Zwischen Feuer und Eis
Zwischen Feuer und Eis
Die Tage verstrichen schnell. Hermine beschäftige sich mit ihren Büchern, um sich noch besser auf den Beginn des Schuljahres vorzubereiten, lernte ihre ehemalige Lehrerin Professor Sprout besser kennen und freundete sich mit ihr und der Heilerin Madam Pomfrey an.
„Sag mal, wie ist denn dieser Professor Featherstone so?“, fragte Hermine, als sie nachmittags zum Tee bei Pomona Sprout war.
„Du wirst ihn bald kennenlernen und solltest dir dein eigenes Bild machen“, meinte Pomona.
„Mit anderen Worten, er ist nicht ganz dein Fall?“
Die Professorin für Kräuterkunde grinste.
„Nicht wirklich. Er ist sehr eigen, aber seine Qualifikation hat Minerva wohl überzeugt.“
„Sie meinte, er sei nicht sehr beliebt bei den Schülern.“
„Er ist streng und erwartet viel. Ein paar meiner Hufflepuffs haben sich gelegentlich über das Tempo seines Unterrichts beklagt.“
„Hm, das lässt sich ja ändern“, meinte Hermine.
„Mach dir dein eigenes Bild Hermine.“
Die junge Frau nickte und nahm einen Schluck Tee.
„Dein Freund Neville müsste auch bald eintreffen.“
„Darüber freue ich mich sehr. Ich habe ihn ewig nicht mehr gesehen.“
„Er ist eine große Hilfe für uns.“
„Wie handhabt ihr das eigentlich? Teilt ihr euch die Klassen?“
„Genau. Neville übernimmt die jüngeren Klassen und ich die Älteren und die Zusatzkurse.“
„Verstehe“, meinte Hermine und wirkte plötzlich nachdenklich.
„Was ist los?“
„Ich frage mich wie es sein wird, wenn ich mein Referendariat beendet habe.“
Pomona lachte.
„Du planst weit voraus.“
„Nun, ich… ich brauche einen Plan.“
„Du wirst natürlich hierbleiben, wenn du das möchtest. Horace redet schon lange davon, dass er wieder in den Ruhestand zurückkehren möchte. Zumindest möchte er kürzertreten. Da kommst du gerade richtig.“
„Das liegt wohl in Minervas Verantwortung.“
„Sie hat schon immer viel von dir gehalten und sie ist doch froh, dass du hier bist.“
„Sie hat wohl gerade schrecklich viel zu tun.“
Pomona sah Hermine fragend an.
„Naja, man sieht sie ja kaum noch.“
„Ich denke, dass sie durchaus beschäftigt ist. So kurz vor Beginn des neuen Schuljahres fallen noch allerhand Dinge an.“
Hermine nickte verstehend, allerdings hatte sie einen anderen Eindruck.
Minerva saß an ihrem Schreibtisch in ihrem Büro und beantwortete einen Brief des Zaubereiministeriums. Sie steckte ihn in einen Umschlag und schickte eine Hauselfe los, um die Nachricht in die Eulerei zu bringen. Dann erhob sie sich und trat an das Fenster.
„Du ziehst dich zurück“, hörte sie plötzlich die Stimme von Dumbledore.
Minerva drehte sich zu seinem Porträt.
„Lächerlich.“
„Warum belügst du dich selbst Minerva?“
„Was willst du Albus?“
„Wie geht es Miss Granger?“
Minerva entglitten ihre Gesichtszüge für einen kleinen Moment.
„Gut denke ich.“
„So kurz vor dem Beginn…“
„Worauf willst du hinaus?“
„Du meidest sie und wir wissen beide warum.“
Minerva richtete ihren Blick wieder aus dem Fenster.
„Du gehst mir gewaltig auf die Nerven Dumbledore. Ich habe viel zu tun und ich brauche niemanden zu meiden. Hermine ist eine angehende Lehrerin und ich ihre Vorgesetzte. Wir haben ein kollegiales Verhältnis. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Das sagt dir dein Kopf, aber was sagt dein Herz?“
„Das geht niemanden etwas an“, sagte Minerva und biss sich sofort auf die Lippe.
Das wollte sie nicht sagen. Ihre Gefühle gingen niemanden etwas an. Es war schwer genug die ersten Tage mit Hermine zu verbringen und eine gute Miene aufzusetzen, obwohl ihr Herz so sehr nach ihr schrie. Doch es ging nicht. Sie durfte ihren Gefühlen nicht nachgeben, also zog sie sich tatsächlich zurück, solange sie konnte.
„Alte Gewohnheiten legt man nicht ab. Du warst schon immer sehr kontrolliert, doch vielleicht wird es Zeit, dein Herz zu öffnen.“
Langsam drehte Minerva ihren Kopf zum Porträt, doch der alte Mann schien wieder erstarrt zu sein. In ihrem Inneren wusste sie, dass Dumbledore recht hatte. Sie hatte jahrelange Übung darin, ihre Gefühle zu kontrollieren und zu verstecken. Bei Hermine fiel es ihr jedoch besonders schwer.
„Es ist falsch… Ich darf nicht nachgeben“, flüsterte sie sich selbst zu.
Sie bemerkte Leute, die das Gelände betraten und erkannte ihre Kollegen, die sich nun nach und nach einfanden.
„Emmy!“, sagte Minerva sanft in den Raum hinein.
Sofort erschien eine Hauselfe und verbeugte sich tief vor Minerva.
„Madam McGonagall, was kann Emmy für Sie tun?“
„Würdest du bitte Miss Granger und Professor Featherstone zu mir bitten? Ich habe gesehen, dass er angekommen ist.“
„Natürlich Madam. Emmy ist schon auf dem Weg“, sagte die Hauselfe mit ihrer piepsigen Stimme und verschwand.
Minerva setzte sich an ihren Schreibtisch und wartete. Es dauerte nicht lange, bis es an der Tür klopfte.
„Herein.“
Die Tür schwang auf. Ein stattlicher Mann, mit dunklen Haaren trat ein.
„Guten Tag Minerva“, sagte er mit tiefer Stimme und nickte ihr freundlich zu.
„Guten Tag Edmund. Verzeih, dass ich dich kurz nach deiner Rückkehr bereits zu mir rufen musste.“
Minerva wies auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch, auf den er sich setzte.
„Ich hatte mich schon gewundert. Bereits vor Beginn des Schuljahres zur Schulleiterin zitiert zu werden ist ungewöhnlich, doch nicht unangenehm.“
Minerva erkannte den flirtenden Ton in seiner Stimme. Sie wusste, dass er ein Frauenheld war, doch Minerva ignorierte es gekonnt.
„Nun, ich möchte dich gleich in Kenntnis setzen, dass wir dieses Jahr eine neue Referendarin haben und…“
Minerva wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Herein kam Hermine.
„Oh Verzeihung, ich wollte nicht stören. Emmy bat mich…“
„Du störst nicht Hermine. Komm rein.“
Unsicher trat Hermine auf die beiden zu. Das Herz der jungen Hexe schlug schneller, je mehr Schritte sie in den Raum tat. Nicht aus Unsicherheit über ihre neue Position – das hatte sie im Griff – sondern wegen der Frau vor ihr. Als Minerva kurz zu Hermine sah, lag in ihrem Blick ein winziger Funken, der niemandem außer Hermine auffallen würde. Wärme, Zuneigung – und sofort wieder verborgen.
„Edmund,“ begann Minerva, die Stimme klar und fest, „darf ich dir unsere neue Referendarin vorstellen: Miss Hermine Granger. Sie wird in diesem Jahr verschiedene Klassen begleiten und unterstützen.“
Featherstone wandte sich Hermine ganz zu. Sein Blick blieb einen Moment zu lange an Hermine hängen, als würde er eine Figur aus einem Lehrbuch prüfen. Er neigte knapp den Kopf.
„Granger also…“, sagte er langsam. „Der Name ist mir nicht unbekannt.“
Hermine erwiderte seinen Blick unbeirrt, auch wenn sie die unterschwellige Schärfe in seinen Worten deutlich hörte.
„Ich hoffe, im positiven Sinne“, erwiderte sie, die Stimme ruhig, fast zu ruhig.
Ein kaum merkliches Zucken huschte über seine Lippen – zu flüchtig für Minerva, aber für Hermine unübersehbar. Kein ehrliches Lächeln, eher eine Mischung aus Skepsis und stiller Belustigung.
„Man erzählt sich vieles“, murmelte er. „Ich bin sicher, wir werden bald sehen, ob all diese Geschichten über Ihren Fleiß gerechtfertigt sind.“
Hermine spürte, wie Hitze in ihr aufstieg. Er wollte sie herausfordern, gleich beim ersten Zusammentreffen. Doch bevor sie antworten konnte, meldete sich Minerva zu Wort.
„Miss Granger hat in vielerlei Hinsicht Außergewöhnliches geleistet“, sagte sie, ihr Ton sachlich. „Ich bin überzeugt, dass ihre Anwesenheit eine Bereicherung für uns sein wird.“
Hermine fühlte die Wärme hinter den Worten, auch wenn Minerva sie mit eiserner Fassade vortrug. Die Betonung war zu streng, die Stimme zu kontrolliert – als müsste sie ein zu inniges Gefühl verbergen.
Featherstone nickte, langsam, fast übertrieben.
„Wenn du es sagst.“
„Du wirst dich selbst davon überzeugen können. Hermine absolviert ihr Referendariat in Zaubertränke und Verwandlung.“
Das Gesicht des Mannes wurde ernst. Hermine schluckte nervös. Sie sah, wie wenig begeistert er davon zu sein schien.
„So so, dann habe ich also Unterstützung“, meinte er nur und musterte Hermine noch einmal von oben bis unten.
„Die genaue Stundenaufteilung werden wir in einer offiziellen Besprechung durchgehen. Ich wollte euch einander nur vorab vorstellen, damit ihr nicht anonym auf den Gängen nebeneinanderher gehen müsst.“
„Vielen Dank Minerva. Ich hätte sie fast mit einer Schülerin verwechselt.“
Der nächste Seitenhieb. Das konnte ja lustig werden.
Minerva legte beide Hände auf den Tisch. „Gut“, sagte sie, sachlich, fast zu abrupt. „Damit ist alles gesagt. Wir sehen uns dann beim Abendessen.“
Professor Featherstone nickte und verschwand zügig. Die schwere Tür fiel hinter Featherstone ins Schloss und augenblicklich schien die Luft leichter zu werden. Hermine stand noch einen Moment da, die Hände ineinander verschränkt, als könnte sie so die Anspannung fortdrücken. Minerva ging zum Fenster, als müsse sie sich bewegen, um das Gespräch gerade nicht fortzusetzen. Der Nachmittag hatte sich verdunkelt, Wolken schoben sich vor die Sonne.
„Lass dich von ihm nicht einschüchtern,“ sagte Minerva schließlich, ohne Hermine anzusehen. Ihre Stimme war ruhig, zu ruhig.
„Ich bin nicht eingeschüchtert,“ erwiderte Hermine, etwas zu schnell. „Nur überrascht, wie… subtil er seine Abneigung äußert.“
Minerva atmete leise durch die Nase aus. Ein fast unsichtbares Nicken.
„Edmund Featherstone ist ein brillanter Zauberer, aber er hält wenig von… Veränderungen. Neue Gesichter, neue Methoden. Sie werden Geduld brauchen.“
Hermine trat näher, bis nur noch wenige Schritte zwischen ihnen lagen.
„Ich kann mit Skepsis umgehen, aber nicht mit Geringschätzung.“
Jetzt drehte sich Minerva zu ihr um. Ihre Augen waren streng und doch lag darin dieses Flackern, das Hermine jedes Mal aus der Fassung brachte. Wärme, die sich sofort hinter Professionalität versteckte.
„Du darfst dich nicht von ihm provozieren lassen,“ sagte Minerva. „Er wird genau darauf warten.“
Hermine spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Die Worte waren sachlich, aber der Unterton – ich sorge mich um dich – war unüberhörbar.
Sie zwang sich, die Spannung mit einem sachlichen Ton zu brechen
„Und du? Hast du gewartet, ob ich mich provozieren lasse?“
Minervas Mundwinkel zuckten kaum merklich.
„Ich… beobachte stets meine Mitarbeiter, Hermine.“
Der Ton, mit dem Minerva ihren Namen aussprach, war scharf wie Glas. Doch die Blicke, die sie einander schenkten, sagten etwas völlig anderes. Einen Moment lang stand die Zeit still. Hermines Finger kribbelten, als wollte sie den Abstand zwischen ihnen überbrücken, aber dann wandte Minerva sich wieder ab, straffte die Schultern und griff nach einem Stapel Pergamente.
„Du solltest dich noch etwas ausruhen, bevor wir morgen die letzten Vorbereitungen treffen“, sagte sie, wieder vollkommen sachlich.
Hermine nickte, obwohl ihr Kopf voller Worte war, die sie nicht aussprechen durfte. Sie wandte sich zur Tür. Hermine hatte schon die Hand an der Tür, doch etwas ließ sie innehalten. Sie drehte sich halb um und betrachtete Minerva, die wieder an ihrem Schreibtisch saß und ein Blatt Pergament in der Hand hielt. Hermines Herz zog sich zusammen. Sie war so wunderschön und ihr so nahe, doch auch unerreichbar. Mit einem leisen Seufzer verließ sie das Büro und ging zügig die Treppe nach unten. Sie verkroch sich in der Bibliothek, um sich noch ein wenig vorzubereiten, bis sie sich fürs Abendessen zurecht machen sollte.
Der Abend senkte sich über Hogwarts, und die Korridore waren still geworden. Hermine trug einen Stapel Bücher aus der Bibliothek in Richtung ihres Arbeitszimmers. Der Flackerschein der Fackeln ließ die Schatten an den Steinwänden tanzen und jeder Schritt hallte laut wider. Als sie um die Ecke bog, prallte sie fast mit Edmund Featherstone zusammen.
„Miss Granger,“ sagte er knapp, als hätte er ihren Weg schon vorhergeahnt. Kein Anflug eines Lächelns.
„Professor Featherstone,“ erwiderte Hermine ebenso kühl, bemüht, den Stapel Bücher nicht fallen zu lassen.
Einen Moment lang musterte er sie, sein Blick blieb auf den Titeln der Bücher hängen. Alte Runen, Theorien über Verwandlungsprozesse, ein Band über die Geschichte der Animagi.
„Immer noch am Sammeln von Theorien, wie ich sehe,“ bemerkte er.
Die Worte waren freundlich verpackt, aber der Unterton bissig.
„Man könnte fast meinen, Sie hätten vergessen, dass sich Zauberei nicht ausschließlich aus Büchern erlernen lässt.“
Hermine atmete tief durch.
„Man könnte auch meinen, Sie hätten vergessen, dass solide Grundlagen die Voraussetzung für jede erfolgreiche Praxis sind“, entgegnete sie.
Ein dünnes Lächeln huschte über sein Gesicht, ohne Wärme.
„So spricht jemand, der noch nicht begriffen hat, dass Regeln und Formeln nicht genügen, wenn der Moment verlangt, dass man improvisiert.“
„So spricht jemand, der sich darauf verlässt, dass Improvisation mangelnde Vorbereitung ersetzt,“ konterte Hermine, diesmal schärfer, als sie eigentlich wollte.
Sein Blick verhärtete sich. Für einen Augenblick schien es, als wollte er weiter provozieren – dann senkte er die Stimme.
„Wissen Sie, Miss Granger… Hogwarts ist kein Ort für Experimente, wenn man nicht die volle Verantwortung trägt. Und Verantwortung…“
Er ließ den Satz in der Luft hängen, als wolle er andeuten, dass sie davon keine Ahnung habe. Hermine spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg.
„Ich habe mehr Verantwortung getragen, als Sie vermutlich ahnen. Vielleicht sollten Sie sich weniger darauf konzentrieren, mich zu unterschätzen und mehr darauf, dass Ihre Schüler Sie nicht durchschauen.“
Die Worte trafen – sie sah es am kurzen Aufflackern in seinen Augen.
„Interessant,“ sagte er kühl. „Wir werden sehen, wie viel Ihnen Ihre Berühmtheit bringt, Miss Granger. Wir werden sehen.“
Dann wandte er sich ab und ging den Korridor hinunter, sein Umhang rauschte im schwachen Licht. Hermine blieb zurück, die Bücher schwer in ihren Armen, doch noch schwerer war die unausgesprochene Gewissheit: Edmund Featherstone war kein einfacher Kollege. Er war ein Gegner – subtil, aber gefährlich.
Verwirrt von dieser Begegnung ging Hermine in ihre Wohnung. Schnell machte sie sich frisch, zog sich um und ging in die große Halle.
Die lange Tafel im Lehrersaal war mit goldenen Tellern und dampfenden Schüsseln gedeckt, die den ganzen Raum in köstliche Düfte hüllten. Stimmen hallten von den Steinwänden, während die Professoren sich nach und nach einfanden, die Plätze einnahmen und den Beginn des neuen Schuljahres mit einem gemeinschaftlichen Mahl einleiteten.
Hermine trat etwas zögerlich ein, ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Augenblicke lang fühlte sie sich wieder wie die Schülerin, die zum ersten Mal in diese Halle gekommen war. Doch diesmal waren die Plätze an der Tafel nicht unerreichbar – sie war eine von ihnen.
„Hermine!“
Eine warme, vertraute Stimme ließ sie aufblicken. Neville Longbottom erhob sich von seinem Platz und kam ihr entgegen. Sein Lächeln war so herzlich, dass es die Anspannung in ihrer Brust für einen Moment löste.
„Ich kann es kaum glauben, dich hier zu sehen – als Kollegin!“
„Neville,“ erwiderte Hermine und umarmte ihn spontan. „Es ist schön, dich hier zu haben.“
„Endlich jemand Vernünftiges bei den Gryffindors,“ scherzte er und zwinkerte. „Die Schüler werden begeistert sein, dich zu sehen.“
Ein Schmunzeln lief um den Tisch, und noch ehe Hermine antworten konnte, ertönte eine dröhnende Stimme:
„Miss Granger! Oder soll ich sagen, Professor Granger!“
Horace Slughorn erhob sich schwerfällig, doch sein Gesicht strahlte.
„Welche Freude, dass Sie wieder hier sind. Wir haben viel über Sie gesprochen.“
„Nur Gutes hoffe ich“, sagte Hermine lächelnd.
„Oh, natürlich nur Gutes. Sie unterstützen mich also in Zaubertränke?“
„Wenn Sie möchten, Professor Slughorn,“ antwortete Hermine schmunzelnd.
„Möchten? Ich könnte nicht glücklicher sein! Ein brillanter Kopf wie der Ihre – eine Bereicherung für uns alle!“
Slughorn schlug erfreut in die Hände.
Ein leises Schnauben neben Hermine ließ sie zur Seite blicken. Edmund Featherstone hatte seinen Platz eingenommen, den Blick starr auf seinen Teller gerichtet, als sei das Geschehen um ihn herum von keiner Bedeutung. Doch die Härte seiner Kiefermuskeln sprach eine andere Sprache. Hermine setzte sich – unglücklicherweise direkt ihm gegenüber. Jeder Bissen schien schwerer zu werden, während Slughorn und Neville in fröhlicher Erinnerung an frühere Zeiten schwelgten. Minerva McGonagall, die im mittleren Teil der Tafel saß, warf einen prüfenden Blick den Tisch entlang. Niemand außer ihr bemerkte die Spannung, die zwischen Hermine und Featherstone wie unsichtbare Blitze knisterte. Er sprach kein Wort, doch sein Schweigen war lauter als jede Spitze.
Hermine zwang sich zu einem Gespräch mit Neville, lachte an den passenden Stellen, doch jedes Mal, wenn sie unbewusst den Blick hob, traf sie auf Featherstones kühle Augen. Kein offener Angriff – aber ein stiller Widerstand, der alles übertönte.
Und jedes Mal, wenn Minerva den Blick zwischen den beiden wandern ließ, wurde ihr Gesicht noch unbeweglicher. Nur Hermine konnte den Hauch von Anspannung in ihren Augen lesen – das stille Wissen, dass hier zwei Fronten aufeinandertrafen, während sie selbst nicht eingreifen durfte.
Das Mahl zog sich, reich an Stimmen und Lachen – und doch saß über allem eine unsichtbare Schwere, die nur drei Personen wirklich bemerkten.
Hermine war froh, als das Essen beendet war. Die Tafel leerte sich nach und nach. Stimmen verklangen, Stühle scharrten über den Steinboden und der Duft von Braten und Kürbissaft wich der kühlen Abendluft, die durch die hohen Fenster drang.
„Hast du noch Lust ein bisschen zu Quatschen?“, fragte Neville, als er und Hermine sich gleichzeitig erhoben.
„Ich will wirklich nicht unhöflich sein Neville, aber ich bin ziemlich müde.“
„Du hast sicher die letzten Tage bis spät über deinen Büchern gesessen, oder?“, grinste er.
„Kann man so sagen.“
„Kein Problem. Das holen wir nach“, lächelte er.
Hermine nickte. Sie blickte ihm nach, als er mit Pomona, Slughorn und Professor Vector die Halle verließ. Madam Pomfrey trat an ihre Seite.
„Geht es dir gut?“
„Ja natürlich“, sagte Hermine und setzte schnell ein Lächeln auf.
„Du weißt, wo du mich findest, falls es nicht so ist“, sagte sie freundlich, drückte ihre Hand und ging.
Hermine wandte sich ebenfalls um und verließ die große Halle. Ihre Schritte hallten über den langen Korridor, bis sie das vertraute Geräusch von Absätzen hinter sich hörte.
„Hermine.“
Hermine blieb stehen. Die Stimme war zu unverkennbar, um sie nicht sofort zu erkennen. Sie wandte sich um – Minerva McGonagall trat aus dem Schatten der Säulen, den Umhang wie immer tadellos, doch in ihren Augen lag ein Ausdruck, den sie vor den anderen nie zugelassen hätte.
„Minerva,“ erwiderte Hermine leise.
Ein Moment der Stille dehnte sich zwischen ihnen, erfüllt vom entfernten Rauschen der beweglichen Treppen.
„Du hast dich wacker geschlagen,“ sagte Minerva schließlich, sachlich, fast beiläufig. „Das erste Abendessen ist… selten leicht.“
Hermine lächelte schwach.
„Ich weiß nicht, ob ‚wacker‘ das richtige Wort ist. Ich hatte das Gefühl, Professor Featherstone würde mich mit jedem Blick in eine Kröte verwandeln wollen.“
Ein kaum merkliches Zucken um Minervas Mundwinkel.
„Er ist… eigenwillig, aber nicht unüberwindbar.“
„Er war heute Abend schwer zu ertragen,“ entgegnete Hermine, die Stimme leiser, doch auch entschlossener. „Und du hast es bemerkt, nicht wahr?“
Minerva wich dem Blick aus.
„Ich bemerke vieles, Hermine.“
„Aber du hast nichts gesagt.“
Hermines Worte waren kein Vorwurf, eher ein stilles Ringen.
„Wie die letzten Tage. Ich… habe dich kaum gesehen.“
Minerva straffte die Schultern, als wäre das Gespräch ein Duell.
„Ich habe Verpflichtungen, die keine Rücksicht auf persönliche Wünsche nehmen.“
„Persönliche Wünsche?“
Hermine trat einen Schritt näher, wagte es, die Distanz zu verringern.
„Das klingt, als würdest du mich absichtlich meiden.“
Minervas Augen blitzten, doch nicht aus Zorn – eher aus einer unterdrückten Regung, die sie sofort wieder bändigte.
„Ich meide niemanden. Ich erfülle meine Pflicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Ein Schweigen senkte sich, schwer und dicht. Hermine wollte mehr erwidern, wollte die Wahrheit aussprechen, die ihr auf der Zunge lag – doch Minerva wandte sich bereits ab, der Umhang rauschte wie ein Schutzschild um ihre Gestalt.
„Es ist spät,“ sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Du solltest zur Ruhe kommen, Hermine. Morgen wird ein langer Tag.“
Minerva hatte sich bereits abgewandt, als Hermine plötzlich die Hand ausstreckte. Ihre Finger schlossen sich fest um Minervas Handgelenk, stärker, als sie es beabsichtigt hatte.
„Warte,“ flüsterte Hermine und ihre Stimme klang rauer als gedacht. „Bitte.“
Minerva blieb stehen. Langsam, fast widerwillig, drehte sie sich wieder zu ihr. Ihre Augen funkelten gefährlich – nicht, weil Hermine sie berührt hatte, sondern weil diese Berührung etwas zerbrochen hatte, das sie so sorgfältig aufrechterhielt.
„Was genau meinst du mit ‚persönliche Wünsche‘?“
Hermines Worte waren knapp, aber bebten vor unterdrückter Emotion.
„Ich glaube nicht, dass es dabei nur um deine Pflichten als Schulleiterin geht.“
Für einen Moment war es, als hielte das Schloss selbst den Atem an. Nur das ferne Knarren einer sich bewegenden Treppe war zu hören.
Minerva versuchte, ihre Hand zu befreien, doch Hermine hielt sie fest.
„Hermine—“
„Nein.“ Hermine trat näher, ihr Griff unbeirrbar. „Du sagst mir, dass ich Geduld haben soll, dass ich mich nicht provozieren lassen darf. Aber du—“ Ihre Stimme brach, sie zwang sich zur Ruhe. „Du weichst mir aus. Immer wieder und dann sprichst du von ‚persönlichen Wünschen‘. Sei ehrlich, meinst du… meine? Oder deine?“
Ein Zucken huschte über Minervas Züge, kaum sichtbar, aber für Hermine deutlicher als jede ausgesprochene Wahrheit.
„Ich habe nichts gesagt, was du so deuten solltest,“ erwiderte Minerva schließlich, ihr Ton streng, doch die Stimme etwas zu tief, als wäre die Fassade angeknackst.
„Und trotzdem tue ich es,“ flüsterte Hermine. „Mit jedem Blick, mit jedem Moment, in dem du gehst, statt zu bleiben.“
Die Spannung zwischen ihnen war zum Schneiden dicht. Hermines Finger zitterten, doch sie ließ Minervas Handgelenk nicht los. Minerva stand so nah, dass Hermine die Wärme ihrer Haut spürte und den inneren Kampf, der sich in ihren Augen spiegelte.
„Wenn ich bleibe,“ sagte Minerva schließlich, kaum hörbar, „dann… verliere ich mehr, als du ahnst.“
Hermines Herz hämmerte. Ihre Hand lockerte sich ein wenig, nicht aus Schwäche, sondern weil sie spürte, wie sehr Minerva rang – nicht mit ihr, sondern mit sich selbst.
Für einen Moment sah es aus, als könnte die Welt kippen, als könnte ein Wort, ein Atemzug zu viel alles verändern. Doch dann befreite Minerva ihr Handgelenk, sanft, aber bestimmt.
„Gute Nacht, Hermine.“ Ihre Stimme war wieder die der Schulleiterin, kühl und makellos.
Sie wandte sich ab und diesmal ließ Hermine sie gehen, doch dieser Moment brannte sich tief ein.