Gewissheit
Gewissheit
Hallo ihr Lieben,
es geht weiter. Ich hoffe, euch gefällt das neue Kapitel :) Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen.
LG M.
Das Zimmer lag noch im weichen Dämmerlicht des frühen Morgens. Minerva stand vor dem Spiegel, richtete mit geübten Bewegungen den Kragen ihres Kleides und strich eine widerspenstige Strähne aus ihrer Frisur. Sie war leise, um Hermine nicht zu wecken.
„Minerva? Was machst du denn da?“, murmelte Hermine verschlafen vom Bett aus.
Minerva hielt inne und sah im Spiegel Hermines Spiegelbild: zerzaustes Haar, noch halb unter der Decke, die Augen warm und aufmerksam.
„Ich wollte dich nicht wecken.“
„Hast du nicht.“
Hermine richtete sich langsam auf und zog die Decke enger um sich.
„Warum bist du schon fertig?“
Minerva wandte sich um.
„Ich habe vor dem Frühstück noch etwas zu erledigen.“
Der Ton war ruhig, aber Hermine hörte das, was zwischen den Worten lag. Sie klopfte neben sich auf die Matratze.
„Setz dich kurz zu mir.“
Minerva zögerte nur einen Augenblick, dann gab sie nach und setzte sich an den Bettrand. Hermine legte eine Hand um ihr Handgelenk, ganz selbstverständlich und sah sie ernst an.
„Minerva“, sagte sie leise, „du darfst jetzt nichts Unüberlegtes tun.“
Minerva seufzte.
„Ich weiß.“
„Ja“, erwiderte Hermine sanft, aber bestimmt, „du weißt es, aber ich sehe dir an, dass du gerade dabei bist, es zu ignorieren.“
Minerva senkte kurz den Blick.
„Er hatte diese Fotos oder hat sie und jede Minute, die vergeht—“
„—ist nur gefährlich, wenn wir annehmen, dass er schon gehandelt hat“, fiel Hermine ihr ruhig ins Wort. „Das wissen wir nicht. Noch nicht.“
Minerva sah sie wieder an.
„Und wenn er sie bereits abgeschickt hat?“
„Dann wäre das Ministerium längst aktiv geworden“, sagte Hermine ohne Zögern. „Du kennst sie. Sie verlieren keine Zeit, wenn sie glauben, etwas in der Hand zu haben.“
Minerva schwieg und dachte nach. Hermine drückte leicht ihr Handgelenk.
„Der erste Schritt ist nicht Konfrontation. Der erste Schritt ist Information. Wir müssen herausfinden, ob Featherstone etwas unternommen hat und wenn ja, was.“
Ein kaum merkliches Nicken.
„Du hast recht“, sagte Minerva schließlich. „Wie so oft.“
Hermine lächelte müde.
„Ich habe schon öfter gegen Ministerien, dunkle Zauberer und sehr selbstgefällige Männer argumentiert. Ein gewisser Übungsvorteil.“
Minerva zog einen Mundwinkel nach oben.
„Dann vertraue ich darauf, dass du mich davon abhältst, etwas Dummes zu tun.“
Hermine beugte sich vor und küsste sie sanft.
„Sehr gerne, aber nur unter der Bedingung, dass du mir versprichst, heute vorsichtig zu sein.“
„Vorsichtig“, wiederholte Minerva und atmete tief durch. „Ich werde mein Möglichstes tun.“
„Das ist zumindest ein Anfang.“
Minerva erhob sich schließlich, deutlich ruhiger als noch vor wenigen Minuten.
„Ich muss trotzdem in mein Büro. Wir sehen uns dann beim Frühstück.“
Hermine ließ sich wieder ein Stück zurück in die Kissen sinken.
„Hm, bis gleich.“
Minerva hielt an der Tür kurz inne und sah noch einmal zurück. Für einen Moment lag all das Ungesagte zwischen ihnen – Sorge, Vertrauen, ein gemeinsamer Kampf.
Dann nickte sie Hermine zu und verließ leise den Raum.
Später beim Frühstück nahm Minerva ihren Platz ein, als wäre es ein Morgen wie jeder andere. Die Haltung aufrecht, das Gesicht ruhig, die gewohnte grüne Robe tadellos. Sie beantwortete Pomonas Bemerkung über den heutigen Speiseplan mit einem passenden Kommentar, nickte an der richtigen Stelle, lächelte sogar kurz. Niemand hätte geahnt, wie sehr sie jedes Detail im Raum in sich aufsog. Dann traf sie Irinas Blick. Es war nur ein Augenblick, aber lang genug, um ihn nicht zu übersehen. Irina hielt inne, ihre Miene ernst und schüttelte kaum merklich den Kopf. Keine weiteren Gesten, kein Wort. Nur dieses eine, deutliche Zeichen. Minervas Hand verharrte einen Moment über ihrer Tasse.
Was bedeutete das?
Sie zwang sich, den Blick wieder Pomona zuzuwenden, hörte ihr halb zu, während ihre Gedanken rasten. 'Nein' konnte vieles heißen. Kein Fortschritt. Keine neuen Informationen. Oder… kein Beweis.
Unwillkürlich wanderte ihr Blick über den Lehrertisch.
Featherstone saß ein paar Plätze entfernt. Er trank seinen Kaffee, doch seine Bewegungen waren fahrig, unruhig. Er rührte, obwohl nichts mehr zu rühren war, stellte die Tasse ab, nahm sie wieder hoch. Sein Blick huschte mehrfach durch die Halle, blieb nirgends lange hängen, bis er für einen Sekundenbruchteil Minerva streifte. Er sah sofort weg.
'Du bist nervös', dachte sie kühl. 'Und das bist du nur, wenn du noch etwas zu verlieren hast.'
Irinas Kopfschütteln brannte sich ihr ein.
Hatte sie Featherstones Gedanken berührt? Hatte sie gesehen, dass er die Fotos noch bei sich trug? Dass er gezögert hatte? Oder warnte sie Minerva schlicht davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen?
Minerva nahm nun selbst einen Schluck Tee. Ihre Hand war ruhig.
'Wenn die Fotos bereits beim Ministerium wären', überlegte sie, 'gäbe es keine Andeutungen, kein Zögern. Dann gäbe es Maßnahmen.'
Ihr Blick glitt erneut zu Featherstone. Diesmal beobachtete sie ihn offen. Er bemerkte es, spannte sich sichtbar an und trank hastig den letzten Rest Kaffee, als müsse er sich daran festhalten.
Ein leises, inneres Klicken.
'Gut', dachte Minerva. 'Dann ist das Spiel noch nicht vorbei.'
Sie wandte sich wieder Pomona zu, stellte eine Frage zum heutigen Unterrichtsplan und ließ nichts von ihren Gedanken nach außen dringen, doch innerlich hatte sich etwas verschoben: Die lähmende Angst war einer kühlen Wachsamkeit gewichen.
Featherstone hatte seinen Zug noch nicht gemacht und Minerva hatte nicht vor, ihm dafür die Zeit zu lassen.
Minerva widmete sich ihrem Frühstück. Immer wieder glitt ihr Blick zu Featherstone, allerdings blieb ihr Blick ebenfalls einige Male auf dem leeren Platz am Lehrertisch hängen. Hermine fehlte.
Wo in Merlins Namen war sie?
Nach außen ließ sich Minerva nichts anmerken. Innerlich sorgte sie sich, denn sie kannte Hermine besser, als jeder andere. Hermine hatte Minerva zwar gesagt, sie sollte nichts unüberlegtes tun, was jedoch nicht hieß, dass Hermine ihren eigenen Rat befolgen würde.
Minerva seufzte, trank ihren Tee aus und verließ mit einer höflichen Verabschiedung die große Halle.
Nach und nach gingen auch die anderen Lehrer in Richtung ihrer Klassen.
Als Irina den Korridor entlang ging, wurde sie plötzlich am Handgelenk gepackt und in eine Nische gezogen. Irina rang sich ein paar ruhige Atemzüge ab, nachdem Hermine sie losgelassen hatte. Die Nische war schmal, von einer Statue halb verdeckt, der Korridor dahinter inzwischen fast leer. Nur entfernte Schritte und Stimmen hallten durch das Schloss.
„Hermine“, sagte Irina leise, aber eindringlich, „du kannst nicht einfach—“
Sie brach ab, als sie Hermines Gesicht sah. Die Entschlossenheit darin, aber auch die Sorge, die sie kaum verbergen konnte.
„Es tut mir leid“, unterbrach Hermine sie sofort. „Ich weiß, das war überrumpelnd, aber ich brauche deine Hilfe. Jetzt.“
Irinas Miene wurde weicher. Sie verschränkte die Arme nicht, zog sich aber nicht zurück. Das war ein gutes Zeichen.
„Ich habe es mir gedacht“, sagte sie ruhig. „Es geht um Featherstone.“
Hermine nickte.
„Er hat etwas genommen. Etwas sehr privates, das er gegen mich und Minerva verwenden kann. Ich musste wissen, ob ich mir Hoffnung machen darf.“
Irina seufzte leise und sah kurz den Korridor hinunter, ehe sie antwortete.
„Sein Verhalten war auffällig. Zu kontrolliert und gleichzeitig zu nervös. Also habe ich es versucht.“ Sie zögerte einen Moment. „Nicht tief. Nur… ein Streifen, damit er es nicht bemerkt und ja, es ist mir gelungen.“
Hermines Herzschlag beschleunigte sich.
„Und?“
„Fotos“, sagte Irina ohne Umschweife. „Er hat ganz eindeutig an Fotos gedacht. Sehr konkret. Nicht abstrakt, nicht hypothetisch. Er hat sie noch.“
Sie sah Hermine ernst an.
„Er spielt mit dem Gedanken, sie als Druckmittel zu benutzen. Er hat sie noch bei sich.“
Hermine schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen. Erleichterung und Wut lagen gefährlich nah beieinander.
„Weißt du, wo?“, fragte sie dann.
Irina schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Das war… abgeschirmt. Entweder durch bewusste Kontrolle oder durch ein Versteck, das er sich selbst nicht ständig vor Augen führt. Eine Schublade, ein Koffer, vielleicht sogar etwas Magisches, aber ich weiß, dass er sie hat. Und er genießt es, dass er etwas gegen euch in der Hand hat.“
Hermines Kiefer spannte sich.
„Natürlich tut er das.“
„Hermine“, sagte Irina warnend, „das ist gefährliches Terrain. Für dich. Für Minerva.“
„Ich weiß“, antwortete Hermine ruhig. Zu ruhig. „Und genau deshalb muss ich wissen, was er vorhat. Wenn er glaubt, er kann Minerva damit kontrollieren—“
„Dann unterschätzt er sie“, fiel Irina ihr trocken ins Wort. „Aber er unterschätzt dich noch mehr.“
Hermine sah sie an, ein kurzes, schiefes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Dann hilf mir, ihn zu stoppen, bevor er den nächsten Schritt macht.“
Irina musterte sie lange. Dann nickte sie langsam.
„Gut“, sagte sie. „Ich versuche etwas herauszufinden, aber du musst mir versprechen, dass du nichts unüberlegtes tust. Es könnte ihn warnen. Der einzige Vorteil den wir haben ist, dass er denkt, ihr wüsstet es nicht.“
„Versprochen“, sagte Hermine und beide wussten, dass dieses Versprechen zumindest halb wahr war.
Irina legte ihr kurz die Hand auf den Arm.
„Er glaubt, er hat die Kontrolle. Das ist sein größter Fehler.“
Hermine erwiderte den Blick und nickte. Im nächsten Moment traten sie wieder aus der Nische in den Korridor, jede in eine andere Richtung, als wäre nichts gewesen. Zwei Lehrerinnen auf dem Weg zu ihrem Unterricht, doch das Spiel hatte sich verändert.
Hermine erreichte das Klassenzimmer mit ruhigem Schritt. Wer sie sah, hätte nichts bemerkt: kein Zögern, kein hastiges Atmen, keine Spur der Anspannung, die unter ihrer Haut vibrierte. Ihre Schultern waren aufrecht, ihr Blick klar, der Gang kontrolliert. Die Maske saß perfekt.
Im Klassenzimmer warteten die Siebtklässler bereits. Ein paar Gespräche verebbten, als sie den Raum betrat.
„Guten Morgen“, sagte sie ruhig und sofort kehrte Ordnung ein.
Der Unterricht begann wie immer strukturiert und präzise. Slughorn hielt sich heute im Hintergrund. Hermine erklärte die heutige Lektion mit sicherer Stimme, führte durch komplexe Zusammenhänge, stellte Fragen, ließ die Schüler selbst denken. Sie bewegte sich zwischen den Tischen, korrigierte eine Handhaltung hier, ein Maß dort, lobte gezielt, griff ein, wenn es nötig war. Niemand hätte geahnt, dass ihr Geist parallel arbeitete.
Während sie über Kessel blickte und Formeln erklärte, registrierte sie jedes Detail: wer zu lange tuschelte, wer ungewöhnlich still war und sie griff durch, ermahnte störende und unaufmerksame Schüler. Sie zwang sich, ihre Gedanken nicht abschweifen zu lassen – nicht zu Minerva, nicht zu den Fotos, nicht zu der kalten Gewissheit, dass jemand versuchte, Macht über sie beide auszuüben.
'Später', sagte sie sich. 'Jetzt nicht.'
Ein Schüler stellte eine schwierige Frage. Hermine lächelte, nahm sie dankbar auf und nutzte sie, um tiefer ins Thema einzusteigen. Sie liebte diese Momente. Sie gaben ihr Halt und Erdung. Hier war sie in ihrem Element. Hier konnte Featherstone sie nicht erreichen.
Als die Stunde sich dem Ende neigte, war die Atmosphäre konzentriert, beinahe ehrfürchtig.
„Sehr gut heute“, sagte Hermine ehrlich. „Die Hausaufgaben stehen an der Tafel. Denken Sie daran: Sorgfalt ist kein Luxus, sondern Voraussetzung.“
Ein leises Stöhnen ging durch die Reihen, gefolgt von vereinzeltem Lachen. Hermine schmunzelte kurz. Dann entließ sie die Klasse.
Als der letzte Schüler gegangen war und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, ließ sie für einen Atemzug die Schultern sinken. Nur einen.
Dann richtete sie sich wieder auf, sammelte ihre Unterlagen ein und verließ den Raum mit derselben Ruhe, mit der sie ihn betreten hatte.
Innerlich jedoch war sie hellwach. Featherstone hatte die Fotos. Noch. Hermine Granger hatte nicht vor, ihm lange dieses Gefühl der Kontrolle zu lassen.
Minerva saß an ihrem Schreibtisch, die Feder zwischen den Fingern, das Pergament vor ihr makellos ausgerichtet, doch sie schrieb nicht. Seit mehreren Minuten schon. Sie wusste es, weil die Tinte an der Spitze der Feder längst zu einem dunklen Tropfen geworden war, der jeden Moment fallen konnte, so wie ihre Konzentration.
Mit einem leisen Seufzen legte sie die Feder beiseite und strich sich über die Stirn. Der Stapel an Unterlagen vor ihr war ordentlich, sorgfältig sortiert, bereit bearbeitet zu werden. Normalerweise hätte sie sich mit stoischer Ruhe hineingestürzt, hätte sich von Zahlen, Berichten und Terminen ablenken lassen. Normalerweise.
Heute jedoch kreisten ihre Gedanken wie Raubvögel.
Featherstone hat die Fotos. Da war sie sich ganz sicher. Der Gedanke brannte. Nicht laut, nicht panisch, aber beharrlich. Unerbittlich.
Minerva stand auf und trat ans Fenster. Draußen lag der Innenhof ruhig da, als wäre Hogwarts selbst in Unwissen gehüllt über das, was sich in seinen Mauern zusammenbraute. Schüler gingen lachend vorbei, das Leben lief weiter. Diese Normalität fühlte sich beinahe falsch an.
Sie verschränkte die Arme hinter dem Rücken und begann, Möglichkeiten abzuwägen.
Ein direktes Vorgehen? Unklug. Featherstone lebte von Provokation, von Andeutungen, von dem Wissen, dass er nichts offen sagen musste, um Schaden anzurichten. Würde sie ihn frontal angreifen, würde er sich in die Opferrolle flüchten und das Ministerium liebte nichts mehr als eine angeblich „unterdrückte“ Stimme.
Eine offizielle Untersuchung? Noch riskanter. Solange es diese Fotos gab, war jede formelle Bewegung ein Spiel mit dem Feuer.
'Also Beweise entwerten', dachte Minerva kühl. 'Oder den Absender diskreditieren.'
Featherstone war kein Narr, selbstgerecht, aber er könnte unvorsichtig werden. Er glaubte, sich im Recht zu befinden und genau das war seine Schwäche. Wer sich für moralisch überlegen hielt, machte Fehler.
Minerva drehte sich wieder um und setzte sich. In ihrem Kopf arbeitete es unaufhörlich. Sie musste sich etwas einfallen lassen, das sie gegen ihn verwenden konnte, falls er doch schneller war, als sie dachte. Also zog sie ein frisches Pergament hervor und schrieb ein paar Stichworte, nur für sich:
– Dienstliches Fehlverhalten
– Mehrere Beschwerden durch Schüler und Kollegen
– Diskriminierende Äußerungen
– Machtmissbrauch gegenüber Schülern
– Persönliche Motive
Sie hielt inne. Die Erstklässlerinnen. Ihr Kiefer spannte sich. Das war kein Gerücht, keine vage Anschuldigung. Das war greifbar. Mehrere Zeugen. Kinder. Und selbst das Ministerium müsste zugeben, dass Diskriminierung gegenüber muggelstämmigen Schülern kein Kavaliersdelikt war.
Langsam, sehr langsam, begann sich ein Plan zu formen. Kein Angriff. Eine Umkehr der Perspektive.
Wenn Featherstone glaubte, Druck ausüben zu können, dann musste man ihm zeigen, dass auch er unter Beobachtung stand. Dass jede Bewegung, jeder Satz, jedes falsche Wort Konsequenzen haben konnte.
Minerva lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen.
'Besonnen bleiben', ermahnte sie sich. 'Nicht aus Angst handeln. Nicht aus Wut.'
Und doch – unter all der Strategie, unter all der Disziplin – lag etwas anderes. Etwas Persönliches. Schärfer. Gefährlicher.
Er bedrohte nicht nur sie und ihre Position. Er bedrohte Hermine. Ihre Hermine.
Minervas Augen öffneten sich wieder, klar und entschlossen.
„Nicht mit mir“, murmelte sie leise in den Raum.
Dann griff sie erneut nach der Feder und diesmal blieb die Spitze nicht ungenutzt.
Minerva schrieb lange. Nicht hastig, nicht fahrig, sondern mit der kontrollierten Präzision einer Hexe, die gelernt hatte, dass Macht selten laut war.
Sie formulierte keine Anschuldigungen, noch nicht. Stattdessen hielt sie fest. Datum. Uhrzeit. Namen. Kleine Beobachtungen, die für sich genommen harmlos wirkten, in der Summe jedoch ein Muster ergaben. Featherstones spitze Bemerkungen im Unterricht. Seine auffällige Fixierung auf Hermine. Die Beschwerden der Schülerinnen und Schüler. Sein plötzliches Schweigen in den letzten Tagen.
Sie kannte diese Art von Männern. Sie warteten, bis sich jemand selbst verriet.
Ein Klopfen an der Tür ließ sie aufblicken. Kurz, sachlich.
„Herein.“
Die Tür öffnete sich und Pomona trat ein, eine Mappe unter dem Arm. Ihr Blick fiel sofort auf Minervas Gesicht und blieb einen Tick zu lange dort.
„Du arbeitest wieder zu intensiv“, stellte sie fest, mehr Beobachtung als Vorwurf.
Minerva zog eine Augenbraue hoch.
„Das ist Teil meiner Stellenbeschreibung.“
Pomona lächelte schief, trat näher und legte die Mappe auf den Schreibtisch.
„Was kann ich für dich tun Pomona?“
„Nun, eigentlich wollte ich mit dir über Neville sprechen.“
„Ist etwas passiert?“
„Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe hier ein Empfehlungsschreiben. Wir sollten einen Antrag beim Ministerium stellen. Er ist bereit für seine Prüfungen.“
„Das ist eine erfreuliche Nachricht.“
„Das finde ich auch. Wenn er seine Prüfung zum Halbjahr absolviert, dann…“
Pomona verstummte langsam. Minervas Blick ruhte auf der Mappe vor sich, die allerdings geschlossen blieb.
„Willst du mir vielleicht sagen was los ist?“
„Es ist alles in Ordnung. Ich… Ich werde mir dein Empfehlungsschreiben ansehen und den Antrag einreichen.“
„Und was stimmt nicht bei dir? Du warst nach dem Frühstück schon so seltsam und seltsamerweise hat mir Irina vorhin geraten, dass ich besonders aufmerksam sein sollte.“
Minerva hielt inne.
„Hat sie das?“, fragte sie ruhig.
Pomona nickte.
„Und sie hat diesen Blick gehabt. Den, der bedeutet: Da braut sich etwas zusammen.“
Minerva lehnte sich zurück.
„Dann habe ich sie wohl richtig verstanden.“
Einen Moment lang sagte keine von beiden etwas. Pomonas Blick wurde ernst.
„Geht es um Edmund?“
Minerva antwortete nicht sofort. Dann nickte sie knapp.
„Ja. Leider dreht sich zur Zeit beinahe alles um ihn.“
Pomona seufzte leise.
„Ich hatte gehofft, ich irre mich.“
„Ich auch“, sagte Minerva ehrlich.
Pomona verschränkte die Arme.
„Ich kenne dich Minerva. Du hast etwas vor.“
Ein schwaches Lächeln huschte über Minervas Gesicht.
„Ich werde ihn nicht frontal angreifen, falls du das dachtest.“
„Natürlich nicht“, erwiderte Pomona trocken. „Du wirst ihn dazu bringen, sich selbst zu erledigen.“
Minerva ließ ein kurzes, beinahe amüsiertes Schnauben hören.
„So etwas in der Art.“
Pomona nickte zufrieden und stand auf.
„Sein Fehler wird sein, dass er dich unterschätzt.“
„Oder dass er sich selbst überschätzt.“
Pomona grinste. Sie deutete auf die Mappe.
„Du denkst daran?“
„Natürlich. Es dürfte nichts dagegen sprechen. Ich mache den Antrag fertig und schicke ihn ab.“
„Danke.“
Als sie gegangen war, blieb Minerva noch einen Moment sitzen, dann stand sie auf und ging erneut zum Fenster. Der Himmel hatte sich zugezogen, graue Wolken schoben sich über die Türme von Hogwarts.
'Geduld', dachte sie. 'Nur noch etwas Geduld.'
Fast gleichzeitig spürte sie dieses vertraute Ziehen in der Brust. Dieses Wissen, dass Hermine irgendwo dort draußen war. Unterrichtend. Souverän. Stark. Und doch Teil dieser Gefahr.
Minerva drehte sich entschlossen um. Wenn Featherstone glaubte, er könne Zeit gegen sie verwenden, dann irrte er sich gewaltig.
Denn Minerva McGonagall wusste:
Zeit arbeitete für jene, die warten konnten.
Sie nahm wieder Platz und widmete sich Pomonas Mappe. Sie las das Schreiben und lächelte. Aus dem tollpatschigen Schüler war wirklich ein hervorragender Lehrer geworden. So fiel es Minerva sehr leicht den Prüfungsantrag zu schreiben. Als sie fertig war, steckte sie ihn samt Empfehlungsschreiben in einen Umschlag und schickte ihre Eule damit direkt ins Ministerium.
Wenig später öffnete sich die Tür zu Minervas Büro ohne jede Vorwarnung.
Minerva sah erschrocken auf, die Feder noch in der Hand und hatte im nächsten Moment keine Zeit mehr für Überraschung. Hermine war bereits bei ihr, hatte beide Hände an ihre Wangen gelegt und küsste sie, entschlossen, warm, so nah, dass Minerva für einen Herzschlag lang vergaß zu atmen.
Erst als Hermine sich löste, blieb Minerva reglos sitzen, einen Moment lang sichtbar aus dem Takt gebracht.
„Hermine Granger“, setzte sie an, dann brach sie ab, schloss kurz die Augen und atmete tief durch.
„Was…“, sie öffnete sie wieder, sah Hermine an, „was sollte das?“
Hermine lächelte ein wenig schief, fast entschuldigend, aber ihre Augen waren ernst.
„Ich musste dich sehen.“
Minerva musterte sie. Sah die gespannte Haltung, die Energie, die sich kaum bändigen ließ. Sie legte die Feder langsam beiseite.
„Hermine“, sagte sie leiser, „du kannst hier nicht einfach—“
„Ich weiß“, fiel Hermine ihr ins Wort. „Und es tut mir leid. Ein bisschen.“
Sie atmete einmal tief ein.
„Aber ich wusste, wenn ich noch länger warte, drehe ich durch.“
Minervas Miene wurde weicher, trotz aller Vorsicht.
„Ist etwas passiert?“
Hermine nickte.
„Irina hat bestätigt, was wir vermutet haben. Er hat die Fotos noch. Sie sind noch nicht beim Ministerium.“
Minerva schloss kurz die Augen, Erleichterung und neue Anspannung zugleich.
„Dann bleibt uns vielleicht noch etwas Zeit.“
„Das denke ich auch“, sagte Hermine leise.
Sie trat einen Schritt näher, diesmal ohne sie zu berühren.
„Ich wollte, dass du es weißt.“
Minerva sah sie lange an. Dann stand sie auf, hob langsam die Hand und legte sie an Hermines Wange – eine kleine Geste, vorsichtig, aber voller Bedeutung.
„Danke“, sagte sie ruhig. „Aber gerade deshalb müssen wir jetzt sehr klug sein.“
Ein leises Lächeln huschte über Hermines Gesicht.
„Klug“, wiederholte Hermine und ihre Stimme wurde wärmer, „und mutig.“
Für einen Moment standen sie so da, nah genug, dass die Spannung zwischen ihnen greifbar war, fern genug, um die Fassade zu wahren. Dann löste Minerva ihre Hand.
„Geh zum Mittagessen“, sagte sie sanft, aber bestimmt. „Bevor jemand Fragen stellt.“
Hermine nickte, trat einen Schritt zurück. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Minerva?“
„Ja?“
„Ich bereue den Kuss nicht.“
Minerva lächelte.
„Ich auch nicht.“
Hermine war schon halb durch die Tür, als sie noch einmal innehielt. Dann drehte sie sich um – mit diesem ganz bestimmten Grinsen, das Minerva inzwischen nur zu gut kannte.
„Was ist denn noch?“, fragte Minerva, bemüht streng, aber ihre Augen verrieten bereits Neugier.
Hermine trat einen Schritt zurück ins Büro.
„Ich hab da noch eine Frage.“
Minerva verschränkte die Arme.
„Ich ahne Schlimmes.“
„Ach was.“ Hermine grinste breiter. „Ganz einfach eigentlich.“
Sie neigte leicht den Kopf.
„Liebst du mich?“
Für einen Herzschlag herrschte Stille. Dann lachte Minerva auf – leise, warm, ehrlich überrascht.
„Merlin, Hermine“, sagte sie kopfschüttelnd, „was ist das denn für eine Frage?“
Hermine zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Eine sehr einfache.“
Minerva trat vom Schreibtisch weg auf sie zu, ihr Blick weich, beinahe zärtlich belustigt.
„Natürlich liebe ich dich“, sagte sie ruhig, ohne Zögern, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Hermine atmete hörbar aus.
„Gut.“
Sie lächelte, diesmal ohne Übermut, offen und ehrlich.
„Denn ich liebe dich auch.“
Minerva hielt einen Moment inne, als müsse sie diese Worte erst ganz aufnehmen. Dann hob sie die Hand, zog Hermine sanft zu sich und küsste sie – nicht stürmisch, nicht hastig, sondern ruhig, tief, voller Gewissheit.
Als sie sich lösten, lehnte Minerva kurz ihre Stirn an Hermines.
„Jetzt geh“, murmelte sie, „bevor ich vergesse, dass wir hier arbeiten sollten.“
Hermine lachte leise.
„Wie du befiehlst, Schulleiterin.“
Mit einem letzten verschmitzten Blick verschwand sie schließlich und Minerva blieb zurück, das Herz deutlich leichter als noch vor wenigen Minuten.