Nicht allein
Nicht allein
Hallo meine Lieben,
ich hoffe ihr feiert alle schöne Weihnachten :) EIGENTLICH hätten wir jetzt auch Hermine und Minerva an Weihnachten begleitet. Allerdings kam bei mir in den letzten Wochen so einiges dazwischen. Daher bin ich im Rückstand. Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen, wenn wir in ein paar Tagen/Wochen nochmal Weihnachten feiern ;) Nun wünsche ich euch viel Spaß mit dem neuen Kapitel.
LG
M.
Das Abendessen begann wie so viele zuvor.
Minerva saß aufrecht am Lehrertisch, die Hände ordentlich gefaltet, den Blick ruhig über die Große Halle gleitend. Wer sie nicht kannte, hätte nichts Auffälliges bemerkt. Sie sprach mit Pomona über belanglose Dinge, nickte Irina zu, nahm sich ein wenig von den Kartoffeln, als wäre der Tag nichts weiter gewesen als eine Abfolge gewöhnlicher Pflichten.
Hermine tat es ihr gleich. Sie saß ein Stück weiter unten, hielt sich an Gespräche über Unterrichtsvorbereitungen, lachte ein wenig mit Neville, aß kaum, aber genug, um keinen Verdacht zu erregen. Äußerlich war sie gefasst. Beherrscht. So wie man es von ihr erwartete, doch sie spürte es.
Seine Blicke.
Featherstone saß ebenfalls am Tisch, ein Glas in der Hand, den Mund zu einem dünnen Lächeln verzogen. Sein Blick streifte sie immer wieder, blieb einen Herzschlag zu lange hängen, als würde er prüfen, zählen, abgleichen. Als würde er etwas bestätigen wollen, das nur er zu sehen glaubte.
Hermine zwang sich, nicht zu reagieren. Dann kam die Spitze.
„Interessant“, sagte Featherstone laut genug, dass es mehrere hören konnten, „wie sehr doch unsere Referendare aufblühen, sobald sie… die richtige Unterstützung bekommen.“
Ein paar Köpfe hoben sich. Ein paar Blicke wanderten. Hermine spürte, wie sich ihre Schultern anspannten, doch sie blieb still. Sie nahm einen Schluck Wasser, als hätte sie nichts gehört. Minervas Hand jedoch verkrampfte sich um ihr Besteck. Sie hatte es gehört. Natürlich hatte sie es gehört und sie spürte, wie etwas in ihr aufstieg — heiß, scharf, kaum zu bändigen. Der Impuls, sich umzudrehen, Featherstone mit einem einzigen Satz zum Schweigen zu bringen, ihn öffentlich zurechtzuweisen, war so stark, dass sie den Atem anhielt. Sie wollte gerade ansetzen. Da traf sie Hermines Blick. Nur für einen Moment. Keine Panik darin. Kein Flehen. Nur Ruhe. Und eine stumme Bitte.
'Nicht jetzt.'
Minerva erstarrte. Dieser Blick — ruhig, klar, vertrauend — traf sie tiefer als jedes Gerücht. Hermine hielt ihren Blick und sie tat es bewusst.
Langsam entspannte Minerva ihre Hand. Sie zwang sich, weiterzuessen, weiter zuzuhören, weiter so zu wirken, als sei alles in Ordnung. Als sei Featherstones Bemerkung nicht mehr gewesen als heiße Luft. Featherstone musterte sie beide noch einen Moment, dann wandte er sich mit einem selbstzufriedenen Ausdruck seinem Gesprächspartner zu.
Minerva senkte den Blick auf ihren Teller. Sie hatte Hermines stumme Bitte verstanden.
'Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht so.'
Aber der Abend machte eines unmissverständlich klar:
Featherstone würde nicht aufhören und sie würden sehr genau überlegen müssen, wann und wie sie ihm Einhalt geboten.
Irina beugte sich ein wenig näher zu Hermine, als hätte sie ganz beiläufig eine Bemerkung über den Nachtisch machen wollen.
„Du siehst aus, als würdest du gedanklich gerade ganz woanders sitzen“, sagte sie leise, mit einem warmen, beinahe mütterlichen Unterton. „Edmund ist heute wieder… besonders bemüht.“
Hermine ließ ein kleines, dankbares Lächeln aufblitzen. Allein, dass Irina es aussprach, nahm dem Ganzen ein wenig von seinem Gewicht.
„Er gibt sich Mühe“, murmelte sie trocken. „Ich frage mich nur, warum.“
Irina zog eine Augenbraue hoch, nahm einen Schluck von ihrem Tee und ließ den Blick scheinbar gedankenverloren durch die Halle schweifen. Hermine zögerte kurz, dann beugte sie sich näher zu ihr. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Irina… du bist doch ein Legilimentor. Könntest du nicht…?“
Sie brach ab, suchte nach den richtigen Worten.
„Könntest du nicht sehen, was er wirklich denkt?“
Irina antwortete nicht sofort. Ihr Gesicht wurde einen Hauch ernster, nachdenklicher. Schließlich schüttelte sie langsam den Kopf.
„Nein“, sagte sie ruhig. „Nicht bei ihm.“
Hermine blinzelte überrascht.
„Nicht?“
„Edmund ist sehr geschickt“, erklärte Irina leise. „Er schottet seinen Geist ab, aber nicht auf die plumpe Art, die man in Lehrbüchern findet. Er lässt Gedanken zu, aber nur belanglose, harmlose, oberflächliche. Genug, um nicht verdächtig zu wirken.“
Sie machte eine kleine Pause.
„Aber das, was wirklich zählt, hält er tief verborgen. Wie hinter mehreren Türen. Wer versucht hineinzusehen, bekommt nur das präsentiert, was er sehen soll.“
Hermine spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Magen bildete.
„Also lässt er… niemanden hinein.“
Irina nickte langsam.
„Genau und glaub mir, Menschen, die so gut darin sind, ihre Gedanken zu verbergen, haben meist sehr konkrete Gründe dafür.“
Hermine sah wieder zu Featherstone hinüber. Er lachte gerade über etwas, das Horace gesagt hatte. Es wirkte falsch. Zu glatt.
„Das heißt“, murmelte Hermine, „wir wissen nicht, was er plant.“
Irina legte ihr sanft eine Hand auf den Unterarm. Die Geste war unauffällig, aber tröstend.
„Noch nicht“, sagte sie. „Aber du bist nicht allein und er ist nicht so unsichtbar, wie er glaubt.“
Hermine atmete langsam aus.
„Danke“, sagte sie leise. „Wirklich.“
Irina lächelte sanft.
„Jeder verdient jemanden, der ihm ein wenig den Rücken stärkt.“
Für einen Moment fühlte sich der Abend weniger schwer an. Nicht gut, aber erträglich und manchmal reichte das, um weiter durchzuhalten.
Hermine verließ die Große Halle früher als sonst. Sie verabschiedete sich höflich, lächelte noch einmal in Irinas Richtung und ließ die Gespräche, das Klirren von Besteck und das gedämpfte Murmeln hinter sich. Der Weg zu ihrer Wohnung fühlte sich länger an als gewöhnlich, jeder Schritt begleitet von der leisen Erwartung, die sie kaum zu unterdrücken vermochte.
In ihrer Wohnung war es still. Hermine legte ihren Blazer ab, zog die hohen Schuhe aus und stellte sich schließlich ans Fenster. Sie sah hinaus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Die Minuten dehnten sich, wurden zäh. Sie setzte Wasser auf, nahm es wieder vom Herd, goss sich Tee ein, ging ein paar Schritte, blieb stehen.
„Sie wird kommen“, sagte sie sich.
„Nicht aus Pflicht. Sondern, weil wir es beide brauchen.“
Die Zeit schlich dahin. So lange, dass Hermine begann, an ihrer eigenen Ungeduld zu verzweifeln. Es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit.
Dann flackerte plötzlich das Feuer im Kamin auf.
Erst ein leises Knistern, dann loderten die Flammen plötzlich höher, grünlich, lebendig. Hermine fuhr herum, das Herz machte einen Sprung.
Im nächsten Moment trat Minerva aus dem Kamin, den Staub von der Robe klopfend, die Schultern einen Hauch zu steif, als hätte sie den ganzen Tag über zu viel Verantwortung getragen.
Hermine war in zwei Schritten bei ihr.
„Du bist da“, sagte sie leise.
Minerva sah auf und erst jetzt wich die Spannung aus ihrem Gesicht. Ihre Züge wurden weicher, müde, ehrlich.
„Ja“, antwortete sie und atmete tief durch. „Endlich.“
Hermine zog sie ohne weitere Worte in eine feste Umarmung. Minerva zögerte keinen Augenblick, legte die Arme um sie, hielt sie ebenso fest, als hätte sie genau darauf gewartet.
Einen Moment lang sagten sie nichts. Das Knistern des Feuers, Minervas ruhiger Atem, Hermines Herzschlag — alles andere war unwichtig.
„Es war ein langer Abend“, murmelte Minerva schließlich gegen Hermines Haar.
„Ich weiß“, flüsterte Hermine. „Ich hab gewartet.“
Minerva löste sich ein wenig, sah sie an und in ihrem Blick lag so viel Dankbarkeit, dass Hermine schlucken musste.
„Danke“, sagte Minerva leise.
Hermine lächelte nur und führte sie weiter in den Raum hinein, weg vom Kamin, weg von allem, was draußen lauerte. Für diesen Moment waren sie allein und das reichte.
Sie ließen sich gemeinsam auf dem Sofa nieder, dicht nebeneinander, der Kamin warf warmes Licht über die Wände und tauchte alles in ein flackerndes Gold. Minerva lehnte sich zurück, sichtlich erschöpft und Hermine rückte näher, ganz selbstverständlich, als wäre es der natürlichste Ort der Welt.
Hermine legte den Arm um sie, zog sie sanft an sich. Minerva zögerte nicht, ließ den Kopf an Hermines Schulter sinken, schloss für einen Moment die Augen. Das gleichmäßige Knistern des Feuers füllte die Stille, beruhigend, schützend.
Hermine beugte sich vor und küsste sie. Kein hastiger Kuss, kein Feuerwerk, nur Wärme und Nähe. Minerva erwiderte ihn leise, legte eine Hand an Hermines Nacken, hielt sie einen Augenblick länger fest, als nötig gewesen wäre.
Sie blieben so sitzen, ineinander verschlungen, bis Minerva schließlich leise ausatmete.
„Ich bin froh, dass du endlich hier bist und wir… allein sind“, sagte Hermine.
„Ja, ich auch“, antwortete Minerva und strich sanft eine Haarsträhne aus Hermines Gesicht.
„Ich wünschte, wir könnten wieder zurück nach Inverie. Es war so leicht und… unbeschwert und… ich hatte dich nur für mich.“
Minerva lächelte.
„Ich weiß Liebes. Es war ein schöner Traum.“
„Traum?“
„Fürs erste“, meinte Minerva.
Hermine beugte sich vor und küsste Minerva sanft.
„Sag mal, du hast vorhin mit Irina gesprochen“, sagte Minerva ruhig, ohne Vorwurf, eher neugierig. „Ihr habt geflüstert.“
Hermine hob leicht den Kopf, sah sie an.
„Das ist dir aufgefallen?“
„Mir entgeht selten etwas“, murmelte Minerva.
Hermine lächelte schwach.
„Ich habe sie gefragt, ob sie… ob sie in Featherstones Gedanken sehen kann. Ob sie erkennen könnte, was er plant.“
Minerva blinzelte und schnaubte dann leise, fast amüsiert. Sie schüttelte den Kopf und sah Hermine von der Seite an.
„Natürlich hast du das“, sagte sie trocken. „Das ist so typisch für dich.“
„Wie meinst du das?“, fragte Hermine unschuldig.
„Du suchst immer nach Wissen“, erwiderte Minerva sanft. „Nach Antworten. Nach einem Weg, die Dinge zu verstehen, bevor sie gefährlich werden.“
Hermine zog eine Schulter hoch.
„Ich wollte einfach wissen, womit wir es zu tun haben.“
Minerva seufzte leise und strich ihr mit dem Daumen über die Hand.
„Und was hat Irina gesagt?“
„Sie sagt, Featherstone lässt niemanden in seinen Kopf“, antwortete Hermine ernst. „Er zeigt nur, was harmlos wirkt. Alles andere hält er verschlossen.“
Minervas Blick verdunkelte sich einen Moment.
„Das überrascht mich nicht.“
Sie lehnte sich wieder zurück, zog Hermine ein wenig näher.
„Aber ich bin froh, dass du nicht allein darüber nachdenkst.“
Hermine schmiegte sich an sie. „Ich wollte, dass du es weißt.“
Minerva küsste sanft ihre Schläfe.
„Das weiß ich zu schätzen.“
Draußen mochte die Welt kompliziert sein, voller Andeutungen und Gefahren. Hier, auf diesem Sofa, vor dem Kamin, war sie für einen Moment still.
Sie blieben noch eine Weile so sitzen, ohne Eile, ohne Worte, als hätte die Zeit für sie einen anderen Rhythmus angenommen. Minerva lehnte an Hermine, ihre Finger ruhten locker in Hermines Hand, während das Feuer im Kamin langsam herunterbrannte und die Schatten weicher wurden.
Minerva gähnte unwillkürlich.
Sie hob eine Hand vor den Mund, schüttelte leicht den Kopf und lächelte entschuldigend.
„Verzeih mir. Der Tag steckt mir noch in den Knochen.“
Hermine sah sie liebevoll an.
„Kein Wunder“, sagte sie leise. „Du hast heute noch mehr getragen als sonst.“
Minerva atmete tief aus und ließ den Kopf gegen Hermines Schulter sinken.
„So fühlt es sich an.“
Hermine zögerte einen Moment, dann fragte sie beinahe beiläufig, aber mit einem Unterton, der ihre Hoffnung verriet:
„Bleibst du heute Nacht hier?“
Minerva hob den Kopf, sah sie überrascht an und dann schlich sich ein warmes, sanftes Lächeln auf ihr Gesicht.
„Ich hatte nicht vor zu gehen“, antwortete sie ruhig.
Hermine spürte, wie sich etwas in ihr löste. Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, ehrlich und erleichtert.
„Gut“, murmelte sie.
Minerva legte eine Hand an ihre Wange, strich mit dem Daumen sanft darüber.
„Ich glaube, ich brauche heute genau das. Dich. Und einen Ort, an dem ich nicht erklären muss, warum ich müde bin.“
Hermine beugte sich vor und küsste sie, langsam, dankbar. Minerva erwiderte den Kuss weich, mit dieser stillen Intensität, die mehr sagte als jede Zusicherung.
Sie lösten sich erst, als Minerva leise lachte.
„Dann sollten wir wohl ins Bett gehen, bevor ich hier einschlafe.“
„Das wäre kein Problem“, entgegnete Hermine schmunzelnd. „Aber ich denke, dort ist es bequemer.“
Minerva nickte zustimmend, ließ sich von Hermine hochziehen und blieb einen Moment stehen, nur um sie noch einmal anzusehen.
„Danke, dass du mich hast ankommen lassen“, sagte sie leise.
Hermine drückte ihre Hand.
„Immer.“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg ins Schlafzimmer, während hinter ihnen die letzten Flammen im Kamin verglühten.