeit' war eine höfliche Untertreibung. In Wahrheit hatte Hermine heute weit mehr bewiesen als reine Belastbarkeit. Sie hatte sich trotz Featherstones völlig unnötiger Schikanen souverän verhalten.

Minerva setzte die Feder wieder an.

• Ab kommende Woche bis Ende November:

Wechsel in das Fach Zaubertränke zur intensiven Hospitation und Mitgestaltung des Unterrichts bei Professor Slughorn.

Ziel: Vertiefung der praktischen Unterrichtsführung, Erprobung unterschiedlicher didaktischer Ansätze, Stärkung der Klassenführung.

Ihre Feder schwebte über dem Pergament. Ein sachter Gedanke drängte sich vor — ein persönlicher, der sie beinahe schmunzeln ließ.

Horace würde begeistert sein und Edmund… nun, er würde sich ärgern. Beides war in diesem Fall pädagogisch absolut korrekt und daher vollkommen vertretbar.

• Zusätzliche Anmerkung:

Auf Wunsch und gemäß Beobachtungen wird Miss Granger mehr eigenständige Zauberanwendungen demonstrieren, sofern dies der Unterrichtssituation angemessen ist.

Sie legte die Feder ab, prüfte den Text, nickte zufrieden und versiegelte das Pergament. Sie sah auf das Pergament und schnaubte. Es war lächerlich überhaupt einen solchen Plan erstellen zu müssen, doch es war Vorschrift, um den Verlauf von Hermines Referendariats zu dokumentieren. Minerva war froh, dass dies für Neville nicht mehr notwendig war.

Einen Moment lang lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. Der Raum war still. Es herrschte diese tiefe, volle Stille, die Hogwarts oft nur an späten Nachmittagen kannte. Auf dem Tisch lag Hermines Mappe. Minervas Blick huschte darüber, weich, beinahe zärtlich.

„Du machst das gut, meine Liebe“, flüsterte sie kaum hörbar, nur für sich.

Im nächsten Atemzug räusperte sie sich, setzte sich wieder gerade hin und griff zum nächsten Stapel Arbeit. Die Pflicht rief und sie würde nicht diejenige sein, die ihr nicht nachkam, doch das Lächeln, das sie jetzt trug, ließ sich nicht mehr ganz verbergen.

Der Gang war still, nur vereinzelt hallten Schritte von Schülern oder Lehrkräften durch die Korridore. Hermine lief langsam, viel langsamer als sonst, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick gedankenverloren auf die Steinfliesen gerichtet. Das Gespräch mit Minerva war ihr noch warm im Bauch, wie ein Feuer, das nicht ausgehen wollte. Minervas Stimme, ruhig und klar. Minervas Blick, wenn er weich wurde, nur für sie. Die Art, wie Minerva sie angesehen hatte, als hätte sie keinen Zweifel - nicht an ihr, nicht an ihren Fähigkeiten, nicht an ihrer Zukunft.

'Minerva glaubt an mich.'

Das war ein Gedanke, der gleichzeitig beflügelte und einschüchterte und dann war da natürlich die andere Sache:

Der Unterricht, Featherstone, sein bissiger Ton, sein abwertender Ausdruck, sein unverhohlener Versuch, jede ihrer Bewegungen zu analysieren, nur um einen Fehler zu finden.

Hermine atmete tief ein.

'Vielleicht… vielleicht würde es morgen besser.'

Mit diesem Gedanken bog sie um die letzte Ecke vor ihrer Wohnung und fuhr abrupt zusammen.

Featherstone stand dort, als hätte er gewartet.

„Miss Granger“, sagte er und sein Tonfall ließ ihr die Nackenhaare aufstellen.

Hermine richtete sich sofort auf.

„Professor Featherstone.“

Er brachte ein falsches, schmalzüngiges Lächeln zustande.

„Ein interessantes Treffen hatten Sie da eben. Bei der Schulleiterin.“

Seine Augen musterten sie scharf, als suchten sie in ihrem Gesicht nach einem Eingeständnis. Hermine hob das Kinn.

„Es war eine ganz gewöhnliche Besprechung zum Referendariat.“

„Gewöhnlich“, wiederholte er leise, fast amüsiert.

„Sie und Longbottom. Ich frage mich allerdings, warum Sie beide so… bevorzugt werden.“

Hermine zwang sich zur Ruhe.

„Wir werden nicht bevorzugt. Wir werden betreut.“

„Ach, nennen Sie es wie Sie wollen.“

Er machte einen Schritt näher.

„Aber machen Sie sich nichts vor, Miss Granger. Nur weil Minerva entschlossen wirkt und große Reden schwingt, heißt das noch lange nicht, dass ich akzeptiere, dass Sie sich in meinen Unterricht drängen.“

Hermine blieb stehen. Unbeweglich.

„Minerva hat diese Entscheidung aus freien Stücken getroffen.“

„Ja“, fauchte er. „Und glauben Sie mir, sie wird dafür einen Preis zahlen.“

Hermines Herz schlug hart, aber sie wich nicht zurück.

„Ich tue nur meinen Job.“

„Ihr Job“, sagte Featherstone kühl, „besteht vor allem darin, nicht im Weg zu stehen.“

Er beugte sich leicht vor, die Stimme nun gefährlich leise.

„Sie werden scheitern und ich werde da sein, um es zu dokumentieren.“

Hermine sah ihn lange an und meinte in diesem Moment nicht nur seine Feindseligkeit zu spüren, sondern Angst. Die Angst, Kontrolle zu verlieren. Vor Minerva. Vor Veränderungen. Vor ihr.

„Guten Abend, Professor Featherstone“, sagte sie ruhig und öffnete ihre Wohnungstür, doch bevor sie eintrat, fügte sie hinzu:

„Ich werde nicht scheitern.“

Sie hörte seinen scharfen Atemzug, hörte seine Schritte, die abrupt innehielten, hörte seine Wut, die er nicht ausformulieren konnte. Dann schloss sie die Tür hinter sich.

Kaum fiel die Tür hinter ihr ins Schloss, ließ Hermine sich gegen sie sinken. Die kühle Holzoberfläche im Rücken, die Stille des Raums um sie herum, ein scharfer Kontrast zu dem Gift, das Featherstone ihr eben ins Ohr geträufelt hatte. Sie atmete tief ein. Noch einmal. Langsam.

Dann stieß sie sich ab und ging in den Wohnbereich. Die Lampen entzündeten sich auf ihren Zauberstab hin. Warmes Licht breitete sich aus. Normalerweise beruhigte sie das sofort, aber heute nicht.

Sie zog ihren Blazer aus, hängte sie an den Haken und fuhr sich durch die Haare.

'Er wird nicht aufhören.'

Das war der Gedanke, der sich fest in ihr verankerte.

Sie setzte sich auf die Couch, zog die Beine an und ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. Die Begegnung eben war nichts Neues. Featherstone war immer misstrauisch, abweisend, kritisch und gedroht hatte er ihr und Minerva ebenfalls, aber heute war etwas anders gewesen.

Etwas Dunkleres. Persönlicheres.

'Sie werden scheitern. Und ich werde da sein, um es zu dokumentieren.'

Hermine schloss die Augen. Der Satz brannte noch in ihr nach. Angst wollte sich breitmachen. Die Angst, nicht zu genügen, etwas falsch zu machen und Erwartungen nicht zu erfüllen, doch ein anderer Gedanke schob sich hervor, stärker, solider. Minervas Stimme. Sanft, aber mit dieser Kraft, dieser Überzeugung, die nie wankte. Minerva glaubte an sie.

Hermine öffnete die Augen und die Spannung in ihrer Brust löste sich ein Stück.

Minerva war der Grund, warum sie hier war. Minerva war der Grund, warum sie nicht aufgab. Minerva war der Grund, warum Featherstones Worte sie nicht brechen würden.

Und gleichzeitig… Ein kleines Lächeln stahl sich über Hermines Lippen. Minerva, wie sie sich im Büro leicht geräuspert hatte, nachdem sie sich hatte küssen lassen. Minerva, die professionell bleiben wollte, aber immer dann weich wurde, wenn Hermine nur ein bisschen zu lange in ihre Richtung sah.

Diese Nähe war ein Anker.

Hermine stand auf, ging zum Schreibtisch und öffnete ihre Unterlagen für die nächste Stunde. Zunächst mechanisch, dann zunehmend fokussiert. Sie sortierte, ordnete, überflog Notizen, überlegte Verbesserungen. Je länger sie arbeitete, desto leiser wurde Featherstones Stimme in ihrem Kopf.

'Er will, dass ich scheitere. Also werde ich es erst recht nicht tun.'

Schließlich schloss sie den Ordner, atmete durch und blickte zur Tür, hinter der der Korridor lag. Sie fragte sich, ob Minerva wohl noch in ihrem Büro war. Ob sie vielleicht denselben Gedanken teilte, dass die nächsten Wochen entscheidend werden würden.

Für sie beide. Hermine strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Ich schaffe das“, flüsterte sie.

Featherstone schloss mit einem hörbaren Knall die Tür seines Büros hinter sich. Die Flammen im Kamin warfen flackernde Schatten über die Regale und der Raum wirkte enger als sonst, als würde seine eigene Wut ihn zusammenpressen. Er warf seine Tasche auf den Tisch, riss die Schnallen auf und ließ sich in den Stuhl sinken. Die Finger trommelten ruhelos auf der Tischplatte.

„Granger…“

Er spuckte den Namen beinahe aus. Es war nicht nur ihr Talent, das ihn störte. Nicht ihre Klugheit oder ihr Eifer. Andere Referendare waren ebenso begabt gewesen und er hatte sie ignoriert, geduldet oder zum Schweigen gebracht, wenn nötig, aber Hermine Granger war anders. Sie war eine Bedrohung. Nicht im fachlichen Sinne. Nein. In einem viel persönlichen. Minerva McGonagall sah sie an, als wäre sie ein Geschenk der Götter. Als wäre sie wichtiger als der Dienstweg, als die Traditionen, als das Wahren alter Strukturen und genau diese Mischung — Hermines Kompetenz und Minervas unverhohlener Rückhalt — war eine Gefahr für alles, was Featherstone liebte: Kontrolle. Ordnung. Hierarchie.

Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und schloss kurz die Augen. Minerva hatte sich heute weit aus dem Fenster gelehnt. Zu weit.

Er erinnerte sich an ihren Tonfall. Die Art, wie sie ihn zurechtgewiesen hatte. Ohne Zögern, ohne Rücksicht und das sowohl vor Kollegen als auch vor Schülern. Ein Muskel zuckte in seiner Wange. Wenn er Hermine Granger scheitern ließ, schadete er nur ihr. Wenn er sie scheitern ließ und Minerva gleichzeitig für diesen „Fehlgriff“ verantwortlich machte, schadete er beiden. Ein doppelter Vorteil.

Er richtete sich auf. Was konnte er nutzen? Hermine war intelligent, aber emotional. Sie reagierte stark, oft impulsiv. Heute hatte er gesehen, wie sie um Haltung rang. Er brauchte nur… die richtigen Momente zu wählen. Und Minerva? Minerva war stolz. Und die Presse liebte Geschichten über angebliche Fehlentscheidungen der Schulleitung. Ein winziger Funke reichte, um ein Feuer zu entfachen.

Er öffnete eine Schublade und zog ein kleines schwarzes Heft hervor — eines, das offiziell nicht existierte. Notizen. Beobachtungen. Teils über Schüler, teils über Kollegen. Besonders aber über Minerva und Hermine. Er schlug es auf und fuhr mit dem Finger über eine leere Seite.

„Miss Granger – Unregelmäßigkeiten im Unterrichtsverhalten.“

Er schrieb langsam, mit genüsslicher Sorgfalt.

„Mehrfache Ablenkung. Mangel an Durchsetzungskraft. Unkontrollierte Reaktionen einzelner Schüler unter ihrer Aufsicht.“

Er lächelte dünn. Natürlich war nichts davon schwerwiegend, aber es waren kleine Details. Aneinandergereiht. Gezielt platziert. Er würde warten und weiter beobachten und Minerva würde jede Entscheidung, die sie für Hermine traf, vor dem Kollegium verteidigen müssen. Featherstone klappte das Buch zu, legte die Hände darauf und atmete tief durch.

„Wenn Minerva McGonagall Krieg will,“ murmelte er, „dann soll sie Krieg bekommen.“

Die Flammen im Kamin knackten und Funken stoben auf. Es würde nicht lange dauern, bis Hermine strauchelte und Minerva gleich mit.

Featherstone saß noch immer reglos an seinem Schreibtisch, die Hände gefaltet, das geschlossene schwarze Heft vor sich. Sein Blick war auf die dunkle Holzmaserung gerichtet, doch sein Geist arbeitete fieberhaft. Etwas nagte an ihm. Etwas, das er nicht benennen konnte.

Minervas Verhalten heute… war unnatürlich gewesen. Zurechtweisungen waren eine Sache. McGonagall war streng, das wusste jeder, aber das, was heute passiert war, ging darüber hinaus. Es war nicht nur Autorität gewesen. Nicht nur Pflichtbewusstsein. Es war… persönlich. Er lehnte sich zurück und schnaubte leise.

„So kennt man sie nicht.“

Minerva McGonagall war korrekt bis in die Knochen, unerschütterlich neutral, teils so distanziert, dass Kollegen sich manchmal beschwerten, sie würde Gefühle kategorisch aus ihrem Entscheidungsprozess ausschließen. Mit Hermine verhielt sie sich jedoch anders.

Featherstone trommelte mit dem Finger auf das Heft. Es begann nicht erst heute. Er erinnerte sich an kleine Dinge: die Art, wie McGonagall manchmal innehielt, wenn Hermines Name fiel, wie sie Hermines Leistungen in den Besprechungen etwas hervorhob, wie sie ihn selbst mit einem Blick zurechtgestutzt hatte, als er Hermine vor dem Kollegium kritisiert hatte. Es ergab ein Muster. Ein irritierendes.

„Weshalb“, murmelte er, „setzt sie sich derart für sie ein?“

Hermine Granger war begabt, ja. Ehrgeizig. Eine Vorzeigeschülerin, aber das allein reichte nicht, um McGonagall so… hitzig zu machen.

Featherstone stand auf, ging zum Fenster und starrte hinaus in den Innenhof, wo die Dämmerung sich über die Mauern legte. War es… Mentorenschaft? Eine Art falsch verstandene Fürsorge? McGonagall fühlte sich jungen Talenten verpflichtet, aber so weit…? Er schürzte die Lippen. Oder vielleicht… wollte McGonagall ein Vermächtnis schaffen. Eine Nachfolgerin formen, die ihr ähnlicher war als irgendwer zuvor. Granger war klug genug dafür und stark genug. Und gefährlich genug, wenn sie die richtige Unterstützung bekam. Sein Blick wurde hart.

„Natürlich“, sagte er leise. „Das muss es sein.“

Kein persönliches Verhältnis im privaten Sinne, aber eine Verbindung, die aus Loyalität, vielleicht aus Bewunderung bestand. Eine, die so eng war, dass McGonagall jede Kritik an Miss Granger als Angriff auf sich selbst wahrnahm und genau das war der Punkt, an dem er ansetzen konnte, denn wenn Granger patzte, würde man nicht nur sie in Frage stellen, sondern auch McGonagalls Urteilskraft. Ihre Objektivität. Ihre Führungsrolle.

Eine leise Genugtuung breitete sich in ihm aus. Nicht warm, sondern kalt und kalkulierend.

Er dachte noch einmal genau nach. Wie war das? Kein persönliches, privates Verhältnis? Ihm schoss ein Gedanke in den Kopf, den er schon einmal hatte, jedoch wieder verdrängt hatte. Was wäre, wenn Minerva McGonagall, die strenge, pflichtbewusste Schulleiterin und Hermine Granger sich doch näherstanden?

Er schnaubte und lachte auf.

„Das ist absurd“, murmelte er vor sich hin. „Aber dennoch, du hast dich angreifbar gemacht, Minerva.“

Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück, setzte sich und legte wieder eine Hand auf das schwarze Heft.

„Und wer sich angreifbar macht… verliert.“

Er lächelte dünn. Ein Lächeln, das nichts Gutes verhieß.

Nicht für Hermine und auch nicht für Minerva.