Ein verhängnisvoller Brief
Ein verhängnisvoller Brief
Am Abend klopfte Hermine leise an Minervas Bürotür. Als sie eintrat, war der Raum in warmes Licht getaucht, die Kerzen auf dem Sims brannten ruhig und Minerva wirkte trotz der langen Woche entspannter als sonst.
„Hier bist du“, sagte Hermine lächelnd.
„Ist es schon so spät?“, sagte Minerva sanft und lächelte.
„Allerdings“, antwortete Hermine und gab Minerva einen schnellen Kuss.
„Ich habe auf dich gewartet und als du nicht kamst, war ich bei dir… Naja, jetzt habe ich dich ja gefunden.“
„Du hast ja eine ganz schöne jagt hinter dir“, sagte Minerva schmunzelnd.
Hermine kam ihr näher.
„Natürlich. Ich bin schwer hinter dir her mein Schatz.“
Hermine küsste sie noch einmal und ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken. Für einen Moment sahen sie sich einfach nur an, dieses stille Einvernehmen zwischen ihnen, das keiner Worte bedurfte.
Minerva setzte sich ebenfalls und lehnte sich zurück.
„Du scheinst den frühen Abend ja noch genutzt zu haben“, meinte Minerva und musterte Hermine.
„Was meinst du denn?“
„Ich habe dich gesehen, als du zurückgekommen bist. Mit Caleb.“
Hermine spannte sich unwillkürlich an. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, einen Anflug von Eifersucht zu erkennen.
„Minerva, ich…“
Doch Minerva lachte leise und schüttelte den Kopf.
„Ganz ruhig. Glaub mir, ich bin nicht eifersüchtig. Ich muss dich eher… bewundern.“
Sie sah Hermine mit einem warmen, anerkennenden Blick an.
„Du hast wirklich an alles gedacht. Von Anfang bis Ende. Die Planung war perfekt.“
Hermine blinzelte überrascht, dann breitete sich ein schelmisches Grinsen auf ihrem Gesicht aus.
„Ich überlasse nichts dem Zufall.“
Sie zögerte kurz, dann beugte sie sich ein wenig vor.
„Und streng genommen ist unser Wochenende noch nicht vorbei.“
Minerva hob fragend eine Augenbraue.
„Wir haben noch diese Nacht“, fuhr Hermine leiser fort. „Die könnten wir… nutzen.“
Minervas Blick wurde weicher, fast verschwörerisch.
„Da hast du recht. Allerdings erinnere ich mich daran, dass wir die Nächte meistens miteinander verbringen.“
„Stimmt, aber trotzdem zählt diese Nacht noch zu unserem Wochenende.“
Sie stand auf.
„Dann scheint das wohl ein besonderer Anlass zu sein.“
„Hm, vermutlich.“
„Dafür habe ich etwas. Warte einen Moment.“
Sie verschwand im kleinen Nebenzimmer. Hermine hörte, wie eine Schranktür geöffnet wurde, dann das leise Klirren von Glas.
Allein im Büro ließ Hermine den Blick schweifen. Ihr Herz schlug ruhig, zufrieden, bis ihr etwas Ungewöhnliches auffiel. Direkt unter Minervas Schreibtisch, halb im Schatten, lag ein einzelner Umschlag.
Sie stand auf, ging ein paar Schritte und hob ihn auf. Schon beim ersten Blick zog sich ihr Magen leicht zusammen. Dickes, hochwertiges Pergament. Das Siegel aufgebrochen und oben prangte deutlich, unmissverständlich das prägnante M des Ministeriums.
Hermine hielt den Brief einen Moment zu lange in der Hand. Ein ungutes Gefühl kroch in ihr hoch – leise, aber hartnäckig.
Sie wollte den Brief auf den Tisch legen, doch in diesem Augenblick kehrte Minerva zurück, eine staubige Flasche Wein in der Hand.
„Ich habe sie mir wirklich für etwas Besonderes aufgehoben“, sagte sie lächelnd.
Hermine sah von dem Umschlag zu Minerva. Ihr Lächeln war noch da, aber nun lag etwas Fragendes, etwas Vorsichtiges darin.
„Minerva…“, begann sie langsam und hob den Brief leicht an. „Was ist das?“
Minerva erstarrte. Für den Bruchteil einer Sekunde entglitt ihr jede Kontrolle und die Flasche in ihrer Hand kippte gefährlich zur Seite. Sie fing sie gerade noch auf, stellte sie hastig auf dem Tisch ab und war mit zwei schnellen Schritten bei Hermine.
„Woher hast du diesen Brief?“ Ihre Stimme war ungewohnt scharf, fast hart. „Warst du an meinen Sachen?“
Hermine zuckte sichtbar zusammen. So hatte sie Minerva noch nie erlebt, nicht einmal in angespannten Konferenzen oder bei schwierigen Entscheidungen. Ihre Augen weiteten sich, verletzt und ehrlich überrascht zugleich.
„Was? Nein… nein, natürlich nicht“, stammelte sie hastig. „Minerva, ich würde niemals… niemals an deine Sachen gehen.“
Sie hob abwehrend die Hände.
„Der Brief lag auf dem Boden. Direkt unter deinem Schreibtisch. Ich habe ihn nur aufgehoben.“
Einen Moment lang sagte Minerva nichts. Ihr Atem ging flach, ihre Schultern waren angespannt, als hätte man sie in die Enge getrieben. Dann schloss sie kurz die Augen, presste die Lippen aufeinander und als sie sie wieder öffnete, war der scharfe Ausdruck einer tiefen Erschöpfung gewichen.
„Es tut mir leid“, sagte sie leiser. „Das war… unangebracht.“
Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Hermine trat einen Schritt näher, vorsichtig, als könnte jede falsche Bewegung alles kippen.
„Du hast mich wirklich erschreckt“, sagte sie ruhig, aber ehrlich. „Was ist los, Minerva?“
Minerva nahm den Brief aus Hermines Hand, hielt ihn fest, als könnte er ihr entgleiten.
„Ich wollte nicht, dass du ihn siehst“, murmelte sie. „Nicht jetzt… Überhaupt nicht.“
„Aber er ist vom Ministerium“, erwiderte Hermine sanft. „Und du hast ihn versteckt.“
Minerva wandte den Blick ab, ging langsam zurück zu ihrem Schreibtisch und setzte sich schwer auf den Stuhl. Der Brief lag nun vor ihr, unangetastet, wie eine stumme Drohung zwischen ihnen.
„Er kam am Mittwoch“, sagte sie schließlich. „Ich habe ihn gelesen. Und dann… verdrängt.“
Hermine spürte, wie sich ein Knoten in ihrer Brust bildete. Sie trat näher, stellte sich neben den Schreibtisch, ohne Minerva zu berühren.
„Geht es um mich?“
Minerva sah auf. Ihr Blick war ernst, offen und zum ersten Mal lag darin etwas wie Unsicherheit.
„Nicht nur“, antwortete sie leise. „Aber du spielst darin eine Rolle.“
Der Raum fühlte sich plötzlich kleiner an. Der Wein, das Lächeln, die Leichtigkeit des Abends – all das war in den Hintergrund gerückt. Hermine schluckte.
„Dann bitte“, sagte sie ruhig, aber fest. „Sag mir die Wahrheit.“
Minerva atmete tief durch, dann schob sie den Brief langsam über den Schreibtisch, als wäre allein diese Bewegung ein Eingeständnis.
„Es ist eine Vorladung“, sagte sie ruhig, aber die Anspannung blieb in ihrer Stimme. „Vom Ministerium. Genauer gesagt von der Abteilung für magische Ausbildung und Dienstaufsicht.“
Hermine spürte, wie ihr der Magen schwer wurde.
„Eine Vorladung… weswegen?“
Minerva hielt ihrem Blick stand.
„Weil ihnen zu Ohren gekommen ist, dass es möglicherweise eine persönliche Verbindung zwischen dir und mir gibt.“
Einen Moment lang sagte Hermine nichts. Dann lachte sie kurz, trocken, fast ungläubig.
„Möglicherweise“, wiederholte sie leise. „Und dafür zitieren sie dich gleich ein?“
„Sie nennen es eine ‚formlose Klärung‘“, entgegnete Minerva. „Aber wir beide wissen, was das bedeutet.“
Hermine verschränkte die Arme vor der Brust, weniger defensiv als um sich selbst zu halten.
„Warum hast du mir nichts davon gesagt?“, fragte sie ruhig, doch unter der Kontrolle lag Verletzung. „Minerva, das betrifft mich doch genauso.“
Minerva senkte den Blick. Einen Augenblick rang sie mit sich, dann sah sie wieder auf.
„Ich weiß. Ich wollte dich nicht beunruhigen. Du standest ohnehin unter genug Druck – Edmund, der Unterricht, das Referendariat.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Und dann kam dieses Wochenende. Ich wollte dir das nicht nehmen. Nicht diese paar freien, unbeschwerten Stunden.“
Hermine trat näher an den Schreibtisch heran.
„Du dachtest also, du trägst das allein aus?“
Minerva schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich dachte nur… ein paar Tage Aufschub würden niemandem schaden.“
Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Vielleicht war das naiv.“
Hermine schwieg kurz, dann streckte sie die Hand aus und legte sie über Minervas.
„Es war liebevoll gemeint“, sagte sie leise. „Aber du hättest mir vertrauen müssen.“
Minerva schloss kurz die Augen unter der Berührung.
„Das habe ich. Gerade deshalb.“
Hermine zog ihre Hand nicht zurück.
„Und jetzt?“, fragte sie. „Was genau wollen sie von dir?“
Minerva griff nach dem Brief.
„Ich soll morgen erscheinen. Sie wollen wissen, ob meine Entscheidungen als Mentorin, insbesondere dir gegenüber, von persönlichen Motiven beeinflusst sind.“
Hermine spürte, wie sich etwas in ihr verhärtete.
„Featherstone“, sagte sie sofort.
Minerva nickte langsam.
„Ich habe keinen Beweis, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich.“
„Dann geht es nicht nur um uns“, sagte Hermine. „Dann geht es darum, dich zu treffen.“
„Und dich gleich mit“, ergänzte Minerva ruhig.
Stille senkte sich über das Büro. Schließlich richtete Hermine sich auf. In ihrem Blick lag Entschlossenheit.
„Wir stehen das gemeinsam durch“, sagte sie. „Keine Geheimnisse mehr.“
Minerva sah sie lange an und nickte.
„Keine Geheimnisse mehr.“
Hermine atmete tief durch.
„Wann musst du ins Ministerium?“
„Morgen“, antwortete Minerva ohne Zögern. „Um zehn Uhr.“
Hermine verzog leicht das Gesicht.
„So schnell…“
Sie dachte einen Moment nach, dann hob sie wieder den Blick.
„Vor dem Unterricht werde ich eine kurze Konferenz mit den Kollegen einberufen“, sagte Minerva. „Ich werde sie informieren, dass ich am Vormittag abwesend bin und dass Pomona mich währenddessen vertreten wird. Neville kann die Stunden sicher allein übernehmen.“
Hermine runzelte die Stirn.
„Minerva…“
Sie zögerte, suchte nach den richtigen Worten.
„Ist das klug?“
Minerva legte den Kopf leicht schief.
„Inwiefern?“
„So eine Konferenz“, erklärte Hermine ruhig, „zieht Aufmerksamkeit auf sich. Wenn du sonst einfach einen Termin im Ministerium hast, fragt kaum jemand nach, aber wenn du extra alle zusammenrufst…“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das könnte Fragen aufwerfen. Fragen, auf die wir entweder keine Antworten haben oder keine geben wollen.“
Minerva schwieg einen Moment. Sie ging ein paar Schritte zum Fenster, verschränkte die Hände auf dem Rücken und blickte hinaus in den dunkler werdenden Innenhof.
„Ich habe darüber nachgedacht“, sagte sie schließlich. „Und genau deshalb halte ich es für notwendig.“
Hermine folgte ihr mit dem Blick.
„Notwendig?“
Minerva drehte sich wieder zu ihr um.
„Transparenz ist in diesem Fall mein Schutz“, erklärte sie ruhig. „Wenn ich meine Abwesenheit offiziell ankündige, wenn ich klar benenne, dass es sich um eine ministerielle Angelegenheit handelt, nehme ich Gerüchten den Raum. Zumindest einen Teil davon.“
„Oder du fütterst sie“, gab Hermine leise zurück.
Ein Hauch von Ironie zeigte sich in Minervas Lächeln.
„Gerüchte entstehen immer, aber Kontrolle darüber zu behalten, wer was wann erfährt, ist etwas anderes, als sich treiben zu lassen.“
Hermine dachte kurz nach.
„Und wenn jemand direkt fragt?“
„Dann werde ich sachlich bleiben“, sagte Minerva bestimmt. „Es geht um administrative Fragen. Mehr nicht.“
Hermine trat näher.
„Und Featherstone?“
Minervas Blick verhärtete sich für einen Sekundenbruchteil.
„Er wird zuhören, beobachten und er wird nichts in der Hand haben, außer Vermutungen.“
„Noch“, murmelte Hermine.
Minerva legte ihr eine Hand an den Arm.
„Ich weiß, dass das für dich schwer ist, aber ich muss diesen Weg gehen. Nicht nur für mich, auch für dich.“
Hermine nickte langsam, auch wenn die Unruhe blieb.
„Dann lass uns wenigstens vorbereiten, was du sagst, falls jemand nachhakt.“
Minerva sah sie ernst an.
„Das tun wir.“
Einen Moment standen sie einander gegenüber, die Schwere der kommenden Stunden zwischen ihnen, doch in Hermines Blick lag kein Zweifel, nur der feste Wille, Minerva nicht allein zu lassen.
Sie redeten noch eine Weile weiter, leiser nun, bedachter. Hermine stellte kluge Fragen, Minerva antwortete so offen sie konnte, doch irgendwann verlor das Gespräch seine Struktur. Die Worte wurden weniger, die Pausen länger. Minerva rieb sich müde über die Schläfen und atmete tief aus.
„Genug“, sagte sie schließlich leise. „Für heute reicht es.“
Hermine nickte sofort.
„Du bist erschöpft.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Ich lasse dich schlafen. Morgen wird nicht leicht.“
Sie drückte Minerva einen liebevollen Kuss auf die Wange.
„Gute Nacht.“
Hermine wandte sich bereits Richtung Tür, blieb dann jedoch stehen, als sie Minervas Finger um ihr Handgelenk spürte. Ihre Schultern spannten sich, als hätte sie mit sich selbst gerungen. Schließlich drehte sie sich um.
„Hermine…“
Hermine hielt inne. Minerva trat näher, langsamer als sonst, beinahe zögerlich. Dann griff sie nach Hermines Hand – fest, als fürchte sie, sie könnte im nächsten Moment verschwinden.
„Geh nicht“, sagte sie ruhig, aber mit einer Offenheit, die Hermine den Atem nahm. „Bitte.“
„Minerva… ich wollte dich nicht—“
„Ich weiß“, unterbrach sie sie sanft. „Aber ich möchte nicht allein sein.“
Ein kurzes Zögern, dann fügte sie hinzu, leiser: „Nicht jetzt. Nie wieder…“
Hermine sah sie an, suchte in ihrem Gesicht nach Zweifel, nach Unsicherheit und fand nur Ehrlichkeit. Eine tiefe, ungefilterte Bitte.
„Bleib bei mir“, sagte Minerva.
Das Wort hing zwischen ihnen, schwer und warm zugleich. Hermine schluckte, dann hob sie die freie Hand und legte sie an Minervas Wange.
„Ich gehe nirgendwohin“, sagte sie leise.
Minerva schloss für einen Moment die Augen, als würde etwas in ihr endlich loslassen. Dann zog sie Hermine in ihre Arme, fest, still, ohne Eile. Kein Verlangen lag in dieser Umarmung, sondern Halt. Nähe. Vertrauen.
Gemeinsam gingen sie durch die Verbindungstür in Minervas Wohnzimmer und direkt ins Schlafzimmer. Kein weiteres Wort war nötig. Minerva legte sich hin, Hermine folgte ihr und Minerva suchte sofort ihre Nähe, zog sie an sich, als wäre das der natürlichste Zustand der Welt.
In der Dunkelheit, Schulter an Schulter, Atem an Atem, ließ Minerva den Tag los.
„Ich liebe dich“, sagte Hermine in die Dunkelheit und küsste Minervas Stirn.
„Ich liebe dich auch“, antwortete Minerva, verschränkte ihre Finger mit Hermines.
„Schlaf gut Liebling und mach dir keine Sorgen“, flüsterte Hermine. „Wir kriegen das zusammen hin.“
Hermine suchte Minervas Lippen und küsste sie zärtlich. Dann zog sie Minerva fest an sich und hielt sie bei sich. Die ganze Nacht.