Ein neuer Tag
Ein neuer Tag
Der Morgen kam leise, grau und zaghaft, als hätte auch er Respekt vor der Nacht, die hinter ihnen lag. Kein erholsamer Schlaf hatte sie getragen, eher ein Dämmern, unterbrochen von Gedanken, von stillen Seufzern, von Momenten, in denen Minerva sich im Schlaf unruhig bewegt hatte.
Hermine war zuerst wach.
Sie lag auf der Seite, halb auf den Ellbogen gestützt und betrachtete Minerva neben sich. Die sonst so kontrollierten Züge wirkten weicher, aber auch müde. Eine feine Falte lag zwischen ihren Brauen, selbst jetzt, im Schlaf. Behutsam hob Hermine die Hand und strich ihr eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. Ihre Fingerspitzen glitten langsam durch Minervas Haar, ruhig, gleichmäßig, als wollte sie ihr genau das schenken, was die Nacht ihr genommen hatte.
Minerva regte sich leicht, atmete tiefer ein.
Hermine beugte sich vor und küsste sie sanft. Minervas Augen öffneten sich langsam. Für einen Moment war da Orientierungslosigkeit, dann erkannte sie Hermine, spürte ihre Hand, ihren Atem, ihre Nähe. Ein leiser Laut entwich ihr, kaum mehr als ein Atemzug. Hermine war ihr noch ganz nah und lächelte.
„Guten Morgen“, murmelte Hermine.
„Guten Morgen“, erwiderte Minerva und küsste Hermine ebenfalls sanft.
Dann schloss sie kurz die Augen, lehnte ihre Stirn an Hermines Schulter.
„Ich habe kaum geschlafen“, gab sie leise zu.
„Ich weiß“, sagte Hermine sanft.
Sie zog Minerva ein wenig näher an sich, legte den Arm um sie. Die Geste war ruhig, selbstverständlich. Minerva ließ sich hineinfallen, als hätte ihr Körper genau darauf gewartet.
„Es tut gut, dich zu spüren“, flüsterte Minerva. „Das… beruhigt mich.“
Hermine lächelte kaum merklich und strich weiter durch ihr Haar.
„Dann genießen wir den Augenblick, so lange es geht.“
Minerva atmete ruhiger, gleichmäßiger. Die Anspannung wich nicht völlig, aber sie verlor ihre Schärfe. Für diesen Moment reichte es. Sie lagen still beieinander, während das Licht langsam heller wurde, wissend, dass der Tag Antworten verlangen würde, aber dankbar für diese paar Minuten Frieden.
Noch eine Weile blieben sie liegen, als hätten sie stillschweigend beschlossen, der Zeit wenigstens für diesen Morgen zu trotzen. Hermines Arm lag schützend um Minervas Schultern, während Minervas Hand ihren Weg über Hermines Rücken fand, ruhig, vertraut.
Es waren kleine Gesten. Ein Daumen, der über eine Schulter strich. Ein Kuss an der Schläfe. Minervas Stirn, die sich gegen Hermines Hals legte, als wolle sie sich diesen Moment einprägen.
„Wenn ich so liegen bleibe“, murmelte Minerva schließlich, ohne sich zu bewegen, „vergesse ich noch aufzustehen.“
Hermine lachte leise und küsste sie sanft.
„Das behalten wir uns vor“, sagte sie ruhig. „Für später.“
Minerva seufzte, halb resigniert, halb dankbar und zwang sich schließlich, sich aufzurichten. Das Laken glitt von ihren Schultern, die Kühle des Morgens drängte sich zwischen sie – ein unmissverständliches Zeichen, dass der Tag wartete.
Hermine richtete sich ebenfalls auf, platzierte einen sanften Kuss auf Minervas Schulter und drehte ihren Kopf in ihre Richtung.
„Ich muss aufstehen“, meinte Minerva. „Aber wenn du mich so anschaust… Merlin…“
Hermine lachte und nahm die Schwere des Morgens ein wenig von Minervas Schultern.
„Oh der hat damit nun wirklich nichts zu tun“, meinte sie und küsste Minerva zärtlich.
Die ältere Frau erwiderte den Kuss mit einer Leidenschaft, die Hermine beinahe schwindelig werden ließ. Langsam lösten sie sich voneinander.
„Heute Abend“, flüsterte Minerva, drückte Hermine noch einen Kuss auf die Stirn und löste sich nun ganz.
Sie stand auf, sammelte ihre Kleidung ein und ging ins Bad. Während sie sich fertig machte, warf sie immer wieder einen Blick zu Hermine zurück, die noch im Bett saß, die Decke um sich geschlungen und sie mit diesem warmen, offenen Blick ansah, der ihr Mut machte, ohne ein Wort zu sagen.
Als Minerva schließlich wiederkam, geschniegelt, gefasst – ganz die Schulleiterin, die Hogwarts kannte –, blieb sie einen Moment stehen. Hermine hatte sich ebenfalls angezogen, trat zu ihr und legte die Hände an ihre Taille.
„Du schaffst das“, sagte sie leise.
Minerva nickte, beugte sich vor und küsste sie noch einmal.
„Bis gleich“, sagte Minerva.
„Bis gleich“, erwiderte Hermine.
Dann trat Hermine zum Kamin, warf das Flohpulver in die Flammen und sah Minerva ein letztes Mal an, bevor das Feuer aufloderte und sie verschwand.
Minerva blieb allein zurück, atmete tief durch und richtete sich innerlich auf.
Der Tag konnte kommen.
Nach dem Frühstück füllte sich das Lehrerzimmer rasch. Es war keine der langen, ausufernden Sitzungen, sondern eine kurze Zusammenkunft, wie Minerva sie angekündigt hatte. Dennoch lag eine spürbare Spannung in der Luft.
Minerva stand am Kopf des Tisches, aufrecht, gesammelt, jede Bewegung kontrolliert. Wer sie nicht gut kannte, hätte nichts bemerkt. Wer sie kannte, sah die Müdigkeit in ihren Augen und die Entschlossenheit darunter.
„Ich möchte mich kurz fassen, da wir alle ein wenig unter Zeitdruck stehen. Ich habe heute Vormittag einen Termin im Ministerium“, begann sie ruhig. „Ich kann im Moment nicht sagen, wie lange er dauern wird.“
Ein leises Murmeln ging durch die Runde.
„Pomona“, fuhr Minerva fort und wandte sich ihr zu, „ich würde dich bitten, während meiner Abwesenheit meine Aufgaben zu übernehmen.“
Pomona nickte ohne Zögern.
„Natürlich.“
Neville, der neben ihr saß, richtete sich unwillkürlich auf.
„Das bedeutet“, ergänzte Minerva, „dass Neville den heutigen Unterricht in Kräuterkunde allein übernimmt.“
Einen Moment lang sah Neville überrascht aus. Dann breitete sich ein ehrliches, kaum zu bremsendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Allein? Also… ganz allein?“
Pomona legte ihm kurz die Hand auf den Arm.
„Du schaffst das. Ohne Zweifel.“
„Ich… ja. Natürlich“, sagte Neville, hörbar aufgeregt. „Danke.“
Minerva wandte sich weiter der Runde zu.
„Hermine“, sagte sie nun sachlich, „du wirst an der Seite von Horace unterrichten. Ich denke, dass ihr den genauen Ablauf unter euch regeln könnt.“
Horace lächelte aufgeregt. Hermine hob den Blick. Äußerlich lächelte sie sofort, professionell, gefasst.
„Natürlich.“
Niemand hätte gesehen, wie sich innerlich etwas in ihr zusammenzog. Nicht wegen des Unterrichts. Auf Zaubertränke freute sie sich schon lange. Sondern weil sie Minerva allein ins Ministerium gehen lassen musste.
Horace nickte zufrieden.
„Ich freue mich sehr auf die Unterstützung, meine Liebe.“
Dann erklang eine Stimme vom anderen Ende des Tisches.
„Darf man fragen“, setzte Featherstone mit gespielter Höflichkeit an, „worum es bei diesem Termin eigentlich geht?“
Ein paar Köpfe wandten sich Minerva zu. Sie zögerte keine Sekunde.
„Administrative Angelegenheiten“, antwortete sie ruhig. „Nichts, was euch belasten sollte.“
Featherstones Mundwinkel zuckten. Ein schmales, selbstzufriedenes Grinsen legte sich auf sein Gesicht.
„Natürlich“, sagte er gedehnt.
Minerva hielt seinem Blick stand, ungerührt, doch Featherstone lehnte sich zurück, die Hände locker gefaltet. Er hatte längst seine eigene Vorstellung davon, was der wahre Grund für diesen Termin war und sie gefiel ihm außerordentlich gut.
„Gut“, sagte Minerva schließlich und klappte ihre Mappe zu. „Dann wären wir für den Moment fertig. Ich danke euch.“
Stühle rutschten zurück, Stimmen erhoben sich, Schritte setzten ein. Einer nach dem anderen verließ das Lehrerzimmer, auf dem Weg zu ihren Klassen. Neville wurde noch einmal von Pomona aufmunternd angesprochen, Horace plauderte bereits angeregt über seine Stundenplanung, Featherstone ging als einer der Ersten – sein Blick streifte Hermine kurz, kühl und berechnend. Gerade als Hermine sich ebenfalls umdrehen wollte, ertönte Minervas Stimme hinter ihr.
„Hermine. Einen Moment bitte.“
Hermine blieb stehen. Minerva griff nach einem einzelnen Blatt Pergament, das sie sorgfältig aus ihrer Mappe zog.
„Das ist der Plan für den kommenden Monat“, sagte sie sachlich, reichte es ihr. „Zaubertränke mit Horace, unsere wöchentlichen Gespräche und danach sehen wir weiter.“
Hermine nahm das Pergament entgegen.
„Danke.“
Inzwischen war das Lehrerzimmer leer. Die Tür fiel leise ins Schloss und für einen kurzen Augenblick war da nur noch Stille. Hermine trat näher. Der Abstand, den sie eben noch so diszipliniert gewahrt hatte, löste sich mit einem Schritt auf. Sie legte die Arme um Minerva, fest, vertraut, ohne Worte.
Minerva atmete hörbar aus und erwiderte die Umarmung sofort, zog Hermine an sich, als würde sie daraus Kraft schöpfen.
„Viel Glück“, murmelte Hermine leise an ihrer Schulter. „Bitte… pass auf dich auf.“
Minerva löste sich ein wenig, hob die Hand und legte sie an Hermines Wange.
„Das werde ich“, sagte sie ruhig. „Und du tust heute genau das, was du immer tust.“
„Bei Horace wird es sicher keine Probleme geben.“
Hermine lächelte schwach, dann beugte sie sich vor und küsste Minerva. Ein kurzer Kuss. Dann noch einer. Und noch einer – zart, hastig, als müssten sie diesen Moment festhalten, bevor er ihnen entglitt. Schließlich löste Minerva sich, so schwer es ihr auch fiel.
„Geh“, sagte sie leise. „Sonst kommen wir beide zu spät.“
Hermine nickte, sah sie noch einen Herzschlag lang an und wandte sich dann zur Tür.
Minerva blieb zurück, aufrecht, gefasst und erst als sie allein war, stützte sie sich für einen Moment auf den Tisch und atmete tief durch.
Dann nahm sie ihre Mappe und machte sich auf den Weg ins Ministerium.
Hermine hatte den Korridor fast erreicht, der zum Klassenzimmer für Zaubertränke führte, als sie die vertraute, unerwünschte Präsenz spürte, noch bevor sie ihn sah.
„Miss Granger.“
Featherstones Stimme schnitt glatt durch die Stille.
Hermine blieb kurz stehen, schloss für einen Augenblick die Augen und atmete kontrolliert ein, dann drehte sie sich um. Featherstone lehnte lässig an einer Fensternische, die Arme verschränkt, der Ausdruck auf seinem Gesicht selbstzufrieden.
„Schon auf dem Weg zu Slughorn?“, fragte er mit gespielter Höflichkeit. „Oder haben Sie noch Zeit für einen gut gemeinten Rat?“
„Nicht wirklich“, entgegnete Hermine ruhig.
Featherstone lächelte dünn.
„Schade. Ich dachte nur… dieser Termin der Schulleiterin. Sehr plötzlich. Sehr dringend.“
Er machte eine vage Handbewegung.
„Fast so, als hätte man im Ministerium Fragen.“
Hermine ließ sich nichts anmerken.
„Es wird schon seine Gründe haben.“
„Oh die hat es gewiss.“
Hermine seufzte.
„Was wollen Sie von mir hören? Minerva hat administrative Aufgaben im Ministerium. Das ist nichts Ungewöhnliches.“
„Oh, ganz im Gegenteil“, sagte Featherstone leise. „Ich habe immer gewusst, dass ihr übertriebenes Engagement Ihnen gegenüber… problematisch werden könnte.“
Sein Blick bohrte sich in ihren.
„Man kann nicht ewig eine schützende Hand über jemanden halten, ohne selbst in den Fokus zu geraten.“
Hermine spürte, wie es in ihr kochte, doch sie hielt den Blick ruhig.
„Wissen Sie“, sagte sie kühl, „ich habe heute tatsächlich Besseres zu tun, als mir Ihre dummen Andeutungen anzuhören.“
Sie wandte sich ab.
„Zaubertränke warten nicht.“
Ohne einen weiteren Blick ging sie weiter den Gang hinunter. Ihre Schritte blieben gleichmäßig, kontrolliert. Erst als sie außer Sichtweite war, erlaubte sie sich einen tieferen Atemzug.
Hinter ihr beobachtete Featherstone sie mit einem zufriedenen Grinsen.
Er hatte kaum etwas Konkretes gesagt. Nur Gerüchte gesät, die offensichtlich jetzt schon ihre Wirkung zeigten.
„Es beginnt“, murmelte er leise vor sich hin.
Hermine betrat den Klassenraum mit einem leisen, kontrollierten Atemzug. Der vertraute Geruch von Kräutern, Dämpfen und Metall lag in der Luft. Er war beruhigend und doch heute seltsam fern.
„Ah, meine Liebe!“, rief Slughorn sofort, kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er stand bereits vorne, die Hände begeistert gerieben. „Wunderbar, dass du da bist. Ich dachte mir, wir verschwenden keine Zeit.“
Er wandte sich an die Klasse.
„Professor Granger wird heute den Einstieg übernehmen. Eine ausgezeichnete Gelegenheit für Sie alle, genau hinzuhören.“
Ein paar überraschte, neugierige Blicke gingen durch den Raum. Hermine trat nach vorn, legte ihre Unterlagen auf das Pult und nickte Slughorn kurz dankbar zu.
„Wir beginnen heute mit einem Konzentrationstrank“, erklärte sie ruhig. Ihre Stimme war klar, sicher. „Besonders wichtig ist dabei die Reihenfolge der Zutaten und die Temperatur. Kleine Abweichungen können die Wirkung erheblich verändern.“
Sie erklärte jeden Schritt sorgfältig, zeigte die Konsistenz, beschrieb die Farbe, warnte vor typischen Fehlern. Es war offensichtlich, dass sie den Stoff beherrschte. Slughorn nickte mehrfach anerkennend und ließ sie völlig frei sprechen. Während die Schüler begannen, ihre Kessel zu befüllen, ging Hermine langsam durch die Reihen, beobachtete, korrigierte hier und da eine Handbewegung, gab leise Hinweise und doch… immer wieder glitten ihre Gedanken ab.
Minerva.
Hermine blieb kurz hinter einem Schüler stehen, starrte einen Moment zu lange in den Kessel, ohne wirklich hinzusehen.
Was, wenn Featherstone recht hatte? Was, wenn die Gerüchte schneller wuchsen als sie dachten? Was, wenn Minerva dort allein saß, kontrolliert, gefasst und angegriffen?
„Hermine?“
Slughorns Stimme holte sie sanft zurück.
„Verzeihung“, sagte Hermine sofort und zwang sich zu einem Lächeln. „Bitte achten Sie darauf, die Mischung jetzt nicht mehr zu rühren.“
Sie richtete sich auf, ging weiter, konzentrierte sich bewusst auf die Arbeit vor sich. Der Unterricht verlangte ihre volle Aufmerksamkeit und sie würde ihm gerecht werden, doch während die Tränke leise vor sich hin blubberten und die Schüler sich Notizen machten, blieb ein Teil von Hermine fest im Ministerium zurück, bei einer Frau, die sie gerade nicht schützen konnte.