Ein neuer Brief
Ein neuer Brief
Nach dem Essen erhob sich Minerva zügig. Ohne sich weiter in Gespräche verwickeln zu lassen, verließ sie die Große Halle und schlug den Weg Richtung Schulleiterturm ein. Ihre Schritte waren ruhig, aber bestimmt, der Saum ihrer Robe bewegte sich kaum hörbar über den Steinboden.
Hermine zögerte nur einen Moment, dann folgte sie ihr. Sie kannte diesen Gang, dieses Tempo und sie wusste, dass Minerva gerade zu viel nachdachte.
Kurz vor dem Wasserspeier holte sie sie ein.
„Minerva“, sagte Hermine leise, aber bestimmt.
Minerva blieb stehen, drehte sich halb zu ihr um. Ihr Blick war wachsam, fast streng, doch Hermine ließ sich davon nicht abschrecken.
„Ich habe deinen Blick gesehen“, fuhr sie fort. „Am Tisch. Als von Featherstone die Rede war. Du hast an etwas gedacht und ich will wissen, was.“
Für einen Moment schien Minerva widersprechen zu wollen. Dann sah sie sich kurz im Flur um, musterte die leeren Korridore, die vorbeihastenden Schüler in der Ferne.
„Nicht hier“, sagte sie ruhig. „Komm.“
Sie wandte sich dem Wasserspeier zu, nannte das Passwort und kurz darauf schloss sich die Tür zu ihrem Büro hinter ihnen mit einem leisen, endgültigen Klick.
Die vertraute Ruhe des Raumes legte sich um sie. Minerva ging ein paar Schritte hinein, legte die Hände auf die Lehne ihres Stuhls, blieb aber stehen. Hermine trat näher.
„Also?“ fragte sie sanft, aber direkt. „Was denkst du über die Situation mit Featherstone?“
Minerva atmete langsam aus.
„Ich denke“, begann sie bedacht, „dass er unvorsichtig geworden ist.“
Hermine runzelte leicht die Stirn.
„Er ist wütend“, fuhr Minerva fort. „Nicht nur wegen des Streichs, sondern weil er merkt, dass er an Grenzen stößt. Heute Morgen bei mir im Flur hatte er nichts außer Vermutungen. Keine Beweise. Keine Zeugen. Nur seine Überzeugung und die reicht nicht.“
Sie sah Hermine nun direkt an.
„Das macht ihn gefährlich. Menschen wie Featherstone handeln nicht klug, wenn sie sich übergangen fühlen. Sie handeln impulsiv.“
Hermine verschränkte die Arme, dachte nach.
„Du glaubst also, er wird weiter Druck machen.“
„Das wird er ganz sicher“, sagte Minerva ohne Zögern. „Entweder beim Ministerium oder hier oder… beides.“
Ein kurzer Moment der Stille folgte. Dann fragte Hermine leise:
„Und… ich?“
Minervas Blick wurde weicher, aber auch ernster.
„Du hast korrekt gehandelt. Bei den Schülerinnen. Bei ihm. Daran ändert auch seine Empörung nichts.“ Sie trat nun näher, senkte die Stimme. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Sehr vorsichtig.“
Hermine nickte langsam.
„Ich weiß schon, keine offenen Konfrontationen.“
„Keine unnötigen“, präzisierte Minerva. „Und keine Alleingänge.“
Ein schwaches, fast unsichtbares Lächeln huschte über Hermines Gesicht.
„Dann sind wir uns einig.“
Minerva erwiderte das Lächeln kaum merklich.
„Das waren wir schon immer.“
Mit einem leisen Plopp erschien plötzlich eine Hauselfe mitten im Raum. Sie trug ein ordentlich gefaltetes Tuch über dem Arm und hielt einen Umschlag mit beiden Händen fest umklammert. Minerva drehte sich sofort um.
„Entschuldigen Sie bitte, Professor McGonagall, Ma’am“, piepste sie ehrfürchtig und verbeugte sich tief. „Der Brief ist gerade eben angekommen. Es hieß, es sei sehr dringend.“
„Dank“, sagte Minerva und nahm den Brief entgegen.
Schon in dem Moment, in dem sie den Umschlag sah, wich ihr die Farbe aus dem Gesicht. Ihre Finger schlossen sich darum, doch sie öffnete ihn nicht.
Hermine trat einen halben Schritt näher. Ihr Blick fiel unweigerlich auf das Siegel: das schlichte, prägnante M des Ministeriums. Ihr Magen zog sich schlagartig zusammen.
Für einen Herzschlag lang sagten beide nichts. Der Raum wirkte plötzlich kleiner, schwerer.
Die Hauselfe wartete noch einen Moment, dann verschwand sie ebenso lautlos, wie sie gekommen war.
Minerva sah auf den Umschlag hinab, als könne sie allein durch Willenskraft ergründen, was darin stand. Dann hob sie den Kopf und sah Hermine an.
„Nun“, sagte sie ruhig, vielleicht zu ruhig, „das sieht ganz danach aus, als hätte Featherstone keine Zeit verloren.“
Hermine schluckte.
„Er war also wirklich in der Eulerei.“
„So schnell sind Eulen auch wieder nicht“, meint Minerva skeptisch.
„Vielleicht… Ja vielleicht hat er gestern schon einen Brief geschrieben und heute… ach ich weiß auch nicht. Er könnte ja auch auf eine Antwort warten oder so.“
„Wir sollten nicht spekulieren Liebes.“
„Ich weiß, aber trotzdem muss jemand an das Ministerium geschrieben haben. Sonst hättest du nicht schon wieder einen dieser dämlichen Briefe bekommen.“
„Offenbar“, erwiderte Minerva knapp. Sie drehte den Umschlag langsam zwischen den Fingern. „Das Ministerium verschwendet normalerweise keine Zeit, wenn jemand… besorgt genug formuliert.“
Hermine trat näher an sie heran.
„Willst du ihn jetzt öffnen?“
Minerva zögerte nur einen Augenblick. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Nicht jetzt.“
Sie legte den Brief sorgfältig auf ihren Schreibtisch, so, als handle es sich um etwas Zerbrechliches.
„Was auch immer darin steht, es wird nichts ändern, was wir tun müssen.“
Hermine musterte sie aufmerksam.
„Und das wäre?“
Minerva richtete sich auf, ihre Haltung gewann wieder an Festigkeit.
„Besonnen bleiben. Keine Fehler machen. Und uns nicht auseinanderdividieren lassen.“
Ihr Blick blieb einen Moment länger auf Hermine liegen.
„Genau darauf zielt er ab.“
Hermine atmete tief durch, dann nickte sie.
„Dann bekommt er das Gegenteil.“
Ein kaum sichtbares, entschlossenes Lächeln erschien auf Minervas Lippen.
„Ganz genau.“
Minerva trat einen Schritt näher an Hermine heran und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Unterarm. Die Berührung war fest, vertraut und bewusst ruhig gewählt.
„Wir haben schon deutlich Schlimmeres überstanden“, sagte sie mit leiser, kontrollierter Stimme. „Ein Brief wird daran nichts ändern.“
Hermine sah sie prüfend an. Sie kannte Minerva gut genug, um den feinen Unterschied zu bemerken: den Hauch zu viel Ruhe, die fast unbewegliche Miene, hinter der gearbeitet wurde. Dennoch erwiderte sie das Nicken.
„Ich weiß“, sagte Hermine. „Und du bist nicht allein damit.“
Minerva schenkte ihr ein kleines, aufmunterndes Lächeln.
„Genau das wollte ich hören.“
Doch während sie sprach, zog sich in ihrem Inneren alles zusammen. Der Umschlag lag auf dem Schreibtisch wie ein stilles Versprechen, das man besser nicht einlöste. Minerva musste nicht einmal hineinsehen, um zu ahnen, dass dort nichts Stand, das man mit einem Schulterzucken abtun konnte. Das Ministerium schrieb nicht vorsorglich und es schrieb schon gar nicht ein weiteres Mal, wenn alles erledigt war.
Sie dachte an Featherstones Blick, an sein selbstzufriedenes Grinsen. An seine Andeutungen, seine halben Sätze. Er hatte etwas formuliert, das wusste sie. Etwas, das nicht bewiesen werden konnte, aber Zweifel säte und Zweifel reichten manchmal schon.
Minerva drückte Hermines Arm ein wenig fester, ehe sie die Hand wieder zurückzog.
„Du hast noch Geh Unterricht, wenn ich mich richtig erinnere“, sagte sie sanft. „Lass dir nichts anmerken. Genau das erwartet man von dir.“
Hermine zögerte.
„Und du?“
„Ich kümmere mich um die anderen Dinge“, antwortete Minerva ohne zu zögern.
Hermine nickte schließlich und ging zur Tür. Kurz bevor sie sie öffnete, drehte sie sich noch einmal um.
„Minerva?“
„Ja?“
„Egal, was in diesem Brief steht“, sagte Hermine leise, „sag es mir. Wir tragen es gemeinsam.“
Minerva hielt ihren Blick fest. Für einen Moment ließ sie die Fassade fallen – nur einen Herzschlag lang. Dann nickte sie.
„Das werden wir.“
Als Hermine gegangen war, sank Minervas Blick zurück auf den Umschlag. Die Ruhe, die sie eben noch ausgestrahlt hatte, bröckelte. Sie setzte sich langsam an den Schreibtisch, legte beide Hände daneben und schloss für einen Moment die Augen.
'Bitte', dachte sie, ohne genau zu wissen, an wen dieser Gedanke gerichtet war. 'Nicht jetzt.'
Doch tief in sich wusste sie bereits: Dieser Brief würde nichts Gutes bringen.
Minerva setzte sich langsam an ihren Schreibtisch, als würde jede Bewegung zusätzliches Gewicht tragen. Der Brief lag genau in der Mitte der polierten Holzfläche, zu ordentlich, zu präsent. Das rote Wachssiegel mit dem eingeprägten M schien sie förmlich anzustarren.
Der dritte Brief. Innerhalb dieser kurzen Zeit.
Zuerst die Vorladung, dann das nüchterne Schreiben, dass die Angelegenheit noch nicht abgeschlossen sei und nun dieser.
Ein leises, bitteres Ausatmen entwich ihr. Sie hatte geglaubt, mit Klarheit, Haltung und Erfahrung ließe sich so etwas eindämmen. Sie hatte geglaubt, dass Vernunft im Ministerium noch ein Gewicht hatte. Vielleicht hatte sie sich geirrt oder vielleicht hatte jemand sehr gezielt dafür gesorgt, dass Zweifel immer wieder neu genährt wurden.
Ihre Finger zitterten, als sie den Umschlag aufnahm. Minerva bemerkte es und ärgerte sich darüber. Sie zwang ihre Hand zur Ruhe, richtete die Schultern auf.
„Reiß dich zusammen“, ermahnte sie sich, doch als sie das Siegel berührte, kehrte das Zittern zurück, hartnäckig, verräterisch.
Langsam brach sie das Wachs. Das Geräusch war leise, aber es hallte in ihrem Kopf nach. Sie zog das Pergament heraus, glättete es sorgfältig, als könne Ordnung auf dem Papier auch Ordnung in ihre Gedanken bringen. Einen Moment lang hielt sie inne, unfähig zu lesen. Ihre Augen verharrten auf der formellen Anrede, auf der sauber geschwungenen Schrift, die so neutral war, dass sie beinahe grausam wirkte. Dann begann sie zu lesen. Mit jeder Zeile spannte sich ihr Kiefer weiter an.
Sehr geehrte Professorin McGonagall,
im Anschluss an unsere vorausgegangene Korrespondenz sowie das Gespräch sehen wir uns veranlasst, Sie darüber zu informieren, dass die Angelegenheit, die Gegenstand Ihrer Vorladung war, weiterhin geprüft wird.
Der Abteilung sind zwischenzeitlich zusätzliche Hinweise zugetragen worden, die eine erneute Bewertung des Sachverhalts erforderlich machen. Diese betreffen insbesondere die Frage der dienstlichen Abgrenzung sowie möglicher Interessenkonflikte innerhalb des Lehrkörpers von Hogwarts.
Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich hierbei nicht um eine formelle Beschuldigung handelt. Gleichwohl besteht aus Sicht des Ministeriums die Verpflichtung, allen Hinweisen nachzugehen, die den ordnungsgemäßen Ablauf der Ausbildung, die Wahrung professioneller Standards sowie die Gleichbehandlung aller Mitarbeitenden betreffen.
Wir bitten Sie daher um eine ergänzende schriftliche Stellungnahme zu den angesprochenen Punkten. Diese sollte insbesondere darlegen,
• wie Sie die Einhaltung der gebotenen professionellen Distanz in Ihrem Verantwortungsbereich sicherstellen
• und inwiefern tatsächliche oder vermeintliche private Bindungen Einfluss auf dienstliche Entscheidungen haben könnten oder ausgeschlossen werden können.
Bitte lassen Sie uns Ihre Stellungnahme bis spätestens 15. November zukommen.
Bis zum Abschluss der Prüfung bitten wir Sie, von weiteren Handlungen abzusehen, die geeignet sein könnten, den bestehenden Eindruck zu verstärken oder neue Fragen aufzuwerfen.
Für Ihre Kooperation danken wir Ihnen im Voraus.
Mit verbindlichen Grüßen
Olive Lockwood
Leitende Referentin
Abteilung für Magische Ausbildung und Dienstaufsicht
Ministerium für Zauberei
Die Worte waren höflich formuliert, korrekt, scheinbar sachlich und doch lag zwischen ihnen eine klare Botschaft:
Die Angelegenheit hat eine neue Wendung genommen.
Minerva ließ den Blick auf dem Namen am Ende des Schreibens ruhen.
Olive Lockwood.
So sehr sie sich auch bemühte, ihr wollte einfach nicht einfallen, woher sie diesen Namen kannte.
Minerva ließ den Brief sinken. Für einen Moment starrte sie ins Leere, während ihr Herz schneller schlug. Sie dachte an Hermine. An ihre unbeschwerte Art, ihre Entschlossenheit, ihre Nähe. An das, was sie zu verlieren hatten – nicht nur ihre Beziehung, sondern Hermines Zukunft, ihren Ruf, ihre Sicherheit.
'Das ist es also', dachte Minerva. 'Der nächste Schritt.'
Sie schloss die Augen und atmete tief ein, dann aus. Als sie sie wieder öffnete, war der Schreck noch da, aber etwas anderes hatte sich darunter geschoben: Entschlossenheit. Kühl, klar, vertraut.
Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen. Dann verschränkte sie die Hände vor sich und richtete den Blick geradeaus.
„Gut“, murmelte sie leise in den Raum hinein.
„Wenn ihr spielen wollt, dann nach meinen Regeln.“
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie:
Dieser Kampf würde Opfer fordern.
Minerva legte den Brief mit einer beinahe übertriebenen Ruhe zur Seite, als ließe sich sein Inhalt allein durch Distanz entschärfen. Sie ordnete ihn sauber unter die anderen Schreiben des Ministeriums, schob den Stapel bewusst aus ihrem direkten Blickfeld und zog stattdessen mehrere Pergamente näher zu sich heran.
Unterrichtspläne, Berichte, Verwaltungsangelegenheiten, die schon seit Tagen auf Bearbeitung warteten.
'Arbeit', dachte sie entschlossen. 'Jetzt brauche ich Arbeit.'
Sie tauchte in Zahlen, Namen und Termine ein, setzte Korrekturen an, formulierte Randnotizen, unterschrieb Formulare. Für eine Weile funktionierte es. Die vertraute Struktur, die Klarheit von Aufgaben und Verantwortung, gaben ihr Halt. Ihr Geist folgte den Linien der Routine, so wie er es seit Jahrzehnten getan hatte, doch immer wieder glitt ihr Blick unwillkürlich zu der Stelle auf dem Schreibtisch, an der der Brief gelegen hatte.
Immer wieder tauchte der Name Olive Lockwood in ihrem Kopf auf, zusammen mit der unausgesprochenen Drohung zwischen den Zeilen.
„… von weiteren Handlungen absehen …“
Minerva presste kurz die Lippen aufeinander und schrieb weiter. Fester diesmal. Zielstrebiger. Sie zwang sich, nicht an Hermine zu denken, nicht an ihre Nähe, nicht an die Art, wie Hermine sie angesehen hatte, als der Brief angekommen war.
Die Uhr an der Wand tickte leise. Zeit verging. Erst als ein Stapel abgearbeiteter Pergamente neben ihr lag und ihre Hand zu schmerzen begann, lehnte Minerva sich zurück. Sie atmete tief ein, dann langsam aus. Die Arbeit hatte ihren Zweck erfüllt – zumindest teilweise. Der Druck in ihrer Brust war gedämpft, nicht verschwunden, aber kontrollierbar. Sie wusste jedoch eines ganz genau:
Dieser Brief war nicht erledigt. Er wartete nur und irgendwann würde sie ihm antworten müssen.
Minerva hatte nicht bemerkt, wie weit der Abend vorangeschritten war. Erst das leise Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Sie blickte auf, leicht irritiert, als sich die Tür öffnete und Hermine eintrat.
„Da bist du ja“, sagte Hermine leise. „Ich hab mir schon gedacht, dass du wieder die Zeit vergessen hast.“
Minerva atmete langsam aus und erlaubte sich ein müdes, fast entschuldigendes Lächeln.
„Offenbar“, antwortete sie ruhig. „Ich wollte nur noch ein paar Dinge erledigen … und dann wurde es immer mehr.“
Hermine schloss die Tür hinter sich und kam näher. Erst jetzt fiel ihr Blick auf den geöffneten Umschlag auf dem Schreibtisch, auf das Pergament daneben, dessen Siegel bereits gebrochen war. Sie blieb stehen, ihre Miene wurde ernst.
„Du hast ihn gelesen“, stellte sie fest.
Minerva folgte ihrem Blick, sagte einen Moment lang nichts. Dann nickte sie knapp.
„Ja.“
Hermine zögerte. Man sah ihr an, dass sie die Frage abwog, dass sie Minervas Grenzen respektieren wollte und gleichzeitig den Drang hatte, zu verstehen, was vor sich ging. Schließlich hob sie den Blick wieder.
„Darf ich…?“
Sie deutete auf den Brief. Minerva spürte einen leichten Widerstand in sich. Dieser Brief fühlte sich an wie etwas zutiefst Persönliches, etwas, das sie eigentlich allein tragen wollte, doch dann sah sie Hermines Ausdruck: nicht neugierig, nicht fordernd, sondern besorgt. Verbunden.
Nach einem Moment schob Minerva das Pergament langsam über den Schreibtisch.
„In Ordnung“, sagte sie leise. „Aber erwarte keine Schmeicheleien.“
Hermine trat näher, nahm den Brief behutsam in die Hand und begann zu lesen. Währenddessen beobachtete Minerva sie genau: wie sich Hermines Stirn leicht kräuselte, wie ihr Kiefer sich anspannte, je weiter sie kam. Die Ruhe, die Hermine sonst so bewusst zur Schau trug, bekam feine Risse. Als sie fertig war, senkte Hermine langsam den Brief.
„Das ist…“ Sie suchte nach Worten. „Vage formuliert.“
„Genau“, erwiderte Minerva trocken. „Gerade genug, um Druck auszuüben. Nicht genug, um sich festzulegen.“
Hermine schüttelte den Kopf.
„Diese Bitch!“
Minerva zuckte zusammen und sah Hermine an.
„Wollen die uns eigentlich komplett verarschen?“
Minerva legte ihre Hand besänftigend auf Hermines Arm.
„Beruhige dich Hermine.“
„Ich will mich nicht beruhigen. Was fällt denen eigentlich ein? Sie halten dich in der Schwebe. Wollen, dass du einen Fehler machst.“
Minerva sah sie lange an.
„Oder dass ich mich selbst einschränke.“
Für einen Moment war es still im Raum. Dann legte Hermine den Brief zurück auf den Schreibtisch, atmete tief durch, um sich wieder zu beruhigen. Dann trat sie näher und blieb direkt vor Minerva stehen.
„Du musst da nicht allein durch“, sagte sie ruhig, aber bestimmt. „Egal, was sie versuchen.“
Minerva hob den Blick zu ihr, und für einen kurzen Augenblick fiel jede Maske.
„Ich weiß“, sagte sie leise. „Aber ich muss klug sein. Für uns beide.“
Hermine nickte langsam.
„Wir handeln gemeinsam klug.“
Minerva schloss für einen Moment die Augen und erlaubte sich endlich, das Gewicht dieses Tages ein kleines Stück loszulassen.
Hermine setzte sich auf die Armlehne von Minervas Stuhl, ganz selbstverständlich, als hätte sie dort immer schon gesessen. Minerva lehnte sich ohne Zögern an sie, ließ den Kopf leicht gegen Hermines Seite sinken. Allein diese kleine Geste nahm ihr einen Teil der Anspannung aus den Schultern.
„Ich bin froh, dass du hier bist.“
Hermine beugte sich vor und küsste Minerva sanft auf die Stirn.
„Immer“, sagte sie leise.
Minerva schloss kurz die Augen, atmete tief durch und blieb einen Moment so sitzen, als würde sie Kraft aus dieser Nähe schöpfen.
„Was meinst du…“, begann Hermine nach einer Weile und strich Minerva leicht über den Arm, „sollen wir noch zum Abendessen gehen?“
Minerva öffnete die Augen und sah zu ihr hoch.
„Hast du denn noch nichts gegessen?“
Hermine schüttelte den Kopf.
„Nein. Als ich gesehen habe, dass du nicht in der Großen Halle bist, bin ich direkt hierhergekommen.“
Minervas Blick wurde weich und gleichzeitig lag darin ein Anflug von Schuldgefühl.
„Das hätte ich wissen müssen“, murmelte sie. „Ich verliere mich zu leicht in meiner Arbeit.“
Hermine lächelte schief.
„Deshalb bin ich ja da, um dich wieder einzusammeln.“
Minerva ließ ein leises, müdes Schmunzeln zu. Sie richtete sich ein wenig auf, drehte den Kopf zu Hermine.
„Dann sollten wir wohl gehen“, sagte sie schließlich.
Hermine nickte zustimmend.
„Außerdem würde es Fragen aufwerfen, wenn wir beide fehlen.“
Minerva seufzte leise, aber nicht unwillig.
„Leider hast du recht.“
Sie erhob sich und Hermine rutschte von der Armlehne, blieb jedoch dicht bei ihr stehen. Für einen kurzen Moment berührten sich ihre Hände, ganz flüchtig, gerade so viel, dass es niemand bemerken würde und doch genug, um ein stilles Einverständnis zu vermitteln.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte Minerva leise.
Hermine sah sie an, ernst und warm zugleich.
„Wo sollte ich sonst sein?“
Dann griff Minerva nach ihrer Robe, sammelte den Brief und legte ihn entschlossen in eine Schublade. Für heute würde er warten müssen. Gemeinsam verließen sie das Büro, bereit, ihre Rollen wieder anzunehmen, aber mit dem Wissen, dass sie diesen Abend zumindest nicht allein tragen mussten.
Minerva ging zuerst. Mit aufrechter Haltung, kontrolliert, jede Bewegung wohlüberlegt. Als sie die Große Halle betrat, war sie sich der vielen Blicke bewusst, auch wenn sie sich nichts davon anmerken ließ. Die Halle war noch gut gefüllt, Stimmengewirr lag in der Luft, Besteck klirrte, Schüler lachten.
Am Lehrertisch saßen noch fast alle Kollegen und leider auch Featherstone.
Minervas Blick blieb einen Herzschlag zu lang an ihm hängen. Kalt. Hart. Ohne jede Höflichkeit. Featherstone bemerkte ihn sofort, hob den Kopf und für einen kurzen Moment lag ein selbstzufriedenes, beinahe triumphierendes Zucken in seinem Mundwinkel. Minervas Kiefer spannte sich. Noch bevor sie etwas sagen oder tun konnte, spürte sie eine sanfte Berührung an ihrem Arm. Pomona, die sich leicht zu ihr vorbeugte, ohne viel Aufsehen zu erregen.
„Sag nichts“, murmelte sie kaum hörbar. „Nicht hier.“
Minerva atmete langsam aus, nickte kaum merklich und setzte sich auf ihren Platz. Sie zwang ihre Gesichtszüge wieder zur Ruhe, griff nach ihrem Besteck, auch wenn der Appetit ihr vollständig vergangen war.
Wenige Augenblicke später betrat Hermine die Halle. Sie ließ den Blick kurz durch den Raum gleiten, registrierte Minervas Position, Featherstones Anwesenheit und die spürbare Spannung. Dann setzte sie sich auf ihren Platz, ein paar Sitze von Minerva entfernt, ganz professionell, ganz unauffällig, doch für einen flüchtigen Moment trafen sich ihre Blicke. Nicht lang. Nicht offen. Aber genug.
Featherstone ließ seinen Blick nun demonstrativ über den Tisch wandern, als würde er eine Szene erwarten, eine Reaktion provozieren wollen, doch weder Minerva noch Hermine gaben ihm diesen Triumph. Beide aßen, sprachen leise mit ihren jeweiligen Sitznachbarn, hielten ihre Rollen perfekt aufrecht.
Pomona lehnte sich noch einmal zu Minerva.
„Wir sollten uns unterhalten. Später“, sagte sie ruhig.
Minerva nickte. Ihr Blick wanderte ein letztes Mal zu Featherstone, diesmal ohne Eis, ohne Zorn, nur mit nüchterner Wachsamkeit.
Der Kampf war noch lange nicht vorbei, aber hier, in dieser Halle, würde sie ihm nichts geben.