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Nähe oder Distanz?

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Nähe oder Distanz?

Minerva bog entschlossen in den Korridor zu Hermines Wohnung ein. Ihre Schritte waren ruhig, kontrolliert, doch in ihr arbeitete es. Sie blieb vor der Tür stehen, atmete einmal tief durch und klopfte an. Es dauerte nur einen Moment.

Die Tür öffnete sich und Hermine stand vor ihr. Ihr Blick huschte sofort zu Minervas Gesicht, suchend, wachsam und dann entspannte er sich ein wenig.

„Ich wusste, dass du kommen würdest“, sagte sie leise und trat zur Seite.

Minerva antwortete nicht, sondern trat ein. Erst als die Tür hinter ihr geschlossen war, ließ sie die Schultern einen Hauch sinken. Sie sah sich kurz um, dann direkt Hermine an.

„Featherstone war bei mir“, sagte sie ohne Umschweife.

Hermine nickte langsam.

„Ich habe es mir gedacht.“

Minerva musterte sie.

„Was genau ist passiert?“

Hermine zögerte einen Herzschlag lang, dann ging sie ein paar Schritte in den Raum hinein und stützte sich am Tisch ab.

„Er hat zwei Gryffindor-Schülerinnen im Flur zusammengestaucht. Wegen einer Kleinigkeit. Sie waren völlig eingeschüchtert.“

Sie hob den Blick. „Ich habe nicht nachgedacht und bin dazwischen gegangen.“

Minervas Kiefer spannte sich.

„Und?“

„Ich habe ruhig gesprochen. Sachlich. Ihn gebeten, den Ton zu mäßigen.“

Ein bitteres Lächeln huschte über Hermines Gesicht.

„Er fand das natürlich unangemessen. Die Referendarin, die ihm öffentlich widerspricht.“

Minerva schloss kurz die Augen. Nicht aus Ärger über Hermine, sondern aus Sorge.

„Hermine“, sagte sie ruhig, aber eindringlich. „Du weißt, dass er genau auf so etwas wartet.“

„Ich weiß“, antwortete Hermine sofort. „Und glaub mir, ich habe es mir schon hundertmal vorgeworfen, aber in dem Moment konnte ich nicht einfach weitergehen.“

Minerva trat näher.

„Das ehrt dich“, sagte sie leise. „Aber es macht dich auch angreifbar.“

Hermine nickte.

„Genau deshalb wusste ich, dass du kommen würdest.“

Minerva sah sie lange an. Dann seufzte sie und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

„Er hat verlangt, dass ich dich zurechtweise und dir sage, dass so ein Verhalten nicht tragbar sei.“

Hermines Atem stockte kurz.

„Und?“

„Ich habe ihm nichts zugesagt“, sagte Minerva ruhig. „Ich bin einfach weitergegangen.“

Ein leises Aufatmen entwich Hermine, doch es war kein echtes Gefühl der Erleichterung.

„Das macht es für ihn nur interessanter.“

„Ja“, bestätigte Minerva. „Und genau deshalb müssen wir jetzt vorsichtig sein. Sehr vorsichtig.“

Sie hob die Hand und legte sie an Hermines Arm — eine flüchtige, beinahe unscheinbare Berührung, aber voller Bedeutung.

„Ich werde dich nicht fallen lassen“, sagte Minerva leise. „Aber wir dürfen ihm keinen weiteren Anlass liefern.“

Hermine sah sie an, ernst, gefasst.

„Sag mir, was ich tun soll.“

Minerva hielt ihrem Blick stand.

„Für den Moment, ruhig bleiben. Korrekt. Unangreifbar.“

Dann, etwas weicher: „Und vor allem — nichts allein ausfechten.“

Hermine nickte. „Versprochen.“

Einen Moment standen sie sich einfach gegenüber, die Spannung zwischen Nähe und Notwendigkeit klarer Distanz fast greifbar.

Dann löste Minerva sich als Erste.

„Ich muss zurück“, sagte sie leise. „Wenn ich zu lange hierbleibe, fällt es auf.“

Hermine lächelte schwach.

„Natürlich.“

Minerva öffnete die Tür, blieb noch einmal stehen und sah über die Schulter zurück.

„Und Hermine?“

„Ja?“

„Du hast richtig gehandelt. Vergiss das nicht.“

Dann ging sie und ließ Hermine allein zurück, mit dem Wissen, dass das Spiel nun eine neue Stufe erreicht hatte.

Minerva schloss die Tür zu ihrem Büro hinter sich und blieb einen Moment stehen, die Hand noch auf der Klinke. Der Gang draußen verstummte, als wäre er plötzlich weit weg. Erst dann ging sie langsam zu ihrem Schreibtisch, legte ihren Umhang ab und setzte sich. Sie starrte auf die glatte Holzfläche vor sich. Eigentlich war die Sache klar. Hermine hatte sich in die Zurechtweisung eines anderen Professors eingemischt. Öffentlich. Vor Schülerinnen. In der Hierarchie von Hogwarts war das kein kleines Vergehen — erst recht nicht für eine Referendarin. Als Schulleiterin hätte Minerva sie zu sich zitieren, sachlich tadeln und den Vorfall formell abschließen müssen. So, wie es die Regeln vorsahen. Minerva atmete langsam ein und wieder aus.

Und doch konnte die sich das Bild genau vorstellen: zwei eingeschüchterte Mädchen, Featherstones scharfer Ton, die Art, wie er Druck ausübte, wie er sich größer machte, als er war. Sie kannte diesen Ton. Sie hatte ihn oft genug gehört — früher, im Ministerium, bei Männern, die Macht mit Einschüchterung verwechselten.

Und Hermine? Hermine hatte instinktiv reagiert. Unüberlegt vielleicht. Emotional, aber nicht falsch.

Minerva presste kurz die Lippen zusammen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

'Merlin, Hermine…'

Als Lehrerin hätte sie eingreifen dürfen. Als Referendarin hätte sie sich zurückhalten müssen. Doch Minerva wusste genau, warum Hermine es nicht konnte. Sie hatte selbst nie weggesehen, wenn Unrecht geschah und sie hatte ihr das nie abverlangt. Das war es, was Featherstone nicht verstand und nie verstehen würde.

Minerva stand auf und trat zum Fenster, verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Unten im Hof bewegten sich Schüler, lachten, lebten. Hogwarts funktionierte nur, weil jemand Grenzen zog und weil jemand den Mut hatte, sie zu verteidigen.

'Wenn ich Hermine zurechtweise', dachte Minerva, 'liefere ich Featherstone genau das, was er will. Wenn ich es nicht tue, wird es Fragen geben. Gerüchte. Weitere Puzzleteile.'

Sie schloss kurz die Augen. Es musste einen Weg geben, beides zu tun: die Form zu wahren und den Kern zu schützen.

Langsam kehrte sie zu ihrem Schreibtisch zurück, zog ein leeres Pergament heran und nahm die Feder in die Hand. Keine offizielle Rüge. Keine öffentliche Demütigung. Aber auch kein stilles Übergehen.

Ein Gespräch. Unter vier Augen. Sachlich. Klar. Mit Grenzen und mit Rückhalt.

Minerva setzte die Feder an.

„Manchmal“, murmelte sie leise zu sich selbst, „besteht Führung nicht darin, die Regeln blind zu befolgen… sondern darin, sie klug anzuwenden.“

Und während sie zu schreiben begann, war ihr eines vollkommen klar:

Featherstone hatte seinen Zug gemacht. Nun war sie an der Reihe.

Später machte sich Minerva wieder auf den Weg in die Große Halle. Sie blieb einen Moment im Schatten des Torbogens stehen. Sie hatte eigentlich nur den Korridor passieren wollen, den Kopf noch halb bei Pergamenten und Beschlüssen, als ihr die Stimmen aufgefallen waren. Zwei junge, aufgeregte und eine dritte, ruhige, vertraute.

„Danke, wirklich, Professor Granger“, sagte eine der Gryffindor-Schülerinnen leise, fast ehrfürchtig. „Er hat uns sonst nie zugehört.“

„Ja“, pflichtete die andere ihr bei und zog den Umhang enger um sich. „Wir hatten solche Angst, etwas falsch gemacht zu haben.“

Hermine hob beschwichtigend die Hände.

„Ihr habt nichts falsch gemacht“, sagte sie ruhig. „Und ihr müsst euch dafür nicht bedanken. Man darf euch nicht so behandeln. Punkt.“

Die Mädchen nickten eifrig.

„Wir halten uns in Zukunft zurück“, versprach die erste schnell.

Hermine lächelte mild, aber sie trat innerlich auf die Bremse.

„Darum geht es nicht. Macht einfach weiter, lernt, stellt Fragen. Und jetzt—“ sie deutete Richtung Große Halle, „—geht essen. Sonst seid ihr nachher völlig unterzuckert.“

Die beiden kicherten leise, verabschiedeten sich noch einmal und huschten dann den Korridor entlang.

Hermine blieb zurück, atmete einmal tief durch und lehnte sich kurz an die kalte Steinwand. Erst da bemerkte sie die Bewegung aus dem Augenwinkel. Minerva trat aus dem Schatten. Für einen Moment sagte keine von beiden etwas.

Hermines Herz machte einen Satz, dann zog sich alles in ihr zusammen. Sie wusste nicht, was sie in Minervas Gesicht suchen sollte — Tadel, Sorge, Zustimmung?

Minerva betrachtete sie ruhig, prüfend. Nicht hart. Aber auch nicht weich.

„Bitte schau mich nicht so an. Ich habe darüber nachgedacht. Ich weiß, dass ich mich eigentlich hätte zurückhalten sollen.“

Minerva verschränkte nicht die Arme. Sie stellte sich nicht über sie. Das allein war schon Antwort genug.

„Und trotzdem bist du dazwischengegangen.“

„Ja.“

Minerva sah sie lange an. Dann atmete sie leise aus.

„Das Ministerium würde sagen, es sei unprofessionell“, sagte sie ruhig. „Das Kollegium würde sagen, es sei… riskant.“

Hermines Blick senkte sich einen Hauch, aber sie sagte nichts. Minerva trat einen Schritt näher.

„Ich sage“, fuhr sie fort, leiser jetzt, „dass Zivilcourage selten bequem ist und fast nie ohne Konsequenzen.“

Hermine hob den Blick wieder.

„Dann—“

„—dann“, unterbrach Minerva sanft, „müssen wir sehr genau überlegen, wie wir damit umgehen.“

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Minervas Lippen. Nicht offen, aber ehrlich.

„Nicht ob du falsch gehandelt hast“, fügte sie hinzu. „Sondern wie ich dich schütze, ohne dir deine Haltung zu nehmen.“

Hermine schluckte.

„Das klingt… kompliziert.“

Minerva schnaubte leise.

„Willkommen in meinem Alltag.“

Einen Moment lang standen sie einfach nur da, zwischen Pflicht und Gefühl, zwischen Blicken und unausgesprochenen Gedanken. Dann richtete Minerva sich ein wenig auf. Die Schulleiterin kehrte zurück, wie ein Mantel, den man überwirft.

„Geh zum Abendessen“, sagte sie ruhig. „Ich komme gleich nach.“

Hermine nickte. Bevor sie ging, hielt sie kurz inne.

„Danke.“

Minerva erwiderte den Blick.

„Sei vorsichtig“, sagte sie leise. „Und bleib, wie du bist.“

Hermine lächelte zaghaft, dann wandte sie sich ab und ging Richtung Große Halle.

Minerva blieb zurück, den Blick noch einen Moment auf die Stelle gerichtet, an der Hermine verschwunden war.

Sie wusste, dass Featherstone beobachtete. Sie wusste, dass jedes falsche Wort gewogen wurde. Aber sie wusste auch: Manchmal war es genau das Richtige, sich vor jemanden zu stellen — selbst wenn der Preis hoch war.

Und diesen Kampf würde sie nicht kampflos aus der Hand geben.

Dann straffte sie die Schultern und setzte sich in Bewegung. Die Große Halle war bereits gut gefüllt. Stimmengewirr, Besteck, das Klirren von Porzellan — der gewohnte Rhythmus des Abends. Minervas Blick glitt automatisch über den Lehrertisch. Die meisten Kollegen waren schon da. Pomona unterhielt sich angeregt mit Poppy, Horace lachte laut über irgendeine Anekdote, Irina nippte ruhig an ihrem Tee. Hermine saß ein Stück weiter unten bei Neville. Sie lehnte leicht zu ihm, hörte ihm aufmerksam zu und Minerva konnte selbst aus der Entfernung erkennen, dass Neville etwas aufgeregt berichtete. Wahrscheinlich war sein Unterricht heute erfolgreich. Hermine lächelte ihm aufmunternd zu.

Minerva ging auf sie zu und blieb direkt bei den beiden stehen.

„Neville“, sagte sie ruhig, „ich hoffe, der Tag war erfolgreich?“

Neville fuhr leicht zusammen, lächelte dann aber breit.

„Ja, Minerva. Wirklich gut sogar.“

„Das freut mich“, erwiderte sie knapp, dann wandte sie sich Hermine zu. Ihr Blick war kontrolliert, professionell, doch darunter lag etwas Ernstes, Unausgesprochenes.

„Hermine, ich möchte später noch mit dir sprechen.“

Hermines Lächeln erlosch kaum merklich, sie nickte jedoch sofort.

„Natürlich.“

Minerva ließ den Blick nicht von ihr, als sie hinzufügte — bewusst laut genug, dass es nicht wie eine beiläufige Bemerkung wirkte:

„Nach dem Abendessen. In meinem Büro.“

Dann drehte sie sich um. Ihr Blick traf Featherstone, der ein paar Plätze weiter saß, den Kopf leicht schiefgelegt, als hätte er genau auf diesen Moment gewartet. Minerva hielt seinem Blick stand, ohne zu blinzeln.

„Edmund“, sagte sie kühl. „Du wirst ebenfalls anwesend sein.“

Ein kurzes Innehalten. Am Tisch wurde es spürbar ruhiger. Featherstones Augenbrauen hoben sich minimal, sein Mund verzog sich zu einem höflichen, fast zu höflichen Lächeln.

„Selbstverständlich“, antwortete er. „Ich bin gespannt.“

Minerva erwiderte das Lächeln nicht. Sie wandte sich ab, nahm ihren Platz ein und begann zu essen, als wäre nichts geschehen, doch unter der Oberfläche war klar: Das Gespräch war unausweichlich und diesmal würde es keine bloßen Andeutungen mehr geben.

Minerva blieb nicht lange und sie aß nicht viel. Nach einer Weile stand sie mit einem höflichen Nicken und einer Verabschiedung auf und verließ die große Halle. Dabei bemerkte sie nicht, dass Hermine kurz nach ihr ging.

Der Flur war fast leer, nur vereinzelte Schritte hallten noch von den Treppen wider. Minerva ging mit geradem Rücken voraus, ihr Schritt ruhig, kontrolliert. Hermine folgte ihr, ein paar Schritte hinter ihr und spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. Kurz bevor Minerva ihr Büro erreichte, beschleunigte Hermine den Schritt.

„Minerva“, sagte sie leise, aber bestimmt.

Minerva blieb stehen. Nicht abrupt, nicht zögerlich. Sie drehte sich zu Hermine um, ihr Gesicht gefasst, doch die Anspannung ließ sich nicht ganz verbergen.

„Was hast du vor?“, fragte Hermine. „Du bist geradezu geflohen.“

Minerva hielt ihrem Blick stand.

„Ich fliehe nicht“, antwortete sie ruhig. „Es ist Zeit, klare Grenzen zu ziehen.“

Der Ton war sachlich. Zu sachlich. Hermine schluckte. Für einen kurzen, unangenehmen Moment wusste sie nicht, was Minerva meinte. Featherstone? Den Vorfall mit den Schülerinnen? Oder… sie?

„Grenzen“, wiederholte Hermine vorsichtig.

Minervas Blick flackerte einen Sekundenbruchteil lang. Dann wandte sie sich wieder der Tür zu.

„Komm mit rein.“

Sie öffnete ihr Büro, trat ein und ließ die Tür hinter ihnen ins Schloss fallen. Das vertraute Klicken klang heute schwerer als sonst.

Minerva ging zum Schreibtisch, legte ihre Hände darauf, als müsse sie sich erden, bevor sie sprach. Hermine blieb stehen, zog den Umhang enger um sich, wartete.

„Auch ich habe viel nachgedacht. Du hast dich heute Mittag in eine Situation eingemischt, die nicht in deinen Zuständigkeitsbereich fiel“, begann Minerva.

Hermine hob leicht das Kinn.

„Zwei Schülerinnen waren völlig eingeschüchtert. Er hat sie vor anderen bloßgestellt.“

„Das ist mir bekannt“, sagte Minerva ruhig. Sie seufzte leise und schloss für einen Moment die Augen. „Und genau darin liegt das Problem.“

Hermine spannte sich an.

„Dass ich geholfen habe?“

Minerva sah sie an. Direkt. Ernst.

„Dass du richtig gehandelt hast und ich es offiziell nicht einfach gutheißen kann.“

Die Worte hingen schwer zwischen ihnen. Hermine atmete langsam aus.

„Also doch.“

„Hermine“, sagte Minerva leise, trat einen Schritt näher. „Als Schulleiterin muss ich Neutralität wahren. Vor allem jetzt. Jeder Schritt, jede Entscheidung wird beobachtet. Besonders alles, was dich betrifft.“

Hermine verstand und doch tat es weh.

„Und Edmund weiß das“, fügte Minerva hinzu. „Er testet mich. Er provoziert. Er wartet darauf, dass ich mich eindeutig auf deine Seite stelle.“

„Und das würdest du“, sagte Hermine leise.

Es war keine Frage. Minerva zögerte nicht.

„Ja.“

Ein stiller Moment. Dann richtete Minerva sich wieder auf, die Schultern straff.

„Deshalb muss ich klug handeln. Ich werde mit euch beiden darüber sprechen. Sachlich. Ohne Emotionen. Ganz offiziell.“

Hermine nickte langsam.

„Eine Zurechtweisung.“

„Eine Formalität“, meinte Minerva.

Hermine trat näher.

„Ich bereue es nicht.“

Minerva sah sie an und diesmal war da Wärme in ihrem Blick, stolz, leise, gefährlich ehrlich.

„Das weiß ich und insgeheim bin ich froh, dass diese Mädchen jemanden hatten, der für sie eingestanden ist.“

Sie senkte die Stimme.

„Aber wir dürfen ihm keinen weiteren Angriffspunkt liefern.“

Hermine nickte erneut.

„Dann halte ich mich zurück.“

„Du bleibst, wer du bist. Du wirst nur lernen müssen, wann du sichtbar kämpfst und wann ich es für dich tue.“

Hermine sah sie an, überrascht. Dann lächelte sie schwach.

„Das klingt… nach einem Plan.“

Minerva erwiderte das Lächeln kaum merklich.

„Das ist es.“

Für einen Moment standen sie sich nur gegenüber. Keine Berührung. Keine Nähe. Und doch war alles gesagt.

„Du solltest jetzt gehen“, sagte Minerva schließlich leise. „Bevor jemand Fragen stellt.“

Hermine nickte, ging zur Tür, hielt dann noch einmal inne.

„Danke“, sagte sie.

Minerva antwortete nicht sofort. Erst als Hermine die Klinke schon in der Hand hielt, sagte sie leise:

„Pass auf dich auf.“

Die Tür schloss sich.

Minerva blieb zurück, allein in ihrem Büro, und wusste:

Die eigentlichen Grenzen, die sie ziehen musste, lagen nicht zwischen Hermine und Featherstone, sondern zwischen Macht und Schutz.

Später klopfte es an Minervas Tür. Edmund und Hermine betraten ihr Büro.

Minerva schloss die Tür hinter ihnen und ging ruhig zu ihrem Schreibtisch zurück. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Miene kontrolliert – die der Schulleiterin, nicht der Frau, die innerlich längst entschieden hatte.

„Setzt euch“, sagte sie knapp.

Featherstone nahm sofort Platz, die Hände gefaltet, der Blick erwartungsvoll. Hermine blieb einen Moment stehen, dann setzte auch sie sich, den Rücken gerade, das Kinn erhoben. Sie wusste, dass dies kein leichter Moment werden würde. Minerva verschränkte die Hände vor sich.

„Edmund, du hast mir berichtet, dass Hermine heute Mittag in eine Unterhaltung eingegriffen hat.“

„Nicht nur eingegriffen“, erwiderte er sofort. „Sie hat meine Autorität vor Schülerinnen untergraben. Öffentlich. Unüberlegt. Ein solches Verhalten ist für eine Referendarin nicht tragbar.“

Minerva nickte langsam, wandte sich dann Hermine zu.

„Hermine, deine Sicht.“

Hermine atmete tief durch.

„Die beiden Schülerinnen waren sichtbar verängstigt. Sie hatten nichts getan, was eine derartige Zurechtweisung gerechtfertigt hätte. Ich habe nicht eingegriffen, um Professor Featherstone bloßzustellen, sondern um die Situation zu deeskalieren.“

„Sie haben sich über mich hinweggesetzt“, fauchte Featherstone.

Minerva hob die Hand.

„Genug.“

Sie sah Hermine ruhig an.

„Hermine, unabhängig von deinen Beweggründen war es nicht deine Aufgabe, in dieser Situation einzugreifen. Du bist Referendarin. Du hättest mich informieren müssen. Dein Vorgehen war impulsiv und das kann ich nicht unbeachtet lassen.“

Hermine nickte langsam.

„Das verstehe ich.“

Featherstones Lippen verzogen sich zu einem selbstzufriedenen Lächeln, doch Minerva wandte sich nun ihm zu und ihr Blick wurde scharf.

„Edmund“, sagte sie kühl, „das bedeutet jedoch nicht, dass ich dein Verhalten gutheiße.“

Sein Lächeln erstarrte.

„Zwei Schülerinnen der unteren Jahrgänge derart einzuschüchtern widerspricht nicht nur unserem pädagogischen Anspruch, sondern auch den Leitlinien dieser Schule.“

Ihre Stimme blieb ruhig, doch jedes Wort saß.

„Disziplin ist kein Instrument der Demütigung.“

„Ich habe lediglich—“

„Du hast deine Machtposition genutzt“, unterbrach Minerva ihn hart. „Und das werde ich nicht dulden.“

Featherstone richtete sich auf.

„Mit Verlaub, Minerva—“

„Ich habe mich klar ausgedrückt.“

Ein Moment gespannter Stille folgte. Minerva lehnte sich leicht vor.

„Hermine erhält eine formelle Ermahnung wegen unangemessenen Eingreifens. Du, Edmund, erhältst eine ebenso formelle Verwarnung wegen deines Umgangs mit Schülerinnen.“

Featherstones Gesicht verfinsterte sich.

„Das ist unverhältnismäßig.“

„Nein“, entgegnete Minerva ruhig. „Es ist ausgewogen.“

Sie erhob sich.

„Ich erwarte, dass sich solch ein Vorfall nicht wiederholt. Von keinem von euch. Ihr könnt gehen.“

Featherstone stand ruckartig auf, warf Hermine einen eisigen Blick zu und verließ das Büro ohne ein weiteres Wort. Die Tür fiel ins Schloss. Hermine blieb sitzen, die Hände fest ineinander verschränkt. Minerva atmete langsam aus. Erst jetzt ließ sie einen Hauch von Müdigkeit zu.

„Danke“, sagte Hermine ehrlich.

Minerva sah sie an, lange. Sie legte sanft eine Hand auf Hermines Arm und zog sie wieder zurück. Es war eine kleine Geste, doch sie bedeutete Hermine viel. Ein flüchtiges, kaum sichtbares Lächeln huschte über Hermines Gesicht.

„Geh jetzt“, meinte Minerva. „Wir sprechen später weiter.“

Hermine erhob sich, zögerte einen Moment und nickte dann.

Als sie gegangen war, sank Minerva langsam in ihren Stuhl zurück. Die Grenzen waren gezogen und Featherstone hatte gerade gelernt, dass er dieses Spiel nicht allein bestimmte.

Einen Moment lang starrte sie auf das dunkle Holz, als könnte sie durch bloße Willenskraft die Schwere der Situation von sich abschütteln. Dann atmete sie tief ein und langsam wieder aus. Erst jetzt merkte sie, wie angespannt ihre Schultern waren, wie sehr sie den ganzen Nachmittag über Haltung bewahrt hatte.

'Das war nötig', sagte sie sich.

Nüchtern, klar, gerecht und doch zog es in ihrer Brust.

Hermine hatte sie mit diesem Blick angesehen — nicht verletzt, aber enttäuscht. Verstehend und genau das machte es schwerer. Minerva wusste, dass Hermine begriff, warum sie so gehandelt hatte. Und genau deshalb schmerzte es.

Sie rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken, schloss kurz die Augen.

Der einfache Weg wäre gewesen, jetzt aufzustehen, den Korridor entlangzugehen, an Hermines Tür zu klopfen und sie in die Arme zu schließen. Ihr zu sagen, dass sie stolz auf sie war. Dass Featherstone Grenzen überschritten hatte, die längst hätten gezogen werden müssen. Aber genau das durfte sie jetzt nicht tun.

Minerva zog ein leeres Pergament zu sich, tauchte die Feder in Tinte und zwang sich, den Blick auf die Arbeit zu richten. Berichte, Pläne, Unterrichtsbeobachtungen — all das, was sie sonst mit routinierter Klarheit erledigte, doch ihre Gedanken wanderten immer wieder ab.

Zu Featherstones selbstzufriedenem Blick.

Zu Hermines aufrechter Haltung.

Zu der Erkenntnis, dass Featherstone nun wusste, dass er einen Nerv getroffen hatte.

Sie schrieb weiter, korrigierte, strich an, formulierte neu — gründlicher als nötig, langsamer als sonst. Arbeit als Schutzschild und Aufschub.

Draußen wurde es stiller. Die Geräusche des Schlosses veränderten sich, wurden gedämpfter, müder. Irgendwann brannte nur noch eine Lampe in ihrem Büro.

Minerva legte die Feder schließlich beiseite und lehnte sich zurück.

'Nun gut, die Grenzen sind gezogen. Ich muss mich mit den Konsequenzen auseinandersetzen', dachte sie.

Aber sie wusste auch: Grenzen bedeuteten nicht Distanz für immer. Nur kluge Schritte zur richtigen Zeit.

In Hermines Wohnung brannte noch Licht. Sie saß auf dem Sofa vor dem Kamin und hielt ein Buch in der Hand, in dem sie schon eine ganze Weile nicht mehr las. Sie sah in die Flammen und wartete. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits kurz vor 11 Uhr war. Sie seufzte. Plötzlich war ein leises 'Plopp' zu hören und eine der Hauselfen stand vor Hermine. Sie schreckte zurück.

„Verzeihung Madam Granger, Emmy wollte Sie nicht erschrecken“, sagte die kleine Hauselfe mit piepsiger Stimme.

„Schon gut Emmy. Was gibt es?“

„Emmy hat eine Nachricht von Madam McGonagall für Sie.“

Hermine nickte nur stumm und nahm den Zettel entgegen.

„Danke Emmy.“

Die Hauselfe verbeugte sich tief und war im nächsten Moment auch schon wieder verschwunden.

Hermine hielt die kleine Notiz noch einen Moment lang zwischen den Fingern, als könnte sie den Inhalt dadurch verändern. Die Worte waren knapp, sachlich — typisch Minerva in Momenten, in denen sie sich selbst zurücknahm.

'Es tut mir leid. Es ist noch Arbeit liegen geblieben. Ich schaffe es heute Nacht vermutlich nicht mehr. Schlaf gut.'

Hermine schluckte.

„Natürlich“, murmelte sie in den leeren Raum, obwohl niemand da war, der es hören konnte.

Mit einer abrupten Bewegung trat sie näher an den Kamin und warf das Pergament ins Feuer. Die Flammen leckten sofort daran, verschlangen Minervas saubere Handschrift, bis nichts als Asche übrig blieb. Hermine sah zu, bis der letzte Buchstabe verschwunden war. Die Enttäuschung kam leise, aber tief.

Sie ging in ihr Schlafzimmer und ließ sich auf den Rand des Bettes sinken, stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub kurz das Gesicht in den Händen. Sie wusste, warum Minerva nicht kam. Sie verstand es rational — Verantwortung, Schule, Featherstone, Gerüchte, Grenzen. All das war ihr klar, aber das machte es nicht leichter.

Der Tag hallte in ihr nach: Featherstones Stimme, die eingeschüchterten Schülerinnen, Minervas kühler Tonfall im Büro, die Distanz beim Abendessen. Alles hatte sich angefühlt wie ein Schritt zurück oder zwei.

'Vielleicht muss es gerade so sein', dachte sie bitter. 'Vielleicht ist das der Preis dafür, dass wir uns entschieden haben.'

Sie atmete tief durch, zwang sich aufzustehen und zog den Umhang aus. Mechanisch räumte sie ein paar Pergamente zusammen, legte Bücher ordentlich auf den Tisch, nur um etwas zu tun. Die Stille der Wohnung war plötzlich laut.

Schließlich setzte sie sich ans Fenster und blickte hinaus auf das dunkle Gelände von Hogwarts. Irgendwo dort, hinter Mauern und verschlossenen Türen, saß Minerva wahrscheinlich noch immer über Akten gebeugt, genauso allein wie sie selbst.

Hermine legte eine Hand an die Scheibe.

„Ich liebe dich“, flüsterte sie leise.

Und während das Feuer im Kamin langsam herunterbrannte, nahm Hermine sich fest vor, morgen wieder aufzustehen, wieder ruhig zu bleiben und nicht zuzulassen, dass Featherstone oder irgendjemand anderes sie auseinandertrieb, doch heute Nacht würde sie allein bleiben.