Halt im Verborgenen
Halt im Verborgenen
Der Morgen war grau und still.
Hermine wachte auf, noch bevor der Wecker klingelte und für einen kurzen, schmerzhaften Moment hoffte sie, Minervas ruhigen Atem neben sich zu hören, doch die andere Seite des Bettes war kalt, leer und unberührt. Sie schloss die Augen wieder, presste das Gesicht ins Kissen und atmete tief ein. Es half nichts. Das Ziehen in der Brust blieb.
Die Nacht war unruhig gewesen. Zu viele Gedanken, zu viele unausgesprochene Worte. Minervas Notiz hatte wie ein Schatten zwischen ihnen gelegen, auch nachdem sie zu Asche zerfallen war. Hermine hatte sie impulsiv ins Feuer geworfen — aus Enttäuschung, aus Trotz, vielleicht auch aus Angst, dass diese Distanz kein einmaliger Abend bleiben würde. Langsam setzte sie sich auf.
„Reiß dich zusammen“, murmelte sie zu sich selbst.
Sie stand auf, duschte länger als sonst und ließ das heiße Wasser über sich laufen, als könne es die Unruhe fortspülen. Danach zog sie sich sorgfältig an, fast übertrieben ordentlich, als wolle sie sich selbst beweisen, dass sie alles im Griff hatte. Vor dem Spiegel hielt sie kurz inne.
Die Augen wirkten müde, aber entschlossen. Mit geradem Rücken verließ Hermine schließlich ihre Wohnung und machte sich auf den Weg zum Frühstück. Die Korridore waren bereits belebt, Stimmen hallten wider, Schüler lachten, als wäre alles unverändert, doch für Hermine hatte sich etwas verschoben.
Als sie die Große Halle betrat, suchte ihr Blick unwillkürlich den Lehrertisch. Minerva war noch nicht da. Ein leiser Stich, schnell verdrängt.
Hermine setzte sich zu Neville, lächelte, nickte hier und da höflich — professionell, gefasst, genau so, wie sie es gelernt hatte, aber unter der Oberfläche lag eine leise Frage, die sie nicht abschütteln konnte:
Wie viele Nächte würden noch so enden?
Sie griff nach ihrer Tasse, nahm einen Schluck Tee und atmete tief durch.
Der Tag wartete nicht und Hermine würde funktionieren.
Ihre Hände lagen um ihre Tasse gelegt, den Blick scheinbar auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie hatte ihr Frühstück kaum angerührt. Dieses leise, hohle Gefühl, das blieb, wenn man allein aufwachte, obwohl man es anders gewohnt war, nagte an ihr und nahm ihr den Appetit.
Stimmen und Schritte mischten sich um sie herum, der gewohnte Rhythmus des Frühstücks, doch Hermine nahm ihn nur gedämpft wahr. Dann veränderte sich etwas.
Nicht sichtbar, nicht hörbar — eher ein feines Ziehen in der Luft, ein instinktives Wissen.
Minerva.
Sie hörte ihre Schritte nicht bewusst, sah sie nicht kommen. Erst als Minerva hinter ihr vorbeiging, auf dem Weg zu ihrem Platz, spürte Hermine es: eine kurze, warme Berührung an ihrem Rücken, kaum mehr als ein Hauch, gerade so viel, dass kein Außenstehender es bemerkt hätte, aber Hermine wusste es sofort.
Ihre Schultern spannten sich einen Moment lang, dann atmete sie langsam aus. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihre Lippen, verschwand ebenso schnell wieder. Sie drehte den Kopf nicht um. Das wäre zu viel gewesen.
Minerva setzte sich, als wäre nichts geschehen. Aufrecht, kontrolliert, die Schulleiterin, doch für diesen einen Herzschlag hatte sie gesprochen.
'Ich bin da.'
Hermine hob die Tasse, nahm einen Schluck und spürte, wie sich etwas in ihr beruhigte. Die Nacht war noch nicht vergessen, die Enttäuschung nicht verschwunden, aber diese eine Berührung hatte gereicht, um ihr Halt zu geben.
Sie begegneten sich nicht mit Blicken. Nicht jetzt und nicht hier, aber zwischen ihnen lag etwas Unsichtbares, Starkes, Unerschütterliches.
Und das Frühstück ging weiter, als wäre nichts geschehen.
Später betrat Hermine den Klassenraum mit ruhigen Schritten. Der vertraute Geruch von Zutaten, Stein und leichtem Dampf empfing sie wie ein Anker. Für einen Moment atmete sie bewusst tief ein, ließ alles, was sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, hinter sich. Horace wartete bereits. Kaum hatte er sie gesehen, hellte sich sein Gesicht auf.
„Ah, Hermine! Hervorragend, du bist da“, sagte er zufrieden. „Dann können wir ja beginnen. Ich überlasse dir heute wieder den Auftakt.“
Hermine sah ihn überrascht an.
„Wirklich?“
„Natürlich. Du bist bereit“, sagte er leise und lächelte sie an.
Es war das erste Mal, dass er ihr allein den 7. Jahrgang anvertraute. Hermine nickte Slughorn kurz zu, trat nach vorn und wandte sich den Schülern zu. Ein leises Murmeln ging durch die Klasse, neugierig, erwartungsvoll. Ihre Stimme war ruhig, klar, sicher.
Sie erklärte den Trank Schritt für Schritt, sprach über Temperatur, Timing, die feinen Unterschiede, die über Erfolg oder Misslingen entschieden. Ihre Hände bewegten sich ruhig, präzise, während sie demonstrierte, korrigierte, erklärte. Die Schüler hörten aufmerksam zu, stellten Fragen, notierten eifrig.
Während sie durch die Reihen ging, lobte sie hier, gab dort leise Hinweise, korrigierte kleine Fehler, bevor sie größer werden konnten. Ihre Augen waren wach, ihr Blick aufmerksam, ihr Auftreten souverän.
Slughorn beobachtete sie von seinem Platz aus mit sichtlichem Stolz. Mehr als einmal nickte er anerkennend, verschränkte zufrieden die Hände vor dem Bauch.
„Ausgezeichnet, wirklich ausgezeichnet“, sagte er schließlich laut genug, dass es die Klasse hörte. „So stelle ich mir eine zukünftige Kollegin vor. Fachlich brillant, geduldig und mit dem gewissen Durchsetzungsvermögen.“
Ein leichtes Erröten huschte über Hermines Gesicht, doch sie lächelte. Es war kein triumphales Lächeln, eher eines der stillen Bestätigung. Für diesen Moment war alles klar. Sie konnte das. Sie war gut. Und egal, welche Schatten sich außerhalb dieses Raumes zusammenzogen, hier im Unterricht stand sie fest.
Der restliche Vormittag verlief für Hermine ebenfalls erfolgreich. Sie unterrichtete souverän, konzentriert und motivierte die Schüler. Slughorn beobachtete alles vom Rand und kam aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Er war stolz auf seinen Schützling und zeigte es offen.
Als es zur Pause klingelte, blieb Hermine zurück. Sie wollte noch etwas für ein Experiment vorbereiten.
Hermine hatte die Ärmel hochgekrempelt und war gerade dabei, ein weiteres Glas zu beschriften, als sie Schritte hörte. Ruhig und bestimmt. Sie hätte sie unter tausend erkannt. Die Tür schloss sich leise. Hermine drehte sich um.
Minerva stand im Türrahmen, die Hände locker vor sich verschränkt, den Umhang bereits abgelegt. Ihr Blick war aufmerksam, prüfend und doch lag darin etwas Weiches, Zurückgehaltenes.
Für einen Moment sagten sie nichts.
„Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte Minerva schließlich ruhig.
„Das hast du nicht“, antwortete Hermine leise. Dann fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu: „Ich wusste, dass du es bist.“
Minerva trat näher, blieb aber bewusst auf Abstand. Zu bewusst.
„Horace hat mir berichtet, wie gut du heute warst“, sagte sie sachlich. „Sehr strukturiert. Sehr klar.“
Hermine nickte, legte das Glas ab.
„Es lief gut. Die Schüler waren konzentriert.“
Ein kurzer Blickwechsel. Da war so viel Ungesagtes zwischen ihnen, dass es beinahe in der Luft knisterte.
„Die Pause ist gleich vorbei“, sagte Minerva schließlich. „Ich wollte nur kurz nach dir sehen.“
Hermine zog eine Augenbraue hoch.
„Nur das?“
Minervas Mundwinkel zuckten kaum merklich.
„Vor allem das.“
Sie sah sich kurz im Raum um, vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war, dann senkte sie die Stimme.
„Gestern… das war notwendig, aber nicht leicht.“
Hermine atmete ruhig ein.
„Ich weiß.“
Ein weiterer Schritt näher. Noch immer kein Berühren und doch fühlte es sich so an, als läge Minervas Hand längst auf ihrem Arm.
„Ich bin stolz auf dich“, sagte Minerva leise. „Nicht nur wegen des Unterrichts.“
Hermines Blick wurde weich.
„Das bedeutet mir mehr, als du denkst.“
Von draußen drangen Stimmen herüber, Schritte, das Ende der Pause kündigte sich an. Minerva richtete sich minimal auf, die Schulleiterin wieder sichtbar.
„Ich muss weiter“, sagte sie. „Wir sprechen später.“
„Wirklich?“, fragte Hermine vorsichtig.
Minerva nickte kaum sichtbar.
„Ja. Später.“
Dann drehte sie sich um, öffnete die Tür, hielt noch einen Herzschlag lang inne und warf Hermine einen Blick zu, der alles sagte, was sie hier nicht sagen konnten.
Als die Tür sich schloss, blieb Hermine einen Moment stehen.
Dann lächelte sie, atmete tief durch und wandte sich wieder ihrem Experiment zu — gestärkt, gesammelt und bereit für den nächsten Unterricht.
Horace stand Hermine zur Seite, als sie das Experiment mit dem fünften Jahrgang durchführte. Wieder war er begeistert von ihrem Talent und lobte sie am Ende des Unterrichts.
„Danke Horace. Es macht unglaublich viel Spaß.“
„Den Schülern scheint es ebenfalls Spaß zu machen. So konzentriert waren sie lange nicht mehr.“
Hermine lächelte und sammelte ihre Sachen zusammen.
„Das ist wirklich nett von dir Horace.“
„Nicht doch, das ist die Wahrheit.“
Hermine lächelte.
„Ich möchte mich noch ein wenig für morgen vorbereiten. Du hast für die Abschlussklassen sicher etwas anspruchsvolles geplant?“
„Nichts, was du nicht auch schaffen könntest.“
„Ich bin trotzdem lieber vorbereitet.“
Hermine verabschiedete sich und machte sich auf den Weg in die Bibliothek.
Hermine betrat die Bibliothek leise, ihre Augen sofort auf das Regal der verbotenen Abteilung gerichtet. Sie wollte nur schnell das Buch für den Unterricht am nächsten Tag holen, doch ein leises Kichern und geflüsterte Stimmen lenkten sie ab. In einer Ecke hatte sich eine Gruppe älterer Schüler versammelt, sie tuschelten aufgeregt, warfen sich verschwörerische Blicke zu und schienen einen Plan gegen Featherstone zu schmieden.
Hermine blieb kurz stehen, lauschte unauffällig und konnte einzelne Bruchstücke aufschnappen: „Perfekter Plan…“, „diesmal erwischen wir ihn…“, „er wird es nicht kommen sehen…“.
Ein Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. Innerlich musste sie zugeben, dass sie die Idee ziemlich clever fand – Featherstone ein wenig aus dem Gleichgewicht zu bringen, wäre wohlverdient.
Sie griff nach dem Buch, achtete darauf, keinen Lärm zu machen und steckte es vorsichtig in ihre Tasche. Dabei behielt sie die Schüler weiterhin im Blick, nickte fast unmerklich in Gedanken über die Eleganz ihres kleinen, rebellischen Plans.
Hermine entschied, dass sie nichts sagen würde. Es war nicht ihre Aufgabe, die Pläne der Schüler zu durchkreuzen und sie konnte nicht leugnen, dass ihr Herz ein kleines bisschen schneller schlug vor Vorfreude auf die kommenden Tage.
Mit dem Buch unter dem Arm machte sie sich auf den Weg zurück in ihr Büro, die leisen Stimmen hinter ihr noch im Ohr. Ein leises Lächeln auf den Lippen, wissend, dass Featherstone wohl bald eine unangenehme Überraschung erleben würde.
Hermine saß an ihrem Schreibtisch, das aufgeschlagene Buch neben sich, mehrere Pergamente ausgebreitet. Saubere Überschriften, strukturierte Stichpunkte, kleine Randnotizen – alles wirkte ordentlich, durchdacht, so wie immer. Sie schrieb, strich etwas durch, formulierte neu, plante, notierte Fragen für die Schüler, doch irgendwann merkte sie, dass sie dieselbe Zeile nun schon zum dritten Mal las, ohne ihren Inhalt wirklich zu erfassen. Sie seufzte leise, legte die Feder beiseite und rieb sich die Schläfen. Ihre Gedanken wollten sich nicht bändigen lassen. Sie drifteten immer wieder ab – zu Minerva, zu dem gestrigen Abend, zu der Notiz, die noch immer in ihr nachhallte, obwohl sie längst zu Asche geworden war.
„Ich kann so nicht arbeiten.“
Hermine stand auf, zog ihren Umhang über und verließ ihr Büro. Sie sagte sich, ein kurzer Spaziergang würde helfen. Bewegung, frische Luft oder zumindest andere Flure.
Das Schloss war ruhig um diese Zeit. Ihre Schritte hallten gedämpft auf dem Steinboden wider, während sie durch die Gänge ging, ohne wirklich darauf zu achten, wohin. Die vertrauten Bilder, die Rüstungen, die Fenster – alles zog an ihr vorbei, während sie in Gedanken versank.
Erst als sie langsamer wurde, bemerkte sie, wo sie war. Minervas Büro. Hermine blieb stehen. Die Tür war geschlossen. Kein Licht drang unter dem Spalt hervor, kein Geräusch war zu hören. Sie stand einen Moment einfach nur da, die Hand halb erhoben, als hätte ihr Körper schon entschieden, während ihr Kopf noch zögerte.
'Soll ich klopfen?'
Ihr Herz zog sich zusammen.
Was, wenn Minerva keine Zeit hatte?
Was, wenn sie Abstand brauchte?
Was, wenn sie Hermine gerade jetzt lieber nicht sehen wollte?
Hermine senkte die Hand wieder. Sie biss sich auf die Unterlippe, atmete einmal tief durch. Der Wunsch, hineinzugehen, gegen diese Tür zu klopfen, war stark – stärker als ihr Stolz, stärker als ihre Vernunft, doch die Angst, abgewiesen zu werden, war es auch.
Sie blieb noch einen Moment stehen, als würde sie hoffen, dass sich die Tür von selbst öffnen würde. Tat sie aber nicht.
Hermine drehte sich langsam um, unsicher, ob sie erleichtert oder enttäuscht war und setzte ihren Spaziergang fort – mit dem stillen Gefühl, dass sie gerade an etwas Wichtigem vorbeigegangen war.
Hermine war kaum um die Ecke gebogen, als sie abrupt gegen jemanden stieß.
„Oh—!“
„Verzeihung—!“
Beide zuckten zurück, fast gleichzeitig, erschrocken von der plötzlichen Nähe. Für einen winzigen Moment erstarrten sie und dann trafen sich ihre Blicke.
Minerva.
Einen Herzschlag lang vergaßen sie den Korridor, die vorbeiziehenden Schritte in der Ferne, die Mauern von Hogwarts. In Minervas Augen lag dieselbe Überraschung wie in Hermines und darunter etwas Weicheres, Erleichtertes.
„Hermine“, sagte Minerva leise.
„Minerva“, antwortete Hermine ebenso ruhig, obwohl ihr Herz einen Satz machte.
Sie standen zu nah beieinander für einen gewöhnlichen Zusammenstoß, zu weit entfernt für das, was sie eigentlich wollten. Hermine spürte den Impuls, nach Minervas Hand zu greifen, sie einfach festzuhalten — aber sie hielt sich zurück. Minerva tat dasselbe. Beide kannten die Regeln dieses Flurs.
„Ich…“, begann Hermine und brach ab. „Ich wollte gerade—“
„Ich weiß“, sagte Minerva schnell, fast ein wenig zu hastig, dann fing sie sich. „Ich war auf dem Weg… zurück ins Büro.“
Ein kurzer Blick nach links, nach rechts. Niemand in unmittelbarer Nähe.
„Geht es dir gut?“, fragte Minerva sachlich, zu sachlich für jemanden, der die Frau gegenüber liebte.
Hermine nickte.
„Ja. Ich brauchte nur… frische Luft. Zum Denken.“
Minerva lächelte schwach.
„Das kenne ich.“
Einen Moment lang standen sie einfach da. Die Spannung zwischen ihnen war greifbar, unausgesprochen. In Minervas Haltung lag Müdigkeit, aber auch etwas Festes. Entschlossenheit. Hermine bemerkte es sofort.
„Du siehst aus, als hättest du kaum geschlafen“, sagte sie leise.
„Du auch“, erwiderte Minerva.
Ein flüchtiges Lächeln huschte über beide Gesichter — dieses stille Einverständnis, das sie teilten, selbst ohne Berührung.
„Wir sollten…“, begann Minerva und deutete vage den Flur hinunter.
„Ja“, sagte Hermine sofort. „Natürlich.“
Sie machten beide einen Schritt zurück, gleichzeitig, beinahe synchron. Für einen Sekundenbruchteil traf Minervas Hand Hermines — nur ganz kurz, kaum spürbar, aber es reichte. Minervas Blick wurde weich, ernst.
„Später“, sagte sie leise.
Hermine nickte.
„Später.“
Minerva ging weiter den Flur entlang, aufrecht, kontrolliert. Hermine sah ihr nach, bis sie um die nächste Ecke verschwunden war. Erst dann ließ sie den Atem los, den sie unbewusst angehalten hatte.
Sie strich sich durch die Haare, sammelte sich und setzte ihren Spaziergang fort, doch diesmal war sie sich sicher:
Minerva wollte sie sehen.
Minerva schloss die Tür zu ihrem Büro leise hinter sich und lehnte einen Moment dagegen, als müsse sie erst wieder festen Boden unter den Füßen finden. Der kurze Zusammenstoß mit Hermine im Flur hallte noch in ihr nach – dieses flüchtige Erschrecken, das ebenso schnell von Erleichterung abgelöst worden war. Und doch hatte sie sich zusammenreißen müssen, hatte nur genickt, ein paar sachliche Worte gewechselt, als wäre nichts zwischen ihnen.
Jetzt war sie allein.
Der Raum lag ruhig da, vertraut, beinahe schützend. Minerva ging langsam zu ihrem Schreibtisch und setzte sich. Dort lag er. Der Brief. Schweres Pergament, das Siegel des Ministeriums deutlich sichtbar, unversehrt. Sie hatte ihn bereits gesehen, natürlich. Sie hatte gewusst, dass er kommen würde. Und dennoch hatte sie ihn bisher nicht geöffnet.
Ihre Finger ruhten einen Moment lang auf der Tischplatte, dann schob sie den Brief ein Stück näher zu sich. Sie brauchte nicht lange zu überlegen, worum es gehen würde. Das letzte Gespräch. Die Gerüchte. Ihre Antworten. Ihre halben Wahrheiten.
Minerva atmete tief ein.
Sie wusste, dass sie sich nichts hatte zuschulden kommen lassen – zumindest nicht im dienstlichen Sinne. Und doch war da diese leise, nagende Sorge. Nicht um sich selbst, sondern um Hermine. Um alles, was sie mit so viel Vorsicht aufgebaut hatten.
Ihr Blick glitt kurz zur Tür, als könne sie Hermine dahinter spüren. Der Gedanke an ihr unsicheres Zögern vor dem Büro tat beinahe weh. Minerva schloss kurz die Augen, sammelte sich. Dann legte sie die Hand auf den Brief.
„Nicht jetzt“, murmelte sie leise.
Sie schob ihn beiseite, ordnete ein paar Pergamente, griff zu ihrer Feder. Arbeit. Ordnung. Struktur. Dinge, die sie kontrollieren konnte. Doch der Brief blieb in ihrem Blickfeld, stumm, wartend und Minerva wusste, dass sie ihn nicht ewig ignorieren konnte.