Zwischen Machtspiel und Überzeugung
Zwischen Machtspiel und Überzeugung
Hallo meine Lieben,
ich hoffe ihr hattet alle schöne Weihnachten :) Freut ihr euch schon auf das nächste Kapitel? Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt :)
Viel Spaß und Liebe Grüße :D
Der Morgen kam zu früh. Viel zu früh.
Das erste fahle Licht schob sich durch die Vorhänge, noch zaghaft, aber unerbittlich. Hermine spürte die Veränderung, noch bevor sie die Augen öffnete — dieses leise Wissen, dass die Nacht vorbei war und der Tag Forderungen stellen würde. Instinktiv rückte sie näher. Sie kuschelte sich eng an Minerva, legte einen Arm um ihre Taille, das Gesicht an ihre Schulter gedrückt, als könne sie sie so festhalten. Minerva murmelte etwas Unverständliches, zog Hermine im Schlaf näher an sich, ihre Hand fand wie selbstverständlich Hermines Rücken.
„Geh nicht“, flüsterte Hermine leise, halb im Ernst, halb noch im Traum.
Minerva öffnete langsam die Augen. Für einen Moment war da nur Verwirrung, dann wich sie einem sanften Lächeln.
„Guten Morgen“, murmelte sie.
Hermine hob den Kopf, sah sie an, dieses vertraute Gesicht im weichen Morgenlicht, und beugte sich vor, um sie zu küssen. Ein langsamer, zärtlicher Kuss, der mehr versprach als er forderte. Minerva erwiderte ihn ebenso ruhig, ließ die Stirn an Hermines sinken.
„Ich will heute nicht stark sein“, sagte Hermine leise.
Minerva strich ihr durchs Haar, sanft, beruhigend.
„Dann musst du es jetzt auch nicht.“
Sie tauschten noch ein paar Küsse, flüchtig, warm, begleitet von kleinen Berührungen — eine Hand, die über den Rücken glitt, ein Daumen, der eine Wange streichelte. Nichts Eiliges, nichts Verstecktes. Nur Nähe.
Minerva seufzte leise.
„Wir haben noch ein paar Minuten.“
Hermine nickte, schloss die Augen wieder und blieb einfach so liegen, als wollte sie diesen Moment in sich einsperren. Für später. Für die Stunden, in denen Abstand nötig sein würde. Noch hielten sie einander. Noch gehörte der Morgen ihnen.
Nach einer Weile bewegte sich Minerva und wollte sich aufrichten, doch Hermines Griff um ihre Taille wurde stärker.
„Bleib“, murmelte Hermine leise, halb im Schlaf, halb wach.
Minerva lächelte schwach und zog sie enger an sich.
„Wenn ich könnte, würde ich es“, antwortete sie ruhig, aber mit diesem Unterton, der verriet, wie sehr sie es meinte.
Hermine hob den Kopf, sah sie an, noch zerzaust, noch ganz bei ihr. Sie küsste Minerva erst sanft, dann ein wenig drängender, als wolle sie jeden Moment festhalten. Minerva erwiderte den Kuss, legte eine Hand in Hermines Nacken, zog sie näher.
Sie küssten sich noch einmal, dann noch einmal, langsam, innig, ohne Eile. Zärtlichkeiten, die nichts forderten und doch alles sagten.
„Ich mag diese Morgen nicht“, flüsterte Hermine schließlich.
„Ich weiß“, sagte Minerva leise. „Aber sie machen die Nächte nicht weniger wahr.“
Hermine seufzte, schmiegte sich noch einmal an sie, als müsste sie Kraft sammeln. Minerva strich ihr beruhigend durchs Haar, ließ die Fingerspitzen einen Moment länger ruhen, als nötig gewesen wäre.
Schließlich löste sie sich schweren Herzens, setzte sich auf und zog die Decke ein Stück beiseite.
„Wir müssen aufstehen“, sagte sie leise, fast entschuldigend.
Hermine nickte widerwillig.
„Ich weiß.“
Das Anziehen verlief schweigend, beinahe ritualhaft. Jeder Handgriff brachte sie ein Stück weiter weg von dem geschützten Raum, den sie miteinander geteilt hatten. Als Minerva ihre Robe glattstrich und Hermine ihren Blazer überwarf, standen sie sich einen Moment gegenüber — nicht als Liebende, sondern bereits wieder als das, was die Welt sehen durfte. Eine Schulleiterin und eine Referendarin. Dann wandte sich Minerva zum Gehen
„Minerva!“
Sie blieb sofort stehen und drehte sich um. Da warf sich Hermine auch schon in ihre Arme und hielt sie fest.
„Ich liebe dich“, sagte sie und küsste Minerva noch einmal.
„Ich liebe dich auch mein Schatz. Bitte vergiss das nie“, antwortete Minerva und streichelte sanft über Hermines Wange.
Beim Frühstück in der Großen Halle war der Wechsel vollzogen. Minerva nahm ihren Platz am Lehrertisch ein, aufrecht, ruhig, die Schulleiterin wie aus dem Lehrbuch. Hermine setzte sich etwas weiter entfernt, unter den anderen, den Rücken gerade, den Blick gesammelt.
Sie grüßten sich. Höflich. So, wie es erwartet wurde.
Ein kurzer Blick, nicht länger als nötig. Ein kaum merkliches Nicken. Keine Berührung, kein Lächeln zu viel. Für Außenstehende war nichts ungewöhnlich. Sie waren zwei Kolleginnen, professionell, distanziert, korrekt, doch unter dem Tisch ballte Hermine kurz die Hände und Minerva hielt ihre Tasse einen Moment zu fest umklammert. Sie spielten ihre Rollen perfekt und wussten beide, wie viel es sie kostete.
Minerva saß aufrecht am Lehrertisch, aufmerksam, kontrolliert, die Schulleiterin. Hermine sprach mit Neville, nickte Pomona zu, lächelte höflich in Minervas Richtung, so wie es jeder andere auch tat. Kein Blick zu lang, kein Lächeln zu weich.
Es tat weh, aber sie konnten es, weil sie es mussten.
Minerva stand früher auf als sonst.
„Ich habe noch einige Dinge zu erledigen“, sagte sie sachlich in die Runde und erhob sich.
„Natürlich“, entgegnete Pomona wissend, ohne nachzufragen.
Poppy sah sie einen Moment misstrauisch an. Minerva sah ihren Blick und schüttelte kaum merklich den Kopf und Poppy verstand sie.
Hermine beobachtete Minerva nur aus dem Augenwinkel, bis sie die Große Halle verließ.
Gerade als Hermine sich wieder Irina zuwandte, die ihr etwas über eine widerspenstige fünfte Klasse erzählte, erklang diese allzu vertraute Stimme.
„Erstaunlich“, meinte Featherstone trocken, „wie konzentriert manche Kollegen heute wirken. Fast so, als hätten sie eine besonders erholsame Nacht hinter sich.“
Irinas Augen verengten sich leicht. Hermine hingegen nahm ruhig einen Schluck Tee. Sie wusste, worauf er anspielte.
„Erholung wirkt Wunder“, sagte Irina gelassen, bevor Hermine etwas sagen konnte. „Vielleicht solltest du es auch einmal versuchen, Edmund.“
Ein paar Köpfe drehten sich. Featherstones Lächeln war dünn.
„Nun“, entgegnete er, „nicht jeder hat den Luxus, sich auf… Ablenkungen zu verlassen.“
Hermine hob den Blick, ruhig, fest und begegnete seinem.
„Nicht wahr, Miss Granger?“
„Ich verlasse mich auf meine Arbeit. Alles andere ist Ihre Interpretation.“
Irina schnaubte leise in ihre Tasse. Featherstone musterte Hermine noch einen Moment, dann wandte er sich ab, als hätte er das Interesse verloren, doch sein zusammengepresster Kiefer verriet etwas anderes. Hermine atmete langsam aus.
Sie wusste: Der Tag hatte gerade erst begonnen.
Der Morgen zog sich für Hermine schwerfälliger dahin, als sie gehofft hatte.
Im Klassenzimmer für Zaubertränke war es ungewöhnlich unruhig. Kaum hatte Slughorn sie mit einem wohlwollenden Nicken und einem leisen „Professor Granger, wenn Sie übernehmen würden?“ begrüßt und sich wie selbstverständlich an den Rand des Geschehens zurückgezogen, da merkte Hermine, dass etwas nicht stimmte.
Sie atmete einmal tief durch, stellte sich vorne an den Tisch und begann mit ruhiger, klarer Stimme die heutige Lektion zu erklären. Ein stabilisierender Trank — nichts Außergewöhnliches, eigentlich gut geeignet für eine konzentrierte Stunde.
Die Schüler flüsterten mehr als sonst. Kessel klapperten. Zutaten wurden zu hastig geschnitten, Zauberformeln zu nachlässig gemurmelt.
Die Aufmerksamkeit blieb brüchig.
„Bitte hört mir jetzt zu“, sagte sie nach dem dritten unterbrochenen Satz, fester als gewöhnlich. „Dieser Schritt ist entscheidend. Wer hier ungenau arbeitet, kann den Trank gleich entsorgen.“
Ein paar Köpfe hoben sich erschrocken. Ein Schüler ließ hastig den Löffel sinken.
Hermine bemerkte selbst, dass ihr Ton strenger war, kantiger. Sie zwang sich, die Schultern zu lockern.
'Reiß dich zusammen', ermahnte sie sich. 'Das sind nicht Featherstones Stunden. Das hier ist etwas anderes.'
Sie ging zwischen den Tischen umher, korrigierte hier eine Handbewegung, dort die Reihenfolge der Zutaten. Ihre Hinweise waren präzise, sachlich und freundlich, aber ohne das sonst so selbstverständliche Lächeln.
„Langsamer“, sagte sie zu einem Mädchen aus Ravenclaw. „Der Trank reagiert empfindlich auf Hektik. Genau wie wir.“
Das Mädchen nickte eifrig. Slughorn beobachtete das Ganze mit zusammengelegten Händen und einem nachdenklichen Ausdruck. Schließlich beugte er sich zu ihr, als sie an ihm vorbeiging.
„Du machst das sehr gut“, murmelte er leise. „Auch wenn die Klasse heute… nun ja.“
Hermine schenkte ihm ein kurzes, dankbares Lächeln.
„Danke, Horace.“
Die Stunde verlief letztlich besser, als sie begonnen hatte. Nicht perfekt, aber solide. Als die Schüler den Raum verließen, war Hermine erschöpfter, als sie es nach einer einzigen Stunde hätte sein sollen.
Sie blieb einen Moment stehen, die Hände auf dem Rand eines Kessels und schloss kurz die Augen.
Ihr Morgen war holprig gewesen. Ihre Nerven lagen blanker als sonst. Und tief in ihr wusste sie, dass es nicht nur an den Schülern lag.
Es war das Wissen, dass sie und Minerva wieder Abstand hielten, dass jeder Blick, jede Regung berechnet sein musste und dass Nähe ein Risiko war und diese Distanz schmerzte schon jetzt.
Hermine richtete sich auf, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und setzte wieder ihre professionelle Maske auf. Der Tag war noch lange nicht vorbei.
Die folgenden Stunden verliefen wesentlich angenehmer. Die Schüler hörten genau zu, Hermine konnte ruhig und verständlich erklären und Slughorn beobachtete alles von seinem Platz am Rand aus. Als es zur Pause klingelte, packten die Schüler zügig ein und verließen das Zimmer. Hermine blieb noch einen Moment allein zurück und ordnete ihre Unterlagen. Hunger verspürte sie keinen. Sie hielt es also für besser in ihre Wohnung zu gehen und dort noch etwas für die folgende Stunde vorzubereiten.
Sie nahm ihre Sachen und ging los. Bereits von weitem hörte sie Stimmen. Eine unverkennbare Stimme. Hermine blieb abrupt stehen. Die Stimmen hallten durch den Korridor, scharf, kalt, viel zu laut für das, was gesagt wurde. Featherstones Tonfall kannte sie inzwischen nur zu gut — diese ruhige Grausamkeit, die keine offenen Beleidigungen brauchte, um Wirkung zu zeigen.
Zwei Gryffindor-Schülerinnen standen vor ihm. Erstes oder zweites Jahr, schätzte Hermine. Die Schultern eingezogen, die Hände verkrampft an den Riemen ihrer Taschen. Eine von ihnen blinzelte hastig, als würde sie gegen Tränen ankämpfen.
„Unaufmerksamkeit ist der erste Schritt zur Inkompetenz“, sagte Featherstone gerade. „Und Inkompetenz hat in meinem Unterricht keinen Platz.“
Hermine dachte nicht nach. Sie handelte.
„Professor Featherstone.“
Ihre Stimme schnitt klar durch den Flur. Ruhig, fest, ohne jede Schärfe und gerade deshalb unüberhörbar. Featherstone wandte sich langsam um. Sein Blick verengte sich einen winzigen Moment, als hätte er nicht erwartet, dass jemand ihn unterbricht.
„Miss Granger“, sagte er kühl. „Ich unterhalte mich hier gerade.“
Hermine trat näher, stellte sich ganz selbstverständlich neben die beiden Schülerinnen. Nicht demonstrativ, aber eindeutig. Schutz bot manchmal schon allein Präsenz.
„Diese Schülerinnen sind sichtlich aufgelöst“, entgegnete sie ruhig. „Vielleicht wäre es sinnvoll, das Gespräch in einem anderen Ton fortzusetzen.“
Die Mädchen sahen sie an wie einen Rettungsanker. Featherstones Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln.
„Ich halte Disziplin für einen angemessenen Ton.“
„Disziplin“, wiederholte Hermine, „ist etwas anderes als Einschüchterung.“
Einen Herzschlag lang herrschte Stille. Dann legte Featherstone den Kopf leicht schief.
„Passen Sie auf, Miss Granger“, sagte er leise. „Sie sind hier nicht in der Position, mir pädagogische Ratschläge zu erteilen.“
Hermine spürte, wie ihr Herz schneller schlug, aber sie wich nicht zurück.
„Und Sie sind nicht in der Position, Schülerinnen Angst zu machen“, erwiderte sie. „Wenn es um einen Regelverstoß geht, können Sie das melden, aber nicht so.“
Featherstones Blick glitt kurz zu den Mädchen, dann zurück zu Hermine. Etwas Dunkles blitzte darin auf. Ärger. Und etwas anderes. Berechnung.
„Gehen Sie“, sagte er schließlich scharf zu den Schülerinnen.
Die beiden zögerten keine Sekunde. Sie murmelten hastig ein „Danke, Professor Granger“ und verschwanden fast fluchtartig den Gang hinunter.
Hermine blieb stehen. Jetzt waren sie allein.
„Mutig“, sagte Featherstone leise. „Oder töricht.“
„Nennen Sie es, wie Sie wollen“, antwortete Hermine. „Aber ich konnte das nicht ignorieren.“
Er trat einen Schritt näher. Nicht bedrohlich, aber absichtlich.
„Sie sollten lernen, wann Sie sich zurückzuhalten haben“, sagte er. „Solche… Einwürfe bleiben nicht folgenlos.“
Hermine sah ihm direkt in die Augen.
„Wenn es Konsequenzen dafür gibt, dass ich Schüler schütze, dann nehme ich sie in Kauf.“
Einen Moment lang musterte er sie. Dann lächelte er wieder — dieses falsche, glatte Lächeln, das ihr längst bekannt war.
„Wir werden sehen“, sagte er ruhig. „Sie sollten zu Ihrem Büro gehen. Sie wollten doch sicher arbeiten, nicht wahr?“
Er wusste es also. Natürlich wusste er es. Hermine antwortete nicht mehr. Sie drehte sich um und ging, den Rücken gerade, die Schritte kontrolliert. Erst als sie außer Hörweite war, ließ sie den Atem zittrig entweichen. Ihr Magen zog sich zusammen. Nicht aus Angst um sich selbst, sondern aus der Gewissheit, dass sie soeben eine weitere Linie überschritten hatte, doch trotz allem dachte sie nur eines:
'Ich würde es wieder tun.'
Hermine schloss die Tür zu ihrer Wohnung etwas fester, als sie es beabsichtigt hatte. Der Raum war still, fast zu still. Sie lehnte sich einen Moment mit dem Rücken gegen die Tür, schloss die Augen und atmete tief durch. Erst jetzt, mit Abstand zu der Szene im Korridor, begann ihr Herz schneller zu schlagen.
'Was hast du dir dabei gedacht?'
Sie löste sich von der Tür, ging langsam zum Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl sinken. Ihre Hände lagen reglos auf der Tischplatte, doch innerlich war sie alles andere als ruhig. Das Bild der beiden Schülerinnen ließ sie nicht los — wie sie dagestanden hatten, die Schultern hochgezogen, die Blicke gesenkt, während Featherstones Stimme kalt und scharf durch den Flur geschnitten hatte. Hermine presste die Lippen zusammen. Sie wusste, dass sie eingegriffen hatte, ohne nachzudenken. Nicht als Referendarin. Nicht als jemand, der sich momentan keinerlei Fehler erlauben durfte. Sondern als jemand, der es schlicht nicht ertragen konnte, wegzusehen.
„Verdammt“, murmelte sie leise.
Featherstone würde das nicht auf sich beruhen lassen. Das wusste sie. Er würde es als Einmischung werten, als Respektlosigkeit, als weiteren Beweis dafür, dass sie in seinen Augen ihre Rolle nicht kannte. Und vielleicht würde er diesmal nicht nur sticheln.
Unwillkürlich dachte sie an Minerva.
Ein Teil von ihr zog sich bei dem Gedanken zusammen.
'Bitte lass das keine Kreise ziehen', flehte sie stumm.
Sie wollte nicht, dass Minerva erneut in eine Situation geriet, in der sie Stellung beziehen musste. Nicht wegen ihr. Nicht jetzt.
Hermine stand auf, ging zum Fenster und starrte hinaus auf den Innenhof. Schüler gingen lachend vorbei, als wäre nichts geschehen. Als würde sich nicht gerade wieder ein kleiner Knoten enger um sie ziehen.
'Du hast richtig gehandelt', sagte eine Stimme in ihr.
'Vielleicht', antwortete eine andere. 'Aber richtig handeln schützt dich nicht vor Konsequenzen.'
Sie fuhr sich durch die Haare und atmete noch einmal tief ein. Dann zwang sie sich zur Ruhe. Panik half niemandem. Schon gar nicht ihr.
Sie setzte sich wieder an den Schreibtisch, zog Pergament und Feder zu sich und begann, Notizen für die nächste Stunde zu machen. Konzentriert. Ordentlich. So, wie sie es immer tat, wenn die Welt um sie herum unsicher wurde.
Was auch immer Featherstone daraus machen würde, sie würde vorbereitet sein.
Und diesmal, schwor sie sich, würde sie nicht einknicken.
Minerva hatte ihr Büro bereits verlassen und war auf dem Weg zur Großen Halle, als eine Bewegung am Rand ihres Blickfeldes sie innehalten ließ.
„Minerva.“
Der Tonfall war zu glatt, zu vorbereitet. Minerva drehte sich um und sah Edmund Featherstone ein paar Schritte hinter sich stehen. Seine Haltung war korrekt, beinahe unterwürfig, doch in seinen Augen lag dieses bekannte, lauernde Funkeln.
„Edmund“, erwiderte sie kühl. „Was kann ich für dich tun?“
Er trat näher, senkte die Stimme, als ginge es um etwas Vertrauliches — ein Spiel, das Minerva nur zu gut kannte.
„Es geht um deine Referendarin“, begann er ohne Umschweife. „Miss Granger.“
Minervas Gesicht blieb unbewegt, doch innerlich spannte sich etwas an.
„Bitte, fahr fort.“
„Ich habe soeben beobachten müssen, wie sie sich in meine Gespräche mit meinen Schülern eingemischt hat“, sagte Featherstone und legte eine Spur Empörung in seine Stimme. „Sie hat mich vor Schülerinnen zurechtgewiesen. Öffentlich. Ohne jede Berechtigung.“
Minerva verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
„In welchem Zusammenhang?“
Featherstone lächelte dünn.
„Ich habe zwei Schülerinnen wegen mangelhafter Vorbereitung zurechtgewiesen. Miss Granger hielt es offenbar für angebracht, mir in den Rücken zu fallen und meine Autorität infrage zu stellen. Ich hatte gedacht, dass diese Zeit hinter uns liegt.“
Er beugte sich ein wenig vor.
„Ein solches Verhalten ist nicht tragbar. Nicht für eine Referendarin. Ich erwarte, dass es dafür eine klare Zurechtweisung gibt.“
Einen Moment lang sagte Minerva nichts. Sie sah Featherstone ruhig an, musterte ihn, ließ die Stille wirken. Ihre Stimme war schließlich leise, aber fest.
„Hermine ist nicht deine Untergebene“, sagte sie. „Und sie ist durchaus befugt, einzugreifen, wenn sie der Meinung ist, dass Schülerinnen unangemessen behandelt werden.“
Featherstones Augen verengten sich kaum merklich.
„Du stellst also ihre Entscheidung über meine?“
„Ich stelle meine Verantwortung über deine Befindlichkeiten“, erwiderte Minerva kühl. „Und ich werde mir selbst ein Bild von der Situation machen, bevor ich irgendetwas unternehme.“
„Mit Verlaub“, sagte Featherstone scharf, „das ist genau dieses Muster, von dem ich spreche. Du schützt Miss Granger immer wieder. Es entsteht der Eindruck—“
„—dass ich meine Referendare unterstütze?“ unterbrach Minerva ihn, nun deutlich schärfer. „Ja. Das ist korrekt. Dafür bin ich hier.“
Sie trat einen Schritt näher an ihn heran, ihr Blick hart.
„Ich rate dir, Edmund, deine Wortwahl sehr sorgfältig zu wählen. Und deine Erwartungen ebenfalls.“
Für einen Augenblick blitzte Wut in seinem Gesicht auf, dann zwang er sich wieder zur Ruhe.
„Selbstverständlich“, sagte er steif. „Ich wollte dich lediglich informieren.“
„Das hast du nun getan“, antwortete Minerva. „Ich kümmere mich darum.“
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und setzte ihren Weg fort. Erst als sie außer Sichtweite war, erlaubte sie sich einen tiefen Atemzug. Ihre Gedanken waren bereits bei Hermine — bei ihrem Mut, bei ihrer Impulsivität, bei den möglichen Konsequenzen.
'Ich werde dich nicht fallen lassen', dachte Minerva entschlossen.
Minerva ging weiter, ohne den Schritt zu verlangsamen. Ihre Haltung blieb aufrecht, ihr Blick nach vorn gerichtet, als hätten Featherstones Worte sie kaum erreicht, doch hinter der kontrollierten Fassade arbeitete es. Sie hörte noch immer seinen Tonfall, dieses gespielte Pflichtbewusstsein, hinter dem sich Genugtuung verbarg.
Featherstone war stehengeblieben. Ein schmales Lächeln zog sich über sein Gesicht, kaum sichtbar, aber selbstzufrieden.
'Genau so', dachte er.
Keine sofortige Verteidigung. Keine offene Empörung. Geduld war eine Tugend und er hatte Zeit.
Minerva hingegen zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Im Inneren ordnete sie bereits die Situation, Stück für Stück, wie ein Schachbrett. Featherstone hatte den Vorfall nicht zufällig erwähnt. Dass Hermine eingegriffen hatte, war ihm gelegen gekommen. Und dass er es ihr meldete, nicht einem anderen Kollegen, sagte mehr als genug.
Im Speisesaal angekommen, blieb sie kurz stehen, legte die Hand an den Türrahmen und schloss für einen Herzschlag die Augen. Nicht aus Schwäche, sondern um sich zu sammeln. Sie würde keine vorschnellen Entscheidungen treffen. Keine öffentliche Parteinahme. Keine Angriffsfläche.
Aber eines war klar:
Hermine würde nicht ungeschützt bleiben.
Minerva trat ein, begrüßte die Kollegen mit höflichem Nicken und setzte sich an ihren Platz, als wäre alles wie immer. Sie nahm sich eine Tasse Tee, hörte einem belanglosen Gespräch zu und beteiligte sich mit wenigen, wohlgesetzten Worten. Niemand hätte ihr angesehen, dass sie innerlich bereits plante.
Nicht weit entfernt beobachtete Featherstone sie aus dem Augenwinkel. Ihre Ruhe irritierte ihn. Keine sichtbare Reaktion. Keine unmittelbare Maßregelung.
'Noch nicht', dachte er und nahm einen Schluck von seinem Getränk. 'Aber sie wird handeln und dann werde ich es sehen.'
Währenddessen saß Hermine allein in ihrer Wohnung, den Rücken gegen die Stuhllehne gedrückt, den Blick auf ein Pergament geheftet, ohne wirklich zu lesen.
Featherstones Stimme hallte ihr noch in den Ohren nach, das erschrockene Gesicht der Mädchen ebenso. Sie wusste, dass sie impulsiv gehandelt hatte. Sie wusste auch, dass es Konsequenzen haben würde.
Doch wenn sie die Augen schloss, sah sie wieder Minerva vor sich — ruhig, standhaft, unbeugsam. Und daran hielt sie sich fest.
'Ich stehe dazu', dachte Hermine. 'Was auch kommt.'
Und irgendwo zwischen Berechnung und Mut, zwischen Machtspiel und Überzeugung, bewegten sich alle Figuren weiter aufeinander zu.
Featherstone lehnte sich leicht zurück, ein selbstgefälliges Grinsen auf den Lippen. Er beobachtete Minerva, wie sie an ihm vorbeiging, als sie die Halle wieder verließ. Sie war scheinbar unbeeindruckt, doch innerlich hatte sie die Nachricht von Hermines Einmischung aufgenommen. Genau das hatte er erwartet.
Sein Blick verfinsterte sich einen Moment, als er die Möglichkeiten abwägte. Sollte Minerva tatsächlich öffentlich für Hermine einstehen, würde das ihr Image im Kollegium angreifen und gleichzeitig Hermines Position angreifbar machen. Jede noch so kleine Verteidigungshandlung würde wie ein offenes Bekenntnis wirken und damit könnte er beide in eine schwierige Lage bringen.
Featherstone ließ das Grinsen wieder aufblitzen, diesmal noch schärfer, kalkulierter.
'Ja', dachte er, 'das ist genau das fehlende Puzzleteil, das mir noch gefehlt hat. Sobald der Moment richtig ist, werde ich es gegen sie ausspielen. Beide werden den Preis dafür zahlen müssen und ich werde dabei die Fäden in der Hand halten.'
Er verfolgte Minerva noch einen Augenblick mit den Augen, bevor er sich ebenfalls erhob und die Große Halle verließ.
Im Flur murmelte er leise:
„Mal sehen, wie lange sie ihre Loyalität noch verbergen kann.“
Jeder Schritt war kalkuliert, jeder Blick ein Test, jede Information ein Werkzeug. Featherstone war sich sicher: Bald würde das Spiel beginnen und er würde bereit sein.